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STERNENBRAUT LOVISA UND DER PLANET DER UNSTERBLICHEN – KAPITEL 3 – Eine Science-Fiction Erzählung von Miriam Kleve (sfb-Preisträger Platz 2 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Miriam Kleve am 31. Januar 2012

STERNENBRAUT LOVISA

UND

DER PLANET DER UNSTERBLICHEN

KAPITEL 3

Science-Fiction Erzählung
von
Miriam Kleve

Lovisa starrte angestrengt aus dem Panoramafenster der SKUNKALLA. Sie hielt das Steuerrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Bernard saß abseits an dem großen Sensorbildschirm und beobachtete kleine Objekte, die planlos durch den Weltraum trieben. Kleine Felsen, Bauteile von Handelsfrachtern, sogar die ausgebrannte Hülle eines Kriegsschiffs waren zu sehen.

Schweiß stand auf Lovisas Stirn. Sie konzentrierte sich vollständig auf das Manöver und wich im letzten Augenblick einer riesigen, frei in der Schwerelosigkeit schwebenden Statue eines Elefanten aus.

“Von Steuerbord kommt ein weiteres Objekt auf uns zu.”, meldete Bernard. “Es sieht aus wie …” Bernard stockte kurz und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. “Es sieht aus wie eine Kutsche.”

Lovisa reagierte sofort und schob das Steuerrad nach vorne, um unter dem Objekt hinwegzutauchen. Kurz erhaschte sie einen Blick auf das Objekt. “Ein Auto.”, murmelte sie und drehte dann das Steuerrad mit einem heftigen Schwung nach links. Die SKUNKALLA vollführte beinahe eine Rolle, doch Dank der Trägheitsdämpfer und der künstlichen Schwerkraft war davon im Inneren des Raumschiffs nichts zu spüren.

Morle huschte über einen der Monitore. “Mein Scan zeigt das Ende des Trümmerfeld an. Die ANDORRA sollte gleich vor uns auftauchen.”

Tatsächlich, da war sie, die Raumstation ANDORRA. Lovisas Pappa hatte die Station manchmal kurz erwähnt, sie aber nie zum Gespräch gemacht. Auch die Datenbank der SKUNKALLA enthielt nur spärliche Informationen, die zudem auch veraltet waren. Lovisa und Bernard wussten nur, dass es eine alte Handelsstation des Kaiserreichs war, die vor dreißig Jahren ein Privatmann kaufte und vor dem Verfall rettete.

Die ANDORRA lag am Rande des Kaiserreichs und hatte innerhalb des Handelskartells keine große Bedeutung. Pappa hatte einmal gesagt, dass sich niemand um ANDORRA scheren würde, denn dort würde nur Dreck gehandelt. Erst viel später verstand Lovisa, dass mit dem Wort “Dreck” kein Erdreich gemeint war. Sie lächelte traurig bei dem Gedanken daran. Damals war der Weltraum noch in Ordnung gewesen.

“Vorsicht!”

Bernards Stimme riss Lovisa aus ihren Erinnerungen. Erschrocken sah sie einen großen Felsbrocken auf das Panoramafenster zufliegen und zog am Steuerrad. Die SKUNKALLA zog die Nase hoch, aber zu spät. Ein metallisches, reißendes Geräusch drang durchs Schiff und ließ alle Erschauern. Lovisa bekam ganz weiche Knie und glaubt kurz, sie müsse sich setzen. Doch das Aufleuchten der Notbeleuchtung blieb aus.

Stattdessen gab Morle Entwarnung. “Ein breiter Riss in der Außenhülle. Die interne Struktur ist intakt. Kein Verlust von Sauerstoff. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Ich empfehle eine Reparatur beim nächsten Halt.” Die künstliche Katze wechselte den Bildschirm und tauchte nun auf Bernards Sensorbildschirm auf. Mit einer ihrer virtuellen Tatzen schnappte sie nach dem Symbol des Felsen, der nun hinter der SKUNKALLA wegtrudelte. Es hatte keine Auswirkung und schmollend zog sich Morle wieder auf ihren eigenen Bildschirm zurück. “Ich empfehle auch den Kauf eines Korbs mit virtuellen Wollknäueln.”

Lovisa lächelte erleichtert. Der Schaden war geringer als sie zuerst dachte. “Falls es virtuelle Wolle gibt, bringe ich dir etwas mit.” Inmitten der Dunkelheit des Weltraums tauchte plötzlich die Raumstation auf. Sie hatten das Trümmerfeld durchflogen, dass die ANDORRA umgab. Endlich.

Die Station war im Vergleich zur SKUNKALLA riesig und ihre zehn Andockpylone ragten in den Weltraum hinaus. Die ANDORRA hatte eine Sternenform, wie Lovisa feststellte. Und sie war gut besucht. Sechs kleine Frachter und Kurierschiffe hatten angedockt. Aber kein einziges großes Schiff. Zudem waren fast alle Raumschiffe in einem schäbigen Zustand und zeigten keinerlei Markierung, von der aus auf die Herkunft oder Zugehörigkeit des Raumschiffs geschlossen werden konnte.

Auch die Station war in einem schlechten Zustand. Die meisten der Positionslichter waren tot oder flackerten wild umher. Einige der Pylone waren zerstört und somit unbrauchbar. Obwohl so viele Schiffe angedockt waren, schien kein Betrieb zu herrschen. Die ANDORRA machte einen gespenstischen Eindruck auf Lovisa. Sie blickte kurz zu Bernard hinüber, doch der Vampyrjunge wirkte mehr neugierig als verängstigt. Das machte auch Lovisa Mut.

Normalerweise nahmen die Stationen Kontakt zu sich annähernden Schiffen auf. Doch die Kommunikation blieb still. Also ergriff Lovisa die Initiative und aktivierte das Kommunikationsterminal. Es rauschte und knackte, dann meldete sich eine verschlafene Männerstimme. Der Kommunikationsbildschirm blieb leer. “Hier ANDORRA? Wer da?”

“Raumhändler SKUNKALLA. Ich übertrage ihnen unsere Daten und …”

Ein wildes Lachen knallte aus den Lautsprechern. “Schätzchen, spar dir das. Hier empfängt eh keiner eure Daten. Ich will nur wissen wer du bist. Hier legen nur Leute an die uns kennen oder die eine Empfehlung haben.”

Lovisa blickte ratlos zu Bernard. Der zuckte nur mit den Schultern. “Vielleicht solltest du Slim Jorgenson erwähnen?” Kaum hatte Bernard den Namen ausgesprochen, da fauchte Morle laut. „Achtung, negativer Eintrag in der Datenbank. Die SKUNKKALLA erzwingt bei Nennung des Namens Slim eine Warnmeldung. Achtung. Laut Datenbank ist Slim Jorgenson ein unzuverlässiger Trinker.“

“Morle, Negativeintrag über Slim löschen.” Das virtuelle Kätzchen mauzte schmollend, war dann aber ruhig.

“Slim? Slim Jorgenson?” kam es über die Lautsprecher und nun flackerte auch der Kommunikationsbildschirm auf. Das Bild rauschte zwar stark, blieb aber stabil. Ein dicker Mann war zu sehen, der in einem kleinen Büro saß. Er trug nur ein verschwitztes Unterhemd und kurze Hosen. Er grinste breit und entblößte dabei mehrere Zahnlücken. Ein großer goldener Nasenring wippte dabei auf und ab. “Sag das doch gleich, Schätzchen. Freunde von Slim sind auch meine Freunde. Folgt einfach dem Leitstrahl.” Das Bild erlosch.

“Freunde muss man haben.”, sagte Lovisa glücklich und begann mit dem Andockmanöver. Mit ruhiger Hand steuerte sie die SKUNKALLA auf den zugewiesenen Andockpylonen zu. Dabei kamen sie nahe an einigen der anderen Schiffe vorbei. Lovisa seufzte. Im Grunde passte die SKUNKALLA hierhin. Auch sie hatte überall Kratzer und Schrammen. Hoffentlich konnte Slim weiterhelfen.

Das Andockmanöver verlief problemlos und Lovisa war stolz auf sich. Aufgeregt schnappte sie sich ihren Säbel und rückte die Augenklappe zurecht. Sie wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Bernard lächelte und schritt hinter ihr her zur Luftschleuse. “Du siehst gut aus, Lovisa. Diese Entschlossenheit passt zu dir.”

Lovisa lächelte und hoffte, dass Bernard ihre roten Ohren übersehen würde. Immerhin waren die gut unter Haaren und Hut versteckt. Aber einem Vampyr traute Lovisa derzeit alles zu. Auch, dass er rote Ohren bemerkte. Der Gedanke daran ließ sie nun auch um die Nasenspitze ein wenig glühen. Glücklicherweise erreichten sie die Luftschleuse und es galt, sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Mit einem lauten Zischen öffnete sich das Schott. Vier muskelbepackte Kerle standen im Gang. Einer sah ungepflegter aus als der andere. Sie grinsten breit und tasteten Lovisa mit ihren Augen ab. “Hübsches Ding.”, sagte einer von ihnen und nickte dabei.

Bernard machte einen Schritt nach vorne und stellte sich zwischen Lovisa und den Kerl. “Das hübsche Ding ist Kapitänin Lovisa, Kommandantin der SKUNKALLA.” Der Vampyrjunge dachte kurz nach, dann fügte er lächelnd hinzu: “Und die amtierende Sternenbraut.”

Die Männer sahen sich gegenseitig an. Sie waren verwirrt. Einer von ihnen richtete einen Handscanner auf Bernard und schlug dann mit der flachen Hand auf das Gerät. Es gab keinen Pieps von sich. Der Redeführer spuckte auf den Boden. “Sternenbraut? Was ist denn das für ein Unsinn. Geh aus dem Weg und lass mich mal das Schätzchen betrachten.”

Der Kerl stieß mit seiner schwieligen Hand nach Bernard, um ihn aus dem Weg zu schubsen. Doch der Vamypr blieb einfach stehen. Keinen Millimeter rückte er von der Stelle, besah sich nur mit herablassender Miene die Stelle, an der ihn der Fremde berührt hatte. Der wagte einen zweiten, kräftigeren Versuch. Doch mit dem gleichen Ergebnis. Bernard rückte keine Haaresbreite weg.

Lovisa war beeindruckt von den Fähigkeiten des Vampyrjungen. Insgeheim freute sie sich, dass er sich als Beschützer vor sie gestellt hatte. Aber augenblicklich flammte in Lovisa auch etwas Zorn auf. Immerhin war sie eine Kapitänin und die amtierende Sternenbraut. Sie brauchte keinen Beschützer. Also griff sie nun ohne nachzudenken nach Bernards Schulter und drückte ihn weg, um freie Sicht zu haben.

Der Vampyr stolperte von der Wucht des überraschenden Griffs zur Seite und knallte schwer gegen die Wand des Gangs. “Entschuldigung, Kapitän”, murmelte er und rieb sich die Schulter. “Kommt nicht wieder vor.”

Erstaunt blickte der Redeführer der kleinen Truppe auf seine Hand, sah zu Bernard und dann zu Lovisa hinüber. Er schluckte schwer. “Wir sollen euch zum Kommandanten bringen. Wir zeigen euch den Weg.” Die vier Männer drehten sich um und schritten tuschelnd voran. Sie waren sichtlich verwirrt.

Während Morle die Luftschleuse zur SKUNKALLA schloss, schritten Bernard und Lovisa hinter ihrem Empfangskomitee her. “Was war denn das eben?” fragte Lovisa leise. “Der Kerl hat dich kein bisschen von der Stelle rücken können. Und er hat Muskeln wie ein Bär. Aber ich habe dich ganz leicht wegschubsen können.”

Bernard lächelte verlegen und blickte zu Boden. “Manchmal ist es gut Stärke zu demonstrieren.”, setzte er zu einer Erklärung an.

Lovisa unterbrach ihn. “Schon gut, ich habe verstanden. Die werden nun glauben ich sei noch stärker als du. Gut gemacht, mein Lieber.” Sie hauchte ihm schnell einen flüchtigen Kuss als Dank auf die Wange. Und hätten Bernards Ohren erröten können, sie würden in Flammen stehen.

Die kleine Gruppe trottete durch die Innereien der Raumstation. Die ANDORRA sah Innen kaum besser aus als Außen. Die Läden auf der Promenade waren allesamt geschlossen, doch es gab zwei Kneipen, aus denen laute Musik, raues Lachen und gelegentlich ein Schrei drangen. Überall waren Lampen defekt oder rosteten Streben und Platten vor sich hin. Oft hingen Leitungen aus der Decke oder ragten aus den Wänden, manchmal sprühten Funken aus ihren offenen Enden. Lovisa ahnte, warum ihr Pappa so wenig über ANDORRA gesprochen hatte. Die Raumstation musste eines jener Piratennester sein, die gut verborgen im Weltraum den miesesten Besatzungen Unterschlupf boten. Lovisa hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Und obwohl Bernard einen selbstsicheren Eindruck machte, erging es ihm ebenso.

Schließlich gelangten sie in ein kleines und schmutziges Büro. Hier saß der Mann, den Lovisa bereits auf dem Kommunikationsbildschirm gesehen hatte. Er sah nicht nur verschwitzt aus, sondern roch auch säuerlich. Das galt auch für sein Büro. Zudem mischte sich ein käsiger Duft dazu.

“Willkommen auf ANDORRA.”, eröffnete er das Gespräch. “Mein Name ist Lucius Bent. Ich bin der Besitzer und Manager dieser wunderbaren Raumstation. Und erfreut, eure Bekanntschaft zu machen. Ihr seid Freunde von Slim, wenn ich das richtig verstanden habe?”

Lovisa nickte unsicher, während sich ihre vier Begleiter hinter Bent stellten. Einer flüsterte seinem Boss etwas ins Ohr und der Dicke kniff nachdenklich die Augen zusammen. “Ihr habt bei meinen Leuten Eindruck hinterlassen. Das gelingt nur den wenigstens.” Lucius öffnete die Schublade seines Schreibtisches und holte ein dickes Käsebrot hervor. “Möchtet ihr auch etwas?”

Schnell schüttelte Lovisa den Kopf. Sie wollte alles, nur kein Käsebrot. Vor allem nicht von diesem Mann, der sie innerlich anwiderte. “Wo finden wir Slim?” fragte sie, um das Gespräch zu einem schnellen Ende zu bringen.

“Er kümmert sich um die Technik auf meiner Station. Ein wahres Juwel, aber stets mit seinen Zahlungen hinterher. Ich denke als Freunde von Slim, werdet ihr gerne seinen Schulden begleichen.”

Bernard und Lovisa guckten verblüfft. Damit hatte keiner von beiden gerechnet. “Warum sollten wir?” empörte sich Lovisa. “Slim war mal Besatzungsmitglied der SKUNKALLA und ich will ihn nur besuchen. Für seine Schulden ist er alleine verantwortlich.”

“Auf meiner Raumstation gilt, dass Freunde füreinander einstehen. Wir sind ein äußerst loyaler Haufen.” Lucius Bent biss in sein Käsebrot und grüne Kräutersoße rann an seinen Mundwinkeln herab, während er kaute. “Und das erwarte ich auch von unseren Besuchern. Oh, da wir schon mal dabei sind: Denkt bitte daran eure Liegegebühr zu bezahlen. Ich würde ungern euer Raumschiff beschlagnahmen.”

Lovisa keuchte auf. “Was? Aber …” Lucius Bent lachte und seine Männer grinsten. Lovsia blickte zu Bernard, der sie eindringlich anblickte und schwach den Kopf schüttelte. Obwohl die Sternenbraut den Vampyr erst seit kurzem kannte, wusste sie was er dachte: “Keinen Ärger. Nicht jetzt. Ruhe bewahren.”

“Schicken sie mir eine Aufstellung der Kosten auf die SKUNKALLA. Ich habe einige Waren dabei und bin mir sicher, dass wir uns einige werden. Kann ich nun zu Slim?”

“Natürlich.”, sagte Lucius Bent und winkte einen seiner Männer vor. “Zeig ihnen den Weg. Aber lass dir nicht auf der Nase herumtanzen.”

Der Mann sah zu Bernard und nickte bedächtig. Dann ging er mit gehörigem Abstand an Lovisa und den Vampyrjungen vorbei. “Kommt mit. Ist ein Stück. Slim lebt nahe am Zentrum. Hat er kürzer zu laufen, wenn es mal wieder brennt.”

Letztere Worte waren wohl ernst gemeint, denn auf dem Weg waren öfter Brandspurren und Schmauchflecken zu sehen. Die Raumstation hatte ihre besten Tage bereits hinter sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie endgültig auseinanderfallen würde.

Nach einem gehörigen Fußmarsch und einer ordentlichen Kletterpartie über einige Leitern, standen Lovisa und Bernard in Slims Quartier. Der Mechaniker war noch unterwegs und sein Heim deswegen verwaist.

“Er kommt gleich zurück. Macht ein paar Reparaturen und gönnt sich einen ordentlichen Schluck, nehme ich mal an.”, erklärte Bents Mann. Er drehte sich ohne weitere Worte um und ging.

Slims Quartier war ein dreckiges, ölverschmiertes und nach Metall müffelndes Loch. Überall lagen Werkzeuge und Ersatzteile. Auf dem Boden standen einige Flaschen mit billigem Fusel und das Bett roch nach Alkohol. “Ich glaube es war ein Fehler, Slim zu suchen.”, sagte Lovisa kleinlaut. “Es scheint schlimmer als je zuvor.”

“Vielleicht.” Bernard machte einen Schritt in den Raum hinein und griff auf den Tisch. Mit seinem scharfen Blick hatte er etwas entdeckt und zog es nun unter einem schmierigen Tuch hervor. “Bist du das?”

Er reichte Lovisa ein Hologramm hinüber. Darauf waren Slim, ihr Pappa, ihre Mamma und Slim zu sehen. Sie winkten alle in die Kamera. Das lag lange zurück. Lovisa war noch ein kleines Mädchen mit Sommersprossen und Zöpfen. Das Hologramm war ein Jahr vor Nils’ Geburt aufgenommen worden.

Jemand räusperte sich leise. Lovisa und Bernard wirbelten herum. Ein kleiner, drahtiger Kerl stand in der Türe. Sein graues Haar war schütter, die Augen lagen tief in den dunklen Augenhöhlen und er trug einen dreckigen, nach Schnaps stinkenden Overall. Die Hände waren voller Maschinenfett, das er nun versuchte notdürftig an seinem Overall abzuwischen. “Lovisa?” kam es ihm ungläubig über die Lippen und Tränen flossen ihm plötzlich über die Wangen. Es war Slim Jorgenson. “Mädchen, Kleines, was machst du denn bloß hier?”

