sfbasar.de

Literatur-Blog

AM ENDE STEHT DAS WORT – Eine Kurzgeschichte von Margret Schwekendiek

AM ENDE STEHT DAS WORT

Eine Kurzgeschichte

von

Margret Schwekendiek

11 Uhr Vormittag, Treffpunkt Literaten-Ghetto
Anwesend sind der Reporter der Com-Central-Cableworks (CCC), Jason Low, sowie etwa zwanzig neugierige Zuschauer. Rundum sechs Wächter in den grauen Uniformen der Book-Guard

JaLo: Alle Achtung, meine Damen und Herren an den Tri-Vi-Geräten daheim, liebe Zuschauer. Wir haben zwanzig mutige Menschen gefunden, die bereit sind, mich heute auf der Exkursion in das Literaten-Ghetto zu begleiten. Natürlich sind wir gut abgesichert, die Book-Guard wird dafür sorgen, daß niemand mit dem schädlichen Virus des Lesens angesteckt werden kann. Aber wir werden Ihnen heute diese Reportage zeigen, um Ihnen allen zu versichern, daß niemand von uns Gefahr läuft, einem dieser Infizierten nahe zu kommen. Wir wollen Ihnen beweisen, daß diese Andersartigen gut weggeschlossen sind – ebenso übrigens wie die Bücher, mit denen ohnehin keiner von uns etwas anfangen könnte. Und vielleicht wird es auch einige von Ihnen interessieren, was diese Literaten überhaupt in ihrem Ghetto tun. Immerhin war die Regierung gezwungen, für ihre Sicherheit zu sorgen, nachdem es durch eine wahre Inflation an Büchern während des großen Vid-Medienaufbaus fast zu einer Revolution der Literaten gekommen wäre. Doch diese Krankheit wurde eingedämmt, und heute können wir sie als fast ausgerottet bezeichnen.

(JaLo greift sich einen der Besucher heraus)
He, hallo, Sie – Sie werden heute einer meiner Begleiter sein. Was stellen Sie sich vor, was uns da hinter diesem undurchsichtigen Elektrozaun erwartet?

Besucher: Ich weiß nicht recht. Ich bin nur hier, weil ich die Eintrittskarten und das anschließende Essen mit Ihnen gewonnen habe. Und es interessiert mich auch nicht besonders, was die da drinnen mit dem Papier anstellen. Lesen – das ist doch anstrengend, und außerdem muß man dabei denken. Wer will das schon? Geben Sie mir gleich ein Digigramm für meine Nichte? Und darf ich meine Mutter grüßen? – Hallo, Mami, ich bin im Tri-Vi. Es ist wirklich wahr. (Winkt fröhlich in die Kamera)

JaLo: (Zieht den Mann aus dem Blickfeld) Großartig, hier haben wir also schon mal einen der Gewinner. Ich bin sicher, dies hier wird ein unvergeßliches Erlebnis für Sie werden. Aber trotzdem wiederhole ich meine Frage, jetzt aber an jemand anders: Was erwarten Sie im Ghetto?

Besucher: Nun, ich denke, da drin befinden sich alle die Menschen, die sich der großartigen Rundum-Betreuung durch die verschiedenen Tri-Vi-Sender entziehen, indem sie lesen und schreiben.

JaLo: Eine gute Antwort, mein Lieber, eine hervorragende Antwort – und sogar richtig. Diese armen bedauernswerten Wesen bestehen auf der verrückten Ansicht, daß Bücher, Stifte und Papier zu ihrem Leben gehören. Sie haben bis heute nicht begriffen, daß es für jeden von uns einfacher und verständlicher ist, über die Tri-Vi-Sender oder die 4-D-Audits, die neuen interaktiven Hör-Marathons, die Welt zu erleben. Ich gehe davon aus, liebe Zuschauer, daß Sie, ebenso wie ich, keine endlos lange Zeit mehr mit dem Erlernen des Lesens verschwendet haben. Heutzutage gibt es schließlich den allgegenwärtigen Comp-Link, den Computer, der aufs Wort gehorcht. Die neue Version der Firma Microgates ist übrigens sogar in der Lage, Ihre Träume zu analysieren. Sie bekommen die neue Version als Upgrade über den Tri-Vi-Link von CCC für lächerliche 99 Credits. Lassen Sie sich diese neuartige Berieselung nicht entgehen, Sie verpassen sonst etwas. Aber versuchen wir, beim Thema zu bleiben. Die Technik macht stets weitere Fortschritte. Wozu sollte sich noch jemand die Mühe machen, seine Augen und seinen Kopf mit sinnlosen Buchstaben vollzustopfen? Vielleicht können wir dieser Frage heute noch auf den Grund gehen, denn die Book-Guards, unsere Beschützer, führen uns nun endlich durch den streng abgesicherten Eingang. Wir betreten eine andere Welt, liebe Zuschauer. Nun ja, bis jetzt sieht es hinter dem Elektrozaun noch relativ normal aus. Kleine Häuser stehen in Reih und Glied, so wie in anderen Siedlungen auch. Nur wenige Menschen sind auf der Straße zu sehen.

