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Archiv für Januar 29th, 2012

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Detlef Hedderich am 29. Januar 2012

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

Niemand hatte mit dieser weißen Pracht gerechnet. Über Nacht waren die Temperaturen gefallen. Immer kälter wurde es, bis der Dauerregen der letzten Tage sich in feine, leichte Flocken verwandelte. Der Winter hatte sich klammheimlich heran geschlichen, gerade rechtzeitig um Danya ihren größten Weihnachtswunsch zu erfüllen.

Danya erwacht schlagartig, wissend, dass sich etwas Wunderbares ereignet hat. Sie reißt die Augen auf und es kribbelt schon in ihrer Nase.

Schnee!“ ruft sie laut und macht damit ihren Bruder wach, der sich grummelnd noch einmal in seinem Bett herum dreht.

Danya springt aus dem Bett und rennt zu dem Fenster hinüber. Überschwänglich reißt sie die hölzernen Läden auf und starrt in eine völlig verwandelte Landschaft hinaus. Noch immer rieselt der weiße Staub vom Himmel herab, bedeckt Häuser, Wege, Bäume und Wiesen.

Selbst die Wintersonne freut sich über das Weihnachtsgeschenk, dass die Nordwolken dem kleinen, vorwitzigen Mädchen gemacht hatten. Sie strahlt und spiegelt sich in den winzigen Schneekristallen und überall glitzert und funkelt es. Einer der Sonnenstrahlen trifft Danya neckend an der Nase, sodass sie niesen muss. Lachend ruft sie nochmal „Schnee!!“ und dreht sich zu ihrem Bruder um.

Sieh doch, Endres, alles ist weiß, als wäre der Hof voller Puderzucker!“

Nun ist es dem armen Kerl viel zu hell, um noch weiter schlafen zu können. Mühsam windet er sich aus seinem Bett, das Holz quietscht und die strohblonden Haare fallen ihm missmutig ins Gesicht. Er ist geblendet von dem Licht, dass durch die vollkomme weiße Fläche wieder und wieder gebrochen und reflektiert wird, bis es voller Enthusiasmus auf sein Gesicht trifft. Dort tanzen nun kleine, helle Pünktchen und spielen Fangen miteinander.

Schlaftrunken reibt er sich die Augen, die nur mühsam auf gehen wollen, bis er einen blinzelnden Blick aus dem Fenster wirft und staunt. Gestern war noch alles braun und schlammig gewesen, als er die Hühner in den Stall getrieben hatte.

Schnee…“ wiederholt er unbewusst die Worte seiner Schwester und bewundert andächtig, mit offenem Mund, die vollendet weiße Schönheit.

Währendessen schleicht sich seine Schwester Danya aus dem Zimmer und rast, schnell wie eine Schneewehe, aus dem Haus. Auf der anderen Seite des Fensters wartet sie darauf, dass Endres sich zeigt. Als er genauso klingt, wie sie selbst gerade, muss sie leise kichern. Erschrocken schlägt sie beide Hände vor den Mund. Verflixt, fast hätte sie sich verraten.

Im Schatten des Daches schleicht sie näher heran und unter ihren Füßen knirscht herrlich der Puderzuckerschnee. Mutter würde schimpfen, wenn sie jetzt hier wäre, denn Danya ist noch im Nachthemd und barfuß. Doch gleich werden sich die frostigen Nadelstiche in ihren Füßen lohnen.

Sie zielt sorgfältig.
Da ihr Bruder, immernoch hingerissen von dem unerwarteten Geschenk der Nordwolken, nichtsahnend am Fenster steht, kann sie sich damit Zeit lassen.

Platsch!

Der Schneeball ist nicht fest und zerschellt an dem dümmlich drein blickenden Gesicht ihres Bruders. Danya lässt sich rückwärts in den Schnee fallen und verschluckt sich an ihrem eigenen Lachen. Überschwänglich rudert sie mit ihren Armen und Beinen, wie ihre Mutter es ihnen vor Jahren gezeigt hatte, um einen Schneeengel zu machen.