Der Schmutz, der Gestank und die vertrackte Situation waren Lovisa mit einem Mal egal. Slim stand vor ihr, der gute alte Slim. Er war gealtert, aber er war auch ein Stück Zuhause. Mit einem Satz flog sie ihm die Arme und riss ihn dabei beinahe zu Boden. Nur mit Mühe konnte sie sich von ihm losreißen.

“Lovisa, Liebes. Ich bin auch glücklich dich zu sehen. Aber was machst du hier? Wo ist die SKUNKALLA? Wo ist dein Pappa? Aber, was hast du denn?”

“O Slim, weißt du es denn nicht? Hat dir denn keiner davon berichtet?” Lovisa musste schluchzen und Slim nahm sie tröstend in den Arm. “Pappa und die anderen, sie sind alle tot. Nur ich und Nils leben noch. Aber Nils ist weg. Und ich habe die SKUNKALLA gestohlen. Und dann habe ich Bernard getroffen. Und ich wusste nicht was ich machen sollte.” Die Worte sprudelten nur so hervor und Slim lauschte Lovisa eindringlich. Mehr als einmal musste er sich die Tränen aus dem Gesicht wischen und drückte die kleine Sternenbraut tröstend an sich. Als Lovisa alles erzählt hatte, wischten sich beide die Tränen aus dem Gesicht.

“Ich habe deinem Pappa viel zu verdanken.” Slim sah auf das Hologramm. “War schon in Ordnung, dass er mich rausgeworfen hat. Ich habe viel Mist gebaut, Lovisa. Und viel gutzumachen.”

“Was hast du bloß mit diesem Lucius Bent zu schaffen?” wollte die Sternenbraut wissen. “Er ist ein widerlicher Kerl. Und er versucht uns hier festzusetzen.”

“Tut mir Leid, dass ihr in diesen Schlamassel geraten seit. Lucius ist ein fieser Kerl. Selbst wenn du zahlst, wird er mich nicht gehen lassen. Und dich auch nicht. ANDORRA war mal eine schöne und sichere Raumstation, aber Lucius hat sie gänzlich ruiniert. Und aus Angst vor dem was ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, hat er dieses Trümmerfeld um die Station zusammengetragen. Ist billiger als jedes Schutzschild und verhindert, dass jemand auf die Idee kommt und in der Nähe der Station springen will. Die Trümmer würden in den Hyperraum hineingezogen und dabei jeden Antrieb in Stücke reißen.”

Bernard dachte nach. “Gibt es denn keine Möglichkeit ungesehen an Bord der SKUNKALLA zu kommen und von hier zu verschwinden?”

Slim lachte heißer auf. “Mein Junge, ich bin Lucius kleines Goldstück. Er braucht mich, um die ANDORRA am laufen zu halten. Ohne mich fällt hier alles auseinander. Deswegen lässt er mich ständig beobachten und macht Stichproben. Aber er unterschätzt mich.” Der alte Mann zwinkerte den beiden zu. “Ich heuere gerne wieder auf der SKUNKALLA an. Falls du mich noch willst, Lovisa. Durch deinen Pappa, da musste ich nachdenken. War ein schwerer Schlag für mich, aber dadurch habe ich mein Leben geändert.”

Lovisa sah sich skeptisch in dem kleinen Quartier um und zeigte auf die Schnapsflaschen. “Ich glaube du trinkst noch immer zu viel, Slim.”

“Ha, das sieht nur so aus. Ich spiele Lucius und seinen Leuten was vor. Die sollen mich unterschätzen. Ich habe seit Jahren keinen Tropfen mehr angerührt. Mein Ehrenwort. Ich gebe zu, sich einen Tropfen zu genehmigen klingt verlockend. Aber ich tu es nicht. Keinen einzigen Schluck mehr. Ist schwer, aber ich halte durch.”

“Slim, ich glaube dir.”, erklärte Lovisa und umarmte den alten Mann herzlich. “Willkommen an Bord.”

“Weiß gar nicht, was ich da sagen soll.” Slim lächelte glücklich. “Na ja, bist ja jetzt mein Käptn. Mein kleines Mädchen wird erwachsen.”

Lovisa sah verlegen auf den Boden. “Mensch, Slim. Die Zeiten haben sich geändert.”

“Freunde, ich will uns die Stimmung nicht verderben, aber wir brauchen einen Plan.” Bernard sah die beiden eindringlich an. “Und zwar einen guten Plan.”

Slim nickte. “Ich denke, ich weiß da etwas. Ist eine riskante Sache und wir müssen ziemlich schnell sein. Ich habe ein paar der Sensoren manipuliert und kann uns durch die Station schleusen. Dann auf die SKUNKALLA und weg von der ANDORRA. Gibt aber ein Problem. Ich muss ungesehen in den Kontrollraum und dort von Hand die Andockvorrichtung lösen. Sind aber überall weitere Sensoren und Kameras. Einige von denen funktionieren noch. Weiß nicht, ob ich das schaffe. Das Alter steckt mir in den Knochen.”

“Ich mache das.”, erklärte Bernard. “Ich muss nur wissen wo der Kontrollraum ist und wie ich die Andockvorrichtung lösen kann.”

“Bist du dir sicher?” fragte Slim, beeindruckt von Bernards Mut. “Ist keine leichte Sache. Musst den Kameras ausweichen und versuchen die Sensoren zu umgehen.”

Lovisa kicherte. “Keine Angst. Bernard ist Spezialist in solchen Sachen.”

“In Ordnung. Dann hör mir gut zu und versuch dir alles zu merken.” Slim nahm ein Datenpad vom Tisch und begann Bernard den Plan genau zu erklären. Er packte zwei Taschen mit Werkzeug, nahm Lovisa bei der Hand und die beiden verschwanden in den Tiefen der Station. Der Vampyrjunge sah den beiden nach. Dann machte er sich auf den Weg.

Kameras und Sensoren waren für ihn kein Problem. Das hatte er bereits auf der SKUNKALLA eindrucksvoll bewiesen. Für die Technik war es sozusagen unsichtbar. Er musste nur darauf achten, dass ihn keiner von Lucius Leuten sah. Dank Bernards übermenschlichen Reflexen blieb er stets vor einer Entdeckung verborgen. Schlussendlich stand er zu allem bereit vor der Türe des Kontrollraums.

Wie Slim vorausgesagt hatte, war keiner von Lucius Leuten da. Aber die Türe war verschlossen. Bernard sah sich vorsichtig um, dann packte er den Griff und zog sie mit Gewalt auf. Zischend gab die Türe schlussendlich nach. Schnell huschte der Vampyr in den Raum hinein und suchte das Kontrollpanel, das ihm Slim beschrieben hatte. Auf einem der Monitore sah er die SKUNKALLA.

Sobald er die Andockvorrichtung gelöst hatte, war die SKUNKALLA frei. Lovisa würde das Raumschiff solange in Position halten, bis er in der Luftschleuse war. Dann galt es in einem geschickten Manöver abzulegen und ins Trümmerfeld zu fliegen. Immer auf der Flucht, dachte Bernard. Arme Lovisa.

Die Andockvorrichtung war gelöst und Bernard huschte aus dem Kontrollraum. Er machte sich auf den weg zur SKUNKALLA. Da hört er Stimmen aus einem der Räume seitlich des Gangs. Eine gehörte Lucius Bent, die andere war ihm unbekannt. Sie klang verkratzt. Scheinbar ein Kommunikationsgerät. Lautlos schlich sich Bernard an die halboffene Türe.

Es war tatsächlich Lucius, der vor einem alten Kommunikationsgerät stand. “Doch, ich schwöre es, Major. Der Junge taucht auf keinem Sensor auf. Kein Scanner kann ihn erfassen. Und mein bester Mann hat Angst vor dem Knaben. Und das Mädchen ist von der gleichen Art. Plötzlich haben die Sensoren auch sie verloren. Und meine Leute haben mir berichtet, dass sie auch unbeschreiblich stark ist.”

Nun sprach die andere Stimme, die eindeutig einer Frau gehörte. “Ich warne sie, Bent. Wenn sie lügen, dann schießen wir ihre Station aus dem All. Denken sie an unser Abkommen. Gouverneur Tailleur kann sehr wütend werden. Wir lassen sie in Ruhe, dafür liefern sie uns die Piratenbosse aus. In diesem Fall die kleine Göre und ihren Freund.”

“Ich hatte ja keine Ahnung, dass die beiden so gefährlich sind.” Lucius Bent schnappte nach Luft. “Wie schnell können sie hier sein?”

“Eine Stunde. Halten sie die beiden solange fest. Sie erhalten den üblichen Lohn.”

Bernard hatte genug gehört. Leise huschte er weiter bis zur Andockschleuse. Hier war niemand. Er gab den vereinbarten Code ein und zischend öffnete sich das Schott. Schnell schloss er die Schleuse wieder und rannte auf die Brücke. Lovisa stand bereits am Steuerrad. Sie war froh Bernard unverletzt wiederzusehen.

“Wir müssen los!” rief er aus. “Lucius hat uns an Tailleur verraten. In einer Stunde sind sie erst da, aber ich wette Lucius sucht uns bereits. Er weiß, dass die Sensoren uns nicht mehr erfassen.”

Lovisa guckte grimmig. “Verschwinden wir von hier.” Die SKUNKALLA löste sich sanft vom Andockpylon und schwebte ein kleines Stück von der Raumstation weg. Nun beschleunigte die Sternenbraut das Raumschiff und hielt auf das Trümmerfeld zu. “Slim ist im Maschinenraum. Er und Morle kümmern sich um den Antrieb und behalten den Schaden an der Außenhülle im Auge. Slim kennt auch einen Kurs durchs Trümmerfeld, der ziemlich frei von Trümmern ist. Sozusagen Lucius Fluchtkurs, falls mal etwas schief geht und er ANDORRA verlassen muss.”

Bernard blickte auf den Sensorschirm. “Die Raumstation lädt ihre Laserkanonen und richtet sie auf uns aus.” Seine Stimme klang besorgt. “Die werden schießen.”

“Tailleur will uns doch lebend.”, erklärte Lovisa, da blitzte auch schon der erste Lichtstrahl auf und sprengte einen der kleinen Felsen in die Luft. “Das hat er wohl vergessen diesem Bent zu sagen.”

Die SKUNKALLA beschleunigte und hielt auf eine Lücke im Trümmerfeld zu. Lovisa legte das Schiff seitlich und schrammte in das Feld hinein. Sie vertraute nun vollends auf Slims Angaben, ansonsten würde die SKUNKALLA mit den Trümmern kollidieren und sie alle sterben. Doch Slims Wissen um die ANDORRA und das Feld waren Gold wert. “Im Trümmerfeld sind wir sicher. Zu viele Objekte, um uns noch treffen zu können. Und sobald wir auf der anderen Seite heraus sind, können wir springen.”

Es gab weitere Laserblitze, die im Rücken der SKUNKALLA Felsen und Schrott in eine dampfende und zischende Masse verwandelte. Bernard schüttelte den Kopf. “Bents Leute haben hinter uns das Trümmerfeld in Bewegung gebracht. Der Eingang zur sicheren Strecke ist verschlossen. Bent wird sich wohl mit den Untergebenen des Gouverneurs unterhalten müssen.”

Lovisa atmete befreit auf. “Das ist seine Sache. Wir sind erst einmal in Sicherheit. Die Energie der SKUNKALLA reicht noch für einen letzten Sprung, dann muss das Schiff erst einmal gewartet werden.”

“Und wo springen wir hin?”

“Slim kennt glücklicherweise einige alte Sprungpunkte. Unter anderem eine alte Minenstation mit Raffinerie. Dort können wir uns erst einmal verstecken und neue Kraft schöpfen.”

“Aye, aye, Kapitän.”, rief Bernard fröhlich aus, während Lovisa die SKUNKALLA mit ruhiger Hand in Sicherheit steuerte.

ENDE

Nächstes kapitel

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DIE EROBERUNG – Science Fiction-Story von Carl Reiner Holdt

Erstellt von Detlef Hedderich am 31. Januar 2012

DIE EROBERUNG

Science Fiction-Story

von

Carl Reiner Holdt

Kapitän X’Ragan und der Todesstern, Abschnitt 3.1:

“Kapitän Eins-acht an Staffel: Statusbericht!”

Das virtuelle Display flackert. Der Reaktor fährt hoch. Zündung der Vakuum-Energie-Konverter. Sicherheits-Abstand zum Trägerschiff erreicht. Schilde bauen sich auf. Schub auf Maximum. Alle Waffensysteme klar. Standby der Staffel kommt. Die roten Lichter erlöschen nach und nach. Der erste kritische Moment nach dem Sprung ist geschafft!

Ein Angriff bei Lichtgeschwindigkeit dauert nur wenige Sekunden. Wenn du ihn registrierst, hast du ihn schon überlebt. Oder es hat keinen Angriff gegeben. So wie jetzt.

Unmittelbar nach dem Sprung funktioniert keine Nanotronik. Deshalb stecken die X’ingu-Jagdbomber in ihren Schächten wie Pfeile in einem Blasrohr. Der Auswurf für die erste Welle ist pneumatisch. Bis die Systeme rebooten sind Trägerschiff und X’ingu nackt. Deine Übelkeit legt sich langsam.

Also jetzt der zweite kritische Punkt: Wo steht der Feind? Verdammt, wie lange dauert das! Langsam baut sich via Feuerleitzentrale des X’ingu-Trägers ein Bild auf.

Abfangjäger der Liga, hauptsächlich Smart-Klasse! Eine dichte Wand steht zwei Lichtminuten prograd. Dann müssen die X’ingu von der Steuerbordseite schon Vollkontakt haben. Eine Smart ist klein, wendig und schnell wie eine Sand-Echse. Aha, dort gibt es erste Verluste auf beiden Seiten. Aber in deinem Raumsektor ist weit und breit nichts zu sehen. Merkwürdiger Aufmarsch…

Da kommen die neuen Kursvektoren vom Flaggschiff: ausweichen, weiter retrograd, Vollschub. Wir liegen schon vor Sprung bei 99% Licht ins System rein. Können mit dieser Vorlage die Smarties fürs erste abhängen. Aber wo beim Xi haben die bloß ihren Stützpunkt?

Die nächsten zwei-acht Minuten passiert nichts. Ist normal. Erst geht alles blitzschnell und dann passiert nichts. Oder umgekehrt. Dazu kommt die Relativität der Gleichzeitigkeit. Was auf einem andern Teil des Schlachtfeldes passiert, ist je nach Bewegungs-Zustand für die einen schon Vergangenheit und für die andern noch Zukunft. Das taktische Display zeigt alle möglichen Bahnen eines Gegners nach Bordzeit. Die ergeben zusammen einen Trichter, der sich um so mehr öffnet, je weiter man vorausrechnet. Welche Kurve ist unter diesen Bedingungen die richtige? Das bleibt allein deiner Intuition als Pilot überlassen…

Die Smarties bummeln hinter uns her. Das ist nicht normal… da stimmt was nicht! Die Entscheidung vom Admiral ist falsch, sagt dir dein Gefühl… Wir haben schon 77 Millionen Meilen Vorsprung vor dem Haupt-Konvoi…. Noch mal die Aufklärungsdaten von System XQB125 prüfen.

“Kapitän Eins-acht an Staffel: Base-Line für Fernaufklärung schalten! Da muss es einen Asteroiden ca. 16 Lichtminuten auf  -23,5° spin, +1° top geben. Den checken wir mal!”

Und da schält sich der Asteroid auch schon aus dem statischen Rauschen. Der Stützpunkt der Smarties.

“Heiliges Xi!” Dein Flügelmann Leutnant Vorkennan’xi trifft es auf den Punkt. Als die einlaufenden Daten das Bild weiter differenzieren, erscheinen auch die Abfangjäger. Es sind Tausende. Aber damit hast du schon gerechnet, das ist noch nicht die Arsch-Karte.

“Kapitän Eins-acht an Flaggschiff. Wir haben ein Problem. Kampfstation auf (+1,6431|-22,147|+1,823) Bordzeit-Polar. Daten kommen jetzt…”

Der Wachhabende über die Bug-Hangars unterbricht sein Lieblings-Holo: Kapitän X’Ragan und der Todesstern. Das Holo ist noch keinen Umlauf alt und basiert auf nackten Tatsachen! Kein Scheiß! Der Wachhabende war selbst dabei, in der Gefechts-Leitzentrale. Alle waren sie dabei – die 8. Flotte ist Teil der Großoffensive zur Front-Begradigung in diesem abgelegenen Arm der Galaxis. Sie waren gerade ins System XQB125 um es der Liga abzujagen , die sich diesen Hinterwäldler-Stern kürzlich unter die Klauen gerissen hatte.

Auf dem X’ingu-Träger Jagd-Clan ist Nachtschicht. Der erste ruhige Achttag seit Aufhebung der Alarmstufe Bodenkontakt. Vorhin dröhnten noch dumpfe Schläge durch Dock 7, als der reguläre Truppen-Transporter vom eroberten Planeten anlegte.

Seitdem wird auf Deck zwei-fünf wieder mal eine Herde W’nabu durch die Freizeit-Center der 6. Division getrieben. Sonst liegt das riesige Schiff völlig still und umkreist den Planeten in fünf-acht-acht Meilen Höhe. Es ist so groß, dass man es nur um seine Querachse drehen muss, damit das Heck über den Boden schrappt.

Keinerlei Abweichungen von den Ablaufprotokollen.

Er wendet sich wieder seinem Holo zu. Die ganze 8. Flotte war direkt in die Arme einer Kampfstation vom Typ Gigant geflogen. Irgendein Idiot auf der Brücke hat die Daten falsch gedeutet.

Die Soldaten der Liga haben zwar keine Unze Xi in den Knochen, aber Kanonen können sie bauen! In diesem Fall sind es 688 PW Neutron-Woofer mit einer Kohärenzlänge von unglaublichen zwei Lichtstunden. Wer den Weg eines der verschränkten Neutronen-Pakete kreuzt und die Wellenfunktion kollabieren lässt, von dem bleibt nur poröser Schrott. Wenn dann noch die Nullpunkt-Felder der Konverter asymmetrisch zusammenbrechen, gibt es ein nettes Feuerwerk gratis.

