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Literatur-Blog

AELLO – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 2/2011)

AELLO


eine
Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy
2010

Besorgt betrachte ich den Himmel. Ein Sturm zieht auf. Zu spät hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Nun würde ich nicht nur in die Nacht kommen, sondern musste auch noch vor dem Sturm fliehen. Ich schließe die Augen und gebe mich für einen Moment der verhängnisvollen Versuchung hin den Wind zu fühlen. Die immer stärker werdenden Böen werfen sich gegen meinen Körper und spielen mit meinem Haar. In den Tagen nach dem Schnee und vor dem Frühling, wenn die Natur Kraft sammelt, um die Welt wieder mit Farben zu füllen, kommen die Stürme. Sie bringen Wasser und Energie. Sie fegen mit ihrem Zorn die letzten Reste des Winters davon. Ich liebe diese ersten Stürme des Jahres.

Diese unbändige Stärke. Die Luft schmeckt süß, voll von Lebenskraft und Verheißung des kommenden Frühlings. Ich lasse mich treiben, fühle wie der Wind an meiner Kleidung zerrt. Es ist gefährlich, sich zu lange der Wut der Natur hinzugeben und sich von den Farben des Windes gefangen zu nehmen. Doch der Himmel in diesen Sturmnächten verzaubert mich und ich kann mich nicht abwenden von dieser Schönheit. Nach dem Weiß des Winters erscheinen mir die vielen farbigen Akzente verschwenderisch bunt und es kribbelt in meinen Fingern vor Ungeduld und Vorahnung. Ich fühle mich, als könnte ich aus dem Stand in den Himmel springen und nach den Sternen greifen, die sich hinter den getriebenen Wolken verstecken und wie Edelsteine glitzern.
Wenn ich mich jetzt nicht nach einer Unterkunft für die Nacht umsehe, wird es für mich gefährlich. Niemand sollte sich der temperamentvollen Wut einer Sturmnacht entgegenstellen, doch noch immer hält mich der Sturm in seinem Bann. Ich bin trunken von der Stärke. Mit geballten Fäusten stelle ich mich dem Wind in den Weg und schreie ihm meinen Mut entgegen.

Meine Unverfrorenheit facht die Rage des Sturmes noch an. Wie kann ich es wagen mich hier mit ausgestreckten Armen in den Wind zu stellen, anstatt mich verängstigt in Hütten oder Höhlen zu verkriechen und bangend das Wüten abzuwarten. Die Natur brüllt mich an und das Fauchen des Windes ist so laut, dass ich davon taub werde.
Nebel steigt auf und verhüllt den Boden, verschleiert den Weg hinaus. Jetzt bin ich gefangen und mein Schicksal liegt nicht mehr in meinen Händen. Doch ich habe keine Angst, denn ich fühle mich in den unsichtbaren Armen der Luft zuhause. Aello – Windsbraut – nannten mich die Alten des Dorfes und schüttelten die Köpfe. Schon immer hat es mich in den Sturmnächten hinaus getrieben. Ich wollte inmitten des Aufruhrs der Elemente stehen und die Kraft spüren und die Leidenschaft der Natur. In Nächten, in denen der Sturm um das Haus polterte, träumte ich davon auf Wolken zu reiten.

Der Regen fällt wie Tränen auf mein Gesicht. Vielleicht weine ich auch, vor Glück, weil ich endlich erfahren werde, was mich erwartet, wenn ich dem Drängen nachgebe, einfach in den Himmel zu springen. Der Wind hat plötzlich gedreht und ich verliere den Halt. Für einen Moment schwebe ich von Donnergrollen eingehüllt. Ein einschlagender Blitz vervollständigt die magische Verbindung der vier Elemente. Etwas wird passieren. Ich kann regelrecht spüren, wie sich die Härchen im Nacken aufstellen, doch es ist nicht Furcht, die mich durchflutet. Angelockt von dem Trommeln des Regens kringeln sich Regenwürmer auf der lockeren Erde. Sie sind ineinander verschlungen wie Zuckerstangen und tanzen im kühlen Mondlicht einen Fruchtbarkeitstanz. Ich kann sie genau sehen, denn ich schwebe noch immer dicht über den Boden. Der Geruch der feuchten Erde ist betörend. In diesem Augenblick wünsche ich mir, ich könnte mich in sie hinein graben, doch ich gehöre nicht hierher. Denn ich bin Aello – die Braut des Sturms.

