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Archiv für April 25th, 2012

EIN NEUER FRÜHLING – Leseprobe aus dem Roman: Im Schatten der Dämonen. Weltennebel 3 – von Aileen P. Roberts

Erstellt von Aileen P. Roberts am 25. April 2012

EIN NEUER FRÜHLING

Leseprobe aus dem Roman:

Im Schatten der Dämonen – Weltennebel 3

von Aileen P. Roberts

In Gedanken versunken stand Darian vor dem düsteren Felsmassiv an der Grenze zum Zwergenland und dachte schaudernd an die Zeit, als er allein und verloren in den Gängen des Unterreichs umhergeirrt war. Aus eigener Kraft hätte er dort nie wieder herausgefunden, doch eine Gruppe von Tiefengnomen hatte sich seiner angenommen und ihm die Rückkehr ans Tageslicht ermöglicht. Nun wollte er sein Versprechen einlösen und ihnen die versprochene Belohnung zukommen lassen. Gestern Abend hatte er eigenhändig einen Rehbock geschossen, und dieser lag nun fertig zerlegt vor dem versteckten Zugang ins Unterreich. Schon seit einiger Zeit wartete Darian darauf, dass eines der kleinen pelzigen Wesen erschien.

»Wer weiß, wann diese Tiefengnome ins Freie kommen«, gab Hauptmann Torgal wieder einmal zu bedenken, so wie öfters in den letzten Stunden. »Ihr habt Euren guten Willen bewiesen, Darian, wir sollten wirklich zurück zum Lager gehen.«

»Nein«, erwiderte er bestimmt, »ich habe diesen Wesen mein Leben zu verdanken und möchte mich erkenntlich zeigen. Wenn ich das Fleisch einfach so hier liegen lasse, schleppt es am Ende ein Bär oder Wolf fort, und das wäre nicht richtig.«

Seufzend ließ sich der alte, grauhaarige Hauptmann auf den Boden sinken und schickte sich an, sein vom häufigen Gebrauch schon recht schartiges Schwert zu polieren.

Die Dunkelheit brach herein, und die beiden Männer setzten sich ans Lagerfeuer, wo sie sich leise über Darians Zeit im Reich der Dunkelelfen unterhielten. Die Verwunderung über viele der Dinge, die Darian aus dem Unterreich und der Dunkelelfehauptstadt Kyrâstin erzählte, stand Torgal noch immer offen ins Gesicht geschrieben. Sein ganzes, nun schon über sechzig Sommer dauerndes Leben hatte er Dunkelelfen für skrupellose, mörderische Wilde gehalten, und auch Darian war dieser Auffassung gewesen. Erst die Begegnung mit Mias Vater Zir’Avan und einigen anderen Dunkelelfen hatte den jungen König schließlich dazu bewegt, seine Meinung zu revidieren.

Funken sprühten auf, als Darian einen weiteren Ast ins Feuer warf, und auf einmal nahm er am Rande des Felsmassivs eine kleine, annähernd kniehohe Gestalt wahr, die neugierig ihren pelzigen Kopf ins Freie streckte.

Langsam, um den Tiefengnom nicht zu erschrecken, erhob er sich. »Fleisch – für euch«, sagte er in der knurrenden, abgehackten Sprache der Unterreichbewohner. Der kleine Tiefengnom mit den kugelrunden dunklen Augen, die aus einem pelzigen, bräunlich schwarzen Gesicht heraus starrten, blieb stocksteif stehen.

»Drrraggrann?«, knurrte er dann.

Darian nickte, denn so sprachen die Tiefengnome seinen Namen aus. Das kleine Wesen drehte seinen Kopf wieder in Richtung der Höhle, brummte etwas, und kurz darauf wuselten weitere fünf Tiefengnome aus der Öffnung heraus.

Darian machte Torgal, der mit gezogenem Schwert aufgesprungen war, ein beruhigendes Zeichen. Er wusste, dass der Hauptmann, im Gegensatz zu ihm, die Sprache der Tiefengnome nicht verstand und die dunklen Wesen mit den spitzen Zähnen als Bedrohung ansah.

Langsam und mit misstrauischen Blicken kamen die Tiefengnome näher, schnappten sich dann rasch die Fleischbrocken und verschwanden wieder in ihren dunklen Gängen.

»Gut, morgen früh können wir zurück zum Lager«, stellte Darian fest.

Kopfschüttelnd blickte Hauptmann Torgal zu der Stelle, wo die Tiefengnome verschwunden waren. »Wir leben wahrlich in seltsamen Zeiten.«

In nahezu verschwenderischer Pracht hatte der Frühling sein buntes Kleid über Albany gelegt, als Darian, seine Gefährtin Mia und der Zauberer Nordhalan erneut aufbrachen, nur wenige Tage, nachdem Darian seine Schuld bei den Tiefengnomen beglichen hatte. Von ihrem Lagerplatz am Rannocsee reisten sie nach Westen, um Darians und Mias kleine Tochter Leána abzuholen. Sie hofften, dass das Mädchen durch das geheime Eichentor auf der Nebelinsel bereits direkt aufs Festland, an die Westküste, gelangt war. Sollte dies nicht gelungen sein, stand ihnen eine längere Reise auf die im Westen liegende Insel der Nebelhexen bevor.

»Was ist, wenn sie irgendwo sonst raus kommt und nicht bei Cadman?« Darian machte sich große Sorgen um Leána, und auch an Mia bemerkte er leichte Anzeichen von Unruhe, selbst wenn sie sich bemühte, diese nicht zu zeigen.

»Tagilis hat gesagt, Lilith wird sie begleiten, ganz sicher kommen sie zurecht.«

Trotzdem drängte Darian seine Gefährten zur Eile. In der Ferne konnten sie einen Weiler erkennen, der sich in den Schutz uralter Bäume schmiegte. Kräftige Männer arbeiteten emsig am Bau einer neuen Straße.

»Wenn das Portal erst geschlossen ist, solltet ihr euch zu erkennen geben«, riet Nordhalan. »Sicher werden sich die Menschen dir und Atorian mit Freuden anschließen.«

»Atorian vielleicht schon, mir eher nicht«, gab Darian zu bedenken und dachte mit Grauen daran, wie er vor einigen Sommern sein Königreich hatte verkommen lassen, als er von einem teuflischen Dunkelelfenpilz abhängig gewesen war.

»Wir werden ihnen alles erklären«, meinte Mia aufmunternd und beobachtete lächelnd, wie Schwärme von Schmetterlingen über die Wiese vor ihnen flogen und in der Sonne die wildesten Tänze ausführten. Auch die Bäume waren bereits erblüht, überall tollten junge Hasen, Rehe, und hier und da sogar die scheuen Waldgnome umher.

Mia blieb stehen, schloss kurz die Augen und wenig später schwirrte eine große Gruppe von Heidefeen um sie herum. Die winzigen geflügelten Frauengestalten verharrten kurz, dann stoben sie auch schon wieder davon.

»Ich habe sie gebeten, nach Leána und Lilith zu suchen.« Sie hob bedauernd die Arme. »Ob sie das allerdings wirklich tun werden, weiß ich nicht. Sie lassen sich leicht ablenken, und wenn irgendwo eine besonders hübsche Blume blüht, kann es sein, dass mein Auftrag sofort wieder vergessen ist.«

»Trotzdem finde ich es beachtlich, dass du Elementarwesen beschwören kannst«, warf der große Zauberer mit dem langen grau-schwarzen Bart ein. »Keinem meiner Gilde ist das jemals gelungen.«

Mia lächelte zaghaft. Die Gabe, Elementarwesen zu beschwören, war ihr ausgeprägtestes Talent. Ansonsten beschränkten sich ihre magischen Fähigkeiten auf sehr einfache Zauber.

Ein lautes Geräusch ließ Darians Hand zu seinem Schwert fahren, aber dann entspannte er sich. In der Ferne stapfte nur eine Gruppe Waldtrolle durch das Unterholz, und die drei Gefährten eilten rasch weiter. Sie wollten sich nicht auf einen Kampf mit den groben Wesen einlassen, die sich zwar meist friedlich verhielten, jedoch zur Paarungszeit eine deutliche Neigung zu aggressiven Handlungen zeigten. Es dauerte nicht lange, und einige kleine Heidefeen kamen zurückgeschwirrt und tanzten aufgeregt vor Mia auf und ab.

»Sie sind ganz in der Nähe!« Sofort rannte Mia los, wobei ihr langer schwarzer Zopf wild hin und her pendelte. Selbst Darian, der wieder gut in Form und ein ausdauernder Läufer war, konnte sie kaum einholen. Nordhalan zählte bereits an die zweihundert Sommer und ging ihnen daher langsamer hinterher.

Ein strahlendes Lächeln überzog Mias Gesicht, als sie sah, wie zwei kleine Gestalten auf einem verhältnismäßig großen Pferd über die blumenübersäte Lichtung vor ihnen trabten. Ein Paar winziger brauner Wurzelgnome sprang erschrocken zur Seite, als das gräulich-braune Pferd mit der wallenden schwarzen Mähne angaloppierte und mit donnernden Sprüngen näher kam. Ein zweites dunkelbraunes Pferd, welches am Sattel angebunden war, folgte.

»Mutter!« Noch bevor der imposante Hengst richtig zum Stehen kam, war das schwarzhaarige Mädchen aus dem Sattel gesprungen und umarmte Mia stürmisch. Wenig später wurde auch Darian mit überschwänglicher Freude begrüßt und schloss seine kleine Tochter glücklich in die Arme.

Lilith, die zierliche blonde Frau mit der etwas eigenartig anmutenden Knollennase stieg langsam aus dem Sattel. »Aramia, Darian, ich bin so froh, dass ihr wohlbehalten aus dem Unterreich zurückgekehrt seid.«

Mit einem Lächeln umarmte Mia ihre Nebelhexenfreundin, während Leána Darian aufgeregt erzählte, dass sein Hengst Menhir nicht durch das Portal hätte gehen wollen, sie ihn aber dazu überredet habe. Ein schwarzer Blitz, der von links auf Leána zusprang, ließ Darian zusammenzucken. Dann jedoch erkannte er die schwarze Wölfin Fenja, die ihre kleine Freundin mit feuchten Küssen bedeckte.