Aber es gibt keinen Schutz dagegen! Man kann nicht mal wenden, wenn man ein Prozent unter der Lichtgeschwindigkeit zum Zielobjekt liegt. Die einzige Chance sind Ausweich-Manöver nach dem Zufallsprinzip. Trotzdem haben sie schon zwei schwere Kreuzer der SprungKlasse und einen Träger der ClanKlasse verloren. Vier-acht-hoch-fünf Soldaten! Von dem Materialverlust nicht zu reden.

Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Die Verstrebungen der Schiffe auch, durch die Ausweich-Manöver. Vor sich noch eine Stunde Acht verliert! Dann erst sind sie außer Reichweite… das reinste Hoppvogel-Schießen.

Ein Riese kann mit seinen Fäusten keinen Hoppvogel-Schwarm abklatschen. Deshalb hat die Kampfstation eine gigantische Raumabwehr. Und die Abfang-Jäger sind gut. Das muss ihnen der Wachhabende lassen, jetzt, wo er ihre Taktik aus seinem sichern und bequemen Sessel beurteilen kann. Aber damals hat er sich die Hose vollgepisst. Er schämt sich deswegen, aber nur wenig. Wie sich herausstellte, war er nicht der einzige…

Der Admiral wirft alle X’ingu der Flotte gegen die Abwehr. 7788 Jäger sind im Einsatz. Zwecklos. Sie haben großartige Abschuss-Raten, aber sie kommen einfach nicht durch. Keine Schuss-Distanz zum Todesstern. Und ständig laufen neue Verlustmeldungen ein…

Sperrfeuer! Die Hülle bruzelt unter einem Streifschuss. Supraleitung auf Feld-Leitwerk X3/X4 bricht zusammen! EM-Schilde auf 78%! Der Ionen-Sturm zerknistert die Funkverbindungen. Nur die Schwerkraft-Sensoren liefern noch Bilder. Kompensator 6 springt an. Uff … zum Glück kein größerer Schaden. Dein linker Flügelmann hat weniger Glück… ach, X’arran’chi… machs gut, Alter… du ballst deine vier Finger zur Faust als letzten Gruß…

“Kapitän Eins-acht an Staffel vier-eins bis fünf-acht…” und wer von euch noch übrig ist: “Angriff auf den Vektoren A17, 18 und 19! Daten kommen jetzt…” Verdammt! Du musst so viele reinwerfen, sonst merken sie, dass es ein Ablenkungsmanöver ist!

“Eins-acht an drei-eins bis vier-acht: Ihr gebt ihnen Feuerschutz! Partikel-Beschuss und Cluster-Bomben auf Sektor M3 und M4 legen. Dann verzögern, prograd versetzt. Bei Ausfällen sofort aufschließen. Daten kommen jetzt…” Das ist massiv genug. Hoffentlich bleiben dir noch welche für den eigentlichen Durchstoß.

“Staffel sechs-eins bis acht-acht: Feind auf Vektor A20 abfangen! Daten kommen jetzt…” Damit haben sie sogar eine kleine Chance… du kannst deine Jungs nicht einfach verheizen. Jetzt zu dir selbst:

“Staffel eins-eins bis zwei-acht…” Bei allen Krokodilen, wir sind bloß noch acht!”… wir bleiben zurück, täuschen B2 an, und brechen auf Vektor B3 durch! Daten kommen jetzt…”Da ist die dickste Suppe, beim Xi, ich weiß!”Macht’s gut Jungs! War mir eine Ehre mit euch zu fliegen!”

Dann die Erlösung!

“Staffel eins-acht ist time-out! Heiliges Xi, das gibt’s nicht! Staffel eins-acht ist time-out! TIMEOUT!!”

Ein unbeschreiblicher Jubel lässt die Jagd-Clan nach dieser Durchsage erzittern. Die Reste der Staffel, die Sand-Echse, die Zahn, die Fangschuss, die Sturzflug sind aus dem Ereignis-Horizont der Abwehr gekippt! Das heißt in der Sprache der Flieger: Hi, ich bin dir davon geflogen! Du kannst nichts mehr machen…

Das Gespür für die richtige Flugbahn… der Wachhabende ist bei der Prüfung durchgefallen. Aus der Traum vom Fliegen. Jetzt sitzt er hier und managt die Hangars. Aber Kapitän Eins-acht hat es drauf! Hat das einzige Fenster gefunden, das die Abwehr übersehen hat. Um das zu bestätigen, brauchen die Groß-Computer nachträglich eine halbe Stunde Rechenzeit. Einfach unglaublich!

Dann geht alles ganz schnell…

Bevor der Wachhabende dazu kommt, sich die Erlebnisse von Kapitän X’Ragan weiter über sein Neuro-Link in die Großhirnrinde schießen zu lassen, blinkt eine Meldung auf seinem inneren Display auf. Der Zentral-Computer stellt Codes routinemäßig durch, wenn sie nicht zum Standard-Protokoll gehören.

Mit den Zugangs-Berechtigungen ist alles in Ordnung. Trotzdem traut er seinen Augen nicht. In Hangar 6 wird eine X’ingu gefechtsklar gemacht! Es ist die Sand-Echse. Er checkt die Mannschafts-Listen. Mit dem letzten Transporter sind zwei Fähnriche hoch gekommen.

“Eins-drei-eins-acht Sand-Echse, hier ist der WO, Identifizierung nach Protokoll P3. He, was geht ab bei euch? Ich dachte ihr seid alle unten bei der Fete!? Eins-drei-eins-acht kommen!”

“Hier eins-drei-eins-acht Sand-Echse. Erster Fähnrich der Hangar-Mannschaft eins-acht meldet sich zur Stelle! P3-Code kommt… Was wir hier machen?? Unseren sauer verdienten Freigang verplempern natürlich! Kapitän eins-acht X’Ragan ist unten im Hauptquartier geblieben.”

“Ihr macht gerade eine X’ingu scharf! Für einen Bodeneinsatz! Hallo!? Wenn ihr dort unten bloß falsch einparkt, ist der halbe Planet hin.”

“Kann ich vielleicht was für den Blödsinn, den sich die Bonzen für ihre Partys ausdenken, du Sessel-Furzer? Du hast die Order gelesen. Vielleicht braucht der Admiral noch was zum Nachwischen. Frag ihn doch selber, wozu er unten eine X’ingu will!”

Der WO seufzt. Für diese Bemerkung kann er dem Fähnrich ein Disziplinar-Verfahren anhängen. Für jeden anderen das Karriere-Aus. Aber er weiß, was in diesem Fall dabei rauskommt. Eine Extra-Schicht und Schluss. Nicht mal ein Eintrag in die Akte. Dafür kann sich der WO über den originellen Zunamen Sessel-Furzer freuen, und zwar den Rest seines Lebens. Wo er den wohl her hat? Flieger können sich alles erlauben! Aber er ist nicht wirklich sauer. Flieger retten ihnen immer wieder das Fell. Unter hohem Blutzoll. Sie haben so wenige. Und er hängt an seinem Fell.

“Du, sei vorsichtig Bürschchen! Das gibt noch eine Abreibung…“, grollt er und bleckt die Fangzähne. Dann denkt er darüber nach: Man teilt keinen kostbaren Lebensraum. Eine eroberte Bevölkerung dezimiert man standardmäßig über den versorgungstechnischen Kollaps. Was passiert mit großen Metropolen, wenn man Wasser und Energie kappt? Genau! … Den Rest besorgen Plünderungen, Seuchen, der ganze Domino-Effekt eben. Zugegeben, hier ist die Kultur primitiv genug, dass man sie so nicht destabilisieren kann. Man wird nachhelfen müssen. Aber eine X’ingu? Nein, hier geht es um Clan-Politik. Irgendwer will ein möglichst großes Stück vom Kuchen und zeigt Präsenz. Hoffentlich nur Imponiergehabe!

„Ist doch Blödsinn, das mit dem Nachwischen! So was machen unsere Gen-Techniker… Ich werde eure Order auf jeden Fall überprüfen. WO Ende.”

“Mach das. Hoffentlich ist sie falsch! Dann schaff ich’s vielleicht noch ins Finale der Championship für Pioniere. Und was die Abreibung angeht: jederzeit! Eins-drei-eins-acht Sand-Echse Ende.”

Der WO gibt die Startfreigabe an die Raumüberwachung durch und sieht dem Start der Sand-Echse über die Außenkameras zu.

Elegant kippt das 788-Ellen lange Schiff ab und stürzt zum Planeten. Stromlinien-förmig, obwohl es nicht für die Atmosphäre gebaut ist. Aber was innerhalb des Sternsystems wie Vakuum aussieht, hat im Kampf bei Lichtgeschwindigkeit die Eigenschaft eines Sandstrahl-Gebläses. Wenn ein Staubkorn die Aufschlagswucht einer Pistolen-Kugel entfaltet, müssen die Disruptor-Schilde entsprechend stark sein. Sie zerlegen Materie in Kernbausteine und die elektro-magnetischen Schilde leiten das Plasma großräumig ums Schiff. Den Rest besorgen die Quaddrupol-Schwerefelder. Brocken bis zur Größe eines Hauses werden vorher von Laser-Batterien in Millisekunden pulverisiert. Wer braucht da noch Angriffs-Waffen? Allein die passive Abwehr kann dort unten ganze Städte einäschern. Nicht, dass es schade darum wäre! Alles Stahlbeton. Der WO stößt ein verächtliches Schnauben aus.

Sie überfliegen gerade einen Ozean, unendliches Blau unter einem einzigen weißen Wolken-Strudel. Hinter dem Horizont-Bogen taucht ein brauner Kontinent in Form eines Schulter-Blattes auf: endlose gelbe Steppen mit weiß behauchten Bergen, grüne Regenwälder an riesigen Strömen mit seltsamen Tieren, Sand-Echsen, aber im Wasser lebend und mit vier statt sechs Beinen, Herden von langbeinigen, gelb-braun-gefleckten W’nabus, aber mit zehn Ellen langen Hälsen, und Kolosse auf vier Säulen mit zwei Schwänzen, einen vorne und einen hinten. Der WO hat alle Berichte gesehen: das perfekte Homeland.

Open Range Burgen zu bauen, einen Jagd-Clan zu gründen und Kinder großzuziehen! Neidisch sieht der WO die Sand-Echse kleiner werden und im Blau-Weiß des Planeten verschwinden.

Dann seufzt er wieder. Die Dienstvorschrift ist eindeutig. Alle Vorkommnisse außerhalb des Standard-Protokolls sind zu melden. Er überlegt, was schlimmer ist. Seinen Vorgesetzten zu wecken? Oder ihn aus dem illegalen Endkampf um die Meisterschaft der Pioniere zu holen?

Deshalb entscheidet er sich gegen den direkten Ruf und für eine Memo der Dringlichkeits-Stufe zwei. Damit hat er das Problem vom Hals. Die Clans und ihre Intrigen! Wir halten auch nur unter äußerem Druck zusammen… wie jetzt gegen die Liga denkt er und wendet sich wieder seinem Holo zu.

Durch! Du bist durch! Durch!!

Das Prasseln und Jaulen hat schlagartig aufgehört. Hinter dir verschiebt sich das Universum mit deinen Verfolgern ins unendliche Rot. Jetzt können sie deinen Hintern nicht mehr heiß schießen… Dafür fällt dir die Kampfstation mit 99,999% der Lichtgeschwindigkeit entgegen. Und dazwischen liegt: nichts! Der Weg ist frei!

“Eins-acht an Staffel eins-eins bis zwei-acht: Status!”

Beim Alten Drachen! Wir seid nur noch vier! Und gleich ist es mit der himmlischen Ruhe vorbei.

“Eins-acht, Achtung: Sperrfeuer der Boden-Abwehr in Minus 78 Sekunden. Fangschuss-Distanz bei Minus 284. Torpedos klarmachen!”

Minus 178. Zufallsgenerierte Ausweichmanöver bei 100%. Noch knallt das Meiste an dir vorbei….

Minus 121. Partikeleinschläge in Y2/Y3. Front-EM auf praktisch Null deformiert. Disrupter bei 110%. Schwerkraft-Kompensatoren überlastet. Du wirst in deinem Sitz umher geschleudert wie eine Puppe…

Minus 75. Volltreffer! Die zwei-vier Zahn verschwindet vom Schirm.

Minus 24.     ”knister…eins-fünf Stur… krietsch …in getroffen… kratsch … Schleichflug… knister…” Aus. Die Sturzflug muss aufgeben.

Minus 15. Feuerleitsequenz: ein. Rohre 1-4: je zwei Grätenbrecher. Gefechtsköpfe: scharf…

Minus 8… 7… Treffer auf  Y3: EM bricht zusammen… 5… 4… heftige Erschütterungen. Gleich verlierst du das Bewusstsein… 2… 1… Feuer! Die Abschüsse dröhnen durchs Schiff.

Plus 2. Abdrehen! Vollschub antispin…

Plus 11. Auf  Schleichflug gehen. Alle Systeme Not-aus. Chemische Motoren verwischen Geschwindigkeits-Vektoren. Feind kann nicht extrapolieren. Nur passive Raum-Ortung läuft…

Einschlag der Grätenbrecher bei plus 214 Sekunden.

Plus 25. Diese Ruhe… himmlisch… ob Vorkennan’xi es geschafft hat?

Ja! Ja! Es gibt zwei-acht Kennungen. Er hat seine Grätenbrecher auch abgeschossen. Leider ist jetzt Funkstille, wegen Feind-Ortung.

Plus 78. Ein Blip nach dem andern verschwindet vom Schirm… 11… 10… Mann, ist die Bodenabwehr gut! Die Grätenbrecher legen nämlich noch drei 9er zu. Fliegen Ausweichmanöver jenseits der Materialfestigkeit! Werden praktisch nur von ihren Feldern zusammen gehalten… aber einer reicht! Ein Torpedo! Zehn Tonnen Anti-Materie reichen…

Plus 156. Noch sieben Blips… Da! Das Flag-down-Signal! Sie geben auf! Wollen kapitulieren… Du gibst die Abbruch-Sequenz frei – zögerst – deine Hand schwebt über der manuellen Bestätigung…

Mal ehrlich: Wer eben einem Sand-Krokodil aus der Klappe gehüpft ist, macht der Gefangene?

Du drückst. Es ist sowieso zu spät. Die Zeitverzögerung…

Plus 211. Die passive Ortung schaltet ab. Dafür fahren die Schild-Generatoren wieder hoch. Wegen dem, was gleich kommt…

Plus 214. Einschlag!! Der Gamma-Zähler knallt über den roten Bereich.

Gut, dass deine Eier zuhause eingefroren sind…

Der Wachhabende unterbricht das Holo schweißgebadet. Er atmet tief ein und aus. Der Rest ist Geschichte: Die Kampfstation radioaktiver Staub. Die tödliche Falle aufgebrochen. Kapitän Eins-acht X’Ragan der Held der Stunde. Und die Bahn zum inneren Planeten von System XQB125 frei: Zu dieser schönen, blauen Perle, die ihre Bewohner Erde nennen.

Ende

Copyright (c) 2012 by Carl Reiner Holdt

Bildrechte: Coverillustration “Invasionsgeschichten1.jpg ” () © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Buchtipp des Autors:

Holdt, Carl Reiner
Gezeitenwechsel

Verlag :      Südwestbuch
ISBN :      978-3-942661-76-8
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,50 Eur[D] / 12,90 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 08.10.2011
Seiten/Umfang :      ca. 260 S. – 19,0 x 12,5 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      31.12.2011
Gewicht :      260 g

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„Der Himmel im Schwarzwald ist immer schwarz, kein städtisches Streulicht, nur Sterne. Normalerweise. Jetzt wurden die Sterne von einem runden Schatten gefressen, bis der ganze Himmel über Reuters’ Haus verschwunden war. Der Sieger war angekommen.“

Die Erde ist Zankapfel zweier galaxisweit konkurrierender politischer Systeme, der Liga und dem Kaiserreich der R’rall. Major a. D. von Reuters, Kampfpilot und Gentleman der alten Schule, hätte im Traum nicht gedacht, welche Dienste der Kavalleriesäbel seines Ur-Großvaters ihm noch leisten würde, als er zwischen die Fronten gerät. Er erobert im Duell mit einem R’rall -Admiral einen Ring, der als Insignie der Macht gilt. Mit diesem Ring, einer Truppe von Freischärlern und einer 320-jährigen Liga-Agentin schafft er das scheinbar Unmögliche: die Befreiung der Erde.

Lokalkolorit, packende Kampfszenen mit ausgefeilter Nano-Technik, erotische Begegnungen der dritten Art und eine erstaunliche Interpretation der Geschichte von Luther und Napoleon machen diesen Sci-Fi-Thriller zum faszinierenden Gesamtkunstwerk.

Carl Reiner Holdt wurde 1958 in Rom geboren. Nach dem Studium der Mathematik und Allchemie arbeitete er als Gärtner, Krankenpfleger, Erzieher und Lehrer. 20 Jahre verbrachte er im Kloster. Seit sieben Jahren ist er verheiratet und lebt heute in der Nähe von Tübingen.

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MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON – eine Kurzgeschichte von Simone Wilhelmy

Erstellt von Simone Wilhelmy am 29. Januar 2012

MIT DEN FLÜGELN DER ZEIT FLIEGT DIE TRAURIGKEIT DAVON

eine Kurzgeschichte
von
Simone Wilhelmy

Niemand hatte mit dieser weißen Pracht gerechnet. Über Nacht waren die Temperaturen gefallen. Immer kälter wurde es, bis der Dauerregen der letzten Tage sich in feine, leichte Flocken verwandelte. Der Winter hatte sich klammheimlich heran geschlichen, gerade rechtzeitig um Danya ihren größten Weihnachtswunsch zu erfüllen.

Danya erwacht schlagartig, wissend, dass sich etwas Wunderbares ereignet hat. Sie reißt die Augen auf und es kribbelt schon in ihrer Nase.

Schnee!“ ruft sie laut und macht damit ihren Bruder wach, der sich grummelnd noch einmal in seinem Bett herum dreht.

Danya springt aus dem Bett und rennt zu dem Fenster hinüber. Überschwänglich reißt sie die hölzernen Läden auf und starrt in eine völlig verwandelte Landschaft hinaus. Noch immer rieselt der weiße Staub vom Himmel herab, bedeckt Häuser, Wege, Bäume und Wiesen.

