ERNTEZEIT – eine kurze Erzählung von Martin Ott
Erstellt von Martin Ott am 23. Juli 2012
ERNTEZEIT
eine kurze Erzählung
von
Martin Ott
Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. [...]
Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der
Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. [...]
(Artikel 14 Absatz 3 Grundgesetz)
Der Höhepunkt der Grundschulzeit waren die Klassenfahrten im vierten Schuljahr. Sie führten auf einen Ponyhof, in ein Landschulheim oder ein gut ausgestattetes Zeltlager und fanden in der Woche vor den Herbstferien statt. Früher hießen diese Ferien Kartoffel- oder Leseferien. Die Kinder hatten zwei Wochen keinen Unterricht und gingen mit den Lehrern auf die Felder und in die Weinberge. Jeder musste mit anpacken und seinen Beitrag leisten. Eine zweizügige Volksschule mit acht Jahrgängen brachte es immerhin auf rund 500 zusätzliche Erntehelfer, überlebenswichtig für die Dorfgemeinschaft. Später hatte man das Gesetz geändert. Aus den Kartoffelferien wurden die Herbstferien und diese außerhalb der Erntezeit angesetzt. Kinderarbeit störte die Entwicklung und freie Entfaltung. Auch der Schulunterricht hatte sich verändert. Frontalunterricht gab es nicht mehr und Lehrer und Lehrerinnen bereiteten die Kinder in liebevoller Weise auf ihre Aufgaben in der Gesellschaft vor. Aus den modernen Schulen kamen die Kinder um 17 Uhr fröhlich und entspannt nach Hause.
Am Elternabend vor der Fahrt stellte die Klassenlehrerin den Schulpsychologen, die Betreuer und die Berater vor, die mitfahren würden. Im Wechsel erläuterten diese dann den Ablauf der Woche. Die Kinder würden verschiedene Dienste übernehmen, in vorgegebenen Situationen einzeln oder in Gruppen Aufgaben lösen, Ergebnisse vortragen und an schriftlichen Tests teilnehmen.
“Natürlich sollen Spiel und Spaß dabei nicht zu kurz kommen“, unterstrich die Lehrerin.
Am Ende der Fahrt würden dann Beobachtungen und Ergebnisse ausgewertet und unter Berücksichtigung der vergangenen Jahre eine Profilentwicklungsprognose erstellt.
“Aus dieser Prognose“, fasste der Psychologe zusammen, “geht hervor, welchen Weg Ihr Kind nach dem vierten Schuljahr einschlagen wird.“
Das bisherige Tuscheln der Eltern ging über in ein lautes Durcheinander. Dies alles war den Eltern längst klar, und selbstverständlich hatten sie das Recht, diese Entscheidung anzufechten. Die Medien berichteten ausführlich über solche Einzelprozesse. Diese quälten sich über Monate hin und bedeuteten letztlich die Wiederholung des Schuljahres.
Als die Eltern sich wieder beruhigten, verteilte die Klassenlehrerin einige Merkblätter und ein Formular. Kaugummi und Handys waren verboten. In echten Notfällen würde sie sich melden und für den Fall der Fälle stehe ein Arzt am Ort rund um die Uhr zur Verfügung.
“Die Gesundheitskarte geben Sie bitte direkt bei Fahrtantritt am Bus ab“, sagte sie freundlich aber bestimmt, “ohne Karte keine Mitfahrt.“
Auf der Karte wurden nicht nur alle medizinischen Daten von Geburt an gespeichert. Sie enthielt auch alle Zeugnisse, Gutachten und Beurteilung zur geistigen und sozialen Entwicklung.
Die Lehrerin nahm das Formular und hielt es hoch.
“Und dies sind die Einverständniserklärungen, die wir von Ihnen benötigen. Oben zur Teilnahme an den Aktivitäten, in der Mitte der Zugriff auf die Gesundheitskarte und unten die Erlaubnis zur Spende von Organen und Körperteilen. Bitte unterschreiben Sie hier unten und geben Sie das Blatt ihrem Kind spätestens übermorgen mit in die Schule.“
Eine Verneinung war nicht vorgesehen, zum Wohle des Kindes und der Allgemeinheit.
Den letzten Tag verbrachten die Familien gemeinsam zu Hause. Alles lag eingepackt im Flur, die Dokumente obenauf. Die Themen der letzten Schulwochen wurden noch einmal durchgesprochen und letzte Hinweise zum Benehmen gegeben. Die Kinder tobten ausgelassen und konnten es kaum erwarten. Natürlich wussten sie, dass am Ende der Woche über ihre Zukunft entschieden wird. Aber das Ende des Schuljahres schien weit weg. Und dann werden sie neue Freunde finden. So war das eben. Eltern und Großeltern versuchten ihre Anspannung zu überspielen. Ein bis zwei Kinder pro Klasse würden am Ende der Klassenfahrt zur Ernte ausgewählt und nicht zurückkommen. In diesem Falle erhielten die Eltern eine Urkunde, eine deutlich besser bezahlte Arbeitsstelle in einer anderen Stadt, eine großzügigere Wohnung und das Recht auf ein zweites Fahrzeug.
* * *
“Die Gesellschaft braucht Denker und Lenker, aber auch solche, die ohne zu fragen
zuverlässig zupacken und mitarbeiten, und so ihren optimalen Beitrag zum
Gemeinwohl leisten. Die Profilentwicklungsprognose kann nachweisen, dass der zu
erwartende Beitrag bezogen auf die körperlichen oder geistigen Möglichkeiten
suboptimal sein wird und sich durch die Ernte unter dem Strich ein größerer Nutzen
zur Steigerung des Gemeinwohls ergibt. Durch dieses international anerkannte
Verfahren werden junge Menschen zum Wohle der Allgemeinheit als Persönlichkeit
oder als einzelne Teile optimal in die Gesellschaft eingegliedert.“
(Quelle: Ministerium für Integration, Elternbrief “Klassenfahrten im vierten Schuljahr“)
- Ende -
© Martin Ott, 2008, erschienen in den Andromeda Nachrichten des SFCD, AN Nr. 223, Oktober 2008
Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-minus-114-minus54.jpg ” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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Eine Krankheit, die plötzlich und unbemerkt auftritt, die alle Organe befallen und die nur mit der sofortigen Entfernung des jeweiligen Körperteils »geheilt« werden kann. Die grausame Wirklichkeit, die dahinter steckt, ahnt keiner der Dupliks: Sie sind genetische Zwillinge von in der »normalen« Welt lebenden Menschen und müssen jederzeit als Ersatzteillager fungieren. Eines Tages ist auch Jonas vom FRASS befallen.
Birgit Rabisch wurde 1953 in Hamburg geboren, studierte Soziologie und Germanistik und arbeitet als VHS-Dozentin. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Neben Lyrik und einem Krimi hat sie die Romane ›Sonjas Logbuch‹ und ›Möglichkeit der Liebe‹ veröffentlicht. ›Duplik Jonas 7‹ (dtv pocket plus 78081) ist Birgit Rabischs erstes Kinderbuch und wurde mit dem Umweltliteraturpreis NRW ausgezeichnet.
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