Ein starker Luftstoß treibt mich ein Stück hinauf und mein Körper ist den Wellen des Sturms ausgeliefert. Atemlos sehe ich, wie sich der Erdboden immer weiter von mir entfernt, bis ein Windzug mich herumreißt und ich dem Himmel entgegen sehe. Ich spüre, wie der Sturm meinen Körper liebkost, über meine Wange und mein Haar streichelt. Der Regen bedeckt meine Haut mit tausenden zarter Küsse, bis ich mich atemlos der Leidenschaft hingebe. Die Kaft des Sturm dringt tief in mich ein und mein Blut kocht vor Verlangen mich endlich mit dem ungezähmtesten Element der Natur zu vereinigen. Die allerletzte Verbindung zum Boden – zu meinem alten Leben – reißt, als ich meine Vernunft verliere.  Nun werde ich nicht mehr von den Böen getragen, sondern bestimme selbst wohin ich fliege. Die Arme ausgebreitet wie Flügel krächze ich vogelartig und stoße mich von einer Böe ab.
Ich stürme dem Himmel entgegen und durchstoße die puderigen Wolken, weiß wie Zucker und verliere mich im Glitzern der Sterne.

Copyright © 2010 by Simone Wilhelmy

Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen20110122082624-7f63d0a3-100-112-100.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

(in Vorbereitung!)

Updated: 4. Dezember 2013 — 21:28

22 Comments

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  1. Hallo Detlef,

    da fehlt in der Überschrift nach AELLO alles weitere …

    mgg
    galaxykarl 😉

  2. jaja, irgendwas vergess ich immer *seufz* nicht hauen.
    Aber Detlef wird mich gleich sowieso in der Luft zerreißen *verkriech*

  3. Galaxykarl, aber jetzt noch n Kommentar zum Inhalt bitte, nicht nur meckern, so lang ist sie ja nun nicht *g*

  4. Simone
    Wie kommst du denn darauf? Bin doch froh, dass du es noch geschafft hast!

  5. Hallo Simone,

    wieso meckern? Bin ich etwa schon so als Meckerer aufgefallen, dass das nun mein Titel ist?
    Vielleicht ist die Korinthe in mir am wachsen … „Hilfe, Welt, ich werde von den bösen Korinthen übernommen, ahhhhhhhh… “ Hahaha, ich hoffe nicht.

    Aber ätsch, ich hab doch was gefunden, an dem du den Feinschliff ansetzen kannst. Zitat: „… die Härchen auf meinem Arm …“ Das Gefühl läßt nur die Härchen auf EINEM Arm aufstehen? Und der andere Arm? Ist der ab oder was? Oder hat die Spezies, der du angehörst, nur einen Arm?

    Einen Text im Präsenz – dazu noch in der Ich-Form – zu schreiben, unterliegt immer der Gefahr, dem normalem Sprachempfinden als … ja, fast irritierend gegenüber zu stehen. Eine Geschichte wird in der Regel von einem Erzähler (Autor) eben an ein Publikum erzählt. Das bedeutet, die Geschichte hat schon stattgefunden, ergo ergibt sich daraus der Erzählstil Imperfekt, die Vergangenheitsform. Und nicht immer war der Erzähler selbst dabei, ergo kann die Ich-Form nur selten angewendet werden. In deinen obigen Fall natürlich schon.

    Aber zurück zur Gegenwartsform. Die impliziert ja auch, dass das Publikum gerade dem Geschehen beiwohnt. Und immer – immer! – fragt man sich an ggb. Stelle, warum das Publikum dieses oder jenes zuläßt und inaktiv auch Schrecklichem beiwohnt. In deiner – sehr poetischen – Story kann es sich das Publikum erlauben inaktiv zu sein, da im Grunde nicht viel passiert, und schon gar nichts, was den Wertvorstellungen des Publikums widerspricht, dass es gezwungen wäre einzugreifen und eben den Verlauf der Geschichte abzuändern.

    Also ich lasse die Finger von Präsenz, das ist mir zu gefährlich.

    Trotzdem eine sehr schöne Story, die unseren Pool bereichert. Weiter so, Windbraut.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉

  6. Simone, bist du sicher, dass du die Absätze ohne Leerzeilen so lassen willst?

    Ausserdem benötige ich noch deinen Buchtipp der deiner Story ähnelt.

  7. galaxykarl
    da wäre Peter Hanke aber ganz anderer Meinung, was die Zeitform angeht!

  8. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, weil sie in Gegenwartsform geschrieben ist, ich würde das keinesfalls ändern. Durch die Zeitform kann man in die Protagonistin kriechen und sich mit ihr identifizieren. Das ging in Gegenwartsform nicht mehr, dann würde ich mich als Betrachter fühlen und nicht als die Protagonistin.

    Mir ist aufgefallen, dass du Gedankenstriche hin und wieder mal direkt an das Wort klebst, das habe ich anders gelernt, oder hat sich das geändert?

    Du schreibst: „In diesem augenblick“

    Muss „augenblick“ nicht groß geschrieben werden?

