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AUGENBLICKE – eine Kurzgeschichte von Martin Ott

AUGENBLICKE

eine Kurzgeschichte

von

Martin Ott

Am Ufer eines Teiches befinde ich mich in der Hocke, an demselben Punkt, an dem ich in der letzten Zeit immer häufiger angekommen bin. Der Platz scheint reserviert, scheint auf mich zu warten.

Die Gedanken gleiten über das Wasser und tauchen hinein. Hinein unter die Oberfläche zu den Augen des Spiegelbildes.

Schaue ich anderen Menschen in die Augen, erhalte ich ein tief gehendes Bild von ihnen. Doch manchem kann ich nur bis eine Handbreit vor die Augen blicken. Dann stoße ich auf eine unsichtbare Wand und dahinter ist Nichts. Totale Leere. Als ob mein Gegenüber gar nicht da wäre.

Wellen ziehen vorüber.

Auch in mir spüre ich eine Leere, wieder und wieder. Etwas fehlt in mir, ohne dass ich es genauer fassen könnte. Erst in der letzten Zeit scheint dieses Etwas eine Form anzunehmen und auch zeitlich näher zu kommen. Wenn ich nur dahinter käme, was es ist. So sehr ich auch suche, wieder und wieder gelange ich an diesen Punkt. Alleine komme ich hier nicht weiter.

Diesmal aber nickt das Spiegelbild mir zu und ich höre eine Stimme. »Weiter vorne im Park ist eine Nachricht!«

Mein Blick steigt auf, vom Wasser zum nahe gelegenen Weg, und trifft eine hochgewachsene Gestalt. Im Gegenlicht der Mittagssonne ist sie nur schemenhaft zu erkennen. Sie hebt langsam den Arm und deutet in Richtung des Weges. »Dort!«

Der Hinweis fühlt sich natürlich an. Aber wer ist diese Gestalt? Gebannt schaue ich ihr nach, wie sie blasser werdend davon wandelt. Ich wage nicht hinterher zu rufen, aber ihr Name erscheint in meinen Gedanken. Sie hat mich seit meiner Geburt begleitet und geht nun zu einem anderen.

Ich erhebe mich, nehme meinen Rucksack und gehe langsam in Richtung »Dort«.

Der Park ist nahezu leer. Der Weg führt weg vom Teich durch Anlagen und Wiesen zu einem Wäldchen. Ich gehe hinein, und erreiche eine Lichtung mit einem Pavillon.

Es ist gleich, in welcher Richtung ich gegangen wäre. Alle Wege führten mich hier her, geht mir durch den Sinn. Menschen jeden Alters gehen umher oder sitzen auf Bänken und halten Picknick. Gelegentlich kommen Paare aus dem Gebäude.

Interessiert betrete ich den Pavillon und sehe eine lange Wand mit beschriebenen Zetteln. Ich trete heran, doch ich kann nichts lesen.

Eine Frau nähert sich und wünscht mir einen Guten Tag.

Ich grüße zurück.

Sie ist einen halben Kopf kleiner als ich. Ihre Haare sind bräunlich und wellig. Ich habe sie noch nie gesehen.

Die Frau deutet auf einen Zettel an der Wand. Ich kann immer noch nichts lesen. Doch jetzt spüre ich jenes Etwas, das in mir fehlt, zum Greifen nahe. Ich fühle, dass ich angekommen bin, am richtigen Punkt in Raum und Zeit. Werde ich von hier tatsächlich weiterkommen?

»Diese Nachricht,« sagt sie, »haben wir beide in unserem früheren Leben hier aufgehängt.«

Langsam erinnere ich mich: Ja, ich hatte mich verabredet.

Ich schaue der Frau in die Augen, hinter die Augen, und kann dort lesen wie in einem Buch.

Wir wollten uns in diesem Leben wieder treffen, denn wir gehören zusammen. Immer.

Zaghaft umarmen sich unsere unbekannten Körper. Wir würden noch viel Zeit haben uns wieder kennenzulernen.

Hand in Hand begeben wir uns hinaus zu einer Bank. Wir öffnen die Rucksäcke und teilen unser Picknick. Danach legen wir uns in der Nähe auf eine Wiese, sie in meinem Arm, und wir träumen in der Sonne.

Irgendwann schmerzte der Arm. Ich blinzelte, aber die Sonne war wohl schon untergegangen. Ich versuchte, den Arm zwischen meiner Frau und der warmen Matratze herauszuziehen. Meine Frau?

Es dämmerte.

Der Wecker zeigte 6 Uhr früh und würde gleich klingeln. Ich blickte auf meine Frau, mit ihren hellen glatten Haaren und hielt sie etwas fester. Wer war die andere in dem Traum? Ich hatte sie tatsächlich noch nie gesehen. Meinen Arm ließ ich, wo er war – ließ ihr noch die letzten 10 Minuten Schlaf. Wir hatten vor zwei Jahren geheiratet. Und ich glaube, nein, jetzt endlich weiß ich warum.

