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Literatur-Blog

Archiv für April 24th, 2012

Christopher Paolini schließt seine Lesereise in Deutschland mit Erfolg ab!

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. April 2012

München, 23. April 2012. Eben noch haben sie lautstark den Saal gestürmt und energisch um die besten Plätze gekämpft. Jetzt hängen 400 glänzende Augenpaare mucksmäuschenstill an den Lippen des jungen Mannes auf der Bühne und lauschen gebannt seinen Ausführungen auf Zwergisch. Seine zwergische Aussprache, sagt er, sei um einiges besser als seine elfische, denn da habe er einen grauenhaften Akzent.

Die Rede ist von niemand anderem als Christopher Paolini, dem Autor der internationalen Bestseller-Saga “Eragon” – in Deutschland erschienen beim cbj-Verlag. Zum Erscheinen des vierten und letzten Bandes “Eragon – Das Erbe der Macht” geht der 28jährige auf Europatournee und hat am vergangenen Wochenende mit drei Lesungen in München, Köln und Berlin den Auftakt gesetzt. Folgen werden Amsterdam, Barcelona, Madrid, Paris, Prag, Mailand, Turin und Rom.

Bestens gelaunt, schwungvoll und stets mit offenem Ohr für alle Fragen und Kommentare seiner Leser, begeisterte Christopher Paolini die insgesamt über 1000 Fans in den ausverkauften Häusern von Hugendubel, der Mayerschen Buchhandlung und Thalia. Das Publikum war dabei so vielfältig wie Paolinis Fantasy-Welt Alagaësia: Vom blutjungen Eragon-Leser, der mit seinen acht Jahren bereits alle vier Bände verschlungen hat, über den 15jährigen Profi mit Spezialwissen, der sich an einem eigenen Fantasy-Roman versucht, bis hin zum erwachsenen Fan, der die Saga zusammen mit seinen Kindern liest.

Zusammen mit Moderator Marc Langebeck, der gekonnt durch alle Veranstaltungen führte, und Andreas Fröhlich, dem sympathischen Sprecher der Eragon-Hörbücher (cbj audio), stellte der Autor den finalen Drachenreiter-Band vor und ging ausführlich auf alle Fragen der Fans ein. Und davon gab es viele. Egal ob spezielle inhaltliche Fragen zur Welt von Alagaësia, Anmerkungen vermeintlich logischer Fehler oder die Bitte um Tipps für junge Autoren – Christopher Paolini beantwortete jede einzelne Wortmeldung im Detail. Am Ende jeder Lesung nahm er sich mehrere Stunden Zeit fürs Signieren, damit jeder seine geliebten Bücher mit der begehrten Unterschrift in Händen halten konnte.

Den Fans wird der Abend sicher als etwas ganz Besonderes im Gedächtnis bleiben. Nicht zuletzt, weil sie ihren Star als sympathischen jungen Mann kennenlernen durften, der sich aufrichtig für sie interessiert. An einen bestimmten Satz des Autors werden sie sich jedenfalls ganz bestimmt erinnern: “Wait for book five!”

Ja, es wird einen fünften “Eragon”-Band geben, in dem Christopher Paolini nach Alagaësia zurückkehren und einige der offen gebliebenen Handlungsstränge aufnehmen wird. Bevor er sich jedoch diesem Thema widme, so der Autor, werde er ein ganz anderes Buchprojekt in Angriff nehmen. Man darf also gespannt sein.

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DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON? – Eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Erstellt von Martina Müller am 24. April 2012

DAS LEBEN: EINE HANDVOLL TON?

Eine Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Ich hatte mir einen Wandertag gegönnt. Jetzt saß ich im Speiseraum Zur Alten Post und wollte zu Abend essen. Ich winkte die Kellnerin herbei und bestellte “einmal Schweinelende mit Erbsen und Kartoffeln”. Als Nachtisch bestellte ich “Rhabarber mit Honig”. Die Bedienung brachte mir noch einen Orangensaft. Ich nahm ein Zimmer in dem Gasthof und legte mich sofort ins Bett, da ich vom Wandern erschöpft war.