»Fenja wollte unbedingt mitkommen«, sprudelte Leána los. »Und sie hat sich nicht so angestellt wie Menhir!«

»Ist denn alles gutgegangen?«, erkundigte sich Mia.

Lilith nickte und deutete auf das zweite Pferd, einen braunen Hengst, der etwas schmaler und eleganter als der kräftige Menhir war. »Liah konnte ich nicht mitnehmen, sie ist inzwischen hochträchtig, daher habe ich dir Lavos mitgebracht.«

Langsam ging Mia zu dem Pferd, das sie aus klugen Augen freundlich ansah.

»Er ist noch recht jung, aber gut ausgebildet. Ich denke, ihr werdet euch mögen.«

Zufrieden klopfte Mia dem Tier den Hals.»Ja, das denke ich auch.«

Leána hatte Darian an der Hand gefasst und zog ihn nun zu ihrer Mutter, wobei sie ununterbrochen vor sich hin plapperte.

»Hast du ihr schon erzählt, was ihre Aufgabe ist …«, begann Darian zögernd, aber Lilith schüttelte rasch den Kopf.

»Wir werden es später tun, wenn sie nicht mehr ganz so aufgeregt ist«, meinte Mia leise und streichelte ihrer quirligen Tochter über die dichten dunklen Haare.

»Was wollt ihr mir erzählen?«

»Du wirst bald deinen Großvater kennenlernen.« Mia beugte sich hinab und Leána sah sie mit ihren großen blauen Augen an.

»Ich habe einen Großvater?«

»Ja, er sieht allerdings etwas … nun ja … anders aus als wir. Er ist ein Dunkelelf und …«

Bevor sie ausgeredet hatte, erschien Nordhalan auf der Lichtung, und Leána rannte sofort freudig auf ihn zu.

»Bist du mein Großvater? Warum hast du denn gar kein Schwert? Haben alle Dunkelelfen so lange Bärte?«

Nach einem Augenblick der Überraschung nahm Nordhalan die Kleine auf seinen Arm. »Nein, ich bin kein Dunkelelf und sie tragen gar keine Bärte. Ich bin Nordhalan, ein Zauberer und Freund deiner Eltern.«

»Ach so.« Zuerst wirkte Leána enttäuscht, aber dann strahlte sie schon wieder. »Willst du auch mein Freund sein? War dein Vater vielleicht ein Zwerg, weil du so viele Haare im Gesicht hast?« Sie runzelte grübelnd ihre glatte Stirn. »Aber dafür bist du viel zu groß, es sei denn, deine Mutter war ein Bergtroll.«

»Leána, nicht alle Wesen sind aus verschiedenen Rassen entstanden«, erklärte Mia geduldig, »Nordhalan ist ein Mensch, und du wirst noch viele reinrassige Menschen kennenlernen.«

»Oh!« Nun schien sie sich ein wenig vor dem Zauberer zu fürchten und ging lieber rasch zu Darian zurück, dem sie ihre Arme um die Hüfte schlang.

»Keine Angst, Leána«, versicherte Nordhalan freundlich, »nicht alle Menschen sind schlecht.«

Sie nickte zustimmend, versteckte aber trotzdem schutzsuchend ihren Kopf an Darians Rücken.

»Komm, Leána, dein Onkel Atorian freut sich schon darauf, dich wiederzusehen, genauso wie Tagilis«, forderte Darian sie auf.

»Sie sind auch hier?« Leána begeisterte dies sichtlich, und sie fragte, ob sie auf Menhir reiten dürfe, was ihr Darian auch erlaubte. Jedoch bestand er darauf, die Zügel zu führen.

Glücklich thronte Leána auf dem großen Pferd und sah sich neugierig um, stellte dann jedoch enttäuscht fest: »Auf dem Festland sieht es gar nicht viel anders aus als auf der Nebelinsel.«

»Wo stand denn das Tor, welches aufs Festland führt?«, wollte nun Nordhalan wissen und musterte die kleine Nebelhexe Lilith unauffällig.

»Gar nicht weit von unserem Dorf entfernt«, erklärte sie mit heller, jedoch energischer Stimme. »Zwei ineinander verschlungene Eichen haben es bezeichnet, und auch auf der anderen Seite waren sehr ähnliche Bäume zu sehen. Es war faszinierend. Ich spürte nur ein kurzes Kribbeln, dann waren wir auf der anderen Seite.«

»Ich habe Cadman getroffen«, erzählte Leána und wippte im Takt von Menhirs ausgreifenden Schritten auf und ab. »Er hat sich gefreut, weil Fenja so ein hübscher großer Wolf geworden ist.«

»Wollte er nicht mitkommen?« Mia sah sich suchend um.

»Nein«, Lilith verzog ihren Mund, »ich denke, der alte Mann hat sich vor mir gefürchtet, weil ich eine Nebelhexe bin.«

Allmählich verstummten die Gespräche, und nachdem sie den ganzen Tag lang geritten waren, erreichten sie am Abend den geheimen Lagerplatz, der verborgen in einem schwer zugänglichen Tal an den Ufern des Rannocsees lag. Zusätzlich hatte Nordhalan noch einen Schutzzauber über die Siedlung gelegt, welche dem flüchtigen Betrachter vorgaukeln würde, die Halbinsel sei völlig unbewohnt. Mehrere mit Stroh oder Heidekraut gedeckte Holzhütten schmiegten sich in den Schutz hoher Bäume und Hecken; rund um das Dorf waren einige Felder angelegt worden, mit denen sich die knapp zwanzig Bewohner ihren nötigen Lebensunterhalt sicherten. Zunächst verhielt sich Leána ungewohnt ängstlich wegen der fremden menschlichen Männer, aber als sie ihren Onkel und Tagilis sah, legte sich ihre Scheu, und vor allem den Zwerg Edur schien sie sofort in ihr Herz zu schließen, denn er machte alle möglichen Scherze mit ihr und ließ sie auf seinen breiten Schultern reiten.

Nach dem Abendessen, als sich alle am Feuer in der größten Hütte versammelten, saß Leána bereits vertrauensvoll auf Nordhalans Schoß und lauschte halb schläfrig den Gesprächen der Erwachsenen, von denen sie vermutlich nicht allzu viel verstand.

Als Nordhalan ein wiederholtes Zupfen an seinem buschigen langen Bart spürte, sah er hinab zu dem kleinen Mädchen.

»Was machst du denn da?«, fragte er empört.

Leána hielt stolz seinen zu mehreren Zöpfen geflochtenen Bart in die Höhe. »Das sieht hübsch aus, außerdem hängt er dir dann nicht so leicht in der Suppe.«

Alle Anwesenden begannen laut zu lachen, während Nordhalan die Kleine mit säuerlicher Miene auf den Boden setzte.

»Mein Bart hat noch niemals in der Suppe gehangen«, betonte er.

»Vater, lässt du dir auch so einen Bart wachsen?«, bettelte sie. »Es macht Spaß, Zöpfe hineinzuflechten.«

Kopfschüttelnd und noch immer grinsend kniff Darian sie spielerisch in die zierliche Nase. »Nein, ich möchte keinen Bart tragen, und bitte lass den von Nordhalan in Zukunft in Ruhe. Ich glaube, er ist da etwas empfindlich.«

Leána seufzte abgrundtief. »Menschen verstehen einfach keinen Spaß, dass sagt Murk auch immer.«

Nur sehr mühsam gelang es Nordhalan, seine strenge Miene aufrecht zu erhalten, und als er zusah, wie die Kleine rasch auf Darians Schoß kletterte und an seiner Schulter einschlief, musste er sich eingestehen, dass er Darians Tochter schon jetzt in sein Herz geschlossen hatte.

Während Darian sich mit Torgal und Edur unterhielt, betrachtete Nordhalan ihn und Leána eingehend. Das Mädchen hatte die filigranen Züge und auch die rabenschwarzen Haare ihrer Mutter geerbt, wenngleich die von Aramia seidiger und glatter waren, Leánas Haar etwas dicker und leicht gelockt. Die großen blauen Augen hingegen stammten eindeutig von Darian, und auch ihr Lächeln erinnerte an den jungen Erben von Northcliff.

Diese kleine Familie wird es nicht einfach haben, überlegte der Zauberer bedrückt.

Noch an diesem Abend brachen hitzige Diskussionen aus, wie sie weiter vorgehen sollten, denn endlich schien die Ausführung ihres Auftrages, den sie von Merradann bekommen hatten, nicht mehr ganz unmöglich zu sein. Das Orakel – in Darians früherer Welt auch bekannt unter dem Namen Merlin – hatte sie aufgefordert, sämtliche Weltenportale in Albany zu schließen, damit Samukal keine weiteren Dämonen mehr durch diese beschwören konnte. Drei Zauberer von zwei unterschiedlichen Rassen bedurfte es, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Doch erst im Dunkelelfenreich hatten sie dank Mias Urgroßvater Ray’Avan herausgefunden, dass Leána vermutlich eine Portalfinderin war. Heute beschlossen sie, in spätestens zwei Tagen zum Stein von Alahant aufzubrechen.

Doch selbst, wenn sich Leánas Fähigkeit wirklich zeigte – ob sie die Weltentore dann tatsächlich schließen können würden, schien eher fraglich. Denn noch hatten sie keine Nachricht von den Elfen erhalten, die versprochen hatten, im Frühling einen Zauberer zu schicken.

»Vielleicht wartet der Elfenmagier bereits am Stein«, mutmaßte Hauptmann Torgal und fuhr sich durch die kurzgeschnittenen grauen Haare. Darian wusste, dass Torgal all diese Magie ebenso suspekt war wie den anderen Männern, und umso höher rechnete er es ihm an, dass er zu seinem Versprechen stand, an seiner Seite um Northcliff zu kämpfen.

