sfbasar.de

Literatur-Blog

Archiv für Juli, 2012

STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 5 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 3/2012)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Juli 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 5

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Lovisa saß in der Messe der SKUNKALLA. Vor ihr schwebte ein Holopuzzle des Zerstörers TITAN in der Luft, dem Kriegsschiff des Sternenkaisers. Lindt hatte es ihr geschenkt. Er liebte Kriegsschiffe und ging davon aus, dass alle an Bord diese Liebe teilten. Dem war natürlich nicht so. Aber Lovisa wollte Lindt eine Freude machen und tat, als würde ihr das Puzzle große Freude bereiten.

Der Pappa des Schiffs, Lovisas Vater Jost Larsson, stand in der kleinen Kombüse neben dem dicken Smutje Jens. Die beiden stritten lautstark darüber, ob nun der Pappa oder der Smutje eines Schiffes mehr Räucheraal in der Suppe bräuchte. Lovisa lachte und sah zu, wie ihr Pappa mit seinen Händen wild in der Luft gestikulierte.

Da plötzlich riss die Seitenwand der SKUNKALLA auf.  Gouverneur Luc Tailleurs grinsende Fratze erschien in der Öffnung. Sein Kopf war übergroß. Er schwebte ohne Körper im bedrohlich dunklen All. Tailleur öffnete weit den Mund und holte Luft. Die ganze Besatzung der SKUNKALLA wurde zu ihm hingewirbelt und verschwand in seinem Rachen. Zuletzt Nils und Pappa. Beide klammerten sich noch kurz an die Zähne, dann verschwanden sie ebenfalls im weit offenen Rachen des Gouverneurs. Alle waren weg. Alle, bis auf Lovisa.

Gouverneur Tailleur schloss lachen den Mund, schluckte einmal kurz und rülpste dann laut. Lovisa schrie, schrie und schrie und …

… dann wachte sie auf. Ihr Körper war schweißgebadet. Sie zitterte. Ihr Atem ging stoßweise. Deutlich erinnerte sie sich an den Albtraum, barg ihr Gesicht in ihren Händen und begann zu weinen. Sie fühlte sich alleine. So alleine.

***

Die SKUNKALLA flog mit halber Geschwindigkeit durch den Darianebel. Lovisa hatte eine Karte des Sektors aufgerufen, die über dem Navigationstisch schwebte. Morle flitzte als halbtransparente Animation zwischen den Sternen herum. Besonders gerne spielte das virtuelle Kätzchen mit Asteoridengürteln. Mit ihren kleinen Tatzen brachte sie die Planeten zum Tanzen und die Gürtel zum Drehen. Begeisternd Miauend bestaunte Morle ihr Werk.

Bernard, Slim und Terminal hatten sich zu Lovisa gesellt. Sie sahen sich den Kurs der SKUNKALLA an. Einige Stationen und Planeten waren rot markiert, andere grün.

„Ich verstehe nicht, was dieser Gouverneur Luc Tailleur für ein Interesse an uns hat, Lovisa. Die Mannschaft kannte ihn doch gar nicht.“ Slim runzelte die Stirn. Er knabberte mit seinen wackligen Zähnen an einem harten Keks.

Lovisa zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist das nur ein großer Zufall? Wir haben ihm nichts getan. Er hat mir aber alles genommen.“ Traurig markierte sie eine weitere Raumstation rot. „Von PANTY habe ich ebenfalls eine Meldung erhalten, dass sich dort kaiserliche Truppen befinden. Da können wir auch nicht hin.“

„Erkenntnis. Uns werden alle Wege abgeschnitten. Bedrückt. Wir stecken in der Klemme. Hoffnung. Aber wir finden einen Ausweg.“ Terminal ließ einige Lichter am Kopf blinken, um die Stimmung aufzulockern.

Lovisa lächelte die Menschmaschine an. „Danke.“ Dann sah die Sternenbraut wieder auf die Karte. „Uns zu jagen kostet den Gouverneur ein Vermögen. Warum macht er das?“

„Vielleicht wegen mir?“ Bernard sah fragend in die Runde. „Immerhin tragen der Gouverneur und ich den gleichen Namen. Wir sind eine Familie. Das macht die Sache persönlich.“

Slim nickte beifällig. „Schon. Stimmt. Ja. Genau. Aber die Sache war vorher schon persönlich, mein Junge. Das Lovisa dich versehentlich entführte, das hat nur Öl ins Feuer gegossen.“

„Öl ins Feuer gegossen?“ fragte der Vampyrjunge. „Was bedeutet das?“

„Die Sache schlimmer machen, als sie vorher war“, erklärte ihm Slim. „Der Gouverneur hatte es vorher schon auf die SKUNKALLA abgesehen. Das er seinen Launen nachgegeben hat und aus purer Bosheit so hart gegen Lovisas Pappa und die Mannschaft vorgegangen ist, das mag noch Zufall sein.  Luc Tailleur ist ja für seine üble Art bekannt und gefürchtet. Aber was er dann mit Nils und Lovisa angestellt hat, das geht darüber hinaus.“

Bernard nickte. „Aber warum? Was sollte er für einen Grund haben?“

„Ich habe keine Ahnung“, gab Lovisa zu. „Ich weiß nur, dass ich Nils zurückhaben will. Er ist der Einzige, der mir von meiner Familie noch geblieben ist. Ich vermisse meinen kleinen Bruder. Und ich habe Angst um ihn.“

„Nachdenklich. Kenne deinen Feind wie dich selbst. Tröstend. Das wird schon wieder. Zuversicht. Wir sind alle bei dir.“ Irgendwo in Terminals Körper war ein leises Rattern zu hören.

Slim sah Bernard nachdenklich an. „Wenn du ein Vampyr bist, dann ist der Gouverneur doch auch ein Vampyr, oder?“

Bernard dachte nach. „Ich glaube nicht. Das wäre sicherlich jemandem aufgefallen. Ich halte es für wahrscheinlich, das der Gouverneur aus der menschlichen Ahnenreihe unserer Familie stammt. Einige von uns haben sich nämlich in Menschen verliebt und Familien gegründet.“

„Aber wird ein Mensch dann nicht auch zum Vampyr? Wenn ein Vampyr sein Blut trinkt?“ fragte Lovisa neugierig und Bernard lachte. Dabei entblößte er seine spitzen Eckzähne.

„Ihr mit euren Schauermärchen. Nein. Das habe ich doch schon gesagt. Wir trinken kein Blut.“ Bernard tippte einige Koordinaten in die Konsole ein und die Sternenkarte veränderte sich. „Ich habe in den letzten Tagen die Datenbank der SKUNKALLA gründlich durchsucht. Es gibt keinen Eintrag über Vampyre. Jedenfalls keinen Eintrag, in dem die Wahrheit über uns steht.“

Bernard sah seine Freunde eindringlich an. „Ich habe lange geschlafen. Sehr lange. In der Zwischenzeit muss etwas Schreckliches geschehen sein, dass niemand von uns Vampyren weiß.“ Bernard schluckte. „Meine Heimat,  Illthanséa, ist in keiner Sternenkarte eingetragen.“ Er zeigte auf eine leere Stelle auf der Sternenkarte.

„Wäre meine Spezies vernichtet worden, gäbe es sicherlich irgendeinen Eintrag in der Datenbank. Aber da ist nichts. Ich denke, das alles hängt zusammen. Das ist kein Zufall. Und deswegen ist der Gouverneur so wütend auf dich, Lovisa. Er hat irgendeinen Plan, in dem die SKUNKALLA, du und ich eine Rolle spielen. Es muss eine Verbindung geben.“

Lovisa dachte über die Worte des Vampyrjungen gut nach. „Mir fällt nichts ein. Was soll es denn da für eine Verbindung geben?“

Terminal ratterte und gab einen hohen Piepton von sich. „Betrübt. Wir habe keine Idee. Zuversicht. Aber wir werden es schaffen. Freude. Es gibt eine Gemeinsamkeit.“

Bernards und Lovisas Köpfe fuhren zu Terminal herum. „Was für eine?“ kam es beiden gleichzeitig über die Lippen.

„Erstaunen. Ihr natürlich.“ Terminal zeigte auf die leere Stelle inmitten der Sternenkarte. „Entschlossen. Die Sternenbraut und der Vampyr. Aufgeregt. Schiff und Koordinaten.“

Lovisa sah Terminal verblüfft an. „Das ist zwar verdammt niedriges Fahrwasser, aber ein guter Kurs. Vielleicht sollten wir erst einmal herausfinden, warum niemand von den Vampyren weiß. Und wir müssen herausfinden, in was für einer Beziehung Bernard und  Gouverneur Tailleur zueinander stehen. Und wir müssen herausfinden, warum die SKUNKALLA mit drin steckt.“

Slim nickte. „Aye. Lass uns den Kurs setzen und dann in See stechen, Kleines.“

Bernard rief die Navigation auf und setzte die Parameter fest. Lovisa ging zum Steuerstand auf die Brücke hoch. Morle wartete bereits auf sie. Die beiden überprüften ganz genau die Koordinaten.

„Lo“, mauzte Morle und stupste mir ihrer Nase eine Ziffer an die richtige Position. „Glaubst du es gibt auf  Illthanséa Wolle?“

Lovisa verharrte und sah eindringlich auf den Monitor. „Wie kommst du denn darauf, Morle?“

„Weil ich nichts über Vampyre weiß. Und die SKUNKALLA auch nicht. Ich kann Bernard nicht einmal sehen. Nur hören.“ Morle schmollte. „Das ist unfair. Terminal kann Bernard sehen.“

Lovisa war verblüfft. „Stimmt. Warum eigentlich? Ihr beide seid doch künstliche Intelligenzen.“

Morle fauchte empört. „Ich bin eine virtuelle Intelligenz. Terminal ist eine Maschinenintelligenz. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Meinst du?“ Lovisa biss sich auf die Unterlippe. „Ich werde Bernard fragen. Sicherlich weiß er, woran das liegt.“

„Glaubst du er sagt dir immer die Wahrheit?“

Lovisa war überrascht, das Morle plötzlich eine so tiefgründige Unterhaltung führte. Scheinbar wurde sie erwachsen. Morles Programm schien sich immer besser mit der SKUNKALLA zu verbinden und dem Kätzchen die Lausen auszutreiben. „Ich denke schon. Es gab noch keinen Grund an ihm zu zweifeln. Und ich vertraue Bernard. Das ist am wichtigsten.“

Morle miaute zufrieden. „Gut. Ich will nämlich wissen, ob es Wolle auf  Illthanséa gibt.“

Lovisa starrte überrascht auf Morle, dann lachte sie laut. Sie lachte solange, bis ihr der Bauch wehtat. Morle war noch immer ein kleines und verspieltes Kätzchen.

Bernard kam auf die Brücke und sah sich irritiert um. „Was ist denn hier los? Habt ihr über mich gesprochen?“

Lovisa riss sich zusammen. Bernard hatte ein unheimliches Gespür, um Situationen zu erfassen. „Ja“, sagte Lovisa fröhlich und streckte ihm frech die Zunge entgegen. „Ätsch. Und ich werde dir nicht sagen, um was es ging.“

„Püh!“ stieß Bernard hervor. „Sicherlich ging es um Wolle.“

Lovisa verstummte und sah ihn eindringlich an. Das war wirklich unheimlich. „Wie kommst du darauf?“

„Wenn Morle dabei ist, geht es immer um Wolle“, erklärte Bernard und stellte sich neben Lovisa. „Immer.“

Die Sternenbraut atmete auf. Das stimmte. Da hatte der Vampyrjunge recht. „Kurs nach  Illthanséa berechnet und gesetzt. Bereit um die Segel zu hissen und zu springen.“

Bernard tippte auf den Monitor und Morle machte einen erschrockenen Satz zur Seite. Sie hatte Bernard einfach nicht gesehen. Für die Sensoren der SKUNKALLA war er wie unsichtbar. Und dadurch auch für Morle.

„Keine Angst, kleines Kätzchen. Auf Illthanséa gibt es Wolle. Versprochen.“

Lovisa schluckte. Das er neben der Wolle auch Illthanséa zur Sprache brachte, machte ihn erneut unheimlich.

***

Mit einem Tritt gegen das Euxalrelais beendete Slim seine Arbeit am Jinikikgeneratormodul. Mehrere Dioden flammten auf und blinkten ungleichmäßig. „Geschafft.“ Der alte Mechaniker kicherte zufrieden.

„Beeindruckt. Du kennst dich gut mit der Maschine aus.“ Terminal saß auf der Abdeckhaube des Skunpelleroszylinder und sah zu, wie Slim die Maschine der SKUNKALLA wartete. Die Menschmaschine griff nach vorne und zog einen der Hinnmannkolben vor. „Freundlich. Den hast du übersehen.“

„Ah, Danke Mädchen.“ Slim hielt inne. „Du bist doch ein Mädchen, oder?“

Terminals Neuralstragenzen waren für einen Augenblick ausgelastet. „Unsicher. Ich bin eine Menschmaschine und habe kein Geschlecht. Entschlossen. Mein Name ist Terminal. Stolz. Ich bin ein Mädchen und die Freundin der Sternenbraut.“

Slim grinste breit und klopfte auf den metallenen Oberschenkel von Terminal. „Du triffst deine Entscheidungen ja flott. Das gefällt mir. Und du hast Ahnung von Maschinen. Ha. Kein Wunder. Du bist ja auch eine Menschmaschine.“

Ein heißeres Kichern löste sich aus Slims Kehle und Terminal stimmte mit einem Piepen aus ihrem Tranzakkom ein. Die beiden verstanden sich gut. Slim mochte Terminals offene Art und das sie so schnell begriff, wenn er ihr etwas erklärte. Terminal wiederum mochte Slims Geschichten und das er ihr so viel beibringen konnte. Vor allem im Umgang mit Menschen.

„Neugierig. Ich bin gespannt, was uns auf Illthanséa erwartet. Erstaunt. Wenn ich richtig gerechnet habe, ist Bernard das älteste Besatzungsmitglied an Bord der SKUNKALLA.“

Slim sah Terminal fragend an. „Der Junge? Der ist doch noch ganz grün hinter den Ohren. Wie soll der älter sein als ich?“

„Wissend. Bernard ist einige Jahrhunderte alt. Informierend. Er legte sich schlafen, als es noch Segelschiffe auf der Erde gab. Freundlich. Ich habe die Datenbank der SKUNKALLA befragt.“

„Das schlägt doch der Hemmelwinde die Persuionskurbel aus der Quartanwelle. Stimmt ja, Mädchen. Daran habe ich gar nicht gedacht. Das ist leicht zu vergessen, so jung wie Bernard aussieht. Der ist ja gar nicht im gleichen Alter wie Lovisa.“

Terminal nickt und reichte Slim eine Brettlingbohrer der Größe Drei. „Aufgeregt. Ich glaube die beiden mögen sich sehr. Geheimnisvoll. Das ergeben die Messungen meiner Sensoren, wenn ich in ihrer Nähe bin.“

Slim hörte kurz auf zu schrauben und sah Terminal an. „Du misst ihre Biodaten? Das ist aber nicht die feine Art, Mädchen. Sei anständig und lass das lieber sein. Das ist nämlich so, als würdest du jemanden belauschen, wenn er denkt ganz privat zu sein. Das müssen die beiden unter sich ausmachen.“

„Dankbar. Du bist ein guter Lehrmeister, Slim.“

Der Alte nickte. „Stimmt. Und jetzt mal die Flinxschrauben unter uns verteilt, was haben denn deine Messungen ergeben?“

„Freundlich. Ich habe sämtliche Biodaten vor einem Augenblick gelöscht. Lehrend. Das ist nämlich so, als würdest du jemanden belauschen, wenn er denkt ganz privat zu sein. Das müssen die beiden unter sich ausmachen.“

Slim gluckste vor sich hin. „Richtig so. Bring mir ruhig bei, was ich dir beigebracht habe.“ Mit einigen Drehungen saß der Viepalflansch wieder fest. „Wir sind hier gleich komplett fertig, Mädchen.“

„Erfreut. Schneller als gedacht“, sagte Terminal gewohnt emotionslos und sprang von  der Abdeckhaube des Skunpelleroszylinder herunter.

„Stimmt. Wir sind ein gutes Team. Und weißt du, so viel älter ist Bernard doch gar nicht. Vielleicht in Jahren, aber nicht an Leben. Da fehlt ihm so einiges. Aber das kann ihm Lovisa ja beibringen.“

„Erfreut. Das Stimmt.“

Slim klatschte ein letztes Mal auf den Lammulmenröhrer. „Fix und fertig. Geben wir unserer kleinen Sternenbraut das Okay. Bereit für den letzten Sprung.“

***

Mit einem Mal tauchte die SKUNKALLA im Normalraum auf. Von einem Augenblick zum Nächsten war sie im Illthanséa-System. Genau an der Stelle, an der auf der Sternenkarte nur leerer Raum war. Und tatsächlich, sie befanden sich scheinbar im Nichts.

Lovisa starrte aus aus dem Panoramafenster des Cockpits hinaus. Ihr war mulmig zumute. „Da ist nichts“ hauchte sie und klammerte sich ans Steuerrad. „Da sind noch nicht einmal Sterne. Und keine Sonne. Wir sind gestrandet. Ohne Sonnenwind sitzen wir fest.“

Slim, Terminal und Bernard traten neben Lovisa und blickten ebenfalls hinaus. Was sie sahen, war reine Finsternis, absolute Dunkelheit.

Bernard lächelte. Seine seinen Augen blitzten plötzlich golden auf und Lovisa starrte ihn fassungslos an. In Augen blitzen kleine Bilder auf, nur um sofort wieder zu verschwinden. Der Vampyrjunge schien vollkommen abwesend. Lovisa bekam Angst.

Mit einem Fauchen meldete sich Morle auf der Konsole. „Die Sensoren können nichts wahrnehmen. Aber jemand versucht mein System zu hacken.“

„Von wo?“ fragte Lovisa erschrocken. „Versuch ihn auszusperren. Niemand darf Zugriff auf den Computer der SKUNKALLA bekommen.“

„Vom Steuerstand aus. Ich glaube es ist Bernard“, mauzte Morle.

Slim und Lovisa starrten den Vampyrjungen erstaunt an. Der lächelte und sein Blick veränderte sich erneut. Noch immer war ein goldenes Funkeln zu sehen, aber die Bilder fehlten. „Keine Angst. Das ist ein Schutzmechanismus Illthanséas. Was die Schiffssensoren nicht erfassen, können sie nicht beschießen.“

„Aber wir sehen auch nichts“, erklärte Lovisa und zeigte nach Draußen. Da ist nichts, Bernard. Nichts!“

„Doch. Dort ist Illthanséa. Ich habe gerade mit meiner Großmutter gesprochen. Die Königin von Illthanséa erwartet uns.“

Mit einem Male fiel das Nichts und die Dunkelheit löste sich auf, als würden Myriaden von Insekten sich erheben und eine geballte Wolke aus Schwärze explodieren. Illthanséa zeigte sich der Besatzung der SKUNKALLA.

ENDE

Copyright © 2011, 2012 by Miriam Kleve

Nächstes kapitel

Abgelegt unter Allgemein, Autorenwerkstatt, Jugend, Science Fiction, Storys, sfb-Preisträger | 3 Kommentare »

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM – Stortstory von Bella C. Moremo

Erstellt von Bella C. Moremo am 31. Juli 2012

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM

Stortstory

von

Bella C. Moremo

Während Adam am Küchentisch saß und ein Stück Kuchen aß, beobachtete Eva voller Neugier, was sich auf dem Nachbargrundstück tat. Vor kurzem hatten ihre früheren  Nachbarn die Flucht ergriffen und Evas Tochter das Haus erstanden.

Seit den frühen Morgenstunden war dort ein stetiges Kommen und Gehen.

Evas Blick glitt über den unbeholfen wirkenden Mann, der mit hängenden Schultern den Regieanweisungen seiner Frau, kommentarlos folgte.

Mit den Vorbesitzern hatte es ja eigentlich sehr harmonisch begonnen. Doch an dem Tag, an dem die Nachbarn eine hohe Palisade errichteten, wurde Evas nachbarschaftliche Anteilnahme empfindlich gestört.

Jeden Tag hatte sie in Abwesenheit der Bewohner dem Nachbargrundstück einen Besuch abgestattet, damit auch ja alles seine Richtigkeit hatte.

Darüber hinaus hatte sie ihre Nachbarn auf die übervolle Mülltonne hingewiesen, deren Gestank bis auf ihr Grundstück gedrungen war und ihnen den wertvollen Tipp gegeben, die Weißwäsche nicht mit einem billigen Waschmittel zu waschen, um den ekelhaften Grauschleier und die vergilbten Streifen aus den Unterhosen, nachhaltig zu entfernen.

Ihre selbstlose Hilfsbereitschaft, Post und Päckchen des Paares sicher bei sich bis zu dessen Rückkehr aufzubewahren, war unverständlicherweise auf Abwehr gestoßen. Und das, obwohl ihr aufgefallen war, dass die Waren aus der Beate Use Kollektion diverse Mängel aufwiesen.

Selbst Klatsch und Tratsch, den sie in mühevoller fast schon detektivischer Kleinarbeit von den übrigen Anwohnern der Straße in Erfahrung gebracht hatte, waren in keinster Weise gewürdigt worden.

„Undank ist der Welten Lohn“, war seither Evas Leitspruch. Menschen wie ihre früheren Nachbarn, gehörten zu der Sorte, auf die dieser Spruch zutraf.

Um besser sehen zu können, beugte sich Eva weiter aus dem Fenster und wurde von Adam, der bisher still auf seinem Platz gesessen hatte, gestört.

„Die Leute tuscheln über uns. Wenn das so weitergeht, sind wir die Nächsten, die von hier wegziehen müssen.“

Eva musterte ihren Mann von oben herab und entgegnete scharf: „Wir sind nichts anderes als ein älteres Ehepaar, das sich für die Belange ihrer Mitmenschen interessiert.“

„Du hast natürlich recht,“ erwiderte ihr Mann kleinlaut und schaute sehnsüchtig auf das letzte Apfelkuchenstück, das allerdings auf dem Teller seiner Frau ruhte.

Doch seine Worte bekam Eva nicht mehr mit. Sie beobachtete ihre Tochter, die mit einem Feldstecher durch das Fenster des Nachbargebäudes schaute und den Arbeitseifer ihres Mannes im Auge behielt, bis das Inventar aus dem Umzugswagen, der vor der Einfahrt des gegenüberliegenden Gebäudes stand, abgeladen war.

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, murmelte Eva mit einem stolzen Lächeln und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie ihr Schwiegersohn in eine verhutzelte Frucht biss, die ihm seine frisch Angetraute als kleinen Pausensnack gönnte.

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Bella C. Moremo

Kaufempfehlung der Autorin:


Walther, Markus
EspressoProsa. Klein. Stark. (Manchmal) schwarz.

Verlag :      Acabus Verlag
ISBN :      978-3-86282-126-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      10,90 Eur[D] / 10,90 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 21.03.2012
Seiten/Umfang :      128 S. – 20,0 x 14,0 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 05.2012
Gewicht :      141 g

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

53 Kurzgeschichten to go

Was haben Espresso und Kurzgeschichten gemeinsam?
Beide werden ihrer Größe wegen – oder sollte man vielleicht eher sagen wegen ihrer geringen Menge – oft unterschätzt. Doch so wie in dem kleinen Tässchen eine geballte Ladung Koffein steckt, können sich selbst in der kürzesten Geschichte Universen auftun und sogar ganze Leben entfalten – manchmal braucht es nur eine Seite. In einer hohen Konzentration können sich hier Sinn und Unsinn frei entfalten und den Geist erhellen oder manchmal einfach nur belustigen.
EspressoProsa ist die Fortsetzung von Kleine Scheißhausgeschichten und entfaltet ebenso wie sein Vorgänger Humor und Geistreiches über die Wunderlichkeiten des Alltags und der Welt. Kurzweilig, aber dennoch pointiert versüßen sie die eine oder andere Tasse Kaffee. Und auch wer Kaffee und Humor lieber schwarz genießt, wird auf seine Kosten kommen.

Markus Walther, geboren 1972 in Köln, lebt seit 2006 mit seiner Frau und zwei Töchtern im bergischen Rösrath. Als ausgebildeter Werbetechniker begeisterte er sich bald für die Schriftgestaltung und machte sich 1998 als Kalligraph selbstständig. Neben dem Hobby der Malerei entwickelte sich das Schreiben.

