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Archiv für Januar 22nd, 2012

FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM – eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Erstellt von Martina Müller am 22. Januar 2012

FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM

eine

Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Es war Mitte der 60er Jahre. Ein heißer Sommer. Ich heiße Silvia und war 10 Jahre alt. Mein 8jähriger Bruder Ralph und ich wollten gerne mit unseren Fahrrädern, die wir von unserem Papa vor drei Wochen geschenkt bekommen hatten, zum Goetheturm in den Stadtwald fahren. Meine Mama schaute uns fragend an und meinte:

„Schön aber nur wenn Bärbel und Ingrid mitfahren!“

Die beiden Nachbarskinder aus dem 7. Stock waren nämlich schon 11 und 13 Jahre alt!

Wir willigten ein und so rief meine Mami dort an und fragte die Mutter der beiden Kinder. Die war sofort einverstanden, und so schaute Klaus, der Papa der beiden, nach den Rädern und pumpte die Reifen auf, stellte die Bremsen ein und schraubte noch dies und das daran fest. Unsere beiden Räder brauchten keine solche Inspektion denn unsere waren praktisch nigelnagelneu!

Als wir abfahrbereit waren gab uns Klaus noch ein wenig Geld, damit wir uns am Goetheturm etwas kaufen konnten, eine Limo oder so. Außerdem bekam Ingrid, die älteste von uns, einen Zettel mit den Telefonnummern von unseren beiden Familien und einige Groschen, die in diesem Zettel eingewickelt waren. Ingrid verstaute das Notfallpäckchen in die obere Tasche ihrer Latzhose. Klaus faltete noch eine Karte von Frankfurt auf, in der auch alle Radwege eingezeichnet waren, selbst die, die im Stadtwald zum Goetheturm führten. Die Karte steckte er in meine Fahrradtasche, die auf meinem Gepäckträger befestigt war, in der sich auch unsere Jacken befanden. Da mein Fahrrad das schnellste war und sogar eine Dreigangschaltung hatte, bekam ich die Aufgabe, unsere Sachen zu transportieren, worauf ich ein wenig stolz war.

Wir fuhren also zu viert  los und benutzen so gut wie immer einen Fahrradweg, auch wenn das manchmal einen Umweg bedeutete. An einigen Stellen fuhren mein Bruder und ich auch mal auf dem Gehweg und die beiden Mädchen auf der Strasse. Immerhin durften die beiden das, weil sie ja schon über 10 Jahre alt waren und mein Bruder und ich durften auf dem Gehweg fahren, weil wir noch nicht über 10 Jahre alt waren. Aber fast immer gab es einen Radweg und so schafften wir die Strecke bis zum Main auch in weniger als einer Stunde. Das war von Frankfurt Hausen bis dorthin für uns Kinder kein schlechter Schnitt.

Am Main machten wir eine kurze Pause und sahen uns die Maindampfer an, in die die Leute stiegen um dort Kaffe zu trinken und den Tag zu genießen. Wir fuhren schließlich über eine der Mainbrücken, welche weiß ich nicht mehr. Wir konnten aber von dort aus den Eisernen Steg sehen. Also waren wir ziemlich in der Mitte von Frankfurt.

Als wir auf der Sachenhäuser Seite angekommen waren, beobachteten wir einige Leute, die mit Tretbooten unterwegs waren und wir Kinder sprachen darüber, unsere Eltern zu fragen, ob wir das nicht auch mal machen könnten. In Sachsenhausen, das vor vielen Jahren in Konkurrenz zu Frankfurt stand und praktisch eine eigene Stadt war, waren die Häuser im Schnitt ziemlich klein zu denen auf der anderen Mainseite. Am niedlichsten waren die Häuser in Altsachsenhausen durch die wir unsere Räder bewegten, meist schiebend, denn hier waren die Straßen, passend zu den alten Häusern, noch alle mit Pflastersteinen versehen, worauf man sehr schlecht mit dem Fahrrad fahren konnte.

Nachdem wir die Altstadt hinter uns gelassen hatten, konnten wir schon den Henninger Turm sehen, der das höchste Gebäude in Frankfurt darstellte und dereinst ein Getreidesilo der Brauerei Henninger war. Diesen hatten wir schon mal mit unseren Elter und Oma und Opa besucht, waren sogar bis ganz oben auf der Aussichtsplattform gewesen. Das ist ganz schön hoch kann ich auch sagen, da bekommt man schnell Schwindelgefühle. Anschließend haben wir zusammen im Drehrestaurant Bockwürstchen und Florida Boy bekommen, was uns Kindern richtig gut gefallen hatte.