Am nächsten Tag holte mich mein Geselle Kurt mit dem Pferdewagen ab und wir fuhren direkt zum Kinderheim. Kurt begann mein Handwerkszeug im Hof des Heims aufzubauen und der Hausmeister half: einen Stuhl, eine kleine Bank und zwei Holzblöcke für die Füße, die Wanne mit dem Ton und natürlich die Drehscheibe. Kurt brachte mir einen Topf mit Wasser, legte Schwamm und Abschneidedraht auf der Bank zurecht. Ich folgte dem Hausmeister ins Gerätehaus, damit ich mich dort umziehen konnte. Als ich herauskam, wurden die ersten Kinder auf den Hof geführt. Während ich mich auf den Stuhl setzte, waren einige fesche dabei, die an meiner Drehscheibe drehten und kicherten.

Nachdem ich die Kinder aufgefordert hatte, sich so aufzustellen, dass die kleineren vorne und die mittleren dahinter und ganz hinten die großen standen, begann ich mit der Arbeit. Nun stellte mich der Heimleiter den Kindern vor. Als ich bereit war, fragte ich ein kleines Mädchen, was ich herstellen solle. Sie antwortete: “Eine schöne Vase bitte”, und hielt sich anschließend verlegen die Hände vor den Mund.

“Also eine Vase”. Ich holte einen feuchten, grauen Tonklotz aus der Wanne und legte los: “Zuerst kommt der Ton auf die Scheibe, und zwar genau in die Mitte”. Mittlerweile hatte ich mit den Füßen die untere Scheibe in Schwung gebracht, und auch die obere Scheibe kreiste mit. Als endlich genügend Umdrehungsgeschwindigkeit vorhanden war, warf ich den Tonklotz darauf, spritzte ordentlich Wasser darüber und drückte ein paar Sekunden mit den Händen dagegen, damit die Tonmasse gleichmäßig verteilt wurde.

“Zuerst forme ich mit den Daumen den Vasenboden. Er darf nicht zu dünn werden. An den Seiten bilde ich mit den Fingern die Würste, die ich zu den Wänden hochziehen werde.” Schnell tauchte ich die Hände ins Wasser, dann ließ ich zwischen Daumen und Zeigefinger die Tonwülste hochlaufen. Ich drückte mit dem Zeigefinger, der die Innenseite formte, gegen den Ton, wodurch eine bauchige Wand entstand. Die Kinder klatschten in die Hände als sie das sahen und freuten sich und jauchzten und quitschten.

Nachdem ich die Scheibe angehalten hatte, fragte ich die Kinder, ob sie meinten, dass die Vase schön werden würde, worauf sie freudig bejahten. Ich lächelte zurück und griff nach dem Schwamm, der auf der Bank lag und stieß die Scheibe wieder an. Ich hielt den Schwamm an die Außenseite der Vase und zog damit den Ton schräg zur Mitte hin. Es formte sich eine mäßig große Öffnung und schon klatschten die Kinder wieder in die Hände und freuten sich, denn jetzt sah das Ganze schon nach einer richtigen Vase aus.

Ich forderte einen der Jungen auf, vorsichtig an die Außenseite der Vase zu fassen wobei ich leicht an der Scheibe drehte. “Das fühlt sich gut an und richtig gleichmäßig”, sagte er erstaunt. Ich erklärte ihm, dass das so sein muß, damit die Vase beim Brennen nicht reißen oder ungleichmäßig werden würde. Nachdem der Junge auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahm ich den Abschneidedraht. Ich zog ihn stramm und trennte damit die Vase von der Scheibe.

Nachdem ich die Vase von der Scheibe auf die Bank gesetzt hatte, fragte ich die Kinder, was sie davon hielten, wenn wir eine richtige Kanne herstellen würden. Sie brüllten „ja“. Auf meine Frage, ob mir einer von ihnen helfen möge, streckten sich alle Kinderhände in die Höhe. Ich wählte ein etwa elfjähriges Mädchen aus. Es kam zu mir und ich setzte es vor mich auf den Hocker. Mein Geselle hatte schon einen vorbereiteten Tonklotz aus dem Wasser gefischt und warf ihn mir auf die Scheibe. Ich begann die Scheibe zu drehen, spritzte Wasser auf den Klotz und nahm die Hände des Mädchens, um damit den Boden des Objektes zu formen. Anschließend zog ich mit seinen Händen eine ovale Form nach oben. Erneut wurde geschwammelt und kaum dass man hinschaute, war die Grundform der Kanne fertig.