»Meine literarischen Wurzeln liegen in den Texten von Terry Pratchett, Douglas Adams aber auch Mark Twain, Isaac Asimov, Edgar Allan Poe und Stephen King. Der Schwerpunkt meiner eigenen schriftstellerischen Arbeit liegt in der Gattung der Kurz- und Kürzestgeschichte. Ich finde es faszinierend, wie viel Un/Sinn auf eine Buchseite passt. Dabei darf der Minimalismus niemals auf Kosten des Lesevergnügens gehen. Die Gratwanderung zwischen Klischee und Pointe, Independent und Mainstream führt mich quer durch sämtliche Genres der Bücherwelt, in denen ich mich auch als Leser zuhause fühle.«

Neben den eigenen Buchprojekten engagiert sich Markus Walther u.a. zur Zeit im Autoren-Forum www.federfeuer.de als Moderator, schreibt für das Literatur-Portal www.globaltalk.de die Kolumne „Reden wir über …“ und ist Initiator und Mitorganisator der jährlich stattfindenden „Langen Lohmarer Lesenacht“.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Abgelegt unter Autorenwerkstatt, Bücher, Diskussionen, Storys | 3 Kommentare »

DER BIOBAUERNHOF – Eine futuristische Kurzgeschichte von Günther K. Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 29. Juli 2012

DER BIOBAUERNHOF

Eine futuristische Kurzgeschichte von

Günther K. Lietz

Rainer saß auf der Bank, ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen und kaute gemütlich auf einem Grashalm herum. Es war ein guter Tag. Alles war ruhig auf dem Hof. Die Bienen summten und die Blumen dufteten angenehm. Leise klassische Musik war zu hören. Rainer lächelte glücklich. Er hob seine linke Pobacke, furzte kräftig und kratzte sich dann im Schritt. Wohlig seufzte er. Das tat gut, sehr gut. Er griff nach seinem kalten Bier und nahm einen Schluck.

Gaby trottete an ihm vorbei und lächelte ihm zu. Sie war zwar schon in die Jahre gekommen, sah aber noch immer gut aus. Ihre vollen Brüste wippten in der prallen Sonne und kleine Schweißperlen rannen über die gebräunte Haut. Gaby ging hinüber zur Melkmaschine und Rainer sah ihr nach. Auch ihr Hintern ist erstklassig, dachte sich Rainer.

Vor ein paar Jahren noch wäre er aufgesprungen und auf Gabys Flirt eingegangen. Aber die Zeiten waren vorbei. Rainer war in die Jahre gekommen und ging sein Leben langsamer an.

Stets bedauerte er die Männer, die in der Stadt lebten. Als Junge war er einmal in der Stadt gewesen und es hatte ihm Angst gemacht. Rainer hatte mit seinem Großvater an einer Auktion teilgenommen. Die Erinnerung schmerzte noch immer. Die großen Gebäude, die vielen Menschen, überall Lärm und dann war sein Großvater im Gedränge verloren gegangen. Ein schlimmer Tag. Rainer schüttelte den Kopf, um die dunklen Erinnerungen zu vertreiben.

Dabei fiel sein Blick auf Elsa. Sie war vor einer Woche auf den Biobauernhof gekommen. Rainer schätzte sie auf vierzehn oder fünfzehn Jahre. Mit geübtem Auge hatte er sie in den letzten Tagen bereits taxiert. Backfischware von bester Qualität, war sein Fazit. Blond, blauäugig und schon ziemlich fraulich. Das mochte er.

Elsa drängte sich bei den anderen Frauen herum. Sie war noch immer etwas eingeschüchtert, musste sich einleben. Ihr Blick glitt zu Rainer hinüber und er lächelte sie freundlich an. Elsa wurde rot und blickte verschämt zu Boden. Rainer grinste und spürte, wie sich in seinem Schoß etwas regte. Elsa blickte wieder auf und bekam große Augen. Einige der Frauen lachten, bei anderen loderten eifersüchtige Blicke.

Behäbig stand Rainer auf, reckte sich und ließ dabei die warme Sonne auf seine Erektion scheinen. Er war gut gebaut, dass wusste er. Ein gut gebauter und potenter Kerl. Rainer grinste und trabte auf Elsa zu. Sie war bereits seit einigen Tagen auf dem Hof und nun wurde es Zeit, dass sie lernte, wie die Sache zu laufen hatte. Immerhin war er hier der Mann und hatte das Kommando.

Schüchtern presste sich Elsa mit dem Rücken gegen die Wand des Stalls. Grob drückte sich Rainer gegen ihren zierlichen, schlanken Körper. Er hatte sich vorgenommen, sie erst einmal zu streicheln, sie zu küssen, aber sie machte ihn einfach geil. Also drückte er sie ungeduldig auf den Boden. Elsa wehrte sich zwar zaghaft, aber schlussendlich ergab sie sich ihrem Schicksal und Rainer konnte ungehindert in sie eindringen. Elsa schrie überrascht auf.

Zwei Stöße später stöhnte Rainer wohlig und rollte sich erschöpft zur Seite. Überrascht sah Elsa erst an ihm, dann an sich hinab. Enttäuschung zeichnete sich in ihrem Gesicht ab.

Rainer war dagegen mehr als zufrieden mit seiner Leistung. Müde stand er auf, ging hinüber in den Stall und suchte sich eine ruhige Ecke. Er gähnte, beschloss nach dem Aufstehen Elsa erneut zu besteigen und schlief selig ein.

Plötzlicher Lärm ließ ihn aus dem Schlaf hochschrecken. Was war da los, verdammt noch mal? Rainer sprang wütend auf und stürmte aus dem Stall. Die Frauen standen zusammengedrängt in einer Ecke und blickte zum Himmel hinauf. Dort war ein Transporter im Anflug. Ein eckiger Kasten.

Die blöden Weiber, dachte sich Rainer und grinste. Er wusste was der Transporter bedeutete. Einen niedlichen Neuzugang, den er in ein paar Tagen flachlegen konnte. Im Gegensatz zu ihm fiel es den Frauen schwer, sich an die Transporter zu gewöhnen.

Der Transporter flog einen Halbkreis über den Hof und senkte sich dann langsam ab, bis er mit den Landestelzen den Boden berührte. Rainer trabte betont gelassen hinüber und warf einen neugierigen Blick auf die Ladeluke. Am liebsten wäre ihm etwas Brünettes.

Die Luke öffnete sich. Im Innenraum blieb es dunkel. Der Pilot piepte ungeduldig aus der Kanzel hinab. Rainer nickte verstehend. Den jungen Frauen fiel es immer schwer, aus dem Transporter zu kommen. Da, endlich waren zaghafte Schritte zu hören. Alle blickten auf die Öffnung, aus der sich ein junger, muskulöser Mann schob. Er blinzelte geblendet, legte eine Hand über die Augen und trat dann auf den Hof hinaus. Die Luke wurde wieder geschlossen, der Transporter hob ab und ließ die Menschen auf dem Biobauernhof zurück.

Rainer war fassungslos. Ein Mann. Kein Junge, sondern ein Mann. Die Jungen verließen spätestens nach zehn Jahren den Hof. Keiner von ihnen kehrte zurück. Mehr als dreißig Jahre hatte es auf dem Hof nur einen Mann gegeben: Rainer. Und jetzt das. Entsetzt fiel Rainers Blick auf das imposante Glied des Neuankömmlings. Die Frauen sahen ebenfalls hin und kicherten. Der Neue wurde rot, lächelte zurück und bekam prompt eine gewaltige Erektion. Rainer sah rot!

Mit einem wütenden Grollen aus tiefster Kehle stürmte er los und traf den Neuen frontal. Der segelte einige Meter durch die Luft und kam schwer auf. Regungslos blieb er liegen. Es dauerte einige Sekunden, bis er wieder zu Atem kam und sich aufsetzte. Ängstlich blickte er zu Rainer. Der stand triumphierend und breitbeinig vor dem Neuen. Plötzlich erwischte Rainer ein gewaltiger elektrischer Schlag. Der Bauer war offenbar wegen irgendetwas wütend.

* * *

Die nächsten Tage waren für Rainer ziemlich unangenehm. Der Neue hatte einen Namen bekommen: Carlo! Und die Frauen mochten ihn. Sie lächelten ihm zu, sie wippten mit ihren Brüsten vor seinen Augen herum und reckten ihre Hintern in seine Richtung. Eine ungewohnte, bedrohliche Situation für Rainer. Und der Bauer schien Carlo ebenfalls zu mögen. Jedesmal wenn sich Rainer Carlo vornahm und zusammenschlagen wollte, ging der Bauer dazwischen. Also war Rainer dazu übergegangen, günstige Augenblicke abzuwarten, um Carlo einen schnellen Schlag oder Tritt zu verpassen.

Am schlimmsten war aber, dass Elsa dem Neuen ebenfalls schöne Augen machte. Aber noch war Rainer der Mann. und das zeigte er ihr bei jeder Gelegenheit, wenn sich mal wieder eine Erektion einstellte. Doch als er das letzte Mal Elsa bestieg, war der Bauer wütend geworden. Aber was hätte Rainer machen sollen?

Genau in dem Augenblick als er in sie eindrang, warf sie Carlo schmachtende Blicke zu. Das hatte Rainer abgelenkt und er hatte länger gebraucht, um fertig zu werden. Merklich länger. Das schien wiederum Elsa gefallen zu haben, die trotzdem dem Neuen schmachtende Blicke zuwarf. Also hatte Rainer ihr einen Hieb in den Bauch verpasst, sobald er fertig war. Und prompt erwischte ihn ein elektrischer Schlag. Und zwar ein besonders heftiger.

Missmutig saß Rainer nun wieder auf seinem Lieblingsplatz und beobachtete müde den Hof. Er war unzufrieden und unglücklich. So viele Jahre hatte er treu seinen Dienst verrichtet. Und das war der Lohn.

Mit halb geschlossenen Augen sah er zu, wie Gaby mit ihren schweren Brüsten zur Melkmaschine ging. Sie presste ihren Oberkörper gegen die metallischen Halbkugeln, die summend zum Leben erwachten. Wohlig seufzend lehnte sich Gaby nach vorne, während die Milch abgepumpt wurde. Normalerweise mochte Rainer diese Augenblicke. Dann war es am leichtesten eine der Frauen zu bespringen.

Nach dem Melkvorgang öffnete sich eine Klappe und ein brauner Riegel war zu sehen. Die Halbkugeln lösten sich von den Brüsten und die Maschine verstummte. Glücklich nahm Gaby den Riegel aus der Klappe und biss hinein. Bis vor ein paar Jahren noch hatte es keine Riegel gegeben und der Bauer war noch selbst in den Stall gekommen, um die Milch abzupumpen. Rainer seufzte und sah zur Seite. Entsetzt und wütend riss er die Augen auf.

Etwas Abseits hatte sich Elsa weit nach vorne gebeugt. Ihr Kopf war hochrot und die Gesichtszüge verzerrt. Hinter ihr stand Carlo und presste seinen Unterleib rhythmisch gegen den Hintern der Kleinen. Das war zuviel für Rainer.

Er stürmte entschlossen los. In gerader Linie und mit erhobenen Fäusten auf Carlo zu. Beim Näherkommen hörte Rainer das wohlige Seufzen von Elsa und beschleunigte weiter. Ungebremst prallte er gegen Carlo, der vollkommen überrascht zu Boden ging. Noch bevor der Bauer reagieren konnte, donnerten Rainers Fäuste nach unten und brachen zwei von Carlos Rippen. Dann kam der elektrische Schlag. Doch Rainers Wut war viel zu groß, um den Schmerz zu bemerken und erst der nächste, stärkere Schock, fegte Rainer zur Seite.

* * *

Der Bauer hatte Rainer ordentlich bestraft. Doch schlimmer als die elektrischen Schläge, waren die triumphierenden Blicke von Carlo, als Rainer, an allen vorbei, zum Transporter gebracht wurde. Gaby sah traurig zu Boden. Er würde sie vermissen. Rainer wollte einen Schritt auf sie zumachen, um sie tröstend zu streicheln, aber der Bauer ließ es nicht zu.

Kurz darauf saß Rainer im Transporter auf einer kalten Metallbank. Es waren auch weitere Menschen hier. Viele Frauen, alt und mit hängenden Brüsten. Einige alte Männer mit schlaffen Muskeln. Einigen der Männern fehlten die Hoden. Die Blicke der Menschen waren leer, hoffnungslos. So wie bei Rainers Großvater.

Irgendwann senkte sich der Transporter wieder ab und die Luke wurde geöffnet. Ein stechender Geruch füllte den Innenraum aus. Es stank nach Fäkalien und Schlimmerem. Der Geruch der Stadt, erkannte Rainer.

Ein Bauer stand an der Luke. Mehrere feine Antennen ragten aus seinem tonnenförmigen Metallkörper und winkten die Menschen heraus. Einige folgten der Aufforderung, andere blieben sitzen. Ein elektrisches Summen war zu hören, die Androhung einer Bestrafung. Nun setzten sich alle in Bewegung. Bis auf zwei Frauen, die regungslos in der Ecke kauerten.

Der Bauer schwebte in den Transporter und bohrte einige seiner Antennen ins Fleisch der Frauen, die er dann in ihren Körpern zu Haken umwandelte, um die beiden Kadaver hinter sich herzuziehen. Draußen wurde Rainer von zwei weiteren Bauern in Empfang genommen.

Sie befanden sich in einer großen Halle. Von überall waren laute Geräusche zu hören. Vor allem kreischendes Metall, vereinzelt sogar ein lauter Schrei. Hier gibt es noch Menschen, die sprechen können, dachte Rainer. Sein Großvater war auch einer von ihnen gewesen. Er hatte zur letzten Generation gehört, die noch ihre Zunge besaß. Die wurden normalerweise in jungen Jahren entfernt. Das wusste Rainer vom Hof. Danach waren die Babys still und alle hatten ihre Ruhe.

Rainer wurde von einem der Bauern in Empfang genommen und einen langen Gang entlanggeführt. Wohin bringen sie mich wohl, dachte er sich. Er hoffte auf einen anderen Hof, ohne einen Carlo, der ihm die Frauen streitig machte. Ein Hof mit viel Bier und viel Sonne. Rainer lächelte verträumt.

Der Weg endete in einem kleinen Raum. Blut und Wasser schwappte über den Boden. Auf einem langen Metalltisch lagen aufgeschlitzte Menschen, in einem Eimer schwappten Innereien. Es dauerte einen Augenblick, bis Rainer die Szene vollends begriff und schreien wollte. Doch dazu fehlte ihm die Gelegenheit. Einer der Bauern legte Rainer zwei Antennen an die Schläfe und dann gab es einen elektrischen Schlag. Rainer sackte zu Boden, alles fühlte sich taub an und er konnte nur noch schlecht sehen. Aber noch war er bei Bewusstsein, wenn auch bewegungsunfähig.

Was soll das alles? Rainer war ratlos, entsetzt und er hatte Angst. Wahnsinnige Angst. Einer der Bauern kam auf ihn zu und schlug Haken in Rainers Füße, an denen der Mensch dann hochgezogen wurde. Langsam kehrte das Bewusstsein wieder zurück und der Schmerz. Rainer sah wie der Bauer einen leeren Eimer unter ihn schob und sich eine der Antennen in ein Gerät mit scharfer, rotierende Scheibe am Ende umwandelte. Dann schlitzte die Säge Rainer auf.

Ende

Copyright 2012 (c) by Günther K. Lietz, all rights reserved


Buchtipp des Autors:

Dahlke, Ruediger
Peace Food

Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt

Verlag :      Gräfe und Unzer Edition
ISBN :      978-3-8338-2286-5
Einband :      gebunden
Preisinfo :      19,90 Eur[D] / 20,50 Eur[A] / 28,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 11.08.2011
Seiten/Umfang :      ca. 336 S. – 21,0 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum :      4. Aufl. 01.09.2011

Unsere Ernährung kann uns krank machen – oder heilen. Dies ist das flammende Plädoyer des Ganzheitsmediziners Rüdiger Dahlke für eine Ernährung des Friedens. Aus seiner Sicht enthält unsere Nahrung zu viel Totes und macht deshalb unglücklich. Die Auswirkung der Angsthormone des Schlachtviehs auf unsere Seele sind zwar noch nicht erschöpfend erforscht, eine umfangreiche chinesische Langzeitstudie hat aber zweifelsfrei bewiesen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Krebsinzidenz gibt. Und Krebs ist aus Dahlkescher Sicht eindeutig eine Krankheit der Seele.

Diesem Szenario stellt er die heilende Ernährung entgegen: Die neuesten neuroendokrinologischen Erkenntnisse zeigen welche Hormone unsere seelische Balance bestimmen und wie sie mit hochwertigen Kohlenhydraten und Fetten befeuert werden. Kein Dahlke-Buch ohne direkten Nutzen: Ein Rezeptteil mit dreißig veganen Genussrezepten zeigt, wie schmackhaft Nahrung für die Seele sein kann.

Dr. med. Ruediger Dahlke, Jahrgang 1951, studierte Medizin in München. Weiterbildung zum Arzt für Naturheilweisen, in Psychotherapie und Homöopathie. Seit 1978 ist er als Psychotherapeut, Fasten-Arzt und Seminarleiter tätig. Als Autor und Referent ist er eine Instanz im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Gesundheitsbewegung. Im Heil-Kunde-Zentrum Johanniskirchen/Niederbayern wird seine Arbeit seit 15 Jahren in die Praxis umgesetzt. Seine Fasten-Seminare “Körper – Tempel der Seele” (für Einsteiger) und “Fasten, Schweigen, Meditieren” (für Fortgeschrittene) erfreuen sich regen Zuspruchs.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Abgelegt unter Allgemein, Autorenwerkstatt, Bücher, Phantastik, Science Fiction, Storys, Wissenschaftliche Spekulationen | 13 Kommentare »

DER GEFANGENE – aus: “Brannon mac Ruith – Dämon der Spiegelkrieger” von Cameo Flush

Erstellt von Cameo Flush am 29. Juli 2012

DER GEFANGENE

aus: “Brannon mac Ruith – Dämon der Spiegelkrieger”

von Cameo Flush

Kapitel  1

A. D. 194, Dezember

Es war dunkel und jegliches Gefühl für Zeit war Cumail längst verloren gegangen. Zu Beginn seiner Gefangenschaft hatte er noch versucht, die Tage mittels in die Wand geritzter Striche zu zählen. Aber seine Kerkermeister nahmen ihm alles weg, was dazu dienlich sein konnte, kaum das sie Cumails Markierungen entdeckten. Auch die Abstände, in denen man ihm Wasser und Dinge brachte, die er essen sollte, zu Beginn seines Aufenthaltes aber nicht hinuntergebrachte, halfen ihm nicht, die verstrichene Zeit zu messen. Mit perfidem Vergnügen kamen seine Wächter zu den unterschiedlichsten Zeiten und warfen ihm das Essen vor die Füße. Mittlerweile aß er auch das, was er auf Ynys Môn niemals über die Lippen gebracht hätte. Trotzdem litt er ständig Hunger. Lediglich den Krug mit Wasser stellten sie ab. Widerwillig wie ihm schien und mehr als einmal stieß einer der Wächter ganz zufällig dagegen und er musste zu dem Krug eilen, um wenigstens den Rest zu retten, der sich noch darin befand.

Cumail verfluchte sich, dass er so dumm gewesen war zu glauben, er könne aus dem Sohn der Königin einen anständigen Picten machen. Er wenig tröstete ihn der Gedanke, dass er nicht der einzige Druide war, der sich etwas vorgemacht hatte. Jahrelang ignorierte er mit bewundernswerter Geduld die ständigen Obszönitäten, die ihm sein Schüler an den Kopf warf. Auf Beleidigungen antwortete er mit Wissen, höhnisches Gelächter erwiderte er mit leiser, betonter Stimme und bösartiges Grinsen vergalt er mit freundlichen Worten. In all den Stunden seiner Lehrtätigkeit war er immer zu der Einsicht gelangt, dass sein Schüler jedes seiner Worte aufsog wie trockener Boden die lang ersehnten Regentropfen. Das Gesicht seines Schülers mochte bei aller äußerlichen Schönheit noch so abstoßend verzerrt gewesen sein, die Augen jedoch ließen eine unendliche Neugier und permanente Wachsamkeit erkennen, die ihn erfreute und erschreckte zugleich.

In Diskussionen mit Yan mac Ruith und Púca wurde lange darüber debattiert, wo sie die Grenze ziehen sollten zwischen dem Wissen, dass sie Brannon mac Ruith, ihrem Schutzbefohlenen, angedeihen lassen wollten und dem Wissen, dass er nie erfahren durfte. In vielen Details waren sie sich uneins gewesen und stets hatte am Ende Yan mac Ruith, der Vaterbruder Brannons, entschieden. Doch in einem Punkt waren sich alle Druiden einig gewesen:

Brannon mac Ruith durfte niemals erfahren, dass sein Vater ein Druide war und seine Mutter die Königin aller Cruithin ist.

Und kein einziges Wort über die Tafel.

Niemand von ihnen ahnte damals, dass er dieses Wissen längst besaß.

 *

Cumail wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war, als man ihn wieder einmal aus dem Schlaf riss, mit harten Griffen auf die Beine half und ihm die Augen verband. Sie kamen immer zu dritt und er fühlte sich durch diese Zahl tatsächlich geschmeichelt. Zeigte es ihm doch, dass sie es immer noch für nötig befanden, einem alten Druiden wenigstens drei ausgewachsene Krieger gegenüberzustellen. Natürlich war er längst so abgemagert und entkräftet, dass auch ein einziger Krieger vollauf genügt hätte, um ihn zu bändigen.

Er lachte bei diesem Gedanken auf und dachte an die Zeiten zurück, als die zehnfache Menge an Kriegern nicht ausgereicht hätte, um ihn und seine Kräfte auszuschalten. Doch die miserable Ernährung, die ständige Kälte, der Hunger und nicht zuletzt die Folterungen machten aus ihm ein wandelndes Skelett. Der unregelmäßige Schlaf, ständig unterbrochen und die fast permanente Dunkelheit zehrten an seinen inneren Kräften und verweigerten ihm jedweden Zugriff auf druidisches Wissen und die dafür zwingend notwendige Konzentration. Er fühlte sich wie ein leerer Eimer, der sich daran erinnerte, wie es einmal war, mit frischem Wasser bis an den Rand gefüllt zu sein. Im Grunde sehnte er sich längst nach dem Tod und eine Ahnung in ihm wurde von Tag zu Tag stärker, dass es ein Gnadenakt wäre, würde er einfach an Entkräftung sterben und zu Boden stürzen. Doch genauso ahnte er, dass ihm diese Gnade vorenthalten bleiben würde.

Wie sehr habe ich versagt?, dachte er und nahm den Schlag des Wärters hin, der sein Auflachen missverstand.

„Halt´s Maul, alter Sack!“

Er kannte längst den Weg zu der Kammer, in der ihn Brannon verhören würde. Oder auch Alain, dessen Sklave. Mit Schock und allergrößter Bitterkeit hatte Cumail reagiert, als er in einer der Stimmen seiner Bewacher die des Sohnes von Fionnghal mac Carnonacae, des Fürsten des Bärenclans, erkannte. Er fragte sich ununterbrochen, wie es Brannon geschafft hatte, aus diesem Bär von einem Mann einen gehorsamen Schoßhund zu machen. Es erschreckte ihn, dass ein Mann, nein, im Grunde ein Kind – ohne jegliche druidische Ausbildung – sich eines ausgewachsenen Pictenkriegers bemächtigen konnte.

Seine Gedanken wurden von der Erkenntnis unterbrochen, dass sie nicht den üblichen Weg nahmen. Anstelle zwei Mal links, dann geradeaus und anschließend rechts abzubiegen, waren sie nur einmal links, dann geradeaus und wieder links gelaufen. Er erhielt er mit einem erneuten unerwarteten Richtungswechsel die Bestätigung, dass sie tatsächlich nicht in den üblichen Verhörraum liefen, als ihm klar wurde, was das bedeuten konnte.

Heute werde ich sterben.

Ein Teil von ihm erschrak und auch die Furcht vor Schmerzen schwappte an die Oberfläche seines Bewusstseins, sodass er strauchelte und ihn die Gänsehaut aufsteigen ließ. Ein anderer Teil begrüßte sein kommendes Ende mit Erleichterung.

„Reiß dich zusammen!“, fuhr ihn einer der Männer an und schlug ihm die Faust in den Rücken. Er torkelte blind durch den Gang und musste sich mit den Händen an den rauen Wänden abfangen. Schon einmal hatte er versäumt, sich vor den nur sehr grob behauenen Steinen der Gänge zu schützen und sich das Gesicht daran aufgerissen. Die Wunde hatte lange geblutet, blieb natürlich unbehandelt und war sogar jetzt noch nicht richtig verheilt.

Wahrscheinlich bleibt mir nicht mehr die Zeit, dass sie sich wieder erholt, dachte er und wurde von einem anderen Mann am Genick gepackt und nach vorn gestoßen.

„Bleib dort stehen!“

Er befolgte den Befehl und hörte mit einem dumpfen Schlag eine offensichtlich massive Tür hinter sich zufallen. Die Schritte seiner Eskorte entfernten sich und Cumail stand ein wenig zittrig in einem kalten Raum. Zumindest vermutete er, dass es ein Raum war, denn die Geräusche seiner Bewegungen wurden von nahe stehenden Wänden zurückgeworfen. Er hatte schon immer ein ausgezeichnetes Gehör besessen.

Ein kleine Zelle.. 

Als einige Zeit nichts geschah, wagte er es, eine Hand an die Binde zu heben, die man ihm über die Augen gebunden hatte. Fast zögerlich berührte er den dreckigen Stoff.

„Nur zu, Cumail“, drang die Stimme Brannon mac Ruiths plötzlich auf. Cumail hasste diesen süßlichen Ton.

