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Archiv für Januar 17th, 2012

MEIN ABEND MIT DAVID MARTÍN ODER WARUM ICH GERNE SEINE BIOGRAFIE LESEN WÜRDE – Rezensionsgeschichte von Martin Ott

Erstellt von Martin Ott am 17. Januar 2012

MEIN ABEND MIT DAVID MARTÍN

ODER

WARUM ICH GERNE SEINE BIOGRAFIE LESEN WÜRDE

Rezensionsgeschichte

von

Martin Ott

Vor kurzem bat mich eine Freundin, einen ihrer Bekannten zu empfangen. Ich müsse mir unbedingt die unglaubliche Geschichte seines Lebens anhören. Eigentlich war mein Terminkalender für dieses Jahr bereits geschlossen. Die letzten Tage des Jahres wollte ich entspannen und mir kein weiteres Mal “Wenn sie das hören, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war” antun. Zu oft waren mir irgendwelche Leute als weltbeste Erzähler empfohlen worden. Doch ihr Vortrag hatte die Anmut eines Fachreferates. Schließlich gab ich dem Drängen der Freundin nach. Ich kannte ihren kritischen Umgang mit neuen Geschichten. Sie würde mir schon nicht irgendwen ins Haus schicken.

Zwei Tage später, am Abend des Fünfundzwanzigsten, stand im gelben Licht der Straßenlaterne ein junger Mann von vielleicht dreißig Jahren vor der Tür. Er nannte den Namen unserer Freundin und stellte sich selbst als David Martín vor. Und als ob er sich für sein Aussehen entschuldigen wollte, bestand er noch auf der Türschwelle auf der Tatsache, 45 Jahre alt zu sein. Dass er in den letzten 15 Jahren nicht gealtert sei, hinge mit seiner Lebensgeschichte zusammen. Er stamme aus Barcelona und hätte viele Jahre vom Schreiben einer Romanserie gelebt. Ich bat ihn in meine bescheidene Bibliothek, wo die eicherne Standuhr gerade ihre 20 Schläge tat und öffnete eine Flasche Gran Reserva.

Ohne Umschweife begann Don Martín, von seiner Zeit als 17-jähriger Nachrichtenredakteur zu erzählen. Sein damaliger Vorgesetzter war der Ansicht, verschwenderisch gebrauchte Adjektive und Adverbien seien etwas für Perverse. Von blumiger Prosa befallene Redakteure wurden mit mehrwöchigem Verfassen von Todesanzeigen kuriert. Sein Name war Don Basilio Moragas. Wer denkt hier nicht an Basilisken und deren mordenden Blick? Basilio erkannte, dass der junge David zu anderem als Journalismus berufen schien, und förderte ihn wohlwollend. So erhielt er für eine Romanserie einen langfristigen Vertrag, dessen Inhalt dem charakteristischen Aussehen der dubiosen Verleger in nichts nach stand. Er mietete sich in ein verrufenes Haus ein, das seit langem verlassen war, und schrieb viele Jahre Tag und Nacht, um den Vertrag zu erfüllen.

Später, im Alter von 28 Jahren hatte sich sein Pseudonym einen Namen im Blätterwald der Kioske gemacht. Da erhielt Martín von einem anderen Verleger das Angebot, ein Buch zu schreiben, mit dem sich eine neue Religion begründen ließe. Ein Schwerpunkt war dabei das Wir-Gefühl der Auserwählten, welches letztlich nur durch ein Feindbild erreicht werden könne, in dem alles Unreine der eigenen Gruppe in eine andere Gruppe hinein projiziert würde. Die Arbeit daran konnte er aber erst aufnehmen, nachdem sich seine bisherigen Verleger auf mörderische Weise veranlasst sahen, ihn aus dem Knebelvertrag zu entlassen. Regelmäßig traf er den neuen Auftraggeber, um den Fortgang der Arbeit zu besprechen. Martín schilderte diese Dialoge derart lebendig, dass ich mich schon an der Diskussion beteiligen wollte und ganz in Gedanken ein drittes Glas bereitstellte. Doch der Patron, wie Martín ihn nannte, nuckelte ständig an Zuckerstückchen, wie ein Drei-Groschen-Detektiv an seinem Zigarrenstummel, und würdigte mich keines Blickes.

Ganz anders Don Martín. Gelegentlich unterbrach er seinen Bericht, um mir an passender Stelle ergänzende Einblicke in seine Kindheit zu gewähren oder zum Glas zu greifen. Dabei gestattete er mir Fragen zum Handwerk eines Schriftstellers. Hatte ich mir doch an der Umsetzung eigener Ideen schon die Zähne ausgebissen und dadurch meinen beruflichen Weg in zweifelhafter Richtung beeinflusst.

Einigen Fragen entgegnete er meisterhaft durch erzählerische oder szenische Formulierungen. Manche Geschehnisse könne man aber auch einfach nicht besser darstellen, so sagte er, als sie getreu zu berichten: der Patron zum Beispiel erschien zu ihren Treffen wechselnd in komplett weißer wie auch in komplett schwarzer Kleidung. Und im Laufe der Erzählung fügten sich manche der von Martín zusammenhanglos eingestreuten Oberflächlichkeiten wie von selbst zusammen. Dabei erreichten sie eine Tiefe, in der sie dem Grauen in meinem Innersten in die engelsgleichen Augen schauten.

