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Literatur-Blog

Archiv für Juni, 2009

Preisrätsel: 3 x „Vampire – Bissige Liebesgeschichten“

Erstellt von Detlef Hedderich am 30. Juni 2009

Jetzt im Handel ist die Anthologie „Vampire – Bissige Liebesgeschichten“ mit Erzählungen von Alfred Bekker, Stephenie Meyer, Cassandra Clare, Christopher Golden und anderen.

Stories mit Biss erzählen von Leidenschaft zu den Wesen der Nacht. Von Liebe, die nicht sein darf. Von den dunklen Seiten New Yorks. Von Verwechselungen, die verhängnisvoll enden. Und natürlich von der Lust auf den roten Lebenssaft.

Dementsprechend ist der Band als „Liquid Book“ gestaltet und wird in einer Hülle ausgeliefert, die einem Blutbeutel nachempfunden und mit roter Flüssigkeit gefüllt ist.

Wir verlosen in Zusammenarbeit mit dem Verlag 3×1 Exemplar dieses Buches. Dazu einfach folgende Fragen richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Preisrätsel Vampire” angeben): Nenne bitte drei Autoren dieser Anthologie und was ist das besondere “Gimik” dieses Buches? Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

Sobald 20 E-Mails mit richtiger Antwort vorliegen, werden die Gewinnexemplare unter diesen Einsendern verlost. Die drei Gewinner lauten: Helmut Bürger, Charlotte Krenz, Gerhard Manger. herzlichen Glückwunsch!

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Vampire! Bissige Liebesgeschichten: Liquid-Books

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EXODUS 25 – erscheint am 17.07.2009 – jetzt bestellen!

Erstellt von Detlef Hedderich am 30. Juni 2009

»Science Fiction Stories & phantastische Grafik«

EXODUS 25 präsentiert den Themenband »Die neuen Menschen«

Christian Weis: »WIEDERKEHR«
Eine Welt im Stillstand, ohne gestern und morgen –

die tagkurzen Leben des EH540-33, genannt David, in der künstlichen Amnesie

Olaf Kemmler: »SECTIO AUREA«
Die Androneos rüsten zum Kampf gegen die letzten Menschen –
in der Glaswüste entscheidet sich die Zukunft der Welt

Antje Ippensen: »MEHR ALS DIE SUMME SEINER TEILE«
Sie leben wohlbehütet in den orbitalen Mondperlen der WEISSWELT –

ihre Zeitsonden künden vom Schwarzen Chaos der Vergangenheit

Weitere Kurzgeschichten und Erzählungen in dieser Ausgabe:
Robin Haseler: »Der Mars-Dialog« • Frank Neugebauer: »Entscheidung unter dem Thales-Fenster« • Sewarion: »Holonium Blues« • Achim Stößer: »WWW« • Christian Weis: »Bis ans Ende der Welt« • Wolf Welling: »Fuckmanimal« • Christoph von Zastrow: »Frost«

Mit Illustrationen von:

Lothar Bauer, Mark Freier, Gerd Frey, Thomas Hofmann,

Cornelius Ibs Von Seht, Olaf Kemmler, Andrä Martyna, Chris Schlicht, Crossvalley Smith, Hubert Schweizer und Robert Straumann.

In der »GALERIE«: exklusive Grafiken zum Thema »Die neuen Menschen«

von Lothar Bauer, Nicole Erxleben und Mario Moritz.

Mit einer Einführung von Klaus N. Frick.

100 Seiten
Preis Inland: 9.90€ • Preis Ausland: 11.00€ (incl. Versand)
ISSN 1860-675X

Hier bestellen:

http://www.exodusmagazin.de/bestellformular.php

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Karussell präsentiert das vierte Hörbuch von Conni: „Conni, Anna und das wilde Schulfest“ von Dagmar Hoßfeld

Erstellt von Detlef Hedderich am 30. Juni 2009

VÖ: 07. August 2009 – Universal Music/Karussell – 2CDs – ca. 153 Min. – EVP ca. 8,99 € Bestellnummer: 06025 271061 7; empfohlen ab 8 Jahren

Jugendbuchautorin Dagmar Hoßfeld war wieder kreativ und fleißig!

In ihrem neuesten Conni-Roman nimmt sie Conni-Fans ab ca. 8 Jahren einmal mehr mit auf eine spannende Reise in die „Conni-Welt“. Conni und ihre Freunde sind dabei wieder realistisch gestaltete Identifikationsfiguren, die auf Augenhöhe mit ihrer Fan-Gemeinde agieren und in ganz alltägliche, jugendtypische Situationen verstrickt sind. Sie müssen Aufgaben lösen und große wie kleine Probleme meistern. All das stärkt sie (und ihre Leser bzw. Hörer) im sozialen Lernen. Einfühlungsvermögen, Verantwortungsgefühl und Selbstbewusstsein im Umgang mit dem gegenüber stehen dabei erneut im Vordergrund, ohne dass auch diese Geschichte aufdringlich didaktisch wird.

Am 07.08.2009 veröffentlicht das Label Karussell das neue und vierte Conni-Hörbuch „Conni, Anna und das wilde Schulfest“, eine gekürzte Fassung des gleichnamigen Romans, der am 23.07.2009 im Carlsen Verlag erscheint. Die Schauspielerin Ann-Cathrin Sudhoff (u. a. „Unser Charly“, „Tatort“, „Wolffs Revier“, „Großstadtrevier“) glänzt wieder in ihrer vielseitigen Sprecherolle. Sie liest das Hörbuch so lebendig, dass es fast zum Hörspiel wird, und geht dabei sensibel auf die Hörgewohnheiten der jungen Conni-Fans ein.