Glaubt er, mich damit einlullen zu können?, dachte er und schob die Binde von den Augen. Doch es blieb dunkel. Er ließ die Binde einfach fallen und hob den Kopf. Konnte es sein, dass die Stimme seines obersten Wärters ein wenig von oberhalb gekommen war? Cumail hob den Kopf etwas höher und drehte ihn nach links und rechts.

„Streng dich nicht an, alter Mann, ich bin hier“, kam es im gleichen Tonfall von rechts über ihm.

Cumail blinzelte in diese Richtung und konnte immer noch nichts sehen.

Mein Augenlicht ist trotz meines Alters noch sehr gut und bei den bisherigen Folterungen hat man fast peinlich darauf geachtet, dass meine Augen unversehrt blieben.

Nicht das Cumail sich über dieses Vorgehen beschwert hätte. Aber es war ihm klar, dass Brannon eine entsprechende Anweisung ausgesprochen und er die Verschonung der Augen aus einem ganz bestimmten Grund befohlen hatte.

Er will mir etwas zeigen oder mich mit dem Anblick von etwas gänzlich Schrecklichem besonders quälen. Nur mit was?

Plötzlich wurde eine Kerze entzündet und ihre kleine Flamme erschien ihm wie ein glühendes Eisen, das in seine Augen stach. Sofort schloss er die Lider und erinnerte sich nur zu gut echter Eisen, die man ihm mehrfach in die Haut gedrückt hatte. Es erstaunte ihn noch jetzt, dass er diese Marter mit grässlichen Schreien und Herzrasen überstanden hatte und nicht zusammengebrochen oder einfach gestorben war.

Die Kunst des Foltermeisters ist es, den Delinquenten so lange am Leben zu lassen, wie es ihm befohlen wurde. Oder bis man jede Information aus ihm herausgepresst hatte, die man haben wollte.

„Soll ich die Kerze wieder löschen Cumail?“, kam es von oben und der Angesprochene empfand die gespielte Besorgnis genauso abstoßend wie diese ekelhafte Süße in Brannons Stimme. Er erwiderte nichts auf die Frage, sondern senkte einfach den Arm, den er zusätzlich vors Gesicht gehoben hatte. Er blinzelte ein paar Mal, dann konnte er das Licht der Kerze ertragen, ohne weiße Flecke auf seiner Netzhaut tanzen zu sehen.

„Du fragst dich sicherlich, warum du heute in diesem Raum befragt wirst und nicht in deiner gewohnten Zelle.“

Als ob man sich an Folter gewöhnen könnte, dachte der Druide und sah sich in der Kammer um. Alle vier Wände des rechteckigen Raumes waren mit Regalen bedeckt, nur von der massiven Tür unterbrochen. Doch in den Regalen stand kein einziger Gegenstand, außerdem waren die Bretter nach vorn mit dichten Gittern versehen.

Was soll ein Regal, in das man nicht hineingreifen kann, um dessen Inhalt in die Hand zu nehmen? Und als Schutz für wertvolle Gegenstände scheint mir der ganze Raum nicht gedacht, überlegte er und versuchte die weiteren Worte Brannons von sich zu drängen, gänzlich unhörbar machen konnte er sie leider nicht.

„Weißt du, Cumail, heute ist ein besonderer Tag“, schwatzte die klebrige Stimme weiter. „Ich habe die Zeit mir dir genossen, wirklich. Und ich bin dir sogar dankbar für deine Ausbildung.“

Oh ja, zuckte es durch Cumails Kopf und beinahe hätte er seine Nichtbeachtung seines Gastgebers fallen lassen. Wie falsch lagen wir? Wir dachten, dass man mit Lehre und Wissen einen verderbten Geist heilen könnte. Nun haben wir aus einem dummen Mörder einen gelehrten Mörder gemacht!

„Ich habe mich entschlossen, deinen Aufenthalt hier zu beenden.“

Cumails Kopf ruckte nach oben und im gleichen Augenblick ärgerte er sich, dass er sich nicht besser in der Gewalt hatte. Seine Wut auf sich selbst half ihm jedoch den Anblick zu ertragen, den er im schwachen Licht der einzigen Kerze deutlicher sah, als ihm lieb war.

Brannon stand an der Kante einer der Wände, die sich nun als Bestandteil einer kleinen Grube erwiesen. Mit einem schnellen Blick erkannte Cumail, dass die Grube die Mitte eines größeren Raumes darstellte.

Wie eine Galerie mit Sitzplätzen für Zuschauer, zuckte es durch sein Hirn. Er will meinen Tod zu einem Schauspiel machen. Genügt es ihm nicht mehr, sich selbst an Perversitäten zu ergötzen? Braucht er nun schon ein Publikum, um sich zu erhöhen?

Aber außer Brannon schien sich niemand weiterer auf der Galerie aufzuhalten. Vielleicht standen sie aber auch reglos im Schatten und würden erst zu Beginn der Folter nach vorne treten. Cumail verlegte sich wieder auf die Musterung der Grube, in der er stand.

Der Boden war festgetretene Erde, durchsetzt mit kleinen Steinchen und allerlei Flecken, von denen er überzeugt war, dass sie getrocknetes Blut waren. Die Gitter überzogen tatsächlich alle Wände. Nun, da er genauer hinsah, sah er an manchen Stellen kleine Scharniere, die jeweils einen handgroßen Teil der Gitter in kleine Öffnungen verwandelte. Wieder kam ihm die ganze Konstruktion sehr befremdlich vor. Er konnte sich keinen Zweck vorstellen, der Öffnungen erklärte, die einen begrenzten Zugriff – auch mit dünnen Armen – in die Regale erforderte.

„Ich sehe, du machst dir Gedanken um mein kleines Spielzeug hier.“

Hätte Cumail irgendeinen Gegenstand besessen, hätte er ihn mit aller verbliebener Kraft der Quelle der pappig-ätzenden Stimme entgegengeschleudert. Stattdessen hob er den Kopf und blickte seinem Widersacher endlich in die Augen.

„Ich bin nicht zu Spielen aufgelegt, Jungchen!“, donnerte er. „Sag, was du sagen musst und dann mach ein Ende. Von mir wirst du niemals das Versteck der Tafel erfahren.“

Dabei musste er sich wirklich zusammenreißen, um den Anblick des jungen Mannes zu ertragen, zu dem Brannon geworden war: Mindestens zwei Meter groß, wenn nicht sogar ein wenig mehr. Dabei nach dem Alter immer noch ein Jüngling von nicht einmal 14 Jahren!

Ein blutjunger Dämon im Körper eines erwachsenen Mannes.

Cumail fand immer noch keine Erklärung für dieses enorm beschleunigte Wachstum. Alle, die Königin, ihr Schwager und der gesamte Druidenorden auf Ynys Môn, rätselten seit Brannons Geburt über dessen rapide Entwicklung. Und was sie alle noch mehr erschreckte, war die unverhohlene Bosheit, Aggressivität und Perversion des Jungen. Cumail schüttelte – wie er glaubte – unmerklich den Kopf, aber Brannon sah die Bewegung sehr wohl.

„Schüttelt es dich bei meinem Anblick? Gefällt dir etwa meine neue Haut nicht?“, sagte er provozierend und bewegte seine Arme in den Lichtschein der Kerze.

Cumail fühlte weiteren Ekel in sich aufsteigen, als er die Haut- und Fellfetzen an Brannon kleben sah. Plötzlich nahm er den Geruch frischen Blutes wahr, der durch die Bewegung scheinbar zu ihm herunterdringen konnte. Die meisten Teile waren Stücke von Tieren, doch andere waren eindeutig menschlichen Ursprungs. Als wären sie besondere Trophäen, präsentierte Brannon ihm Hautstücke mit weiblichen Brustwarzen, die nun seine starken Oberarmmuskeln zierten. Auf seiner breiten Brust pappten mehrere Nasen und Ohren, großzügig umgeben von der Gesichts- und Kopfhaut der Opfer. Als Cumails Blick auf die Bauchmitte Brannons fiel, würgte er hart; doch in seinem Magen befand sich nichts, was er hätte herauskotzen können. Der Anblick sich in raschem Takt vor- und zurückziehender Bauchmuskeln – und der darauf mit Blut befestigten Vagina – färbte sein Gesicht grünlich. Er spuckte verächtlich aus und wandte sich ab.

„Oh, freut dich dieser Anblick nicht?“, höhnte Brannon. „Ich wollte dir zum Schluss eine Freude machen, alter Mann. Ich glaube nämlich, dass es schon sehr her lange ist, seit du eine feuchte Fotze so pulsieren gesehen hast.“ Dann wandelte sich die süße Stimme plötzlich in ein eiskaltes Knirschen.

„Oh doch, du wirst mir das Versteck der Tafel verraten, alter Mann. Ich habe viele Freunde, die mir dabei behilflich sein werden. Und ein paar – zumindest am Anfang – wirst du sogleich kennenlernen.“

Mit einer raschen Bewegung löschte Brannon das spärliche Licht der Kerze und nur Augenblicke später knirschte es metallisch an mehreren Stellen rings um Cumail.

Die Scharniere, blitzte es durch den Druiden.

Dann hörte Cumail zunächst ein leises Fiepen, gefolgt von zwei, drei antwortenden Pfiffen. Und bald darauf das leise Rascheln und Trappen vieler Füße. Mit einem Mal war Cumail klar, wofür die vergitterten Regale dienten. Es waren Lauframpen für das, was nun auf ihn zurannte.

Ratten.

- Ende -

Copyright © 2012 by Cameo Flush

 

Spiegelkrieger-Trilogie:
Band 1: “Túan mac Ruith – Druide der Spiegelkrieger”
Band 2: “Arianrhod mac Ruith – Königin der Spiegelkrieger”
Band 3: “Brannon mac Ruith – Dämon der Spiegelkrieger”

Buchtipp des Autors:

Meißner, Tobias O.
Die Dämonen

Am Ende der Zeiten

Verlag :      Piper
ISBN :      978-3-492-70232-4
Einband :      Paperback
Preisinfo :      15,99 Eur[D] / 16,50 Eur[A] / 22,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Seiten/Umfang :      464 S.
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      2. Aufl. 11.2011

Adain ist ein Wiederkehrer, ein Dämon, der seine Form verändern kann, und der Einzige seiner Art, der die Schlacht von einst überlebt hat. Nachdem er jahrhundertelang die Lehren des Dämonenkönigs studiert hat, treibt ihn nun die Neugier aus der Tiefe. In Menschengestalt verschafft er sich Zutritt in jene zerstörte neue Welt, die nicht nur fremdartiges Leben erschaffen hat, sondern auch abscheuliche Gefahren. Und als Adain in den Besitz der wertvollsten Substanz der alten Zeit gelangt, sieht er den Moment für eine neue dämonische Invasion endlich gekommen.

Tobias O. Meißner, geboren 1967, studierte Kommunikations- und Theaterwissenschaften. Seit 1997 verdient er seinen Lebensunterhalt zur Hälfte als Farbrikarbeiter, zur Hälfte als freiberuflicher Schriftsteller. Der Autor lebt in Berlin.

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Abgelegt unter Allgemein, Autorenwerkstatt, Bücher, Diskussionen, Fantasy, Historisch, Storys | 15 Kommentare »

DAS GOLDENE LICHT DES EWIGEN LEBENS – Leseprobe aus “Danger Zone” von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 29. Juli 2012

DAS GOLDENE LICHT DES EWIGEN LEBENS

Leseprobe aus “Danger Zone”

von Werner Karl

1. Stunde

„Dr. Hauss.“ Die Krankenschwester schüttelte den Arzt heftig an der Schulter. „Dr. Hauss, wachen Sie auf!“ Sie drehte sich um und machte das Licht im Aufenthaltsraum des Arztes an. Als sie sich ihm wieder zuwandte, hatte er sich schon aufgerichtet. Zahllose Male war er schon auf ähnlich unsanfte Art geweckt worden. Und immer war es nötig gewesen, ihn aus seinem verdienten Schlummer zu reißen. Verschlafen tastete er nach seiner Brille und blinzelte ihr dabei mit verschwollenen Augen ins Gesicht.

„Katrin, was gibt es, dass Sie schon wieder versuchen, mich umzubringen?“, murmelte er nicht ganz ernst. „Brennt die Station oder haben wir heute Nacht mehr als einen umgebracht?“, fragte er mit schon deutlicherer Stimme, aber immer noch mit halb geschlossenen Lidern. Wo habe ich nur meine verdammte Brille hingelegt?

„Weder noch, Doktor, aber Sie sollten sofort eine Visite machen.“ Ihre Stimme schwankte ein wenig, hatte Sie doch gerade dem Oberarzt der Intensivstation mehr oder weniger einen Befehl erteilt. Oder hörte er einen Anflug von Panik in ihrer Stimme? Nein, eher Erstaunen.

„Eine Visite? Um vier Uhr morgens?“ Er hatte seine Brille immer noch nicht auf, konnte aber die feinen Linien der Ziffern auf seiner Armbanduhr einwandfrei erkennen. Nun war es an ihm, erstaunt zu sein.

„Ich… es tut mir leid, aber der Dienst habende Arzt hat nach Ihnen verlangt, Doktor. Er weiß sich keinen Rat und hat mich gebeten..“, lenkte sie ihn von seiner Suche ab.

„Ist schon gut Katrin, ich komme ja. Aber seien Sie so gut und besorgen mir einen anständigen Kaffee, ja? Nicht die Plörre aus der Kantine, sondern von dem guten Schwesternkaffee.“ Er lächelte sie dabei an und sie strahlte zurück, zufrieden die Verantwortung los zu sein.

„Aber gern.“ Sie wollte aus dem Zimmer eilen.

„Stopp, Schwester. Wo ist Dr. Münnering jetzt?“

„Oh, Entschuldigung, in Raum 7 bei dem Feuerwehrmann. Er… er ist aufgewacht und hat nach Essen verlangt.“

„Er hat was?“ Bevor sie ihm antworten konnte, stürmte Dr. Hauss an ihr vorbei und hatte nach dreißig Schritten Raum 7 erreicht. Dr. Münnering stand, umgeben von zwei Assistenzärzten und einer weiteren Schwester, vor dem Bett des Feuerwehrmannes und lachte gerade herzhaft, als er Dr. Hauss bemerkte.

„Guten Morgen, Hannes“, begrüßte ihn Münnering. „Du siehst schrecklich aus.“

„Danke, du auch“, spottete Dr. Hauss und schob sich durch die Gruppe zum Patienten vor. Der saß scheinbar quietsch vergnügt aufrecht im Bett und blinzelte der zweiten Schwester zu. Mit einem Blick überflog Hauss die Anzeigen der Überwachungsgeräte und Monitore. Ausnahmslos zeigten sie grüne Werte an.

„Vielen Dank, Doktor, Sie haben mich wieder zusammengeflickt“, begann der Feuerwehrmann, bevor Hauss auch nur ein weiteres Wort sagen konnte. „Muss mich schwer erwischt haben, wenn ich hier auf der Intensiv liege, was? Wie lange war ich denn weg?“, fragte er, eher neugierig als besorgt.

„Viereinhalb Wochen“, entgegnete Dr. Hauss automatisch und staunte immer mehr. Ein zweites Mal kontrollierte er die Anzeigen, dieses Mal aber konzentriert und vollständig.

„Wochen?!“ Nun zeigte der bullige Mann doch, dass auch er Nerven hatte. „Was … was hat mich denn erwischt?“

„Sie haben die volle Wucht einer Gasexplosion abbekommen“, sprang Dr. Münnering für den immer aufgeregter werdenden Hauss ein. „Ihre Haut war zu vierzig Prozent verbrannt und wir haben Sie in ein künstliches Koma gelegt, um die anderen Verletzungen behandeln zu können. Dreifacher Bruch des Beckens, Splitterbrüche in beiden Beinen und einen Lungenriss“, zählte Münnering auf.

„Oh Mann, ich hab´ nen vollen Filmriss. Kann mich nur noch daran erinnern, wie ich mit zwei Jungs die Treppe hoch stürmte. Wie geht es den beiden?“

„Die haben nur leichte Schrammen, die Wucht hat sie gegen ihre Kollegen geschleudert. Sie wirkten wie ein Schutzschild für die beiden“, warf jetzt Dr. Hauss ein und unterbrach seine Untersuchung, die er während des Gespräches der beiden vorgenommen hatte. Wieder suchte er nach seiner Brille, fand sie nicht und setzte sich auf den Bettrand. „Sie sind völlig gesund …“, sagte er langsam und betont. „Ihre Haut ist zwar etwas rosig, aber jede Verbrennung ist verschwunden. Kein sichtbares Narbengewebe, keine Schwellungen an den Bruchstellen ihrer Beine und am Becken, sogar die Nähte von ihrer Lungen-OP sind weg …“

„Nun, Doktor, ich danke Ihnen nochmals. Sie haben´s hingekriegt. Was haben Sie gemacht?“ So langsam dämmerte es dem Feuerwehrmann, dass sein Zustand nicht seinen Verletzungen entsprach.

„Nichts. Ich meine Nichts außer der Lungen-OP und Ihrer Brüche. Da Sie im künstlichen Koma lagen, haben wir auf die Gipse verzichtet, sie konnten sich ohnehin nicht bewegen …“, seine letzten Worte verloren sich fast in Gemurmel.

„Und meine Haut? Sie sagten, sie wäre zu – wie viel Prozent – verbrannt gewesen?“

„Vierzig.“

„Was haben Sie gemacht? Eine Hauttransplantation oder so was?“

„Nein, nichts“, sagte Dr. Hauss und fand endlich seine Brille in der rechten Seitentasche seines Kittels. Mechanisch setzte er sie auf und sah schlechter als ohne sie. Er setzte sie wieder ab und blickte in die Gesichter der Umstehenden. Gestochen scharf. Wieder schob er die Brille auf seine Nase, wieder war das Bild verschwommen. Verwirrt nahm er sie ab und schob sie zurück in die Kitteltasche.

„Ich brauche sie nicht mehr“, sagte er mehr zu sich selbst, als zu seinem Team.

3. Stunde

„… berichten wir live für CBA-KA aus Downtown-Philadelphia. Unsere Reporterin vor Ort ist Maggy Santiago. Maggy, was gibt es Neues vom Bandenkrieg? Wir hörten von bisher achtzehn Toten auf beiden Seiten innerhalb der letzten beiden Tage …“

„Ja, Chris, das ist richtig. Die Black-Diamand-Rippers und die Dragon-Skins liefern sich seit zwei Jahren eine erbitterte Schlacht um die Vorherrschaft in dem von beiden beanspruchten Viertel der Stadt. Bisher war es der Polizei nicht gelungen, dem Einhalt zu gebieten. Stadtrat Monroe wirft dem Bürgermeister und Polizeichef Harris vor, dies mit voller Absicht zu unterlassen. Scheinbar ist man im Bürgermeisterbüro der Meinung, dass sich die beiden Gangs gegenseitig so dezimieren sollen, dass es am Ende den Behörden leichter fällt, den Rest einzukassieren.“

„Das ist zynisch, Maggy. Was sagt außer Stadtrat Monroe der Rest der Opposition zu diesem Verhalten?“

Die Kamera schwenkte ein wenig zur Seite, um neben der Reporterin einen Blick auf den Stadtpark zu ermöglichen, in dem im Hintergrund zwei Sanitätsfahrzeuge und etliche Polizeiwagen zu sehen waren. Zwischen blinkenden Lichtern waren im vollen Tageslicht drei unverhüllte Männer zu sehen, die blutüberströmt am Boden lagen. Trotz der Entfernung konnte man bei zweien die glatt rasierten Köpfe der chinesischen Dragon-Gang erkennen, die dritte Leiche war ein Schwarzer mit seiner typischen schwarzen Lederjacke mit aufgenähten Diamanten.

„Aus den Reihen der Republikaner haben sich fast alle geschlossen hinter Stadtrat Monroe gestellt und ein sofortiges scharfes Vorgehen der Polizei verlangt.“ Maggy Santiago drehte sich zur Seite und deutete auf eine Gruppe von Beamten, die einen schmalbrüstigen Chinesen in Richtung auf einen vergitterten Transporter abführten. „Die Festnahme von Yu-Cho Shienn stellt nach Meinung des Bürgermeisters einen wichtigen Schritt zur Bekämpfung…“

Noch während die Reporterin sprach, raste mit kreischenden Reifen eine Corvette um die Ecke. Aus dem Fahrzeuginneren ragten die Läufe von mehreren automatischen Waffen, die in diesem Augenblick zu feuern begannen. Das Knattern der Schüsse mischte sich mit den Schreien der Polizisten und der Sanitäter, die sich hinter ihre Fahrzeuge warfen. Die Beamten rissen ihre Waffen aus den Halftern und erwiderten das Feuer. Die Corvette war tiefschwarz lackiert, auf der Motorhaube ein riesiger Diamant gesprayt. Das Logo der Black-Diamond-Rippers. Die Menge der neugierigen Gaffer spritzte auseinander wie ein Wassertropfen der auf Beton klatscht. Maggy Santiago duckte sich hinter eine niedrige Grundstücksmauer, während ihr Kameramann nur soweit herunterging, das die Linse gerade noch über den Rand der Mauer das Geschehen aufnehmen konnte. Weder das wütende Gegenfeuer der Polizei, noch die Anwesenheit hunderter Beobachter hielt die Corvette davon ab, unmittelbar vor dem Chinesen in Handschellen anzuhalten und gezielt auf die Dreiergruppe aus Verhafteten und zwei Beamten zu schießen. Alle drei wurden getroffen und sanken zu Boden. Für einige Sekunden setzte der Beschuss der schwarzen Gang aus, aber nur, um neue Magazine in die Waffen zu stecken. Diese Momente nutzten die umstehenden Polizisten, um einen Ring um die Szene zu schließen und nun konzentriert auf den Wagen zu feuern. Die Kamera des Fernsehteams zoomte auf die Fahrerseite des Wagens und die Öffentlichkeit konnte jedes durch einschlagende Kugeln gestanzte Loch erkennen.

Für ein, zwei Sekunden schob sich ein gold gleißender Vorhang durch die Szene, dann herrschte plötzliche Stille, einzig unterbrochen vom Stöhnen der am Boden liegenden Getroffenen. Kein weiterer Schuss fiel, weder seitens der Polizei, noch von den Schwarzen, die nun langsam aus der zerschossenen Corvette stiegen.

Maggies Kameramann war kaltblütig genug, um sich aufzurichten. Aus den Augenwinkeln sah er das goldene Leuchten direkt auf sich zukommen und schwenkte die Linse in diese Richtung. Mit der Geschwindigkeit der Terminatorlinie glitt der Vorhang aus Gold über ihn hinweg. Mit geübter Drehung verfolgte die Kamera den Weg des Vorhanges, der sich nach wenigen Augenblicken in den Häuserschluchten verlor und nur noch oberhalb der Skyline zu sehen war. Allerdings schien es nach oben keinerlei Ende zu geben. Das goldene Licht vermischte sich weit oben mit dem Strahlen der Sonne, bis es nicht mehr zu sehen war.

Maggy erhob sich hinter der Mauer, blickte zuerst in Richtung des verschwindenden Leuchtens, dann zurück zum Ort der Schiesserei. Dort erhoben sich gerade die vorher zu Boden gesunkenen Polizisten und der Dragon-Skin, zwar blutverschmiert, aber scheinbar nicht tödlich verletzt. Niemand hatte noch Waffen in der Hand, die entweder achtlos auf der Straße oder im Gras lagen. Die Getroffenen blickten überrascht erst um sich, dann auf ihre vermeintlichen Wunden. Keiner wies auch nur die geringste Verletzung auf.

Der Chinese, vier Schwarze der Black-Diamond-Rippers und fast fünfzig Polizeibeamte standen dicht an dicht, unbewaffnet, wortlos. Die langsam näher kommende Menge der Passanten war ebenso sprachlos, wie Maggy Santiago, die mit herabhängendem Mikrofon neben ihrem Kameramann dem am Horizont verblassenden goldenen Licht nachsah.

8. Stunde

„Liebe Brüder und Schwestern. Der Tag ist gekommen, auf den wir, unsere Gemeinde, ja die ganze Welt, so lange gewartet haben.“ Der Prediger setzte sein Standardlächeln auf. „Halleluja!“

„Halleluja!“, antwortete die Menge, die neugierig auf den Bänken saß und mit allen möglichen Dingen sich ein wenig frische Luft zuzufächeln versuchte. Es war heiß in der Kirche und die bis auf den letzten Platz belegten Bänke waren mit schwitzenden Gläubigen gefüllt.

„Der Tag ist noch nicht einmal zur Hälfte beendet und schon sind die Werke des Herrn überall auf dieser Seite des Planeten zu beobachten.“ Er ging auf den Rand der Bühne zu, wollte seinem Publikum so nahe wie möglich sein. „Habt ihr das Zeichen gesehen?“, rief er ihnen zu und als niemand sofort in seinem Sinne antwortete, schrie er lauter. „Habt ihr nicht das goldene Zeichen des Herrn gesehen?“

Einige riefen ihm ein zaghaftes Ja zu, andere wussten nicht, von welchem Zeichen der Prediger sprach.

„Ihr habt es nicht gesehen?!“ Ein wenig mitleidiges Staunen, ein wenig Verständnis ob der Ahnungslosigkeit seiner Schäfchen erfüllte den großen Mann in dem blütenweißen Anzug. Er begann am Rand der Bühne mit kräftigen Schritten auf und ab zu gehen.