In dem Augenblick, in dem ich meine Frau das erste Mal sah, fühlte ich mich – vollständig.

Beim Frühstück bat ich sie, am Abend mit mir in den Park zu fahren, an dessen Neugestaltung sie im vergangenen Jahr maßgeblich mitgewirkt hatte.

Unsere Augen trafen sich. Ihr Blick war süßsauer. »Wieso interessierst du dich für meine Arbeit? Hast Du schlecht geschlafen?«

»Lass uns gemeinsam einen Zettel aufhängen,«, sagte ich, »auf dem wir uns für das nächste Leben verabreden. Dort!«

Ihr Blick hellte sich auf. Sie schaute tiefer in meine Augen. Dahinter. Und dann sagte sie »Das ist das erste Mal, dass Du mir sagst, dass Du mich liebst.«

– Ende –

© Martin Ott, 2011, öffentliche Lesung „Lange Lohmarer Lesenacht“ im Juni 2011.

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

„Augenblicke“ ist erhältlich im eBook:

Bibliotheca Forticana – Kurzgeschichten

von Martin Ott

Phantastik – Romantik – Horror

Inhalt:
Mein Abend mit David Martín
Erntezeit
Die Granate
Augenblicke

Privatedition im August 2012, 1. Ausgabe
bei www.forticus.de
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Updated: 27. März 2016 — 11:49

16 Comments

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  1. Martin:

    Folgende beiden Vorschläge habe ich rausgesucht. Sag kurz bescheid, welches du möchtest, dann baue ich es dir ein!

    Krien, Daniela
    Irgendwann werden wir uns alles erzählen

    Seven Deers, Sanna
    Das Windlied des Bären

  2. Martin, ist denn in dem e-book noch mehr von dir drin? Dann mach doch deine Erklärung einfach als Bestellink im externen Fenser auf, bekommst du das hin, wenn nicht kann ich dir auch helfen?

  3. Martin, habe die Geschichte gelesen und finde sie gut. Mich würde interessieren ob du sie in eine Anthologie gestellt haben möchtest. Passen würde entweder: „TRÄUME UND VISIONEN“, „ZEITLINIEN“ „BESINNLICHE MOMENTE“ oder „ROMANTISCHE LIEBESGESCHICHTEN“.

    Was meinst du?

  4. Detlef,
    vielen Dank für Deine Vorschläge.
    Habe ein paar online-Rezensionen überflogen. Krien geht so was von gar nicht. Seven Deers scheint interessant aber ich sehe (noch) keine inhaltliche Verbindung (würde mich freuen). Vielleicht hat übers Wochenende noch ein anderes Community-Mitglied eine Idee?

    Die drei anderen Geschichten in dem ebook sind von mir. Ich habe das oben editiert und der Link funzt auch.

    Gleich vier Anthos zur Auswahl. Mei o Mai! Hab schon befürchtet, da muß ich jetzt 4 Wochen überlegen. Aber es ist eindeutig „BESINNLICHE MOMENTE“, um Längen vor den anderen. Und Martina hatte ja auch nach einem Beitrag von mir gefragt. 😉

  5. Wenn in dem ebook mehrere Storys von dir sind, dann kanst du ja auch das ebook als Buchtipp mit Cover eintragen. Bekommst du das hin?

    Welche Storys von dir sollen jetzt in welche Anthologie?

  6. Christa Kuczinski

    Mir gefällt die Geschichte sehr gut*
    Vielleicht sollten wir Menschen mal in der Hektik des Alltags innehalten, damit wir spüren was uns tatsächlich wichtig ist im Leben.
    Die Natur kann dabei durchaus hilfreich sein…
    Martin, herzlichen Glückwunsch zum ebook 😉

  7. Habe das Cover mal etwas vergrößert, mit einem Rahmen versehen und verlinkt mit forticus.de

    Hoffe, das ist ok so, Martin?

    Ich frage jetzt mal Martina, ob sie meint, dass der Titel in ihre Anthologie passen würde.

  8. Schöne Geschichte, wenn auch am Anfang nicht ganz verständlich. Ich hatte überlegt, ob es sich um jemanden handelt, der an Amnesie leidet. Aber Du kommst ja rasch auf den Punkt. Gut aufgelöst.

  9. 6, 7, 8: danke, danke und danke

    Amnesie? Interessanter (und neuer) Gedanke und am Text nachvollziehbar.

  10. Martin

    Das könnte ich mir vorstellen. Soll ich sie verlinken?

  11. Detlef,
    sehe gerade, dass mein ebook seit Installieren als Buchtipp sehr deutlich häufiger runtergeladen worden ist, als in den zwei Monaten davor (online seit Mitte August). Danke für die Plattform und eine angenehme Woche!

  12. Dann scheint der Bazar ja gut besucht?

  13. Das zu komentieren, dazu fehlt mir offensichtlich ein gewisser Hang zum Mainstream.

  14. Sehr gute Antwort. Herr Ott hat sein Schreiben aber offenbar einstweilig an den Nagel gehängt, wenn ich ihn beim letzten Telefonat richtig verstanden habe …

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