Zum Inhalt:
Anna hat Glück, denn ihr Onkel schenkt ihr einen Computer mit Internetanschluss. Sie lädt ihre Freudinnen zu einer Halloweenparty mit Übernachtung ein. Gemeinsam surfen sie im World Wide Web, denn schließlich sind sie für „Süßes oder Saures“-Spielchen schon ein bisschen zu alt.

Die Freundinnen beneiden Anna zwar ein wenig um ihren Computer, finden es aber doof, so viel Zeit vor dem PC zu verbringen. Obendrein macht Anna auch noch eine Internetbekanntschaft, was den Freundinnen äußerst dubios vorkommt. Sein Nickname ist „Moonwalker“ und Anna verliebt sich in ihn. Und das, obwohl sie ihn doch gar nicht kennt! Sie lädt ihn sogar zum Unterstufenfest in die Schule ein. Doch der mysteriöse „Mr. Moonwalker“ will Anna schon vorher kennen lernen, was die Freundinnen in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Sie legen sich heimlich auf die Lauer, werden aber von Annas Hund entdeckt. Die Freundschaft der Mädchen wird auf eine harte Probe gestellt. In all dem Trubel wird Anna auch noch von Radfahrern angefahren und landet im Krankenhaus. Zum Glück ist „Moonwalker“ harmlos und die Mädchen versöhnen sich wieder.

Parallel dazu laufen die Vorbereitungen für die Unterstufenfete auf Hochtouren. Die Aufregung ist riesig, denn es ist die allererste Party, die die Unterstufe gemeinsam organisiert. Jede Klasse überlegt sich eine eigene Aktion. Conni schlägt eine Karaoke-Disco vor und gerät so mit ihren Freundinnen ins Organisationsteam. Dabei kommen sich auch Philipp und Conni langsam näher. Philipp hält wie Conni nichts von Internetbekanntschaften. In diesem Punkt ist er ganz altmodisch und hoffnungslos romantisch. Das gefällt Conni – und es scheint, als gebe es bald noch ein zweites Liebespaar…

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Conni & Co 04. Conni, Anna und das wilde Schulfest
Conni & Co 04: Conni, Anna und das wilde Schulfest

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Leseprobe: Wolfgang Kirschner: Die Nacht, in der ich verschwand.

Erstellt von Brendle Verlag am 30. Juni 2009

Die Nacht, in der ich verschwand

Wenn Sie gestatten, möchte ich eine Geschichte loswerden – die Geschichte meines Verschwindens. Einige Leute werden sich nämlich fragen, wo ich in den letzten beiden Jahren abgeblieben bin. Ich kann es ihnen aus Gründen, die sie am Ende der Geschichte verstehen werden, leider nicht näher erläutern. Aber sie werden dann wenigstens wissen, weshalb ich verschwunden bin. Für alle anderen mag es eine Warnung sein, denn meine Art des Verschwindens fängt eher harmlos an. Und sie kann jedem widerfahren. So oder ähnlich, möglich ist alles…

Vielleicht haben Sie sich bisweilen auch schon mal gefragt, was wohl mit den Männern los sein mag, die zum Zigarettenholen aus dem Haus gehen und – sagen wir -: zwanzig Jahre später wieder auftauchen. Ich hatte mir diese Frage schon häufiger gestellt, und eines Tages sollte ich eine mögliche Erklärung dafür erhalten. Und die war nicht besonders lustig.

Es geschah, wie Sie schon ahnen, beim Zigarettenholen. Ein Päckchen Lucky Strike, um genau zu sein. Vielleicht war es der Name, der mir an diesem Nachmittag wie die Faust der Erkenntnis ins Bewusstsein knallte, obwohl er das unzählige Male nicht getan hatte. Lucky heißt glücklich und Strike bedeutet Streik. Aus welcher Fügung heraus ich mir auf der Bank neben dem Automaten zum ersten Mal Gedanken über die Bedeutung dieser beiden Worte machte und sie ausgerechnet in Zusammenhang mit meinem Leben brachte, ist mir bis heute schleierhaft. Möglich, dass es an meinem Geburtstag lag, meinem neununddreißigsten, und somit an der vertrackten Midlife-Crisis oder einfach nur an der Tatsache, dass die Zeit nun endlich reif für einschneidende Veränderungen war. Keine Ahnung, was schließlich der wahre Grund gewesen sein mochte. Vielleicht war es auch bloß Schicksal. Jedenfalls wurde mir urplötzlich bewusst, dass mich mein Leben in seiner Gleichförmigkeit zu ersticken drohte. Was für eine Erkenntnis, werden Sie spotten, so ergeht es den meisten von uns. Ja, antworte ich da, aber irgendwie muss man eben beginnen. Und ein Zipfel Selbsterkenntnis ist sicher nicht der schlechteste Anfang. Nur sollte man dann auch bereit sein weiterzugehen und ähnliche Erfahrungen zu machen, wie ich sie machte – und bis zum heutigen Tag machen muss. Warten Sie’s also lieber ab.