Doch waren die Berichte von David Martín in süffiger Atmosphäre auch noch so spannend, in vielen seiner Beschreibungen war die Anzahl plakativer nichtssagender Adjektive scheinbar größer als die Anzahl der Nomen. So konnte ich seine Haupt- und Nebenfrau nur mit Mühe anhand des Alters unterscheiden. In meiner Erinnerung blieben sie beide flach. Und so wunderte es mich auch nicht wirklich, als er von einer Begegnung mit weniger wohlwollenden Kritikern erzählte. Bei einem Überfall ritzten sie ihm ihre Meinung mit einem schmutzigen Messer in die Brust.

Nach dem dritten Glas Tempranillo waren wir zum vertrauten Du übergegangen. Da öffnete er sein Hemd, um mir die Narben jenes Vorfalles zu zeigen. Davids Stern war deutlich zu sehen.

In dem einen Jahr seiner Auftragsarbeit für den Patron kam es zu mehreren ebenso mysteriösen wie grausamen Todesfällen. Und fast wäre dabei nicht nur das Werk, sondern auch David selbst im biblischen Alter von 30 Jahren vollendet worden. Das monumentale Grabmal war bereits fertig gestellt und sein Todesjahr eingemeißelt.

Ein Polizeiinspektor versuchte ihm nachzuweisen, der Patron sei reine Einbildung und David selbst sei für die Todesfälle verantwortlich. Schließlich floh er nach Frankreich und lebte von der Summe, die für den Abschluss des Auftragsbuches vereinbart worden war.

Als die Bibliotheksuhr zur 23.Stunde schlug, hatte ich den Eindruck, viel länger mit meinem Freund David zusammengesessen zu haben. Wir verabschiedeten uns herzlich und er überreichte mir seine Memoiren als Manuskript. Da erlaubte ich mir noch eine Frage zur Schwierigkeit, die richtigen Bücher zu finden. Das Problem war ihm bekannt und er versicherte mir aus eigener Erfahrung, es sei nicht der Leser, der ein Buch aussucht, sondern das Buch wähle sich seinen Leser aus.

Am nächsten Morgen köpfte ich mit stählerner Klinge ein rohes Ei, um den Kater gütig zu stimmen, als sich die Freundin sorgenvoll meldete. Warum ich gestern nichts von mir hätte hören lassen? Sie behauptete steif und fest, David hätte bereits vorgestern kommen sollen und sie konnte mich gestern den ganzen Tag nicht erreichen. Mit ungläubigem Blick starrte ich auf die Datumsanzeige der Bibliotheksuhr. Hatte ich hier mit David nicht drei, sondern siebenundzwanzig Stunden verbracht? Ich dankte ihr für den interessanten Gast und versicherte, dass alles in Ordnung war. Ich wüsste nur einfach nicht, wo meine Zeit geblieben sei.

Nachdem ich das Manuskript in den letzten Tagen noch manches Mal in die Hand genommen habe, stehe ich weiter unter dem Eindruck seiner fesselnden Erzählkunst. Das Werk trägt den Titel “Das Spiel des Engels” und als Pseudonym hat sich David den Namen Carlos Ruiz Zafón überlegt.  Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Ich habe wieder Spaß daran, mir Geschichten anzuhören. Und hat David doch einiges über die Inhalte seiner Schauerromane erzählt, halte ich nun mit seinen Memoiren das authentische Zeugnis seiner Meisterschaft in Händen: seine Autobiographie, abgefasst als grauenhaften Schundroman. Ob ich das Manuskript doch noch irgendwann lese? Ich denke, ich werde es nach den Feiertagen einem meiner Lektoren geben. Der Zafón könnte in unsere Sparte “Meister-Biographien” passen.

Aktennotiz des Lektors: »Das Spiel des Engels« von Carlos Ruiz Zafón ist bereits im Fischer-Verlag erschienen.

-Ende-

Copyright © 2011 by Martin Ott

Buchtipp des Autors:

Ruiz Zafón, Carlos
Das Spiel des Engels

Roman

Übersetzt von Schwaar, Peter
Verlag :      Fischer Taschenbuch
ISBN :      978-3-596-51181-5
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 13,40 Eur[A] / 20,50 CHF UVP
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 19.01.2011
Seiten/Umfang :      ca. 720 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 08.06.2011
Aus der Reihe :      Fischer Taschenbibliothek 51181

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›Das Spiel des Engels‹ erklomm Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und behauptete sich über 40 Wochen lang auf der Liste!

Barcelona in den turbulenten Jahren vor dem Bürgerkrieg: Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät – und in welchen Strudel furchterregender Ereignisse …

Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Carlos Ruiz Zafón wieder auf den Friedhof der Vergessenen Bücher: mitten hinein in einen Kosmos voller Spannung und Fantastik, Freundschaft und Liebe, Schrecken und Intrige. In eine Welt, die vom diabolischen Wunsch nach ewiger Schönheit regiert wird.

