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ARTIKEL 5 – Leseprobe (Teil 2) aus dem gleichnamigen Roman von Kristen Simmons

ARTIKEL 5

Leseprobe (Teil 2)

aus dem gleichnamigen Roman

von Kristen Simmons

Wer nach Einbruch der Dämmerung sein Haus verlässt, Bücher liest oder uneheliche Kinder zeugt, wird im Amerika der Zukunft hart bestraft. Denn die sog. Moralmiliz entmündigt mit ihren totalitären Artikeln die Bürger der Vereinigten Staaten. Ember ist eines der unzähligen Opfer jener neuen Gesetze und muss für ihre Freiheit kämpfen …

Meine Mutter, die angesichts meiner Miene mitfühlend lächelte, tätschelte meinen Kopf und bot uns an, heiße Schokolade zu machen. Nach ein paar frustrierenden Minuten folgte ich ihr in die Küche. Sie hatte vergessen, ihren Ficus zu gießen, der nun jämmerlich die Blätter hängen ließ. Ich füllte in der Spüle ein Glas mit Wasser und schüttete es in den Topf.

»Schlimmer Tag?«, fragte sie und löffelte Kakaopulver aus einer blauen Dose mit dem Bild eines Sonnenaufgangs auf der Vorderseite in vier Becher. Die Lebensmittelmarke Horizons gehörte der Regierung und war alles, was unsere Zuteilungen hergaben.

Ich lehnte mich an den Küchentisch und scharrte mit dem Absatz auf dem Boden. Noch immer dachte ich über die beiden neuen Entführten und die Schmuggelware nach. Und über das leere Haus nebenan.

»Mir geht’s gut«, log ich. Ich wollte meine Mutter nicht ängstigen, indem ich ihr von Mary Irgendwas erzählte, und ich wollte sie auch nicht wegen des Buchs ermahnen. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn ich sie mit den Regeln nervte. Manchmal war sie eben doch ein wenig dünnhäutig.

»Wie war die Arbeit?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln. Die Suppenküche bezahlte sie nicht, trotzdem nannten wir es Arbeit, das half ihr, sich besser zu fühlen.

Meine kaum zu übersehende Vermeidungsstrategie war ihr natürlich aufgefallen, aber sie ging darüber hinweg und fing an, mir eine lange Geschichte über Misty Irgendwas zu erzählen, die Kelly Irgendwas’ Freund aus der Highschool gedatet hatte, und … Ich machte mir nicht die Mühe, ihrem Redeschwall zu folgen. Ich nickte nur, und bald lächelte ich. Ihre Begeisterung war ansteckend. Als der Wasserkessel zu pfeifen begann, fühlte ich mich schon viel besser.

Sie griff gerade nach den Bechern, als jemand an die Haustür klopfte. In der Annahme, dass es vermutlich Mrs Crowley von gegenüber war, die wie an jedem anderen Tag meine Mutter besuchen wollte, ging ich hin, um zu öffnen.

»Ember, warte …« Die Furcht in Beth’ Stimme veranlasste mich, innezuhalten und mich zum Wohnzimmer umzudrehen. Sie kniete auf der Couch, eine Hand am Vorhang, und jegliche Farbe war aus ihrem sowieso schon recht blassen Gesicht gewichen.

Aber es war zu spät. Meine Mom war an mir vorbeigegangen und hatte die Tür schon entriegelt und geöffnet.

Zwei Soldaten der Moralmiliz standen auf den Stufen.

Sie waren in voller Uniform gekommen: marineblaue Splitterschutzweste mit großen Holzknöpfen, passende Hose, die sich über den glänzenden Stiefeln bauschte. Das bekannteste Hoheitszeichen im ganzen Land, die amerikanische Flagge, die über einem Kreuz flatterte, prangte auf ihren Brusttaschen, gleich über den Buchstaben FBR. Jeder von ihnen hatte einen schwarzen Schlagstock, der zur Standardausrüstung zählte, ein Funkgerät und eine Schusswaffe am Gürtel.

Einer der Soldaten hatte kurzes, braunes Haar, das an den Schläfen bereits grau wurde, und Fältchen an den Mundwinkeln, die ihn viel zu alt erscheinen ließen. Sein hagerer Kollege zupfte ungeduldig an seinem hellbraunen Schnurrbart.

Enttäuscht ließ ich die Schultern hängen. Irgendwo in meinem Hinterkopf hatte ich gehofft, er wäre einer von ihnen, ein flüchtiger Augenblick der Schwäche, die mich stets beim Anblick einer Uniform befiel und für die ich mich am liebsten selbst getreten hätte.

»Ms Lori Whittman?«, fragte der ältere Soldat, ohne ihr in die Augen zu sehen.

»Ja«, antwortete meine Mutter zögerlich.

»Ich brauche Ihren Ausweis.« Er machte sich nicht die Mühe, sich vorzustellen, aber auf seinem Namensschild stand BATEMAN. Der andere hieß CONNER.