Auf diese Weise stellte ich genauso viele Objekte her wie Kinder da waren. Mit jedem Kind formte ich mit deren Händen die von ihnen gewünschten Gegenstände. In der Zwischenzeit hatte mein Geselle Kurt den Ofen auf Temperatur gebracht und wir begannen die schon trockenen Rohlinge zu brennen. Die Kinder staunten nicht schlecht als ihre Werke aus dem Ofen ans Tageslicht geholt wurden. Ich fragte sie, was sie davon hielten, den Beruf des Töpfers zu erlernen. Alle waren begeistert und meldeten sich, um in die Liste eingetragen zu werden, die Kurt vorbereitet hatte.

Nachdem ich mich von den Kindern verabschiedet hatte, trat der Leiter des Kinderheims an mich heran, um Weiteres in die Wege zu leiten. Zusammen schauten wir die Liste an, auf der ich eingetragen hatte, wie ich die Fähigkeiten und das Talent eines jeden einzelnen Kindes eingeschätzte. Der Leiter schaute mich sorgenvoll an. Er meinte, dass ich von den dreißig Kindern die Zwölf heraussuchen sollte, von denen ich meinte, dass sie für den Beruf des Töpfers in der staatlichen Manufaktur des Reiches taugten. Ich traf meine Wahl und übergab ihm die Liste.

Nachdem mein Geselle alle Teile unserer kleinen mobilen Töpferei auf den Pferdewagen geladen hatte, setzte ich mich neben ihn. Er ließ die Zügel schnalzen, sodass unser Gefährt vom Hof rollte. Als wir auf die Straße einbogen, kam uns eine schwarz glänzende Limousine mit SS-Emblemen auf den Wimpeln entgegen. Kurz dahinter tuckerte der Diesel des grauen Personenbusses mit der Aufschrift der staatlichen Fabrik für Töpferwaren. Kurt fragte mich, was mit den Kindern geschehe. Worauf ich ihm antwortete: “Ein Dutzend Kinderseelen haben wir gerettet. Die müssen zwar hart in der Töpferei des Reiches arbeiten, aber sie dürfen leben!”

“Und die restlichen Achtzehn?”, wollte er wissen.

Ich schaute ihn kurz an und in Kurts Augen spiegelte sich die Angst und Sorge um die restlichen Kinder wider. Er schien zu ahnen, was ich ihm sagen würde: “Nicht alle Kinder aus diesem Heim sind für das Reich von Wert. Alle Reichsfabriken haben jetzt offenbar wieder ihren Soll-Stand an Arbeitern erreicht…”

-Ende-

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Tabu-Brecher” (tes-tabu2.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: saargau-arts.de – http://saargau-arts.de/

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus60-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Kaufempfehlung der Autorin:

Peschke, Franz
Ökonomie, Mord und Planwirtschaft

Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich

Verlag :      Projekt
ISBN :      978-3-89733-259-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      34,00 Eur[D] / 35,00 Eur[A] / 53,90 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 10.04.2012
Seiten/Umfang :      797 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.04.2012
Gewicht :      1006 g
Aus der Reihe :      Aspekte der Medizinphilosophie 10

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Franz Peschke beschreibt in seinem Buch die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich im Zeitraum von 1932/ 1933 bis 1950. Vor allem in der Zeit bis zum Beginn des 2. Weltkriegs spielten die Auswirkungen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses auch in der Anstalt Wiesloch eine große Rolle.