Carlos Ruiz Zafón wurde am 25. September 1964 in Barcelona geboren und besuchte dort die Jesuitenschule Sarri…. Beruflich war er später zunächst in einer Werbeagentur tätig. 1993 erhielt der damals 29-Jährige für seinen ersten Roman einen Jugendliteraturpreis. Seit 1994 lebt er in Los Angeles, arbeitet als Drehbuchautor und schreibt für die spanischen Tageszeitungen El Pa¡s und La Vanguardia.

Peter Schwaar wurde 1947 in Zürich geboren, Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Redakteur beim Zürcher Tages-Anzeiger, seit 1987 freier Journalist und Übersetzer. Er lebt in Barcelona.

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Provokateur und Mythos: Muhammad Ali wird 70! * KAUFTIPP DER REDAKTION: Hoepker, Thomas: Champ. Muhammad Ali.

Erstellt von Detlef Hedderich am 17. Januar 2012

PRESSEMELDUNG (ZITAT): “http://de.eurosport.yahoo.com – Der einstmals so stählerne Körper gebeugt, der Gang nur noch schlurfend, die zittrigen Arme gestützt von Frau und Tochter, die Stimme nicht mehr vernehmbar: Es schmerzt, es tut weh, Muhammad Ali leiden zu sehen. Man möchte ihm helfen und weiß doch, dass das nicht möglich ist. (…)”

Quellenangabe zur Veröffentlichung (gesamte Pressemeldung) hier klicken!

Wie denken denn unserer Leser über dieses Thema? Wir freuen uns über jeden Eintrag in unseren Kommentaren! Wer seine Meinung hier abgibt erhöht ausserdem seine Chancen bei einem möglichen Preisrätsel zu diesem Titel!

BESTELLTIPP DER REDAKTION (ZUM BESTELLEN EINFACH AUF DAS COVER KLICKEN!):

Hoepker, Thomas
Champ

Muhammad Ali

Vorwort von Hoepker, Thomas
Verlag :      peperoni books
ISBN :      978-3-941825-33-8
Einband :      Halbleinen
Preisinfo :      36,00 Eur[D] / 37,10 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 12.12.2011
Seiten/Umfang :      ca. 96 S. – 28,0 x 24,0 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.01.2012

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Ali war und ist der Größte. Ein großer Sportler, ein kontroverser Querdenker, der mit seinem Auftreten im Ring und in der Öffentlichkeit die Menschen begeistert aber auch vor den Kopf gestoßen hat. Eine polarisierende Persönlichkeit, unvergessen bis heute.

Thomas Hoepker, Mitglied von MAGNUM Photos, hatte Gelegenheit, Cassius Clay alias Muhammad Ali gut kennenzulernen und Bilder von ihm zu machen – 1960 als er eine Goldmedallie auf der Olympiade in Rom gewann, 1966, als Ali bereits Weltmeister im Schwergewicht war, 1970, als er nach einer mehrjährigen erzwungenen Ringpause seine Karriere neu startete und sich auf den “Kampf des Jahrhunderts” gegen Joe Frazier vorbereitet und viel später, schon gezeichnet von der Parkinsonschen Krankheit. Einige der Bilder sind um die Welt gegangen und zu Ikonen geworden. Sie wurden weltweit in bedeutenden Museen gezeigt und sind bei Sammlern begehrt.

Viele Aufnahmen aus diesem Band sind aber bisher unveröffentlicht. Sie zeigen Ali in privaten Momenten und bei öffentlichen Auftritten, außerhalb des Rings, zu Besuch in seiner Heimatstadt, im Gespräch mit Kindern und jungen Leuten, beim Flirt mit einer schönen Bäckertochter, die später seine Frau werden sollte, am Filmset beim Dreh von “The Dirty Dozen”, im Trainingslager und zu Hause.”Champ” ist keine Biographie. Das Buch zeigt spannende Ausschnitte aus einem höchst ungewöhnlichen Leben.

Zusammen mit Alis vollmundigen aber immer auch tiefsinnigen und originellen Sprüchen entwickelt sich das Bild einer ebenso faszinierenden wie widersprüchlichen Persönlichkeit. Ganz nebenbei erfahren wir dabei noch einiges über den seinerzeit allgegenwärtigen Rassismus in den USA und die Rolle des Islam bei der Überwindung der Rassentrennung.”Allah is The Greatest. Im just the greatest boxer” Auch das war Muhammad Ali.

Thomas Hoepker zählt zu den international bekanntesten und renommiertesten Fotografen. Seit 1959 erschienen seine Bildreportagen zunächst regelmäßig in der “Münchner Illustrierten” und in der Illustrierten “Kristall”, später arbeitete er als Fotograf und Art Director für den “Stern”, bis er 1989 Mitglied der Fotoagentur “Magnum” wurde, deren Vorsitz er von 2003 bis 2006 führte. Seine Fotografien wurden in zahlreichen Büchern veröffentlicht und weltweit in Galerien und Museen ausgestellt. Heute lebt Thomas Hoepker als freier Fotograf in New York und Berlin.

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