Als wir an der Strasse, die direkt zum Henninger Turm führt, angekommen waren, mußten wir wieder schieben, denn die Straße war einfach zu steil. Selbst mit meiner Dreigangschaltung wäre das sehr schwierig geworden. Doch ich konnte ja nicht einfach die anderen stehen lassen. Also hieß es wieder „schieben“…

Nachdem wir den Henninger Turm hinter uns gelassen hatten, hielten wir kurz an der Henninger Brauerei, wo einige Pferdekutschen standen, die große Pferdewagen mit Bierfässern zogen und wir Kinder freuten uns sehr, dass man uns erlaubte, einige der Tiere zu streicheln. Einer der Kutscher gab uns Zuckerwürfel, die wir den Pferden auf der flachen Hand hinhielten, die diese gierig wegfraßen und dabei unsere Handflächen ableckten, was fürchterlich kitzelte.

Schließlich ging es wieder leicht bergab und wir konnten schon den Stadtwald sehen. Als wir den Wald endlich erreicht hatten, waren wir schon ganz schön müde, aber im Wald waren die Wege sehr gut gepflastert und man konnte wunderbar radeln. Außerdem war es schön kühl und wir Kinder sangen einige Lieder und strampelten langsam in Richtung Goetheturm. Der Weg war auch toll mit Schildern ausgestattet und so mußten wir nicht mal in den Stadtplan schauen.

Endlich waren wir am Goetheturm angekommen und schoben unsere Räder in den Abstellplatz und schlossen alle vier mit unseren Schlössern zusammen. Da wir sehr durstig und auch hungrig waren, gingen wir zu dem Verkaufskios und bestellten uns Limo und Milky-Way, Mars und Bounty. Nachdem wir satt waren und die Flaschen abgegeben hatten und dafür das Pfandgeld zurück erhielten, waren wir so gestärkt, dass wir die vielen Treppen des Turm erstiegen und es so richtig spannend war dann von ganz oben auf den Stadtwald zu schauen.

Nachdem wir herabgestiegen waren und einige der Schaukeln und Karusselle ausprobiert hatten war es auch schon Zeit sich auf den Nachhauseweg zu machen. Wie schlossen unsere Räder auf und schauten uns zusammen im Stadtplan an, wie wir zurückfahren könnten, ohne den selben Weg wie hin zu nehmen. Wir versuchten uns den neuen Rückweg zu merken und radelten los. Als wir in den Weg einbogen, den wir noch nicht kannten, fiel uns auf, dass es ziemlich düster war, weil die Bäume hier wesentlich dichter standen als auf dem Hinweg.

Wir fuhren den Weg so lange entlang, bis wir auf einmal aus dem Wald heraus kamen und vor uns Felder waren mit irgendwelchem Bewuchs, den wir aber nicht kannten. Wir benutzen den Weg, der um den Wald herum führte und schließlich mußten wir uns eingestehen, dass wir uns verfahren hatten. Wir packten den Stadtplan aus und versuchten heraus zu finden, wo wir waren, aber das gelang uns irgendwie nicht.

So fuhren wir so lange um den Wald herum, bis es eine Abzweigung gab, die wieder in den Wald führte. Wir schauten uns an und beschlossen, diesen Weg zu versuchen. Irgendwie mußten wir ja zurück kommen. Als wir einige Meter zurückgelegt hatten, merkten wir, dass es inzwischen ziemlich dunkel geworden war. Wir fuhren daher etwas zügiger aber der Weg schien endlos und führte uns immer tiefer in den Wald, der inzwischen so dunkel war, dass wir unsere Lampen anschalteten.

Als wir irgendwann an einer Kreuzung ankamen, wußten wir nicht, welche Abzweigung wir nehmen sollten und so machte ich den Vorschlag, dass wir uns ja in zwei Gruppen aufteilen könnten, so dass wenigstens zwei von uns einen Rückweg fanden. Die anderen sahen mich entsetzt an und schüttelten nur den Kopf. So blieben wir also zusammen und auf dem Weg und ließen die Kreuzung hinter uns. Als dieser eine leichte Linkkurve machte, hielten wir an, denn in der Ferne sahen wir etwas im Düsteren am Wegesrand, das sich hin und her zu bewegen schien. So schoben wir vorsichtig unsere Räder darauf zu, doch plötzlich flatterte etwas ganz heftig von diesem Hindernis auf uns zu, so dass wir Kinder schreiend die Räder umdrehten und wie der Teufel zurückfuhren, bis wir atemlos wieder die Kreuzung erreicht hatten.