Sie, hallo, Sie sind ebenfalls Besucher. Was halten Sie davon?

Besucher: Ich finde, daß diese ganze Anlage sehr teuer und großzügig ausgestattet ist. Ich bin erstaunt, wie viele Steuergelder ausgegeben werden, um diese Außenseiter der Gesellschaft so luxuriös unterzubringen. Davon abgesehen wirken sie wie ganz normale Menschen. Sind sie wirklich so gefährlich? Ich meine – lesen und schreiben ist doch sicher etwas, was unsere Vorfahren einmal alle gekonnt haben… (Bevor er zuende sprechen kann, wird er von kräftigen Männer der Book-Guard betäubt und abgeführt)

JaLo: Sie sehen, liebe Zuschauer, dieser Virus ist tatsächlich überall aufzufinden. Wir alle müssen sehr wachsam sein, um die Ansätze gleich auszurotten, bevor solche defätistischen Ansichten Zugang in unsere schöne bunte Tri-Vi-Welt finden. Hat dieser Mann nicht ausgesehen wie ein ganz normaler Mensch? Aber das macht sie ja gerade so gefährlich, daß man ihnen nicht schon am Gesicht ansehen kann, daß sie Literaten sind. Bei alledem dürfen Sie als normaler Mensch aber nicht vergessen, daß einige dieser Außenseiter dazu verpflichtet sind, der Regierung beizustehen. Leider ist es immer noch notwendig, daß neue Programme für unsere Computer eingerichtet werden. Es sollte daher in unserem Interesse sein, daß diese Wesen zufrieden sind, damit wir alle davon profitieren können. Aus diesem Grund werden sie auch relativ gut behandelt. Aber jetzt wollen wir doch endlich eines dieser Häuser betreten, um festzustellen, was die Literaten von uns normalen Menschen unterscheidet. Für Sie daheim, liebe Zuschauer, gibt es jetzt eine kleine Werbepause mit den neuesten Produktinformationen. Schalten Sie nicht ab, hier geht es gleich spannend weiter.

Werbeeinblendungen

JaLo: Hier also befinden wir uns in einer sogenannten Studierstube. Und wirklich, meine lieben Zuschauer, es wirkt für uns, die wir uns hier befinden, noch grauenerregender als für Sie an den Bildschirmen. All diese Bücher, Relikte aus einer längst vergessenen Zeit, die uns noch dunkler vorkommt als das Mittelalter. Ich bin sicher, niemand von Ihnen hegt ernsthaft den Wunsch, sich damit abzugeben. Aber hier haben wir einen der Literaten. Fragen wir ihn, warum er sich selbst außerhalb der bestehenden Medien-Gesellschaft stellt. Also – Mister – ach, Sie sind Nummer 138911-4? Was hat Sie dazu gebracht, sich dem allgegenwärtigen Tri-Vi-Konsum zu entziehen und sich stattdessen der Vergangenheit, also dem gedruckten Wort, zuzuwenden?

