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Archiv für Januar 13th, 2012

Brigitte Pons – interviewt von Iris Gasper

Erstellt von Galaxykarl am 13. Januar 2012

Interview mit Brigitte Pons

sfbasar: Liebe Brigitte Pons, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Zum Einstieg würde es mich interessieren zu erfahren wie du überhaupt zum Schreiben gekommen bist und welche Hürden zu überwinden waren um einen Verlag für eine Veröffentlichung zu finden.
Brigitte Pons: Zum Schreiben kam ich durch meine Einschulung (lächelt) oder zumindest nicht lange danach. Meine Phantasie war schon immer mächtig, ich las was ich kriegen konnte und ich liebte Schreibaufgaben in der Schule. Aufsätze, Referate – das war mein Ding! Auch damals hat mich oft die Recherche begeistert.  Eine Zeit lang schrieb ich Gedichte – es gruselt mich heute noch, wenn ich eines davon wieder finde. Mein Talent liegt offenkundig nicht im Bereich der Lyrik (lächelt) und glücklicherweise habe ich den Versuch auch weitgehend beendet. Mein Traum war immer der eigene Roman. Einige Jahre trat, durch das ganz normale Leben, der Wunsch zu Schreiben in den Hintergrund. Dann entdeckte ich ein angefangenes Manuskript im Schrank und mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte endlich etwas zu Ende bringen. Die Verlage haben darüber nicht mal gelacht, die meistens gar nicht erst geantwortet. Genau wie bei meinem zweiten Projekt, einem Entwicklungsroman mit über siebenhundert Seiten. Ich lernte. Wie man Niederlagen einsteckt, wie man Exposés schreibt und Kurzgeschichten. In der Hoffnung, mir auf diesem Sektor ein bisschen „Ruhm“ erarbeiten zu können, stürzte ich mich an die Kurzform. Ich, die ich nie etwas anderes als megadicke Wälzer produzieren wollte! Aber in gewisser Weise hat es funktioniert. Durch die „Kurzen“ kamen die ersten Lesungen und Veröffentlichungen, ich verfeinerte meinen Stil und übte mich im weglassen überflüssiger Worte. Parallel dazu entstand „Ich bin ein Mörder“. Und dann ging das Absagensammeln weiter. Der Markt ist hart, die Verlage setzen auf Bewährtes. Nach einem Jahr gab ich auf, um nach einem weiteren Jahr, nach dem Hinweis, dass der Sutton-Verlag tatsächlich Krimi-Manuskripte von „No-Names“ sucht, einen letzten Anlauf zu starten. Und ich wurde belohnt. Die Hürden waren also vielfältig. Nichts geht ohne lern- und leidensfähig zu sein, ohne Geduld, Hartnäckigkeit und ein gerüttelt Maß an Starrsinn.

sfbasar: Bei deinem Debütroman „Ich bin ein Mörder“ handelt es sich um einen Kriminalroman. Ist dies das Genre in welchem wir zukünftig noch mehr Bücher von dir erwarten dürfen oder bist du da völlig offen?
Brigitte Pons: Obwohl ich ein friedfertiger Mensch bin, schaffe ich es nur selten beim Schreiben ohne Leichen auszukommen. Die nächsten Projekte sind also ebenfalls Kriminalromane. Wobei ich mich eigentlich gar nicht so gerne auf ein Genre festlegen lasse. Nur leider fordern Verlage, Buchhändler, oder sagen wir das, was man allgemein den „Markt“ nennt, genau das: eine eindeutige Zuordnung in eine Genreschublade. Bei Kurzgeschichten ist es leichter die Grenzen zu sprengen, aber Kurzgeschichten an sich sind ja sowieso eher „Nischenprodukte“.
Insgesamt gesehen halte ich es, was Prognosen betrifft, mit James Bond: „Sag niemals nie.“ Oder auch mit Tobias Stockmann, der mal sagte: „Deine Zukunft ist noch offen.“