Selbst die Wintersonne freut sich über das Weihnachtsgeschenk, dass die Nordwolken dem kleinen, vorwitzigen Mädchen gemacht hatten. Sie strahlt und spiegelt sich in den winzigen Schneekristallen und überall glitzert und funkelt es. Einer der Sonnenstrahlen trifft Danya neckend an der Nase, sodass sie niesen muss. Lachend ruft sie nochmal „Schnee!!“ und dreht sich zu ihrem Bruder um.

Sieh doch, Endres, alles ist weiß, als wäre der Hof voller Puderzucker!“

Nun ist es dem armen Kerl viel zu hell, um noch weiter schlafen zu können. Mühsam windet er sich aus seinem Bett, das Holz quietscht und die strohblonden Haare fallen ihm missmutig ins Gesicht. Er ist geblendet von dem Licht, dass durch die vollkomme weiße Fläche wieder und wieder gebrochen und reflektiert wird, bis es voller Enthusiasmus auf sein Gesicht trifft. Dort tanzen nun kleine, helle Pünktchen und spielen Fangen miteinander.

Schlaftrunken reibt er sich die Augen, die nur mühsam auf gehen wollen, bis er einen blinzelnden Blick aus dem Fenster wirft und staunt. Gestern war noch alles braun und schlammig gewesen, als er die Hühner in den Stall getrieben hatte.

Schnee…“ wiederholt er unbewusst die Worte seiner Schwester und bewundert andächtig, mit offenem Mund, die vollendet weiße Schönheit.

Währendessen schleicht sich seine Schwester Danya aus dem Zimmer und rast, schnell wie eine Schneewehe, aus dem Haus. Auf der anderen Seite des Fensters wartet sie darauf, dass Endres sich zeigt. Als er genauso klingt, wie sie selbst gerade, muss sie leise kichern. Erschrocken schlägt sie beide Hände vor den Mund. Verflixt, fast hätte sie sich verraten.

Im Schatten des Daches schleicht sie näher heran und unter ihren Füßen knirscht herrlich der Puderzuckerschnee. Mutter würde schimpfen, wenn sie jetzt hier wäre, denn Danya ist noch im Nachthemd und barfuß. Doch gleich werden sich die frostigen Nadelstiche in ihren Füßen lohnen.

Sie zielt sorgfältig.
Da ihr Bruder, immernoch hingerissen von dem unerwarteten Geschenk der Nordwolken, nichtsahnend am Fenster steht, kann sie sich damit Zeit lassen.

Platsch!

Der Schneeball ist nicht fest und zerschellt an dem dümmlich drein blickenden Gesicht ihres Bruders. Danya lässt sich rückwärts in den Schnee fallen und verschluckt sich an ihrem eigenen Lachen. Überschwänglich rudert sie mit ihren Armen und Beinen, wie ihre Mutter es ihnen vor Jahren gezeigt hatte, um einen Schneeengel zu machen.

Durch den Schnee hindurch hört sie ihren Bruder brüllen und lachen.

Na warte! Dir werde ich es zeigen, du Biest. Ich…
Doch die kleinen Schneebrocken in seiner Nase bringen ihn zum Niesen bevor er den Satz beenden kann.

Auch er hält sich nicht großartig mit Anziehen auf, denn schließlich kann man es sich als großer Bruder nicht leisten, sich so von seiner kleinen Schwester vorführen zu lassen.

Ich werde dich einseifen, bis dir der Schnee aus den Ohren rauskommt.“, brüllt er fröhlich von der Vordereite des Hauses, als er aus der Tür stürmt.

Na, da musste mich erstmal fangen.
Danya kichert und rappelt sich auf. Ohne zu überlegen rennt sie los, weg vom Haus, um dessen Ecke gerade ihr Bruder spurtet. Ihre Füße machen deutlich sichtbare Spuren in den Schnee. Immer wieder blickt sie über ihre Schulter zurück, um diese kleinen Unvollkommenheiten inmitten der Perfektion der Natur zu bewundern. Es ist einfach ein herrlicher Tag. Das beste, beste, beste, besteste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, wie sie findet.

Bald schon ist Endres ihr knapp auf den Fersen, denn er ist schneller und wird von seinem Stolz angetrieben. Doch sie darf sich nicht von ihm fangen lassen, dies würde er ihr wieder ewig vorhalten, der große Bruder. Sie steht vor der Wahl: entweder am Fluss entlang und in einem weiten Bogen zurück zum Haus zu rennen, aber da wird er sie früher oder später einfangen oder über die umgefallene Eiche balancieren. Über den Fluss wird Endres ihr nicht folgen. Das weiß sie sicher, denn er hat Angst hinein zu fallen. Im Balancieren ist sie viel besser als er, viel besser sogar als die großen Jungen aus dem Dorf.

Langsam bemerkt Danya die Kälte und ihre Füße sind leuchtend rot im Kontrast zu dem grell weißen Schnee, aber sie will sich nicht die Blöße geben. Vorsichtig setzt sie einen Fuß auf die Eiche, die ebenso von den Wolken gepudert wurde, wie alles andere. Hinter sich hört sie ihren Bruder rufen und sie dreht herum, um ihn siegessicher anzulächeln.

Danya nicht!
In der Stimme von Endres klingt Angst und der Schreck verdrängt das zarte Rosa von seinen Wangen.

Der macht er sich doch nur Sorgen, dass er verliert, wenn er nicht hinterher kommt.“, murmelt sie und versucht sich zu überzeugen, dass ihren eigene Angst unnötig ist, obwohl es nicht leicht ist, auf dem rutschigen Holz zu stehen.

Endres bemührt sich Danya einzuholen, bevor sie zu weit auf dem Baumstumpf steht. Ihm ist ganz mulmig zumute. Es fühlt sich an, als hätte er einen dicken Eisklumpen verschluckt. Und es ist fürchterlich kalt. In seinen Füßen puckert und pocht es unzufrieden.

Er ist fast da.
Danya schluckt ihre Angst hinunter. Jetzt steht sie schon auf dem Baum, da wird sie es auch hinüber schaffen. Langsam hebt sie einen Fuß und setzt ihn ein bisschen weiter vorn vorsichtig wieder ab.

Na das ging doch ganz gut.
Noch einmal hebt sie einen Fuß, den anderen diesmal. Sie verlagert das Gewicht und “…Fuß wieder abstellen.”

Ha!“, ruft sie stolz, doch ihre Zähne klappern und sie bekommt kaum den Mund auf. Hände und Füße schmerzen, doch zurück ist nun genau so weit, wie das andere Ufer. Als ihre Knie zu schlottert beginnen, steigt Panik in ihr auf. Eine kleine Windböe reißt an ihrem Kleid und die Haare wehen ihr ins Gesicht.

Der wunderschöne Schnee ist jetzt nur noch eine Qual und die Eiche ist plötzlich erschreckend rutschig.

Endres? … … Endres! Ich...“
Ihre Stimme zittert, vor Entsetzen klingt sie so schrill wie klirrende Eiszapfen. Das Klappern ihrer Zähne macht es schwer sich zu konzentrieren. Über die Schulter hinweg sucht sie ängstlich ihren Bruder, doch sie kann ihn nicht sehen. Dabei verliert sie das Gleichgewicht.

Der Schrei seiner Schwester ist voller Grauen und Endres steht noch immer wie angewurzelt vor dem umgestürzten Baum. Das furchtbare Geräusch, als Danya auf das Wasser auftrifft und in den eisigen Fluten versinkt, befreit ihn aus seiner Starre. Das durfte unmöglich sein, das durfte nicht passieren.

Der Fluss ist nicht breit, aber es ist Danya nicht möglich darin zu stehen. An schwimmen ist bei der Kälte nicht zu denken. Die friesst sich in ihren Körper, in den Kopf und in ihr Herz.
ENDRES!“

Immer wieder taucht ihr Gesicht an der Oberfläche auf und Endres kann sie schreien hören. Sie ruft seinen Namen. Hektisch sucht er nach etwas, dass ihm helfen kann, sie aus dem Wasser zu ziehen. Doch der Schnee deckt alles zu. Während er zusieht, wie seine Schwester im Fluss mitgerissen wird, bleiben seine Tränen als Perlen in seinen Wimpern hängen.
So gerne würde er ihr helfen, sich zu ihr in das Wasser stürzen, aber seine Angst zu groß. Dabei sollte ein großer Bruder doch mutig sein.

Aus dem Winter-Wunderland ist schlagartig eine frostige Einöde geworden.

Danya!“
Eine junge Frau stürmt herbei und reißt Endres von dem gefährlichen Ufer zurück. Er hatte gar nicht bemerkt, wie nah er schon dem tödlich kalten Wasser gekommen ist.

Meine Güte, Endres!
Ihre tastenden Hände erkunden das Gesicht ihres kleinen Bruder, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut geht. Dann dreht sie ihn in Richtung Haus und gibt ihm einen Schubs.

Such Decken zusammen und leg Holz nach, so viel du kannst.
Sie ist schon weiter den Fluss entlang, während sie die Anweisungen gibt. Ihre Augen suchen hektisch nach den blonden Haaren der Kleinen, dem Nesthäcken der Familie.

Kleines, …

Die dunklen Haare der jungen Frau flattern im Wind und sie streicht sie sich hektisch aus dem Gesicht.
Du muss die Arme bewegen. Beweg dich! Hörst du?

Doch als sie Danya entdeckt, ist diese schrecklich blass und ihre Lippen haben eine unheilvolle Farbe. Die blauen Augen der jungen Frau blicken sorgenvoll in den Fluss. Vorne an der Biegung, könnte sie ins Wasser steigen, dort wäre es flach genug. Noch auf dem Weg dahin, wirft sie das Wolltuch und ihr Überkleid in den Schnee. Es kostet Überwindung in das klirrend kalte Wasser zu steigen. Wie tausende Stricknadeln, die ihr in die Beine geschlagen werden, fühlt es sich an. Im ersten Moment bleibt ihr einfach die Luft weg, wie ein Faustschlag schnürt ihr die Kälte den Brustkorb zu. Die Dunkelhaarige bemerkt kaum die Tränen, welche der Schmerz ihr in die Augen treibt.

Mit zitternden Händen greift sie nach dem Kind. Sie zerrt Danya an dem Nachthemd heraus aus dem Wasser. Es ist mühsam, aber sie schafft es und dabei muss sie unaufhörlich schluchzen.
Meine Kleine, sag etwas…  So sag doch etwas.

Aber es ist nur Stille und das Knischen des Schnees zu hören.

Die junge Frau reißt Danya mit zitternden Fingern das triefend nasse Nachthemd vom Körper. Der Stoff macht ein furchtbares Geräusch, als es zerreißt. Es klingt fast wie ein Schrei. Nun verflucht sie, dass sie ihren Umhang einige Schritt weiter fallen ließ. So muss sie Danya für kostbare Augenblicke im kalten Schnee liegen lassen. Mit jedem weiteren Wimpernschlag fließt das Leben aus dem kleinen Mädchen.

So schnell sie kann, wickelt sie das Wolltuch und das Überkleid um denn leblos wirkenden Körper und beginnt ihn mit steifen Fingern zu reiben. Sie selbst kann die Kälte bis in ihre Knochen spüren. Sie ist sich sicher, dass ihr nie wieder im Leben warm werden kann.

Sie dreht Danya zur Seite und versucht ihr das Wasser aus dem Magen zu drücken. Verzweifelt wirft sie einen Blick zurück zum Haus, denn dorthin muss sie das Kind bringen. Danya ist für sie viel zu schwer, um sie so weit zu tragen. Schluchzend beugt sie sich über die Kleine.

Du darfst jetzt nicht aufgeben. Hörst du mich?

Aber Danya atmet nicht, sie scheint schon jetzt wie eingefroren. Sanft berühren die Lippen der jungen Dunkelhaarigen die des Kindes.
Mein Atem für dein Leben.“, flüstert sie und verschließt Danyas Mund mit ihrem. Heißer Atem strömt in den jungen, leblosen Körper, denn das ist die einzige Möglichkeit Wärme in ihre Schwester zu bekommen. Immer wieder haucht sie Danya Leben ein, während ihre Tränen auf das bleiche Gesicht fallen. In ihren Ohren rauscht das Blut, als wäre sie noch immer in dem Fluss Es rauscht so laut, dass sie die schnellen Schritte hinter sich nicht hört.

Karin? Enders sagte…
Der junge, hochgewachsene Mann erstarrt in seiner Bewegung, als er Danya in den Armen der gemeinsamen Schwester sieht.

Ist sie?
Es ist unmöglich für ihn, die Frage zu beenden, die Worte zu sprechen, die er nichteinmal denken kann.

In diesem Augenblick beginnt das Kind zu husten und bäumt sich auf.

Danya… Atme!
Karin sieht auf.
Fass mit an, Arndt.
Sie greift erleichtert nach der Hand ihres Bruders.
Ich bin so froh, dass du da bist.

Bringen wir unsere kleine Danya nach Hause.
Mühelos hebt der junge Mann das hustende Kind hoch.
Und dich müssen wir auch ins Warme kriegen. Deine Haare sind gefroren.

Endres und die kleine Bine stehen schon Händchen haltend vor der Haustür und starren konzentriert auf ihre Geschwister, als wenn ihre Blicke sie schneller laufen lassen könnten.

Ein kleines Wölkchen hatte die großen Nordwolken überredet, der Sonne Platz zu machen. Wärmend streichelt die Sonne nun Danyas Gesicht und das Wölkchen flüstert Danyas Namen. Auch Marina kommt zur Tür und zieht sich das Wolltuch enger um die Schultern, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Kommt herein, oder wollt ihr euch erkälten?
Wie eine Glucke scheucht das große Mädchen die beiden anderen Kinder wieder hinein. Bevor auch sie zurück ins Haus geht, schaut sie für einen Moment besorgt auf die nahenden Umrisse vor der tief stehenden Sonne.

Was genau passiert war, konnte sie aus den wirren Erklärungen ihres kleinen Bruders, als dieser in das Haus gestürmt kam, nicht heraus hören. Doch dann hatte sie ihn in die Arme genommen und ihm beruhigend zugeflüstert. Danya war in den Fluss gefallen, das konnte sie aus dem Schluchzen entnehmen. Und aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arndt war sofort los gerannt war, als er das hörte.

Das Feuer im Haus brennt hell und heiß und Claudia Marina will noch ein paar Decken mehr herbei holen. Dieser hinterhältige Fluss hatte schon einmal ein Opfer gefordert. Mit den selbst gestrickten Decken in der Hand verlieren sich ihre Gedanken in der Zeit. Erst das kektisches Treiben an der Tür schreckt sie auf.

Marina…“, beginnt Karin mit gebrochender Stimme.

Ist sie?
Das große Mädchen unterbricht ungeduldig ihre große Schwester und auch ihr fehlen die Worte, um die Frage zu beenden.

Die feste Stimme des jungen Mannes unterbricht die beiden Schwestern.
Nein.“

Mit großen Schritten geht er in den Wohnraum und legt Danya auf das provisorische Bett. Sein Blick ist verschlossen, er ist es nicht gewohnt seine Gefühle zu zeigen. Er zeigt mit verbissenem Gesicht auf den kleinen Stapel Holz neben dem Kamin und murmelt:
Ich geh Holz hacken.

Als er geht, lässt er zwei verdutzt blickende Schwestern im Haus zurück. Marina blickt in Karins erschöpftes Gesicht und bemerkt dann die Pfütze zu ihren Füßen.

Meine Güte, Liebes. Du bist tropfnass. Geh dich umziehen, ich kümmere mich um die Kleine.
Sie schiebt Karin in die Richtung ihres Zimmers, dann sieht sie sich suchend um. Bei all der Aufregung hat sie die anderen Kinder ganz vergessen. Endres und Bine hocken aneinander geklammert und verstört in der Ecke des Zimmers. Sie breitet die Arme aus und schluchzend stürmen die beiden auf sie zu.

Schhhh… schhhh… ist ja gut.
Sie hockt sich hin und sieht ihnen ins Gesicht. Zärtlich streichelt sie den beiden über die geröteten Wangen.
Geht zu Danya und rubbelt ihr die Haare trocken, macht ihr das für mich? Ich koch uns inzwischen einen schönen heißen Tee.

Mit Honig?“, fragen beide im Duett.

Marina nickt und ein Lächeln erhellt die kleinen Gesichter. Schnell wuseln sie hinüber zu ihrer Schwester, froh endlich helfen zu können. Marina erhebt sich müde. In der Küche stellt sie Wasser für den Tee auf das Herdfeuer. Diese Handbewegungen sind vielfach wiederholt, sie kann sie im Schlaf und ihre Gedanken haben Zeit für Tagträumereien. Für einen Moment lehnt sie sich gegen die Wand und schließt die Augen. Sie lauscht dem Geplapper der Kleinen und hört auf das Schlagen der Axt, Karins leises Weinen und das Schlagen ihres eigenen Herzens. Als sie das Blubbern des Wassers hört, holt sie noch einmal tief Atem
Steh mir bei, Mama… mach, dass sich unsere kleine Danya wieder erholt.

Auf einem großen Tablett stellt sie die dampfenden Tassen und ein wenig Gebäck. Das Rascheln des Gebäckbeutels lockt Nini hervor. Die kleine, flinke Hausmaus fiepst fröhlich und ihre Knopfaugen hängen an den buttrig, süßen Knabbereien. Schmunzelnd reicht Marina ihr einen besonders großen Krümel herunter und trägt das Tablett dann in die Stube.

Karin ist zurück und sie streichelt Danyas Kopf, der in ihrem Schoß liegt.

Bine hat Danyas Lieblingspuppe aus dem Schlafzimmer der Kinder geholt.
Eine kleine Stoffpuppe mit großen weißen Flügeln, weshalb sie von Danya „Flügelchen“ genannt wurde. Im Sommer war sie immer mit ihr über die Wiesen gewirbelt. Nini war schon vor geeilt und krabbelt gerade an dem Deckenhaufen hinauf. Das kluge Hausmäuschen trippelt hektisch zu dem roten Gesicht Danyas und rubbelt die kleine Schnauze an ihrer Wange. „Fiiieps“, betroffen rollt sich Bini auf der sich kaum bewegenden Brust zusammen.