Literat: Das ist einfach zu erklären und für jemanden wie Sie wahrscheinlich schwer zu verstehen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie alle, die Sie sich rund um die Uhr von nichtssagenden Sendungen berieseln lassen, nicht mehr in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden? Sie haben die Geschichte verdrängt, aus der wir eigentlich alle lernen sollten. Sie haben die großen Dichter und Denker totgesagt, die noch in der Lage waren, uns etwas zu vermitteln. Sie alle sind gleichgeschaltet, haben nur noch eine Meinung, die Ihnen von außen eingeflößt und von der herrschenden Klasse bestimmt wird. Sie alle wissen nichts mehr über die Welt, die Vielfalt der Natur, und schon gar nichts mehr darüber, daß wir alle eigentlich ein fruchtbares Miteinander, meinetwegen auch Gegeneinander, bilden sollten. Menschen haben einmal dafür gekämpft, lesen und schreiben erlernen zu dürfen…

JaLo: Ja, danke, ich glaube, das reicht jetzt. Aber wer braucht schon eine eigene Meinung, liebe Zuschauer?

(Schiebt den Literaten beiseite) Sie haben uns jetzt sehr ausführlich erklärt, daß Sie sich nicht bereit finden wollen, gesellschaftskonform zu leben. Auch ich halte Ihre Ansichten für extrem gefährlich. Und ich denke, wir sollten diesen Besuch jetzt abbrechen. Sie sehen, liebe Zuschauer, es ist eine Art Geisteskrankheit, von der die Literaten befallen sind, und wir tun gut daran, sie wegzusperren, zu unser aller Bestem. Wie auch ich sehnen Sie sicherlich alle den Tag herbei, an dem wir auf die Hilfe dieser Außenseiter nicht mehr angewiesen sind, den Tag, da auch die letzten hoheitlichen Aufgaben endlich komplett von den Computern übernommen werden können. Und dann wird es hoffentlich auch möglich sein, solche fehlgeschalteten Individuen schon vor der Geburt zu erkennen und zu eliminieren. Bis dahin kann ich Ihnen allen nur raten, achten Sie auf Ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten. Sorgen Sie dafür, daß diese gefährlichen Außenseiter nicht frei zwischen uns herumlaufen können. Melden Sie jeden Verdächtigen der Book-Guard, um jede Gefahr gleich aus dem Verkehr zu ziehen. Unsere Sendezeit für diesen außergewöhnlichen Besuch ist um. Wir verwöhnen Sie mit einer kleinen Werbepause, danach schalten wir um zur täglichen Quiz-Show „Rate oder stirb“. Die heutigen Gladiatoren werden bemüht sein, Sie bis zu ihrem bitteren Tod zu unterhalten. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Jason Low fuhr mit seinem Schwebegleiter nach Hause, verschloß alle Türen und Fenster, steckte sich Pfropfen in die Ohren, um die Dauerberieselung durch die nicht ausschaltbaren Monitore abzublocken. Dann öffnete er ein Geheimfach und nahm einen Gegenstand heraus. Wenig später glitt ein Lächeln auf sein Gesicht. In den Händen hielt er ein Buch, in dem er mit Vergnügen las: William Shakespeare „Viel Lärm um Nichts“.

ENDE

Copyright (c) 2012 by Margret Schwekendiek

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wer mehr von dieser Autorin lesen möchte sollte sich mal ihren Roman anschauen:

Schwekendiek, Margret
TIME TRAVELLERS

Mit Trans-Time-Net durch die Zeit

Herausgegeben von Bionda, Alisha
Verlag :      p.machinery
ISBN :      978-3-942533-10-2
Einband :      Paperback
Preisinfo :      13,90 Eur[D] / 14,30 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 15.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 188 S. – 190,0 x 120,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 01.2012
Aus der Reihe :      Dark Wor(l)ds 2

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Die TTN setzt via Zeitnetz Erlebnisreisen an, spezielle Reisebegleiter sorgen dafür, dass keine Paradoxa entstehen. Leider klappt das nicht immer, und es stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass fast alle großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Einfluss der Zeitreisenden zurückzuführen sind – sei es durch einen Unfall, Absicht oder auch Bösartigkeit.

Cate Nichols, 32 Jahre alt, attraktive Individualistin mit einem Hang zu interessanten Männern für ein Abenteuer, arbeitet seit einiger Zeit für die TTN und hat eine umfassende Schulung hinter sich. Beim staatlichen Sicherheitsdienst wurde sie suspendiert wegen zu großer Härte im Einsatz, nach einer Persönlichkeitserneuerung stellt die TTN sie an, weil sie Leute braucht, die manchmal über die moralischen Grenzen hinweggehen können.