Nach einer chaotischen Anfangsphase arbeitete Wiesloch mit den neu eingerichteten Gesundheitsämtern und Erbgerichten eng zusammen und hielt sich an die gesetzlichen Vorgaben. Sterilisierungen fanden bis 1944 statt. In Wiesloch wurde bei Beginn des 3. Reiches eine eigene erbbiologische Abteilung unter Dr. Schiffmann eingerichtet und 1939 unter Dr. Overhamm erneuert. Der Schriftwechsel dieser Abteilung, wie er sich in den Sippentafeln spiegelt, wird hier ausführlich rezitiert.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges treten die Sterilisierungen zurück. An ihre Stelle treten Verschubungen von Patienten, die als „planwirtschaftliche Maßnahmen“ geführt wurden und die der „Euthanasie“, also der Ermordung der Patienten dienten. Der Autor schildert das Schicksal der Sicherungsverwahrten, der Juden, der Ost-, und Zwangsarbeiter, der Kinder, aber auch die Geschichte der so genannten Forschungsabteilung Wiesloch und der zur Euthanasie verlegten Patienten.

Das Kriegsende, die Rückgewinnung von Gebäuden für die Anstalt, die rückgekehrten Patienten, die z.B. nach Stephansfeld oder Hadamar verschubt worden waren, und die Wiedergutmachungsleistungen an in Wiesloch sterilisierten Patienten werden abschließend thematisiert.

Dr. med. Franz Peschke, ist seit 1998 in München als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse niedergelassen; seine medizingeschichtliche Promotionsarbeit ist unter dem Titel “!Ausländische Patienten in Wiesloch. Schicksal und Geschichte der Zwangsarbeiter, Ostarbeiter, ‚Displaced Persons‘ und ‚Heimatlosen Ausländer‘ in der Heil- und Pflegeanstalt, dem Mental Hospital, dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch und dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden” veröffentlicht worden; Er schrieb außerdem eine Geschichte der Pflegeanstalt Rastatt, “Schreck’s Anstalt: Eine Dokumentation zur Psychiatrie und ‚Euthanasie‘ im Nationalsozialismus am Beispiel der Pflegeanstalt” (1993); Seit 2005 ist er Mitherausgeber und Autor in der Reihe “Aspekte der Medizinphilosophie”.

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ISOLA LUCRETIA – Leseprobe aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Kurzroman von Michael Pick

Erstellt von Michael Pick am 24. April 2012

Isola Lucretia

Leseprobe zu:

Isola Lucretia

Science Fiction-Kurzroman

von

Michael Pick

Das Laternenlicht auf der Via del Pellegrino war in dichten Nebel gehüllt. Sirius Savic schlug den Kragen seines Mantels hoch und hämmerte ein zweites Mal gegen das schwarzlackierte Gitterportal am St.-Anna Tor. Endlich steckte ein Schweizer Leibgardist sein rundes, übermüdetes Gesicht durch eine der Zinnen.

„Sirius Savic, MSP.“

Der Ermittler schlug die linke Seite seines Mantels zurück, in dessen Innenrevers seine silberne Dienstmarke in Form des Weltglobus` befestigt war.

Der Wachposten musterte ihn unbeeindruckt. Die aufkommende Dämmerung liftete die Schatten der Nacht über der Straße.

„Besser, Sie verschwinden schleunigst.“

Das Esperanto des Gardisten war stark akzentuiert; Sirius tippte auf eine deutsche Muttersprache.

„Ein ausgezeichneter Rat.“

Der Ermittler tastete die Taschen seines Mantels ab, als suche er etwas.

„Bedauerlicherweise hat ein gewisser …“, Sirius schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte und zerrte ein nachlässig gefaltetes Papier hervor. Er blätterte es umständlich auseinander, wanderte mit den Augen darüber, bis er den gesuchten Passus gefunden hatte.

„… Kanzler Valgregor … ist Ihnen der Name ein Begriff?“

Der Wachposten verengte die Augenlider zu Schlitzen. Misstrauen war die vorderste Eigenschaft eines Ermittlers. Bezeichnend, dachte Sirius, und fand es unbequem, sich fragen zu müssen, wo sein eigenes Misstrauen war.

„Hier“, er wedelte mit dem Papier in der Hand, „besser, Sie lesen es selbst.“

Ohne den Blick von Sirius zu wenden, nahm der Gardist den Brief. Sirius grub derweil die Hände in die Manteltaschen. An den Rändern der Via del Pellegrino liefen hellgrüne Pipelines wie eine Reihe dicker Raupen. Der Vatikan besaß eine eigene Dampfversorgung. Sie gehörte zu einem System von Versorgungseinrichtungen, denen die Vatikanstadt ihre Selbstständigkeit verdankte.