Marina stellt das Tablett ab und gibt jedem eine heiße, süße Tasse Tee. Schweigend legt sie ihrer großen Schwester die Hand auf die Schulter. Beide lächeln sich aufmunternd zu. Während Karin dem fiebrigen Kind immer wieder über die Stirn streichelt, legt ihr Marina eine ihrer selbst gestrickten Decke über die Schulter. Die hatte Mutter noch mit ihr zusammen gestrickt. Beide an verschiedenen Seiten und immer wenn sie sich in der Mitte trafen, hatten sie die Nasen aneinander gerieben und fröhlich gelacht. Marinas Kichern scheucht Karin aus düsteren Gedanken auf.
Woran denkst du? Ich glaube, ich könnte auch ein wenig Frohsinn gebrauchen.

Marina streichelt mit den Fingerspitzen über die weiche, braune Wolldecke.
„Ich dachte an Mama und wie viel wir gelacht haben, als wir diese Decke zusammen strickten.“

Eine schöne Erinnerung.
Beide nicken, das Lächeln auf ihren Gesichtern schon etwas tiefer. Karin widmet sich wieder der kleinen Danya und Marina nimmt den Geschwistern Endres und Kubine die Tassen aus den Händen. Beide liegen zusammen gerollt, wie die Ninimaus, neben Danya und schnarchen ganz ganz leise, auch genau so wie die Ninimaus. Sie sind so zerbrechlich und so voller Leben.

Marina holt noch ein paar Decken. Wie gut, dass sie so gerne strickt. Und Arndt hatte sie immer belächelt, wenn sie an dunklen Winterabenden am Kamin gesessen hatte und neben dem Knistern des Feuers nur noch das Klappern der Stricknadeln zu hören war.

Arndt!“, murmelt das Mädchen. Schnell deckt sie ihre jüngeren Geschwister zu und nimmt eine Tasse in die Hand. Eine Decke und warmer Tee würde auch dem großen Bruder gut tun, findet sie.

Karin sieht ihrer Schwester hinter her. Ihre Stimme ist leise und zärtlich, wie ihre Hand, die immer wieder die heiße Stirn kühlt.
Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon. Das hat Mutter immer gesagt, wenn einer von uns Kindern weinend zu ihr gelaufen kam, weil wir uns das Knie aufgeschlagen hatten oder Bauchschmerzen uns plagten. Dann küsste sie ganz sacht die schlimme Stelle und erzählte uns von Engeln, die über uns wachen und unsere Sorgen Stück für Stück aus unseren Herzen heraus holen. Sie binden sie an Federn ihrer Flügel und dann fliegen die Sorgen davon. Um so größer die Sorge, um so länger dauert es, aber Engel werden niemals müde und irgendwann kann man dann wieder lachen.“

Karin grübelt kurz, dann beginnt sie das alte Kinderlied zu singen, dass ihre Mutter immer mit ihnen gesungen hatte, damit sie zu weinen aufhörten. Es klappte jedes Mal.

„Engel Flügel schlagen leise,

klingen wie die schönste Weise.

streicheln sanft sie dein Gesicht,

mögen sie doch Tränen nicht.

Niemals sind die Engel weit,

schenken dir bald schöne Zeit.“

Karin lacht. Es war so lange her, dass sie dieses Lied gesungen hat.

Ein Flüstern erregt ihr Aufmerksamkeit. Danya bewegt die Lippen und kaum hörbar haucht sie den Refrain des Kinderliedes:
Danya hat die Augen aufgeschlagen.