Der Sicherheitschef und zugleich Vorgesetzter von Cate Nichols ist Cashmere Ogilvie, von seinen Freunden liebevoll Cashogi genannt. Er koordiniert nicht nur den aufwendigen Sicherheitsapparat der TTN, er schult auch die Reiseleiter, die von niemand anderem Befehle annehmen. In der Zentrale der TTN kommt es zu Spannungen, als die Regierung versucht das Monopol zu brechen.

Die Zeitreise entpuppt sich als Fiasko, als einer der Reisenden das Netz verlässt, Cate muss ihn wieder aufspüren, die übrigen bleiben allein zurück, und der Konflikt zwischen Frauen und Männern schwelt in einer ziemlich beengten Situation.

Die Geschichte, aus Sicht einer Frau geschrieben, beschäftigt sich weniger mit der Technik als vielmehr mit dem Leben selbst. Gefühle, Ereignisse und Wahrnehmungen aus dem heutigen und dem fiktiven zukünftigen Leben zeigen deutlich, dass die Menschen immer Menschen bleiben werden – und Frauen bleiben immer Frauen.

Margret Schwekendiek, Jahrgang 1955, schreibt seit fast zwanzig Jahren professionell und hat schon viele Genres bedient. Ihre Leidenschaft liegt eindeutig in der SF und im Horror. Neugier, Kreativität und Fantasie gehen Hand in Hand, wenn ein neues Projekt ansteht. Eine Geschichte über Zeitreisen war schon lange ein Herzenswunsch.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

32 Comments

Add a Comment
  1. Sehr schöne Geschichte. Was sagt Ihr?

  2. Es ist doch immer gut, jemanden zu kennen, der schreiben und lesen kann.

  3. Ich kenne inzwischen Kinder in unserer Siedlung, die haben ein Handy zum Telefonieren, ein Computer zum Spielen und einen TV zum Filme anschauen, aber lesen und schreiben können die nicht. Und ein Buch besitzen sie oft auch nicht einmal. Ist das nicht traurig? 🙁

  4. Ich bin inzwischen dabei, da man mich als lesenden Menschen erkennt, dass mir die Mütter ihre Kinder schicken, damit ich ihnen das beibringe, was sie selbst und die Schulen nicht vermögen: LESEN und SCHREIBEN! Dank meiner Nachhilfe verbesserten sich ALLE in der Schule in erheblicher Weise. Jetzt frage ich mich, wieso bedarf es hier eingentlich meiner Hilfe? Was läuft da verkehrt, dass die Kinder ohne Nachhilfe nicht mal mehr lesen und schreiben lernen. Was machen die in der Schule? Ich verstehe es nicht mehr. 🙁

  5. @ Detlef: Über dieses Phänomen gibt es etliche wissenschaftliche Abhandlungen.
    Deshalb einmal skizzenhaft, was man zu Beginn des ersten Schuljahrs erleben kann:

    Auf der einen Seite hat man die Kinder, die schon Buchstaben kennen, ihren Namen und bereits vereinzelte kurze Worte schreiben können. Sie können sauber ausmalen, Formen nachfahren und den Stift mit dem Pinzettengriff halten. Sie können mit der Schere umgehen und schneiden entlang der Linie aus. Auch erzählen sie gerne und viel und haben einen Umfangreichen Wortschatz. Sie können ihre Schuhe binden und einen Joghurt essen ohne ihren Platz in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

    Aber so kommen eben nicht alle Kinder in die Schule, sie haben eben oft einen ganz anderen sozialen Hintergrund. Es macht schon einen großen Unterschied, ob die Kinder im Kindergarten waren oder nicht. Förderung und aktive Freizeitgestaltung gemeinsam mit dem Kind wird eben in manchen Familien nicht groß gescchrieben. Also bechäftigen sich die Kinder alleine und sie tun das so gut wie es ihnen eben möglich ist. Sie können den Stift nicht richtig halten, nicht entlang der Linie ausschneiden oder Schuhe binden, wie sollten sie auch – oft hat es ihnen niemand gezeigt.