Durch den Schnee hindurch hört sie ihren Bruder brüllen und lachen.

Na warte! Dir werde ich es zeigen, du Biest. Ich…
Doch die kleinen Schneebrocken in seiner Nase bringen ihn zum Niesen bevor er den Satz beenden kann.

Auch er hält sich nicht großartig mit Anziehen auf, denn schließlich kann man es sich als großer Bruder nicht leisten, sich so von seiner kleinen Schwester vorführen zu lassen.

Ich werde dich einseifen, bis dir der Schnee aus den Ohren rauskommt.“, brüllt er fröhlich von der Vordereite des Hauses, als er aus der Tür stürmt.

Na, da musste mich erstmal fangen.
Danya kichert und rappelt sich auf. Ohne zu überlegen rennt sie los, weg vom Haus, um dessen Ecke gerade ihr Bruder spurtet. Ihre Füße machen deutlich sichtbare Spuren in den Schnee. Immer wieder blickt sie über ihre Schulter zurück, um diese kleinen Unvollkommenheiten inmitten der Perfektion der Natur zu bewundern. Es ist einfach ein herrlicher Tag. Das beste, beste, beste, besteste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, wie sie findet.

Bald schon ist Endres ihr knapp auf den Fersen, denn er ist schneller und wird von seinem Stolz angetrieben. Doch sie darf sich nicht von ihm fangen lassen, dies würde er ihr wieder ewig vorhalten, der große Bruder. Sie steht vor der Wahl: entweder am Fluss entlang und in einem weiten Bogen zurück zum Haus zu rennen, aber da wird er sie früher oder später einfangen oder über die umgefallene Eiche balancieren. Über den Fluss wird Endres ihr nicht folgen. Das weiß sie sicher, denn er hat Angst hinein zu fallen. Im Balancieren ist sie viel besser als er, viel besser sogar als die großen Jungen aus dem Dorf.

Langsam bemerkt Danya die Kälte und ihre Füße sind leuchtend rot im Kontrast zu dem grell weißen Schnee, aber sie will sich nicht die Blöße geben. Vorsichtig setzt sie einen Fuß auf die Eiche, die ebenso von den Wolken gepudert wurde, wie alles andere. Hinter sich hört sie ihren Bruder rufen und sie dreht herum, um ihn siegessicher anzulächeln.

Danya nicht!
In der Stimme von Endres klingt Angst und der Schreck verdrängt das zarte Rosa von seinen Wangen.

Der macht er sich doch nur Sorgen, dass er verliert, wenn er nicht hinterher kommt.“, murmelt sie und versucht sich zu überzeugen, dass ihren eigene Angst unnötig ist, obwohl es nicht leicht ist, auf dem rutschigen Holz zu stehen.

Endres bemührt sich Danya einzuholen, bevor sie zu weit auf dem Baumstumpf steht. Ihm ist ganz mulmig zumute. Es fühlt sich an, als hätte er einen dicken Eisklumpen verschluckt. Und es ist fürchterlich kalt. In seinen Füßen puckert und pocht es unzufrieden.

Er ist fast da.
Danya schluckt ihre Angst hinunter. Jetzt steht sie schon auf dem Baum, da wird sie es auch hinüber schaffen. Langsam hebt sie einen Fuß und setzt ihn ein bisschen weiter vorn vorsichtig wieder ab.

Na das ging doch ganz gut.
Noch einmal hebt sie einen Fuß, den anderen diesmal. Sie verlagert das Gewicht und “…Fuß wieder abstellen.”

Ha!“, ruft sie stolz, doch ihre Zähne klappern und sie bekommt kaum den Mund auf. Hände und Füße schmerzen, doch zurück ist nun genau so weit, wie das andere Ufer. Als ihre Knie zu schlottert beginnen, steigt Panik in ihr auf. Eine kleine Windböe reißt an ihrem Kleid und die Haare wehen ihr ins Gesicht.