Langsam zerstreute sich die Menge, und die Männer zogen sich in die umliegenden Hütten zurück.

Darian hielt seine kleine Tochter im Arm und starrte grüblerisch ins Feuer. Nachdem Mia sich noch kurz und mit leise mit Lilith unterhalten hatte, trat sie zu ihm.

»Was hast du? Du wirkst so nachdenklich.«

Darian blickte zu ihr auf und betrachtete zärtlich, wie sich das Licht in ihren dunkelgrünen Augen fing und einen sanften Glanz auf ihr ebenmäßiges Gesicht zauberte.

»Leána wird niemals die Welt sehen, in der ich aufgewachsen bin«, sagte er mit leisem Bedauern. »Weißt du, vorher habe ich nicht wirklich daran gedacht, aber wäre es nicht vielleicht besser, wenn wir alle durch das Portal gingen und in der anderen Welt ein neues Leben anfingen?«

Mia zog ihren Stuhl näher zu ihm heran und streichelte ihm über die halblangen dunkelblonden Haare. »Willst du wirklich Samukal euer Königreich überlassen?«

»Nein, natürlich nicht«, gab er zu und schämte sich plötzlich seiner eigennützigen Gedanken. »Aber Leána ist noch so klein. Vielleicht wäre sie in der anderen Welt sicherer.«

»Ich weiß nicht, Darian, ich habe einige Zeit dort gelebt, und ich fand die andere Welt nicht sonderlich sicher.« Dann lachte sie plötzlich auf. »Und kannst du dir Tagilis, deinen Bruder oder Torgal und Nassàr vielleicht als normale Angestellte in einem Büro in London oder Edinburgh vorstellen? Mal abgesehen davon wären wir auch dort immer auf der Flucht, denn wir alle werden sehr viel älter als normale Menschen, und das würde irgendwann auffallen.«

»Du hast schon Recht.« Die Worte seiner Gefährtin hatten ein Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. »Die drei würden vielleicht einige Zeit als verkappte und schrullige Antiquitätenhändler durchgehen«, scherzte Darian, wurde aber sogleich wieder ernst und seufzte tief. »Ich weiß, unsere Aufgabe liegt hier, und wir werden sie meistern!«

Aufmunternd drückte Mia seine Hand, dann nahm sie ihm ihre tief und selig schlafende Tochter aus dem Arm und legte sie sanft in eines der einfachen Holzbetten.

Nachdem es dunkel geworden war, erschien Zir’Avan, Mias Vater, in der Hütte. Aus dem Schatten jenseits des Feuerscheins kristallisierte sich die hochgewachsene, schlanke Gestalt des Dunkelelfen heraus, dessen Haut von deutlich dunklerer Farbe war als die der Menschen. Seine langen anthrazitfarbenen Haare hingen ihm bis beinahe zur Hüfte. Mal wieder beeindruckte Darian Zir’Avans eigenartige Aura aus Unerbittlichkeit, Würde und Stolz, wie er hochaufgerichtet, mit gestrafften Schultern dort in der Tür stand, und alles und jeden mit seinem durchdringenden Blick musterte. Dieses Wesen war ganz sicher der tödlichste Gegner, den man sich vorstellen konnte mit ganz eigenen, für Menschen häufig kaum nachvollziehbaren Moralvorstellungen. Jetzt trat der Dunkelelf leise und behutsam an Leánas Bett.

»Dies ist meine Enkeltochter?«, fragte er kaum hörbar und ein zärtlicher Ausdruck trat auf sein sonst so beherrschtes und meist unbewegtes Gesicht.

Mia lächelte stolz, und Darian war froh, dass sie sich jetzt besser mit ihrem Vater verstand. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie Zir’Avan nur Verachtung und Hass entgegengebracht, aber seitdem er ihr und ihren Gefährten im Unterreich sehr geholfen hatte, begann sie ihm langsam zu vertrauen.

»Ich bin von großem Stolz erfüllt. Dieses kleine Wesen ist wundervoll.«

»Warte nur, bis sie wach ist und anfängt, deine Haare zu Zöpfen zu drehen oder ähnlichen Unsinn«, warnte Darian schmunzelnd, was Zir’Avan jedoch nicht davon abhielt, sie weiterhin fasziniert zu betrachten.

Nur sichtlich ungern riss er sich von ihr los.

»Die Nacht bricht herein, wir sollten mit dem Training beginnen«, wandte er sich dann an Darian.

Ebenso wie die anderen Männer hier, übte dieser sich nun schon seit geraumer Zeit mit Zir’Avan im Schwertkampf, denn der Dunkelelf war ein Meister darin und konnte ihnen allen wertvolle Ratschläge geben. Torgal und seine Männer hatten zwar noch immer Vorbehalte gegen den Dunkelelfen, doch da er ihnen bislang keinen Anlass gegeben hatte, der ihr Misstrauen bestätigt hätte, nutzten sie diesen unerwartete Gelegenheit.

Da Zir’Avan das helle Tageslicht unangenehm war, warteten sie meist bis zum Einbruch der Nacht, entzündeten dann Feuer in dem verborgenen Tal und trainierten mit hölzernen Übungswaffen – mit richtigen Waffen wäre der Kampf gegen Mias Vater viel zu gefährlich gewesen. Auch heute ließ Zir’Avan sie Angriff und Verteidigung gegen die den Dunkelelfen eigenen wirbelnden Schläge üben. Obwohl Darian wusste, dass Zir’Avan nur mit halber Kraft angriff, sah er, dass Torgal, Nassàr und Fendor schon nach kurzer Zeit völlig erschöpft waren.

Darian selbst hielt sich ein klein wenig besser, da er bereits mit Bas’Akir geübt hatte, aber auch er wusste, dass er noch viel zu lernen hatte. Der Beste von ihnen war Atorian, dessen Klinge nur so durch die Luft zischte und der Zir’Avans Attacken meist zielsicher parierte. Leichte Eifersucht machte sich in Darian breit, und er nahm sich vor, härter zu trainieren. Allerdings hatte Atorian auch schon über zweihundertfünfzig Sommer und Winter Zeit gehabt, um seine Kriegskunst zu perfektionieren. Rein äußerlich wirkte er dabei nicht viel älter als Darian, der Anfang dreißig war. Die Erben von Northcliff konnten durchaus bis zu fünfhundert Jahre alt werden, wenn sie nicht vorher getötet wurden, und alterten auch rein äußerlich entsprechend langsam.

Die Männer und Mia hatten bereits eine ganze Weile trainiert und langsam, aber sicher erlahmten besonders die Schläge von Torgal und den älteren Männern. Gerade wollte Darian vorschlagen, das Training zu beenden, als die Männer ohnehin innehielten, denn plötzlich stand Leána vor ihnen, nur in ein dünnes Hemdchen gekleidet und mit zerzaustem Haar.

»Darf ich auch mitmachen?«, fragte sie begeistert, dann fiel ihr Blick auf Zir’Avan und sie ging ohne Scheu auf ihn zu. »Du hast dunkle Haut, so ähnlich wie eine Sumpfnyade«, stellte sie fest.

Zunächst schien Zir’Avan der Vergleich mit einer Sumpfnyade zu missfallen, dann zeichnete sich allerdings ein Schmunzeln auf seinem Gesicht ab. »Mein Name ist Zir’Avan, und ich bin dein Großvater.«

»Bringst du mir bei, auch so gut mit dem Schwert zu kämpfen?«, bat sie und fasste an den Griff seiner schlanken Elfenklinge.

»Natürlich, meine Kleine.« Sichtlich erfreut über das Interesse seiner Enkeltochter versprach er: »Ich werde dir ein kleines Schwert aus starkem Holz schnitzen.«

»Sie ist erst sechs, das kann noch warten«, mischte sich Darian jetzt ein und fasste seine Tochter an den Schultern.

»Kinder meines Volkes erhalten bereits in ihrem dritten Sommer ein Schwert.« Unverständnis stand in Zir’Avans Zügen.

»Leána ist aber keine Dunkelelfe.«

Beruhigend legte Mia ihrem Gefährten eine Hand auf die Schulter. »Auch auf der Nebelinsel hat sie schon spielerische Kämpfe mit den anderen Kindern ausgetragen, es wird ihr nicht schaden.«

»Mia, sie ist ein kleines Mädchen, das kann doch nicht dein Ernst sein!«

Mia nahm Darian an der Hand und führte ihn etwas abseits. »Es ist wichtig, dass Leána lernt, sich zu verteidigen. Sie hat Dunkelelfenblut in sich und wird sicher eine gute Kriegerin werden.«

»Sie ist …«, er fuchtelte wild in ihre Richtung, »klein und zart. Leána kann warten, bis sie meinetwegen fünfzehn oder sechzehn ist.«

»Sie soll ja noch nicht in einen richtigen Kampf ziehen. Aber jetzt lernt sie leichter und spielerisch, und Zir’Avan ist ein hervorragender Lehrmeister.«

Darian behagte die Vorstellung, dass Leána eine Kriegerin werden sollte überhaupt nicht, aber da er sich freute, dass Mia ihren Vater zu akzeptieren begann, willigte er schließlich ein. Nach längerem Nachdenken musste er sich auch eingestehen, dass es gut war, wenn Leána schon jetzt mit dem Training begann. Sicher, sie war ein kleines Kind, aber in dieser Welt war es wichtig, von Kindesbeinen an mit dem Schwert vertraut zu sein. Er selbst hatte den Umgang mit der Waffe erst mühselig und unter großer Anstrengung erlernen müssen, als er mit fünfundzwanzig hierher gekommen war.

Sie wird es leichter haben als ich, dachte er, wenngleich er sich kaum auszumalen wagte, dass dieses niedliche kleine Mädchen eines Tages gezwungen sein würde, jemanden zu töten. Aber das wäre wohl immer noch besser, als selbst getötet zu werden.

Im Augenblick sprang Leána wild um Edur herum und versuchte, ihn am Bart zu fassen.

»Musst du nicht eigentlich längst schlafen?«, keuchte der Zwerg irgendwann entnervt.