»Gibt es ein Problem?« Ein Hauch von Verachtung war in Moms Ton, und ich hoffte, dass sie ihn nicht wahrnehmen würden. Beth trat hinter mich, und ich fühlte, dass Ryan neben ihr war.

»Zeigen Sie mir einfach Ihren Ausweis, Ma’am«, sagte Bateman gereizt.

Meine Mutter kehrte in den Raum zurück, ohne die beiden hereinzubitten. Ich verstellte ihnen den Weg und gab mir Mühe, nicht so klein auszusehen, wie ich mich fühlte. Ich durfte nicht zulassen, dass sie unser Haus durchsuchten; wir hatten zu viel Schmuggelware hier, um einer Vorladung zu entgehen. Wir hatten nicht mit einer Inspektion gerechnet, schließlich hatte erst letzten Monat eine stattgefunden, und deshalb lag alles offen herum.

Ich neigte den Kopf kaum merklich in Beth’ Richtung; sie schlich zurück zur Couch und schob den Liebesroman, den meine Mutter gelesen hatte, unter die Kissen. In meinem Kopf rasten die Gedanken weiter zu anderen Dingen aus Moms Besitz: weitere unangemessene Romane, alte Zeitschriften aus der Zeit vor dem Krieg, ein Maniküre-Set. Außerdem hatte ich gehört, mein Lieblingsbuch, Mary Shelleys Frankenstein, hätte es inzwischen auch auf die Liste geschafft. Es lag ganz oben auf meinem Nachttisch.

Ein Feuer entzündete sich in meinem Brustkorb wie die Flamme eines Streichholzes. Und dann konnte ich mein Herz an meinen Rippen schlagen hören. Ich erschrak. Es war lange her, seit ich dieses Gefühl das letzte Mal so bewusst wahrgenommen hatte.

Bateman versuchte, an mir vorbeizublicken, aber ich versperrte ihm die Sicht. Abschätzig zog er eine Braue hoch. Während des letzten Jahres hatte sich die Präsenz der MM in Louisville – und in allen übrigen US-Städten – verzehnfacht. Anscheinend hatten sie nicht genug zu tun; Bürger zu schikanieren genoss offenbar besonders hohe Priorität. Ich unterdrückte meinen Groll, obwohl mein Blut zu kochen anfing, und bemühte mich um Fassung. Es war nicht gerade klug, der MM gegenüber unhöflich aufzutreten.

Auf der Straße standen zwei Wagen, ein blauer Van und ein kleineres Auto, das aussah wie ein alter Streifenwagen. Auf den Seiten beider Fahrzeuge prangte das FBR-Emblem. Das Motto darunter musste ich nicht lesen, um zu wissen, was es besagte: Ein Heiles Land, Eine Heile Familie. Diese Worte versetzten mir stets einen kleinen Stich – denn sie vermittelten ein Gefühl der Unzulänglichkeit, als wäre meine kleine Zwei-Personen-Familie nicht heil genug.

Jemand saß auf dem Fahrersitz des Vans, und ein anderer Soldat stand auf dem Bürgersteig vor unserem Haus. Während ich hinausschaute, wurde die hintere Tür des Vans geöffnet, und zwei weitere Soldaten hüpften hinaus auf die Straße.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Das waren eindeutig viel zu viele Soldaten, um uns eine Geldstrafe wegen eines Verstoßes gegen ein Statut aufzuerlegen.

Meine Mutter kehrte zur Tür zurück und wühlte dabei in ihrer Handtasche. Ihr Gesicht war gerötet. Ich baute mich Schulter an Schulter zu ihr auf und zwang mich, ruhig zu atmen.

Endlich fand sie ihre Brieftasche und zog den Ausweis hervor. Bateman kontrollierte ihn rasch, ehe er ihn in seine Hemdtasche steckte. Conner hielt ein Stück Papier hoch, das mir zuvor nicht aufgefallen war, zog die Schutzfolie ab und klatschte es an unsere Haustür.

Die Moralstatuten.

»Hey«, hörte ich mich sagen. »Was tun Sie …«

»Lori Whittman, Sie stehen wegen Verstoßes gegen die überarbeitete Fassung von Paragraph 2, Artikel 5, Teil A der Moralstatuten betreffs der Zeugung außerehelicher Kinder unter Arrest.«

»Arrest?« Moms Stimme stockte. »Was meinen Sie damit?«

Im Geiste ging ich hastig die Gerüchte durch, die mir über Leute zu Ohren gekommen waren, die wegen eines Verstoßes gegen die Statuten ins Gefängnis gesteckt wurden – und ich erkannte mit einem Gefühl puren Grauens, dass es sich dabei gar nicht um Gerüchte gehandelt hatte. Dies war die unendliche Wiederaufführung der Katelyn-Meadows-Geschichte.

