
TACH, POST
Story
von
AnnaLiviaPlurabelle
“Zur Freimachung (Frankatur) von Briefen und Postkarten dürfen nur gültige Postwertzeichen verwendet werden. (…) Darüber hinaus dürfen Sendungen auch nicht mit Postwertzeichen ohne Stempelabdruck freigemacht werden, die aufgedruckt oder bereits verklebt waren und dann aus Briefumschlägen oder Postkarten ausgeschnitten wurden.”
Es ist Samstag vormittag und wie unzählige andere Bundesbürger habe auch ich ein paar Dinge bei der Post zu erledigen. Heute nur drei Büchersendungen, Ebay-Verkäufe. Ich habe Glück (wie ich zunächst fälschlicherweise vermute), denn vor mir ist lediglich ein Mann in der Schlange. Nach extrem kurzer Wartezeit schiebe ich lässig die drei Umschläge rüber und zücke schon schwungvoll mein Portemonnaie. Ich habe meine Rechnung ohne die ambitionierte, eigensinnige Postbeamtin gemacht.
“Als was wollen Sie das denn schicken?”, fängt es harmlos an.
“Als Büchersendung”, antworte ich wahrheitsgemäß.

Sie wiegt und schiebt und klebt diverse Briefmarken, hält jedoch inne und beginnt, die Umschläge hin- und her zu wenden. An dieser Stelle erwacht mein Misstrauen.
Nachdem alles fein frankiert ist, legen sich dunkle Falten auf die Stirn der ältlichen und offensichtlich schlecht gelaunten, rundlichen Dame hinter dem Schalter. Hinter mir hat sich mittlerweile eine kleine Schlange gebildet.
“Eine Büchersendung dürfen Sie nicht verschließen”, schleudert sie mir vorwurfsvoll entgegen.
“Das ist ein Adhäsionsverschluss”, wage ich entgegen zu setzen.
“Den kann man öffnen und wieder verschließen.
Lustlos zieht sie an einigen unpassenden Stellen der Umschläge herum und behauptet: “So geht das aber nicht.”
“Ach, ” sage ich nur, “das ging aber bisher.” Meine letzte Bemerkung scheint keinen großen Eindruck auf sie zu machen, denn sie guckt mich nun richtig böse an und raunzt.
“Und Warensendungen auch nicht.”
An diesem Punkt muss ich erstmals einen Anflug von Ungeduld unterdrücken, ebenso die circa 10 Menschen hinter mir. Ich erdreiste mich, der fleißigen Postbeamtin mein traumatisches Erlebnis mit Büchersendungen zu schildern. Ich hatte kurz davor einen Erziehungsratgeber als Büchersendung mit einer Klammer verschlossen losgeschickt und angekommen war 5 Tage später ein zerlesener Band Pitje Puck.
“Das kommt schon mal vor, ” erklärt sie mir lapidar, und beginnt, die Briefmarken wieder von den Umschlägen zu lösen.
“Moment mal”, rufe ich da schon etwas lauter. “Ich habe grad weder Zeit noch Lust mit Ihnen über das Tarif- und Abwicklungssystem der Deutschen Post zu diskutieren! Wenn Sie es kompliziert machen müssen, dann bitte nicht mit mir. Dann seien Sie doch bitte so nett und geben mir die Umschläge wieder, ich werde sie bei einer anderen Post abgeben, da geht das wesentlich einfacher.”
Mir ist klar, dass das einer Niederlage gleich kommt und ich überdenke kurz meine pazifistische Grundhaltung. Schlussendlich möchte ich aber nur meine Umschläge loswerden.
Offenbar hat meine Wortwahl ihren rezeptorischen Apparat überfordert, denn nun ist sie in eine Art apathische Starre verfallen. Dann bricht es aus ihr heraus: “Zu welcher Post bringen Sie das denn? Bestimmt zu der Postagentur, nicht? Wie? Was?”.
Die Gehässigkeit ist nicht zu überhören und ich frage mich, ob es eine therapeutische Betreuung für die Belegschaft gibt.
Der Lärmpegel im Hintergrund lässt mich ahnen, dass der kleine Postraum mittlerweile reichlich gefüllt ist. Bei einem zaghaften Seitenblick stelle ich fest, dass die Schlange nun schon bis auf die Straße reicht. Um die Dinge nicht weiter eskalieren zu lassen, greife ich zu einer Notlüge und behaupte, ich würde meine Sendungen meist in Hamburg abgeben. Das scheint einen gewissen Eindruck zu machen, denn nun kramt sie einen zerbogenen Prittstift aus einer Schublade und beginnt, die abgelösten Briefmarken wieder auf den Umschlägen zu befestigen.
“Wie Sie wollen”, grummelt Sie düster. “Ich kann Ihnen aber nicht versprechen, dass Sie das nicht zurück geschickt bekommen.”
Ich nehme das in Kauf und halte die Sache nun endgültig für erledigt, krame in geradezu euphorischer Stimmung in meinen Euros, da kracht es erneut auf mich hernieder.
“Aber das hier?” – Sie wedelt mit dem großformatigen Umschlag, der ein Kunstmagazin enthält. “Das geht nun aber wirklich nicht”.
Ich sinke in mir zusammen. Umgehend zieht sie ein fleckiges, ehemals vermutlich weißes Lineal aus einer Schublade. Zum Beweise legt sie es in der Diagonalen an und setzt einen triumphierenden Gesichtsausdruck auf.
“Eine Büchersendung darf maximal 358 mm betragen, dies hier sind aber 380mm!”
Nach einem kurzen Blick auf das Gedränge im Eingangsbereich nehme ich davon Abstand, dies mit ihr auszudiskutieren und bitte sie in möglichst schlichtem Tonfall um konstruktive Anregungen.
Unbeeindruckt von den Menschenmassen, die sicher in Kürze aufgrund ungenehmigter Versammlungsaktivitäten von der örtlichen Polizei festgenommen werden, hält sie mir aus dem Stegreif ein Kurzreferat über die Möglichkeiten des Versandes dieser Zeitschrift.
“Als Päckchen ginge es zu 4,10 €. Oder versichert als Paket für 6,70 €. Sie können es auch als Maxibrief Plus schicken, dann kostet es 3,10 €.”
Einen kurzen Moment erwäge ich, die Sendung persönlich nach Hessen zu bringen, bitte sie dann jedoch nur kopfschüttelnd, mir den Umschlag wieder auszuhändigen, was sie äußerst beleidigt und nur sehr widerstrebend tut.
Erstaunlicherweise verkauft sie mir dann ohne weitere Einwände 1, 28 € in Briefmarken, mit denen ich noch vor Ort den Umschlag als Büchersendung frankiere.
Nachdem ich meinen Rückweg durch die brodelnde, unwirsche Masse gebahnt habe, reiche ich den Umschlag auf dem Nachhauseweg bei der kleinen Postagentur rein, die ihn freundlich lächelnd entgegen nimmt. Zu Hause brauche ich eine große Kanne Yogitee und eine Tastatur, um dies traumatische Erlebnis zu verarbeiten.
Copyright (C) 2009 by AnnaLiviaPlurabelle