»Nein, ich habe Dunkelelfenblut in mir, ich kann viel länger wach bleiben«, erwiderte sie selbstbewusst, und setzte ihre Jagd fort.

Schließlich gab sich der junge Zwerg geschlagen. »Gut, aber ich bin kein Dunkelelf und muss ins Bett.«

»So, und wir haben jetzt noch das Vergnügen, Wache zu halten«, meinte Nassàr, eine Grimasse schneidend, zu seinem Freund Fendor. Als Mia und ihr Vater anboten, dies für sie zu übernehmen, schoben die beiden Männer trotzig ihr Kinn vor und schüttelten die Köpfe. Kurz drauf löste sich die Gruppe auf, und jeder verschwand in die umliegenden Hütten.

Langsam schritten Nassàr und Fendor zwischen den in Dunkelheit liegenden Holzhütten hindurch und überquerten den schmalen Damm, der aufs Festland führte. Ihr Lager, das während der letzten sechs Sommer und Winter zu einem kleinen Dorf angewachsen war, war nahezu perfekt vor feindlichen Blicken geschützt. Diese Insel lag am Rande eines Sees, war von Bäumen und Büschen bewachsen, und das Tal war nur durch einen Pass in den Bergen zugänglich.

»Besser wir halten selbst Wache als ein – Dunkelelf«, sprach Fendor Nassàrs Gedanken aus.

»Da hast du Recht.« Der alte grauhaarige Krieger fuhr sich über den Dreitagebart. »Seine Kampfkunst ist beeindruckend, aber ich würde ihm nicht mein Leben anvertrauen.«

Einträchtig umrundeten die Männer den See, um zu dem Pass zu gelangen, der hinauf in die wilden Berge führte.

»Ich wünschte, die kleine Kaya käme wieder vorbei«, begann Fendor irgendwann und blickte sehnsüchtig in den sternenübersäten Frühlingshimmel. Die junge Frau hatte vor einigen Monden den verletzten Tagilis von Ilmor zum Rannocsee begleitet und war kurze Zeit geblieben – nicht ohne mit ihrer quirligen und unkomplizierten Art allen Männern den Kopf zu verdrehen. Leider war sie dann jedoch wieder nach Ilmor abgereist.

»Meinst du nicht, sie ist etwas zu jung für dich?«, entgegnete Nassàr grinsend.

»Ach was, ich bin noch gut in Form.« Fendor fuhr sich durch das noch immer volle braune Haar. »Außerdem sehe ich jünger aus.«

»Ha, ha, wenn, dann kommt sie eher wegen dieses Halbelfen zurück. Sie hat ihm ganz schön glühende Blicke zugeworfen.«

»Was?« Fendor sah seinen Freund entsetzt an, bemerkte dann aber, dass dieser ihn nur aufziehen wollte.

»Blödsinn, Tagilis ist …« Der Krieger beendete seinen Satz nicht, sondern deutete schaudernd auf den nahen See, wo der Halbelf am Ufer saß, eine durchscheinende Gestalt vor sich, mit der er sich offensichtlich unterhielt. Die schwachen Strahlen des Mondlichts genügten, um die Umrisse der schwebenden Frau auf geisterhafte Weise nachzuzeichnen. »Das ist aber schon gruselig, oder?«

Mit einem Gefühl der Beklemmung nickte Nassàr. Als erfahrenen Krieger von über sechzig Sommern erschreckte ihn so schnell nichts, aber ein Halbelf von der Nebelinsel, der einen Geist als Gefährtin hatte, war doch etwas zu viel.

»Das sind eigenartige Zeiten, Fendor. Wir sind mit Nebelhexen, Dunkelelfen und anderen Halbwesen verbündet, am Ende wird noch ein Bergtroll zu unseren Gefährten zählen.«

Belustigt schlug Fendor seinem Freund auf die Schulter, und sie machten sich an den Aufstieg, um den Zauberer Nordhalan und ihren Gefährten Markat abzulösen, die am Eingang zum Tal Wache gehalten hatten…

Ende (von Kapitel 1)

Weiter (zu Kapitel 2)

Copyright (c) 2011/2012 by Aileen P. Roberts

Bildrechte: Dynastien.jpg” (Dynastien2x.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Anmerkung der Redaktion: Wer wissen möchte, wie es weitergeht, der erfährt es in diesem Buch der Autorin, eine Rezension zur Unterstüzung anbei, Bestellmöglichkeiten über die Bestellinks:

Aileen P. Roberts
Im Schatten der Dämonen
Weltennebel 3

Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1. Auflage: 02/2012
TB 47590, Urban Fantasy
ISBN 978-3-442-47590-2
Titelgestaltung von UNO Werbeagentur, München unter Verwendung eines Motivs von Jürgen Gawron
Karte von Andreas Hancock

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Als der Student Darian von Mia, einer Kommilitonin, erfährt, dass er in Wahrheit der lange verschollene Königssohn von Albany ist, glaubt er ihr zuerst kein Wort. Doch schneller, als es dem jungen Mann lieb ist, wird die für ihn fiktive Welt, von der Mia erzählt, zur Wirklichkeit. Zu seinem Entsetzen entpuppt sich sein Adoptivvater Samukal als Mörder seiner Eltern und als mächtiger Zauberer. Fehenius der Bruder Samukals, schafft es zudem, dass Darian bei seinem Volk in Ungnade fällt. Mit Mias Hilfe gelingt es Darian, seinen tot geglaubten Bruder Atorian zu befreien, der in einem unterirdischen Gefängnis vor sich hinvegetierte. Der Zauberer Nordhalan schließt sich ihnen an. Gemeinsam reisen die Brüder mit Mia ins Reich der Dunkelelfen. Mias Vater will ihnen helfen, einen Zauberer unter den Dunkelelfen zu finden, denn nur so können sie Samukal besiegen.

Samukal hat sich mit mächtigen Dämonen eingelassen. Während Atorian und Darian den Widerstand gegen Fehenius und Samukal organisieren, verliert der Zauberer nach und nach die Kontrolle über die Wesenheiten, die er herbeigerufen hat. Diese richten fürchterliches Unheil unter der Bevölkerung an. Darian bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss die verschwundenen Drachen finden und nach Albany zurückbringen; bloß dann haben die Gefährten eine Chance, Samukal und seine Schergen zu besiegen.

Der dritte Teil ist noch düsterer als seine beiden Vorgänger. Die Autorin verschärft den Ernst der Lage zusehends. Ihre Protagonisten beginnen, sich weiter mehr zu entwickeln. Allen voran der mächtige Zauberer. Samukal, der Gegenspieler und Erzfeind Darians, verliert an Boden, als ihm die Kontrolle über die Geister bzw. Dämonen, die er rief, entgleitet. Der große Zauberer fängt allerdings an zu begreifen, dass eine viel mächtigere Figur die Fäden hinter den fürchterlichen Aktionen zieht, die diese Schreckgespenster ausführen. Ein Sinneswandel setzt bei diesem machtbesessenen Mann ein. Darian ist ihm ans Herz gewachsen, und da er ihn wie einen Sohn großgezogen hat, liebt er ihn auch wie einen Sohn. Das wird dem Zauberer klar, als er selber nicht mehr in der ersten Reihe mitspielt.

Atorian findet endlich die Wiedergeburt seiner großen Liebe. Das entspannt die Situation zwischen ihm und Mia. Diese ist einfach froh, dass der Bruder ihres Liebsten endlich aufhört, ihr Avancen zu machen. Das Verhältnis zwischen Mia und ihrem Vater wird immer besser. Dieser gesteht der jungen Frau, dass er ihre Mutter aufrichtig geliebt hat. Die Umstände ihrer Trennung ergeben endlich Sinn für Mia. Der Groll, den sie die ganze Zeit in ihrem Herzen pflegte, beginnt, sich aufzulösen. Darian ist froh, dass Atorian noch lebt, denn nun muss er nicht mehr auf den Thron zurückkehren. Er will bei Mia bleiben und mit ihr und ihrer beider Tochter zusammenleben. Die Protagonisten, die nur als Nebenfiguren auftreten, sind mit ihrem Handeln genauso agil und real eingebunden wie die Hauptfiguren des Dreiteilers. Durch viele kleine Aktionen und einigen Situationen, in der die Autorin ihre Figuren wirken lässt, bekommen diese mehr Tiefe. Natürlich hat Aileen P. Roberts reichlich Fallstricke für ihre Protagonisten aufgespannt und nicht jeder bekommt das, was er eigentlich verdient. Sei es denn im Guten oder im Bösen.

Mit dem dritten und letzten Teil der „Weltennebel“-Trilogie verabschiedet sich die Autorin mit einem fulminanten Abenteuer und Finale von ihren Figuren. Das Ende ist derart offen gesetzt, das eins sicher sein dürfte: Dies ist bestimmt nicht der letzte Besuch von Aileen P. Roberts in Albany. Wenn sie wieder einen Weg dorthin findet, dürfen die Leser sie bestimmt begleiten, um bekannte Gestalten wie Darian oder Mia ein Stück weit ihres Weges zu begleiten. Wer „Thondras Kinder“, ebenfalls von der Autorin, oder die Trilogie „Die Gilde der schwarzen Magier“ von Trudi Carvan, schätzt wird sich mit diesem Buch spannende Lesestunden schenken.

Copyright der Rezension © 2012 by Petra Weddehage (PW)

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Peter Sloterdijk wurde der Karl-Kraus Preis verliehen – Mit der Annahme verpflichtet sich der Preisträger, nie wieder eine Zeile zu schreiben!

Erstellt von Detlef Hedderich am 25. April 2012

Sloterdijk hat gerade den Karl-Kraus Preis bekommen, der ihn bei Annahme verpflichtet, nie mehr eine Zeile zu schreiben, und das Buch aus dem Argument-Verlag „Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte“ ist in der Urteilsbegründung genannt!

