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Archiv für Mai 27th, 2012

Nicole Steyer – interviewt von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 27. Mai 2012

Nicole Steyer – interviewt von Werner Karl

Nicole Steyer ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Idstein. Ihr historischer Roman „Die Hexe von Nassau“ erscheint am 02. November 2012 im Knaur-Verlag. Am 24. Oktober 2012 wird im Gerberhaus von Idstein die Premierenlesung stattfinden. Beginn ist voraussichtlich 19:30 Uhr.

www.literatur-steyer.de
www.knaur.de
http://www.facebook.com/#!/pages/Nicole-Steyer/220034018033832

sfbasar: Liebe Nicole, ich möchte mit der ersten Frage gleich in die Vollen gehen: Historische Romane sind ungeheuer beliebt und die Vergangenheit bietet ja unendlichen Stoff dafür. (Angebliche) Hexen sind darin wiederum eine faszinierende und gern benutzte Personengruppe und ein Henker sowieso. Wie bist du ausgerechnet auf diese Idee gekommen? Oder anders gefragt: Was unterscheidet deine Geschichte von ähnlichen Romanen?
NS: Die Stadt Idstein (Die auch die Hexenturmstadt genannt wird) hat mich inspiriert. Unterhalb des Hexenturms ist eine Tafel angebracht, auf der alle Namen der Opfer stehen, 42 an der Zahl. Ich machte mir Gedanken darüber, was für Schicksale hinter den Namen stehen und wie sehr diese Menschen gelitten haben müssen. Ich begann zu recherchieren und in Idstein sind meiner Meinung nach viele Dinge anders gelaufen als in anderen Städten. Jede Anschuldigung wurde sehr genau geprüft und grundsätzlich wurde keine Frau unter 40 Jahren hingerichtet. Diese Altersgrenze hat Graf Johannes deshalb eingeführt, weil nach dem Dreißigjährigen Krieg noch sehr viele Dörfer wie ausgestorben waren und die Geburtenraten gerade wieder stiegen. Mit seinem Tod im Jahr 1677 endeten die Hexenverfolgungen.
Der Idsteiner Henker war für mich von Anfang an eine faszinierende Persönlichkeit, die ebenfalls sein Schicksal hat. Sein Vater war wie er Henker und wurde im Dreißigjährigen Krieg auf dem Esstisch in seinem Haus grob von Söldnern ermordet, angeblich weil er sein Geld nicht hergeben wollte. Sein Sohn hat alles mit ansehen müssen, was den Jungen gewiss geprägt hat. Hans Leonhard Busch behauptete tatsächlich: Er erkenne eine Hexe, wenn er sie sieht!
Das Henkershaus steht auch heute noch und ist sogar bewohnt. Im Keller wurde bei Umbaumaßnahmen in den Siebziger Jahren Gold aus jener Zeit gefunden.

sfbasar: Historische Romane haben neben ihrer Faszination auch den Anspruch – oder Makel? – dass sie in vielen Dingen korrekt sein sollen. Wo ziehst du hier die Grenze zwischen Tatsachen und Fiktion? Schließlich willst du ja kein Geschichtsbuch schreiben, sondern eine spannende – und fiktive – Geschichte erzählen.
NS: Ja, die Grenze zu ziehen ist nie leicht und natürlich weiß ich viele Dinge, die ich nicht im Buch unterbringen kann, was ich manchmal sehr schade finde. Aber man darf als Autor, trotz der vielen Historie, die Geschichte nicht aus den Augen verlieren. Ich verflechte gerne Realität mit Fiktion und freue mich sehr darüber, wenn so viele Dinge wie möglich tatsächlich geschehen sind. Aber ich möchte die Leser unterhalten und die Geschichte meiner Protagonisten erzählen und da muss die Historie schon mal in den Hintergrund treten oder leicht verbogen werden.

sfbasar: Über die realen Personen kann man – je nach vorhandener Dokumentenlage – mehr oder weniger viel recherchieren. Wie groß ist dabei die Gefahr, sich in Details zu verlieren, die man gar nicht für die Romanhandlung braucht oder einen sogar ablenken?
NS: Wenn ich einen realen Charakter im Buch habe, dann ist es wichtig viele Details über ihn zu wissen und ich verliere mich gerne in historische Berichte und Überlieferungen. Ich muss einem Menschen einen Charakter geben, ein Gesicht, und auch wenn er gelebt hat, kennen wir heute nur ein Gemälde, Aufzeichnungen über seine vermeintlichen Taten oder wie auf der Tafel am Hexenturm nur einen Namen. Da ist es wichtig sich zu verlieren, um irgendwann wieder aufzutauchen und die Ehre zu haben, diesem Menschen einen Platz im Buch zu geben.