Der wunderschöne Schnee ist jetzt nur noch eine Qual und die Eiche ist plötzlich erschreckend rutschig.

Endres? … … Endres! Ich...“
Ihre Stimme zittert, vor Entsetzen klingt sie so schrill wie klirrende Eiszapfen. Das Klappern ihrer Zähne macht es schwer sich zu konzentrieren. Über die Schulter hinweg sucht sie ängstlich ihren Bruder, doch sie kann ihn nicht sehen. Dabei verliert sie das Gleichgewicht.

Der Schrei seiner Schwester ist voller Grauen und Endres steht noch immer wie angewurzelt vor dem umgestürzten Baum. Das furchtbare Geräusch, als Danya auf das Wasser auftrifft und in den eisigen Fluten versinkt, befreit ihn aus seiner Starre. Das durfte unmöglich sein, das durfte nicht passieren.

Der Fluss ist nicht breit, aber es ist Danya nicht möglich darin zu stehen. An schwimmen ist bei der Kälte nicht zu denken. Die friesst sich in ihren Körper, in den Kopf und in ihr Herz.
ENDRES!“

Immer wieder taucht ihr Gesicht an der Oberfläche auf und Endres kann sie schreien hören. Sie ruft seinen Namen. Hektisch sucht er nach etwas, dass ihm helfen kann, sie aus dem Wasser zu ziehen. Doch der Schnee deckt alles zu. Während er zusieht, wie seine Schwester im Fluss mitgerissen wird, bleiben seine Tränen als Perlen in seinen Wimpern hängen.
So gerne würde er ihr helfen, sich zu ihr in das Wasser stürzen, aber seine Angst zu groß. Dabei sollte ein großer Bruder doch mutig sein.

Aus dem Winter-Wunderland ist schlagartig eine frostige Einöde geworden.

Danya!“
Eine junge Frau stürmt herbei und reißt Endres von dem gefährlichen Ufer zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, wie nah er schon dem tödlich kalten Wasser gekommen ist.

Meine Güte, Endres!
Ihre tastenden Hände erkunden das Gesicht ihres kleinen Bruder, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut geht. Dann dreht sie ihn in Richtung Haus und gibt ihm einen Schubs.

Such Decken zusammen und leg Holz nach, so viel du kannst.
Sie ist schon weiter den Fluss entlang, während sie die Anweisungen gibt. Ihre Augen suchen hektisch nach den blonden Haaren der Kleinen, dem Nesthäcken der Familie.

Kleines, …

Die dunklen Haare der jungen Frau flattern im Wind und sie streicht sie sich hektisch aus dem Gesicht.
Du muss die Arme bewegen. Beweg dich! Hörst du?

Doch als sie Danya entdeckt, ist diese schrecklich blass und ihre Lippen haben eine unheilvolle Farbe. Die blauen Augen der jungen Frau blicken sorgenvoll in den Fluss. Vorne an der Biegung, könnte sie ins Wasser steigen, dort wäre es flach genug. Noch auf dem Weg dahin, wirft sie das Wolltuch und ihr Überkleid in den Schnee. Es kostet Überwindung in das klirrend kalte Wasser zu steigen. Wie tausende Stricknadeln, die ihr in die Beine geschlagen werden, fühlt es sich an. Im ersten Moment bleibt ihr einfach die Luft weg, wie ein Faustschlag schnürt ihr die Kälte den Brustkorb zu. Die Dunkelhaarige bemerkt kaum die Tränen, welche der Schmerz ihr in die Augen treibt.

Mit zitternden Händen greift sie nach dem Kind. Sie zerrt Danya an dem Nachthemd heraus aus dem Wasser. Es ist mühsam, aber sie schafft es und dabei muss sie unaufhörlich schluchzen.
Meine Kleine, sag etwas…  So sag doch etwas.