Aus der Begründung der Redaktion:

„Mit seinem Vorschlag, Steuern durch eine freiwillige Gabe zu ersetzen, hat Sloterdijk einen Angriff auf die Grundfesten unseres Sozialstaates unternommen und eine Geisteshaltung offenbart, die eher dem Denken der herrschenden Klasse einer antiken Sklavenhalter-Gesellschaft entspricht als dem Grundkonsens einer demokratischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert (…)

Zitieren wir abschließend aus einem Beitrag von Jan Rehmann und Thomas Wagner: ‚Sloterdijks Leistung fürs Hegemonieprojekt der herrschenden Elite besteht in der aktualisierenden Zusammenführung eines wirtschaftsliberalen Besitzindividualismus mit Nietzsches heroischem Egoismus und autoritären Ansätzen der Konservativen Revolution.’

Als Philosoph eines verrohten Bürgertums und einer heruntergekommenen Bourgeoisie ist Sloterdijk ein würdiger Träger des Karl-Kraus-Preises 2012.

Wie zu Beginn erwähnt, enthält der Karl-Kraus-Preis noch eine besondere Klausel:

“Mit der Annahme des Karl-Kraus-Preises verpflichtet sich der Preisträger, nie wieder eine Zeile zu schreiben.“

Hier der Link zur köstlichen Begründung der Jury:

http://hugendubelverdi.blogspot.de/2012/04/karl-kraus-preis-2012-fur-peter.html

Buchtipp der sfbasar.de-Redaktion:

Götze, Karl H / Irrlitz, Gerd / Zander, Michael / Weber, Klaus / Gellermann, Ulrich / Honneth, Axel / Gumbrecht, Hans U / Menke, Christoph / Bohrer, Karl H / Kreye, Adrian / Pilz, Dirk / Precht, David R / Stremmel, Jochen / Sommerfeld, Franz / Roedig, Andrea / Greiner, Ulrich / Claussen, Johann H / Rössler, Beate / Hartmann, Michael / Gerhardt, Volker / Meyer, Thomas / Lessenich, Stephan / Walther, Rudolf / Lucke, Albrecht von / Lieber, Christoph / Steinfeld, Friedrich / Baureithel, Ulrike / Otten, Henrique R / Salomon, David / Beck, Ulrich / Trampert, Rainer

Angriff der Leistungsträger?
Das Buch zur Sloterdijk-Debatte

Herausgegeben von Rehmann, Jan / Wagner, Thomas
Verlag :      Argument Hamburg
ISBN :      978-3-86754-307-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      ca. 19,90 Eur[D] / ca. 20,50 Eur[A] / 33,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung.
Seiten/Umfang :      ca. 250 S. – 21,0 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Auflage 2010
Aus der Reihe :      Argument Sonderband 307

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Mitten in der Krise postulierte Peter Sloterdijk eine Abschaffung der Steuern für “Leistungsträger” und gab damit den Anstoß zu einer hitzigen Debatte. Das Buch kommentiert und dokumentiert diese Diskussion mit Beiträgen von Axel Honneth bis zu Karl-Heinz Bohrer, von Hans Ulrich Gumbrecht bis zu Rainer Trampert, von Richard David Precht bis zu Gerd Irrlitz, vom Spiegel bis zum Freitag, vom Cicero bis zur Jungen Welt.

Der Ausdruck “Leistungsträger” polarisiert laut Allensbacher Institut für Demoskopie die Deutschen stark. Gibt man das Wort bei Wikipedia ein, so erfährt man zunächst, es sei ein politisches Schlagwort, das die “Besserverdienenden” bezeichne. Weiter liest man, eine verbindliche Definition gebe es nicht, aber wer das Wort “Leistungsträger” benutze, tue dies, um in der politischen Diskussion eine Senkung der Spitzensteuersätze zu begründen. Der Begriff führt also unmittelbar ins Zentrum der Verteilungskämpfe des gesellschaftlichen Reichtums.

In einer ökonomischen Krise, wo die Frage, wer für die Werteverluste und leeren Staatskassen zahlen soll, wieder neu aufgeworfen wird, hat Peter Sloterdijk die üblichen Steuersenkungsparolen utopisch überboten, als er in seinem FAZ-Beitrag vom 13. Juni 2009 den “produktiven” Schichten der Leistungsträger das Ziel einer Abschaffung der Steuern und ihre Ersetzung durch freiwillige Gaben vor Augen führte und sich erstaunt zeigte, dass sie nicht zum “plausiblen” Mittel eines “antifiskalischen Bürgerkriegs” griffen. Mit Sloterdijks gezielter Provokation kam die im Mai 2009 eröffnete FAZ-Artikelserie zur Zukunft des Kapitalismus so richtig in Fahrt. Und mit der Antwort von Axel Honneth in der Zeit kam es zum Medienereignis einer “Sloterdijk-Honneth-Debatte”, an der sich alle größeren Zeitungen Deutschlands beteiligten.

Es ist in diesem Sammelband nicht nur gelungen, die in den größeren Printmedien ausgetragene Debatte nahezu vollständig zu dokumentieren, sondern auch ein ungewöhnlich breites Spektrum von Positionen und Denkkulturen zu versammeln. Welches Buch kann schon für sich beanspruchen, Beiträge von Axel Honneth bis zu Karl-Heinz Bohrer, von Hans Ulrich Gumbrecht bis zu Rainer Trampert, von Richard David Precht bis zu Gerd Irrlitz, vom Spiegel bis zum Freitag, vom Cicero bis zur Jungen Welt zu vereinen?

Neben der Vielfalt der Inhalte gibt es unterschiedlichste Textsorten: vom Zeitungskommentar bis zur philosophischen Hintergrundstudie, von der ideologiekritischen Zeitgeistanalyse bis zur Satire. Die Herausgeber haben besonderes Augenmerk darauf gelegt, nicht bloß die unmittelbare Zeitungsdebatte wiederzugeben, sondern sie informativ einzubetten in Analysen zum gesellschaftspolitischen Hintergrund, zur geistigen Entwicklung und zum Werk.

Thomas Wagner, 1955 in Mannheim. Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg und Brighton, Sussex. Seit 1991 Redakteur für Bildende Kunst der FAZ, seit 1997 auch zuständig für Design. Honorarprofessor für Kunstwissenschaft und Kunstkritik an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

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RENO – Kapitel 3 – Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte von Michael Bahner (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 2/2012)

Erstellt von Michael Bahner am 25. April 2012

Reno

Kapitel 3

Eine Science-Fiction-Fortsetzungsgeschichte

von

Michael Bahner

Was bisher geschah …

Reno rappelte sich auf und machte aus Gewohnheit eine Geste, als wollte er den Schmutz abwischen. Natürlich half es nichts, der Anzug stand vor Dreck und Schlamm. Aber es half ihm, sich nach dieser sinnlosen Rauferei einen Hauch von Würde zu erhalten – trotz seines derangierten Äußeren, trotz ihres zu Klump geflogenen Raumbootes und trotz seiner wütenden Pilotin, die sich gerade keuchend und schwitzend aus dem Griff der schäbig grinsenden Wache befreit hatte.

Misstrauisch beobachteten die Soldaten, wie Reno seine Waffe aufhob. Er schob sie langsam ins Holster zurück. Sie wirkten entschlossen und erweckten nicht den Eindruck, als wäre ihnen körperliche Gewalt zur Erfüllung ihrer Aufgaben fremd – oder unerwünscht. Dann machte er einige Schritte auf den Soldaten zu, den Tschang als Neurofeedback-Sklaven benutzte. Sofort verstellten ihm zwei der anderen den Weg. Sie hielten ihre Waffen gesenkt, aber er rechnete sich keine Chancen gegen sie aus, jetzt, wo er kein Überraschungsmoment ausnutzen konnte. Es lag auch nicht in seiner Absicht, den Sklaven anzugreifen, obwohl er innerlich kochte. Er brannte darauf, sich an irgend etwas oder irgend jemandem abzureagieren, gerade weil Tschang überhaupt Sklaven benutzte.

Dieser Mistkerl.

Einen Augenblick hielt er inne, um sich zu sammeln und seine Erregung unter Kontrolle zu bringen.

„Herr Tschang! Sie sind widerrechtlich in den Orbit von Aladin I eingedrungen”, verkündete er laut und so offiziell wie es ihm möglich war angesichts seines Gegenübers, das immer wieder von spastischen Zuckungen geschüttelt wurde und in einem irren, nicht menschlichen Grinsen seine Zähne fletschte. Entweder war sein Neurofeedback-Implantat defekt oder die Verbindung gestört. Reno leierte schnell alle Verstöße herunter, an die er sich erinnern konnte. Lange konnte er den Anblick nicht mehr ertragen.

„Rrrch … gut … gut … aarrrchh”, röchelte der Sklave, sabberte zwischen zusammengebissenen Zähnen, schnarchte und verdrehte die Augen, bis man nur noch das Weiße sah. „Ich bekenne mich schuldig und werde ihnen selbstverständlich vorbehaltlos folgen. Wollen Sie mich jetzt festnehmen?”

Er schwenkte den Kopf suchend wie eine Radarschüssel hin und her, bis er das Wrack anvisiert hatte.

“Oh, wie ich sehe, bedarf Ihr Shuttle offensichtlich der einen oder anderen … äh … Reparatur.” Ein Röcheln stahl sich aus seinem Mund, das ursprünglich ein Lachen gewesen war.

“Darf ich Ihnen einstweilen meine Gastfreundschaft anbieten? Die Eskorte wird Sie beide zu meinem Landeplatz begleiten. Dort gibt es alles, was Sie in Ihrer jetzigen Situation benötigen und was Ihnen vermutlich verloren oder in den diversen Teilen Ihres Shuttles zu Bruch gegangen ist. Verpflegung, Kleidung, vielleicht eine Dusche? Nein, nein, das ist keine Bestechung, glauben Sie mir. Wie gesagt, lassen Sie es sich gut gehen und vergnügen Sie sich. Sie sind meine Gäste.”

Er brach ab und sackte zusammen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Reno starrte ihn argwöhnisch an.