    Manche der Kinder haben keinen strukturierten Tagesablauf. Es gibt zu Hause keine Regeln und keine Rituale. Der Fernseher ist Dauerbegleiter. Essen fischt sich dsa Kind vollkommen eigenständig aus dem Kühlschrank: gemeinsame Mahlzeiten gibt es nicht mehr.

    In der Schule treffen diese Kinder dann erstmals auf Regeln und müssen sich oft erst an diese gewöhnen. Maanche sind dabei zu langsam und bleiben auf der Strecke. Das ist aber nicht die Schuld der Kinder. Aber auch oft nicht die der Lehrkraft. Denn es ist schon recht schwer 25 Kinder dort abzuholen wo sie in ihrer sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung gerade stehen. Dazu bleibt einfach keine Zeit …

  6. Unsere Schulen wurden kaputt reformiert, inner mehr unnütze Inhalte, immer mehr Statistiken, aber keine Grundlagenbildung mehr. Wenn ich höre, dass die Kiddies jetzt schon in der Grundschule eine Fremdsprache lernen sollen, obwohl sie nicht mal des Deutschen richtig mächtig sind, dann frage ich mich wirklich, in welcher Welt wir leben. Der letzte Vergleich der schulischen Leistungen hat mal wieder gezeigt, dass da ein ganz dicker Wurm drin ist. Das ist „Made in Germania“.

  7. Es gibt aber auch Studien, die belegen, dass alle Schüler, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu böte, den Stoff verinnerlichen würden. Was aber passiert ist, dass die Kinder, wie Yvonne ja schon erläuterte, mit verschiedenen Geschwindikeitsstufen lernen. Dafür ist unser Schulsystem aber nicht ausgelegt. Daher werden die, die nicht mehr mitkommen, einfach abgehängt vom Rest der Klasse. Diese abgehängten Kinder nehmen quasi garnicht mehr am Unterricht teil, da sie in der hohen Geschwindkeit den Stoff gar verinnerlichen können. Daher produziert unser Schulsystem immer einen Anteil von Schülern, die absolut nichts mehr lernen in den Fächern, in denen ihnen die Geschwindkeit zu hoch ist.

    Statt die Schüler in altergerechte Klassen zu stecken, sollte das Schulsystem so verändert werden, dass die Klassen nach Lerngeschwindigkeiten ausgelegt sind. Und meinetwegen hat jedes Fach seine eigenen Geschwindigkeitsklassen, da, Schüler, die im Rechnen nur sehr langsam lernen, das ja nicht auch in allen anderen Fächern tun.

    Das wäre eine sinnvolle Verbesserung. Das hat man sogar schon mal in den 70ern versucht und nur gute Ergebnisse bekommen. Doch die Verantwortlichen waren auch schon damals nicht bereit am bestehenden System was zu ändern. Im Gegenteil wird die Geschwindkeit so erhöht, dass es vorprogrammiert ist, dass einige Schüler komplett aussteigen aus dem Stoff.

    Da dann Zuhause auch nicht mehr gelesen wird und das Wort Buch und Vorlesen ein Fremdwörter geworden ist und die neuen Medien auch so irgendwie bedient werden können, haben wir so viele Kindern, die nicht mehr in der Lage sind zu lesen, zu schreiben und 1 und 1 zusammenzurechen. Trauriges Deutschland! 🙁

    Aber Detlef sei doch froh, so hast du wenigstens einen sinnvollen Nebenjob! 🙂

  8. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als die Klassen noch nicht ganz so groß und der Lernstoff noch zu bewältigen war. Aber unserer Lehrer sagte: Eine Klasse ist immer nur so gut wie der schwächste Schüler. Wir haben uns dann bemüht, das Niveau zu heben, indem wir guten Schüler den Schülern halfen, die nicht alles sofort kapiert haben (mnachmal auch mit Abschreiben lassen *psst*). Aber heute ist vielfach – nicht überall – Egoismus angesagt, außerdem sind die Kinder in den Schulen heute so eingespannt, dass sie gar keine Zeit mehr hätten, anderen zu helfen. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft fehlt, und daran sind die 68er nicht ganz unschuldlig – verwirkliche dich selbst, lebe für dich selbst, nach dir die Sintflut. Doch die haben auch viel erreicht, indem Strukturen aufgebrochen wurden, hilfe, ich gehöre ja eigentlich auch zu denen. Aber ich glaube, diese Diskussion geht jetzt schon sehr weit für eine Story, die ironisch gemeint ist und vielleicht nur zum Nachdenken anregen sollte. Ich finde es toll, wie ihr euch beteiligt.