Aber es ist nur Stille und das Knischen des Schnees zu hören.

Die junge Frau reißt Danya mit zitternden Fingern das triefend nasse Nachthemd vom Körper. Der Stoff macht ein furchtbares Geräusch, als es zerreißt. Es klingt fast wie ein Schrei. Nun verflucht sie, dass sie ihren Umhang einige Schritt weiter fallen ließ. So muss sie Danya für kostbare Augenblicke im kalten Schnee liegen lassen. Mit jedem weiteren Wimpernschlag fließt das Leben aus dem kleinen Mädchen.

So schnell sie kann, wickelt sie das Wolltuch und das Überkleid um denn leblos wirkenden Körper und beginnt ihn mit steifen Fingern zu reiben. Sie selbst kann die Kälte bis in ihre Knochen spüren. Sie ist sich sicher, dass ihr nie wieder im Leben warm werden kann.

Sie dreht Danya zur Seite und versucht ihr das Wasser aus dem Magen zu drücken. Verzweifelt wirft sie einen Blick zurück zum Haus, denn dorthin muss sie das Kind bringen. Danya ist für sie viel zu schwer, um sie so weit zu tragen. Schluchzend beugt sie sich über die Kleine.

Du darfst jetzt nicht aufgeben. Hörst du mich?

Aber Danya atmet nicht, sie scheint schon jetzt wie eingefroren. Sanft berühren die Lippen der jungen Dunkelhaarigen die des Kindes.
Mein Atem für dein Leben.“, flüstert sie und verschließt Danyas Mund mit ihrem. Heißer Atem strömt in den jungen, leblosen Körper, denn das ist die einzige Möglichkeit Wärme in ihre Schwester zu bekommen. Immer wieder haucht sie Danya Leben ein, während ihre Tränen auf das bleiche Gesicht fallen. In ihren Ohren rauscht das Blut, als wäre sie noch immer in dem Fluss Es rauscht so laut, dass sie die schnellen Schritte hinter sich nicht hört.

Karin? Enders sagte…
Der junge, hochgewachsene Mann erstarrt in seiner Bewegung, als er Danya in den Armen der gemeinsamen Schwester sieht.

Ist sie?
Es ist unmöglich für ihn, die Frage zu beenden, die Worte zu sprechen, die er nichteinmal denken kann.

In diesem Augenblick beginnt das Kind zu husten und bäumt sich auf.

Danya… Atme!
Karin sieht auf.
Fass mit an, Arndt.
Sie greift erleichtert nach der Hand ihres Bruders.
Ich bin so froh, dass du da bist.

Bringen wir unsere kleine Danya nach Hause.
Mühelos hebt der junge Mann das hustende Kind hoch.
Und dich müssen wir auch ins Warme kriegen. Deine Haare sind gefroren.

Endres und die kleine Bine stehen schon Händchen haltend vor der Haustür und starren konzentriert auf ihre Geschwister, als wenn ihre Blicke sie schneller laufen lassen könnten.

Ein kleines Wölkchen hatte die großen Nordwolken überredet, der Sonne Platz zu machen. Wärmend streichelt die Sonne nun Danyas Gesicht und das Wölkchen flüstert Danyas Namen. Auch Marina kommt zur Tür und zieht sich das Wolltuch enger um die Schultern, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Kommt herein, oder wollt ihr euch erkälten?
Wie eine Glucke scheucht das große Mädchen die beiden anderen Kinder wieder hinein. Bevor auch sie zurück ins Haus geht, schaut sie für einen Moment besorgt auf die nahenden Umrisse vor der tief stehenden Sonne.

Was genau passiert war, konnte sie aus den wirren Erklärungen ihres kleinen Bruders, als dieser in das Haus gestürmt kam, nicht heraus hören. Doch dann hatte sie ihn in die Arme genommen und ihm beruhigend zugeflüstert. Danya war in den Fluss gefallen, das konnte sie aus dem Schluchzen entnehmen. Und aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arndt war sofort los gerannt war, als er das hörte.