sfbasar: Und die erfundenen Charaktere? Sind die leichter zu „beschreiben“? Auch die Interaktion mit den überlieferten Personen stelle ich mir nicht so leicht vor: Hast du nicht Angst, dass Historiker einwenden könnten, dass deine Protagonistin nie und nimmer so gehandelt hätte, wie du es in deiner Geschichte erzählst?
NS: Die erfundenen Charaktere sind nicht leichter. Sie muss ich immer erst kennenlernen und manche von ihnen tun auch nicht das, was ich ihnen anschaffe, was gut ist. Sie entwickeln sich mit der Zeit und ich lerne sie zu begreifen und sie zu lieben mit all ihren Ecken und Kanten. Es ist nicht schwer sie mit den „wirklichen“ Personen agieren zu lassen. Da mir die realen Persönlichkeiten niemals begegnet sind (bei so manchem Zeitgenossen bin ich dafür sehr dankbar) muss ich diesen auch Eigenheiten und Charakterzüge geben,die oftmals nicht überliefert sind.
Historiker arbeiten wissenschaftlich und ich denke, sie können sehr gut zwischen einem Unterhaltungsroman und einer wissenschaftlichen Arbeit zu einem Thema unterscheiden. Ich versuche möglichst viele Details historisch korrekt zu beschreiben. Aber auch dabei gibt es Grenzen.

sfbasar: Hat dich die Recherche in deiner Planung der Romanhandlung beeinflusst? Musstet du Änderungen, Streichungen oder gar den Plot selbst abwandeln, weil die belegten Daten eine andere Realität offenbarten?
NS: Nein, eigentlich nicht. Der Plot stand schon sehr früh und war von Anfang an sehr nah an der Realität und der Weg, den die Hauptdarstellerin geht, war klar gezeichnet.

sfbasar: Apropos Recherche: Jeder Autor recherchiert Dinge, die ihm wichtig erscheinen. Bei einem historischen Roman stelle ich mir den Aufwand schon sehr groß vor. Wie viel hast du vor der Handlungsplanung recherchiert und wie viel noch während des Schreibens?
NS: Recherchiert wird immer. Vorher und auch während dem Schreiben. Oftmals will ich eine Szene schreiben und alltägliche Dinge kommen mir plötzlich sehr schwierig vor. Bisher konnte ich aber jedes Problem lösen oder charmant umschiffen.

sfbasar: Welche Quellen hast du benutzt? Das Heimatarchiv, die Universitätsbibliothek, das scheinbar unerschöpfliche Internet, Fachleute?
NS: Natürlich sehr viele Quellen. Das Internet ist toll, aber nicht perfekt und manche Dinge stimmen nicht. Ich habe viele Bücher, die ich in Antiquariaten bestelle. Ich besuche die Orte, wenn es sie noch gibt, und gehe in Stadtarchive. Auch Historiker befrage ich, was mir oftmals weitergeholfen oder eine andere Sicht auf die Dinge gegeben hat.

sfbasar: Wie sieht es mit der wörtlichen Rede aus? Zur Zeit der Handlung haben die Leute natürlich anders gesprochen, auch wenn es hier in deinem Roman die deutsche Sprache war. Wortwahl, Satzbau und so weiter dürften sich deutlich von unserem heutigen Sprachgebrauch unterschieden haben. Sicher würde eine der historischen Zeit gemäße Sprache den Roman holprig werden lassen und den Lesern den Spaß verderben.
NS: Ja, dann würde es sehr anstrengend werden den Roman zu lesen. Während meiner Recherche musste ich viele Texte in alter Schrift lesen und habe viele Stunden damit zugebracht Texte regelrecht zu übersetzen. Der Leser lebt im hier und jetzt und soll auf eine Zeitreise mitgenommen und unterhalten werden und sich nicht fragen müssen, ob er den letzten Satz so richtig gelesen und verstanden hat.
 
sfbasar: Fühlt man sich bei so einer aufwendigen Arbeit nicht irgendwann eher wie eine Archäologin, eine Historikerin, statt wie eine Autorin? Oder macht das für dich gerade auch den Spaß aus, den du haben musst, um solch eine Arbeit leisten zu können?
NS: Nein, wie eine Historikerin fühle ich mich nicht. Aber es macht mir unglaublich viel Freude in alte Zeiten einzutauchen und jeden Tag eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen.

sfbasar: Kommen wir mal du deinem realen Umfeld. Wie sieht das aus, wenn du schreibst? Schottest du dich ab? Wohin mit deinen Kindern, deinem Mann? Bist du da in deiner Kemenate und dein Prinz darf dann die Erziehung, Hausarbeit und das Kochen übernehmen? Hast du da eine besondere Vereinbarung mit deiner Familie getroffen?
NS: Nein, Vereinbarungen gibt es nicht und leider übernimmt auch niemand für mich die Hausarbeit. Aber mein Mann unterstützt mich wunderbar und hilft wo er kann. Die Kinder gehen in die Schule und ich nutze die Vormittage zum Schreiben. Das ist wie bei jeder anderen Mutter auch, die halbtags arbeitet. Morgens setze ich mich an meinen Schreibtisch und beginne zu Arbeiten und Mittags koche ich für meine Kinder und kümmere mich um die Hausaufgaben. Aber hin und wieder schreibe ich auch nachmittags oder am Wochenende und dann unterstützt mich mein Mann sehr und sorgt dafür, dass ich nicht gestört werde.