Gerade als er dachte, das Gespräch wäre beendet, schnellte der Sklave wie an Fäden gezogen in die Höhe und verkündete laut plärrend: “All… allerdings fürchte ich, dass weder mein Schiff noch die Kommunikationsanlage zurzeit betriebsbereit sind. So gerne ich sie Ihnen zur Verfügung gestellt hätte. Ich habe gerade mit dem Kapitän gesprochen, beides benötigt dringend Wartung. Es gibt offenbar auch irgendwelche magnetischen oder elektrischen Störungen. Sie vergeben mir, damit kenne ich mich nicht aus. Genaueres erfahren Sie von meinen Offizieren.”

Dann ertönte ein Laut wie aus einer verbeulten Orgelpfeife, während sich der Sklave vorbeugte, als müsste er sich übergeben.

„SCHLUSS JETZT!”, entfuhr es Reno, „Nur noch persönliche Kommunikation!”

“Ok, Großer, lassen wir ihn”, sagte Lena, die neben ihn getreten war.

Die Soldaten, die den Sklaven flankierten, schien dessen Zustand nicht im Geringsten zu stören. Der Sklave keuchte schwer, während Speichelfäden in seinen Mundwinkeln wippten. Dann gab er etwas von sich, was entfernt an ein Kichern erinnerte, wankte ein paar Schritte und kippte kopfüber zwischen die Büsche.

Tschang hatte die Verbindung unterbrochen.

***

“Ich gehe auf Kontrollgang”, sagte Mom Chao.

Der Kapitän wandte seine Aufmerksamkeit beiläufig vom Fernglas ab und nickte, während einer der Wachoffiziere dienstbeflissen salutierte und rief: “Kommandantin verlässt Brücke.”

Ohne sich um das Deckpersonal zu kümmern, ging Mom Chao auf den Gang hinaus, der entlang der Längsachse die oberen Beobachtungsräume der Himmelsglanz mit der Kommandokanzel verband. Ein Offizier und zwei seiner Leute folgten ihr. Als sie die Druckschleuse betraten, stülpten sie sich wortlos die Atemmasken über. Sie kletterten hinab zum oberen Waffendeck, vorbei an Munitionskammern und Gefechtsständen; weiter hinunter zu den Schleusen der Mannschaftsdecks, durch das untere Waffendeck, bis sie vor den Schotts standen, die zu den Kielräumen und den Seilkammern führten. Das Surren der Wellen und das tiefe Brummen der nahen Dampfkerne war hier viel stärker als auf dem Kommandodeck.

Die Fahrthöhe der Himmelsglanz betrug jetzt mehr als zehntausend Ellen. Die Luft war dünn und kalt, vor allem hier in den unteren Decks, wo es weder Heizung noch Luftdruckregulatoren gab. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen.

Mom Chao zog die Wattierung ihres Kragens höher, bis sie den unteren Rand der Atemmaske bedeckte.

“Hier?” fragte sie stirnrunzelnd, zu leise, um die Schiffsgeräusche zu übertönen.

Hauptmann Hrinkel las es ihr von den Augen ab. Er überragte Mom Chao um einen guten Kopf, brachte es aber trotz seiner Größe, seiner massigen Gestalt und seiner wilden Erscheinung zustande, ihrem Blick unterwürfig zu begegnen.

“Ja, Herrin”, antwortete er, sein breites Gesicht nahe an ihren geröteten Wangen – zu nah.

Mom Chao widerstand jedoch dem Reflex, vor ihm zurück zu weichen. Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine faltigen Augenwinkel.

“Dort lagern normalerweise Enterwerkzeug und Ballast.”

Dieser Tölpel soll sich unterstehen, mich in Gegenwart anderer mit Herrin anzureden. Für ihn wie für alle anderen bin ich die Kommandantin! Die Dienerin Kaiser Nangklaos, meines Vaters – dieses Heuchlers! Ich weiß von Spionen, die von den Lippen ablesen können. Wenn einer der beiden da hinten von dieser Sorte ist, wüssten sie sofort, dass der Hauptmann mir ergeben ist – und nur mir. Und wenn, ja, wenn die Atemmasken nicht unsere Worte verbergen würden.

Hrinkel schien die Gedanken der Kommandantin zu erraten, denn er beeilte sich zu erklären, die beiden Soldaten seien ihm treu ergeben und gäben ihr Leben für ihn und seine Herrin. Er wusste auch, sollte Prinzessin Mom Chao nur den leisen Verdacht hegen, er hinterginge sie, eine ihrer Klingen wäre nicht mehr als eine Schrecksekunde von seiner Kehle entfernt. Jederzeit. So, wie er dastand – groß und wuchtig wie ein Fels vor ihrer schlanken zerbrechlichen Gestalt – könnte sie ihn innerhalb eines Augenzwinkerns niederstrecken.

Er schluckte trocken, als sie sich zum Weitergehen wandte.

Während Hrinkels Männer das Schott sicherten, stiegen Mom Chao und der Hauptmann in die warmglänzende Tiefe. Der Lärm der Maschinen drang jetzt nur noch gedämpft zu ihnen herunter. Gut versteckt war achtern zwischen den kupfernen Wänden eine Stallung eingerichtet. Heizwasser gluckerte in behelfsmäßig verlegten Rohren und verbreitete mollige Wärme. Es roch nach Stroh und Ton und blutigem Fleisch, und über allem lag der schwere modrige Geruch der Exkremente und Ausdünstungen von Libellen. Vier große Tiere schabten und zuckten im Halbdunkel, die Flügel eng an die langen Körper geschmiegt. Die Facetten ihrer großen Augen warfen den Schein der wenigen Lampen vieltausendfach zurück, sie glitzerten wie riesige Diamanten. Ihre Mandibeln begannen zu klackern und schnappten leer in Richtung der Menschen, als sie ihre Witterung aufnahmen.

An der Seite befanden sich vier mit Leder überzogene metallene Zylinder festgeschnürt in Gurtzeug, mit dem sie an den Libellen befestigt werden konnten.

Vier Futterale für vier Himmelsmenschen.

“Werden sie groß genug sein für die Fremden? Und die Libellen, können sie die Last tragen bis zu den Grünen Zinnen?”

“Sicher, Herrin”, grollte der Hauptmann. “Die Späher und die Medien sind sich sicher, dass die Fremden in Gewicht und Größe uns entsprechen. Die Libellen werden es schaffen.”

Uns entsprechen? Mir oder dir, mein lieber getreuer Hrinkel, der du doppelt so viel wiegst wie ich in meiner stärksten Panzerung.

“Verbürgst du dich dafür?”

Hrinkel straffte sich und erwiderte entschlossen: “Mit meinem Leben!”

Womit sonst?

Mom Chao nickte, während sie eins der Futterale öffnete. Wie erwartet, befand sich in seinem gepolsterten Innern ein Neuroserph am Kopfende, dehydriert und durch eine Membran geschützt. Die Berührung mit einem lebendigen Organismus sollte das dünne Häutchen auflösen, und die kleine Meduse würde sich in der Luftfeuchtigkeit regenerieren. Sie war dann imstande, Angreifer oder Wesen, die ihr zu nahe kamen, mit ihren Giften zu töten oder ihnen viele Stunden unruhiger Träume zu verschaffen.

“Werden die Fremden das hier überleben?” Sie wies vage über die Gerätschaften.

Hrinkel stutzte. Keiner der Späher und keines der Medien konnte solche Informationen beschaffen.

“Wir werden sehen”, murmelte Mom Chao. Sie schloss das Futteral und atmete tief und zischend durch die Maske.

“Und um die restlichen Himmelsmenschen, die den Arachniden bis dahin nicht zum Opfer gefallen sind, wirst du dich persönlich kümmern. Bei solchen Einsätzen kommt es unweigerlich zum Kampf – muss es zum Kampf kommen! Mit den Fremden, den Arachniden … und leider wird keiner der Fremden dabei überleben.”

Sie blickte ihrem Hauptmann in die Augen.

“Keiner, von denen der Kaiser je erfahren wird.”

***

Der Soldat mit dem Neurofeedback-Implantat hatte sich wieder halbwegs erholt und bildete mit einem seiner Kameraden die Nachhut.

Das Gelände war hügelig, was sie aber wegen des mannshohen Bewuchses nicht unmittelbar erkennen konnten. Nur der Pfad, den die Soldaten von ihrem Lager eingeschlagen hatten und dem sie jetzt wieder zurück folgten, wies deutliche Steigungen und Gefälle auf.

An einer mit lockerem Kies bedeckten Stelle rutschte Reno über die Böschung und landete kaum zwei Meter tiefer in einem schmalen algengrünen Gewässer. Lena schlidderte hinterher, konnte sich aber gerade noch halten.

Um einen Bach handelte es sich offenbar nicht. Es war keinerlei Strömung auszumachen. Reno stand bis zur Hüfte im Wasser und versuchte, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte, sich an Wurzeln und knorrigen Geäst nach oben zu ziehen. Wer konnte schon wissen, welche Art Parasiten sich in dieser Brühe tummelten – und was sonst dort auf der Lauer lag.

“Hilf mir”, raunte er Lena zu.

“Wie soll ich das machen, ohne selbst rein zu fallen?”

Sie reckte den Kopf und rief den Soldaten zu: “Und was ist mit Euch, ihr starken Jungs? Könntet ihr vielleicht mit anpacken?”

Über ihnen auf dem Pfad grinsten die Söldner hämisch. Sie unterließen es allerdings, ihnen zu helfen. Es sei denn, sie dachten, zu kichern oder mit den Waffen zu fuchteln wäre hilfreich.

Plötzlich erstarrten sie.

Ein dumpfes Grollen weit unterhalb der Hörschwelle ließ den Boden erzittern, erzeugte ein Muster kleiner Wellen auf der Oberfläche des Tümpels. Ganz kurz nur hielt es an, dann war es schlagartig wieder verschwunden und die Kräuselungen des Wassers verebbt. Der Pfuhl lag still und modrig da wie zuvor, vielleicht noch stiller – aber jetzt schien er zu lauern.