Der Schweizer Leibgardist verschwand, wahrscheinlich, um seinen Vorgesetzten zu informieren. Im Abstand von zehn Metern befanden sich Druckventile an den Pipelines; zu jedem Haus zweigte ein Versorgungsrohr ab.

„Sie können passieren, Savic.“

Der Gardist war zurück. Drei weitere Soldaten der Vatikanarmee besetzten die inneren Zinnen und den Einlass. Sirius vernahm das Klicken von Ventilen, das Rauschen von Dampf, als er die Leitungen füllte, die Kraft, die er sammelte, um endlich herausgelassen zu werden. Am oberen Ende des Tores regulierten drei Drehventile die Geschwindigkeit, mit der der gusseiserne Einlass im St.-Anna-Portal geöffnet wurde.

Doch noch durfte Sirius die Vatikanstadt nicht betreten. Vier Gardisten schlüpften durch die halb offene Pforte und sicherten die Umgebung. Ein Unteroffizier folgte ihnen, spuckte geflissentlich vor Sirius auf den Gehsteig und musterte den Ermittler von oben bis unten.

„Nehmen Sie die Arme hoch.“

Die kleinen, runden Augen des Unteroffiziers flackerten vor Unruhe, während er andererseits bemüht war, sachliche Routine auszustrahlen. Sirius fragte sich, ob er an seiner Stelle genauso reagieren würde. Langsam, mit der linken Hand, zog Sirius seine Dienstwaffe, eine Kirilenko 13, ließ das Magazin aufschnappen und hielt den leeren Lauf in das Laternenlicht. Zwischen zwei Fingern empfing der Unteroffizier die Waffe und verstaute sie zusammen mit dem Magazin in einem durchsichtigen Beutel, wie sie Sirius zur Beweissicherung kannte.

Kurze Zeit später betrat der Ermittler zum ersten Mal in seinem Leben die Vatikanstadt.

Vom St.-Anna-Tor nehmen zwei Hauptstraßen ihren Ursprung. Der Via del Pellegrino obliegt es, den südlichen Teil der Vatikanstadt zu erschließen, während die Via di Belvedere durch den Norden und Westen der Enklave führt.

Der Unteroffizier und vier Leibgardisten geleiteten Sirius. Genauso gut hätte er ihr Gefangener sein können. Auch an den Ufern der Via di Belvedere liefen grüne Dampfpipelines.

Unmittelbar hinter dem Rohrsystem stießen gewaltige Steinquader aus dem Boden, die die Fundamente noch großartigerer Gebäude bildeten. Wie das Bett eines Flusses, der sich im Laufe der Evolution einen Weg durch die Granitblöcke gefressen hatte, schlängelte sich die Straße an Kirchen, der Banco di Vaticano, einigen kasernenartigen Unterkünften und anderen Gebäuden vorbei und lief zielstrebig auf einen Palazzo zu, zu dessen Eingang breite Marmortreppen führten.

„Palazzo del Cancelliere“, schnorrte der Unteroffizier.

Die rechte Flanke seines Schnurrbartes zitterte, während die aufgehende Sonne Sirius` Rücken wärmte.

„Worauf warten wir noch?“, rief er dem Schnurrbärtigen zu.

Jede Zeit hat ihr Ende.

Der Palazzo del Cancelliere lag am Cortile di Belvedere und glich zu dieser Stunde einem erwachenden Bienenstock. Tausend Geräusche lagen in der Luft, obgleich nicht eines von ihnen eindeutig zu definieren war. Sie glichen einem aufgeregten Flüstern, das jederzeit zu einem reißenden Strom anschwellen konnte.

Die hohen Decken im Erdgeschoss, Sirius schätzte den Abstand zum Boden auf drei Meter, entfalteten aus ihrer Fläche heraus eine Wuchtigkeit, die folgerichtig nicht durch Wandschmuck zu bändigen versucht wurde. Einzig an den Verbindungen zu den Decken fing Stuckwerk die Schlichtheit auf.