„Mit den Flügeln der Zeit

fliegt die Traurigkeit davon.“

~~~

Copyright © 2009 by Simone Wilhelmy

Quelle Bilder: Chanelorn
Danke dir :)

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Aveleen Avide – interviewt von Iris Gasper und Preisrätsel: 1x “Purpurne Lust” und eine handsignierte Autorenkarte zu gewinnen!

Erstellt von Galaxykarl am 24. Januar 2012

Interview mit Aveleen Avide

sfbasar: Liebe Aveleen, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Ich finde es toll wie offen und locker du Kontakt zu deinen Leserinnen und Lesern pflegst. Das führt mich auch zu meiner einleitenden Frage. Du hast ja einen eigenen Blog und interviewst auch ganz viele deiner Autorenkolleginnen und –kollegen. Wie viel Zeit investierst du in deinen Blog, in soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter und überhaupt in den Kontakt zum Leser und wie viel Freude oder vielleicht manchmal auch Ärger beschert dir das?

Aveleen Avide: Ich freue mich, dass du mich interviewst (lächelt). Und mir ist tatsächlich der direkte Kontakt zu meinen Leserinnen und Lesern sehr wichtig. Wie viel ich in sozialen Netzwerken unterwegs bin, kann ich gar nicht genau feststellen. Da kommen aber mindestens 3 Stunden die Woche, eher mehr zusammen. Allerdings, seit mein iPhone-App verschlimmbessert wurde, bin ich weniger in Facebook unterwegs, da es nervt, dass der App so unhandlich und lahm geworden ist. Mein Blog, das dürfte wöchentlich zwischen zwei bis zehn Stunden sein. Eher zehn Stunden, wenn ich zusätzlich über Lesungen berichte und eher zwei Stunden, wenn ich „nur“ ein Interview online stelle. Ärger hatte ich bisher Gott sei Dank herzlich wenig. Ein paar Neider wollten Kommentare auf meinem Blog hinterlassen, ein paar unerfreuliche Mails, aber das ist mehr als verschwindend gering, sozusagen kaum der Rede wert.

sfbasar: Erotische Literatur ist ja ein ganz besonderes Genre für das sich auch nicht jeder, der gerne Bücher liest, erwärmen kann. Wie würdest du solchen Menschen deine Bücher und ihre Inhalte schmackhaft machen wollen?

Aveleen Avide: Wer z.B. gerne Liebesromane liest und in den Liebesromanen zu wenig erotische Liebesszenen findet, hier geht es in meinen erotischen Geschichten weiter. Hier gibt es – jedenfalls in den Büchern, die ich schreibe oder auch bei vielen Büchern, die meine Kolleginnen schreiben – viel Lust, viele erotische Sexszenen und eine Rahmenhandlung dazu, die mal mehr und mal weniger Platz einnimmt. Ich schreibe aber nicht nur Liebesroman-Erotik, ich schreibe auch Geschichten, in denen ich die Leser mit der Art, wie die Erotik zu Stande kommt, mit der Art der Location überraschen.

sfbasar:
Erotik, das ist ein Thema was Männer und Frauen sicherlich mit ganz anderen Augen betrachten. Wie würdest du persönlich da deine Bücher „Seidene Küsse“, „Samtene Nächte“ und „Purpurne Lust“ einordnen. Sind sie mehr für den Mann oder mehr für die Frau bestimmt?

Aveleen Avide: Schwierige Frage. „Seidene Küsse“ kam bei Heyne raus und dort waren die Erotikszenen sehr kurz. Ich war deshalb mehr als überrascht, wie viele Männer trotzdem dieses Buch gelesen haben. Zuschriften für all meine Bücher bekomme ich mehr von Männern als von Frauen. Da ich ja selbst keine Auswertung der Verkäufe nach Gebieten und falls es das gibt, nach Geschlecht bekomme, deshalb ist es sicher nur ein subjektives Empfinden meinerseits. Da ich mich sehr mit dem Thema Erotik auseinandergesetzt habe, würde ich sagen, dass sowohl Geschichten für Männer als auch für Frauen in meinen Büchern zu finden sind und das versuche ich erst einmal weiterhin so zu halten. So sind zwei Frauen der Traum vieler Männer – natürlich nicht aller, aber es ist eine geliebte Männerphantasie. Was mir oft von Männern gesagt wird: „Es ist so spannend, dass man in deinen Büchern erfährt, wie Frauen das sehen und was Frauen wollen.“ Selbst in Men‘s Health im Onlineartikel „Was Frauen sich wirklich wünschen“, wurde mein Band mit erotischen Kurzgeschichten „Samtene Nächte“ als Tipp genannt. Also sind meine Bücher, aus den verschiedensten Gründen definitiv auch Bücher für Männer.

sfbasar: Viele Menschen denken ja, dass Autoren von ihren Büchern leben können. Oft ist das aber nicht der Fall. Gehst du noch anderen Tätigkeiten nach und willst deinen Lesern darüber etwas verraten?

Aveleen Avide: Ich werde zwar nicht verraten, wo ich arbeite, aber was ich arbeite, das muss ich nicht geheim halten. (lächelt). Ich habe noch fünf Tage die Woche einen 20-25-Stunden-Job auf selbständiger Basis im Büro und dann noch pro Woche einmal einen 4-Stunden-Job, ebenfalls auf selbständiger Basis und auch im Büro. Meist fange ich bei meinem ca. 20-Stunden-Job um acht Uhr an, aber ich kann auch erst am Nachmittag arbeiten, um zehn Uhr anfangen, ganz, wie es mir beliebt, ausgenommen, ich habe dort geschäftliche Termine wahrzunehmen. Das hat natürlich für mich als Autorin viele Vorteile. Vor allem, wenn ich einen zusätzlichen Job suche, dann kann ich diesen arbeitszeitmäßig annehmen, egal, wie es zeitlich gewünscht wird. Da habe ich sehr großes Glück. Ab und an bekomme ich noch Aufträge, die mit meinen Internetaktivitäten zu tun haben. Leider kann ich noch nicht vom Schreiben leben. Ich bin aber schon sehr glücklich, dass ich tolle Kunden in meinem Bürojob habe und dass diese Arbeiten sehr abwechslungsreich sind.

sfbasar: Wie stelle ich mir überhaupt einen Tag im Leben der Autorin Aveleen Avide vor?

Aveleen Avide: Ich bin eine Phasenschreiberin. Das heißt, ich schreibe nicht kontinuierlich das ganze Jahr durch. Allerdings schreibe ich kontinuierlich, sobald ich ein Buch zu schreiben begonnen habe. Ich brauche immer ein paar Wochen, in denen ich regelmäßig Zeit zu schreiben habe, danach kann ich auch mal hier eine Stunde und da eine Stunde am Tag schreiben. Ich muss morgens geschrieben haben, damit ich abends wieder schreibe. Oder aber ich muss an einer erotischen Stelle sein, dann kann ich sogar abends schreiben, auch wenn ich morgens nichts geschrieben habe. Denn ich liebe die erotischen Sexszenen. Hört sich das jetzt kompliziert an? (Augenzwinkern).
Derzeit schreibe ich an einem Buch, also schreibe ich kontinuierlich. Ich habe auch eine schöne Anfangsphase, denn innerhalb von sechs Wochen, fährt mein 4-Stunden-Nachmittags-Job fünf Wochen in den Urlaub und ich arbeite in dieser Zeit dort nachmittags nicht. Diese Zeit nutze ich, um mich einzuschreiben und mich zu disziplinieren. Ich kann auch sehr oft nicht gut durchschlafen, bin dann schon um ca. vier Uhr dreißig auf, dann schreibe ich bis ca. sieben/sieben Uhr dreißig, danach gehe ich in die Arbeit. Da ich nachmittags um ein/zwei Uhr einen langen Arbeitstag hinter mir habe, mache ich eine lange Pause bis ca. siebzehn Uhr dreißig und dann schreibe ich weiter oder ich bereite Interviews vor, beantworte überfällige E-Mails, Schreibe Texte für meine Webseite oder meinen Blog usw. Wenn ich an einem Buch schreibe, so wie jetzt, gehe ich höchstens zwei Mal die Woche aus.
Auch wenn mir schreiben Spaß macht, so ist es bei mir doch mit sehr viel Disziplin verbunden. Da ich eine Leseratte bin, viele Ideen für meinen Blog und meine Homepage habe, auch gerne fern sehe und gerne ausgehe, brauche ich wirklich Disziplin, denn ich muss, wenn ich an einem Buch schreibe, drastisch all meine anderen Aktivitäten reduzieren, die ich auch sehr gerne mache. Aber um des Schreibens Willen halt dann sein lasse oder eben auf ein äußerstes Minimum reduziere. Ich habe keine Zeit zu schreiben gibt es also bei mir nicht. Aber für Sport bleibt keine Zeit und darauf zu verzichten fällt mir nun gar nicht schwer.

sfbasar: Die Ideen für deine erotischen Kurzgeschichten nimmst du sicherlich irgendwoher. Was inspiriert dich dabei? Sind es eigene Erfahrungen? Eigene Wünsche? Bestimmt Orte, die du toll findest?

Aveleen Avide: Ich würde nur zu gerne sagen, es sind die Charaktere, es sind die Protagonisten, mir drängt sich eine Geschichte förmlich auf, aber so ist es nicht. Mich inspirieren tatsächlich Orte. Ich habe einen fantastischen Ort gesehen und das bringt mein Kopfkino zum Laufen, sehr langsam, aber eben zum Laufen. In ganz seltenen Fällen, passiert jemanden etwas und ich denke, wow!, geile Idee. Also nicht dass du jetzt denkst, ich meine erotische Momente. Da ist meist nichts dabei, was ich mir nicht schon selbst ausgedacht oder was es so nicht schon gegeben hätte.
Beispiel für eine Idee zu einer meiner Geschichten: In dem Haus, in dem ich wohne, lebt eine Freundin von mir und zwei ehemalige Kolleginnen. Zufällig, wie ich auch noch betonen möchte. Kollegin – ich nenne sie mal A und B – haben normalerweise gegenseitig den Schlüssel. Da aber einige Wochen vorher Kollegin B im Urlaub war, hat mir Kollegin A ihren Schlüssel gegeben. Kollegin B hat einen Mitbewohner und der hatte seine Freundin zu Besuch, brach aber ganz in der Frühe nach Hamburg auf und hat, so wie er es gewohnt war, genau, die Wohnung abgeschlossen, nachdem seine Mitbewohnerin schon in die Berge unterwegs war. Kollegin A und B fuhren an diesem morgen gemeinsam in die Berge. Ups! Die Freundin des Mitbewohners war eingesperrt in der Wohnung B und vor dem Abend wäre niemand an diesem Werktag zurück gekommen. Ich bekam einen Anruf von meinen ehemaligen Kolleginnen. Ob ich wohl mit meinem Schlüssel Wohnung A aufschließen, dort den Schlüssel für Wohnung B holen und die Dame in die Freiheit entlassen könnte.
Eingeschlossen! Das hat bei mir Klick gemacht. Ausschließen, das hört man ja sehr oft (ist mir in 20 Jahren auch erst 3 Mal passiert), aber einschließen! Das fand ich klasse! Mir war sofort klar, das wird eine Geschichte. Ich musste also „nur“ überlegen, wie bekomme ich einen Mann und eine Frau in die gleiche Wohnung und warum werden sie eingeschlossen? Diese Geschichte gibt es nun in „Samtene Nächte“.

sfbasar: Kannst du dir vorstellen etwas in einem ganz anderen Genre zu schreiben und in welche Richtung würde das eventuell gehen?

Aveleen Avide: Aber ja, klar kann ich mir das vorstellen. Am liebsten würde ich einen Serienmörderkrimi schreiben oder einen Liebesroman. Allerdings muss ich dazu zusätzliche Zeit freischaufeln und das habe ich noch nicht geschafft. Deshalb bleibe ich erst einmal bei erotischen Kurzgeschichten. Die mir, wie ich zugeben muss, auch riesigen Spaß machen.

sfbasar: Wie sieht es denn bei dir selbst so mit Erotik und mehr aus? Ist dir der Märchenprinz schon über den Weg gelaufen?

Aveleen Avide: Ah, du meinst den tollen, gut aussehenden Mann, der auf einem weißen Schimmel angeritten kommt? Bisher ist noch keiner an mir vorbeigeritten. Wohl auch etwas schwierig in München. Ich habe mir aber auch sagen lassen, dass ein Märchenprinz nicht so leicht herfindet. Vielleicht braucht es dazu einen besonderen Navi?  Oder eine eigene App?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, die Märchenprinzen in meinem Alter haben schon ihre Prinzessin gefunden oder sich gerade getrennt und wollen sich deshalb erst einmal „die Hörner abstoßen“, oder sollte ich sagen, ein paar Runden durch den Park reiten? Das stört mich aber auch nicht. Ich meine, dass es in meinem Leben keinen Märchenprinzen gibt. Wobei mir ein Mann aus Fleisch und Blut sowieso lieber wäre. Egal ob mit oder ohne Pferd. Mein Leben ist dermaßen ausgefüllt, dass ich derzeit keinen Märchenprinzen vermisse. Erotik – ich genieße und schweige.

sfbasar: Es wäre schön, wenn du vielleicht selbst eine Frage hättest, die du schon immer gerne jemandem beantworten wolltest, die dir aber noch nie jemand gestellt hat. Dann übernehme das doch an dieser Stelle selbst und gib dir sofort die Antwort auf die Frage.

Aveleen Avide: Da gibt es tatsächlich eine Frage. Die Frage könnte in etwa lauten: Kann man in deinen Büchern auch etwas lernen? Wie schon gesagt, in Men‘s Health wurde mein Buch als Tipp genannt für „Was Frauen sich wirklich wünschen.“ Aber das ist nicht alles. Ich sehe mir alle Sendungen an über Zwischenmenschliches, neue Erkenntnisse über alles was mit Sex zu tun hat und mit der Psyche zur Sexualität. Ich finde dies ist ein unglaublich spannendes Feld, gerade für mich als Erotikautorin. Nicht, dass ich die Protagonistinnen jetzt etwas erklären lassen würde. Manchmal kommt es vor, dass eine Protagonistin plötzlich und unerwartet eine Äußerung macht und ich dann denke, oh, dazu habe ich doch etwas gesehen, gelesen oder gehört, dann kann ich es mit in ihren Charakter einfließen lassen, ohne, dass es erklärend wirkt.
Wobei der „Lernfaktor“ natürlich nur ein Zusatznutzen ist. In erster Linie will ich, dass Männern und Frauen mächtig heiß wird, wenn sie meine erotischen Bücher lesen. Sie sind auch geeignet, sie zu Zweit zu lesen, habe ich mir schon des Öfteren sagen lassen. Sie fördern also das Zwischenmenschliche.

sfbasar: Was sind für dich die erotischsten Orte auf der Welt und wo verbringst du selbst deinen Urlaub am allerliebsten?

Aveleen Avide: Ich muss gestehen, nach den erotischsten Orten der Welt habe ich noch gar nicht gesucht. Gute Idee! Aber gibt es das? Ich meine jetzt außerhalb von Swingerclubs und entsprechenden Foren? Ich selbst liebe die Wärme und da es in München an meinen freien Tagen meist kalt ist oder regnet oder beides, auch deshalb sehne ich mich nach Wärme.
Dies ist das erste Kriterium nach dem ich mir den Urlaubsort aussuche. Außerdem fahre ich gerne weiter weg, da ich mir denke, im Alter kann ich dann in der Nähe Urlaub machen. Ich liebe Städtereisen, die vielleicht auch noch am Meer liegen. Ich liebe Sonne, das Meer, gutes Essen, Seitengässchen, in die keine Touristen vordringen, Lokale, in denen einheimisches Essen serviert wird, Bars, in die auch Einheimische gehen. Für mich waren meine bisher nachhaltigsten Urlaube New York (2000, da gab es das World Trade Center noch), Florida (von Orlando – schrecklich – bis runter zu den Keys, traumhaft), Barcelona und Santorini. Wahrscheinlich, weil ich dort so unglaublich tolle Dinge erlebt und auch gesehen habe. Die Locations in Florida in meinem Buch „Purpurne Lust“ habe ich fast alle selbst gesehen, allerdings diese Abenteuer habe ich nicht erlebt, die sind meiner Phantasie entsprungen.

sfbasar: Ach und da fällt mir noch etwas ein. Aveleen Avide, das hört sich schon so schön erotisch an. Wie kommt man auf einen solchen Namen?

Aveleen Avide: Ich liebe diesen Namen, schon vom ersten Moment an. Ich habe zwei Wochen recherchiert, welcher Name zu mir und zu meinen Büchern passen könnte und das Wichtigste: Ich wollte mich damit identifizieren können, hatte aber noch viele andere Ansprüche an den Namen, den ich wählen wollte. Diesen Namen habe ich gefunden. Es freut mich, dass ich die richtige Wahl getroffen habe und dass Aveleen Avide als erotischer Name wahrgenommen wird.

sfbasar: Zum Abschluss möchte ich dich bitten, die folgenden Satzanfänge zu ergänzen:

Buchstaben sind … der Beginn für Sätze.
Worte sind … der Beginn für Geschichten.
Bücher sind … zum Träumen, zum Lieben, zum Abenteuer erleben, zum Reisen in ferne Galaxien, sie sind der Stoff aus dem die Träume sind. Und was gibt es Schöneres und Befriedigenderes für einen Autor, als wenn er unter sein Buch „Ende“ tippen kann oder wenn die Leser auf ihn zu kommen und sagen: „Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen“…

Aveleen Avide: Liebe Iris, vielen Dank für die Fragen. Es hat mir Spaß gemacht, sie zu beantworten.

sfbasar: Liebe Aveleen, auch ich danke für die Möglichkeit dich interviewen zu dürfen und deine umfangreichen und tollen Antworten

Copyright © 2012 by Aveleen Avide und Iris Gasper

Zur Rezension von Purpurne Lust

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Weitere Bücher der Autorin:

Seidene Küsse
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Samtene Nächte
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Weitere Infos über die Autorin:
www.aveleen-avide.com
www.aveleen-avide.blog.de

Preisrätsel 1  Exemplar von Purpurne Lust: Wer  dieses Exemplare zusammen mit einer handsignierten Autorenkarte erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Welche Farbe kommt in einem Romantitel der Autorin vor? (Die Antwort ist im Interview zu finden!) Sobald 100 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen!

Gewonnen hat:  Lukas Klach
Herzlichen Glückwunsch!

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NEWROPA – Science Fiction Roman von Michael Pick (Textauszug) (sfb-Preisträger Platz 3 im Storywettbewerb 1/2012)

Erstellt von Michael Pick am 23. Januar 2012

NEWROPA

Science Fiction Roman

von

Michael Pick

(Textauszug)

Auf Sirius` persönlicher Landkarte war Taranjuk ein blinder Fleck. Es wäre klug gewesen, Meyer intensiver nach dem Auftrag und der Stadt zu befragen, doch der Leiter des Geheimdienstes war in den Tagen vor Sirius Abreise merkwürdig zurückhaltend. Gut sollte Sirius der Aufenthalt unter Menschen tun. Alles, was Meyer zum Reiseziel über die Lippen kam, war, dass Taranjuk im Sommer einer altmodischen zinnernen Badewanne glich. Mit dieser Aussage war wenig anzufangen. Vielleicht war gemeint, dass die Menschen aus allen Richtungen in die weitläufige Senke unter der Lena strömten. Allerdings dürfte die alte Königin Sibiriens heute nicht mehr als ein Rinnsal sein.

Sehr wahrscheinlich, vermutete Sirius, war der Metroknotenpunkt Taranjuk zu keiner Zeit erfrischender als irgendein anderer Ort im Untergrund. Meyer aber tat, als wäre es ein Heiligtum, ein Erlösungsort. Wohlmöglich lag es daran, dass die Stadt früher, vor der Sonnenexploration, ein Weltraumbahnhof gewesen war. Einen knappen Kilometer nördlich der Stadt waren vor mehr als einhundert Jahren die Sojus-Raketen der Russischen Förderation ins All gestartet. Ein Ort, an dem die Sehnsucht schon immer zu Hause gewesen war. Meyer hatte Sirius wissen lassen, dass man ihn dort erwartete.

Als Sirius seinen Fuß auf den Bahnsteig setzte, jaulten die Klimaanlagen wie Sirenen bei einem Bombenangriff. Die Luft flimmerte. Über die Senke zwischen seinen Schulterblättern floss der Schweiß wie früher die Lena nach der Eisschmelze. An seinem Poloshirt, unter der pastellfarbenen Jacke mit Schulterpolstern, gab es jedenfalls keine trockene Faser mehr.

Mit einem wimmernden Ton verabschiedete sich die Metro, mit der Sirius gekommen war. Eine Wolke glühendheißer Luft zog ihr wie ein Schweif hinterher. Schweißtropfen sprangen von Sirius` braunen Haaren, krauchten über die vernarbte Haut, bis sie sich in den kurzen Stoppeln an Wange und Kinn auflösten.

Im schwachen Dämmerlicht lagen zwei Bahnsteige vor ihm. Ein weißes Schild mit einem großen, kohleschwarzen A hing zwischen einem Getränke- und einem Süssigkeitenautomat. Ein Bahnhof wie es ihn in tausend anderen Untergrundstationen gab, und dennoch war hier etwas sonderbar. Es dauerte einen Wimpernschlag, bis Sirius begriff, dass sich außer ihm nur zwei Personen im Gebäude befanden.

Im schalen Licht der Bahnhofslaternen erwartete ihn ein Pärchen. Den Mann erkannte Sirius sofort. Sein Name war Stanislaw Fedorow. Zuletzt hatte Sirius ihn, vor einem Jahr gesehen. Fedorow als Leibwächter von Präsident Salusconi; und Sirius der Pilot der EUROPE, der Metro des Staatsoberhauptes. Sirius hatte einen Unfall verursachen müssen, bei dem der Präsident um ein Haar tödlich verunglückt wäre. Die Angelegenheit hatte einen Riesenwirbel verursacht. Fedorow verlor wegen der Sache seinen Job. Aber Sirius Verlust war größer gewesen. Irgendwie verlor man andauernd etwas.

Fedorow stand wie ein Stier auf dem Bahnsteig, breitbeinig, den feisten Nacken bis unter die Ohren geschoben. Sein Gehabe wirkte umso lächerlicher, als der Mann gerade so groß wie ein durchschnittlicher Elfjähriger war. An einem Typ wie Fedorow biss sich die Zeit die Zähne aus. Das kantige Gesicht mit dem spitzen Kinn wie frisch aus einer Brotbackform gepresst. Wenn er lachte, entblößte er schiefe, gelbe Zähne. Der schwarze Rollkragenpullover dämmte mühsam die Muskelberge und jeden Augenblick war zu befürchten, dass die Nähte platzten. Sport war eine von vielen Aktivitäten, die Sirius gleichgültig ließen.

Fedorows Begleiterin lehnte an einem Stützpfeiler. Die blonden Haare schimmerten im fahlen Licht. Sie hatte es kurzgeschnitten, aber nicht militärisch. Der angedeutete Mittelscheitel glich einem zugewachsenen Dschungelpfad. Zwei, drei Strähnen fielen über die glatte Stirn bis zu den hellblauen Augen, deren Blick missmutig auf Sirius lag. Sie trug Jeans und ein frostblaues T-Shirt.

„Savic“, Fedorow spuckte den Namen auf die grauen Betonplatten.

Sirius hievte die Reisetasche über die Schulter, „Fedorow. Welche Überraschung.“

„Nicht für mich“, Fedorows Oberlippe bleckte wie ein Schäferhund, der seinem Gegner zur Begrüßung die Schneidezähne zeigte, „ich wusste, dass wir uns wegen der Sache mit Salusconi wiedersehen. Da ist einiges offen geblieben. Es war ein verdammt guter Job beim Präsidenten.“

Die Blonde räusperte sich. Fedorow schürzte die Lippen und glotzte wie eine Scholle. Er stellte die Frau als Elena Hammarby vor.