sfbasar: Bist du beim Schreiben eine Planerin, die sich an ihr Skript hält? Oder passiert(e) es dir, dass du im Schreibfluss eine Handlung erschaffst, die so nicht vorgesehen war? Oder ist das bei einem historischen Roman unmöglich?
NS: Es gibt immer ein Exposé. Aber natürlich passiert es mir, dass sich Dinge ändern oder sich eine Figur anders entwickelt als gedacht. Aber es gibt immer einen roten Faden an den ich mich halte und auch das Ende steht immer fest, woran nie gerüttelt wird.

sfbasar: Bei fiktiven Geschichten kann man relativ einfach einen oder mehrere Folgebände nachschieben. So nach dem Motto: „Eine Geschichte ist nie zu Ende.“ Ist Band 1 ein Hit, schreit ein Verlag nach einer Fortsetzung. Wie ist das bei einem historischen Roman?
NS: Ich denke, es kommt bei einem historischen Roman immer darauf an, wie fiktiv die Geschichte ist. Es gibt viele historische Romane in denen die ganze Handlung so hätte sein können und es gibt diejenigen, in denen auch reale Personen auftreten und eine wirkliche Begebenheit in die Geschichte hineingewoben wird. Bei der zweiten Variante ist es natürlich schwieriger eine Fortsetzungsreihe daraus zu machen, denn die Geschichte schreibt einen Teil des Romans und die lässt sich oft nur schwer fortsetzen. Aber manchmal kann dies natürlich gelingen.

sfbasar: Wird dein nächstes Buch wieder ein historischer Roman sein? Ich nehme es mal an. Hast du dafür eine ganz andere Epoche im Auge?
NS: Ja, mein nächster Roman wird auch ein historischer Roman sein. Mehr verrate ich aber noch nicht.

sfbasar: Jetzt mal zum Handwerklichen. Du schreibst die schönsten Buchstaben, die ein Autor je schreiben kann: ENDE. Wie verfährst du dann? Lässt du den Rohtext sacken und erholst dich erst mal? Oder startest du am nächsten Tag die Überarbeitungen? Und wie gehst du dabei vor?
NS: Ja, ich lasse den Text schon eine Weile sacken, denn mir fehlt der Abstand dazu und ich sehe die Fehler nicht mehr. Nach einigen Wochen beginne ich mit der Überarbeitung auf dem Papier und arbeite diese dann ein. In der Regel gibt es zwei bis drei Korrekturgänge, manchmal auch mehr.

sfbasar: Es heißt ja, dass man nie genug korrigieren kann. Wann ist für dich das Stadium erreicht, wo du einen Text abschickst?
NS: Eigentlich nie. Selbst jetzt, wenn ich einen Text aufmache, denke ich: Meine Güte, wie konntest du das nur so schreiben.(lach)

sfbasar: Ich weiß, dass du eine gute Agentur als Partner gefunden hast. Angeblich soll es immer noch möglich sein, ohne eine Agentur einen Verlag zu finden. Wie ist deine Meinung zur Kette Autorin – Agentur – Verlag? Geht es nur so oder auch anders?
NS: Ich denke, dass es ohne Agentur schwierig wird. Die Agenturen leisten eine Menge Vorarbeit für die Verlage und bieten Texte an, die sie vorher geprüft haben. Das nimmt den Verlagen eine Menge Arbeit ab. Und ein Agent betreut die Autoren in Vertragsfragen und organisatorischen Dingen, was mir unglaublich viel hilft, denn ich möchte Geschichten schreiben und nicht Vertragsverhandlungen führen. Mein Agent prüft die Manuskripte sehr genau und unterstützt mich bei der Überarbeitung, wofür ich ihm sehr dankbar bin, denn mir fehlt oft der Blick für Unstimmigkeiten im Text, weil ich immer wieder mit der Geschichte mitschwimme.

sfbasar: Ein(e) Autor(in) muss ein fantasievoller Mensch sein. Wenn du nun eine fulminante Idee in einem anderen Genre hättest, eine umwerfende Idee zu einem Polit-Thriller oder einem Katastrophenroman. Würdest du für das neue Projekt in diesem Verlag kämpfen oder einen anderen Verlag suchen? Ist das nicht immer wieder so, als würde man immer wieder neu starten?
NS: Ich würde die Idee mit meinem Agenten besprechen und wir würden gemeinsam entscheiden, wie wir vorgehen. Ein Pseudonym würde dann aber Sinn machen.

sfbasar: „Die Hexe von Nassau“ ist Anfang November erhältlich. Wir wünschen dir, dass dein Roman auf vielen Weihnachtswunschzetteln stehen und auf noch mehr Gabentischen liegen wird. Wir danken dir herzlich für dieses Interview und wünschen dir viel Erfolg.

Copyright © 2012 by Nicole Steyer und Werner Karl

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