  9. Finde ich cool.

  10. Warum nur muß ich gerade an Feuerwehrmann Montag denken. Ein annonymes Couvert mit dem Namen Jason Low ist unterwegs zum Briefkasten vor der Feuerwache …

    Interessante Geschichte und so realistisch, besonders die Verschwendung von Steuergeldern. 😉

    * * *

    Ich gebe zur Zeit Nachhilfe in Mathe, 7. Schuljahr, Hauptschule. Von den 45 Min sind ca 35 Min allerdings Deutschunterricht. Wenn ich sie einen Kapiteleinführungstexte laut lesen lasse klingt das nach meiner Erinnerung nach einem Zweitklässler. Es ist das erste Mal, dass ich einem Hauptschüler Nachhilfe gebe. Es hat ein paar Unterrichtsstunden gedauert, bis ich meine Tickrate an ihre habe. Werte wie Zuverlässigkeit (zB Absagen, wenn sie nicht kommt) mußte ich ihr beibringen. Ihre Eltern scheinen unterschiedlicher Meinung über gut zureden und gut zuhauen zu sein. Auf der anderen Seite kennen wir einige Gymnasiasten, die notorisch unterfordert zu sein scheinen. Die müßten eigentlich Noten wie 0, -1 und -2 bekommen, damit der Klassenspiegel einigermassen vernünftig aussieht. Und das schwächste Glied einer Klasse kann auch mal der Lehrer sein. Da nehme ich mich nicht von aus.

    Zu dem angesprochenen 68er Syndrom kommt meiner Einschätzung nach noch das Phänomen, dass der Mensch zu einer Gruppe dazu gehören will. Um dies zu erreichen, gibt er Verantwortung ab. Wenn dadurch das Übernehmen von Verantwortung in einigen Bereichen in den folgenden Generationen nicht mehr erlernt wird, kann das dazu führen, dass Eltern der Meinung sind, dass nicht sie sondern die Schule/Staat dafür zuständig/verantwortlich ist, den Kinder etwas beizubringen bzw sie zu erziehen. Nichts gegen den Sozialstaat, ich kenne nix anderes, aber wenn es politischer Wille ist, dass Vater und Mutter den ganzen Tag arbeiten (müssen), und die Kinder den ganzen Tag wie Arbeitnehmer in Schulen und Hort unterwegs sind, dann verkommt Familie zu einer Freizeitveranstaltung, für die auch wiederum keine Verantwortung übernommen/erlernt werden muß: der Veranstalter haftet.

    Ich zitiere mal aus meiner email Signatur:
    „Ich bin die Konsequenz meiner Entscheidungen.“ (Buch Forticus 17,1)
    „Am Anfang war das Wort … am Ende nur noch Fe_56.“ (Buch Forticus 1,∞)

  11. Danke Martin, ich sehe es ähnlich mit der Einschätzung der Gesellschaft. Bist Du auch hauptberuflich Lehrer?
    Aber wozu sollen die Leute dann eigentlich noch Kinder in die Welt setzen? Für mich waren meine 3 Kinder immer etwas sehr persönliches. Sie wurden mit viel Liebe, Enthusiasmus und einem relativ kleinen finanziellen Budget großgezogen. Bei 3 Kindern kann Mama nicht einfach arbeiten gehen, wenn sie ihre Verantwortung für die Kinder ernst nimmt. So habe ich jahrelang Zeitungen ausgetragen oder Heimarbeit gemacht, aber ich war für meine Kinder da. Und eines sollte man bei der Erziehung vielleicht oben anstellen: Bringt euren Kindern eines bei „Behandelt andere Menschen genau so, wie ihr selbst behandelt werden möchtet.“ Wir hatten früher einen Stolperreim dazu: Was du nicht willst, das man dir tun, das füg auch keinem andern zu.
    Daran mangelt es meiner Meinung nach. Ich sehe das schon bei den Kindern, die mit meiner Enkelin in den Kinderagrten gehen. Bitte und Danke sind für viele Kiddies Fremdworte. Wo meine Enkelin darauf drängelt, dass jemand stundenlang vorliest, haben andere Kinder nicht mal Bücher. Meine Alex hat von mir eine ganz persönliche Geschichte geschrieben bekommen und versucht sich als 3jährige in den ersten Buchstaben, andere Kinder können außer zuschlagen und jammern leider nicht viel.
    Das ist sehr traurig. Sollte mich allerdings im Kindergarten jemand fragen, ob ich eine Lesung meiner Kindergeschichten mache, werde ich gerne zusagen, schließlich soll man die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch etwas zu erreichen.