So richtig angefangen hatte es rückblickend wohl damit, dass Jenny meinen Geburtstag vergessen hatte. So etwas konnte mich zutiefst kränken. Jenny – ach ja, die Vergessliche. Sie ist meine Frau. Zumindest ist mir bis heute nichts Gegenteiliges bekannt. Sie vergaß ständig etwas, fast täglich, könnte man sagen. Meistens belanglose Dinge wie das Bügeleisen ausstellen, wenn sie sich mit der Nachbarin unterhielt, Waschpulver in die Maschine geben, den Braten rechtzeitig aus dem Ofen nehmen oder überhaupt für das Abendessen einkaufen. Wie gesagt, eher belanglose Dinge. Nur einmal hatte sie vergessen, im verstopften Waschbecken den Wasserhahn zuzudrehen, als ich vom Büro aus anrief, und das war weniger belanglos gewesen. Ich rief jeden Tag vom Büro aus an und erkundigte mich nach dem Befinden meiner Familie. Aus Interesse und aus Gewohnheit. An diesem Tag hätte ich es besser bleiben lassen. Jenny hätte vermutlich vergessen, dass mein Anruf ausblieb, aber so vergaß sie den Wasserhahn, und am Abend, als sie vom Frauenarzt kam, war die Wohnung überschwemmt und die darunter liegende feucht wie ein Sumpfgebiet. Der Wasserschaden ging bis ins Kellergeschoss und die Kosten in schwindelerregende Höhen. Seit damals hatten wir Schimmel in der Wohnung. Doch es blieb die einzige gravierende Folge von Jennys Vergesslichkeit. Und dabei ist es meines Erachtens nicht einmal echte Vergesslichkeit, eher ist es so eine Art Desinteresse an den alltäglichen Dingen des Lebens. Jenny ist eine Träumerin. Sie lebt mit ihrem Körper in der hiesigen Welt und mit ihren Gedanken in Bereichen, die mir bis heute verschlossen sind. Aber dafür fiel ich in eine Welt, die Jennys Fantasien bei weitem übertreffen dürfte…

Ich warf also das Geld ein und zog am Automaten, aber es tat sich nichts. Das Fach mit den Lucky Strikes war frisch aufgefüllt, das konnte man sehen, doch das stählerne Schubfach wollte ums Verrecken nicht aufgehen. Es streikte ganz einfach. Es sperrte sich. Weiß der Himmel warum. Es wollte anscheinend nicht mehr das tun, was es schon tausendfach gemacht hatte. Alles Ziehen, Reißen, Rütteln und Hämmern nützte nichts, Lucky streikte, und das Geld blieb ebenfalls drin. Ich probierte es mit einer anderen Marke, und – siehe da – es klappte auf Anhieb. Eine Marke, die mir nie im Leben in den Sinn gekommen wäre, kam mir fast entgegengesprungen. Das gab mir zu denken. Ich setzte mich kopfschüttelnd auf die Bank an der Bushaltestelle zwei Meter neben dem Automaten und riss die Silberfolie der Packung auf. Die Kippe schmeckte nicht übel, nach dem ersten Zug. Nach dem zweiten schmeckte sie schon richtig gut und nach dem dritten fantastisch. Ich wurde leicht benommen. Es war stärkerer Tobak als der gewohnte, aber es brannte so herrlich angenehm auf der Lunge, dass mir zu meiner Schwindeligkeit ein wohliges Gefühl von Stärke in die morschen Glieder zu strömen schien. Ich kam mir plötzlich wie ein Siebzehnjähriger vor, dem der Strom des Frühlings durch die Adern schoss. Eine junge Frau stand neben dem metallenen Papierkorb beim Fahrplan und wartete auf den Bus. Sie sah auf den ersten Blick nicht überwältigend hübsch aus, aber am liebsten hätte ich sie angesprochen. Noch nie hatte ich eine Frau angesprochen. Nicht so. Nicht einmal Jenny. Das hatte sie besorgt, als sie noch häufiger im Diesseits weilte.

Ich sprach also die Frau nicht an. Dafür dachte ich über meine gewohnte Marke nach. Als Siebzehnjähriger hatte mich ein GI nach dem Weg gefragt. Ich hatte ihm den Weg erklärt, und zum Dank hatte er mir die Lucky Strike geschenkt. Danach hatte ich das Rauchen angefangen. Immer die gleiche Marke. Ich liebte diesen Namen. Lucky – klar, wer wollte kein Glück haben? Und Strike betonte die rebellische Komponente eines siebzehnjährigen Jungengemüts. Es war die perfekte Mischung. Dass es daneben noch etwas anderes geben könnte, kam mir nie in den Sinn. Ich liebte auch Jenny und meine Töchter Lena und Larissa. Die eine war fünfzehn und die andere elf. Jenny war fünfunddreißig – gerade geworden, vor vier Wochen. Ich hatte ihren Geburtstag nicht vergessen. Ich hatte auch den Geburtstag meiner Töchter nie vergessen. Doch als ich an diesem Tag nach Hause kam, war bis auf den Kanarienvogel alles ausgeflogen. Keine Geburtstagstorte empfing mich, kein Blumenstrauß oder wenigstens ein Küsschen von einer meiner »drei Frauen«. Es war Mittwoch. Jenny war mit Regula, der Frau aus dem Sumpfgebiet unter uns, beim Squash, immerhin, und Lena und Larissa waren weiß der Kuckuck wo. Ich stand alleine im Wohnzimmer und stellte fest, dass die Luckies aus waren. Also ging ich los und landete auf der Bank. So weit so gut. Aber das war ja noch nicht alles.

Die Frau neben dem Papierkorb sprach mich an. Ganz direkt und ohne zu zögern.

»Ganz schön spät dran, würde ich sagen – was meinst du?«

Sie duzte mich, das war in Ordnung, weil es bedeutete, dass sie mich nicht als Gruftie einstufte. Andererseits, die Bezeichnung Gruftie war meines Wissens auch schon wieder veraltet oder zumindest ziemlich uncool. Aber ich verstand sowieso nicht, was sie meinte.