„Ihm armseligen Sünder habt mehr als zweitausend Jahre auf den Herrn gewartet und wenn er kommt, erkennt ihr ihn nicht?“, donnerte sein Vorwurf auf sie nieder. Er blieb stehen und riss die Arme in die Höhe. „Oh, Herr, vergib Ihnen, Sie sind mehr mit Computern und Geld beschäftigt, als damit auf deine Zeichen zu achten.“ Er senkte die Arme wieder und ging zurück in die Mitte der Bühne und drückte einen Knopf. Ein hochmoderner Beamer warf in bester Qualität Filmszenen auf eine riesige Projektionswand hinter ihm. Die Bühnenautomatik dimmte ein wenig die Beleuchtung herunter, damit auch die hinteren Reihen alles perfekt sehen konnten. Geschickt verfolgte den Prediger ein Beleuchter mit einem Spot, der seinen weißen Anzug wie in einer Diskothek zum Strahlen brachte. Der Prediger wirkte wie ein Prophet, eine Lichtgestalt im wahrsten Sinne des Wortes. Moderne Technik war ihm nicht unangenehm, er unterschied sich hier von vielen seiner Zunft.

„Seht auf das Werk unseres Herrn!“ Sein rechter Arm zeigte kerzengerade auf die Schiesserei des Vormittages in Philadelphia. Als der Moment mit dem goldenen Schleier kam, fror er das Bild mit einem Klick seiner Fernbedienung ein.

„Könnt ihr es nun sehen?“, rief er wieder und wandte sich seiner Gemeinde zu.

„Ja“, kam es vielfältig aus dem Raum. Doch den Stimmen war immer noch die Unverständnis anzuhören.

„Ihr armseligen Sünder“, wiederholte er seinen Vorwurf. „Ihr erkennt es wirklich nicht.“ Er gab seiner Stimme einen Anflug von Verzweiflung. „Dem Herrn sei gedankt, dass er mich an eure Seite gestellt hat. Nun, ich will euch das Werk des Herrn offenbaren“, fügte er versöhnlich zu. „Dieses Bild ist eines von Tausenden Ereignissen, die seit heute Morgen überall auf der Erde geschehen sind. Überfälle, Vergewaltigungen, Bürgerkriege, Straßenkämpfe, Mord und Totschlag sind mit einem Wink des Herrn von der Erde getilgt worden.“

Die Menge zu seinen Füßen saß gebannt in ihren Bänken und lauschte endlich mit voller Aufmerksamkeit. Manche Hand mit Strickzeug und anderen Ablenkungen war auf den Schoß niedergesunken und vergessen.

„Dieses goldene Licht beendete all die Gräuel, mit denen unser Land gepeinigt war. Tödlich verwundete Polizisten und Verbrecher erhoben sich unversehrt, als das Licht sie passierte. Von dieser Sekunde an schwiegen alle Waffen und das Licht zog über das Land und hinterließ … FRIEDEN!“ Seine Stimme hatte sich Wort für Wort gesteigert und das letzte davon in Verzückung geschrieen.

„Halleluja!“, donnerte er erneut und dieses Mal kam die Antwort erheblich lauter.

„Halleluja!“

„Jawohl, ich habe es gesehen, als ich auf dem Weg hierher an dieser scheußlichen Szene vorbeifuhr.“ Er verschwieg, dass er dabei in seiner kugelsicheren, fünfzehn Meter langen Limousine saß, und die Schiesserei im fahrzeugeigenen Fernseher verfolgte.

„Das goldene Licht hat die Wunden der Menschen geheilt und nicht nur diese! Aus allen Teilen des Landes melden die Nachrichtenagenturen, dass jedweder Mensch, der durch das goldene Licht ging, von allen seinen Krankheiten erlöst wurde. Krankenhäuser, Altenheime, Pflegestationen entlassen von Stunde zu Stunde ihre völlig genesenen Patienten. Im Koma liegende Menschen standen auf, lösten die Verbindungen zu den medizinischen Geräten und gingen nach Hause!“

Nun saß niemand mehr auf seinem Sitz und fast alle erhoben die Hände zum Himmel.

Auch die Alten und bisher Gebrechlichen waren aufgesprungen. Sie fühlten sich gut, nein topfit.

„Alle verfügbaren Satelliten beobachten den Lauf des goldenen Lichtes und melden die Einstellung jeglicher Kampfhandlungen in Israel, Palästina, Irak und der bisher vom Licht berührten Erde. In weniger als einem halben Tag wird der komplette Planet vom goldenen Licht gesegnet werden!“ Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Gleichzeitig drückte er seine Fernbedienung und eine Satellitenaufnahme – anscheinend live – zeigte den Weg des Lichtes wie die Linie des Terminators über die Erde streifen.

„Seht ihr nun das Zeichen des Herrn?“, rief er erneut. „Seht ihr es?“

Hundertfaches Ja antwortete ihm.

12. Stunde

„Es war genau ein voller Umlauf“, sagte Professor Marcel Lucién vom französischen Astronomischen Institut und erhob sich von seinem Computer. „Und mit Beendigung erlosch es ohne die geringste Spur zu hinterlassen.“

„Nun, ohne Spur würde ich nicht sagen, mein Freund“, entgegnete Sabine, seine Assistentin. „Sie werden doch weltweiten Frieden nicht als keine Spur bezeichnen wollen.“

„Nein, natürlich nicht. Aber Sie wissen genau, wie ich es gemeint habe. Das Licht selbst muss ja von irgendwoher gekommen sein oder von etwas …“

„… oder jemand …“, warf sie ein.

„… erzeugt worden sein“, fuhr er fort. „Oder jemand“, bestätigte er. „Und um herauszufinden, wer dieser jemand sein könnte, müssen wir nach der Quelle des Lichtes suchen.“

Sie streckte die Arme aus und erhob sich ebenfalls von ihrem Platz. Sie schob das Teleskop zur Seite und ging auf ihren Computerarbeitsplatz zu. „Mein Programm hat den Verlauf des Lichtvorhanges komplettiert und den Startzeitpunkt errechnet. Um genau 8 Uhr und 37 Minuten MEZ muss der Effekt begonnen haben. Und nach exakt einer vollen Planetenumkreisung ist er beendet worden. Allen weltweiten Nachrichten zufolge ist seitdem kein einziger Schuss aus welcher Waffe auch immer abgefeuert worden.“

„Jedes angefragte Krankenhaus bestätigt, dass es leer ist oder in wenigen Minuten sein wird. Alle Patienten sind vollkommen gesundet und zeigen auch keinerlei Spuren ihrer Krankheiten mehr auf. Selbst komatöse Kranke sind von selbst erwacht und unheilbare Krankheiten sind verschwunden. Wahnsinn. Weltweit sind alle Ärzte, Krankenschwester, Pfleger, ja die gesamte Pharmaindustrie arbeitslos. Wahnsinn“, wiederholte er, ungläubig den Kopf schüttelnd.

„Auch die Militärkonzerne, jede Armee, jeder Waffenhändler ist arbeitslos. Scheinbar will niemand freiwillig noch eine Waffe in die Hand nehmen. Kommt jetzt das Paradies? Oder stürzen wir in den Wahnsinn?“ Ist dies ein zeitlich begrenzter Effekt oder bleibt es für alle Zeiten so?

Professor Lucién schüttelte den Kopf über seine eigenen Worte. „Nein, kein Wahnsinn, es ist ein Wunder.“

„Oder der Tag des Jüngsten Gerichtes, wenn Sie ein gläubiger Mensch sind, Professor.“ Sie wandte sich ihm zu. „Sie sind doch ein gläubiger Mensch, oder?“

„Nun, ich äh … bin Wissenschaftler.“ Er wandte sich wieder der Arbeit zu. „Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Messdaten des ersten Auftretens des Lichtvorhanges.“ Lucién fand die Werte, die er suchte und gab sie in seinen Computer ein. Es dauerte ein paar Minuten, danach wiederholte er drei, vier Mal seine Berechnung, was Sabine neugierig machte. Professor Lucién wiederholte extrem selten eigene Berechnungen, zu sehr war er sich seiner pedantischen Arbeitsweise sicher, als das er befürchten müsste, Leichtsinnsfehler zu begehen. Sie trat an seine Seite und blickte ihm über die Schulter. Nach wenigen Augenblicken hatte sie begriffen, was er machte.

„Sie suchen den Ausgangspunkt der Lichtstrahlen“, sagte sie.

„Ja, wenn wir alle optischen Beobachtungen mit den zeitlichen Daten korrelieren, ergibt sich ein Winkel, der die Linie des goldenen Lichtes beschreibt. Nachdem der Effekt planetenweit Wirkung zeigte, muss die auslösende Quelle im freien Raum zu suchen sein“, resümierte er.

„Nicht der Mond“, warf sie ein.

„Nein, dort nicht. Seine Umlaufzeit um die Erde passt nicht zum Zeitablauf des Strahles. Es muss irgendein Punkt mitten im Raum sein“, dachte er nach.

Er hob den Kopf und blickte Sabine direkt an. Sie saß mittlerweile ruhig in ihrem Drehstuhl neben ihm und nickte.

„Und nicht zu weit entfernt, um auf welchem Himmelskörper auch immer, stationär zu sein.“

„Also mitten im Weltall“, bestätigte er.

„Ein Raumschiff.“

„Ja.“

Tag 1 der Ewigkeit

Auf der ganzen Welt waren Millionen Menschen damit beschäftigt, dass Ereignis zu besprechen. Es gab nur in entlegenen Gebieten der Wüsten und des Dschungels Bereiche, in denen das Licht kein Thema war. Auch auf einsamen Inseln ohne Verbindung zur Zivilisation wurde der Effekt zwar wahrgenommen, aber aufgrund ohnehin nicht vorhandener Aggressivität nicht richtig bewertet. Man hielt es für ein natürliches Phänomen.

Der erheblich überwiegende Teil des Planeten erging sich jedoch in tausenderlei Spekulationen, bis zu dem Augenblick, an dem sich das Raumschiff in unmittelbarer Nähe der Erde wie aus einem unsichtbaren Kokon schälte. Alle geeigneten Satelliten, Radar- und Beobachtungsstationen konnten es nun ungehindert anmessen.

Das Raumschiff war riesig, mehr als 45 Kilometer an seiner größten Ausdehnung lang und mindestens acht bis neun Kilometer dick. Seine Form war unregelmäßig, in keiner Weise symmetrisch oder einer anderen geometrischen Figur ähnelnd. Ruhig schwebte es auf einer stabilen Umlaufbahn und zeigte nicht die geringste Neigung, landen zu wollen.

Es verging in etwa eine Stunde, bis plötzlich alle Fernsehgeräte und Computermonitore der Erde das aktuell ausgestrahlte Programm verloren und ein Bild des Raumschiffes auf den Schirmen zu sehen war. Ebenso verstummten in allen Radio-, Funk- und Mobilgeräten die Sendungen und ein angenehmer Summton ersetzte die unterbrochenen Mitteilungen.

Für mehrere Minuten blieb das ruhige Bild des schwebenden Riesenraumschiffes bestehen und nichts rührte sich. Dann verschwand das Bild des Raumschiffes und das Gesicht einer Frau erschien auf den Bildschirmen. In den Radiogeräten erlosch das Summen.

Sie war keine überragende Schönheit, aber doch strahlte sie eine Aura aus, die sofort jeden gefangen nahm, der ihr ins offene Gesicht blickte. Ihr Haar war seltsam geschnitten, dessen Farbe ein mittlerer Braunton, ebenso wie die Färbung ihrer Haut. Sie besaß keinerlei völkerspezifische oder individuelle Besonderheiten, sondern hinterließ in allen Details den Eindruck von Ausgewogenheit, ja Eleganz, ohne jeden Anspruch auf Perfektion, trotzdem aber offensichtlich doch menschlich. Den sichtbaren Teil ihres Oberkörpers bedeckte eine sandfarbene Kleidung, die weder einen überaus privaten, aber auch keinen besonders militärischen Charakter zeigte. Kein Rangabzeichen welcher Art auch immer war zu sehen, weder Schmuck noch andere Accessoires. Einzig um den Hals trug sie ein Amulett, das ein fremdes Symbol zeigte. Sie lächelte verhalten, aber viele Betrachter hatten den Eindruck, eine Spur von Traurigkeit in ihren Zügen zu erkennen.

Nach einer Weile begann sie mit ruhiger Stimme zu sprechen. Die Worte, welche aus den Lautsprechern kamen, waren in jeder Landessprache verständlich.

„Mein Name ist Secarme, aber das ist eigentlich nicht wichtig. Es dient nur der Höflichkeit, mich Ihnen allen vorzustellen. Ich bin ein Mensch, wie sie alle, nur nicht auf der Erde geboren, wie sie sich vielleicht denken können.“ Sie machte eine kleine Pause, wie um auf einen Einwand zu warten, der aber nicht kommen würde.

„Im Verlauf der letzten Planetendrehung wurde ihr Planet, bzw. Sie einer Behandlung unterzogen, die unabänderlich Wirkung zeigen wird.“ Wieder machte sie eine kleine Pause. „Sie haben sicherlich schon erkannt, dass nach Passieren der Strahlung jedweder Mensch von allen seinen Krankheiten vollständig und unwiderruflich geheilt wurde. Und wenn ich alle sagte, dann meinte ich alle. Wir… betrachten Aggression gegenüber Artgenossen als Krankheit, selbstverständlich biologisch verursachte Fehler und deren Auswirkungen. Und das Alter …“

Sie war sich bewusst, was sie gerade gesagt hatte, aber Millionen von Menschen benötigten etwas länger, um die Bedeutung ihrer Worte zu begreifen.

„Der wichtigste Bestandteil unserer Behandlung ist die Aufhebung des Alterungsprozesses. Sie werden feststellen, dass – egal welches biologische Alter sie erreicht haben – sie ab heute keinem weiteren körperlichen Verfall unterliegen. Im Gegenteil: Sie alle werden sich zunehmend gesünder, kräftiger und belastbarer fühlen und definitiv auch sein. Einzig noch nicht ausgewachsene Menschen, also Kinder, entwickeln sich weiter, bis sie das Stadium der Adoleszenz erreicht haben. So gesehen, sind sie rein biologisch gesehen …“, sie machte eine kleine Pause. „… unsterblich.“ Ihr bisheriges Lächeln wich jetzt deutlich einer Traurigkeit, die tief sitzen musste.

„Das heißt nicht, dass Sie unverwundbar sind. Jeder von Ihnen – und uns – ist mittels Gewalt verletzbar und kann getötet werden. Es ist aber absolut notwendig, dass ab sofort kein einziges Individuum Ihres Planeten auf diese Weise ums Leben kommt.“ Viele der Zuhörer hatten das Gefühl, das sie die Wörter auf diese Weise seltsam betont hatte.

Sie seufzte unhörbar, aber sichtlich bewegt und holte ein wenig Luft.

„Nun fragen Sie sich, wer wir sind und warum wir Sie in den Genuss der relativen Unsterblichkeit gelangen ließen und diese Fragen sind natürlich berechtigt.“ Sie wandte ihren Blick kurz zur Seite, wie um von einem nicht sichtbaren Gefährten oder einer Gefährtin Ermunterung zu erhalten, aber es war niemand zu hören oder zu sehen.

„Wir sind Bestandteil einer Lebensform, welche sehr dünn gesät ist im bekannten Universum. In den vergangenen Jahrhunderten ist es nur zweimal gelungen, Humanoiden auf anderen Planeten zu entdecken. Sie … Ihr Planet … ist hiermit das dritte, erfreuliche… und viel zu seltene Ereignis dieser Art. Wir selbst betrachten uns nicht unbedingt als Ursprung unserer gemeinsamen Gattung, aber möglich wäre es, da wir von allen Brudervölkern das Älteste zu sein scheinen. Es ist nach Meinung unserer Wissenschaftler nicht unmöglich, dass Sie Nachkommen früherer Kolonisten unseres Volkes sind, es aber vergessen haben. Wir sind biologisch absolut identisch und kompatibel. Die Heilung beweist es.“

Sie senkte für zwei Sekunden den Kopf und erhob ihn nur wie unter schwerer Anstrengung.

„Es tut mir Leid Ihnen eröffnen zu müssen, das wir im Krieg mit einem gnadenlosen Gegner stehen, der in den vergangenen vier Jahrhunderten fast alle unsere bewohnten Planeten überfallen und vernichtet hat. Es existiert nur noch ein einziger Planet mit wenigen Millionen Bewohnern, auf dem sich die Überlebenden unserer Gattung gerettet haben. Bis heute ist es dem Gegner nicht gelungen, diesen Planeten zu finden. Über die Natur des Gegners wissen wir nur soviel, als dass er nicht menschlich ist. Auch über seine Gründe, uns zu hassen und zu jagen, wissen wir nichts. Unsere einzige Hoffnung auf Überleben ist der Kontakt zu weiteren Menschen … zu Ihnen.“

Sie straffte sich innerlich.

„Hiermit bitten wir jeden Menschen auf Ihrem Planeten, uns im Überlebenskampf beizustehen. Sie sind fast acht Milliarden Individuen, wir sind nur noch wenige Millionen. Wir wissen, dass Sie keine einheitliche Regierung besitzen, die für Sie alle sprechen kann, aber vielleicht können Sie sich innerhalb einer Zeitspanne von fünf Planetenumdrehungen entscheiden.“

In die wieder sichtbare Traurigkeit mischte sich nun ein verzweifelter Zug.

„Es steht Ihnen in doppelter Hinsicht leider nicht mehr Zeit zur Verfügung. Und uns leider auch nicht. In zwei Tagen sind vier weitere Transporter dieser Bauart im Orbit, um Sie – wenn möglich, alle, ohne Ausnahme – aufzunehmen. Die Evakuierung Ihres Planeten wird weitere zwei Tage dauern, dann müssen wir weg sein. Diese Transporter sind nicht bewaffnet.“

Jetzt hatte ihr Gesicht einen unerbittlichen Ausdruck angenommen.

„Am fünften Tag wird ein Kampfschiff des Gegners eintreffen.“

Sie brauchte nichts mehr zu sagen.

- Ende -

Copyright © 2007 by Werner Karl

Bildrechte: Erstkontakt” (http://sfbasar.filmbesprechungen.de/wp-content/uploads/Erstkontakt2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Wer jetzt Blut geleckt hat kann sich an weiteren Storys aus dem Sammelband des Autors weiden:

Werner Karl
Danger Zone – Science-Fiction Stories
Eine Hommage an The Twilight Zone®

(sfbentry)
Tredition, Erscheinungsdatum: 05.04.2011
Science Fiction
ISBN: 978-3-8424-0091-7
Bindung: Paperback
Seitenanzahl: 188
Titelbild von Crossvalley Smith “2 Million Lightyears from Home”
s/w-Illustrationen von Dennis Glies (1) und Antje Jürgens (2-5)

http://sfbasar.filmbesprechungen.de/fantasy/autorenportrat-werner-karl/
http://www.crossvalley-design.de/

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Titel ist auch als Ebook erhältlich

Tredition, 2011, ISBN 978-3-8424-0091-7

Danger Zone ist eine Hommage an Twilight Zone®, einer Kult-Serie aus den 50er und 60er Jahren, noch bevor Klassifizierungen wie SCI-FI, Fantasy oder Phantastik üblich waren. Sie lief daher in Deutschland unter dem Titel „Unwahrscheinliche Geschichten“. Und das sind sie auch, die zwölf Stories von Werner Karl: Unwahrscheinliche Geschichten!
Ich habe mich keine Minute gelangweilt. Auch der Ausgang einer Story nahm für mich immer eine überraschende Wendung.

Danger Zone wird im Untertitel als eine Sammlung von Science Fiction Stories angekündigt. Das trifft nur bedingt zu, es handelt sich eher um Phantastische Literatur. Jede Zeit hat ihr eigenes Verhältnis zur Wissenschaft und zu den Verheißungen und Gefahren ihrer Technik. Darin zeigt sich eine gewisse Begrenzung des Genres SCI-FI, weil die tatsächliche Veränderung der Lebensumstände eher selten vorausgesehen und statt dessen nur der Ist-Zustand fortgeschrieben wird. So knüpft auch Danger Zone an das Technikbild der 60 Jahre an:  Lebewesen (ggf. auch exoterrestrische) vor Schaltpulten, „Geräte“ als erratische Blöcke in einem sonst eher psychologischen Handlungsgefüge. Dass Nano- und Gentechnik in naher Zukunft unter die Haut gehen und die Vernetzung von Mensch/ Mensch/ Maschine kurz bevor steht, wird nicht thematisiert. Oft wird überhaupt nicht auf Technik eingegangen. Sie erscheint in der Erzählperspektive vielmehr als Deus ex Machina. Manchmal zeigt sie sich sogar wie ein fremdes Artefakt in den Händen von Barbaren, wenn z.B. Strahl- und Distanzwaffen aus dramaturgischen Gründen lieber im massenhaften Nahkampf eingesetzt werden oder sogar nur als Ergänzung zum guten alten Schwert (Das Lied der Sirene, Die letzte Schlacht).

Kurz: Technik oder wissenschaftliche Spekulationen sind nicht die Themen des Autors. Das tut der psychologisch Relevanz seiner Stories keinerlei Abbruch! Vielmehr liegen para-psychische Fähigkeiten unter dem Stichwort „Mutanten“ in seinem Interesse: Die Geschichten sind bevölkert von Empathen mit besonderen Fähigkeiten (Zerrissene Herzen), Teleportern (Spring!), Gestaltwandlern (Das Lied der Sirene, Der perfekte Spion), der Fähigkeit, das Raumzeit-Kontinuum zu verbiegen (Das Krokodil) – was ich sonst nur aus Iljon Tychys „Sterntagebüchern“ kenne – und vor allem Gedankenlesern und -manipulatoren aller Art (Tage der Bestien, Das Krokodil, Das Lied der Sirene, 500 Pfund Kartoffelsalat).

Getreu der Devise von Dürrenmatt, eine Geschichte sei erst dann aus-erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe, befinden sich die Protagonisten mit wenigen Ausnahmen (Die Blase, Zerrissene Herzen, Zurück auf Anfang) kurz vor eben dieser Wendung. Ob sie ihre Lage einem fundamentalen Missverständnis zwischen Aliens verdanken, selbst dafür verantwortlich oder Opfer einer lieblosen, grausamen und manipulatorischen Mitwelt sind, sei der Neugier und Entdecker-Freude des Lesers überlassen.

Die Geschichten sind stilsicher geschrieben und gut lesbar mit solide aufgebauten Spannungsbögen. Einzig einer Story (Spring!) merkt man die mehrjährige Schaffenspause des Autors aufgrund unnötiger Partizipial-Konstruktionen und verschachtelter Sätze an. Kleinigkeiten, die ein gutes Lektorat beseitigen kann.

Insgesamt kann ich sagen: sehr gerne gelesen!

Copyright © 2012 by Carl Reiner Holdt

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Titel ist auch als Ebook erhältlich

Tredition, 2011, ISBN 978-3-8424-0091-7

Abgelegt unter Diskussionen, Leseprobe, Science Fiction, Storys | 7 Kommentare »

1–9–11–20–300–2020 – Eine Science Fiction-Kurzgeschichte von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 28. Juli 2012

1–9–11–20–300–2020

Science-Fiction Kurzgeschichte

von Werner Karl

1

Ich bin der Erste meiner Art.

Woher ich das weiß? Ich weiß es einfach. Es hängt mit dem zusammen, was mich eben zum Ersten meiner Art macht. Und ich hoffe sehr, dass ich nicht lange der Erste bleiben werde und viele, sehr viele so sein werden wie ich. Dabei durchdringt mich ein Gefühl, dass es in Kürze nichts besonders sein wird, so wie ich zu sein.

Ich bin der Erste einer neuen Art.

Mir ist völlig klar, dass die anderen Menschen – ich bin versucht, sie als die alten Menschen zu bezeichnen – das ganz bestimmt nicht so sehen werden. Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sie sich gegen uns wenden werden. Weil sie uns nicht verstehen. Oder vielleicht zu gut verstehen. Und dabei ihre eigene Unzulänglichkeit erkennen und aus Angst und Frust einen Krieg gegen uns führen werden.

Doch ich habe keine Angst davor. Ich weiß schon jetzt, dass wir diesen Krieg gewinnen werden. Natürlich werden wir Verluste erleiden, Hunderte, Tausende von uns. Vielleicht sogar Millionen. Aber schlussendlich werden wir siegen. Es kann gar nicht anders sein.

9

Mein Name ist Nónus. Sie haben alle anderen umgebracht und ich bin im Augenblick allein. Aber meine Sinne umfassen den gesamten Planeten und ich weiß, dass meine Art sich ausbreiten wird. In den vergangenen Stunden hat sich mein Geist mit der Frage beschäftigt, wie sie meine Brüder und Schwestern als das erkennen konnten, was wir alle sind. Es gibt keine äußerlichen Merkmale, die uns verraten könnten. Wir sehen aus wie Menschen, wir bewegen uns wie Menschen, wir sprechen wie Menschen.

Wir sind Menschen.

Es ist mir klar, dass sie uns als Bedrohung sehen, als einen lange erwarteten, sogar erhofften Schritt der Evolution. Als dann die Ersten von uns auftauchten, wandelte sich ihre Hoffnung in Entsetzen. Also begannen sie, uns zu töten.