  12. Nein, ich bin nicht hauptberuflich Lehrer, sondern zur Zeit in dem Alter, von dem ich als Schüler annahm, in dem man mindestens sein müsse, um sinnvoll und erfolgreich Lehrer zu sein. Aber ich zögere immer noch. Hauptberuflich bin ich Papa. Näheres via Link in Deiner Mailbox.

    MS> Aber wozu sollen die Leute dann eigentlich noch Kinder in die Welt setzen?

    Der war gut!
    Wir haben Kundinnen, die nach dem 4. Kind heulend zu uns in den Laden kommen weil sie nicht wissen, was sie (noch) dagegen tuen können. Zwei, drei vorsichtige Fragen und siehe da. Einfachste Zusammenhänge wie Zyklus und deren Berechenbarkeit sind unbekannt.
    Kinder werden nicht gesetzt. Sie passieren. Dass sie in der Auffassung des modernen Menschen gewollt seien oder gewollt sein sollten ist vielleicht auf eine jener alten Geschichten zurückzuführen, dass einst jemand den Menschen an sich gewollt habe. Wobei ich den Drang dieses Jemands zur Selbstverwirklichung nicht ausschließen möchte. Der Mensch ist vielleicht eine Laune der Natur, ist einfach passiert, ein Sammelsurium aus Zeugs, das diejenigen Bewohner des Universums nicht mehr brauchen, die den Laden am laufen halten: die Sterne.

    Um wieder zurück zum Thema zu kommen: Ich habe heute morgen beim Ferienfrühstück obige Geschichte laut vorgelesen. Über das Tri-Vi bin ich gestolpert (im positiven Sinne), so dass mein Sohn fragte, ob der Text in englisch sei und ich erst übersetzen würde. Ich habe mir natürlich nicht nehmen lassen, ihm zu erklären, was die Autorin mit dem Ausdruck Tri-Vi sagen will / wollen könnte.

  13. Schön zu hören, dass Kinder eine solche Geschichte vorgelesen bekommen. Danke für die Ehre.
    Seit einigen Wochen schon geht mir ein Szenario nicht aus dem Kopf: Was würde passieren, wenn für einige Tage jede Art der elektronischen Kommunikation ausfallen würde? Das käme für manche Menschen vermutlich eine Katatstrophe gleich. Aber irgendwann werde ich darüber mal eine Geschichte schreiben. Mal sehen, was mir dazu einfällt. Wenn ich sehe, dass die Kinder kaum aus der Schule heraus sind und im Bus sitzen, wo sie dann heltisch auf ihrem Smartphone tippen, geht mir den Hut hoch.
    In den Link schaue ich gleich mal.
    Hauptberuflich Papa finde ich toll, macht mein Sohn nämlich auch, und ich glaub, meine Enkelin kann prima damit leben.

  14. Machst du dieses mal eigentlich mit einer eigenen Story beim Wettbewerb mit, Martin?

  15. Lenk nicht vom Thema ab.

  16. Aber wo wir gerade dabei sind. Wann lesen wir was von Dir? 😉

  17. Hast du bestimmt schon, sage aber nicht unter welchem Pseudonym. Kann leider aus beruflichen und familiären Gründen nicht unter meinem Namen veröffentlichen…