Das Feuer im Haus brennt hell und heiß und Claudia Marina will noch ein paar Decken mehr herbei holen. Dieser hinterhältige Fluss hatte schon einmal ein Opfer gefordert. Mit den selbst gestrickten Decken in der Hand verlieren sich ihre Gedanken in der Zeit. Erst das kektisches Treiben an der Tür schreckt sie auf.

Marina…“, beginnt Karin mit gebrochender Stimme.

Ist sie?
Das große Mädchen unterbricht ungeduldig ihre große Schwester und auch ihr fehlen die Worte, um die Frage zu beenden.

Die feste Stimme des jungen Mannes unterbricht die beiden Schwestern.
Nein.“

Mit großen Schritten geht er in den Wohnraum und legt Danya auf das provisorische Bett. Sein Blick ist verschlossen, er ist es nicht gewohnt seine Gefühle zu zeigen. Er zeigt mit verbissenem Gesicht auf den kleinen Stapel Holz neben dem Kamin und murmelt:
Ich geh Holz hacken.

Als er geht, lässt er zwei verdutzt blickende Schwestern im Haus zurück. Marina blickt in Karins erschöpftes Gesicht und bemerkt dann die Pfütze zu ihren Füßen.

Meine Güte, Liebes. Du bist tropfnass. Geh dich umziehen, ich kümmere mich um die Kleine.
Sie schiebt Karin in die Richtung ihres Zimmers, dann sieht sie sich suchend um. Bei all der Aufregung hat sie die anderen Kinder ganz vergessen. Endres und Bine hocken aneinander geklammert und verstört in der Ecke des Zimmers. Sie breitet die Arme aus und schluchzend stürmen die beiden auf sie zu.

Schhhh… schhhh… ist ja gut.
Sie hockt sich hin und sieht ihnen ins Gesicht. Zärtlich streichelt sie den beiden über die geröteten Wangen.
Geht zu Danya und rubbelt ihr die Haare trocken, macht ihr das für mich? Ich koch uns inzwischen einen schönen heißen Tee.

Mit Honig?“, fragen beide im Duett.

Marina nickt und ein Lächeln erhellt die kleinen Gesichter. Schnell wuseln sie hinüber zu ihrer Schwester, froh endlich helfen zu können. Marina erhebt sich müde. In der Küche stellt sie Wasser für den Tee auf das Herdfeuer. Diese Handbewegungen sind vielfach wiederholt, sie kann sie im Schlaf und ihre Gedanken haben Zeit für Tagträumereien. Für einen Moment lehnt sie sich gegen die Wand und schließt die Augen. Sie lauscht dem Geplapper der Kleinen und hört auf das Schlagen der Axt, Karins leises Weinen und das Schlagen ihres eigenen Herzens. Als sie das Blubbern des Wassers hört, holt sie noch einmal tief Atem
Steh mir bei, Mama… mach, dass sich unsere kleine Danya wieder erholt.

Auf einem großen Tablett stellt sie die dampfenden Tassen und ein wenig Gebäck. Das Rascheln des Gebäckbeutels lockt Nini hervor. Die kleine, flinke Hausmaus fiepst fröhlich und ihre Knopfaugen hängen an den buttrig, süßen Knabbereien. Schmunzelnd reicht Marina ihr einen besonders großen Krümel herunter und trägt das Tablett dann in die Stube.

Karin ist zurück und sie streichelt Danyas Kopf, der in ihrem Schoß liegt.

Bine hat Danyas Lieblingspuppe aus dem Schlafzimmer der Kinder geholt.
Eine kleine Stoffpuppe mit großen weißen Flügeln, weshalb sie von Danya „Flügelchen“ genannt wurde. Im Sommer war sie immer mit ihr über die Wiesen gewirbelt. Nini war schon vor geeilt und krabbelt gerade an dem Deckenhaufen hinauf. Das kluge Hausmäuschen trippelt hektisch zu dem roten Gesicht Danyas und rubbelt die kleine Schnauze an ihrer Wange. „Fiiieps“, betroffen rollt sich Bini auf der sich kaum bewegenden Brust zusammen.