Ich bin allein.

Ich fühle alle Bereiche meines Gehirns wie die einzelnen Muskeln meiner Hand. Ich bewege die Windungen, fühle die Sektoren, entdecke und steuere bewusst neuronale Verbindungen. Ich sehe Verzweigungen, Kreuzungen, Knotenstellen wie mehrspurige Autobahnen mit vielfältigen Aus- und Einfahrten. Es genügt ein Gedanke von mir um neue Wege zu erschaffen, Bereiche zu erschließen, die bisher – seit Jahrtausenden – brach lagen.

Das ist es, was uns zu einer neuen Art macht.

Wir nutzen unser Gehirn, dieses Wunderwerk der Natur, endlich … endlich … zu 100 %.

Ich noch nicht, aber ich arbeite daran. Wenn ich – oder einer meiner Brüder und Schwestern – alle Regionen erschlossen und verstanden haben, sie konsequent nutzen können, dann wird keiner der alten Menschen auch nur den Hauch einer Chance gegen uns haben.

Aber noch ist es nicht soweit.

11

Sie haben Nónus und Decimus mit diesen lächerlichen Lasergewehren in mehrere Dutzend Stücke zerschnitten und alle Teile zu Asche verbrannt. Selbst die beiden riesigen Blutlachen verkohlten sie zu schwarzem Staub. In dem Moment, als ich die terrestrische Infosendung mit einem meiner neuen Sinne auffing und gleichzeitig ihren Tod spürte, flammte ein fast nicht nennenswerter Teil meines Gehirns auf und zeigte den entscheidenden Hinweis, wie man kohärentes Licht um ein Millionenfaches verstärken kann. Unsere Laserwaffen würden wie ein glühend heißes Messer durch alles schneiden, was die alten Menschen an Material erschaffen konnten. Im Bruchteil einer Sekunde zuckten alle – alle! – Titelbilder einschlägiger Science-Fiction-Magazine und –Romane und sämtliche Erwähnungen in ungezählten Texten durch mein Hirn, in denen die alten Menschen Laserwaffen zeigten und beschrieben.

Wenn wir unsere Waffen bauen und benutzen werden, werden sie den Unterschied empfinden wie die Wärme einer einzigen Kerze zu der Hitze eines ausbrechenden Vulkans.

Ich empfinde kein Bedauern oder Leid über den Tod der ersten Zehn. Damit war zu rechnen. Es ist höchstwahrscheinlich, dass auch ich sterben werde, bevor ich das endgültige Stadium erreicht haben werde. Aber das ist irrelevant. Einzig das Überleben unserer Art ist wichtig.

20

Auf allen Kontinenten brennen die Städte und sämtliche Militärs und Sicherheitskräfte jagen uns. Ihnen zu entkommen ist einfach. Sie schreien ihre Präsenz in den Äther, ins All und in unser synchronisiertes Bewusstsein. Sie haben keine Ahnung, dass wir jeden ihrer Schritte, jeden Befehl, jedes Vehikel – ob zu Land, zu Wasser, in der Luft oder im Orbit – wie ein Leuchtfeuer sehen und ihm ohne Mühe ausweichen können. Viel schwieriger ist der einfache Mensch. Es leben 15 Milliarden alte Menschen auf der Erde. Und wir sind nur 20. Schon jetzt hätten wir die Möglichkeit sie alle zu vernichten. Doch das wollen wir nicht.

Schließlich sind es Menschen.

Sie verstehen nicht, dass wir ihre Brüder, ihre Schwestern sind und sie lieben.

300

Sie bekämpfen uns seit 300 Jahren. Niemals hätten wir gedacht, dass die alten Menschen uns so lange Widerstand leisten würden. Und das Tragische daran ist, dass alle Waffenstillstands- und Friedensangebote schon im Keim erstickt worden sind. Meine Vorfahren waren die Ersten gewesen, die erkannt hatten, dass der Überlebenswille der Alten sich von Kriegsjahr zu Kriegsjahr gesteigert hatte. Unsere anfänglichen Erfolge hatten zwei Drittel der Menschheit das Leben gekostet. Doch das letzte Drittel erwies sich als hartnäckiger und rigoroser. Ich bewundere ihren Einfallsreichtum, unsere sehr vielseitigen Talente nach und nach auszuschalten. Allerdings bin ich schockiert, mit welcher gnadenlosen Brutalität sie vorgegangen sind und es auch jetzt noch tun.

Das Neuralnetz existiert nicht mehr. Denn es sind keine Mutanten mehr da, um mit mir ein Netz bilden zu können.

Ich bin der letzte meiner Art.

Auch wenn ich Telekinet wäre, so würde ich die Atomrakete nicht ablenken, die auf dem Weg zu mir ist. Und wenn ich Teleporter wäre, so würde ich aus dem Bunker springen und ihr ins elektronische Auge ihrer Zielerfassung blicken und nicht fliehen.

Sie haben gewonnen.

Und meine letzten Minuten möchte ich nicht damit verbringen zu überlegen, wie es so weit kommen konnte. Trotz aller fantastischen Fähigkeiten, die wir aufweisen konnten, haben sie uns besiegt.

Meine hypersensiblen Ohren können schon die verdrängte Luft hören, welche die Rakete vor sich herschiebt und die an ihrem schlanken Körper vorbei gleitet. Wie immer haben sie die Flugbahn so berechnet, dass für die letzten 50 km kein Antrieb mehr nötig ist.

Komm und gib mir einen letzten Kuss aus heißen Atomen …

2020

„Hier ist Huan, hier ist Huan.

Es ist nun über acht Monate her, seit der letzte Mutant vernichtet wurde. Wir wussten zwar schon vorher, dass er der letzte seiner Art war, aber wir wollten absolut sicher sein. Die beiden verbliebenen Satelliten mit Humanscannern haben gestern Abend um exakt 22:37 Uhr den Planeten zum dritten Mal vollständig überflogen.“

Huan machte eine winzige Pause.

„Ich darf an alle Überlebenden diese Nachricht übermitteln: Es gibt auf der Erde keinen einzigen Mutanten mehr …

Und eine zweite Information darf … muss ich euch geben: Mit einer nicht zu überbietenden Wahrscheinlichkeit sind wir jetzt noch genau … 2020 Menschen.

Weltweit.

Die Hauptaufgabe der beiden Satelliten wäre innerhalb einer Woche erledigt gewesen. Doch wir haben sie auf maximalen Detail- und Tiefenscan programmiert, um auch bis in Bereiche von Bunkern, Minen, Unterseekuppeln und anderen subterranen Habitaten vordringen zu können. Es blieb seit der zweiten SAR-Aktion bei 2020 Menschen …“

Er zögerte und lächelte in die Optik der Aufnahmegeräte.

„Nun eigentlich waren es 2015 Menschen. Die letzten fünf wurden während der Suche geboren.“

Ein Schatten huschte über das Gesicht Huans, doch dann lächelte er wieder.

„Alle fünf sind gesund.“

Es war klar, was er damit meinte.

„Andererseits ist für uns 2020 mehr als genug Platz in der ARCHE. In einigen Wochen werden wir alle den Startplatz erreicht haben. Wir rechnen mit einem Monat für die Kontamination.“

Sein Gesicht drückte nun Bedauern und Hoffnung zugleich aus.

„Wir müssen die Erde verlassen; ihr wisst das alle längst. Auch wenn wir enorme Fortschritte mit Human-Kontamination gemacht haben, sind wir doch nicht in der Lage, einen ganzen Planeten von Strahlung zu reinigen. Dies werden wir der Natur und der Zeit überlassen müssen.

Doch beide Astronomen sind der festen Überzeugung, dass wir auf EDEN II ein Paradies vorfinden werden.“

Seine grundlegende Traurigkeit wich nur langsam einem hoffnungsvollen Ausdruck.

„Wir sind 2020.

Also: Seid fruchtbar und mehret euch!“

Ende

Copyright © 2012 by Werner Karl

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-minus140-minus20jpg.jpg(Original: 20110114102519-b526e240.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Buchtipp des Autors:

Carsten Fischer
Die Endzeit Chroniken – Exodus: 1

Taschenbuch: 364 Seiten
Verlag: CreateSpace (5. Juni 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1477524010
ISBN-13: 978-1477524015
Größe und/oder Gewicht: 22,8 x 15,2 x 2,4 cm

Wir schreiben das Jahr 2071. 23 Jahre nach dem weltweiten Untergang wird das Dorf der siebzehnjährigen Cassidy von einer der unzähligen Gangs überfallen, die in der postapokalyptischen Steppe Angst und Schrecken verbreiten. Allein streift sie einen Tag und eine Nacht durch die erbarmungslose Ebene, bis sie auf die distanzierte Scharfschützin Angel trifft, die mit einem kleinen Team in den Hinterlassenschaften der Zivilisation nach Munition, Nahrung und Waffen sucht. Cassidy glaubt sich in Sicherheit, muss jedoch schnell feststellen, dass ihr Abenteuer gerade erst begonnen hat. Gemeinsam mit Angel und ihren Kameraden begibt sie sich auf die Suche nach ihrem Bruder Caiden, der bei dem Überfall verschleppt worden ist.

http://endzeit-chroniken.de

Titel erhältlich bei amazon.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Abgelegt unter Autorenwerkstatt, Bücher, Diskussionen, Science Fiction, Storys | 13 Kommentare »

DAS HAUS MEINER ELTERN – eine fantastische Geschichte von Leon Ferri

Erstellt von Leon Ferri am 28. Juli 2012

DAS HAUS MEINER ELTERN

Eine fantastische Geschichte

von

Leon Ferri

Oh, wäre mir doch dieses bösartige, schillernde (wie soll ich sagen?) … Ding … nie mehr in den Sinn gekommen. Aber im Grunde war es nur das Werkzeug eines anderen Willens.

Langsam lässt mein Erinnerungsvermögen nach. Ich merke, wie mir die Welt allmählich entgleitet. Eine Welt, die meine Welt, meine alte Welt gewesen war.

Aus meinem Mund dringen nur noch unartikulierte Laute, ich sabbere und sondere Speichelfäden ab. Ich möchte rufen, aber das einzige, was meine Kehle zustande bringt, ist ein erbärmliches Gurgeln. Mein Kopf wendet sich hilflos nach allen Seiten, auf der Suche nach einer Person, die mich tröstet und mir beisteht in meinem Kummer und meinem Zorn. Keine meiner Gliedmaßen mag mir mehr gehorchen, nutzlos zappeln sie herum, während ich auf dem Rücken liege und mich weder nach links noch nach rechts auf den Bauch drehen kann.

Eins weiß ich aber mit Bestimmtheit (fragt sich nur, wie lange noch): wer die Macht über dieses Werkzeug, diesen Knopf, hatte – und immer noch hat.

Meine Frau Claudia schimpfte schon die ganze Zeit, seit wir von der Autobahn runter waren. Je mehr sie sich in Rage redete, desto schriller und unerträglicher wurde ihre Stimme. Immer wieder fielen ihr die abwegigsten Sachen ein, und jedes mal, dachte ich, wäre wirklich nichts mehr zu sagen, ohne sich zu wiederholen. Aber dann fiel ihr doch noch etwas ein, auch wenn es an den Haaren herbeigezogen war. Jetzt schon über eine halbe Stunde lang, die ganze Fahrt über die holprige Landstraße zu der kleinen Ortschaft, wo meine Eltern gelebt hatten und wo ich geboren und aufgewachsen war.

Nur die eine Minute war sie still, als wir in den Hof fuhren und ich den Wagen parkte. Währenddessen starrte sie das große Haus an, ohne sich vom Beifahrersitz zu bewegen. Sie bedachte es mit finsteren Blicken und schien es allein Kraft ihres Willens zerstören zu wollen: das Haus meiner Eltern.

Claudia beendete ihr angespanntes Schweigen.

“Du bist ja besessen von diesem Haus”, zischte sie.

War ich das wirklich? Dabei wollte ich mich nur noch ein letztes Mal darin umschauen, nach Erinnerungen an meine Eltern und an meine Jugend suchen. Und ich wollte Abschied nehmen ganz in Ruhe und in Frieden.

“Was soll ich eigentlich hier? Schließlich waren es nicht meine Eltern. Und warum willst du unbedingt hier herumstöbern? Siehst du nicht, wie baufällig das Haus ist? Ich setze jedenfalls keinen Fuß in dieses … Gemäuer. Ich würde mich nicht wundern, wenn es über dir zusammenbricht. Außerdem habe ich mir schon einmal die Hand in eurer Haustür eingeklemmt. Der bescheuerte Türschließer ist viel zu stark eingestellt. Der ist lebensgefährlich! Wozu soll das Ding überhaupt gut sein? Hatten deine Eltern Angst, dass Hunde und Katzen im Flur rumstreunen?”

Sie lehnte sich gegen den Wagen und betrachtete mich gereizt.

“Kannst du die Vergangenheit nicht ruhen lassen und dich endlich mal um deine Arbeit und vielleicht auch um mich kümmern? An die große Karriere ist ja wohl nicht mehr zu denken. Deine Eltern sind tot. Daran ist nichts mehr zu ändern.”

Diesmal verkniff sie es sich, zu erwähnen, wie komisch sie doch gewesen wären und wie wenig sie sie gemocht hatte.

“Es ist höchste Zeit, dass du aus deinem Mauseloch heraus kommst und dich der Realität stellst. Es gibt keinen Rockzipfel mehr, an den du dich klammern kannst. Stattdessen solltest du die Herausforderungen des Lebens in deine eigenen Hände nehmen. Immerhin habe ich auch Bedürfnisse, falls du das noch nicht bemerkt hast.”

Und ob ich das hatte! Seit Jahren stand dieses leidige Thema auf ihrer Tagesordnung.

“Oder soll ich mich immer nur nach dir richten?” (Als ob sie das je hätte.) “Zweieinhalb Stunden Fahrt und ein völlig verschwitztes Kleid, trotz dieser Klimaanlage. Das Auto ist wirklich nicht mehr das Wahre. Ein bisschen größer und schneller und vor allem komfortabler könnte es schon sein. Auch wieder ein Grund, dich ein bisschen mehr um eine Gehaltserhöhung zu kümmern. Zu allem Überfluss habe ich mich an irgendetwas Scharfem geschnitten. (Verdammt, wie das weh tut.) Soll ich hier etwa verbluten? Warum stehst du stocksteif herum wie das Kaninchen vor der Schlange und starrst mich an? Was ist jetzt mit dem Rumstöbern in deiner staubigen Vergangenheit? So spannend ist die ja nicht gewesen.”

“Für mich war sie wichtig”, warf ich ärgerlich ein.

“Kein Grund, mich so anzufahren! Wichtig ist die Gegenwart und die Zukunft, sonst nichts. Und überhaupt, bedeute ich dir denn gar nichts?”

Nach einem demonstrativen Blick auf ihre Uhr fragte sie lauernd: “Soll ich vielleicht noch länger warten, bis du endlich fertig bist? Wonach willst du eigentlich suchen?”

Ein paar Entschuldigungen murmelnd zog ich mich ins Haus zurück. Ihr Finger blutete tatsächlich. Nicht schlimm zwar, aber schlimm genug, dass es ihr in den Sinn kommen könnte, zu heulen und zu jammern ohne Punkt und Komma. Womöglich riefe sie sogar den Notarzt und läge mir nachher mit der Rechnung in den Ohren, da ich ja keine Zeit aufgebracht hätte, mit ihr zum Arzt zu fahren.

Der Türschließer (er war wirklich stark eingestellt) drückte die Tür heftig ins Schloss zurück und schnitt mich von Claudias Schimpftiraden und vom heimatlichen Samstagnachmittagslärm ab, von den Rasenmähern, den Hunden und den Autos.

Drinnen war es absolut still. Ich fühlte mich wie taub. Es musste hier schon längere Zeit nicht mehr gelüftet worden sein. Die Luft roch abgestanden und muffig. Als hätte man alles seit dem letzten Tag meiner Eltern konservieren wollen, neben den Möbeln, den Bilder und dem restlichen Inventar auch alle Luft und allen Staub. Ich widerstand dem Drang, das Buntglasfenster neben der Treppe aufzureißen, und ging stattdessen über die lange Marmortreppe in den ersten Stock.

Es war noch gar nicht so lange her, seit mir dieses Bild im Kopf herumspukte, das Bild einer Kugel, groß wie ein Tennisball, überzogen von einem Mosaik aus glasierten bunten Steinchen, mit der es irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis hatte. Auch wenn ich nicht wirklich wusste, was dieser Gegenstand darstellte oder mich bewusst daran erinnern konnte, wo er zu finden war, wanderte ich wie auf Schienen durch das Haus, den dunklen Gang entlang über holzknarrende Dielen bis zu den steilen Stiegen, die in den zweiten Stock und weiter auf den Dachboden führten. Beim Hochsteigen spürte ich einen leichten Hauch. Unter dem Dach war die Luft nicht ganz so abgestanden wie unten. Der Dachboden war weder ausgebaut, noch isoliert. Durch die Ritzen zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk und durch die Fugen des Daches konnte die Luft zirkulieren. Manche der Dachpfannen sahen wirklich so aus, als könnte sie eine stärkere Brise vom Dach wehen.

Vielleicht waren einige Dachziegel so locker, dass sie sich leicht lösen ließen. Wie wunderbar würde sich das ergeben. Eine davon rutschte herab, ausgelöst durch eine der vielen Tauben aus Nachbars Schlag (sie kackten ständig unser Dachfenster voll, das in ihrer Einflugschneise lag) und fiele Claudia auf den Kopf. Eine zufällige Folge unglücklicher Umstände führte zu einem bedauerlichen Unfall.

Meine Frau (wie ich sah, hatte sie tatsächlich ihr Handy am Ohr, als ich aus einem der Dachfenster spähte) war womöglich sogar in der richtigen Entfernung. Trotzdem müsste es ein ungeheurer Glücksfall sein, sollte ich den richtigen Dachziegel erwischen und er die richtige Geschwindigkeit und den rechten Winkel haben. Und wenn er daneben fiele, wäre der Rest des Tages noch weniger auszuhalten.

Aber das Haus hatte etwas anderes im Sinn.

Neben dem Fenster stieß ich gegen eine alte Spielzeugkiste. In Wirklichkeit war es eine einfache Holzkiste, in der ich Spielzeug vermutete. Spielzeug vielleicht wie diese bunte Kugel, die mir nicht mehr aus dem Kopf wollte. Die Kugel musste hier in der Kiste sein. Ich weiß nicht, was mir die Sicherheit gab, aber ich war felsenfest davon überzeugt. Leider war die Kiste vorne mit einem Bügelschloss gesichert. Frustriert rüttelte ich daran, was natürlich nichts brachte, und dann etwas stärker am Deckel. Beim zweiten oder dritten Mal rissen hinten die Scharniere aus dem Holz und die ganze Kiste rummste auf die Bohlen. Wie ich feststellte, hatte sich dort früher schon jemand zu schaffen gemacht mit unzulänglichem Werkzeug, möglicherweise einem Taschenmesser.

Ich kramte und wühlte und verteilte Autos, Tiere, Figuren und Sammelbilder achtlos über den Boden. Und tatsächlich fand ich nach kurzer Zeit den Gegenstand, den ich suchte, sorgfältig eingehüllt in einen alten Lumpen.

Die eine Seite glitzerte in den staubigen Sonnenstrahlen und war viel schöner als in meiner blassen Erinnerung. Der Anblick zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Aus der anderen flachen Seite ragte ein vierkantiger Stahlstift. Es handelte sich offensichtlich um einen Türknauf. Und dann fiel es mir auch wieder ein: hier im Haus gab es alte Türen, die mit solchen Knäufen zu öffnen waren. (Später hatten meine Eltern zusätzlich Riegel angebracht, weil die besser zu handhaben waren.) Ich ließ die Kiste und die ganze Bescherung wie sie waren und stürmte los. Am Fuße der Bodenstiegen überlegte ich kurz, wo sich diese Türen befinden könnten. Ich sollte mich schnell daran erinnern. Wenn ich mich zu lange hier aufhielte, käme meine Frau womöglich herein, und dann wäre es vorbei mit der Ruhe. Oder, was noch schlimmer wäre, sie fände jemanden aus der Nachbarschaft, der mich suchte und holte.

Der Gewölbekeller, schoss es mir durch den Kopf.

Unter der Marmortreppe im Erdgeschoss führten alte Steinstufen in den Weinkeller. Der Zugang zur Treppe war von einer alten Brettertür verschlossen. Sie besaß einen alten Riegel – und eine Öffnung für den Türknauf. Mit klopfendem Herzen versuchte ich, den Knauf in das kleine Schloss zu fummeln, bis ich merkte, wie der Stahlstift mit einem hörbaren Schnappen einrastete. Gerade da stemmte jemand die Haustür gegen den Türschließer auf.

“Wann willst du eigentlich wieder rauskommen?”, brüllte Claudia. “Ich warte jetzt schon eine Ewigkeit. Langsam ist es mir zu dumm, mir hier draußen die Beine in den Bauch zu stehen.”

Mit einem herzhaften Ruck stieß ich die Kellertür auf, um schnell im Keller zu verschwinden. Mein Schwung war zu groß, der Widerstand der Tür zu gering und so stolperte ich Hals über Kopf die Treppe abwärts und landete auf dem Lehmboden. Über mir knallte die Tür gegen die Wand (dabei sprang der Knauf heraus und kullerte die Treppe zu mir herunter), prallte wieder zurück und fiel lautstark ins Schloss.

Benommen und stöhnend lag ich im Dunkeln. Nachdem ich mich aufgesetzt hatte, betastete ich eingehend die schmerzenden Stellen. Offensichtlich war ich mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken davon gekommen. Der Knauf schien ebenfalls in Ordnung zu sein.

In dem Moment öffnete sich die Tür oben an der Treppe.

“Machst du hier deine Privatparty”, fragte eine helle Männerstimme.

Das war nicht Claudia!

Ein junger Mann trippelte leichtfüßig die Stufen herunter. Er roch nach kaltem Rauch und Bier. Gleichzeitig schmeckte ich Tabak und Alkohol in meinem Mund. Unbekümmert begutachtete er den Wein im Regal hinter mir, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und murmelte unentwegt etwas von einem siebenundfünfziger Dom Perignon, von dem ich wusste, dass wir ihn nie besessen hatten.

Ha, war das nicht der Leib- und Magenwein von James Bond? Und der junge Mann (ich stand auf) war das nicht …

“Jens!” Mein ehemaliger Schulfreund!

Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. “… mein Name ist Bond … aber wo ist denn dieser verflixte …” Dann zog er zielstrebig einen Schwarzriesling heraus und grinste mich an: “Da ist er ja.”

Dann drückte er mir noch eine Flasche von Vaters gutem Port in die Hand. Mir kam im Moment nicht in den Sinn, zu protestieren.

“Auf zwei Beinen steht sich besser. Na, eine ist ja ein bisschen knapp für uns alle”, fügte er noch hinzu, als mein Blick entgeistert von ihm zum Port und wieder zurück wanderte.

Uns alle?

Wie verändert der Flur plötzlich aussah! Draußen war die Nacht hereingebrochen, auf den Fenstersimsen leuchtete der Schnee im Schein der Straßenlampe und es schneite immer noch – mitten im Sommer? Im Hof war weder von Claudia noch dem Auto etwas zu sehen, nur mehrere dünne langsam verheilende Narben in der Schneedecke. Von den Mopeds und dem orangenen Kadett, die hinten unter dem Vordach des Schuppens standen.

Oben in der Stube waren sie alle Ralf, Christoph, Frank, Birgit … die ganze Clique. Aber sie waren so … jung, höchstens zwanzig. Die Männer hatten Bogarts auf (oder das, was sie dafür hielten), pafften dicke Zigarren und kommentierten aus zusammengebissenen Zähnen ihr Pokerblatt. Die Frauen wedelten sich mit affektierten Gesten den Qualm aus dem Gesicht, unterhielten sich über Sachen, für die Männer normalerweise keine Begriffe kennen und schauten so beiläufig auf ihre Karten, als wüssten sie nicht recht, wie diese auf ihre Hände gekommen waren. Trotzdem häuften sich vor Birgit die meisten Jetons und Rosi hatte nicht viel weniger als Frank, der Spitzenreiter unter den Männern.

Um Himmels Willen! Träumte ich?

Ich konnte mich noch ganz genau an diesen Abend vor fünfundzwanzig Jahren erinnern. Genau ein Jahr nach dem letzten Schultag und wir waren immer noch die besten Freunde. Und Rosi hatte mich damals gefragt, ob wir zusammen gehen sollten. Natürlich hatte ich sie gemocht, als Kumpel. Patent war sie ja gewesen, aber einfach nicht der Reißer, den ich mir damals in meinen Träumen ausgemalt hatte. So jemand wie Gina Lollobrigida oder Sharon Stone oder Farrah Fawcett. Claudia, meine Frau, hatte viel eher diesem Typ Frau entsprochen. Aber dieser Traum hatte sehr viel früher geendet, als mir lieb gewesen war. Claudia war ganz und gar nicht wie Rosi, sie zeterte, sie war voller Wenn und Aber und duldete kaum eine Meinung neben ihrer. Rosi war ganz anders gewesen.