sfbasar: Im Buch geht es um einen Schriftsteller, der von sich behauptet selbst ein Mörder zu sein und die Taten, die er in seinen Büchern beschreibt, selbst begangen zu haben. Wie kommt man auf eine solche Idee und steckt auch etwas von dir selbst in deinem Protagonisten Tobias Stockmann?
Brigitte Pons: Meistens kann ich gar nicht so genau sagen, woher eine Idee kommt. In diesem Fall ist das etwas anders. Da kamen einige Faktoren zusammen. Der erste Ansatz war die Frage, ob ich aus der Sicht eines Mörders schreiben könnte. Wie weit ich in der Lage wäre, mich in seine Denkweise hineinzuversetzen. Dann folgte die Überlegung, wieso jemand überhaupt zum Mörder wird. Ich hätte mich ganz sicher nicht auf jeden Mörder in dieser Form einlassen können. Ursprünglich war es nämlich meine Absicht, tatsächlich den ganzen Roman aus seiner Sicht zu schreiben. Rückblickend stimmt mich das schon fast bedenklich, für welche Art Mörder ich mich entschieden habe. Vielleicht sagt das mehr über mich aus, als mir lieb sein kann. Wer weiß? Ich habe definitiv ein Faible für Menschen mit außergewöhnlichen und vielleicht verqueren Denkmustern und eben auch für Autoren (die Schnittmengen sind beachtlich). Daher war der Gedanke einen Autor zum möglichen Mörder zu machen nahe liegend und die Verarbeitung der Morde im Roman auch. Genau genommen ist es ja noch komplizierter – doppelt verschachtelt. Denn Tobias Stockmann sagt nie von sich, dass er ein Mörder ist! Es ist nur der Mörder in seinem Roman, der als Schriftsteller über seine Morde schreibt … Wir haben es hier also noch mit einer zusätzlichen Ebene zu tun. Manchmal wird mir selbst schwindelig, wenn ich drüber nachdenke.
Die Frage „Wie viel vom Autor steckt im Buch“ hat sich sicher fast jeder Leser schon mal gestellt. Ich habe sie hier nur auf die Spitze getrieben.
Wenn ich zum zweiten Teil der Frage Tobias Stockmann zitieren darf, dann mit folgender Aussage: „Ja, es verbindet mich vieles mit meinem Mörder. […] Ein Schriftsteller gibt immer einen Teil seiner selbst, wenn er schreibt.“
Auch wenn man sich große Mühe gibt eigenständige Figuren zu erschaffen, kann man es kaum vermeiden, sich selbst mit einzubringen. Wobei nicht jede Person in gleichem Maße „Autoren-Ego“ enthält – und dieses witzigerweise oft an Stellen vermutet wird, wo es nicht zu finden ist. Ich gebe zu, dass viele der doch streitbaren Überlegungen Tobias Stockmanns mich selbst faszinieren und ich mich regelrecht in einen Rausch formuliert habe. Dennoch ist es nicht meine persönliche Überzeugung, die hinter seinen Worten steckt. Unsere sehr intime Verbindung erklärt sich in der Frage zu Friedrich Dürrenmatt.

sfbasar: Friedrich Dürrenmatt spielt eine große Rolle in deiner Geschichte. Hast du eine besondere Beziehung zu diesem Schriftsteller?
Brigitte Pons: Allerdings. Auch hier könnte ich Tobias zitieren. Denn tatsächlich ist Dürrenmatt die engste Verbindung zwischen ihm und mir. Im Jahr 1986 legte ich meine mündliche Abiturprüfung im Fach Deutsch über das Werk Friedrich Dürrenmatts ab – genau wie er. Ein Vergleich der Romane „Der Richter und sein Henker“ und „Der Verdacht“. Eine Lektüre mit Spätfolgen, wie man sieht. Ich mochte die Bücher nicht wirklich, habe sie in meinem Kopf als schwarz-weiß Film gesehen (was mich wiederum mit Mischa verbindet), aber die Hintergedanken, die Kunstkniffe, die Frage nach dem „perfekten Verbrechen“, der Gedanke des Nihilismus haben mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Bis heute. Meine Deutschlehrerin fand diese Entwicklung im Übrigen höchst amüsant. Ich habe mich rund zwanzig Jahre nach dem Abitur auf die Suche nach ihr gemacht, als ich den Vertrag für das Buch in der Tasche hatte. Sie hat es gelesen – und sie redet immer noch mit mir.

sfbasar: „Ich bin ein Mörder“ ist ja in gewisser Weise auch ein Regionalkrimi. Er spielt in Frankfurt und wer sich dort auskennt oder dort lebt, wird sicherlich viele Ecken im Buch wieder entdecken. Wie regional empfindest du persönlich deinen Krimi?
Brigitte Pons: Prinzipiell bin ich kein hundertprozentiger Freund von Regio-Krimis und eigentlich bin ich mit der Einordnung meines Buches in diese Sparte auch nicht ganz glücklich. Natürlich steckt viel Frankfurt im Buch und ja, es gibt Ecken mit Wiedererkennungseffekt – aber das halte ich für normal bei jeder Geschichte, die in einer realen Stadt angesiedelt ist. Ein paar kleine „Insider“-Hinweise sind natürlich zu finden. Aber ich habe versucht die Balance zu halten und nur dann stärker auf die Umgebung einzugehen, wenn es sich aus dem Kontext ergibt und nicht „auf-Teufel-komm-raus“ Stadthistorie und Besichtigungstouren einzubauen. Das sind Passagen, die ich selbst als Leser schon mal gerne überspringe. Meine persönliche Nähe zu Frankfurt war ausschlaggebend dafür, die Geschichte dort anzusiedeln, weil es die Recherche einfach macht. Die besondere bauliche Konstellation mit den Brücken über den Main, den passenden Reviergrenzen und die Verbindung der Stadt zu Goethe haben mich inspiriert und den Roman geprägt. Wäre eine andere Stadt Ausgangspunkt gewesen – wer weiß, wie meine Figuren sich dann verhalten hätten?

