MORGENGRAUEN – eine Kurzgeschichte von little_wonni
Erstellt von little_wonni am 6. April 2012
Morgengrauen
eine
Kurzgeschichte
von
little_wonni
Es war noch früh am Morgen, Tau lag auf den Grashalmen der Wiese und die ersten Sonnenstrahlen brachen sich golden ihren Weg durch das dichte Blätterdach. Sie trafen auf die Tautropfen, die daraufhin glitzerten wie Diamanten und das Licht in allen Farben des Regenbogens aufleuchten ließ. Die ersten Frühblüher reckten ihre Köpfe über das Gräsermeer und öffneten ihre Blüten der aufgehenden Morgensonne. Insekten erwachten mit Brummen und Flügelschlagen und begannen die Wiese zu beleben. Vogelgezwitscher wurde von Baumkronen heruntergetragen zusammen mit kleinen weißen Blütenblättern, die nun einen Teppich über der Wiese ausbreiteten. Sie sog die Luft ein, die so wunderbar nach Frühling roch und schon den Gedanken an einen heißen Sommer aufkeimen ließ. Ihr Blick erreichte nicht den Himmel sondern streifte das grüne Gräsermeer, das nun immer lebendiger wurde. Das Rascheln im Gras bemerkte sie über dem Schlagen der Insektenflügel nicht.
Dies war der mit Abstand grauenhafteste Mordschauplatz, dem sie sich jemals hatte stellen müssen. Dies lag aber nicht an der Leiche oder am Geruch von Blut, der kupfrig frisch zu ihr herübergetragen wurde, sondern schlicht und ergreifend an der Szenerie, die sich vor ihr auftat. Den Blick abgewandt steckte sie Metallstäbe durch die grüne Grasdecke, verankerte sie in der Erde rund um den Tatort und befestige daran das flatternde gelbe Absperrband der Polizei. Erst dann raffte sie sich dazu auf, mit ihrem Kollegen das Mordopfer zu begutachten.
Sie war wunderschön in ihrem weißen Kleid, wie sie dort im Gras lag, umgeben von Frühlingsblumen, die gerade erst ihre Blüten geöffnet hatten. Ihr schwarzes Haar lag, wie ein dichter schwarzer Fellteppich hinter ihr ausgebreitet im grünen Gras. Ihre Hände waren unter ihren Kopf gebettet und sie lag auf der linken Seite in Embryonalstellung. Wenn man das Ganze von der anderen Seite betrachtete hätte man meinen können, sie hätte sich dort zu einem Schläfchen in das morgendliche Sonnenlicht gebettet. Aber von dieser Seite aus sah man, dass ihre grünen Augen weit offen standen und alles Leben daraus gewichen war. Sie blickte nur noch mit dem stumpfen Blick der Toten in die Ferne und ihre Haut glich weißem Marmor, durchzogen mit leuchtend blauen Linien. Überall hingen kleine rote Tupfer. In ihrem Gesicht, auf ihrem Kleid und auf den umliegenden Grashalmen. Dort leuchteten die roten Blutstropfen wie Rubine in der Morgensonne.
Ihr Kollege Sam fing ihren Blick auf und hielt in fest. Nun durfte sie keine Schwäche zeigen. Dies war zwar nicht ihr erster Tatort, aber die Kollegen warteten bei einem weiblichen Opfer immer noch darauf, dass sie in Tränen ausbrach oder sich erbrach. Also schluckte sie den Klos in ihrem Hals herunter und begann mit der Bestandsaufnahme.
Das Opfer war noch sehr jung. Laut dem Ausweis, den sie in ihrer Handtasche fanden, war sie gerade erst sechzehn geworden. Ihr Name war Eva Dawn und sie lebte nicht weit entfernt in einem dieser entzückenden kleinen Häuschen mit den weißen Gartenzäunen im Dahlienweg. Noch nie war es in dieser Gegend zu einem derartigen Vorfall gekommen. Vielmehr galt hier alles als sehr ruhig und idyllisch. Sie betrachtete die Wunde des jungen Mädchens und wandte sich an den herbeigerufenen Kollegen aus der Gerichtsmedizin.
“Todesursache und Zeitpunkt?”, fragte sie den weißhaarigen Kollegen, der gerade mit der Begutachtung der Leiche fertig geworden war.
“Nun ja liebe Kollegin, der vordere Teil ihrer Kehle fehlt gänzlich. Ich kann ihnen aber nicht sagen, ob sie verblutet oder erstickt ist. Auf jeden Fall hat sie noch gelebt, als man ihr die Kehle aufgerissen hat. Im umliegenden Gras sind viele kleinen Blutstropfen verspritzt. Sie hat wohl versucht weiterzuatmen und …”.
“Ich werde das Ganze ja dann in ihrem Bericht lesen”, unterbrach sie in rüde, “Todeszeitpunkt?”
“Das Blut ist noch nicht eingetrocknet, also ist es nicht lange her. Auf einen Zeitpunkt möchte ich mich aber noch nicht festlegen. Die Wunde sieht aus, als hätte sie ein Tier gerissen. Allerdings kann es kein einheimisches Tier gewesen sein. Dazu ist die Wunde zu groß. Wir haben hier gerade mal Füchse, wenn’s hochkommt. Die rennen eher weg, wenn sie Menschen sehen”, stellte der Gerichtsmediziner mit einem Schulterzucken fest.
Stöhnend rieb sie sich die Schläfen. Dieser Fall würde komplizierter werden, als sie vermutet hatte …
WIRD FORTGESETZT…
Copyright (c) 2012 by little_wonni
Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-100-minus101-100.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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