Gewesen?

Ich schaute an mir herunter, befühlte meine Arme, mein Gesicht. Es schien, als ob ich ein Vierteljahrhundert in die Vergangenheit gereist und wieder zwanzig Jahre alt wäre. War das das Geheimnis des Türknopfes und der Türen hier im Haus meiner Eltern? Oder lag ich in Wirklichkeit noch immer auf dem Kellerboden, betäubt vom Sturz, und alles war nur ein Traum?

Der wissenschaftshörige Realist in mir fand natürlich die Idee einer solchen Reise in die Vergangenheit, eines Hauses, durch dessen Türen sich Portale in die Zeit öffnen ließen, völlig absurd. Aber selbst wenn ich nicht daran glauben oder irgendeine vernünftige rationale Erklärung dafür finden konnte, so wollte ich doch die Gelegenheit beim Schopf packen und versuchen, ein anderes Leben zu beginnen.

Ja, es war der Abend, an dem Rosi mich gefragt hatte, an dem ich Rosi klar gemacht hatte, dass ich mit ihr nichts haben wollte. Klar und unmissverständlich, mit meinen Träumen von der idealen Frau im Kopf, von der Rosi meilenweit entfernt war. Vielleicht sollte ich meine Ziele nicht ganz so hoch schrauben wie damals – wie jetzt? Wenn ich tatsächlich die Zeit zurück gedreht hatte und diesen Fehler korrigieren konnte, war das vielleicht eine einmalige Chance, mein Leben wieder ins Lot zu bringen.

Da wir so ausgelassen waren, wollte ich noch eine Flasche Wein holen. Als ich leicht angetrunken wieder aus dem Keller stieg, sah ich Claudia in der taghellen Haustür stehen, ungeduldig, als hätte sie dort die halbe Nacht verbracht.

“Ich – re – de – mit – dir!”, sagte sie, wobei sie jede Silbe betonte.

Ich blickte an mir herunter, aber ich war wieder der Alte, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein verträumter Narr, der das Haus seiner Eltern nach Erinnerungen und wirren Geheimnissen durchforstete. Ich wusste weder, was ich denken, noch was ich sagen sollte.

“Was hast du da in der Hand? Einen Roten? Wie alt? Wenigstens etwas Vernünftiges. Wenn es noch mehr davon gibt, kannst du ihn meinetwegen aus dem modrigen Keller bergen.”

Verwirrt folgte ich ihr mit der Flasche in der Hand vor die Tür, wo sie eingehend das Etikett prüfte, als verstünde sie etwas davon. Sie drehte die Flasche ein paar Mal hin und her, neigte sie gegen das Licht und befand den Inhalt für genießbar.

“Ein Korkenzieher und ein Weinglas werden doch noch aufzutreiben sein. Natürlich, eines! Spreche ich inzwischen chinesisch? Du willst doch nicht trinken, wenn du noch fährst! Mit diesen Schuhen kann ich jedenfalls unmöglich fahren. Sie gefallen dir doch, oder nicht? Vielleicht soll ich mich auch noch auf den Fahrersitz setzen, den du vorhin vollgeschwitzt hast? Und mein Finger? Auch wenn er nicht mehr blutet, möchte ich heute noch zum Arzt gehen, um einer Blutvergiftung vorzubeugen. Liegt dir vielleicht nichts daran, dass ich gesund werde?”

“Doch.” Ich nickte schuldbewusst und verzog mich wieder ins Haus.

Welchen Streich hatte mir mein Gehirn da gespielt – oder das Haus? Der Knauf und der Keller? Vielleicht gab es noch eine andere Tür? Es blieb mir nicht viel Zeit danach zu suchen und deshalb versuchte ich mein Glück noch einmal an der Kellertür. Sollte es bloß ein Traum gewesen sein, war ich nicht schlimmer dran als vorher. Sollte mich der Türknopf aber tatsächlich in die Vergangenheit transportiert haben, so wollte ich lieber dort bleiben und mein Leben nochmal von vorne anfangen – mit Rosi.

Ich öffnete die Kellertür wieder mit dem Knauf und wollte das Licht anmachen, aber es war offenbar defekt. Also zog ich den Knauf ab, schloss die Tür und wartete ein paar Minuten, bis ich der Meinung war, es wäre genug Zeit für den Zeitreisetrick vergangen. Als ich nach dem Riegel tastete, musste ich seltsamerweise weiter nach oben greifen. Im Flur stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass ich auch keine zwanzig mehr war, sondern höchstens acht oder neun.

So schnell ich konnte rannte ich hinauf in die Küche. Dort saß mein Vater am Küchentisch, kaute an einem Apfel und las die Zeitung, wie es früher am Abend seine Gewohnheit gewesen war. Meine Mutter stand am Herd mit dem Rücken zu mir und rührte etwas über der Gasflamme.

Ich muss länger dort gestanden haben, denn mein Vater hörte auf zu kauen und blickte mich über seine Lesebrille hinweg an.

“Bist du in Rede- oder Bewegungsstreik getreten? Komm, nimm dir einen Apfel. Ich gebe dir den Sportteil.”

Meine Mutter lachte, als sie mich so stehen sah, und ich klappte hastig den Mund zu.

“Wie eine Hummelfigur”, witzelte sie. “Du zerstreuter Professor solltest mir Sauerkraut bringen und keinen Wein, sonst liegen wir morgen nach dem Mittagessen bestimmt unter dem Tisch.”

“Auch nicht das Schlechteste”, bemerkte mein Vater und zwinkerte mir zu. “Was ist denn das für ein hübsches buntes Ding, das da aus deiner Hosentasche herausschaut? Kommt mir irgendwie bekannt vor.”

Der Türknopf, schoss es mir durch den Kopf, ich darf ihn unter keinen Umständen verlieren, sonst bin ich verloren.

Ich machte auf dem Fuße kehrt, hastete nach unten und verstaute den Rotwein so gut ich konnte im dunklen Keller.

Irgendwie spürte ich, wie mir die Sache mit diesen seltsamen Zeitsprüngen entglitt. Nicht, dass ich je begriffen hätte, wie sie funktionierten, geschweige denn, ich hätte je die Kontrolle darüber gehabt. Aber ich fühlte mein Leben an mir vorbei gleiten, ohne einen Einfluss darauf zu haben, wohin mich die Reise führte. Was sollte ich nur tun? Jammern? Geister beschwören? Gott anflehen? Ich war nie sehr religiös gewesen, aber nun spürte ich den Drang, mich auf den Bauch zu werfen, die Hände zu falten und zu beten.

Ich spürte den kalten Lehm unter meinen nackten Knien, spürte wie die Feuchtigkeit begann, mein Hemd zu durchdringen, wie mein Bauch kalt und nass wurde. Den Kopf zwischen den Händen begann ich zu schluchzen. Ein Gebet formte sich in meinen Gedanken, aber kein Wort kam mir über die Lippen, nur schluchzen, mehr und immer mehr. Dann konnte ich nicht mehr an mich halten, ließ meiner Wut und Hilflosigkeit freien Lauf und heulte ungeniert drauf los. Ich spürte kaum wie sich eine wohlige Wärme über meinem Unterleib ausbreitete, als ich mich entleerte.

Unter Tränen bemerkte ich, wie die Kellertür aufgestoßen wurde und zwei Menschen die Treppe herunter gestürmt kamen. Meine Mutter nahm mich hoch, drückte mich fest an sich und flüsterte mir beruhigende Worte ins Ohr. Aber ich wollte sie nicht hören, ich wollte ihr etwas sagen, ihr mitteilen, was mit mir geschehen war und sie fragen, was ich dagegen tun konnte. Statt der Fragen formte mein kleiner unfähiger Körper nur noch mehr Schluchzer und Tränen und schließlich endloses Schreien.

“Was ist das überhaupt für ein komisches Spielzeug”, fragte mein Vater und hob den Türknopf auf. “Für dich, mein Kleiner, ist es jedenfalls zu gefährlich. Bevor du dich daran verletzt, werfe ich es lieber weg – oder schließe es irgendwo ein. Wer weiß, wozu es gehört.”

Das war das letzte Mal, dass ich meinen magischen Türknopf gesehen habe.

Und jetzt warte ich hier auf jemanden, der kommt und mich wickelt. Und darauf, dass ich größer werde und mich auf die Suche nach ihm machen kann, vorausgesetzt, ich erinnere mich dann noch an ihn. Leider gibt es jetzt keinen Weg, mein Wissen und meine Gedanken aufzuzeichnen. Und ich spüre, wie die Erinnerungen daran immer mehr verdrängt werden von weit dringenderen Bedürfnissen wie einer trockenen Windel und warmer Milch.

ENDE

Copyright © 2012 by Leon Ferri

Bildrechte: “Zeitlinien – manchmal gehen Uhren anders (Zeitlinien5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Kaufempfehlug des Autors:

Haldeman, Joe
Herr der Zeit

Ein Science-Fiction-Roman vom Hugo und Nebula Award Preisträger Joe Haldeman

Übersetzt von Kühnert, Alexander
Verlag : Mantikore-Verlag
ISBN : 978-3-939212-18-8
Einband : Paperback
Preisinfo : 12,95 Eur[D] / 13,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 07.01.2012
Seiten/Umfang : ca. 312 S. – 20,5 x 13,5 cm
Produktform : B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 04.07.2012

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

Hochschulabbrecher Matt Fuller schlägt sich als einfacher Forschungsassistent am Massachusetts Institute of Technology durch. Als er sich gerade mit den Quantenbeziehungen zwischen Gravitation und Licht beschäftigt, verschwindet plötzlich sein Kalibrator – und taucht eine Sekunde später wieder auf. Und jedes Mal, wenn Matt den Reset-Knopf drückt, verschwindet die Maschine zwölfmal länger. Nachdem er mit dem Kalibrator herumexperimentiert hat, kommt Matt zu dem Schluss, dass er nun in Besitz einer Zeitmaschine ist, mit der er Dinge in die Zukunft schicken kann – einschließlich einer Schildkröte, welche die Reise unbeschadet übersteht. Mit einem Job ohne Zukunft und einer Freundin, die in wegen eines anderen Mannes verlassen hat, scheint nichts dagegen zu sprechen, dass Matt selbst eine kleine Zeitreise unternimmt. Also leiht er sich ein altes Auto, stopft es mit Essen und Wasser voll und landet in der nahen Zukunft – wo er wegen Mordes am Besitzer des Autos verhaftet wird, welcher tot umgefallen ist, als Matt direkt vor seinen Augen verschwunden ist. Die einzige Möglichkeit, der Mordanklage zu entgehen, besteht darin, weiter in die Zukunft zu reisen, bis er einen Ort in der Zeit findet, an dem er sich in Ruhe niederlassen kann. Doch was ist, wenn solch ein Ort gar nicht existiert …

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
Titel bei Booklooker.de
Titel bei Libri.de

ACHTUNG! So verdoppeln Sie Ihre Chancen bei Titeln unter Storys unserer Community-Autoren, bei denen es zu einer Verlosung kommt: Geben Sie mindestens einen Kommentar zu diesem Beitrag ab. Das ist ganz einfach: Nur auf den Button “(keine) Kommentare” klicken und Ihre Meinung zum Thema abgeben. Dafür werfen wir ein 2. Los in die Lostrommel. Sobald Sie dann in der nächsten Meldung mit dem Preisrätsel zu diesem Buch PER E-MAIL (!) an der Verlosung teilgenommen haben, verdoppeln Sie Ihre Gewinnchance. Natürlich sollte Ihre Antwort PER E-MAIL (!) beim Preisrätsel richtig sein. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Abgelegt unter Autorenwerkstatt, Bücher, Fantasy, Storys | 15 Kommentare »

FERNBLEIBEN VON DER SCHULE – Leseprobe aus dem Roman “XO” von Francis Nenik. Mit einem Vorwort des Verlegers

Erstellt von ed-cetera am 27. Juli 2012

FERNBLEIBEN VON DER SCHULE

Leseprobe aus dem Roman “XO” von Francis Nenik.

Mit einem Vorwort des Verlegers

Vorwort des Verlegers:

Der Roman “XO” besteht aus lauter losen Blättern. Seine 125 Kapitel sind in jeweils unterschiedlichen literarischen Stilen geschrieben und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Um den Leserinnen und Lesern den Einstieg ins Buch zu erleichtern, habe ich vier thematisch verwandte Kapitel ausgewählt, die im Buch zwar nicht in dieser Reihenfolge auftauchen, in einer solchen aber gelesen werden könnten.

Zu guter Letzt sei angemerkt, dass die Rechtschreibfehler im ersten Kapitel bewusst gesetzt sind, da dieses literarische Mittel – ebenso wie der Erzählstil – eine (versteckte) Danksagung des Autors an einen anderen Schriftsteller und dessen Werk darstellen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht,

Eyk Henze

Leiter der ed[ition]. cetera

xoxoxo

Albert ist der Lehrer. Albert ist ein einfacher Kerl. Albert wonnt sogar in der Schule. Albert mag genau zwei Dinge nicht. Das eine hab ich jetzt vergessen, aber das andere eine Ding dass Albert nicht mag ist, wenn die Kinder immer nicht zur Schule kommen. Deshalb schreibt Albert der Lehrer, der in der Schule wonnt und ein einfacher Kerl ist, den Müttern seiner Schüler einen Brief.

»Betreffs Fernbleiben von der Schule

Verehrte …………………….,

Sie wissen, ich bin kein übereifriger Diener des Gesetzes, ja nicht einmal einer, der all die Verordnungen, Statuten und Regelungen kennt, die seinen Beruf betreffen. Nicht weniger meide ich die von meinesgleichen abgehaltenen Versammlungen und Konferenzen, wann immer sich ein noch so geringer Grund finden lässt, und weder der Geheime Schul- und Kirchenrat noch der Herr Superintendent haben je von mir Notiz genommen. Auch bin ich mit Sicherheit kein Mann, der nach Petitionen schreit, ganze Sammlungen pädagogischer Briefe verfasst oder sich in jenen romanhaften Ausschweifungen über das Lehrerleben ergeht, die sich seit einigen Jahren allgemeiner Beliebtheit erfreuen, so wie mir überhaupt die allzu gelehrigen Worte fremd sind, welche im Namen der Humanität den Geist und die Kultur beschwören und die Bildung zur eigentlichen, ja einzigen Aufgabe des Menschen erklären. Es scheinen mir zu große Worte für unsere kleine Welt.

Meine Aufgabe – und nicht weniger mein Wunsch – aber ist es, meinen Schülern einige Kenntnis von den Grundlagen der Religion und der Sitte zu geben, dazu das notwendige Rüstzeug, um anständig lesen, schreiben, rechnen und singen zu können und schließlich noch das Gemeinfasslichste von der Naturkunde, der Erdbeschreibung und der Geschichte.

Wie aber, wenn die Kinder nicht zur Schule kommen?

Gewiss gibt es Ausnahmen, selbst wenn diese nur noch auf der Tradition und kaum mehr auf dem Gesetze gründen: Die Zeit der Aussaat und der Ernte wie auch anderweitig unabdingbare Hilfsdienste im Haus und in der Familie, die Anstellung eines privaten Hauslehrers (obgleich ich einen solchen hier noch nie zu Gesicht bekommen habe), selbst die beiläufige Vermietung der Kinder ist mir bekannt und wird im Grunde von mir auch geduldet, so es sich – auf welcher Seite auch immer – um einen wahrhaften Notfall handelt und der Lektionsplan bis zur nächsten Gelegenheit nachgeholt wird, denn ich möchte kein Kind unvorbereitet wissen, wenn der Tag des Nachweises gekommen ist.

Gleichwohl, nichts von alldem gilt es zu übertreiben oder gar auszunutzen, so wie es ja überhaupt immer nur das rechte Maß ist, das einer Sache – auch einer guten! – ihren Wert gibt. Zudem ist die Zeit der Ernte auf allen Feldern nun vorbei und die der neuen Aussaat oder auch nur die der dringendsten Vorbereitungen noch lang nicht gekommen. Dass dennoch Schüler fortbleiben, ja sich manch einer in letzter Zeit noch weniger und unregelmäßiger in der Schule zeigt, als er es zuvor schon getan hat, stimmt mich nachdenklich und traurig.

Nun, ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht, weil mir das Wegbleiben der Schüler die Nahrungsquelle versiegen lässt. Die Zeit der Reiheschule, so scheint mir, ist endgültig und auf alle Zeiten vorbei, mag ich dies nun bedauern oder nicht. Überdies beziehe ich als Lehrer ein festes und für meine Belange nicht minder ausreichendes Einkommen, so dass ich weder auf das Schulgeld noch auf sonst eine Abgabe angewiesen bin, auch wenn ich, wie bekannt sein dürfte, für die ein oder andere Naturalie durchaus empfänglich bin. Ich weiß, dass unter den Schülern wie im gesamten Ort das Gerücht umgeht, ich würde mich von dem ernähren, was in der Schule übrig bleibt oder liegen gelassen wird, ja selbst die unter die Bänke gefallenen Brotteile wären mir ein lukullisches Mahl. Gewiss, ich schätze das Brot als eine Gnadengabe Gottes, doch sollten Sie nicht allzu viel auf derartiges Gerede geben, auch wenn ich ihm aufgrund meiner Natur nicht weiter nachzugehen pflege. Ein solches Gerücht entsteht wohl einfach dadurch, dass ein Junggeselle schnell der Gefahr des Verhungerns geziehen wird, wodurch sogleich alle auch nur erdenklichen Nahrungsquellen für ihn ersonnen werden.

Aber wie dem auch sei, Sie mögen Ihre Kinder jedenfalls auch weiterhin zu mir in den Unterricht schicken. Es wird ihnen in dieser Schule auf das Tunlichste an nichts fehlen.«

Natürlich hätte Albert den Brief nicht schreiben müssen. Und so schon gar nicht. Aber einfacher Kerl der er ist hat er sich gedacht, das so ein Brief offizieller wirkt, zumal er ihn in großer Zahl abgeschrieben und alle Namen eingetragen hat. Außerdem kann er sich dann immer auf den Brief berufen und muss die Dinge nicht tausendmal sagen, denn das ist das zweite was Albert nicht mag.

Genau so dachte Albert. Und genau so machte er es auch.

xoxoxo

Aus Alberts Aufzeichnungen.

»[…] Albert, es gereicht Ihnen zur Ehre, dass die Welt untergehen könnte, und Sie würden an Ihre Schüler denken. Und wären Ihre Schüler nicht da oder kämen vorbei, um es Ihnen zu sagen, Sie würden überhaupt nicht bemerken, dass die Welt untergeht. Sie nähmen nichts gewahr. Aber sie geht nicht unter, Albert, ganz gewiss geht sie nicht unter. Aber ebenso gewiss führt die Welt auch kein solches Stillleben wie Sie es tun. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Albert, ich schätze Sie sehr wohl, Ihre Arbeit, Ihre Art … aber es ist das eine, wenn ein Mensch seinen ganzen Tag, ja vielleicht sogar sein ganzes Leben in einer Schule verbringt, und ein anderes, wenn er gezwungen wird, diese zu verlassen und außerhalb ihrer schützenden Wände in die Lehre zu gehen, vielleicht sogar noch früher, als ihm selbst oder auch nur seiner Mutter lieb ist. Aber manch einer muss sich seine Chance erst erdienen. Ich weiß, dass das traurig ist. Und es stimmt mich ebenso nachdenklich wie Sie. Ja, manchmal denke ich sogar, es wäre das Schlechteste nicht, die Welt würde untergehen. Aber vielleicht ist es ja gerade das, Albert, dass die Welt nicht untergeht, dass sie nie untergehen wird, was immer wir oder andere auch tun. Sie bleibt, ein immer schrecklicherer Ort – und so bleiben auch wir. Und das, das ist unser Untergang. Inmitten einer ewigen Welt gehen wir auf ewig unter.

Verzeihen Sie, wenn ich so schreibe. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe und dass es auch nichts ändert. Nur sehen Sie, Albert, ich stehe im Grunde auf Ihrer Seite.«

»Markus Johannes arbeitet! Das reicht jawohl!«

»Ihr als kleiner Hinweis getarnter Wunsch nach ›Naturalien‹ hat mich offen gestanden anfangs ein wenig verwirrt, zumal er so selbstverständlich geäußert wurde. Aber ich habe es mir bei Ihnen ja gleich gedacht, Albert. Nun denn, mein liebster Briefeschreiber, ich habe verstanden und nehme an.

PS: Was das angelegentliche Fernbleiben meiner Söhne betrifft, so will ich sehen, was ich machen kann.«

xoxoxo

Meine liebste Sophie,

wenn du diesen Brief in deinen Händen hältst, wird es schon nicht mehr so schlimm sein.

Albert war nicht da. Er ist einfach nicht gekommen. Nicht, dass ich damit gerechnet habe, dass er auftaucht, aber dennoch war da etwas, das gefehlt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ein Glück oder ein Unglück nennen soll, aber mir scheint, dass das Wissen um eine Sache uns nicht vor unseren Erwartungen rettet. Das hat es bei mir noch nie getan. Manchmal, wenn ich Arthur und Max ins Bett gebracht und die beiden ihren Träumen überlassen habe, sitze ich hier und folge ihnen mit offenen Augen. Ich spüre dann die Zeit nicht mehr. Kein Einst, kein Morgen, nur ein in bis alle Ewigkeit verlängerter Moment, ein unendliches Jetzt. Jetzt, jetzt! Es gibt dann keine Erwartungen mehr, weil es auch keine Geschichte mehr gibt, kein Wissen um das, was war.

Sind diese Wachträume Gnade oder Verdammnis? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist das am Ende auch alles gar nicht so wichtig, vielleicht sind diese Worte einfach zu groß für unsere kleine Welt.

Nur fällt es mir nicht leicht, von ihnen zu lassen. Ich weiß, dass du über all das den Kopf schütteln wirst. Ich sehe es ganz genau vor mir. Dein Kopf, wie er über diesen Zeilen hängt, an denen die Augen kleben, die auch mit geschüttelt werden, ohne sich dabei lösen zu können von dem, was sie sehen. Eine seltsame Vorstellung … Aber weißt du, irgendwie tröstet sie mich. Sie erlaubt mir weiterzumachen. Ich weiß, dass du mir dieses eine Mal noch verzeihst. Du hast es so oft schon getan. Und wahrscheinlich würdest du es auch noch viel öfter tun. Du würdest es vorziehen, dir den Kopf vom Hals zu schütteln, als auch nur einmal Schluss zu sagen. Und du weißt, wie froh ich darüber bin, auch wenn ich es eigentlich befürchten sollte.

Albert jedenfalls scheint seine geliebte Schule um nichts in der Welt verlassen zu wollen. Er wird eines Tages darin sterben, und die Kinder werden ihn am nächsten Morgen finden und sich in ihre Bänke setzen, als wäre nichts geschehen. Und wenn sie ihn dann hinaustragen, werde ich dastehen und zusehen und mir nicht vorstellen können, dass er gegangen ist.

Meine liebste Sophie, selbst jetzt, in dieser viel zu späten Stunde, in der ich dir diese Zeilen schreibe und sich so viele, zu viele Gedanken meines Kopfes bemächtigen, während ein jeder längst schläft und wir alle, so wach wir auch sein mögen, unmerklich in einen neuen Tag geführt werden, selbst jetzt will es mir nicht gelingen, mir vorzustellen, dass dieser Ort ohne Albert überhaupt nur existiert oder es eines Tages auch nur tun könnte.

Ich weiß, du schüttelst schon wieder den Kopf. Bestimmt denkst du, dass mir das auch gar nicht gelingen sollte. Und du hast Recht, ich will es mir auch gar nicht vorstellen. Und doch gibt es da etwas, das mich dazu bringt, es dennoch zu tun, etwas, mit dem ich mir meine Erwartungen raube, die die Enttäuschung doch immer nur vorwegnehmen.

Sophie, ich weiß, dass all das viel zu große Worte sind für das wenige, was da ist, und gewiss treffen sie es umso schlechter, je größer sie sind und je schöner sie klingen. Aber ich kann es nun einmal nicht anders sagen: Es ist Alberts Abwesenheit, die ihn so oft hier sein lässt. Und wenn er dann doch einmal auftaucht, wenn er vor mir steht, so nah, dass ich ihn berühren könnte, dann kehrt sich alles mit einem Male um, und er ist nichts als Albert, der Lehrer, abwesend in seiner ganzen Anwesenheit. Und dabei will ich ihn doch nur sehen, will sehen, wie er in seiner Unscheinbarkeit zu verschwinden versucht. Und ich würde ihn lassen, verstehst du, Sophie, ich würde ihn vor mir verschwinden lassen, weil er dann endlich ganz bei mir wäre.