Marina stellt das Tablett ab und gibt jedem eine heiße, süße Tasse Tee. Schweigend legt sie ihrer großen Schwester die Hand auf die Schulter. Beide lächeln sich aufmunternd zu. Während Karin dem fiebrigen Kind immer wieder über die Stirn streichelt, legt ihr Marina eine ihrer selbst gestrickten Decke über die Schulter. Die hatte Mutter noch mit ihr zusammen gestrickt. Beide an verschiedenen Seiten und immer wenn sie sich in der Mitte trafen, hatten sie die Nasen aneinander gerieben und fröhlich gelacht. Marinas Kichern scheucht Karin aus düsteren Gedanken auf.
Woran denkst du? Ich glaube, ich könnte auch ein wenig Frohsinn gebrauchen.

Marina streichelt mit den Fingerspitzen über die weiche, braune Wolldecke.
„Ich dachte an Mama und wie viel wir gelacht haben, als wir diese Decke zusammen strickten.“

Eine schöne Erinnerung.
Beide nicken, das Lächeln auf ihren Gesichtern schon etwas tiefer. Karin widmet sich wieder der kleinen Danya und Marina nimmt den Geschwistern Endres und Kubine die Tassen aus den Händen. Beide liegen zusammen gerollt, wie die Ninimaus, neben Danya und schnarchen ganz ganz leise, auch genau so wie die Ninimaus. Sie sind so zerbrechlich und so voller Leben.

Marina holt noch ein paar Decken. Wie gut, dass sie so gerne strickt. Und Arndt hatte sie immer belächelt, wenn sie an dunklen Winterabenden am Kamin gesessen hatte und neben dem Knistern des Feuers nur noch das Klappern der Stricknadeln zu hören war.

Arndt!“, murmelt das Mädchen. Schnell deckt sie ihre jüngeren Geschwister zu und nimmt eine Tasse in die Hand. Eine Decke und warmer Tee würde auch dem großen Bruder gut tun, findet sie.

Karin sieht ihrer Schwester hinter her. Ihre Stimme ist leise und zärtlich, wie ihre Hand, die immer wieder die heiße Stirn kühlt.
Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon. Das hat Mutter immer gesagt, wenn einer von uns Kindern weinend zu ihr gelaufen kam, weil wir uns das Knie aufgeschlagen hatten oder Bauchschmerzen uns plagten. Dann küsste sie ganz sacht die schlimme Stelle und erzählte uns von Engeln, die über uns wachen und unsere Sorgen Stück für Stück aus unseren Herzen heraus holen. Sie binden sie an Federn ihrer Flügel und dann fliegen die Sorgen davon. Um so größer die Sorge, um so länger dauert es, aber Engel werden niemals müde und irgendwann kann man dann wieder lachen.“

Karin grübelt kurz, dann beginnt sie das alte Kinderlied zu singen, dass ihre Mutter immer mit ihnen gesungen hatte, damit sie zu weinen aufhörten. Es klappte jedes Mal.

„Engel Flügel schlagen leise,

klingen wie die schönste Weise.

streicheln sanft sie dein Gesicht,

mögen sie doch Tränen nicht.

Niemals sind die Engel weit,

schenken dir bald schöne Zeit.“

Karin lacht. Es war so lange her, dass sie dieses Lied gesungen hat.

Ein Flüstern erregt ihr Aufmerksamkeit. Danya bewegt die Lippen und kaum hörbar haucht sie den Refrain des Kinderliedes:
Danya hat die Augen aufgeschlagen.

„Mit den Flügeln der Zeit

fliegt die Traurigkeit davon.“

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Copyright © 2009 by Simone Wilhelmy

Quelle Bilder: Chanelorn
Danke dir :)

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