„Ich habe alles über Sie gehört“, sagte sie mit der Betonung auf ALLES. Dann streckte sie Sirius demonstrativ nicht die Hand hin.

„Tatsächlich? Ich hoffe, nicht nur Fedorow hat von mir erzählt.“

„Seien Sie froh, dass er es getan hat. Seine Beiträge waren noch am schmeichelhaftesten. Wo haben Sie Ihre Klamotten her? Frisch von einer Zeitreise? Oder halt“, sie zupfte an den Schulterpolstern von Sirius Jacke, „das Zeug war hoffentlich nie modern.“

Fedorow grunzte. Er wirkte sehr zufrieden.

„Wir sollten jetzt gehen. Der General wartet nicht gerne.“

Das Bahnhofsgebäude gähnte öde. Am Ausgang lungerten zwei Sicherheitsbeamte, der kleine runde Platz und der Tunnel davor waren leergefegt, als hätte alles Lebende diesen Ort verlassen. Sirius fragte sich, wo sich die Menschenmassen versteckt hielten, die angeblich Taranjuk zu dieser Jahreszeit überrennen sollten. Oder war es nur die falsche Tageszeit?

Vor der Metrostation parkte ein ETSIEBEN, ein Elektrotransporter der mittleren Kategorie, viersitzig, kastenförmig. Als Fedorow ihn startete, surrte der Motor wie eine Katze und die kleinen breiten, schwarzen Reifen zitterten. Sirius verstaute seine Tasche im Frachtraum. Er setzte sich zu Hammarby auf die lederbezogene Rückbank. Die Frau duftete nach Erdnüssen, die Flanken der klobigen Nase bebten, als scheuten sie vor seinem Geruch.

„Wissen Sie“, sagte Sirius, „mein Abteilungsleiter ist ein merkwürdiger Mensch. Manchmal redet er tagelang nicht oder verschweigt das Wichtigste. Von Ihnen zum Beispiel hat er mir nicht erzählt. Im Vergleich dazu, faselte er von einer bedeutenden Mission in Taranjuk. Lebenswichtig. Fast hätte er mich neugierig gemacht.“

Sirius erinnerte sich lebhaft an die zuckenden Finger von Meyer, als dieser von dem Auftrag berichtet hatte. Abteilungsleiter Meyer war ein Kerl von einhundertzwanzig Kilogramm und zeigte für gewöhnlich das Gemüt einer dösenden Riesenschildkröte.

„Er wird seine Gründe gehabt haben“, Hammarby zog einen Bleistift aus ihrer Hosentasche und kaute darauf herum.

„Sicherlich.“

„Es ist Colonel Fraziers Aufgabe, es ihm zu sagen“, mischte sich Fedorow ein, während er den Transporter aus dem Haupttunnel in eine Seitengasse steuerte. Dieser Tunnel war kaum breiter als der ETSIEBEN und dürftig beleuchtet. Seitdem die Menschheit wegen der gestiegenen Sonnentemperatur unter die Erdoberfläche flüchten musste, war Licht eines der größten Probleme.

„Ihm WAS zu sagen?“, aber die ohnehin dünne Unterhaltung war eingeschlafen und das Surren des Transporters bedeutete das einzige Geräusch, das die Stille begleitete. Die Scheinwerfer des Wagens bestrahlten die Wände mit einem diffusen Licht.

Nach einhundert Metern wurde der Transporter langsamer, ohne dass Sirius einen Grund dafür ausmachen konnte. Zwischen handbreiten weißen Linien, die ein Quadrat auf den Boden zeichneten, blieb der Wagen stehen und Fedorow wandte sich Sirius zu.

„Anschnallen und festhalten.“

Sirius kniff die Augen zusammen und stutzte über Fedorows sonderbares Ansinnen. Er bemerkte, dass Hammarby tatsächlich einen Gurt über ihren Oberkörper streifte. Die Angelegenheit klärte sich, als über ihnen eine Deckenplatte verschoben wurde und der Transporter samt der Platte, auf der er stand, empor stieß, als wäre er ein Helikopter oder wenigstens ein Fahrstuhl. Sirius, der mit einer solchen Boshaftigkeit nicht gerechnet hatte, kugelte über die Rückbank, bis er mit dem Kopf in Hammarbys Schoß landete.

„Haben Sie noch alle Blätter am Baum?“, Sirius spürte kleine, harte Fäuste in seinen Seiten.

Soweit er begreifen konnte, befanden sie sich in einem engen Schacht, der steil nach oben führte. Es war stockdunkel, was besonders unangenehm war, denn so konnte er Hammarbys Fäuste nicht sehen, die pausenlos auf ihn eintrommelten.

Fedorow knipste die Innenbeleuchtung des ETSIEBEN an. Als er Sirius auf Hammarby liegen sah, lachte er auf. Hammarby schnaufte und versuchte Sirius an seinem Kopf fortzustoßen, was dazu führte, dass sich die Verwicklungen verkomplizierten. Endlich gelang es Sirius, sich zu befreien.

„Machen Sie so was nicht noch einmal“, grunzte Hammarby und blitzte Sirius gewittrig an.

„Gewiss“, sagte Sirius und setzte sich gerade hin.

Die Elevation des ETSIEBEN fand ein Ende. Unvermutet strahlte Licht von Deckenlampen und über Wandreflektoren in den Transporter. Sie befanden sich in einer Halle mit hoher Decke. Fünfzehn Meter oder mehr, schätzte Sirius. Die Höhe wirkte, als befände sich ein Himmel über ihren Köpfen.

Fedorow steuerte zwischen Bergen von Paketen hindurch, die sich links und rechts von ihnen bis unter die Decke türmten, als hätte er nie etwas anderes getan. Bei der Halle könnte es sich genauso gut um das Lager eines Exportunternehmens handeln, dachte Sirius.

„Willkommen in der Dockstation“, rief Fedorow nach der ersten Linkskurve.

„Dockstation von was?“

„Er hat wirklich keine Ahnung“, sagte Fedorow, „das kann ja noch lustig werden. Ein Pilot, der die Richtung nicht kennt.“

Ich könnte immer noch umkehren und zurückfahren, dachte Sirius. Graubraune Pakete in unterschiedlichen Größen, wo auch immer er hinsah. Hammarby schwieg wie ein Stein. Hinter einer Pappwand schälte sich ein Container heraus, vor dem der Transporter zum Stehen kam.

„Wir sind da“, erklärte Fedorow.

Hammarby sprang aus dem Transporter und hämmerte gegen die Stahltür. Der Container war aus Blechplatten zusammengeschweißt und nachlässig weiß gespritzt, als wäre er sich seiner provisorischen Funktion bewusst. Auf der Tür klebte ein kleinkariertes Papier mit der Aufschrift: Colonel Connor Frazier. Ein schnittiges „Herein!“ donnerte durch das Metall.

Hinter der Tür war es schummrig, sodass Sirius nur grau und hell unterscheiden vermochte. Rechts von ihnen sprang schattenhaft ein Schreibtisch aus dem Dunst. Fedorow, in strammer Haltung, erstattete augenblicklich Bericht und gab Sirius Gelegenheit, den Offizier hinter dem Schreibtisch näher zu betrachten. Er schätzte ihn auf Mitte Vierzig, dem Ende der Dekade näher als dem Anfang. Sein Gesicht sah aus wie die gezeichnete Karte eines Schlachtfeldes. Aus dunkler Haut blitzten braune Augen wie zwei Artilleriebattalione. Tiefe Gräben durchzogen die Stirn und verliehen dem Antlitz den erforderlichen strengen Anstrich. Weiter unten lagen Lippen wie wulstige Infanterieregimenter in Reserve, dunkelrot gewandet, überschattet von einer knorpeligen, weitläufigen Nase als Reiterei. Hautkrater, wie sie Sirius aus den Lehrbüchern über Pockennarben kannte, puderten das schwarze Gesicht. Ein Schlachtfeld gespickt mit Einschüssen.

Stanislaw Fedorow beendete seinen Bericht, indem er auf Sirius zeigte. Der Colonel wirkte unzufrieden, aber das mochte ein Dauerzustand sein.

„Ich kann Sie nicht leiden, Savic. Ihr Ruf ist miserabel. Ich hätte Sie wegen der Sache mit Präsident Salusconi eher umgebracht, als Sie mit auf diese Mission zu nehmen, aber Sie sind mir von oberster Stelle aufgezwungen worden“, die klare Stimme erhob sich laut in dem Raum, als spräche er zu hundert statt zu drei Personen. Die braunen Augen blickten Sirius trocken an. „Ich sage es, damit wir klar sind.“

„Sonnenklar. Besser als ein verlogenes Willkommen“, konstatierte Sirius. Er kannte diese Reaktion zu Genüge. Der Unfall, den er mit der EUROPE verursachen musste, ging damals durch alle Medien. Selbstverständlich die offizielle Version, die mit der Wirklichkeit soviel gemein hatte wie Sirius mit einem blondierten Strahlemann.

„Um was für eine Mission handelt es sich?“

Der Colonel blickte Sirius mit einem seltsam gespannten Ausdruck an, als wäre er zufrieden, einen Wissensvorsprung zu haben.

„Damit wir uns von Anfang an verstehen, Sie unterstehen meiner direkten …“

Ein Schrei unterbrach den Colonel. Ein zweiter folgte. Direkt vor dem Container. Etwas oder jemand schlug gegen die Tür. Der Colonel sprang auf und warf Fedorow einen besorgten Blick zu. Hammarby dagegen schienen die Geräusche nicht zu beunruhigen, sie lehnte an der Containerwand, als wäre sie kurz davor, sich zu Tode zu langweilen.

Die Tür wurde aufgestoßen und eine kleine, schwarzhaarige Frau stürmte in das Büro. Mit dunkelbraunen Hotpans und einem Trägerhemd, das sich eng um ihren knabenhaft schlanken Körper schmiegte, sah sie aus, als käme sie direkt von einer Tanzvorstellung. Schulterlange Haare fielen in leichten Wellen bis über die Scapula. Sie blickte kurz um sich, blieb eine Zehntelsekunde länger an Sirius hängen, richtete den Oberkörper auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sirius prüfte aus Gewohnheit, empfand aber keinerlei körperliche Erregung bei ihrem Anblick. Er fühlte sich wie ein Eunuch, auf jeden Fall furchtbar alt.

„Sie müssen diesen Idioten von mir fernhalten“, rief das Mädchen Colonel Frazier zu.

Die Sprecherin rückte den Stuhl, der an der gegenüberliegenden Seite von Fraziers Schreibtisch stand, drehte ihn mit der Sitzfläche zur Tür und setzte sich. Obgleich sie allem Anschein nach auf der Flucht war, wirkte sie jetzt ruhiger als Fedorow, dessen Gesicht, seit die Frau den Container betreten hatte, von tiefer Röte überzogen war.

„Was soll das Theater, Dominic?“, der Colonel schien nicht überrascht, mehr verärgert, vielleicht angesichts Sirius` Anwesenheit.

„Sie können machen, was Sie wollen. Ich werde mich von diesem Idioten nicht bespringen lassen. Mission hin oder her. Der ist so vollkommen schwanzgesteuert, dass in seinem Kopf ein zweites Spermalager eingerichtet sein muss.“

„Warum auch nicht“, rief ein junger Mann, der in der Zwischenzeit unbemerkt den Container betreten hatte. Gebaut wie ein Boxer, wie er Sirius unter T-Shirt und Jeans schien. „Praktisch wär`s allemal.“

Sein Mund reichte von einem Ohr zu anderen. Bewunderns-, fast schon beneidenswert, registrierte Sirius den dichten, blonden Haarwuchs des Neuankömmlings. Die Augen schimmerten im leichten Blau, marmorne Haut; die ganze Erscheinung gereichte einem griechischen Gott oder wenigstens einem schwedischen Hochspringer zur Ehre.

„Befehl ist Befehl, Dominic. Ich würde Ihnen vielleicht recht geben, wenn es nur Sie und Cedric betreffen würde. Aber so ist es nicht. Sie wissen das; Sie sind ein kluges Mädchen.“

Die Frau auf dem Stuhl, die der Colonel mit Dominic angesprochen hatte, verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

„Ernsthaft, Colonel. Stellen Sie sich ein halbes Dutzend Kinder von Cedrics Intelligenz, äh, besser von Cedrics Nichtintelligenz, vor. Wenn das die Zukunft der Menschheit werden soll, dann wäre es besser, wir sterben aus. Schleunigst.“

Der Blonde, dessen Name Sirius mit Cedric vermutete, grinste verlegen oder betroffen oder beides.

„Sie vergessen“, der Colonel erhob sich, „dass diese Kinder zur Hälfte von Ihnen wären. Und jetzt möchte ich sie beide bitten, das letzte Mitglied unserer Crew zu begrüßen: Sirius Savic. Er ist Pilot und wird Elena Hammarby unterstützen.“

„Das wüsste ich aber“, grummelte Hammarby laut genug, dass alle im Raum es hören konnten.

„Willkommen“, rief Cedric und stakte auf Sirius zu. „Savic? Der Name kommt mir bekannt vor.“

„Er ist ein Idiot“, Dominic schüttelte den Kopf und sah den Colonel mit hochgezogenen Augenbrauen an. So, als wollte sie sagen, sie hätte es immer schon gewusst.

„Cedric ist nur dumm, Savic ist der Idiot“, ergänzte Hammarby.

„Savic“, als hätte Fedorow darauf gewartet, sich hervortun zu können, „hat vor einem Jahr beinahe Präsident Salusconi umgebracht“, Fedorow mühte sich wenig, seine Verachtung für Sirius zu verbergen, „er hat die EUROPE, die Untergrundbahn des Präsidenten, zum Entgleisen gebracht und dabei zehn Menschen getötet.“

„Sie haben nicht erwähnt, dass der Unfall Ihnen den Job gekostet hat“, Sirius hielt Fedorows Blick stand.

„Savic gehört zur Besatzung, ob es gefällt oder nicht. Hammarby, Sie zeigen ihm die NEWROPA. Und Elena“, der Colonel wirkte für Sirius` Geschmack eine Spur zu ernsthaft, „bringen Sie ihn nicht schon am ersten Tag um.“

Die blonde Frau grunzte, was alles bedeuten konnte. Sirius folgte ihr wie ein ertappter Hund, behielt aber die Augen geschärft, sofern seine Führerin es mit den Befehlen des Colonels nicht allzu sorgfältig nehmen sollte.

Die junge Pilotin verschlang den Raum mit ihren Schritten und achtete nicht darauf, ob Sirius mit ihr mithalten konnte. Sie liefen durch ein Labyrinth, dessen Wände gestapelte graubraune Pappkartons formten. Die Pfade, die diesen Pappdschungel durchdrangen, kannten nicht einen geraden Meter. Die Richtung änderte sich stetig, sodass der Benutzer nicht weiter als ein oder zwei Meter im Voraus schauen konnte. Am Ende verschwand gar der ganze Gang hinter einer graubraunen Kartonwand.

Sirius hatte gerade Zeit sich zu fragen, was wohl zu tun wäre, als Hammarby drei Kartons aus der Mauer stieß und auf diese Weise die Sicht auf eine Halle freigab. Ihre hochgezogenen Augenbrauen schienen eine Art Erlaubnis zum Eintritt. Im Vorbeigehen steckte Sirius einen Signalsender zwischen die Pakete. Nachdem er die Halle betreten hatte, schob Hammarby die Kartons wieder zurück in die Mauer.

(wird fortgesetzt)

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Bildrechte: Coverillustration “Evolution. – Menschheitsgeschichten” (http://www.chaosrigger.org/pixel02/upload/2011/02/06/20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Cyborgs01-89-46-minus54.jpg” (Originaltitel: 20110206232618-23a74ac6.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM – eine Kurzgeschichte von Martina Müller

Erstellt von Martina Müller am 22. Januar 2012

FAHRRADTOUR ZUM GOETHETURM

eine

Kurzgeschichte

von

Martina Müller

Es war Mitte der 60er Jahre. Ein heißer Sommer. Ich heiße Silvia und war 10 Jahre alt. Mein 8jähriger Bruder Ralph und ich wollten gerne mit unseren Fahrrädern, die wir von unserem Papa vor drei Wochen geschenkt bekommen hatten, zum Goetheturm in den Stadtwald fahren. Meine Mama schaute uns fragend an und meinte:

„Schön aber nur wenn Bärbel und Ingrid mitfahren!“

Die beiden Nachbarskinder aus dem 7. Stock waren nämlich schon 11 und 13 Jahre alt!

Wir willigten ein und so rief meine Mami dort an und fragte die Mutter der beiden Kinder. Die war sofort einverstanden, und so schaute Klaus, der Papa der beiden, nach den Rädern und pumpte die Reifen auf, stellte die Bremsen ein und schraubte noch dies und das daran fest. Unsere beiden Räder brauchten keine solche Inspektion denn unsere waren praktisch nigelnagelneu!

Als wir abfahrbereit waren gab uns Klaus noch ein wenig Geld, damit wir uns am Goetheturm etwas kaufen konnten, eine Limo oder so. Außerdem bekam Ingrid, die älteste von uns, einen Zettel mit den Telefonnummern von unseren beiden Familien und einige Groschen, die in diesem Zettel eingewickelt waren. Ingrid verstaute das Notfallpäckchen in die obere Tasche ihrer Latzhose. Klaus faltete noch eine Karte von Frankfurt auf, in der auch alle Radwege eingezeichnet waren, selbst die, die im Stadtwald zum Goetheturm führten. Die Karte steckte er in meine Fahrradtasche, die auf meinem Gepäckträger befestigt war, in der sich auch unsere Jacken befanden. Da mein Fahrrad das schnellste war und sogar eine Dreigangschaltung hatte, bekam ich die Aufgabe, unsere Sachen zu transportieren, worauf ich ein wenig stolz war.

Wir fuhren also zu viert  los und benutzen so gut wie immer einen Fahrradweg, auch wenn das manchmal einen Umweg bedeutete. An einigen Stellen fuhren mein Bruder und ich auch mal auf dem Gehweg und die beiden Mädchen auf der Strasse. Immerhin durften die beiden das, weil sie ja schon über 10 Jahre alt waren und mein Bruder und ich durften auf dem Gehweg fahren, weil wir noch nicht über 10 Jahre alt waren. Aber fast immer gab es einen Radweg und so schafften wir die Strecke bis zum Main auch in weniger als einer Stunde. Das war von Frankfurt Hausen bis dorthin für uns Kinder kein schlechter Schnitt.

Am Main machten wir eine kurze Pause und sahen uns die Maindampfer an, in die die Leute stiegen um dort Kaffe zu trinken und den Tag zu genießen. Wir fuhren schließlich über eine der Mainbrücken, welche weiß ich nicht mehr. Wir konnten aber von dort aus den Eisernen Steg sehen. Also waren wir ziemlich in der Mitte von Frankfurt.

Als wir auf der Sachenhäuser Seite angekommen waren, beobachteten wir einige Leute, die mit Tretbooten unterwegs waren und wir Kinder sprachen darüber, unsere Eltern zu fragen, ob wir das nicht auch mal machen könnten. In Sachsenhausen, das vor vielen Jahren in Konkurrenz zu Frankfurt stand und praktisch eine eigene Stadt war, waren die Häuser im Schnitt ziemlich klein zu denen auf der anderen Mainseite. Am niedlichsten waren die Häuser in Altsachsenhausen durch die wir unsere Räder bewegten, meist schiebend, denn hier waren die Straßen, passend zu den alten Häusern, noch alle mit Pflastersteinen versehen, worauf man sehr schlecht mit dem Fahrrad fahren konnte.

Nachdem wir die Altstadt hinter uns gelassen hatten, konnten wir schon den Henninger Turm sehen, der das höchste Gebäude in Frankfurt darstellte und dereinst ein Getreidesilo der Brauerei Henninger war. Diesen hatten wir schon mal mit unseren Elter und Oma und Opa besucht, waren sogar bis ganz oben auf der Aussichtsplattform gewesen. Das ist ganz schön hoch kann ich auch sagen, da bekommt man schnell Schwindelgefühle. Anschließend haben wir zusammen im Drehrestaurant Bockwürstchen und Florida Boy bekommen, was uns Kindern richtig gut gefallen hatte.

Als wir an der Strasse, die direkt zum Henninger Turm führt, angekommen waren, mußten wir wieder schieben, denn die Straße war einfach zu steil. Selbst mit meiner Dreigangschaltung wäre das sehr schwierig geworden. Doch ich konnte ja nicht einfach die anderen stehen lassen. Also hieß es wieder „schieben“…

Nachdem wir den Henninger Turm hinter uns gelassen hatten, hielten wir kurz an der Henninger Brauerei, wo einige Pferdekutschen standen, die große Pferdewagen mit Bierfässern zogen und wir Kinder freuten uns sehr, dass man uns erlaubte, einige der Tiere zu streicheln. Einer der Kutscher gab uns Zuckerwürfel, die wir den Pferden auf der flachen Hand hinhielten, die diese gierig wegfraßen und dabei unsere Handflächen ableckten, was fürchterlich kitzelte.

Schließlich ging es wieder leicht bergab und wir konnten schon den Stadtwald sehen. Als wir den Wald endlich erreicht hatten, waren wir schon ganz schön müde, aber im Wald waren die Wege sehr gut gepflastert und man konnte wunderbar radeln. Außerdem war es schön kühl und wir Kinder sangen einige Lieder und strampelten langsam in Richtung Goetheturm. Der Weg war auch toll mit Schildern ausgestattet und so mußten wir nicht mal in den Stadtplan schauen.

Endlich waren wir am Goetheturm angekommen und schoben unsere Räder in den Abstellplatz und schlossen alle vier mit unseren Schlössern zusammen. Da wir sehr durstig und auch hungrig waren, gingen wir zu dem Verkaufskios und bestellten uns Limo und Milky-Way, Mars und Bounty. Nachdem wir satt waren und die Flaschen abgegeben hatten und dafür das Pfandgeld zurück erhielten, waren wir so gestärkt, dass wir die vielen Treppen des Turm erstiegen und es so richtig spannend war dann von ganz oben auf den Stadtwald zu schauen.

Nachdem wir herabgestiegen waren und einige der Schaukeln und Karusselle ausprobiert hatten war es auch schon Zeit sich auf den Nachhauseweg zu machen. Wie schlossen unsere Räder auf und schauten uns zusammen im Stadtplan an, wie wir zurückfahren könnten, ohne den selben Weg wie hin zu nehmen. Wir versuchten uns den neuen Rückweg zu merken und radelten los. Als wir in den Weg einbogen, den wir noch nicht kannten, fiel uns auf, dass es ziemlich düster war, weil die Bäume hier wesentlich dichter standen als auf dem Hinweg.

Wir fuhren den Weg so lange entlang, bis wir auf einmal aus dem Wald heraus kamen und vor uns Felder waren mit irgendwelchem Bewuchs, den wir aber nicht kannten. Wir benutzen den Weg, der um den Wald herum führte und schließlich mußten wir uns eingestehen, dass wir uns verfahren hatten. Wir packten den Stadtplan aus und versuchten heraus zu finden, wo wir waren, aber das gelang uns irgendwie nicht.

So fuhren wir so lange um den Wald herum, bis es eine Abzweigung gab, die wieder in den Wald führte. Wir schauten uns an und beschlossen, diesen Weg zu versuchen. Irgendwie mußten wir ja zurück kommen. Als wir einige Meter zurückgelegt hatten, merkten wir, dass es inzwischen ziemlich dunkel geworden war. Wir fuhren daher etwas zügiger aber der Weg schien endlos und führte uns immer tiefer in den Wald, der inzwischen so dunkel war, dass wir unsere Lampen anschalteten.

Als wir irgendwann an einer Kreuzung ankamen, wußten wir nicht, welche Abzweigung wir nehmen sollten und so machte ich den Vorschlag, dass wir uns ja in zwei Gruppen aufteilen könnten, so dass wenigstens zwei von uns einen Rückweg fanden. Die anderen sahen mich entsetzt an und schüttelten nur den Kopf. So blieben wir also zusammen und auf dem Weg und ließen die Kreuzung hinter uns. Als dieser eine leichte Linkkurve machte, hielten wir an, denn in der Ferne sahen wir etwas im Düsteren am Wegesrand, das sich hin und her zu bewegen schien. So schoben wir vorsichtig unsere Räder darauf zu, doch plötzlich flatterte etwas ganz heftig von diesem Hindernis auf uns zu, so dass wir Kinder schreiend die Räder umdrehten und wie der Teufel zurückfuhren, bis wir atemlos wieder die Kreuzung erreicht hatten.