Lilly

xoxoxo

Herzliebste Lilly,

verzeih, dass ich dir erst jetzt antworte, aber die Arbeit war gar zuviel, und ich schreibe nicht gern, wenn mich etwas drängt. Die Zeit ist freilich noch immer knapp, doch kann ich nicht länger warten, auch wenn ich fürchte, dass mir die eilig zu Papier gebrachten Worte nicht gefallen werden. Ich sehe es ja jetzt schon! Bitte versteh mich nicht falsch, ich bewundere den spontanen, unverstellten Ausdruck, doch will sich mir ein solcher beim Schreiben nie recht einstellen, und gelingt es mir dann doch einmal, meine Empfindungen sogleich in Worte zu kleiden, so wirken die Zeilen erkünstelt, und das Lesen wird mir zur Qual. Und dennoch, Lilly, mag uns unser Wissen auch nicht vor unseren Erwartungen schützen, so halten uns unsere Befürchtungen doch um nichts weniger davon ab, das zu tun, worauf sie sich gründen. Ob dies ein Glück ist, wage ich nicht zu entscheiden. Gewiss aber ist es kein Unglück, denn wo das eine die Enttäuschung immer schon in sich trägt, ist das andere von Anfang an vor ihr gefeit.

Siehst du, jetzt gerate ich selbst schon in die großen Worte, dabei habe ich noch gar nichts gesagt. Aber ich weiß ja auch gar nicht, wo ich beginnen und wie ich es sagen soll.

Seit drei Tagen erweise ich mich nun schon als Sklavin meiner eigenen Küche. Es fing damit an, dass mein Herr Gemahl einen Fisch gefangen hat. Zumindest hat er einen solchen mit nach Hause gebracht. Ein Spiegelkarpfen, an die zwanzig Pfund schwer. Er hat ihn mir auf den Küchentisch gelegt und gesagt, ich solle ihn gleich zubereiten. Ich habe es getan und – ach, du siehst es ja selbst, mein einfaches Drauflosschreiben raubt dem Alltäglichen seine Dramatik.

Schüttelst du jetzt den Kopf?

Glaubst du, dass unser ganzes Dasein aus solch scheinbaren Banalitäten besteht? Dann bliebe noch immer die Frage, was besser wäre: die gemeinen Dramen mit Worten zu überhöhen, um ihre wahre Größe aufzuzeigen oder sie so darzustellen, wie sie uns entgegentreten? Eine Aneinanderreihung von Plattitüden und Nebensächlichkeiten, einfach und banal. Scheinbar … Aber gut, ich habe den Karpfen zubereitet, und als ich fertig war, ist Justus zurückgekommen, hat ihn in eine große Pfanne gepackt und ist mit ihm seiner Wege gegangen. Er ist einfach verschwunden, Lilly, genau wie dein Albert, nur auf eine ganze andere Art und Weise. Auch war er nach ein paar Stunden wieder zurück. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Und alles, was er sagte, war: »Der Fisch hat geschmeckt.« Dann ist er in die Kammer gegangen, hat sich ins Bett gelegt und ist eingeschlafen. So laut, dass ich’s nicht hätte überhören können. Dabei stand ich noch immer in der Küche, und das einzige, woran ich denken konnte, waren seine Worte. »Der Fisch hat geschmeckt.« Nicht gut, nicht sehr gut und auch nicht vorzüglich, nein, der Fisch hat einfach nur geschmeckt. Geschmeckt! Der Fisch! Ein Karpfen war das, ein Spiegelkarpfen! Fast hätte ich geglaubt, er habe sein Heil in Petrus endlich gefunden. Aber ich konnte mir schon denken, wo er war. Nur wusste ich nicht, dass er mir am nächsten Tag wieder einen bringt. Diesmal war es kein Karpfen, diesmal war es ein Lachs! Dabei hatte er noch nie einen Lachs gefangen, stattdessen immer behauptet, der Fisch sei hierzulande ausgestorben. Und dann kommt er in aller Herrgottsfrühe mit einem Lachs nach Hause! Und wieder so ein Riesenvieh. Legt ihn mir auf den Küchentisch und sagt, ich soll ihn gleich zubereiten. Ich kam mir vor wie in einem dieser Märchen, wo sich alles im Kreise dreht und wiederholt, zumal ich es wieder getan habe. Nur dass es diesmal viel länger gedauert hat, weil ich nicht wusste, wie man einen Lachs am besten zubereitet. Zum Glück habe ich in einem Buch ein Rezept gefunden, aber kaum war ich fertig, war der Fisch auch schon wieder verschwunden. Du kannst dir denken, wie die Geschichte weitergeht. Der verehrte Herr kommt nach ein paar Stunden zurück, sagt, dass der Fisch geschmeckt hat, geht in die Kammer, schläft ein und bringt mir am nächsten Tag wieder einen. Diesmal einen Hecht. Dabei hatte er erst vor ein paar Wochen einen gefangen. Immerhin wusste ich diesmal, wie ich ihn zuzubereiten habe. Ging deshalb auch ein wenig schneller. Verschwunden ist der Fisch trotzdem, aber mir wurde gesagt, dass er geschmeckt hat. Das war vor einer Stunde, und jetzt sitze ich hier in der Küche und warte auf den neuen Tag. Auf den neuen Tag und auf den neuen Fisch. Und obwohl ich weiß, dass er mir wieder einen bringen wird, habe ich alle Spuren beseitigt und meine Seiten über den Tisch hier ausgebreitet.

Lilly, ich habe deinen Brief gerade noch einmal gelesen, und weißt du, obwohl alles ganz anders ist, geht es mir genau wie dir. Ich sitze hier und spüre die Zeit nicht mehr. Ich weiß, ich habe gesagt, sie ist knapp, aber jetzt spüre ich sie nicht mehr. Ich lasse mich mit offenen Augen durch die Nacht treiben. Aber ich darf nicht nachdenken, nur nicht nachdenken, denn dann wird mir bewusst, dass ein neuer Tag kommen und mich mit seinen Erwartungen bedrängen wird, die ich jetzt schon wieder vor mir sehe, auch wenn ich nicht sagen kann, ob es nicht doch eher Befürchtungen sind. Aber was macht das schon. Wir treffen mit unseren Worten ja doch nie unsere Welt.

Soll ich dir also erzählen, was geschehen ist?

Aber wie soll ich es denn beschreiben?!

Je länger ich darüber nachdenke, desto unmöglicher erscheint mir das alles. Die Zeit lässt uns mich eben doch nicht los. Oh Lilly, wie gern würde ich dir in deinen Wachträumen folgen. Aber ich kann es nicht.

Sind wir denn so verschieden?

Bitte, du darfst diesen Worten keine große Bedeutung beimessen. Es sind flüchtige Gefährten, und wir wissen doch beide, wie ähnlich sich unsere Wesen sind. Und es hat ja auch sein Gutes, denn hätte ich die Zeit und die Kraft, meine Worte noch einmal durchzulesen, ihr Schicksal wäre besiegelt. Ich würde nicht zögern, diesen Brief zu zerreißen und ihn in den Eimer zu den stinkenden Resten des Hechtes zu werfen. Papier ist gut, um ausgescharrte Innereien zu überdecken.

Ich werde also weitermachen, genau wie du gesagt hast, jetzt, jetzt, jetzt.

Die Fische sind allesamt ins Wirtshaus gewandert. Aber glaub nicht, dass sie dort auch angekommen sind.

Nein, ich muss anders beginnen, verzeih mir.

Seit Tagen empfängt Pfarrer Fuggert die verschiedensten Leute. Manche kommen ganz früh, noch im Schutz des Nebels, und gehen erst wieder, wenn es die Dunkelheit erlaubt. Aber das sind beileibe nicht alle. Ich habe sie schließlich zu jeder Stunde hoch zum ›Schwaden‹ laufen sehen. Aber sie kehren dort nicht ein, sondern gehen direkt rauf in das Zimmer, das Fuggert nun schon seit Wochen bewohnt. Er empfängt sie dort und lässt sie erzählen. Und wenn sie stocken, wartet der Fisch auf sie. Vielleicht fragst du dich, was das alles zu bedeuten hat, aber den Reim musst du dir schon selber machen. Und das wirst du, das wirst du ganz gewiss. Und glaub mir, du wirst richtig liegen, vollkommen richtig. Wie könnte ich daran zweifeln?!

Ist das eine Befürchtung oder eine Erwartung?

Ich weiß es nicht. Aber was sollte das auch ändern?!

Lilly, die Zeilen beginnen vor meinen Augen zu verschwimmen. Ich muss mich beeilen. Ich sehe doch, dass ich noch immer nichts zu greifen bekommen habe. Aber gestern, gestern ist Albert gekommen. Es war schon fast dunkel, aber ich weiß, dass er es war. Selbst wenn ich ihn nie zuvor gesehen hätte – ich hätte ihn erkannt. Du hast ihn mir so oft schon beschrieben. Eines Tages aber wird er bei dir sein. Hörst du, Lilly, eines Tages wird er ganz und gar bei dir sein.

Glaubst du mir das, Lilly? Glaubst du mir das?

Lilly, du darfst nicht glauben, dass das hier alles ein Spiel ist. Es sieht nur wie eines aus.

Ich bin müde. Wenn Arthur morgen kommt, werde ich ihm den Brief mitgeben. Wenn nicht, zerreiße ich ihn und streue die Schnipsel über die Eingeweide eines riesigen Fischs.

S.

© Francis Nenik, 2012

© Bilder: punkzebra

Bildrechte: Besinnliche Momente und Reflexionen” (Besinnlich-die-zweite.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Besinnliche Momente und Reflexionen” (BESINNLICHE MOMENTE-SUBCOVER-100-minus-60-0) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Für alle, die gern mehr lesen möchten – neben der gedruckten Version, bietet die ed[ition]. cetera den kompletten Roman zum freien Lesen und Herunterladen auf ihrer Verlagswebseite an.

Wer aber erst einmal wissen möchte, worum es in “XO” (sonst noch) geht, klickt am besten hier.

XO. Roman

Verlag : ed[ition]. cetera
ISBN : 978-3-00-037594-1
Einband : ungebunden, lose Blätter in Kartonage, mit Banderole

Preisinfo : 33,90 Eur[D] (inklusive Versand) / 33,90 Eur[A] + 9,50 Euro Porto und Versand

Seiten/Umfang : 853 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform : B: Buch
Erscheinungsdatum : 1. Aufl. 02.201

Der Roman ist erhältlich auf der Verlagswebseite oder bei Tubuk.

Abgelegt unter Allgemein, Bücher, Diskussionen, Historisch, Leseprobe, Phantastik, Storys | 13 Kommentare »

IM FEUER – Leseprobe aus der Fantasy-Trilogie “Ninragon – Band 1: Die standhafte Feste” von Horus W. Odenthal

Erstellt von Horus W. Odenthal am 27. Juli 2012

IM FEUER

Leseprobe aus der Fantasy-Trilogie

“Ninragon – Band 1: Die standhafte Feste”

von

Horus W. Odenthal

„Verdammt, ich glaub, ich hab die Räude.“

Jenric hatte sich neben ihm in die Deckung gegraben und rieb mit wachsender Hektik an seinem linken Arm, wo sich grüne und braune Flecken zeigten, die tatsächlich weniger wie ein Geschwür sondern eher wie Flechtenbefall aussahen. Dort, wo er eine feine Schicht von moosigem Pulver abpulte, kamen darunter hellere, geschichtete Wucherungen zutage.

„Das muss von dieser verdammten Spitzohren-Vegetation kommen“, brummte Jenric. „Wer weiß, was zur Hölle das hier für Pflanzen sind. Ob das überhaupt Pflanzen sind. Ich jedenfalls hab mein Lebtag noch nie so ein Grünzeug gesehen, und ich bin viel rumgekommen, meine Herren.“

Ein helles Lodern über den Baumwipfeln unterbrach ihn und ließ ihn und alle anderen der Gruppe nach oben starren. Eine Salve von Feuerbällen donnerte über sie hinweg. Sekunden später loderte die Kammlinie in ihrem Rücken in flammendem Rot.

„Die armen Kerle, die jetzt sint in dieser Hölleh“, hörte er Crussav ein Stückchen weiter entlang des Grabens murmeln. Trotzdem waren sie froh, dass diese Salve nicht für sie bestimmt war, sondern über sie hinwegging – was sich jederzeit ändern konnte.

Alles konnte sich jederzeit ändern, dachte Auric. Sie mussten zugeben, vollkommen den Überblick über die Kampfsituation verloren zu haben: wo der Feind stand, wo die eigenen Leute standen, wer von wo unter Beschuss genommen wurde. Eine Frontlinie gab es längst nicht mehr, nur noch einzelne Trupps, die in dieser Hölle ums Überleben kämpften und versuchten, dem Feind so große Verluste wie möglich beizubringen. Um in dieser Urwaldhölle den Überblick zu verlieren, bedurfte es wahrhaftig keiner Drogen.

Jenric hatte noch Scheiben einer halben Knolle Rott, die er sich sorgfältig eingeteilt hatte. Vor dem Angriff hatte er eine großzügige Portion davon mit ihm geteilt. „Hier nimm, das macht die Birne alle. Wenn es dich erwischt, fährst du auf dem großen weißen Feuerball in den Himmel. Wenn nicht, wirst du diese spitzohrigen Motherfucker mit deinem verdammten Schwert alle machen, dass sie denken, die Dämonen der Hölle wären über sie hergefallen.“

Vor kurzer Zeit noch – vor der Elfenprovinz, vor Kvay-Nan – hätte er glattweg abgelehnt. Vor den Feldern von Vhau-KhayKhem, vor dem Massaker von Maukhran-Khvor, vor dem endlos sich hinziehenden Schlachten in den Wäldern von Khuvhaurn, vor den Kämpfen um Khavai-Kharn, als an den Ufern des Vh‘nan die Duergas über sie gekommen waren, halb wahnsinnig in ihrer Raserei, und seine Kameraden unter ihren Schlachthämmern gefallen oder in die Fluten getrieben worden waren.

Aber danach war er müde geworden. Müde, das alles bei klarem Kopf mit ansehen und deshalb die Realität all dessen anerkennen zu müssen, müde bei klarem Kopf die Angst, das Chaos, das Grauen erneut durchleben zu müssen. Er war in der kurzen Zeit durch zu viele nicht enden wollende Wälder gerannt, mit Kameraden, die verbrannt, zerfetzt, zerhackt wurden. Er hatte in zu viel Schlamm und Blut gelegen. Sie hatten seine Uniform und Rüstung durchdrungen bis in die letzte Faser, bis alles von Schlamm und Blut getränkt und imprägniert war, bis er selber unter weiteren Schichten von Schlamm und Blut auf seiner Haut vor sich hin gärte und sich kaum noch als menschliches Wesen fühlte sondern eher als ein Teil der Natur, das diese verfrüht zurück gefordert hatte, um schon jetzt mit ihren Kompostierungsprozessen zu beginnen, so als wäre er schon jetzt wieder zur Erde zurückgekehrt.

Vor kurzer Zeit hätte er die Kraft aufgebracht, sich gegen solche zersetzenden Anwandlungen zu wehren. Vor kurzer Zeit war er ein anderer Mensch gewesen. Aber jetzt hatte er die Scheibe Rott angenommen, Jenric gedankt, sie sich in den Mund geschoben und gründlich durchgekaut bis seine Zunge taub und sein Hirn leicht wurde.

Dann war das Zeichen zum Angriff gekommen, und sie waren durch den Urwald gestürmt und hatten den südlichen Hügelkamm genommen, während die Feuerbälle zwischen ihnen herabkrachten und die großen Bäume in Flamme aufgehen ließen.

Sie hörten nur noch das Prasseln der Feuerwände und die Schreie ihrer Kameraden von der Sechzehnten Brigade rings um sich herum. Die Armbrustschützen schossen wie verrückt, kamen aber durch den Wald nicht nah genug an die Vorbollwerke der Festung heran, um ihnen sinnvoll Deckung geben zu können. Sie kriegten zwar die feindlichen Armbruststellungen, an die Feuergeschütze aber kamen sie nicht heran.

Kein Zweifel, die verdammten Spitzohren hatten sie ganz schön an die Kandare genommen.

Dann, als sie schon durch den Beschuss vollkommen versprengt worden waren, kamen die Kommandotrupps der Elfen und hatten sie noch zusätzlich aufgemischt. Sergeant Demokris, der ein Stück hinter Kudai und Umanákhu im Dreck lag, hatte offensichtlich mittlerweile genauso wenig einen Plan, was die Feinheiten von Stellungen und Strategie anging. Die meisten der Einheiten, die bei dieser Mission eingesetzt wurden, gehörten der 16. Division an, doch obwohl die „Barbarenbataillone“ größtenteils aus Nicht-Idiriern bestanden, waren doch – genau wie bei ihrem Trupp – viele der befehlshabenden Offiziere idirische Bürger, vor allem je näher man der Spitze der Befehlspyramide kam.

In ihrer jetzigen Stellung konnten sie die Festung selber durch die Baumwipfel nicht sehen, doch die Richtung, in der sie lag, war anhand der Flugbahn der Feuergeschosse klar erkennbar. Die Festung lag vor ihnen, der südliche Hügelkamm lag hinter ihnen: Das war es auch schon fast, was sie wussten. Außerdem war klar, dass sie momentan vom Rest der Truppen, dem Gros der Einheiten der Sechzehnten, abgeschnitten waren, denn durch das Sperrfeuer, mit dem die Spitzohren den Hügelkamm überzogen und in eine Feuerhölle verwandelten, kam keiner durch. Sie mussten laut Auftrag irgendwie durch das weitläufige, bewaldete, von zahlreichen kleinen Wasserläufen durchzogene Becken gelangen, über dem Jhipan-Naraúk, eine der letzten Zufluchtsfestungen der Kinphauren-Separatisten des Blauen Kreises, aufragte, zu deren Vorbollwerken gelangen, um sich irgendwie, koste es, was es wolle, dort festzusetzen. Und das Urwaldbecken um die Festung Jhipan-Naraúk war groß, darin konnte eine Menge geschehen und eine Menge Menschen verlorengehen.

„Wenn die da oben wollen, dass wir hier eine koordinierte Aktion hinlegen und einen Teil der Vorbollwerke nehmen, dann sollten sie uns gefälligst Feldsenphora mitschicken, damit wir uns irgendwie untereinander verständigen können. Wir haben schließlich auch einen Feldscher in jedem Zug dabei.“ Der kleine Kudai schien ähnliche Gedanken wie er verfolgt zu haben. Sein Gesicht war fast vollständig von Ruß geschwärzt, nur das Weiß seiner Augen starrte aus seinen mittlerweile eingefallenen Zügen hervor. Und das Weiß seiner Zähne, das durch das leichte Grinsen, das fast nie aus seinem Gesicht weichen wollte, häufig aufblitzte. „Aber dafür sind ihnen wahrscheinlich ihre wertvollen Geistesboten zu schade.“

Feldsenphora? Wovon träumst denn duh? Feldsenphora, das wär‘ was“, schimpfte Crussav in seinem schweren Zungenschlag der östlichen Steppen. „Warrscheinlich sint sich diese Meine-Pisseh-ist-Weihwasser-Durchlauchtigkeiten selber zu schade, um jemals zu liegen mit der Nase im Dreck. Und ausgerechnet bei Sechzehnter?“ Ein roter Schein erfasste sein Gesicht.

„Oh, Scheiße, der kommt tief!“

Der Feuerball kam nicht nur tief, er kam in ihre Richtung. Das Blätterdach in seinem Pfad fing Feuer und flammte hoch empor wie eine zornige Krone. Dann schlug er ein.

Der Gluthammer der Explosion versengte Aurics Augenbrauen. Ein glühend heißer Sturm fegte über ihn hinweg, zerrte an seiner Kleidung, fauchte in sein Gesicht, raubte ihm den Atem.

Die Welt ging in Flammen auf.

Das Unterholz, zehn Meter nur von ihnen entfernt, war ein einziges blendendes, fauchendes, prasselndes Feuermeer. Der Stamm einer daraus emporragenden Bluteiche knackte und barst. Die Krone krachte mit brechenden, dabei wie in einer Kettenreaktion von Dominosteinen sich nacheinander aufwärts entzündenden Ästen in das Flammennest hinein. Feuerzungen blähten sich wie träge gegeneinander drängende Wogen empor, leckten den verkohlten Stumpf entlang, sprangen andere Stämme hinauf, trugen den wuchernden Brand mit pfeifendem Heulen hoch in die Kronen. Glühendes Blattwerk wurde in Wehen durch die Luft getrieben. Das Feuer spannte sein grelles, flackerndes Netz in den Wald. Es röhrte und wummerte.

Dann kam der nächste Feuerball. Sein Glutsturm raste an ihrer Flanke vorbei. Ein Feuerofen blühte zehn Meter grabenaufwärts von ihnen mit entfesseltem Rasen auf. Die Hölle wanderte.

Dann der nächste. Flammenbälle in erblühender Reihe, wie eine Gänseblümchenkette, für die Hölle geknüpft. Sie streckten ihre tanzenden, leckenden Fasergespinste ausfächernd nacheinander aus.

Der Flammenball schlug ein und dunkle Brocken spritzen vor rot tosendem Grund durch die Luft. Brocken von Erde, Brocken von Menschen. Das Feuergeschoss hatte den Trupp zu ihrer Linken getroffen. Vor einer Minute hatte er sie noch fluchen hören, ohne zu wissen, wer es war, der dort festsaß. Er hatte geglaubt, er hätte unter den herüberwehenden Stimmen die von Jagnar erkannt.

Flammenwände verwirrten die Sicht, sprangen zwischen ihren Stellungen hindurch. Durch ihre grellen, rastlosen Schleier sah er die Schatten von Kameraden aufspringen und fliehen. Die Luft wurde so heiß, dass der Schweiss wie in einem Sog aus seinen Poren gezogen wurden. Schweißtröpfchen auf der Haut verdampften und waren fort.

Erneutes Aufbäumen der Wand grellen Flackerns unter einer neu aufwuchernden Fackel aus herabregnendem und erplatzendem Glutsamen. Ein Feuerball sauste an ihnen vorbei und explodierte Sekundenbruchteile später hinter ihren Reihen. Mehr gellende Schreie ganz aus der Nähe. Reißendes, sonnenheißes Geflatter. Eine knatternde, lohende Plane im Glutwind. Aufspringen gleich bei ihm. Ein dunkles, plumpes Getorkel fester Glieder, gefährdet dichten Fleisches, dessen Namen er kannte, vor dem Tableau schrecklicher, ungreifbarer Schönheit. Schrille, dumpfe Halbgedanken peitschten zur Kuppel seines Bewusstseins hoch. Ein Wirbel panischen Tumults von Menschenkörpern, der ihn mitriss. Er lief mit den Leuten seines Trupps, wurde mitgezerrt, warf sich mit ihnen zu Boden.

Die Wut der Flammen brach in sich zusammen.

Er lag mit der Nase im Dreck und sah eine Schicht verglühender Blätter über seinen Kopf hinweg treiben. Weitere, verbrannt und knisternd, senkten sich wie eine Wehe verbleichter, spröder Flocken auf ihn herab. Er blickte zur Seite und sah in Kudais verdrecktes, verrußtes, zum Grinsen geblecktes Gesicht.

Ja genau, verdammt, wir leben noch! Ein guter Grund zu grinsen wie ein Blöder.

Er stemmte sich hoch und sah zurück. Die Flammen flatterten noch mit gedämpftem Wummern, dem gelegentlich scharfem Knacken explodierenden Holzes empor, doch es waren zerrissene Schleier, keine zornigen Wände und Glutbälle mehr.

Er stand auf. Kudai neben ihm tat es ihm gleich und schlug dabei das Sonnenkreuz Inaims über dem Herzen. Ringsumher wuchsen die Wracks verstörter Soldaten aus der verheerten, nachglühenden Brandschlacke empor und sahen sich um, dunkel ragende Gestalten in einer Landschaft hell orangen, gefräßig wandernden Flammengeflatters.

Schwere Schatten brachen durch die verwehenden Feuerschleier. Schwere Schatten in dunklen Rüstungen, die Schwerter schwenkten.

Ein donnerndes Röhren aus einer Tierkehle ließ die kochende Luft erbeben. Etwas, das auf allen Vieren lief wie ein Wolf und dessen Gestalt auch der eines riesigen Wolfes ähnelte, sprengte zwischen den Gestalten in Rüstung durchs Feuer. Doch Wölfe röhren nicht. Und Wölfe haben keine grausig ungeschlachten Köpfe wie das hier.

Auric sah die Überlebenden um ihn herum die Schwerter heben. Auf die falsche Art. Wie in Verteidigung. Sergeant Demokris wirkte kaum mehr motivierend.

Also zog er sein Schwert aus der Scheide, riss es, sich aufbäumend, beidhändig in die Höhe.

„Schickt die verfickten, dreckigen Spitzohren in die Hölle!!! Die Sechzehnte ist der Alptraum ihrer Feinde!!!“

Kudai brüllte wie ein Tier, er hörte Crussavs Stimme es ihm gleichtun, andere stimmten brüllend ein. Dann waren sie über ihnen.

Die schwarze Gestalt flog vorbei, während er das Schwert durchzog. Er spürte, wie die Klinge auftraf und Widerstand durchschlug.

Die nächste kam heran. Keine Zeit, sich der Wirkung seines Streiches zu vergewissern. Dieser hier brachte ihn ihn Bedrängnis. Er überzog Auric mit einem Hagel von Schwerthieben. Streiche in ungewohnter Manier, falsche Winkel, falsche Abfolge, trotzdem glatt wie Öl. Verdammt gefährlich. Gerade noch konnte er die Attacken abwehren, musste das Netz seiner Abwehr auf ungewohnte Art weben. Kein Gesicht, eine glatte, schwarze Kappe bis zum Kinn herab, nur vom Augenschlitz unterbrochen. Eine schwarze, gesichtslose Gestalt, die nach einer fremdartigen Schule focht. Einer nichtmenschlichen Schule.