sfbasar: Du bist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern. Was habe ich mir als Leser unter diesem Netzwerk vorzustellen und wie hilft dir deine Mitgliedschaft dort beim Schreiben?
Brigitte Pons: Die „Mörderischen Schwestern“ sind sehr unterschiedliche Menschen, die mindestens zwei Dinge verbinden: Sie sind weiblich und sie lieben Krimis! Und genau darum geht es: Um die Förderung des deutschsprachigen – von Frauen geschriebenen – Krimis. Was trocken klingt, aber nicht ist. Das Netzwerk bietet den Austausch zwischen Fachleute und Laien, Anfängern und Fortgeschrittenen, Autoren, Lesern, Buchhändlern, Verlegern, Ärzten, Juristen, Psychologen … die sich unabhängig machen von der allgemeinen Ellbogenmentalität und sich gegenseitig unterstützen. Sei es bei der Recherche, bei der Verlagssuche oder der Fortbildung. Wir geben einander Tipps zu Ausschreibungen, informieren über rechtliche Belange, veranstalten gemeinsam Lesungen, Seminare und schaffen gemeinsam mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Autorinnen und ihre Krimis. Und nicht zuletzt: Wir geben Halt bei Niederlagen und freuen uns miteinander über Erfolge!
„Ich bin ein Mörder“ ist noch vor meiner Zeit als Schwester entstanden, aber für ein neues Projekt habe ich mir Unterstützung geholt. Einige Schwestern haben eine aktuelle Romanrohfassung gegengelesen und mir wichtige Hinweise gegeben.

sfbasar: Wie gehst du vor, wenn du schreibst? Steht schon zu Beginn ein grobes Konzept fest oder schreibst du einfach drauf los?
Brigitte Pons: Das kann ich nicht so ohne weiteres eindeutig beantworten. Zu Anfang schrieb ich, nun ja, sagen wir mal freestyle (lächelt). Die Ideen kullerten aus meinem Kopf und ich textete wild drauflos – eine Szene vom Anfang, eine vom Ende, ein bisschen für den Mittelteil – bis mir die Puste ausging. Dann fing ich an zu sortieren. Natürlich hatte ich eine grobe, große Idee – aber die war eher vage irgendwo in meinem Bauch angesiedelt. Und nun musste ich die vielen Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.
Seit einiger Zeit versuche ich mich soweit selbst zu disziplinieren, dass ich in dem Moment, wenn die Ideen sprudeln, das Gesamtkonstrukt dahinter in Worte zu fassen versuche. Das ist manchmal sehr mühsam, weil ja der Schreibtrieb etwas ganz anderes von mir will. Aber es hilft später sehr bei der Umsetzung, damit man den berühmten „roten Faden“ nicht verliert.
Noch schlimmer ist es, seit ich einen Agenten habe, der jede Idee am liebsten sofort als Exposé und mit detaillierter Kapitelbeschreibung von mir haben will. Fertig durchdacht mit allen Kehrtwendungen und Verstrickungen. Ein bisschen ist das wie Folter – aber ich bin ihm wirklich auch dankbar dafür – schließlich lenkt er so mein kreatives Schreibchaos in einigermaßen geregelte Bahnen.

sfbasar: Hast du schon ein neues Buchprojekt in Planung oder Vorbereitung und darf der Leser mit einer Fortsetzung von „Ich bin ein Mörder“ rechnen?
Brigitte Pons: Nach dem Buch ist vor dem Buch! Wenn ich ehrlich bin, könnte es sofort weitergehen mit der nächsten Veröffentlichung. Ein Krimi ist zur Begutachtung unterwegs in der Verlagswelt, einer zur Hälfte fertig, ein Konzept geschrieben und nebenbei ist als skurriler Selbstversuch (In-achtzig-Tagen-zum-Manuskript) ein schräger Frauenroman entstanden, der auf seinen großen Tag wartet. Und der dicke Entwicklungsroman aus meinen Anfängen, will auch noch irgendwann an die Öffentlichkeit.
Ob es einen weiteren Roman mit den Protagonisten aus „Ich bin ein Mörder“ geben wird, weiß ich noch nicht. Die Story müsste mich schon mit Macht überfallen und ein Kracher sein. Einen müden zweiten Aufguss wird es nicht geben, dass will ich niemandem zumuten. Weder mir, noch den Lesern – oder meinen Figuren, dazu liebe ich sie viel zu sehr.

sfbasar: Zum Abschluss möchte ich dich bitten, die folgenden Satzanfänge zu ergänzen:

Buchstaben sind … ungeschriebene Worte.
Worte sind … ungeschriebene Geschichten
Bücher sind … im besten Fall Freunde, die uns bewegen und lange begleiten.

Copyright © 2012 by Brigitte Pons und Iris Gasper

Rezension des Buches auf www.buchrezicenter.de

http://buchrezicenter.filmbesprechungen.de/genres/krimi/ich-bin-ein-morder/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Weitere Infos über: www.facebook.com/BrigittePons.Autorenseite
Kontakt: brigittepons@web.de

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