RÜCKKEHR MIT HINDERNISSEN V – eine Fantasy-Kurzgeschichte von little_wonni
Erstellt von little_wonni am 15. April 2012
Rückkehr mit Hindernissen V
eine
Fantasy-Kurzgeschichte
von
little_wonni
“Machs kurz, ich hatte noch keinen Kaffee!”, knurrte es auf der anderen Seite der Leitung.
Scheiße. Paul Smith vor dem ersten Kaffee ans Telefon zu holen, grenzte an Selbstmord. Gerüchteweise waren allein deswegen schon dutzende Leute gestorben.
“Ich kann auch noch mal später …”, setzte er an.
“Wenn du jetzt auflegst, reiße ich dir erst recht den Arsch auf! Wach ist wach! Also was willst du? Und wehe es ist nicht wirklich wichtig.”
“Ich brauchen jemanden vom psychologischen Dienst …”
“Dann ruf doch die Psycho-Spaken an! Was habe ich da mit zu schaffen?”, blaffte Paul.
“Es darf keiner vom richtigen psychologischen Dienst sein. Ich hab hier eine verwirrte Elfe, mit Menschenohren, die Dirk gerade erzählt, dass ihr Bruder sie in einen Frosch verwandelt hat.”
“Sicher das Es ne Elfe ist? Könnte doch auch ne normale Bekloppte sein.”
“Nee, die ist ganz sicher echt. Keiner kann nach unserem Duschzeug riechen, wie ne Blumenwiese. Kannst du mir nun helfen?”
“Oh Mann, was interessiert die dich überhaupt? Ihr glaubt doch sowieso keiner.”
“Das ist mein Job, Paul!”
“Schön, schön ich organisier was. Aber eines Tages, möglicherweise jedoch nie, werde ich dich um eine kleine Gefälligkeit bitten …”
Sam rollte mit den Augen. Er kannte Pauls “kleine Gefälligkeiten” zu genüge.
“Okay abgemacht. Aber bitte gleich. Dirk rastet schon vollkommen aus und …”
Er hörte nur noch ein tuten in der Leitung. Solang er denken konnte, beendete Paul Smith so seine Telefonate. Er rieb sich die Schläfen und versuchte das mittlerweile geifernde Brüllen seines Kollegen auszublenden. Chancenlos. Er loggte sich in den Computer ein, um nachzuschauen, was die Kleine verbrochen hatte. Hausfriedensbruch, tätlicher Angriff und Beleidigung. Bei ihrer Verhaftung hatte sie Dirk eine Tasche zwischen die Füße geworfen und er hatte sich auf die Nase gelegt. Deshalb war er also so ungehalten. Er schaute auf die Uhr. Erst kurz vor acht. Das konnte eine lange Nacht werden. Der Gang zur Kaffeemaschine schien ihm die letzte Rettung zu sein. Schnell brühte er zwei Tassen dieses schrecklichen Gesöffs, das sie hier Kaffee nannten, und machte sich auf den Weg ins Verhörzimmer. Auf dem Gang traf er auf eine verführerische Rothaarige, die ihm aus lasergrünen Augen zuzwinkerte, sich lasziv auf dem Empfangstresen räkelte und mit ihrem Goldkettchen spielte, von dem ein Kreuz herabhing.
Kaum sah sie ihn, stieß sie sich vom Tresen ab und kam mit wogenden Schritten auf ihn zu. Sie wickelte sich eine ihrer Locken um den Finger und begann am Ausschnitt ihrer Bluse entlangzufahren. Als sie nur noch einen Wimpernschlag von ihm entfernt war, beugte sie sich vor und flüsterte ihm ins Ohr.
“Psychologischer Dienst, Sie hatten angerufen”, säuselte sie und lehnte sich wieder zurück.
“Äh, nein eigentlich hatte ich nicht …”, er stockte, als die lasergrünen Augen ins Eisblau wechselten und sich die Sünde auf zwei Beinen ein hämisches Grinsen nicht verkneifen konnte. Also beehrte ihn Paul heute persönlich. Das würde verdammt teuer werden.
“Sei nett zu Blondi!”, raunte er Paul gerade in dem Moment zu, als Dirk die Tür des Verhörzimmers aufriss.
Dieser war über und über puterrot und seine Haare standen in alle Richtungen von seinem Kopf ab, als hätte er sie in reiner Verzweiflung gerauft. Der Anblick der Rothaarigen, kühlte zwar nicht unbedingt sein Gemüt, lenkte ihn aber von seiner Wut auf die Verrückte ab. Sein Kollege setzte ein Lächeln auf, welches einen 400-Watt-Strahler gekonnt in den Schatten stellte.
“Was hat uns denn die Sitte da Schönes mitgebracht?!”
Sam befürchtete schon das Schlimmste, als Paul einen Ausweis aus seinem Ausschnitt herausfischte, eine Augenbraue hochzog und seinem Kollegen den Ausweis direkt vor die Nase hielt.
“Oh”, war dessen Kommentar “Eva Adams, psychologischer Dienst. Tut mir Leid Ma’ am. Ich geh dann mal unsere Verrückte holen. McGrey hol doch schon mal ihr Gepäck.”
Als Paul mit den zwei Tragetaschen und der Handtasche zurückkam, hatte Dirk die kleine blonde Elfe gerade auf den Flur bugsiert und an Paul übergeben. Die schluchzte nun herzerweichend und murmelte immer wieder, dass sie nicht verrückt sei. Auf ihrer Stirn hatte sich mittlerweile eine ordentliche Beule gebildet. Dirk hatte sie wohl nicht besonders sanft in das Polizeiauto einsteigen lassen. Er übergab der Elfe ihre Handtasche, die diese an sich drückte, als sei es ein Rettungsanker und reichte Paul die zwei Tragetaschen.
“Sie kann auch eine nehmen”, säuselte er mit seiner nervtötenden hohen Stimme. Also reichte er dem Häufchen Elend auch noch eine der schweren Tragetaschen und wurde so sein letztes bisschen Verantwortung für diesen Fall los. Er blickte ihr nach, während sie mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf hinter Paul hertrottete.
Paul war in einem schwarzen Lieferwagen mit seitlichen Schiebetüren gekommen. Er öffnete die Türen und warf die Tragetasche seitlich ins Auto. Die Elfe folgte seinem Beispiel und warf die zweite Tasche genau neben die erste und drehte sich zu ihm herum.
“Sie machen einen ganz schrecklichen Fehler …”, begann Dahlia zu jammern.
Für solche Diskussionen hatte er definitiv keinen Nerv. Er war lange genug nett zu der Elfe gewesen, die es einfach nicht geschafft hatte im entscheidenden Augenblick die Klappe zu halten. Also versetzte er ihr einen kräftigen Stoß gegen die Schultern, sodass sie durch die geöffnete Schiebetür flog und an die Seitenwand des Lieferwagens krachte.
Das Letzte was Dahlia sah, bevor sie bewusstlos wurde, waren lasergrüne Augen, die in ein berauschend leuchtendes Eisblau wechselten. Dann wurde alles um sie herum schwarz .
Copyright (c) 2012 by little_wonni
Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-minus33-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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