Tier oder Maschine? Ein Erdbeben? fuhr es Reno im ersten Moment durch den Kopf. Aber als im nächsten Augenblick ein seltsames hohes Klackern und Zirpen zu hören war – fernes und nahes, wie Signale, Meldung und Antwort? – war diese Frage schnell vergessen, und sie machten, angestachelt und fokussiert vom Adrenalin, dass sie auf den Pfad zurück kamen.

Das Klackern und Zirpen verlor sich bald in Geräuschen, die in diesem Buschland offensichtlich normal waren und Wind, Flora und scheuer Fauna zuzuschreiben waren.

Die einzige Orientierung lieferten die Orter der Soldaten – Lenas und Renos waren seit ihrer Bruchlandung hinüber – und die Sonne, die aber schon die obersten Äste der verkrüppelten Bäume erreicht hatte.

In der Ferne – Reno hatte ja keine Ahnung, in welcher Entfernung sie tatsächlich standen – ragten riesige unregelmäßig geformte Spitzen in den Himmel. Was zuerst noch blaugrau und vibrierend von Dunst und Hitze kaum erkennbar gewesen war, erstarrte in der abkühlenden Luft und entflammte allmählich im Feuer der Abendsonne. Sie leuchteten wie die Zähne eines Riesen vor dem dunklen Osthimmel.

Auf vielen Welten gab es ähnlich merkwürdige Erscheinungen. In den meisten Fällen waren sie natürlichen Ursprungs. Reno fragte sich, ob diese Gebilde dort nicht vielleicht künstlich waren. Aber von wem erschaffen?

Das war allerdings nicht die einzige Frage, die ihm im Kopf herum ging. Ihr Landungsboot lag zerbröselt irgendwo im Morast, und sie beide, Lena und er, waren im Schlepptau der Soldaten auf dem Weg in das Lager dieses geheimnisumwitterten Magnaten Tschang. Mehr oder weniger als seine Gefangenen. Aber nur dort konnten sie mit der Orbitalstation Kontakt aufnehmen. Zumindest mussten sie es versuchen. Denn eins war Reno klar, dass sowohl Schiff als auch Kommunikation ausgefallen sein sollte, war nichts anderes als eine taktische Lüge. Tschang war nicht einer jener Typen, die sich ohne Zwang irgendeiner Obrigkeit unterwarfen. Sie konnten also nur hoffen, dass sich im Lager eine Gelegenheit ergab, das Kommando über das Schiff zu erlangen oder zumindest einen Funkspruch abzusetzen. Falls nicht, mussten sie beten, von den automatischen Trackern gescannt zu werden, die im tiefen Orbit ihre Bahnen zogen.

Als die Dämmerung hereinbrach, sie waren bereits über eine Stunde unterwegs, trieben die Soldaten plötzlich zur Eile. Entweder wussten sie nicht, was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte oder sie wussten es nur zu gut. In jedem Fall erschien es auch Reno und Lena vernünftig zu sein, so schnell wie möglich in den Schutz des Lagers zu kommen.

Nach einer weiteren Viertelstunde machten sie das bläuliche Schimmern eines Wallfeldes aus. Das Feld hatte einen Durchmesser von mindestens hundert Metern. Es war vollkommen undurchsichtig. Außer seiner ölig schillernden Oberfläche und dem sich darin spiegelnden dämmerungsgrauen Busch konnte man nichts erkennen. Links hinter dem Wall ragte der Umriss von Tschangs Raumschiff über dem schwarzen Buschland empor. Dicht an den Wall geschmiegt schien es diesen zu durchdringen. Und er bemerkte die heißen Triebwerksgase, in denen die dunklen Schemen der Vegetation flimmerten.

Ich fresse meine Stiefel, wenn Lena es nicht fertig brächte, das Ding sofort und auf der Stelle in Gang zu bringen und loszuzischen.

Aber solche Gedanken waren Makulatur, solange sie nicht an die Steuerung kamen.

Sie entfernten sich vom Schiff und gingen einige Meter am Feld entlang. Reno war beeindruckt, obwohl er es nie zugegeben hätte. Ein Feld dieser Klasse in dieser Größe hatte er noch nie gesehen.

Oder doch?

Ja, einmal. Aber das war sehr lange her.

Früher – in einem anderen Leben – hatte er ein Match in einem Hangar ausgetragen, dessen raumwärtige Öffnung durch ein ähnliches Feld geschützt gewesen war. Ein Spiel in den Docks der Hauptstreitkräfte von Hogg in einem hohen Orbit um den Hauptplaneten. Eine ganze Schar von Generälen und hohen Würdenträgern, die hohe Prominenz von Hogg und zugereiste VIPs waren unter den Zuschauern. Die Tore hätten genauso gut geschlossen werden können, aber dann wäre der Effekt, der Nervenkitzel, den man diesem erlesenen Publikum angedeihen lassen wollte, dahin gewesen. Natürlich hatte sich jede Person, auf deren Meinung auch nur das kleinste bisschen Wert gelegt wurde, gebührend beeindruckt gezeigt. Aber nichtsdestotrotz war es reine Prahlerei gewesen, eine Zuschaustellung ihrer technischen Möglichkeiten, ihrer Überlegenheit. Und für ihn und sein Team hatte es ein weiteres Neuro-Extend erfordert und letztlich, wegen der schnellen und unzureichenden Integration, auch beinahe den Sieg gekostet.

Aber seine Zeit beim Spinball war längst vorüber.

Als sie sich dem Wallfeld näherten, begann sich auf dessen Oberfläche ein Portal abzuzeichnen, wurde transparent und gab den Blick ins Innere einer Sicherheitsschleuse frei.

Außerhalb des Walls war die Luft noch erfüllt gewesen vom auffrischenden Wind und seinen fremden Gerüchen, von den Geräuschen ersterbender Tag- und erwachender Nachtaktivität. Im Inneren war alles wie verwandelt: die Kuppel, die das Wallfeld bildete, wurde von einem anderen, sehr fernen Blick in die Galaxis erhellt, von farbig schimmernden Nebeln und gleißend hellen Sternhaufen im Hintergrund, und einem exotischen und überaus beeindruckenden Planetenaufgang im Vordergrund. Der projizierte Planet war erst zur Hälfte aufgegangen, überdeckte aber beinahe zehn Grad am Himmel und setzte mit seinem Schein das Treiben unter der Kuppel effektvoll in Szene.

Auf der entfernten Seite ragte der goldene Rumpf der Kyrie Hyperion durch den Wall. Gestützt auf filigrane gebogene Stelzen sah er aus wie ein abgeschnittener glitzernder Käfer. Der gepfeilte Bug mit seiner gewölbten Pilotenkanzel, der vordere Teil der elegant geschwungenen Tragflächen für den Atmosphärenflug und die schmalen Zylinder der beiden Lifte, die beidseitig am Rumpf angebracht waren, befanden sich diesseits. Jenseits rauchten unsichtbar die Triebwerke.

Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen mehrere Dutzend Menschen in Gruppen. Sie unterhielten sich und lachten, aßen und tranken und promenierten zwischen farbenprächtigen Pavillons und Zelten. Girlanden aus Lampions schmückten die Fassaden, bunte Wimpel und Fahnen an Stangen und langen Masten gaben dem Ganzen das Aussehen eines exotischen Basars. Das Treiben wurde untermalt von den fröhlichen Klängen einer Jazz-Kapelle. Hier war eine regelrechte Party im Gange.

Als sie die Wachen am Portal hinter sich gelassen hatten und bereits auf dem Weg an den geschmückten Zelten vorbei zum Raumschiff waren, wurden sie plötzlich von einer schrillen Stimme gestoppt.

“Halt, halt, warten Sie!”

Aus einer Gruppe vor einem der Pavillons hatte sich eine Frau gelöst. Sie war füllig, mit steil aufgetürmten silbernen Locken und wurde von einer bodenlangen Toga umweht, die ihre Proportionen mehr als dürftig verhüllte. Das leichte, durchscheinende Tuch ließ einen ungehinderten Blick auf ihren nackten Körper zu: die vollen wogenden Brüste, die bei jeder Bewegung erzitternden Falten ihres Bauches und die kegelförmigen Beine. Energisch und so schnell es für ihren Stand schicklich war eilte sie auf den Trupp zu – in der einen Hand ein kristallenes Gefäß, aus dem bei jedem Schritt Flüssigkeit schwappte, mit der anderem ihr Gewand raffend.

Die Soldaten sahen sich unschlüssig an.

“Habe ich Sie noch erwischt, Matrose”, schnaufte die dicke Frau völlig außer Atem und blickte einen der Soldaten, den sie für den Anführer hielt, zornig an.

“Frau Tekanawa, lassen Sie uns weiter gehen. Wir sind auf dem Weg zu Herrn Tschang.”

“Werden Sie bloß nicht frech, Matrose”, knurrte sie ihn an. Ihre Brüste reckten sich angriffslustig in die Höhe.

Schien es nicht so, als ob ihre Brustwarzen zu glitzern anfingen? Als ob das, was gerade noch tiefrosa war, jetzt metallisch schimmerte? Reno rieb sich die Augen, und Lena puffte ihn heftig in die Seite.

“Männer und ihr Testosteron induzierter Tunnelblick”, zischte sie.

“Nichts für ungut, aber solche Pilotenoveralls habe ich noch nie gesehen”, flüsterte er zurück. “Aber darum geht es gar nicht. Hast du nicht bemerkt, dass ihre … äh … ihre …”

“Für Sie ist mein Name immer noch Lady Tekanawa DeHogg”, herrschte sie den Söldner an. “Wenn Sie sich das nicht merken können, dann lassen Sie es sich in Ihr … Ihr Implantat drucken.” Das Wort spuckte sie regelrecht aus. “Und außerdem ist Lord Tschang überhaupt nicht mehr hier. Er ist fort, ausgeflogen und kommt erst sehr spät nach Hause. Inzwischen soll ich mich um unsere lieben neuen Gäste kümmern!”