Die vier Leibgardisten blieben in der Eingangshalle zurück; der Unteroffizier begleitete Sirius durch ein Dutzend Räume, die in der Art eines Labyrinthes angeordnet waren. Einige von ihnen dienten als Schreibstuben, einige als Aufenthalte.

Sie gelangten in ein schlauchähnliches Zimmer, dessen Wände lindgrün schimmerten. Der Schnurrbart des Unteroffiziers knatterte hier so heftig wie ein Geigerzähler beim Anblick eines Brennstabes. Der Unteroffizier verlangsamte seine Schritte, als wäre er sich seines Weges nicht mehr sicher. Der Raum führte zu einer schwedischgelben Tür, die mit hellgrünen Intarsien verziert war.

Auf der Hälfte des Weges jedoch bog der Unteroffizier ab und lief gegen die Wand. So schien es Sirius im ersten Augenblick. Dann erkannte er die Schlitze, die eine Tür in die Wand zeichneten. Der Palazzo begann, Sirius zu gefallen.

Als Sirius den Raum hinter der Geheimtür betrat, salutierte sein Begleiter einer Person, die im Licht der aufgehenden Sonne hinter einem großen Schreibtisch saß. Der Leibgardist machte eine akkurate Kehrtwende und ließ Sirius zurück.

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich nach hinten. Die Sonne blendete Sirius.

„Ermittler Savic …“

Der andere war sehr jung; unverbrauchte Stimme, im Übrigen akzentfreies Esperanto.

„Was für ein Zufall“, murmelte Sirius.

„Wie?“

„Ich hätte niemals angenommen, dass Sie den gleichen Namen wie ich tragen und zudem ebenfalls Ermittler sind.“

Auch wenn Sirius das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen konnte, vermochte er sich dessen blöde Miene vorstellen. Es brauchte einige Augenblicke, bis der andere verstand.

„Ein Scherz.“

„Mein Name ist nicht Savic.“

„Nicht?“

Der Mann erhob sich und kam auf Sirius zu.

„Martinius, ich bin der Sekretär von Kanzler Valgregor.“

Der Sekretär machte eine Bewegung, als wollte er Sirius die Hand geben, zog sie aber hastig wieder zurück. Ein Aussätziger hatte ausgezeichnete Chancen auf eine bessere Behandlung.

„Ich bin froh, dass Sie nicht Savic heißen. Es hätte dauernd Verwechslungen gegeben.“

Martinius schwieg, wahrscheinlich erwog er die Möglichkeit, dass Sirius ihn auf den Arm nahm.

„Ich bringe Sie gleich zu Kanzler Valgregor. Wir warten noch auf jemanden.“

Der Sekretär kam einen Schritt näher. Über die glatt rasierten Wangen lief ein öliger Schimmer. Die hellblauen Augen passten weder zu den schwarzen Haaren noch der dunklen Kutte. Das Lächeln auf den blassen, dünnen Lippen wirkte fade.

Es polterte gegen die Tür. Bevor der Sekretär die Erlaubnis geben konnte, stürmte eine Frau in den Raum.

„Können Sie mir erklären, was das Ganze zu bedeuten hat?“

Sie trug eine weiße Haube, ansonsten bestand die Kleidung aus einer ebensolchen Kutte, wie sie Martinius übergezogen hatte.

„Wie, bei allen Heiligen, kann man nur auf die Idee kommen, diesen verfl…, diesen Ungläubigen die Erlaubnis zu geben, bei uns herum zu schnüffeln.“

„Das hätte ich auch gerne gewusst“, pflichtete Sirius bei und erntete einen giftigen Seitenblick.

Der Sekretär strich sich mit der Hand über sein Haar, verbindlich lächelnd.

„Ich bin sicher, der Kanzler wird Ihnen alle Fragen beantworten.“

Das Mädchen grummelte wie ein Bär. Martinius öffnete eine zweiflügelige Tür, die in einen saalähnlichen Raum führte. An der Ostseite des Zimmers flutete das Sonnenlicht durch große Fenster und traf auf der anderen Seite auf deckenhohe Bücherregale. Sirius hatte noch nie in seinem Leben eine solche Anzahl von Büchern gesehen.