»Ähm, bitte was? Spät dran? Was meinen Sie damit?«

Sie blickte mich an, als ob sich mein Kopf gerade rechteckig verforme, sagte aber nichts weiter. Stattdessen verzog sie das Gesicht und starrte wieder die Straße hinunter.

Spät dran? Allerdings war ich spät dran. Neununddreißig war siebzehn plus zweiundzwanzig. Jahre wohlgemerkt. Sie war vielleicht zweiundzwanzig, es trennten uns also immer noch siebzehn Jahre. Ein Klassenkamerad von mir hatte mit siebzehn seine sechzehnjährige Freundin geschwängert. Sie hätte also rein theoretisch meine Tochter sein können. Aber lassen wir die Rechnerei, war sowieso nie meine Stärke.

Ich schaute sie mir genauer an. Sie trug extrem hohe schwarze Plateauschuhe mit Sohlen, die dick wie Matratzen waren. Das war gerade mal wieder modern. Aber die wenigsten wussten wahrscheinlich, dass Robert Crumb, der amerikanische Undergroundzeichner, schon in den Sechzigern solche Monsterdinger gezeichnet hatte. Crumb war übrigens mein Vorbild. Immer schon. Ich war nämlich ebenfalls Zeichner. Eigentlich. Wegen Lena und Larissa hatte ich meine Künstlerpläne verschoben und bei Tiefdruck Tiegel & Scheuermann als Retuscheur angefangen. Und dabei war es geblieben. Bis heute. Crumb zeichnete weiter dralle Szenen aus dem Leben, während ich für die Schmuddelheftchen in den oberen Regalreihen schwarze Höschen über die dunklen Dreiecke gespreizter Schenkel retuschierte. Was für ein Job für einen Künstler! Insbesondere wenn man bedenkt, dass die handwerkliche Seite meines Berufes ohnehin schon weitgehend vom Computer verdrängt war. Tja, der Computer. Er wird unser aller Leben verändern, und sei es noch so erbärmlich.

Über den Plateauschuhen trug sie eine enge schwarze Hose, Stretch oder so etwas. Ein fantastischer runder Hintern zeichnete sich darin ab. Ein Hintern, der das pralle Leben versprach. Prollmann, bist du blöd, was soll das…?

Ach ja, Prollmann, das bin ich. Peter Prollmann. Von Freunden auch Piet Proll genannt. Piet Proll ist außerdem mein Künstlername – für die Zeit, da Lena und Larissa aus dem Haus sein werden.

Prollmann, sagte ich wieder im Stillen, was soll das? Du betrachtest den Hintern eines Mädchens, das deine Tochter sein könnte. Das war doch nicht in Ordnung, oder? Ich meine, so was tat man einfach nicht. Dann wieder ein anderer Zensor, der Miesmacher diesmal: Gott, Proll – Piet Proll (haha!), was glaubst du, würde Crumb machen? Du bist viel zu verklemmt, um ihm das Wasser reichen zu können. Deine „Aquarelle“ sonntagnachmittags sind ja ganz nett, aber ein Crumb wird aus dir nie… Ja, das ahnte ich auch schon. Und das Mädchen ahnte wohl, dass ich es beobachtete. Sie wechselte ungeduldig die Beinstellung, so dass ihre Pobacken in der engen Hose in Bewegung kamen. Crumb hätte seine Freude daran gehabt. Er liebte Hinterteile.

Ich schaute fasziniert hin. Ich war sicher, sie machte es extra für mich. Sie spürte, dass ich ein dankbarer Zuschauer war. Rein beruflich natürlich. Im Geiste zog ich sie nämlich schon mal aus und überlegte, welches Höschen ich ihr überretuschieren könnte. Es gab da eine ganze Kollektion von Dessous, die ich mittlerweile draufhatte. Bei Jenny hatte ich schon lange nichts mehr überretuschiert. Das war auch nicht nötig, sie retuschierte sich selber. Sie trug lange Röcke, meistens schrecklich bunte, und Gesundheitssandalen an den langen hellen Füßen. Seit zehn Jahren schaute ich nicht mehr hin. Mindestens.

Das Mädchen trug ein enges schwarzes Oberteil, das die Brust betonte und den Bauchnabel wie ein drittes Auge neugierig in die Welt blicken ließ. Busen musste ich übrigens nie retuschieren, die waren salonfähig. Bauchnabel ebenfalls. Ich schaute also in ihr Gesicht. Es war auffällig geschminkt, vor allem der kirschrote Mund, aber es war, wie gesagt, nicht übermäßig hübsch, nicht auf den ersten Blick. Doch es hatte etwas. Etwas Träumerisches. Oder besser etwas Traumhaftes. Nicht so wie bei Jenny, nicht dieser ewige Blick in die Ferne. Dieses Gesicht hier hatte etwas Träumerisches für die Nähe. Für die nahe Zukunft. Es versprach einem traumhafte Blicke, ein traumhaftes Lächeln, traumhafte Küsse, traumhafte Einfälle… Sie wissen schon.

Ihre schwarzen Haare waren vermutlich echt. Sie waren kinnlang, zum Kinn hin leicht gekringelt, durch einen braven Seitenscheitel geteilt und von einem schwarzen Spängchen gehalten. Alles an ihr war schwarz, bis auf ihre Haut. Sie hätte eine schwarze Witwe sein können, wenn sie nicht so jung gewesen wäre. Vielleicht war sie eine schwarze Waise. Jedenfalls stand ihre kindliche Frisur im krassen Gegensatz zu ihrer Figur. Und die sprach eher für eine Mädchenfrau. Eine Märchenfrau. Eine Traumfrau. Für Enddreißiger.