Mein Bruder Ralph war kreidebleich im Gesicht. Auch die beiden anderen Mädchen sahen nicht gerade glücklich aus. Und als Bärbel Ingrid fragte, ob das ein Waldgeist gewesen wäre, worauf diese nur ängstlich mit den Schultern zuckte, sah Ralph aus, als würde er gleich losheulen. Daher sagte ich zu ihnen: „Nein, Waldgeister gibt es nicht! Das waren bestimmt nur Vögel oder eine alte Plane, die im Wind flatterte!“

Wir einigten uns schließlich darauf, eine der Abzeigungen zu versuchen. Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden, so dass wir schon sehr viel Angst hatten und bei jedem Knacken oder anderen Geräuschen fast vom Fahrrad fielen. Endlich schien es in der Ferne ein Licht zu geben und wir fuhren schneller. Als wir jedoch eine riesige Gestalt vor das Licht in der Ferne treten sahen, so das diese Licht verdeckte wurde, stoppten wir. Die Gestalt war nicht richtig zu erkennen, wurde aber von dem Licht in der Ferne von hinten beleuchtet. Sie war riesig und bewegte sich nicht, stand einfach nur da, als würde sie mitten auf dem Weg auf uns warten. Die Gestalt machte uns so eine Angst, das wir beschlossen, zurück zur Kreuzung zu fahren und die andere Abzweigung, die wir bisher her noch nicht versucht hatten, zu benutzen.

Als wir wieder an der Kreuzung angekommen waren, meinte mein Bruder, dass er ganz sicher sei, das dies ein Riese oder riesiger Waldgeist gewesen sei. Ich war inzwischen ebenfalls so verunsichert, dass ich ihm darauf nichts erwiderte. Die beiden Mädchen schauten ebenfalls ziemlich besorgt aus und schwiegen. Wir nahmen daraufhin die letzte Möglichkeit an der Kreuzung. Wenn das auch wieder nichts wurde, dann mußten wir den gesamten Weg zurück zum Turm und dort das Telefon benutzen, denn unsere Eltern waren sicherlich schon besorgt, dass wir noch nicht zurück waren von unserer Fahrradtour.

Wir fuhren also die andere Abzweigung und irgendwann kamen zwei Männer in Regenmänteln auf uns zu, die Taschenlampen in den Händen hielten. Auf der einen Seite waren wir froh, endlich wieder andere Menschen zu treffen, auf der anderen Seite sahen die Männer ziemlich unheimlich aus. Und als uns der größere von den beiden fragte: „Na, Ihr Kleinen, was macht Ihr denn noch so spät im Wald?“, da zitterten wir alle am ganzen Körper, denn der Kleinere von den Beiden leckte sich die Lippen mit einer Zunge, die fast schwarz war und wir bekamen es fürchterlich mit der Angst zu tun und Ralph fing sogar zu weinen an. Da kramte der Kleinere etwas aus seiner Tasche und hielt es meinem Bruder hin. Es war eine Laktritzschnecke, deshalb hatte der Mann also so eine schwarze Zunge!

Nach dem mein Bruder die Schnecke angenommen und ein Stück davon in den Mund geschoben hatte, holte der Größere von den beiden ein schmutziges Taschentuch aus seiner Tasche und wischte Ralph die Tränen vom Gesicht. Schließlich erklärten wir den Männern, die sich als Waldarbeiter herausstellten, dass wir uns verfahren hatten. Die Männer zeigten in die Richtung in die wir fuhren und meinten, dass nach 2 Kilometern ein Autoparkplatz mit einem Kiosk und einer Telefonzelle auf uns warten würde. Wir bedankten uns und fuhren so schnell wir konnten bis wir endlich die Straßenlaternen des Parkplatzes sehen konnten.

Als wir uns am Kiosk ein heißes Würstchen und eine Tasse heißen Kakao teilten, beschlossen wir, unsere Eltern von der Telefonzelle aus anzurufen. Als wir die Mutter der beiden Mädchen am Telefon hatten, war diese total aufgeregt und ließ sich von uns die Adresse von dem Parkplatz geben, die wir vom Kioskbesitzer erfragt hatten. Bärbel und Ingrids Mutter sagte, dass auch unsere Mutter schon mehrfach bei ihr angefragt habe, ob sie was von uns gehört hätte. Schließlich bedeutete die Mutter der Mädchen uns, dort am Parkplatz auszuharren, da uns  Klaus, der Papa der beiden Mädchen, mit seinem Fordtransitbus abholen würde, in den wir alle samt Fahrräder reinpassen würden. Wir waren sehr froh das zu hören, so dass wir nicht noch im Dunkeln durch Frankfurt irren mußten…

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus110-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Seit 1980 erforscht Fred Hageneder mit Hingabe die Bäume und Archäologie. Fred ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume.

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