»Artikel 5?«, platzte Ryan hinter uns heraus. »Inwiefern ist der auf die beiden anwendbar?«

»Die aktuelle Version wurde am vierundzwanzigsten Februar überarbeitet. Sie schließt alle Kinder unter achtzehn Jahren ein.«

»Am vierundzwanzigsten Februar? Aber das war erst am Montag!«, protestierte Beth in scharfem Ton.

Conner streckte den Arm über unsere Schwelle aus, packte meine Mutter an der Schulter und versuchte, sie zu sich zu zerren. Instinktiv wickelte ich beide Hände um seinen Unterarm.

»Loslassen, Miss«, blaffte er nur. Zum ersten Mal sah er mich an, und mir fiel auf, wie seltsam seine Augen waren, so als würden sie meine Anwesenheit gar nicht erfassen. Ich lockerte meinen Griff, ließ seinen Arm aber nicht los.

»Was meinen Sie mit ›Arrest‹?« Meine Mutter versuchte immer noch, das Geschehen zu verarbeiten.

»Das ist wohl ziemlich offensichtlich, Ms Whittman.« Batemans Ton klang herablassend. »Sie haben sich der Nichteinhaltung der Moralstatuten schuldig gemacht und werden nun von einem Senior Officer des Federal Bureau of Reformation verurteilt.«

Ich kämpfte gegen Conners festen Griff um Moms Schulter. Er zog uns beide hinaus ins Freie. Ich bat ihn aufzuhören, aber er beachtete mich gar nicht. Dann packte Bateman die andere Schulter meiner Mutter und zerrte sie die Stufen hinunter. Conner ließ für einen Moment ihren Arm los, um mich zur Seite zu stoßen, woraufhin ich mit einem Aufschrei stürzte. Das Gras war kalt und feucht, durchnässte meinen Rock an der Hüfte, aber in meinem Gesicht und meinem Hals brannte das Blut. Beth hastete zu mir.

»Was ist hier los?«, rief eine Stimme.

Ich blickte auf und sah Mrs Crowley, unsere Nachbarin, die eine Jogginghose trug und sich in einen Schal gewickelt hatte. »Lori! Ist alles in Ordnung, Lori? Ember!«

Ich sprang auf. Meine Augen schossen zu dem Soldaten, der auf der Straße gewartet hatte. Er hatte einen athletischen Körperbau und gegeltes, blondes Haar mit einem säuberlichen Seitenscheitel. Seine Zunge glitt hinter geschürzten Lippen über seine Zähne, ein Anblick, der mich daran erinnerte, wie Sand verrutschte, wenn eine Schlange unter ihm dahinkroch.

Er kam direkt auf mich zu. (…)

Copyright (C) 2013 by Kristen Simmons. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Pieper Verlages
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Bildrechte: Cover-Apokalypsen.jpg © 2013 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, kann über die beigefügten Bestellinks oder mit Klick auf das Buchcover den Titel bestellen!

Simmons, Kristen
Artikel 5

Roman

Übersetzt von Meier, Frauke
Verlag :      Piper
ISBN :      978-3-492-70286-7
Einband :      gebunden
Preisinfo :      16,99 Eur[D] / 17,50 Eur[A] / 24,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.04.2013
Seiten/Umfang :      ca. 432 S.
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      16.04.2013

Wer nach Einbruch der Dämmerung sein Haus verlässt, Bücher liest oder uneheliche Kinder zeugt, wird im Amerika der Zukunft hart bestraft. Denn die sog. Moralmiliz entmündigt mit ihren totalitären Artikeln die Bürger der Vereinigten Staaten. Ember ist eines der unzähligen Opfer jener neuen Gesetze und muss für ihre Freiheit kämpfen …

Religiöser Fanatismus hält Einzug in die Vereinigten Staaten: Wer gegen ihre strengen Statuten der Moralmiliz verstößt, dem stehen öffentliche Demütigung, Haft und sogar der Tod bevor. Die 17-jährige Ember lebt mit ihrer Mutter allein und versteckt. Doch trotz aller Schutzmaßnahmen wird ihre Mutter verhaftet. Sie hat gegen Artikel 5 der Moralstatuten verstoßen, weil sie nicht mit Embers Vater verheiratet war.

Ember wird in einer Besserungsanstalt für Mädchen gebracht und lernt dort Hass, Gewalt und fanatische Moralisten kennen. Sie weiß, sie muss ihre Mutter retten, koste es was es wolle … und dazu braucht sie Hilfe des Mannes, der ihre Mutter verhaftet hat: Embers große Liebe, Chase.

Kristen Simmons lebt in Tampa, Florida. Sie studierte Psychologie und Sozialarbeit an der University of Nevada und arbeitet heute als Psychotherapeutin mit Traumapatienten und Missbrauchsopfern. Weil sie süchtig nach Schokolade ist, betätigt sie sich zum Ausgleich als Jazzercise-Lehrerin. »Artikel 5« ist Kristen Simmons erster Roman.

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Updated: 2. Dezember 2013 — 21:27

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