Sie machte eine gezierte Geste mit der Hand und stellte eine unschuldige Miene zur Schau. Das schien den Soldaten kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen. Geschickt nutzte Lady Tekanawa den Moment der Verwirrung, um dem Anführer ihr mittlerweile leeres Glas in die Hand zu drücken.

Der runzelte nur die Stirn, unterdrückte jedoch weitere Bemerkungen und konsultierte stattdessen sein Kommgerät.

“Und jetzt zu Ihnen …”

Mit einer erstaunlich behänden Drehung wandte sie den Soldaten den Rücken zu, flocht ihren Arm um Renos und umhüllte ihn mit ihrem betäubend süßen Parfüm.

“… Sie großer und ausgesprochen gut aussehender Kerl. Wie ich höre sind Sie Pirat und sie …”, sie warf einen kurzen, jedoch nicht ungnädigen Blick auf Lena, “… sie ist Ihre kleine Piratenbraut?”

“Ich bin nicht … wir sind keine …”, schnappte Lena aufgebracht.

Lady Tekanawa klimperte mit den Augen und formte entschuldigend einen Kussmund. “Nicht doch, Kleines, das war doch nicht so gemeint. Ich weiß doch, wen ich hier eingefangen habe”, damit blickte sie wieder zu Reno empor. “Sie sind Ritzo, der Recke von Parastar.”

“Mein Name ist Reno, Lady … äh …”

“Sage ich doch”, fuhr sie im Plauderton fort. “Und Sie, Matrose”, sie wandte sich wieder zornfunkelnd den säuerlich dreinblickenden Soldaten zu, “nehmen Sie endlich Ihre Küchenburschen und machen Sie, dass Sie an Ihre … Maschinen kommen … oder was auch immer. Aber halten Sie hier nicht Maulaffen feil.”

Damit zog sie Reno mit sich fort und winkte Lena, ihr zu folgen. Die Soldaten trollten sich murrend.

“Frau Tekanawa, wir müssen mit Herrn Tschang sprechen und vor allem …”

“Despina. Für euch, meine Hübschen, bin ich nur Despina. Wir sind schließlich Freunde, und ihr seid jetzt meine Mitverschwörer gegen diese erbärmliche Meute unsäglich tumber Toren.” Sie klimperte listig mit ihren Augen und ließ dann ein glockenhelles Lachen ertönen.

Fasziniert bemerkte Reno, wie der metallene Glanz ihren Brüsten entwich und diese, statt kampfbereit die Warzen zu recken, ihnen lustig wippend ihr Ziel wiesen.

“Ach jaa”, sang Despina gedehnt, “der Signore Tschang, unser aller zauberischer Zeremonienmeister”, wieder entfuhr ihr vor Entzückung ein klingendes Lachen. “Er ist einfach so verschwunden, stellt euch vor, ohne uns über seine Absichten in Kenntnis zu setzen. So ein alter Geheimniskrämer. Er sollte jedoch bald wieder hier sein! Das einzige, was er uns versprochen hat, ist eine Überraschung. Haach, seine Überraschungen, ihr Süßen”, sie fasste Lenas Arm und zog beide in verschwörerischer Eintracht zu sich heran, “die sind immer von ganz herrlich aufregender Art.”

Ihr massiger Leib zitterte vor Erregung.

“Aber vorher, müsst ihr euch stärken. Also, auf zur Gulaschkanone, ihr seht ja ganz blass aus.”

Das Grüppchen schlenderte auf einen Pavillon zu, der mit Fress-Fähnchen beflaggt war und in dessen Schutz Stewards mit turmhohen Kochmützen herrlich duftende Speisen kredenzten.

“Gibt es eine Möglichkeit, eine Kommverbindung … nach draußen zu machen?” Lena nagte skeptisch an etwas, das aussah wie eine Hähnchenkeule.

“Nach draußen! Was wollt ihr denn draußen? Papperlapapp, schaut euch um”, Despina breitete die Arme aus, “hier ist die Feier.”

In diesem Moment erschollen helle Fanfarenklänge. Die Musik der Kapelle verstummte. Das Partygeplauder und das Lachen erstarben. Alle Aufmerksamkeit war nach Osten gerichtet. Dort, wo vorher der virtuelle Planet über den Horizont gestiegen war, verschwamm die Projektion, das Wallfeld wurde durchsichtig und gab den Blick auf das im Flutlicht schmachtende Buschland frei.

Sechs mächtige Schimmel bahnten sich ihren Weg durch das Gehölz, kraftstrotzend und ungestüm an ihrem Geschirr zerrend. Die Leute reckten die Hälse, Ahs und Ohs waren zu hören. Die aufgeschreckte heimische Fauna keckerte, schrie und brüllte, duckte sich ängstlich oder floh panisch vor den fremden leuchtenden Wesen. Unter wildem Gewieher und mit sichtlicher Anstrengung zogen die Pferde einen glänzenden Streitwagen ins Licht, auf dem ein kleiner Mann stand. Aufrecht, das Kinn stolz erhoben, selbstgefällig lächelnd, hielt er die Zügel lässig in der Linken, hob triumphierend die Rechte und lenkte sein Gespann direkt auf die Versammlung zu. Sein markantes herrisches Portrait wurde auf beide Flanken der Öffnung im Wallfeld projiziert.

Aristoteles Robert Tschang.

Nette Inszenierung, dachte Reno, der zusammen mit Lena und Despina ein wenig abseits dem Schauspiel beiwohnte.

Hinter Tschangs Wagen brach von starken Tauen gezogen noch etwas aus dem Dunkel des Busches in den Kreis der Scheinwerfer: ein riesenhafter Berg aus Fleisch und Horn, drei säulenartige Beine im Dreck, drei schlaff aus der Seite baumelnd. Eine monströse Chimäre teils Büffel, teils Elefant. Staub wirbelte auf, als das Tier auf die trockene Lichtung vor dem Wallfeld gezerrt wurde und nebelte sowohl das Ungetüm, als auch den Streitwagen ein.

Einige Gäste hielten sich geziert Schnupftücher vor Nase und Mund, als der süßliche Geruch frischen Blutes heranzog. Ein Spalier aus Tschangs Soldaten hielt die Menge zurück und bildete eine Gasse bis unter den Scheitel des Wallfeldes.

“Sehr schön”, konstatierte Lena zu Reno gewandt, “jetzt kommt noch Wilderei dazu.”

“Wir werden uns darum kümmern, wenn wir wissen, wie wir hier raus kommen.”

Despina jauchzte “Huuh”, die leuchtenden Augen auf das tote Tier gerichtet.

Als die Pferde den Bereich des Wallfeldes erreichten, wurden ihre Konturen diffus und die Illusion löste sich auf. Ihr Wiehern verlor sich im Aufheulen des E-Grummans von Tschangs Kettenfahrzeug, das hinter dem kaum noch sichtbaren Hologramm des Streitwagens erschien.

Die Menge und die Soldaten wichen zurück, als Tschang aufdrehte und mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Gasse brauste, den riesigen Kadaver im Schlepptau. Sein zufriedenes Lachen prangte von den Projektionen, war aber erst zu hören, nachdem das Heulen des Elektrotriebwerks verstummt war.

Beifall und Jubelgeschrei brandete auf, Hochrufe ertönten. Einen Moment sonnte er sich darin, dann hob er die Arme wie ein Dirigent und bat sich Ruhe aus.

Tschang begann mit seiner Rede. Bevor er aber den ersten Satz vollendet hatte, gab es einen scharfen Knall außerhalb der Kegel der Scheinwerfer. Dann wieder einen. Und noch einen! Berstendes Holz und peitschende Äste! Und mit einem Mal fing der Untergrund an zu beben, Teller und Tassen schepperten auf den Tischen. Die Partygäste sahen sich zunächst verwirrt um, und ergriffen dann die Flucht. Da sie allerdings nicht wussten, wohin sie flüchten sollten, hatte das Ganze etwas Regelloses an sich, etwas Verzweifeltes.

Reno und Lena und Despina tanzten mit im Reigen allgemeiner Panik, versuchten aber, nahe an die Innenseite des noch intakten Wallfeldes zu kommen. Dort erschien es ihnen am sichersten – wovor auch immer. Die Soldaten hatten sich unterdessen an der Öffnung des Wallfeldes gesammelt und spähten, die Waffen im Anschlag, angestrengt auf die Wand der hell erleuchteten Blätter und Hölzer. Ein paar machten sich hektisch an einem Feldprojektor zu schaffen und versuchten, die Öffnung wieder zu schließen.

Was Reno zuerst wahrnahm, war eine Walze aus undurchdringlichem Staub und Sand, Steinchen und Holzsplittern. Der Lärm wurde ohrenbetäubend. Dann brach die Stampede aus dem Dickicht, dutzende, hunderte der sechsbeinigen Kolosse, keuchend, mit hängenden Zungen, die weißen weit aufgerissenen Augen stur geradeaus gerichtet, strömten durch die Öffnung und überrannten das Wallinnere.

Im Grunde war der Ort nicht schlecht, den sich Reno, Lena und auch Despina zu ihrem Schutz ausgesucht hatten. Aber bevor die Tiere die Wallprojektoren zertrümmert hatten und so ihrer Falle wieder entkommen konnten, rannten einige von ihnen kreuz und quer durch das Lager, so auch dorthin, wo sich die Gruppe aufhielt.

Die verschmelzenden Schemen riesiger sechsbeiniger Büffel und der betäubende Gestank nach Moschus, Despinas schriller Schrei, Lenas vorgehaltene Pistole, die, neben der seinen, Salven dünner Laserblitze in die Schatten der heranstürmenden Tiere spuckte: die letzten Eindrücke brannten sich wie Schlaglichter in Renos Bewusstsein. Dann waren die Kolosse da. Ihr heißer Atem und der Staub drückten ihm die Kehle zu. Lena wurde zur Seite gestoßen, sie wirbelte herum und ihre Waffe traf Reno an der Schläfe.

Er nahm noch wahr, wie die kräftigen Hufen neben seinem Kopf aufschlugen, dann schwanden ihm die Sinne.

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2012 by Michael Bahner

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