Der Raum breitete sich über zehn Meter aus, doch seine Länge übertraf die Breite um das Fünffache. Aus dem Horizont des Zimmers schälte sich ein nussbrauner Schreibtisch heraus, hinter dem ein kahlköpfiger Mann in violetter Robe saß. Der Mann schrieb mit der Hand; flüssig, ohne Pause, ohne aufzusehen.

Martinius hüstelte in seine Faust. Das Mädchen warf dem Sekretär einen verächtlichen Blick zu, schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen der Stühle, die vor dem Schreibtisch standen. Es war jener, der am weitesten von Sirius entfernt stand.

Der Mann in der violetten Robe mochte siebzig Jahre alt sein. Mit seinen schmalen Fingern musste er ausgezeichnet Klavierspielen, dachte Sirius. Das Mädchen stampfte mit dem Fuß. Der Sekretär blickte abwechselnd zum Schreiber und zur Nonne.

„Kanzler Valgregor …“

In dem Ton des Mädchens schwang unverhohlene Ungeduld.

„Ich verlange eine Erklärung!“

Zur Bekräftigung knallte sie die Faust auf den Tisch. Unbeeindruckt fuhr der Mann hinter dem Schreibtisch mit dem Geschreibe fort.

„Auch gut“, rief das Mädchen und stand auf. Sie hatte die mandelförmigen Augen zu schmalen Schlitzen verengt und presste die Lippen zu einem dünnen Strich. Dann drehte sie sich um und streifte Sirius mit einem verächtlichen Blick.

Es dauerte eine Weile, bis das Mädchen die ganze Länge des Raumes durchschritten hatte. Als die Tür zuschlug, zuckte der Sekretär zusammen.

In diesem Augenblick sah der Mann am Schreibtisch auf, drehte die Kappe auf den Füllfederhalter und lehnte sich zurück.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Ermittler Savic. Ich habe Gutes über Sie gehört.“

Lob, fand Sirius, war ein süßer Stachel mit giftigem Inhalt.

„Mein Name ist Valgregor. Meine Aufgabe in der Vatikanstadt ist vergleichbar mit der eines Managers; oder anders ausgedrückt: Ich bin das Mädchen für alles.“

Der Mann lächelte, ohne Sirius aus den Augen zu lassen.

„Eine Berufung, um die man beneidet wird, die aber nicht beneidenswert ist.“

Valgregor hörte auf zu lächeln.

„Sie werden alle Unterstützung erhalten, die erforderlich ist, um den Fall zu lösen. Mein Sekretär“, der violett ummantelte Arm zeigte auf Martinius, „steht Ihnen zur Verfügung. Außerdem habe ich Ihnen unsere beste Ermittlerin zugeteilt. Sie haben sie gerade kennengelernt.“

„Danke“, sagte Sirius nach kurzer Bedenkzeit, „danke, aber nein, danke.“

(…)

© Michael Pick, 2012

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Wie die Geschichte weiter geht erfährt man hier:

Michael Haitel (Hrsg.)
ELECTI. STORY CENTER 2011.3
AndroSF 22
ISBN 9783942533355
März 2012, 224 Seiten, Taschenbuch, EUR 13,90 (DE)

Titel bei amazon.de
Titel bei buch24.de
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Titel bei Libri.de

Europa, irgendein Jahrhundert, irgendein Jahr. Der Vatikan ist die letzte kulturelle Hochburg Europas, das letzte Bollwerk von Demokratie, Menschenrechten und funktionierendem Gemeinwesen, umgeben von Dekadenz, Verfall, Verbrechen und Sünde. Irgendwo auf der Welt mag es noch Enklaven geben, die dem entsprechen, was der Vatikan in Europa repräsentiert – aber von ihnen erfährt man nur auf Umwegen, nur in Form vager Informationen und Nachrichten, fast ausnahmslos in Form von Gerüchten.
Und dann geschieht ein Verbrechen …

Friedhelm Rudolph: Electi
Michael Pick: Isola Lucretia
Bernd Illichmann: Die mathematische Formel der Liebe
Isabella Benz: Die Augen der Priester
Arno Endler: Hinter der Barriere
M. E. Rehor: Die elektrische Madonna

Steampunk-Geschichten aus anderen Zeiten …

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