  9. Danke ihr beiden, hab die Tippfehler geändert. Ja Augenblick groß und auch das mit den Leerzeichen.
    Allerdings sind da doch Absätze mit Leerzeilen?

    Hab aus dem Arm einfach einen Nacken gemacht, damit hat man nur einen, und Arme gibt es in dieser Geschichte eh zu viele *g*

    Zur Zeitform, ich muss sagen für kurze intensive Geschichten mag ich gerade die Gegenwart. Wie Detlef schon sagt, man ist mitten drin.
    Für längere Geschichte ist es aber tatsächlich für den Leser zu ungewohnt und auf Dauer liest sich das nicht so gut.
    Aber ich neige dazu. *g* und um so länger die Geschichte um so schwieriger zu handhaben.

  10. ach und der Buchtipp. Da ich mich gerade spontan zu dieser Geschichte entschieden habe, ist das jetzt schwer. Irgendwie lese ich nicht, was ich schreibe *g*
    Und ich tu mich ja sowieso immer schwer damit.

  11. Schöne Grüße vom Meckerer,

    – Peter Handke, nicht Hanke. Der kann das ja, ich nicht. Ist eben halt ein Profi.
    – „In diesem Augenblick“ natürlich groß, „augenblicklich“ dagegen klein.
    – Gedankenstriche immer mit Leerraum, nicht direkt an ein Wort.

    mgg
    galaxykarl 😉

  12. ich wollte dich übrigens nicht als DEN Meckerei hinstellen *g* sondern eigentlich nur, dass du auch einen inhaltlichen Kommentar abgibst, anstatt nur das offensichtliche, meine Schäche mir zu merken, wie man diese titel richtig setzt, zu konstatieren.
    Du bist doch kein Meckerer, du bist eine Konifäre oder wie das da hieß mit deinen Korinthen *g*

  13. Wenn es durchgängig Präsens sein soll, müsste/sollte es statt „Zu spät hatte ich mich auf den Heimweg gemacht. Nun würde ich nicht nur in die Nacht kommen, sondern musste auch noch vor dem Sturm fliehen.“ denn nicht besser „Zu spät habe ich mich auf den Heimweg gemacht. Nun komme ich nicht nur in die Nacht, sondern muss auch noch vor dem Sturm fliehen.“ heißen?

    Zumindest würde ICH es so formulieren.

  14. Jawoll Simone,

    ich bin eine Kornifere auf meinem Gebiet …
    ein Spätsialist aller erster Kajüte …
    eine Kann-Ohne ohne Gleichen …
    das Non-plus-ultra des maximal superlativen Besten …
    ein Beispiel für alle Inder, äh Rinder, nein, das wars: Kinder …
    ein Magier der Tsalen und Puchschtaben …
    ein Virus, nein, ein Phyrrus, nein, ein Virtuose auf der Tastatur des Lebens …

    Äh, jetzt ist gut.

    mgg
    galaxykarl 😉

  15. Vielleicht bin ich zu kritisch, aber so ganz stimmig ist der Text auch dann noch nicht, mir fällt da diese Stelle auf:

    „Aello – Windsbraut – nannten mich die Alten des Dorfes und schüttelten die Köpfe. Schon immer hat es mich in den Sturmnächten hinaus getrieben. Ich wollte inmitten des Aufruhrs der Elemente stehen und die Kraft spüren und die Leidenschaft der Natur. In Nächten, in denen der Sturm um das Haus polterte, träumte ich davon auf Wolken zu reiten.“

    Das ist ein Sprung von der Vergangenheit mit „nannten“ und „schüttelten“ zur Gegenwart mit „hat getrieben“ und wieder ein Sprung in die Vergangenheit mit „polterte“ und „träumte“. Das ergibt einen Bruch in der Erzählweise.

    Gruß Jademond

  16. Wann bekomme ich deinen Buchtipp, Simone?

  17. Wann bekomme ich deinen Buchtipp, sonst trägst auch du nicht wirklich mit deiner Story zum Preisgeld des Wettbewerbs bei! Willst du fair? Alle anderen machen es ja auch!

  18. Felis Breitendorf

    Warum gibt es hier eigentlich keinen Buchvorschlag?

  19. Simone Wilhelmy

    Also hätte ich schwören können, dass ich einen Vorschlag gepostet habe. (Keinen Schimmer mehr, was für ein Buch das war, also hier mal was neues)

    Das Kind der Stürme: Roman [Taschenbuch]
    Juliet Marillier
    ISBN:978-3426509081
    Verlag: Knaur TB (1. Juni 2011)

  20. Felis Breitendorf

    Ich würde diese Story gerne in meine Anthologie „Träume und Visionen“ aufnehmen, ich finde sie richtig klasse dafür! Was sagst du Simone?

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