Sie lächelte mir zu. Bildete ich mir jedenfalls ein. Aber ich weiß, dass Mann sich da ganz schön täuschen kann. Dann kam der Bus. Der Bus, der mich aus meinem Leben mit Jenny, mit Lena und Larissa entführen würde. Ich ahnte es bereits dunkel.

Der eckige gelbe Stadtbus fuhr fast geräuschlos vor, die hydraulischen Türen gingen mit einem leichten Zischen auf. Das Mädchen trat aufs Trittbrett vorne beim Fahrer und drehte sich um.

»Was ist«, rief sie mir zu, einen Haarkringel aus dem Gesicht streichend, »willst du noch später ankommen, wo immer du hin willst?«

Das traf meinen Nerv. Ich stand auf, fragen Sie mich nicht warum, schnippte die Kippe von mir und ging auf den Bus zu. Ungefähr mit neunzehn hatte ich zum letzten Mal eine Kippe weggeschnippt. Danach hatte ich sie ausgetreten. Ordentlich mit dem Schuh. Jenny hasste es, wenn man Kippen wegschnippte.

Ich löste einen Fahrschein beim Fahrer und setzte mich ganz hinten im Bus auf den roten Kunststoffsitzen dem Mädchen gegenüber. Sie schlug die schlanken Beine übereinander und lächelte mich wieder an. Sie musste mich meinen, da war ich mir diesmal sicher: wir waren die einzigen Fahrgäste. Ich hatte keinen Schimmer, wohin der Bus fuhr. Ich wusste nur, dass ich im Begriff war, etwas zu tun, was ich normalerweise nie tat. Aber ich wusste nicht, ob es richtig war. Ich weiß es bis heute nicht. …

Die Nacht, in der ich verschwand
Autor: Wolfgang Kirschner
C. M. Brendle Verlag
ISBN 978-3-9810329-6-3
9,90

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Die Nacht, in der ich verschwand

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»Projekt Saturn« – Frank Borsch schreibt PERRY RHODAN-Roman 2500

Erstellt von Detlef Hedderich am 25. Juni 2009

»Projekt Saturn« – Frank Borsch schreibt PERRY RHODAN-Roman 2500

Am 17. Juli 2009 erscheint der von vielen Lesern ungeduldig erwartete PERRY RHODAN-Roman »Projekt Saturn«. Die Band-Nummer 2500 markiert ein denkwürdiges Jubiläum der größten Science-Fiction-Serie der Welt.

Verfasst wurde der Jubiläumsroman von Frank Borsch. Der in Freiburg lebende Autor, der zuletzt mit dem PERRY RHODAN-Extra 8 einen faszinierenden Einblick in das Stardust-System gab, konfrontiert in seinem Roman die Menschheit mit einer neuen Bedrohung – nachdem über hundert Jahre nach dem letzten Heftroman-Abenteuern verstrichen sind.

PERRY RHODAN-Chefredakteur  Klaus N. Frick begrüßt die Personalie: »Nachdem Frank Borsch mit seinen ALIEN EARTH-Romanen gezeigt hat, dass er auf einem sehr hohen Niveau schreibt und auch außerhalb der PERRY RHODAN-Serie seine Fans gefunden hat, habe ich mich sehr gefreut, ihn für den Jubiläumsband gewinnen zu können.«

PERRY RHODAN-Band 2500 wird einen Mehrumfang haben und somit das Volumen eines Taschenbuches erreichen. Das umlaufende Titelbild, das Perry Rhodan und Mondra Diamond auf dem Saturngürtel zeigt, stammt von Dirk Schulz. Dem Roman wird darüber hinaus ein vierfarbiges Poster beiliegen.

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Preisrätsel 5 x “Der zweite Tod meines Vaters” von Michael Buback.

Erstellt von Detlef Hedderich am 22. Juni 2009

Die Aufgabe zum Preisrätsel 5 x je ein Titel:

Preisrätsel 5 Exemplare: Wer ein Exemplar erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Michael Buback”): Um wessen Tod geht es in dem genannten Buch! Sobald 20 richtige Mails eingetroffen sind, werden die 5 Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen!

Die Gewinner lauten: Kirsten Klasser, Armin Kaufmann, Gundi Gottschalk, Arno Melzer und Thomas Will. Herzlichen Glückwunsch und besten Dank nochmal an den Sponsor!

Am 7. April 1977 ermorden Terroristen der RAF Siegfried Buback und seine zwei Begleiter. Bereits am Tag nach dem Attentat werden der Öffentlichkeit Fahndungsfotos der drei Täter präsentiert. Jahrzehntelang gab es keinen Anlass, an der bestmöglichen Aufklärung des Mordanschlags zu zweifeln. Die Täter waren überführt, ihre Schuld gerichtlich festgestellt.

Im Jahr 2007 streitet die Öffentlichkeit um die Begnadigung von Christian Klar, dem letzten Angehörigen der RAF, der noch seine Strafe, unter anderem für den Buback-Mord, verbüßt. Plötzlich tauchen neue Informationen auf. Hat in Wahrheit eine vierte Person die Schüsse auf den obersten Ermittler der Republik abgefeuert? Wer war der Todesschütze? Michael Buback beginnt Fragen zu stellen und stößt auf immer weitere Ungereimtheiten, die mit Ermittlungspannen oder Schlamperei allein nicht zu erklären sind.

