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AUGENBLICK DER STILLE – Kurzgeschichte von Rüdiger Heins

AUGENBLICK DER STILLE

Kurzgeschichte

von

Rüdiger Heins

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Am Morgen des achten September 1903 findet in Mainz die Hinrichtung des achtzehnjährigen Anton Detrois statt. Gegen sieben Uhr wird sie im Keller des Gefängnisses vollstreckt.

In Mainz wurde seit einigen Jahren keine Hinrichtung mehr vollzogen. Der alte Kurfürst ließ keinen mehr Köpfen. Er wollte nicht, dass in seinem Namen Blut vergossen wurde. Das Handwerk des Henkes war in der Mainzer Domstadt ausgestorben. Deswegen gab es auch niemanden mehr, der sich mit der Handhabung der Guillotine auskannte. Aus dem sächsischen Hohenlinde musste aus diesem Grund ein Scharfrichter namens Brandt angefordert werden. Der kam in aller Eile mit einer zweispännigen Kutsche angereist. Nur wenige Minuten vor der Hinrichtung erreichte er das Mainzer Gefängnis.

Scharfrichter Brandt besaß Erfahrung im Hinrichten von Menschen. Dabei merkte man ihm diese Tätigkeit gar nicht an. In seinem bürgerlichen Leben war er Metzgermeister.

Das Geld für seine Fleischerei, die er sich wenige Jahre zuvor von seinem Vorgänger für zweitausend Reichsmark erworben hatte, verdiente er sich als Scharfrichter.

Niemand, außer seiner Frau, kannte diesen Nebenerwerb. Brandt behielt dieses Geheimnis für sich, weil er wusste, dass man ihn meiden würde, wenn sie erfahren würden, dass er mit der Guillotine Menschen ins Jenseits beförderte.

Er wurde von den Mitbürgern seiner Stadt geachtet. Da gab es niemanden der ihn nicht grüßte. Freundlich grüßte auch er zurück. Bei den armen Schluckern, den Tagelöhnern und den Trunkenbolden ging er ohne einen Gruß vorbei. Andererseits konnte es vorkommen, dass Brandt ihnen ein Goldstück in die Hand legte, weil er gerade aus dem Zuchthaus kam, in dem er zuvor das Fallbeil auf einen jener armen Schlucker fallen ließ.

Den ein oder anderen Delinquenten kannte Brandt persönlich von zufälligen Begegnungen auf dem Marktplatz oder in einem der Gasthäuser. Sicher hätten auch sie ihn in der Stunde ihres Todes wiedererkannt wäre da nicht die Ledermütze gewesen die er, um seine Identität zu schützen, stets bei einer Hinrichtung zu tragen pflegte.

Die „reichen Leute“ von Hohenlinde waren Kunden in seiner Fleischerei. Nicht so der Herr Gerichtspräsident: Er wies sein Personal an, die Brandtsche Fleischerei zu meiden. Der Gerichtspräsident begründete seine Anordnung damit, dass ihm das Fleisch in der “Brandtschen Metzgerei“ zu fett sei.

Von einem Gerichtsdiener wurde er in die Gewölbe des Kellers geführt. Am Ende eines langen Ganges zeigte man ihm den fensterlosen Hinrichtungsraum dessen Wände weiß gekalkt waren. Es roch noch nach dem frischem Kalk. Die Guillotine baute sich bedrohlich in der Mitte des Raumes auf. An der Decke hing eine Petroleumlampe, deren Licht nicht ausgereicht hätte, den Raum zu beleuchten. Deswegen hingen links und rechts der Guillotine zwei weitere Lampen.

Ihm blieb nur noch die Zeit, sich von der Schärfe der Schneide zu überzeugen. Das Eisen blinkte im Schein der Lampen. Ein gutes Zeichen, dachte er. Das Seil schien fest genug zu sein. Die Rollen über die sich das Seil, angetrieben durch das Gewicht des Beiles nach unten zu fallen hatte, liefen nur sehr schwerfällig. Zehn Jahre waren seit der letzten Hinrichtung vergangen, erzählte ihm ein Gerichtsdiener.

Brandt wies die Gehilfen an die Lager der Rollen zu ölen, damit sie schneller laufen konnten.

Eine Leiter wurde an die Guillotine gestellt. Ein Gehilfe ölte sorgfältig die kleinen Laufräder ein. Brandt bewegte sonach mit Hilfe des Seiles die kleinen Rädchen hin und her. Das Quietschen wich einem sanften Rauschen.

An der Stelle, wo der Hals von Detrois liegen würde, hatte einer der Gehilfen eine Zuckerrübe hingelegt. Brandt nahm das Seil in die Hand und spürte in seinen Händen den Druck des Gewichtes. Er atmete tief ein und ließ das Seil durch seine Hände gleiten. Problemlos bewegte sich die Schneide ihrem Ziel entgegen. Mit einem sanften surren durchtrennte sie die Zuckerrübe. Brandt schritt heran und überzeugte sich von dem sauberen Schnitt. Erst nach dieser Prüfung gab er die Guillotine frei.

Brandt ging jetzt in einen kleinen Nebenraum. Nachdem er ein Gebet gesprochen hatte, wusch er sich in einem hölzernen Waschbottich die Hände mit einem Stück Kernseife, das er sich eigens für diesen Zweck mit auf die Reise genommen hatte.

Brandt sah den Delinquenten erst kurz vor dessen Hinrichtung. Detrois war jünger als er erwartet hatte. Viel zu jung für einen, den er köpfen musste. Noch nie in seiner Laufbahn war es vorgekommen, dass er einen derart jungen Mann hinzurichten hatte. Für einen kurzen Augenblick zögerte er, diesen Auftrag zu verrichten. Doch dann dachte er wieder an das Geld und an seinen Ruf. Schließlich hatte nicht er das Urteil gesprochen. Seine Aufgabe bestand nur darin, dieses auszuführen.