Mein Bruder Ralph war kreidebleich im Gesicht. Auch die beiden anderen Mädchen sahen nicht gerade glücklich aus. Und als Bärbel Ingrid fragte, ob das ein Waldgeist gewesen wäre, worauf diese nur ängstlich mit den Schultern zuckte, sah Ralph aus, als würde er gleich losheulen. Daher sagte ich zu ihnen: „Nein, Waldgeister gibt es nicht! Das waren bestimmt nur Vögel oder eine alte Plane, die im Wind flatterte!“

Wir einigten uns schließlich darauf, eine der Abzeigungen zu versuchen. Inzwischen war es ziemlich dunkel geworden, so dass wir schon sehr viel Angst hatten und bei jedem Knacken oder anderen Geräuschen fast vom Fahrrad fielen. Endlich schien es in der Ferne ein Licht zu geben und wir fuhren schneller. Als wir jedoch eine riesige Gestalt vor das Licht in der Ferne treten sahen, so das diese Licht verdeckte wurde, stoppten wir. Die Gestalt war nicht richtig zu erkennen, wurde aber von dem Licht in der Ferne von hinten beleuchtet. Sie war riesig und bewegte sich nicht, stand einfach nur da, als würde sie mitten auf dem Weg auf uns warten. Die Gestalt machte uns so eine Angst, das wir beschlossen, zurück zur Kreuzung zu fahren und die andere Abzweigung, die wir bisher her noch nicht versucht hatten, zu benutzen.

Als wir wieder an der Kreuzung angekommen waren, meinte mein Bruder, dass er ganz sicher sei, das dies ein Riese oder riesiger Waldgeist gewesen sei. Ich war inzwischen ebenfalls so verunsichert, dass ich ihm darauf nichts erwiderte. Die beiden Mädchen schauten ebenfalls ziemlich besorgt aus und schwiegen. Wir nahmen daraufhin die letzte Möglichkeit an der Kreuzung. Wenn das auch wieder nichts wurde, dann mußten wir den gesamten Weg zurück zum Turm und dort das Telefon benutzen, denn unsere Eltern waren sicherlich schon besorgt, dass wir noch nicht zurück waren von unserer Fahrradtour.

Wir fuhren also die andere Abzweigung und irgendwann kamen zwei Männer in Regenmänteln auf uns zu, die Taschenlampen in den Händen hielten. Auf der einen Seite waren wir froh, endlich wieder andere Menschen zu treffen, auf der anderen Seite sahen die Männer ziemlich unheimlich aus. Und als uns der größere von den beiden fragte: „Na, Ihr Kleinen, was macht Ihr denn noch so spät im Wald?“, da zitterten wir alle am ganzen Körper, denn der Kleinere von den Beiden leckte sich die Lippen mit einer Zunge, die fast schwarz war und wir bekamen es fürchterlich mit der Angst zu tun und Ralph fing sogar zu weinen an. Da kramte der Kleinere etwas aus seiner Tasche und hielt es meinem Bruder hin. Es war eine Laktritzschnecke, deshalb hatte der Mann also so eine schwarze Zunge!

Nach dem mein Bruder die Schnecke angenommen und ein Stück davon in den Mund geschoben hatte, holte der Größere von den beiden ein schmutziges Taschentuch aus seiner Tasche und wischte Ralph die Tränen vom Gesicht. Schließlich erklärten wir den Männern, die sich als Waldarbeiter herausstellten, dass wir uns verfahren hatten. Die Männer zeigten in die Richtung in die wir fuhren und meinten, dass nach 2 Kilometern ein Autoparkplatz mit einem Kiosk und einer Telefonzelle auf uns warten würde. Wir bedankten uns und fuhren so schnell wir konnten bis wir endlich die Straßenlaternen des Parkplatzes sehen konnten.

Als wir uns am Kiosk ein heißes Würstchen und eine Tasse heißen Kakao teilten, beschlossen wir, unsere Eltern von der Telefonzelle aus anzurufen. Als wir die Mutter der beiden Mädchen am Telefon hatten, war diese total aufgeregt und ließ sich von uns die Adresse von dem Parkplatz geben, die wir vom Kioskbesitzer erfragt hatten. Bärbel und Ingrids Mutter sagte, dass auch unsere Mutter schon mehrfach bei ihr angefragt habe, ob sie was von uns gehört hätte. Schließlich bedeutete die Mutter der Mädchen uns, dort am Parkplatz auszuharren, da uns  Klaus, der Papa der beiden Mädchen, mit seinem Fordtransitbus abholen würde, in den wir alle samt Fahrräder reinpassen würden. Wir waren sehr froh das zu hören, so dass wir nicht noch im Dunkeln durch Frankfurt irren mußten…

Copyright (c) 2012 by Martina Müller

Bildrechte: “Alltagsgeschichten (en gros)” (Alltag3.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Alltag-100-minus110-0.jpg” (Originaltitel: Alltag3.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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The Spirit of Trees

Gespielt von Hageneder, Fred
Verlag :      Neue Erde
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CD, 66 Minuten, mit 8seitigem Beiheft
Erscheinungsdatum :      05.03.2012

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Der instrumentale Reigen zur Ehre zehn einheimischer Baumarten erscheint hiermit neu bei Earth Heart Music – im label-typischen Deluxe-Outfit (Karton statt Plastik) und endlich mit Booklet. Die Musik ist dieselbe – schön und entspannend wie seit dem ersten Erscheinen 2001.

Die Musik der CD, wie vom Autoren von »Der Geist der Bäume« und dem »Baum-Engel-Orakel« nicht anders zu erwarten, entspringt aus dessen sprudelnder Freude über unsere einheimischen Bäume und ihre Mythen und Geschichte. Das Album ist zehn Baumarten gewidmet, die in der spirituellen Geschichte Nordwesteuropas seit Jahrtausenden von großer Bedeutung sind.

Alle Kompositionen sind um die Harfe zentriert, die den Hörer in Dialogen mit Flöte, Geige oder Saxophon oder in Arrangements mit Streichquartett oder Perkussion und Kontrabaß bezaubert. Sämtliche Mitspieler bestechen durch großes Einfühlvermögen genauso wie durch ihre Virtuosität, die immer dem Ganzen dient: einer musikalischen und mystischen Reise, die besinnlich und rhythmisch zugleich ist, die voller Bewegung ist und doch eine tiefe Ruhe atmet.

Seit 1980 erforscht Fred Hageneder mit Hingabe die Bäume und Archäologie. Fred ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume.

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SCHNITTSTELLEN DER PERSÖNLICHEN BEGEGNUNGEN – Zum Tod des Psychoanalytikers Prof, Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter – Ein Artikel von Bernd Holstiege.

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. Januar 2012

Der Psychoanalytiker und Vordenker ist nach kurzer, schwerer Erkrankung am 19.12.2011 im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben. Er war neben Gottstein der große alte Mann der deutschen Friedensbewegung, galt als Wegbereiter der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie und hat mit seinen Arbeiten über die Psychosomatik zur Entwicklung der Psychoanalyse in Deutschland entscheidend beigetragen.

Laut der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth habe Horst-Eberhard Richter nicht nur zu der kleinen und exklusiven Reihe von Wissenschaftlern gehört, die das „Innerste“ der Menschen erforscht haben. Es sei ihm auch gelungen, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich selbst erkennen und aus dieser Erkenntnis lernen können. Dazu sei er mit seinem Wissen nicht im akademischen Elfenbeinturm verblieben, sondern habe es in die Gesellschaft hineingetragen. Neben anderen Auszeichnungen hatte ihn die Stadt Frankfurt am Main, in der er von 1992 an ein Jahrzehnt das Sigmund-Freud-Institut leitete, 2002 mit der Goethe-Plakette ausgezeichnet.

Bei den persönlichen Begegnungen hatte ich seine wohlwollende und warmherzige Haltung kennen gelernt. Wie jeder Mensch hatte er natürlich verschiedene Seiten. Als ich 1972/73 an einer psychosomatischen Klinik in Berleburg arbeitete, fuhr ich mehrere Semester nach Gießen zu Seminaren über Familientherapie und –dynamik unter Leitung von H.E. Richter. Über sein erstes Buch „Eltern, Kind und Neurose“ war sein Ruf und seine Denkweise zu mir gelangt, die meinen Horizont erweiterten und die ich weitgehend teilte. Er beschrieb kindliche Erkrankungen als Ausdruck und Folge des Familiensystems. Ich wollte ihn unbedingt erleben. In seinem Seminar zeigte er Filme über Ausschnitte von Familientherapien, die anschließend gemeinsam besprochen wurden, und ließ uns in Rollenspielen thematisch kurz umrissene, typische Familiensituationen spontan spielen.

Ein Rollenspiel ist mir noch nachhaltig und denkwürdig in Erinnerung. Es gab mir Aufschluß über meine Person, die Person von H.E. und verbreitete gesellschaftliche Verhältnisse.

Die Situation war: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn. H.E war der Vater, ich der Sohn und eine Studentin meine ältere Schwester. Das Familienproblem war, meine Schwester trieb es mit den Jungens, an sich altersgerecht ganz normal, für diese streng moralische Familie jedoch ein Problem. Die Mutter war zwiegespalten. Einerseits musste sie im Moralsinne dagegen sein, andererseits dachte sie an sich selbst zurück, gönnte ihrer Tochter die Freiheit und sah sich wohl selbst ein Stück in ihr. Ich selbst dachte spontan daran, in ein paar Jahren bin ich auch soweit, und wollte für meine Schwester in die Bresche springen. Da traf mich von der Seite ein wohlwollend-strenger Blick meines Vaters „Du willst doch nicht etwa…!?“ – und ich schwenkte spontan total im Sinne der Moral um, zog mit lauter Allgemeinsätzen vom Leder und machte mit diesen meine Schwester fertig. Ich hatte ein doppeltes Machtgefühl, mit der Moral die Macht in der Familie in den Händen zu tragen, als Jüngster der Stärkste zu sein. Gleichzeitig entwarf ich in meiner Zukunftsaussicht, doch später irgendwie mein Schäfchen ins Trockene zu bringen und immer zu wissen, was andere böses anstellen, um diese zu verurteilen – also eine typische Doppelmoral zu verwirklichen.

Diese meine Situation ist die mancher katholischer Priester in ihrem Verhältnis zu Frauen, Kindern und der Beichte, wie ja zunehmend heraus gekommen ist. Ich bin ja katholisch erzogen, war Ministrant, überlegte sogar mal kurz, katholische Theologie zu studieren. Aber die Mädchen waren mir wichtiger.

Als wir am Ende der Seminarstunde hinaus gingen, traf mich ein böser Blick der Studentin. Sie sagte zu mir „genau das habe ich früher auch gehört und bin deswegen mit 15 ausgezogen!“ Ich dachte mir, anscheinend wird in vielen Elternhäusern exakt dasselbe geredet. Mehrere Monate später traf ich H.E. auf der Kliniktreppe. Er sprach mich an, und ich fertigte ihn höchst unhöflich in einem Satz ab. Anschließend machte ich mir fast entsetzt Gedanken „warum eigentlich…?“ und kam darauf, ich war ihm noch immer wegen der Verführung zum Selbstboykott böse. Dann machte ich mir Gedanken, was so alles in mir steckt, die Moral und Doppelmoral, die Sätze und vor allem, um das Wohlwollen meines Vaters zu erringen, war ich zu allem bereit, sogar meine eigenen Interessen, zumindest halb, aufzugeben. Andererseits meine ich noch heute, einen moralischen Nerv von H.E getroffen zu haben. Deswegen setzte er sich so aufopferungsvoll für zahlreiche gesellschaftskritische Projekte ein wie den Giessener „Eulenkopf“, die Ärzte gegen den Atomkrieg, die Friedensbewegung, schrieb sozialkritische Bücher, hielt der Gesellschaft den Spiegel vor – und hatte als attraktiver Mann für die Frauen auch noch Zeit – ein Tausendsassa oder ein Hans Dampf in allen Gassen. Seine Moral sehe ich nicht nur als Folge seiner verinnerlichten Familienmoral, sondern auch als Folge seiner schlimmen Kriegserlebnisse und der Ermordung seiner Eltern.

Allerdings merkte ich weiterhin, ich hatte das Wohlwollen von H.E. errungen, vielleicht durch die Übernahme dieser Moralrolle, der „brave“ Sohn zu sein, mein spontanes Schauspieltalent und meine Selbstreflexionsfähigkeit. Da sie sich entsprachen, waren in den Rollenspielen weiterhin Spiel und Wirklichkeit nicht zu trennen. Das Spiel war auch ein Teil und Spiegel der Wirklichkeit. Sein Wohlwollen nutzte ich 1974, als ich Bedenken hatte, ob ich die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ bekomme, da ich in meinen Augen den Voraussetzungskatalog nicht ganz erfüllt hatte. Ich bat ihn um ein Zeugnis. Das fiel so gut aus, wie ich es von mir selbst nie erträumt hätte. Bald darauf zog er mich als einzigen außerhalb des Mitarbeiterteams seiner Klinik zu einer Fernsehreihe im SWF hinzu, in der derartige Rollenspiele spontan gespielt werden sollten. Nach dem Spiel sollte jeder seine Befindlichkeit schildern und dann das Ganze noch wissenschaftlich für den Durchschnittsfernsehzuschauer verständlich aufbereiten. Nach Zusammenstellung eines Teams machte H.E. anscheinend gekränkt selbst nicht mehr mit, und seine Mitarbeiter waren froh, endlich mal etwas selbständig ohne ihren Übervater machen zu können. Ich sehe mich noch heute in meiner Rolle als Familienvater mit langen, pappigen Haaren und Pfeife. Da alle wohl überfordert waren, blieb es bei einer Sendung. Ohne den Übervater ging es wohl auch nicht.

Auf Tagungen und Kongressen der DAF (Deutsche Gesellschaft für Familientherapie) oder der DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik), wo er federführend war, traf ich ihn gelegentlich.1991 begegnete ich ihm auf einer Demo gegen den Golfkrieg in Bonn. Er wusste sofort meinen Namen, obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten. Während seiner Zeit in Frankfurt als Leiter des Sigmund-Freud-Instituts kreuzte ich dort nie auf, obwohl ich nicht weit wohne, vorher und hinterher schon gelegentlich. Vielleicht war ich ihm immer noch latent böse. Sicher spielte eine Vaterübertragung, d.h. die Erfahrungen mit meinem Vater, eine Rolle, während ich meinem Vater längst verziehen hatte, da ich seine menschlichen Schwächen auf dem Hintergrund seiner eigenen Kindheitsprägungen sah. Mein Vater hatte ebenfalls Züge der Doppelmoral in sich.

Vor wenigen Jahren mit über 80 hielt H.E. einen Vortrag beim FAPP (Frankfurter ärztliche Psychotherapeuten), ein guter Vortrag, aber ohne die frühere innere Wärme und das innere Leben. Er war ja auch schon über 80. In den Jahren in und nach der Studentenbewegung war er eine beliebte Leitfigur, bei denen, denen er den ungeliebten Spiegel vorhielt, und bei der Elfenbeinturmpsychoanalyse wohl weniger. Wir alle trauern um ihn.

Copyright © 2012 by Bernd Holstiege

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Kaufempfehlung der Redaktion:

Richter, Horst-Eberhard
Der Gotteskomplex

Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen

Verlag :      Psychosozial-Verlag
ISBN :      978-3-8379-2214-1
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Erscheinungsdatum :      03.2012 (vorbestellbar!)
Aus der Reihe :      psychosozial

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Horst-Eberhard Richter beschreibt die moderne westliche Zivilisation als psychosoziale Störung. Er analysiert die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht in den Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Anhand der Geschichte der neueren Philosophie und zahlreicher soziokultureller Phänomene verfolgt er den Weg des angstgetriebenen Machtwillens und der Krankheit, nicht mehr leiden zu können. Die Überwindung des Gotteskomplexes wird zur Überlebensfrage der Gesellschaft und des modernen Menschen.

Horst-Eberhard Richter, Titel: Prof. Dr. med., Dr. phil., geboren: 1923, gestorben: 19.12.2011. Horst-Eberhard Richter war von 1959 bis 1962 Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts und danach bis zu seiner Emeritierung 1992 Direktor der Psychosomatischen Universitätsklinik in Gießen. Er war Mitbegründer der Dt. Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und leitete von 1992 bis 2002 als Geschäftsführender Direktor das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main.

Er war Mitglied im PEN-Zentrum der Bundesrepublik und erhielt u.a. den Theodor-Heuss-Preis (1980), die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (2002) und den Ghandi-Luther King-Ikeda Award des Morehouse College, Atlanta USA (2003).

International ausstrahlende Wirkung erzielte Horst-Eberhard Richter durch seine wissenschaftlich fundierten und dennoch gut verständlichen Analysen, in denen er psychoanalytische und sozialphilosophisch-anthropologische Aspekte miteinander verbindet. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt.

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Hier kann man sich ein Video von Horst-Eberhard Richter ansehen.

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Lehrer bleibt nach Sex mit Schülerin ungestraft! * KAUFTIPP DER REDAKTION: Nilon, Valerie: Das Nylon-Mädchen – Erotischer Roman.

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. Januar 2012

PRESSEMELDUNG (ZITAT): www.focus.de - “Ein Gericht in Koblenz hat einen Lehrer trotz mehrfachem Sex mit einer 14-jährigen Schülerin freigesprochen. Die Begründung der Richter: Es habe kein Obhutsverhältnis bestanden, weil der Mann nur Vertretungslehrer war und keinen Einfluss auf die Notengebung hatte. (…)”

Quellenangabe zur Veröffentlichung (gesamte Pressemeldung) hier klicken!

Wie denken denn unserer Leser über dieses Thema? Wir freuen uns über jeden Eintrag in unseren Kommentaren! Wer seine Meinung hier abgibt erhöht ausserdem seine Chancen bei einem möglichen Preisrätsel zu diesem Titel!

BESTELLTIPP DER REDAKTION (ZUM BESTELLEN EINFACH AUF DAS COVER KLICKEN!):

Nilon, Valerie
Das Nylon-Mädchen – Erotischer Roman

Verlag :      Herpers Verlag
ISBN :      978-3-942582-42-1
Einband :      Paperback
Preisinfo :      12,99 Eur[D] / 12,99 Eur[A] / 12,99 CHF UVP
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Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 21.12.2011
Seiten/Umfang :      ca. 84 S. – 20,3 x 12,7 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      21.12.2011
Gewicht :      110 g

Die frühreife Anna hat sich vorgenommen, modische Akzente zu setzen: Sie trägt ausschließlich Strumpfhosen unter ihren Hotpants und Röcken, und das zu jeder Gelegenheit: In der Schule, beim Sport und in der Freizeit. Schnell bemerkt sie die unterschiedlichsten Reaktionen ihrer Umwelt: Ihre Eltern schwanken zwischen Begeisterung und Sorge, die Mitschülerinnen beginnen, sie entweder zu hassen oder sie nachzuahmen und die Jungs sind fast ausnahmslos begeistert. Da sie aber auch die männlichen Lehrer um den Finger wickelt, wird die verbittert konservative Rektorin ihrer Schule zur ihrer schlimmsten Widersacherin. Vor den Augen aller erniedrigt sie Anna und macht ihr das Leben zur Hölle. Doch Anna weiß sich zu helfen …

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Wie schön ist ein Regenbogen und wer kennt alle Variationen? * KAUFTIPP DER REDAKTION: Lopez, Nicole – Am Ende des Regenbogens: Ein Abenteuer in Indien.

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. Januar 2012

PRESSEMELDUNG (ZITAT): de.nachrichten.yahoo.com – “Einem Fotografen sind jetzt Aufnahmen einer anderen, äußerst ungewöhnlichen Variante gelungen. (…) – Tatsächlich gibt es auch das seltene Phänomen eines weißen Regenbogens. Dem Fotographen Sam Dobson sind davon auf seiner Reise zum Nordpol einzigartige Bilder gelungen. (…)”Zu den Bildern:

Quellenangabe zur Veröffentlichung (gesamte Pressemeldung) hier klicken!

Wie denken denn unserer Leser über dieses Thema? Wir freuen uns über jeden Eintrag in unseren Kommentaren! Wer seine Meinung hier abgibt erhöht ausserdem seine Chancen bei einem möglichen Preisrätsel zu diesem Titel!

BESTELLTIPP DER REDAKTION (ZUM BESTELLEN EINFACH AUF DAS COVER KLICKEN!):

Lopez, Nicole
Am Ende des Regenbogens: Ein Abenteuer in Indien


Verlag :      Papierfresserchens MTM-Verlag
ISBN :      978-3-86196-085-0
Einband :      gebunden
Preisinfo :      14,30 Eur[D] / 14,70 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 04.05.2011
Seiten/Umfang :      ca. 90 S. – 21,0 x 14,8 cm
Produktform :      B: Buch
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 04.10.2011

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Die böse Schwester des Maharadschas von Madurai belegt das Land mit einem Fluch. Ganz Indien droht auszutrocknen. Nur Varsha und Akash, zwei Waisenkinder aus dem Armenviertel, können den Fluch mit Hilfe einer verwunschenen Münze abwenden. Und so begeben sich die beiden Kinder auf eine abenteuerliche Reise quer durch Indien.

„Am Ende des Regenbogens“, eine Geschichte über Indien, ist ihr erstes Kinderbuch. Ein zweites Buch, dessen Handlung in Marokko spielt, ist bereits in Vorbereitung.

Nicole Lopez geb. Kayser wurde 1969 in Trier geboren. Die Autorin war schon seit jeher an fremden Ländern und Kulturen interessiert. Ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin verhalf ihr zu den notwendigen Sprachkenntnissen. Ihre vielfältigen Reisen brachten sie auf die Idee, dieses Wissen in Form von Geschichten an Kinder weiterzugeben. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in Trier-Zewen.

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The Joy of Books

Erstellt von Günther Lietz am 20. Januar 2012

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