»Es war wie ein Samenkorn, aus dem der Zweifel wuchs und immer stärker wurde. Das Koordinatensystem, in dem ich mich bewegte, war verschoben und an wichtiger Stelle sogar zerstört. Einfach nicht mehr an das Attentat und an die Frage nach den wahren Tätern zu denken war jetzt nicht mehr möglich.« Michael Buback

Nachdem in 30 Jahren keine Klarheit über die Tatbeteiligten erreicht worden war, machte sich Michael Buback, Sohn des ehemaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback, auf eine verstörende Suche nach der Wahrheit. In seinem Buch schildert er eindringlich die Folgen des Attentats an seinem Vater aus der Sicht eines Angehörigen.

Michael Buback ist Professor für Technische und Makromolekulare Chemie an der Georg-August-Universität in Göttingen und Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

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Der zweite Tod meines Vaters
Der zweite Tod meines Vaters

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Preisrätsel: 5 x PERRY RHODAN-Taschenheft »Agent für Terra«

Erstellt von Detlef Hedderich am 22. Juni 2009

Preisrätsel: 5 x PERRY RHODAN-Taschenheft »Agent für Terra«

Die Aufgabe zum Preisrätsel 5 x je ein Titel:

Preisrätsel 5 Exemplare: Wer ein Exemplar erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Agent für Terra”): Nennen Sie den Autor dieses Titels Sobald 20 richtige Mails eingetroffen sind, werden die 5 Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen!

Die Gewinner lauten: Katrin Geber, Jochen Arlt, Bianca Faller Klaus Werth und Thomas Will. Herzlichen Glückwunsch und besten Dank nochmal an den Sponsor!

Mit einem vorsichtigen Experiment wagt sich die PERRY RHODAN-Redaktion in den Markt der Taschenhefte vor. Gemeint sind damit Romane, die das Format von Taschenbüchern haben, aber in einem dünneren Umschlag auf den Markt kommen und über den Zeitschriftenvertrieb ausgeliefert werden.

»Wir nutzen das Format, um einem Leserwunsch nachzukommen – nämlich einige der klassischen PERRY RHODAN-Taschenbücher in einer modernen Version noch einmal aufzulegen«, so PERRY RHODAN-Chefredakteur Klaus N. Frick. »Dabei werden wir uns auf die ›modernen Klassiker‹ konzentrieren; schließlich sind die ersten hundert Taschenbücher schon mehrfach nachgedruckt worden.«

Aus diesem Grund wird das erste PERRY RHODAN-Taschenheft ein Roman von Hubert Haensel sein: »Agent für Terra« erschien erstmals 1992; er wurde für die Neuauflage sorgsam durchgeschaut und behutsam modernisiert; dabei wurde der Roman auch auf »gemäßigte neue Rechtschreibung« umgestellt.

»Agent für Terra« erscheint am Freitag, 26. Juni 2009; weitere Bände sollen im Abstand von zwei Monaten folgen. Das Taschenheft umfasst rund 160 Seiten und kostet 3,90 Euro (in Österreich sind es 4,50 Euro, in der Schweiz sind es 7,60 Franken).

www.perry-rhodan.net

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Preisrätsel: 4 x Alfred Bekker: Tuch und Tod

Erstellt von Detlef Hedderich am 16. Juni 2009

Die Aufgabe zum Preisrätsel 4 x je ein Titel:

Preisrätsel 4 Exemplare: Wer ein Exemplar erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Tuch und Tod”): Nennen Sie den Ort der Handlung zu Beginn des Buches! Sobald 20 richtige Mails eingetroffen sind, werden die 4 Gewinner daraus gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! Die Gewinner lauten: Martin Büchner, Corinna Krohn, Claudia Weller und Petra Schöpf. Herzlichen Glückwunsch und besten Dank nochmal an den Sponsor!

Am Samstag, den 13. Juni 2009, ist Elben- und Drachenerde-Autor Alfred Bekker zwischen 13.00 und 15.00 Uhr auf dem Bücherbummel an der Kö in Düsseldorf anzutreffen. Die Veranstaltung findet am Stand des Droste-Verlages statt (Stand 42), der an der Königsallee zwischen Steinstraße und Grünstraße gegenüber der Kö-Galerie zu finden ist und steht unter dem Motto „Drostes Krimi-Autoren und ihre mörderisch guten Titel“. Im Droste-Verlag erschien jüngst der Thriller TOD UND TUCH des Autors. Mehr Informationen über den Düsseldorfer Bücherbummel unter www.buecherbummel-auf-der-koe.de.

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Tuch und Tod

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Preisrätsel: 5 x Soren Preschers: Superior

Erstellt von Detlef Hedderich am 16. Juni 2009

Mein Name ist Michelle Doris Carda und ich bin sicher, Sie haben schon einmal von mir gehört. Das glauben Sie nicht? Doch, ich bin mir sogar sicher, dass Sie mein Gesicht sofort erkennen würden, wenn ich Ihnen ein Foto von mir zeigen würde.

Vor einigen Jahren gab es eine Zeit, da war ich auf dem Titelbild jeder Zeitung. Eigentlich wollte ich nicht ins Licht der Öffentlichkeit und auf keinen Fall wollte ich das Thema für eine dicke Schlagzeile auf Seite Eins liefern. Ich habe es trotzdem getan.

Geben Sie zu, jetzt glauben Sie, meinen Namen schon einmal gehört zu haben.

Superior

Michelle erzählt die Geschichte ihrer großen Liebe, die wenige Jahre danach in einem blutigen Drama endet. Als sie Jonas begegnet ist sie 17 Jahre alt und Schülerin. Er ist ein Jahr älter und steht kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung zum Mechaniker. Heimlich träumt er jedoch von einer Karriere als Star auf den Bühnen dieser Welt.