Schleppend betrat der Delinquent den Hinrichtungsraum. Dieser junge Mann war einem Häufchen Elend gleich. Man hatte Detrois die Hände auf dem Rücken mit einem Kälberstrick zusammengebunden. Er sah blass aus. Seine Augen blickten wirr im Raum hin und her, was den Eindruck erweckte, dass er keine klaren Gedanken mehr fassen könne.

Ein Richter, der sich vor Detrois in stattlicher Größe aufbaute, verkündete das Urteil. Sterotyp verlass er den Text. Er blickte dem Delinquenten dabei nicht in die Augen. Detrois bewegte seinen Kopf hin und her, so, als ob er das nicht hören wollte, was er hören musste. Nach der Urteilsverkündung schloss der Richter seinen Aktenordner und gab dem Pfarrer mit einem Kopfnicken ein Zeichen.

Detrois schien von all dem nichts mehr mitzubekommen. Zwei Wärter mussten ihn stützen, damit er nicht in sich zusammenfiel. Er urinierte, kurz bevor der Pfarrer ihm die letzte Ölung gab, in seine Hose. Unter seinen Füßen bildete sich eine Lache. Es roch nach Schweiß und Urin. Anton Detrois heulte, er zerrte an seinen Fesseln, er schrie. Der Pfarrer sprach ein letzes Gebet, ölte die Stirn Detrois und verabschiedete sich mit einem Segen von ihm. Detrois wurde apathisch. Er ließ sich widerstandslos zur Guillotine führen. Sie legten ihn bäuchlings auf eine Art Liege und banden ihn mit Lederriemen fest. Nun schoben sie ihn mit der Liege ein Stück unter das Fallmesser und legten eine hölzerne Manschette um seinen Hals, damit er sich nicht mehr bewegen konnte.

Die Schafrichtergehilfen hatten in der Aufregung versäumt, den Hemdkragen Detrois abzutrennen. So kam es, dass Brandt das Fallbeil gleich zweimal auf den Raubmörder fallen lassen musste, um den Kopf vom Rumpf zu trennen. Beim ersten Fall des Beiles verfing sich die Schneide im Rockkragen des Delinquenten. Sie blieb mitten im Halse des jungen Mannes stecken. Detrois gab keinen Laut von sich. Seine Augen vertreten sich ins Weiß. Die Lippen zuckten. Blut schoss aus seinem Hals und überströmte sein Gesicht.

Brandt, der sofort die Situation erkannte, zog in der gebotenen Eile das Fallbeil bis zum Anschlag in die Höhe zurück, um es im gleichen Augenblick wieder hinunter surren zu lassen.

Anton Detrois verdreht noch einmal kurz die Augen, schien aber die Kontrolle über sie verloren zu haben. Sein Kopf plumpste in einen mit Sägemehl gefüllten Korb. Aus dem Rumpf spritzte Blut und verteilte sich auf dem Boden. Nachdem der Restkörper völlig ausgeblutet war, lösten die Scharfrichtergehilfen die Lederriemen, packten den Rumpf an Armen und Beinen und legten ihn in eine notdürftig zusammen gezimmerte Bretterkiste. Den Kopf legten sie dem Leichnam zwischen die Beine.

ENDE

Copyright © Text 2016 by Rüdiger Heins / Eingangsbild: Historische Fotographie um 1930

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Heins, Rüdiger
Urstrom: Vier Theaterstücke vom Jenseits ins Diesseits

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Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.10.2012
Seiten/Umfang :      145 S. – 21,0 x 13,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 09.2012
Gewicht :      200 g
4 Theaterstücke:

“Gilgamesch und Enkidu”
“Fee: Ich bin ein Strassenkind”
“Vision der Liebe” (Hildegard von Bingen)
“Allahs heilige Töchter”

„Die vier Theaterstücke von Rüdiger Heins gelten Menschen am Rande der Gesellschaft, seien dies nun Frauen aus einer islamischen Kultur, Strassenkinder, Tyrannen einer längst vergangenen Epoche oder gar Mystikerinnen, wie eine Hildegard von Bingen. Immer geht es dabei letztlich um die Vision einer menschlicheren Welt. Der Autor spielt virtuos mit den verschiedensten szenischen Formen: vom lyrischen Drama über das epische Theater und das Dokumentarstück bis hin zum postdramatischen Theater unserer Tage, in dem Musik und Tanz gleichrangig neben den Text treten. Das ist bestes postmodernes Theater, wie wir es so nur noch von Christoph Marthaler her kennen.“ Prof. Dr. Mario Andreotti, Dozent für neuere deutsche Literatur und Sachbuchautor.

„Das alles erzählt Rüdiger Heins in seinem Stück ganz unaufgeregt. Das sich andere aufregen könnten, nimmt er in Kauf. Mutig, zumal sein intelligentes Stück nun zufällig in eine heiße Debatte geraten ist, um Äußerungen Thilo Sarrazins  zur Integrationspolitik.  Susanne Böhme, SWR 2

Rüdiger Heins bringt Brennpunkthemen auf die Bühne, wie sonst nur wenige. Deswegen schätze ich seine künstlerische Arbeitsweise sehr. Außerdem besitzt er den Mut, den man für diese Arbeit braucht! Die Themen, die er aufgreift, beschäftigen mich auch. Der Unterschied besteht darin, dass er die Empathie hat, aus sozialen Themen literarische Kulissen zu bauen. Das bewundere ich an ihm. Günter Wallraff, Köln

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