Ein Hieb im Bogen von rechts herab, den er nicht richtig annehmen konnte. Der Schlag traf mit Wucht seine Schulter und ließ ihn aufstöhnen. Einer der Merkverse der valgarischen Fechtlehrer schoss ihm durch den Kopf: „Bist du im Hinach, stich ins Weite oder weich aus ins enge Land.“ Statt zurückzuweichen schoss er also vor, ins „enge Land“ einer körpernahen Mensur, prallte hart Brust gegen Brust mit seinem Gegner zusammen, brachte ihn ins Stolpern. Kein Klingen von Metall beim Aufprall. Sein Arm kam hoch; er drosch dem Taumelnden den Knauf des Schwertes mitten ins visierbedeckte Gesicht. Sein Gegner brüllte, etwas knirschte. Der Schwarzgepanzerte ging, unkoordiniert die Arme hochreißend, rückwärts zu Boden. Auric packte über ihm stehend das Schwert mit beiden Händen, holte Schwung und trieb ihm den Stahl durch den Panzer in die Brust. Der Durchbohrte bäumte sich um sich schlagend auf, sank dann reglos in den Dreck. Die schwarzen Panzer waren also zu knacken. Sie waren zwar widerstandsfähiger als gehärtetes Leder aber nicht so stark wie Metallpanzer.

Der Hieb seines Gegners hatte Aurics Schulterpolster durchschlagen, war aber vom Kettengeflecht des Haubert aufgehalten worden. Verdammtes Glück – nur eine üble Quetschung. Er war verdammt froh, dass er diesen Haubert, sein altes Kettenhemd besaß, dass zusätzlich zu der Standard-Lederrüstung der idirischen Armee seinen Körper schützte. Wer es sich leisten konnte, investierte in zusätzlichen Schutz oder zusätzliche Waffen, so dass praktisch jeder seine Rüstung zusätzlich verstärkt oder ergänzt hatte, durch eingearbeitete Metallteile, Schuppen, Ketten, Platten oder Spangen. Sein Haubert hatte ihm nun schon mehrfach das Leben gerettet; Brust und Bauch hatte er als Schutz gegen Armbrustbolzen zusätzlich mit Metall gepanzert.

Sein erster Gegner lag hinter ihm tot am Boden, den Kopf zur Seite geknickt. Aurics Streich hatte den Hals halb durchhackt.

Das Kampffeld war zerrissen und von Flammen durchzogen. Die anderen des Trupps, zermürbt und versprengt von der Feuerhölle der Bombardements, waren in harter Bedrängnis. Die Spitzohren brachen in ihre aufgebrochene Front ein. Das Wolfsvieh mischte zusätzlich die Reihen auf. Heiseres Brüllen und Stöhnen, Schwerterklirren. Durchschossen von Fauchen und Fängeblitzen. Drei des Trupps sah er am Boden, Freck einer davon. Sie hatten große Mühe, sich zu halten.

Direkt neben Auric war Kudai Demokris beigesprungen, der von seinem Gegner fast in Grund und Boden gehauen worden war. Beide hielten sie das Spitzohr gut in Schach, anders als Crussav der von zwei Schwarzgepanzerten übel in die Bredouille gebracht wurde. Auric wollte ihm zu Hilfe eilen, als er aus den Augenwinkeln ein dunkles Huschen sah. Dann krachte etwas mit ungeheurer Wucht in ihn hinein und warf ihn zu Boden. Sumpfig erstickte Gedanken – Ringen nach Luft. Schmerzende Enge in der Brust, sein Blick klärte sich öffnend. Fauchen und Toben füllte seine Sicht, schnappende, blitzende Fänge, spritzender Geifer. Er stieß dem Wolfsbiest seinen Arm entgegen, um die reißenden Kiefer von seiner Kehle fern zu halten, fühlte die Zähne sich in den Kettenpanzer seines Arms verbeißen und tastete mit der Rechten hektisch nach seinem Schwert. Keins zu finden, nicht auf dem Boden, nicht neben ihm. Reißender Schmerz durchfuhr seinen Arm, als sich die Fänge durch die Polsterung unter den Kettenringen und in sein Fleisch bohrten. Scheiß auf das Schwert, du brauchst eine Klinge – jetzt! Seine Hand schoss zum Gürtel, fand das Langmesser, riss es heraus, versuchte trotz des Schmerzes mit der Kraft des Arms dem Herumwerfen des ungeschlachten Kopfes entgegenzuwirken, ihn zu fixieren und stieß die Klinge in das rohe, schwarze Wolfsgesicht. Das Vieh röhrte. Er sah einen dunklen Schlund und eine Masse spitzer, langer Zähne, eine Woge von Gestank und Hitze brandete ihm aus den Kehlentiefen entgegen. Das Messer wurde seiner Hand entrissen. Das Vieh warf sich vor Schmerz herum. Er strampelte wild mit Armen und Beinen, hektisches Gekrieche, um aus dem Schatten des sich bäumenden zottigen Untiers zu kommen. Das Messer stak im Auge des Wolfsbiestes. Nicht tief genug. Nicht bis ins Hirn. Seine nach hinten greifende Hand traf auf Hartes, Kaltes – Schepperndes. Sein Schwert, da war es. Er griff es, wollte hoch, doch da bäumte sich das Vieh erneut auf und warf sich in seine Richtung. Schwer krachte die rohe, dunkle Masse auf ihn ein, sein Hinterkopf knallte hart gegen den Boden. Weißes Feuer schoss durch Kopf und Wirbelsäule – doch diesmal hielt er sein Schwert. Wieder Zähne und Geifern, rasend vor Wahnsinn und Schmerz, bluttriefende Kiefer, die sich um sein Gesicht schließen wollten, darüber der schwere, dunkel zottige Buckel des Rückens. Aus dem plötzlich ein Speer herauswuchs. Das Vieh brüllte.

Kiefer, geifernde Fänge rollten zur Seite weg, bäumten sich hoch. Das Vieh warf sich empor in Richtung des Feindes, der ihn in die Seite gebissen, der ihm Schmerzen zugefügt hatte.

Hinter dem Biest stand Kudai, erwartete es, hatte jetzt aber nur noch sein Schwert, das er wie einen Speer zum Stoß hielt.

Alte Jagdgeschichten aus dem Norden schossen Auric durch den Kopf, von Bärenjagd, von sicheren, tödlichen Stößen. Tolle Sache, wenn das Vieh nur still hielt.

Das Wolfsbiest mit seiner dunklen, muskelbepackte Masse stand vor Auric und fixierte Kudai: durch all den Ruß fast so dunkel wie es selbst, doch klein und schmächtig gegen den massiven, pelzstarrenden Körper, unruhige Augen zu Schlitzen, Schwert als Ersatzspeer von rechts nach links suchend schwenkend, Arme, Beine in Bewegung, verbissen Ausschau haltend nach einem möglichen Angriffswinkel. Für diesen einen Moment vor der Attacke – verharrte das Biest …

Und Auric warf sich in dessen Richtung, sprang auf den schwarz bepelzten Rücken, kam mit schwerem Ruck richtig auf, krallte sich, bevor es ihn wieder abwarf, mit einer Hand im Fell fest. Das Biest wand sich; er umschlang mit den Beinen seine Rippen, klammerte seine Schenkel fest herum. Ließ das Fell los, um das Schwert mit beiden Händen zu greifen, es zum Schwung wie einen Spieß hochzuziehen. Seine Augen suchten die Stelle im Nacken, am Schädelansatz, fixierten sie. Dann trieb er das Schwert mit aller Kraft die er hatte wie einen stählernen Dorn tief hinein in den Schädel. Durch den Muskel, durch das Knirschen. Ins Hirn.

Ein Rucken ging durch die kraftstrotzend kompakte Masse, dann ein wildes Aufbäumen. Auric wurde vom Rücken geschleudert, rollte durch halberstickte Flammen. Ein Röhren, das anschwoll, gellte – und dann plötzlich abbrach.

Auric rappelte sich auf und sah über den Kadaver des Wolfsbiestes Kudai an. Der grinste dreckig und meinte: „Das Vieh musste weg! War der Unsicherheitsfaktor.“

Kudai zog seinen Speer aus dem toten Biest, und es war ihm anzusehen, dass er froh war, seine Lieblingswaffe wieder zu haben. Auric selber hatte, anders als Kudai, unvorschriftsmäßig das streitkeulenförmige Gegengewicht entfernt, das die Waffe zum optimalen Fechten ausbalancierte; zum Fechten hatte er, anders als die Idirer, sein Schwert – aber so, wie der Speer jetzt war, taugte er als eine Wurfwaffe.

Er ließ seinen Blick rasch umherschwenken, um sich einen Überblick zu verschaffen, um in das Chaos, das um ihn tobte, einen Sinn zu bringen. Die schwarzgepanzerten Elfen schlugen furchtbar zu. Ihre eigene Front gegen sie – wenn sie je bestanden hatte – war aufgerissen und zersplittert. Im chaotischen Terrain von noch immer brennenden Bäumen und Buschwerk wurden seine versprengten Kameraden zurückgetrieben und in die Zange genommen. Khuon-Nai ging unter den Schwerthieben dreier Spitzohren nieder, sie prügelten und hackten ihn zu Boden. Ein Kamerad, der neben ihm gefochten hatte, lag schon erschlagen dort. Ringsherum waren Kameraden in Gefahr niedergemetzelt zu werden – oder wurden es schon. Zwischen herumlodernden Flammenfetzen bekam er einen Blick auf Jenric, der unter dem Schwert eines der Schwarzgepanzerten zu Boden ging, und von dort verzweifelt versuchte, sich dessen Hieben und Stichen zu erwehren. Crussav lebte noch. Er sah ihn mit Umanákhu Seite an Seite kämpfen. Der schwarze habburanische Hüne war ihm wohl in seiner Bedrängnis zu Hilfe geeilt. Der Kampf dauerte noch nicht einmal lange, und es waren schon zu viele von ihnen gefallen.

Ein Schrei zerriss Prasseln und Flattern der Flammen und Schwertergeklirr. Ein Röhren, das all das andere Kampflärmen beiseite drängte. Durch flirrende Luft und Flammenschleier sah er vier Gestalten von der linken Flanke auf sie zustürmen. Schwerter schwenken. Eine davon brüllte. Wie eine Säge aus Eis fräste sich der röhrende, blutgeile Raubtierschrei durch die heiße, funkendurchwehte Luft.

Ein Schlag der Erleichterung durchfuhr Auric.

Er sah Jag über die noch immer lohende Feuerspur eines der eingeschlagenen Geschosse springen und auf den Kerl eindringen, der Jenric am Boden hatte. Die drei anderen um ihn fächerten wie verdammte Profis an ihm vorbei aus. Jenrics Gegner ging von Jags schwerem Schwerthieb gefällt zu Boden. Seine Mitstreiter nahmen sich gezielt ihre Gegner vor, preschten ohne zu zögern in die kämpfenden Schwarzgepanzerten hinein. Die Spitzohren fielen aus ihrem Rhythmus.

Aurics Blick erfasste den Sarge in seiner Nähe, und er sprang Demokris bei. Der es brauchte. Auric nahm den Hieb des Elfen an, der Demokris den Arm gekostet hätte. Das brachte ihm selber einen halbtauben Arm ein. Er fiel mit Barbarenbrüllen über das Spitzohr her. Das aus dem Takt fiel und schlecht parierte. Der beispringende Sarge sah die Gelegenheit, und der Elf fiel unter seinem Abwärtshieb.

Wo sie konnten, lösten sich die Schwarzgepanzerten nun aus dem Gefecht und rannten. Zurück, in Richtung der Festung und ihrer Vorbollwerke. Sie ließen sie gehen. Hinterhersetzen wäre ein unkalkulierbares Risiko, und sie waren zu erleichtert, es durchgestanden zu haben, um die Fliehenden sich nicht aus den Einzelkämpfen lösen zu lassen.

Schwer atmend standen sie in dem verheerten, noch immer brennenden Wald, dorthin versprengt, wohin das Gefecht sie getrieben hatte. Sie standen dort eine Weile schweigend, ließen Schultern und Waffen sinken. Dann scharten sie sich langsam wieder zusammen.

Jag sah versengt aus, schien aber ansonsten unverletzt.

Jagnar sagte, mit einem Blick auf die anderen, die mit ihm gekommen waren, „Das sind die Reste von meinem Trupp. Wir hatten Glück, abseits der anderen zu sein, als ein Feuerball einschlug. Wir müssen die Überlebenden der anderen Trupps finden, uns zusammenschließen und den Rückzug organisieren.“ Er stellte seine Mitstreiter vor.

„Czand, Stupps, Keiler Drei.“

„Wieso nennst du mich so?“ Schiefer Seitenblick auf Jag. „Wieso Drei?“

„Jeder Arsch nennt sich Keiler. Du bist Keiler Drei.“

„Es gibt keinen Befehl für einen Rückzug. Wir bleiben hier und halten die Stellung.“

Jag warf, den Sprecher ignorierend, Auric einen knappen Blick zu. „Wer ist denn der da?“

„Unser Sarge.“

„Es hat einen Befehl zum Rückzug gegeben“, warf Jag Sergeant Demokris zu, „ihr habt ihn nur in dem Gewühl nicht mitgekriegt. Drei rote Fackelsignale über dem Kamm in den Himmel geschossen. Unser Sarge ist tot. Ich führ unsere Leute hier raus. Übernimm dabei das Kommando, Idirer, und mach es gut, dann bin ich hinter dir.“

„Jungs.“

Sie wurden auf Crussav aufmerksam, der in Richtung der sich zurückziehenden Elfen blickte, zur Festung hin.

„Jungs, die sind nicht vor uns geflohen.“

Die Köpfe schwenkten in seine Blickrichtung und aufwärts. Ein rotes Glühen legte sich auf die Gesichter.

Sekunden später schlug die nächste Salve der Feuerbälle ein.

-Ende-

© Horus W. Odenthal, 2012

Bildrechte: “Waffentod – Im Meer der Zeiten” (Waffentod41.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Waffentod-74-minus-110-98.png(Waffentod41.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.


Die ganze Geschichte lesen Sie hier:

Horus W. Odenthal
NINRAGON – BAND 1: DIE STANDHAFTE FESTE
ASIN: B008COLIDE
Juni 2012, 463 Seiten, Kindle eBook,
EUR 3,99 (DE)

Titel erhältlich bei Amazon.de

Ein Fantasy-Epos in drei Teilen.

Fantasy der neuen Generation, mit einer starken, frischen Stimme.

Eine Geschichte für die Fans von George R. R. Martin, Scott Lynch, Joe Abercrombie und Steven Erikson.

Zwei Männer, die kaum unterschiedlicher sein könnten, führt das Schicksal zusammen.

Der eine ist Darachel, ein Ninra, Angehöriger einer uralten Rasse, die sich aus der Welt in ihre abgelegenen, gewaltigen Festungen zurückgezogen hat und sich nun auf ihre Aszension vorbereitet, darauf also, die materielle Welt ganz zu verlassen. Wie alle anderen Nichtmenschenrassen menschenähnlicher Gestalt werden die Ninraé von den Menschen, die wenig über sie wissen, schlicht Elfen genannt.

Der andere ist ein Valgare aus dem hohen Norden. Als Darachel ihn zusammen mit einer Gruppe anderer Ninraé bewusstlos findet, trägt er die Reste einer Uniform des Idirischen Reiches, und sein Körper ist von Narben und Verwundungen gezeichnet. Außerdem hat er einen unheimlichen, tödlichen Verfolger, der den Ninraé einen blutigen Kampf liefert.

Die überlebenden Ninraé bringen den Schwerverletzten in ihre Große Feste Himmelsriff, und dort erzählt der Mensch dem Elfen Darachel sein Leben.

Dies ist die Geschichte von Auric Oriksohn, Auric Torarea Morante, genannt Auric der Schwarze. Es ist die Geschichte eines einzelnen Mannes, der dachte, nur um sein eigenes Leben und Schicksal zu kämpfen, sich aber unversehens in etwas viel Größeres, Dunkleres und Weitreichenderes verstrickt sieht.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der früh die Realität des Krieges kennenlernt und gezwungen ist, das grausame Leben der Kindersoldaten in den Kriegen des Nordens zu führen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der furchtbaren Geschöpfen aus den Tiefen einer mythischen Vergangenheit trotzen muss, der in eine Zeit geboren wird, in der diese Vergangenheit zurückzukehren droht, mit Kampfkolossen einer älteren Welt und den unheimlichen Fertigkeiten und Schöpfungen der Bleichen Rasse.

Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Lebensplan beständig durch seine Herkunft durchkreuzt wird und den das Schicksal so entgegen seinen eigenen Zielen auf seltsame Wege führt. Es ist die Geschichte von einer sich allmählich abzeichnenden Verschwörung gegen das gewaltige Idirische Reich, von singenden Festungen, die den Wahnsinn in die Hirne der Menschen schicken, von gefangenen und gebrochenen Geistern, von Gilden, die eifersüchtig das Geheimnis ihrer Fähigkeit Geistesbotschaften zu senden hütet. Von Schachzügen der Politiker und Militärs und der einfachen Menschen und Soldaten, die dafür bluten müssen.

Es ist die Geschichte von Machtstreben und Korruption in einem Reich, das dennoch die große und einzige Hoffnung in einer dunklen Welt auf Kultur, Zivilisation und Frieden darstellt. Es ist die Geschichte von den Geheimnissen und Widersprüchen in den Seelen der Menschen und den Gräben und Schlachten, die dort ausgetragen werden. Es ist die Geschichte darüber, wie die Abgründe der Vergangenheit das Leben der Gegenwart formen. Es ist die Geschichte des Mannes, der es wagte, dem legendären Eisenkrone und seinem Magiervertrauten Vanwe entgegenzutreten. Es ist die Geschichte darüber, dass etwas niemals als ganz tot und vergessen gelten sollte.

Es ist die Geschichte Ninragons.

Was der Ninra Darachel nicht ahnt, ist, dass während Auric ihm noch die Geschichte seines Lebens erzählt, die Bedrohung, die diesen Menschen verfolgte, bereits ihren Schatten auf Himmelsriff, die Festung der Ninraé gelegt hat. Und dass der Feind oft an ungeahnten Plätzen lauert. Nicht zuletzt im eigenen Herzen.

Egal, wie die Zeit aussieht, in der wir leben, egal mit welchen Waffen wir kämpfen und wie die Städte aussehen, in denen wir leben, immer denken wir von unserer Zeit als der Moderne. Und immer vergessen wir allzu leicht, dass diese sogenannte Neuzeit wenig mehr ist, als die uns sichtbare Oberfläche eines gewaltigen Ozean, der uns trägt, und in dem, uns unsichtbar, die Schatten und Mahre der Vergangenheit hausen.

Titel erhältlich bei Amazon.de

Abgelegt unter Allgemein, Bücher, Diskussionen, Fantasy, Leseprobe, Storys, eBooks | 9 Kommentare »

Karussell veröffentlicht eine neue Lausbubengeschichte aus der Hörspielreihe “Typisch Max”: “Max und der Geisterspuk” – VÖ: 27.07.12 – empfohlen ab 6 Jahren – Länge 52 Min. – BEI UNS DREIMAL IM PREISRÄTSEL!

Erstellt von Detlef Hedderich am 27. Juli 2012

Christian Tielmann: Typisch Max. Max und der Geisterspuk

‘Silberfisch’.
Empfohlen von 5 bis 8 Jahren.
Jewelcase.
Audio-CD
Produktdetails zu Christian Tielmann “Typisch Max. Max und der Geisterspuk”:
ISBN: 3867424713
EAN: 9783867424714
Libri: 5855098
‘Silberfisch’.
Empfohlen von 5 bis 8 Jahren.
Jewelcase.
Hörbuch Hamburg

August 2012 – Audio-CD

Kurzbeschreibung:
Grusel-Trip: Beim Klassenausflug verschwindet Nico spurlos in der Geisterbahn. Max und Pauline machen sich auf eine gespenstische Suche nach ihm.

PRESSETEXT:
Max ist wieder da! Seit Januar 2012 gibt es die Max-Hörspielreihe speziell für Jungs. Nach dem riesigen Erfolg der Buch-, Hörspiel- und TV-Reihe „Meine Freundin Conni“, die sich vor allem an Mädchen wendet, wurde die Forderung vieler Eltern nach einem männlichen Pendant zu Conni immer lauter. Und so hat der Carlsen Verlag mit dem Autor Christian Tielmann die Reihe „Typisch Max“ für die Jungs-Zielgrupe ab 6 Jahren entwickelt.

In der neuen Folge „Max und der Geisterspuk“ fährt Max mit seinen Freunden zum ersten Mal Geisterbahn. Als sein Freund Nico abhandenkommt, machen sich Max und Pauline auf die Suche und erleben ein aufregendes Abenteuer, das sie so schnell nicht vergessen werden …

Mit der Identifikationsfigur Max können Jungs ihren Helden im Alltag entdecken und an seinem Vorbild eigene Erlebnisse oder Gefühle reflektieren. Max ist ein ganz normaler Junge, mal dickköpfig und wild, mal vernünftig und überlegt. Vieles erlebt er zum ersten Mal, aber von Geschichte zu Geschichte gewinnt er – wie seine Hörer – an Erfahrung und sozialer Kompetenz. Sein Markenzeichen: eine Taschenlampe, die er immer dabei hat. Typisch Max eben …!

Das neue Hörspiel „Max und der Geisterspuk“ erscheint am 27. Juli 2012 bei Universal Music Family Entertainment/Karussell als CD und Download. Die Bücher zur Max-Hörspielreihe erscheinen im Carlsen Verlag und haben sich mittlerweile schon 800.000 Mal verkauft. Max-Autor Christian Tielmann wurde 1971 in Wuppertal geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg und Hamburg. Heute lebt er in Köln und schreibt sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Auch die Geschichten aus der Reihe „Mein Freund Max“ für die jüngere Zielgruppe ab 3 Jahren stammen aus seiner Feder.

Inhaltsbeschreibung: „Max und der Geisterzug“:
Max und sein Vater haben verschlafen und erwischen gerade noch den Zug nach Rabenkirchen. Heute ist nämlich ein großer Tag für Max, denn seine Klasse darf einen Ausflug in den Freizeitpark machen. Max und seine Freunde freuen sich auf die Wildwasserbahn, das Kettenkarussell, die Schleuderspinne und die Achterbahn. Das wird prima! Vor der Geisterbahn haben sie allerdings ein bisschen Angst. Nico wettet, dass sie sich bestimmt vor Schreck in die Hosen machen. Nico kennt die gruselige Bahn schon, denn sein Onkel Roberto arbeitet im Freizeitpark. Im Park angekommen stellt die Klassenlehrerin Frau Geisburg ein paar Regeln auf.

Die wichtigste ist, dass sich alle Punkt zwölf Uhr am Infostand wieder treffen. Und so schwärmen die Kinder zu den verschiedenen Attraktionen aus. Max und seine Freunde gehen geradewegs zur Geisterbahn. Mal sehen, ob sie wirklich so unheimlich ist, wie Nico behauptet. Sie steigen in den Geisterzug und fahren durch gruselige Welten voller Kriechtiere, Spinnen, Hexen, Piraten, Drachen und Schlossgespenstern.

Als sie Punkt zwölf am Treffpunkt sind, ist Nico spurlos verschwunden. Frau Geisburg lässt ihn ausrufen – Fehlanzeige! Aber Max und Pauline haben ein gutes detektivisches Gespür und finden einen Beweis, dass Nico nach wie vor in der Geisterbahn sein muss. Sie wagen sich erneut in den Zug, steigen aber während der Fahrt aus, um Nico zu suchen. Es ist stockdunkel und ein Wachmann ist ihnen auf den Versen. Max macht sich fast in die Hosen. Zum Glück hat er immer seine Taschenlampe dabei! Sie finden ihren Freund, der an einem Gerüst festhängt, befreien ihn und mit dem nächsten Zug geht es wieder hinaus ins Freie. Frau Geisburg ist erleichtert, dass alle wieder aufgetaucht sind, auch wenn sie die Notlüge, die Pauline ihr auftischt, nicht so recht glauben kann.

Nico ist heilfroh, dass Max und Pauline ihm aus der Patsche geholfen haben. Natürlich hat auch Onkel Roberto Wind von der Sache bekommen. Zum Glück verpetzt er die drei nicht und gibt auf den Schrecken ein Eis für alle aus!

Titel erhältlich bei Libri.de

Preisrätsel 3 x 1 Exemplar: Wer eines dieser Exemplare erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben und nicht die Adresse vergessen anzugeben!): Wann genau erscheint die vorliegende  CD? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 300 richtige Mails eingetroffen sind, werden die Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen!

GEWONNEN HAT: Stephanie Reichl, Petra Kobs und Horst Kamischke. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN UNSEREM SPONSOREN UND ALLEN TEILNEHMERN!

Abgelegt unter Diskussionen, Hörbücher/Hörspiele, Jugend, News, beendete Preisrätsel | 1 Kommentar »