Beklemmend real schildert der Autor Sören Prescher die Geschichte des jungen Paares und vor allem die Entwicklung von Michelle. Man begleitet sie, kennt bald jeden ihrer Gedanken, man fühlt das drohende Grauen, ahnt den Abgrund und weiß doch: Es gibt kein Entkommen.

Preisrätsel: 5 x Superior:

Um ein Exemplar in die Finger zu bekommen, sind nur wenige Schritte zu gehen. Wir möchten einfach nur wissen, wie alt die Protagonistin zu Beginn der Romanhandlung ist.

BITTE LÖSUNGEN ZUSENDEN AN: gewinnspiele (at) sfbasar.de
Das (at) bitte durch @ ersetzen (Spamschutz), Danke.

Im Betreff-Feld bitte “Preisrätsel Superior” angeben. Achtung: Diese E-Mail-Adresse gilt *nur* für Lösungen zum Bücherpreisrätsel.

Sobald 20 E-Mails mit richtiger Antwort vorliegen, werden die Gewinnexemplare unter diesen Einsendern verlost.

Bitte neben der Lösung auch die eigene Postanschrift nicht vergessen!

(Es nehmen nur Mitspieler teil, die Ihre Lösung plus komplette Postanschrift an diese E-Mail-Adresse mailen; Zusendungen an andere E-Mailadressen von sfbasar.de nehmen NICHT teil!) Gewonnen haben: Annette Brenner, Britta Gutowski, Anje  Hofstätter, Frank Kranetzki und Samir Engele-Hafner, herzlichen Glückwunsch!


ISBN  978-3-9810329-9-4
EUR   14,90

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Superior

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VOYAGE,VOYAGE – Ein SF-Heroenepos von Rufus T. Firefly. Aus dem Deutschen von Gunther Barnewald. (Vorsicht: Satire!)

Erstellt von Detlef Hedderich am 11. Juni 2009

VOYAGE, VOYAGE

gewidmet allen Intelligenzen, die Selbstironie für eine wichtige Eigenschaft halten!

SF ist die harte Droge der Literatur
(Brian W. Aldiss in:
The billion year spree)

UNMARKED
Go and join the army said the father to the son
see the world around you boy and learn to use a gun
think you’re something special, well, we’11 make you all the same
there’s nothing wrong in dying after all it’s just a game.

Read the morning papers there’s a picture of a cross
“We were proud in them days”, by the way I think you lost
trust me when I tell you boy that God is on our side
even Jesus cheers us on against the other side.

He who shouts the loudest is the one who’s in control
we who never listen are the one’s who pay the toll
tell us that it’s time to make the final stand.
I’m glad ‘cos all I wanted was to kill another man.

YAZOO
(Vince Clarke)

VOYAGE,VOYAGE
Ein SF-Heroenepos von Rufus T. Firefly.  Aus dem Deutschen von Gunther Barnewald. (Vorsicht: Satire!)

Thunder Past, Diplomsuperheld, ließ seinen Blick langsam über die fremdartige Landschaft schweifen.
Sein Superimpulsdesintegrationslaserblastergewehr hielt er dabei in seiner muskulösen, männlichen Faust.
Seine muskulösen, männlichen Beine standen fest auf dem schlammigen Unterboden, sein muskulös-männlicher Oberkörper war kerzengerade aufgerichtet und sein muskulös-männlicher Blick taxierte die Umgebung.
Was er sah, schien ihm überhaupt nicht zu gefallen.  Schräg über ihm blühten drei grünliche Monde, in seiner Nähe tummelten sich einige bläuliche Felsen, sonst war nur allgegenwärtiger Morast zu erblicken.
Plötzlich überzog ein muskulös-männliches Grinsen sein männlich-muskulöses Gesicht.
Sein messerscharfer Diplomsuperheldenverstand hatte messerscharf gefolgert, daß er, der Retter unzähliger Welten, sich wieder einmal auf einem neuen Planeten befand und es seine Aufgabe sei, diesen nicht nur von einigen schleimigen Aliens zu befreien, sondern auch obendrein noch eine Jungfrau zu retten, die der Alienanführer geraubt hatte.
Dies alles folgerte sein messerscharfer Verstand, obwohl zugegeben werden muß, daß Thunder dies schon seit einiger Zeit wußte, denn er hatte vom obersten Flottenführer vor drei Monaten den Befehl erhalten, dies zu tun.  Leider war er aber bis dato verhindert gewesen.
Seine zierliche, weibliche Frau hatte ihn bisher daran gehindert, diesen Auftrag zu erfüllen.  Sie hatte ihm schlichtweg verboten, irgend etwas in Sachen entführter Jungfrauen zu unternehmen.  Bei dieser friedlichen Erörterung hatte unser Diplomsuperheld leider einige Verletzungen davongetragen, die hauptsächlich durch einen anschließenden mißglückten Fluchtversuch zustande gekommen waren, bei dem ihn seine Frau unglückseligerweise ertappt hatte.
Doch nach dreimonatigem Krankenhausaufenthalt war unser Held nun wieder voll da und stand auf dem Sprung in ein neues heroisches Abenteuer, ausgerüstet mit dem Besten, was die terranische Vornwegverteidigungstechnik zu bieten hatte.
Er war zum Beispiel mit dem neuesten superüberhyperwiderstandsfähigen Kampfanzug bekleidet, der in allen auf der Erde derzeit als topmodisch bezeichneten Farben schimmerte.
An seinem Gürtel baumelten einige Handatomgranaten (Marke:Minitod) und auch das bereits erwähnte Gewehr gehörte zu dieser neuen Ausrüstung.  Letzteres galt in Fachkreisen als der letzte Schrei, weil es Aliens gleich mit selbigem versorgte, wenn es auf sie traf.
Dermaßen perfekt ausgerüstet stand Thunder auf der schlammigen Ebene dieses fünftklassigen Planeten, und er stand breitbeinig.