  18. Du führst also drei Leben, ist ja krass. Ich habe seit frühester Kindheit peinlich darauf geachtet, dass ich keinen Ruf zu verlieren habe… Aus den von Dir genannten Gründen kann ich mir hier im Dorf aber auch nicht alles erlauben. Eine der Geschichten auf meiner Homepage war noch nicht im sfbasar, die passt aber irgendwie nicht zu den bisher nominierten, wäre also wieder an der Spitze, vermutlich an der hinteren. Eine weitere Geschichte ist „fertig“ und würde thematisch zu vielen Dingen im sfbasar und diversen Diskussionen hier im letzten halben Jahr passen, sogar ein bisschen zu dieser Geschichte hier fällt mir gerade auf, aber die muß in 4 Wochen noch durch die Hölle der Textkritik (Federfeuer), also zu spät für den Wettbewerb und eine Druckzusage habe ich schon. Das wäre aber erst im (nächsten) Herbst. Tja, und sonst habe ich nix sehenswertes auf Lager. Ist aber schön zu wissen, dass ich einen Fan habe. 🙂

  19. Martin, ich glaube, eine Druckzusage geht erst mal vor. Ist doch immer schön, etwas veröffentlichen zu können. Aber 4 Wochen Texzkritik? Das ist eine lange Zeit.
    Martina, sind Deine Stories so schrecklich/verstörend/lustig/realistisch/detailgetreu, dass niemand aus Deinem Umfeld wissen soll, dass sie von Dir stammen? Voll cool.

  20. _in_ 4 Wochen ist das Forum bei zu Hause zu Gast, da lasse ich den Text live schreddern …
    Anders verstanden aber sind 4 Wochen für einen Text bei mir keine Zeit. Der aktuelle Text „Reklamation“ wurschtelt seit seit 4 Jahren vor sich hin. Kamen immer wieder Reklamationen von Kritikern 😉 Und jetzt, wo der Text anfängt mir zu gefallen, wird die Arbeit daran und die Kritik erst richtig interessant.

  21. Das ein Text bei sfbasar nicht reinpaßt vertehe ich nich so ganz. Gibt es hier Einschränkungen was man hier an Genre lesen will, geht nicht alles? Denn ich spiele mit dem Gedanken hier mitzumachen, aber mein Zeug ist dann offenbar noch weniger passend als das von Martin. Also sollte ich es lieber lassen um mich beim Geschichtenwettbewerb nicht zu blamieren?

  22. Christa Kuczinski

    Martin, meinst du das FF?
    Und ich kann nicht kommen, das ist so fies….

  23. Kai,
    ich schrieb, sie passe irgendwie nicht zu den bisher nominierten (=aktueller Wettbewerb). Anthologien scheint es sogar zwei zu geben, wo’s reinpasst. Wahrscheinlich ist es eher so, dass ich diese „Liebesgeschichte ohne Fleisch“ doch noch nicht so ganz loslassen kann oder erst gedruckt sehen würde.

    Christa,
    ja und ja und überhaupt! *fuchtel*

  24. Christa Kuczinski

    Kai, eine Liebesgeschichte ohne Fleisch? Vegetarier solls ja überall geben 😉

    Du benutzt doch bestimmt auch ein Pseudonym, ich würde es versuchen!

  25. Christa Kuczinski

    Jetzt aber zu der Story zurück.
    Klasse geschrieben, humorvoll und mit einem guten Schuss Sarkasmus. Ich hoffe, sie macht beim Wettbewerb mit!!!

  26. Christa, schau doch mal unter die Story, da kann man sehen, dass sie schon nominiert ist. 🙂

  27. Christa Kuczinski

    Ich habe es entdeckt. Recht so!* 😉

  28. Nette Geschichte :-), hat mich aber zu sehr an „Fahrenheit 451“ erinnert. Und für eine zweite Variante zu diesem Thema ist mir das Ende zu … offensichtlich.

    Im Prinzip bin ich auch der Meinung, dass das geschriebene Wort höher zu bewerten ist, als Fernsehen. Aber das hängt doch immer von den Inhalten ab. Es gibt viel gedruckten Schrott, dagegen viele hochwertige Filme. (Umgekehrt auch, versteht sich.)

    Übrigens gibt es für beides, sowohl „Fahrenheit“ als auch „Viel Rauch um nichts“, hervorragende Verfilmungen.

  29. Ist doch erschreckend, die Vorstellung, das Menschen, die sich mit Büchern beschäftigen und Lesen möchten, in ein Ghetto gesteckt werden. Sind wir denn Eurer Meinung nach auf diesem Weg dort hin?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sfbasar.de © 2016 Frontier Theme