“Warum steht er breitbeinig”, grüble ich.
„Na”, weil ich mal muß!”, antwortet Thunder.
“Du mußt mal!”, echoe ich ungläubig. „Aber wieso denn?”.
“Aber wieso denn?”, äfft er mich nach. „Sag mal, bist du wirklich ein dermaßen blöder Autor, oder tust du nur so? Schließlich hat jeder Mensch dieses Bedürfnis ab und an”.
“Menschen schon”, knurre ich, ungehalten über die Beleidigung, „aber nicht Protagonisten, und schon gar nicht superheldische Protagonisten.  Die haben nur die Bedürfnisse, Welten und Jungfrauen zu retten und Aliens zu desintegrieren.  Sonst keine!  Gar keine!!!  Weder was Ausscheidungen, noch was ähnlichen Schmutz wie z. B. Sex betrifft”.
“Also ich muß mal!”, stellt Thunder entschieden fest.  “Du hast mich schließlich für diesen elenden Job hier erfunden, also tu auch etwas für mein Wohlbefinden!“
“Du meine Güte, was für eine verweichlichte Niete”, murmle ich. ” Warum muß mir das immer passieren?  Bin ich nicht der größte Autor aller Zeiten (Sollten sie hier ein Fragezeichen erwarten, muß ich sie enttäuschen, denn dies ist keine rhetorische Frage, sondern eine rhetorisch Feststellung!)  “Die Protagonisten-vermittlung muß etwas gegen mich haben”, grummle ich weiter, um dann laut zu Thunder zu sagen: “Du glaubst doch nicht etwa, daß ich extra für dich einen Busch in meine Szene einbaue. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als deinen Anzug dieses eine mal für friedliche Zwecke zu mißbrauchen.  Aber daß mir etwas dieser Art nicht noch einmal vorkommt, sonst streiche ich dich aus meinem Buch und fordere bei der Protagonistenvermittlungszentrale einen neuen Protagonisten an“.
Dann flüstere ich für mich: „Fehlt nur noch, daß es ihn nach einer Frau gelüstet.  Das wäre wirklich das Letzte, denn Schmutz kann ich in meinem Buch nun ganz und gar nicht gebrauchen”.  Dann knurre ich Thunder erneut an: “Dieses entsetzliche Bedürfnis würde schon fast ausreichen, dich arbeitslos zu machen.  Wenn ich nicht so verdammt liberal, großzügig, nachsichtig…”
“Pah!”, unterbricht mich Thunder rüde, “Was ist denn das überhaupt für eine miese Geschichte, in die ich hier hereingeraten bin?  Keine Action, kein Blut, keine Toten, keine Gewalt, überhaupt nichts”.  Wütend stapft er mit dem Fuß auf.
Lieber Leser, können sie sich das vorstellen?  Ich, der Autor soll mir von einem Protagonisten, einem solch mickrigen noch dazu, vorschreiben lassen, wie ich meine Geschichte anzulegen habe.  Unglaublich!
“He, was kritzelst du denn da?”, ruft Thunder plötzlich.
Ich werde blaß, besinne mich dann jedoch meiner Position und Aufgabe, denn schließlich habe ich ja eine Pflicht Ihnen, dem Leser, gegenüber zu erfüllen.
Deshalb knurre ich: „Jetzt mach endlich, daß du wieder in die Geschichte zurück -kommst.  Der Leser soll schließlich etwas für sein Geld geboten bekommen”.
“Hoffentlich gibt es bald Action und Brutalität”, grummelt Thunder noch, verschwindet dann aber endlich wieder in der Geschichte.
Aufatmend stelle ich mir die bange Frage, ob dieser Protagonist wohl der Richtige für mein Buch ist.  Aber bei der heutigen Inanspruchnahme der superheldischen Protagonisten durch die SF und vor allem durch die Fantasy wird es für einen Autor immer schwieriger, brauchbare Helden aufzutreiben.  Meist muß man sich dann mit zweit- oder gar drittklassigem Material zufrieden geben.
Insgeheim jedoch schwöre ich mir, ihn für diesen unverschämten Auftritt bezahlen zu lassen.  Ich bin natürlich nicht nachtragend, ganz im Gegenteil, aber dafür wird er büßen, das schwöre ich mir.

Nachdem Thunder sein für einen Protagonisten abartiges Bedürfnis befriedigt hatte (ekelhaft!), stellte er sich cool und lässig mit im Anschlag befindlicher Waffe auf, hoffend, daß ihm endlich ein schleimiges Alien in die Arme laufen würde.
Beim coolen In-Possitur-stellen wäre er allerdings beinahe zu Fall gekommen, denn erst jetzt realisierte sein messerscharfer Verstand, daß der Untergrund, auf dem seine schwarzen, mattglänzenden, fast bis zur Kniehöhe reichenden, superelastischen, zartweichen und pflegeleichten Stiefel standen, fast gänzlich aus Schlamm zu bestehen schien .
Rudernd fand Thunder ins Gleichgewicht zurück.  Er holte tief Atem und wischte sich erleichtert über die Stirn.  Das war gerade noch einmal gut gegangen und stolz registrierte Thunder, daß er sein erstes Abenteuer heil überstanden hatte.
Erneut nahm er die lockere, lässige, schußbereite Position ein, war jedoch diesmal vorsichtiger in seinen Bewegungen.  Dann stand er da, wartend, den harten, kalten Blick auf den Horizont gerichtet, nicht daran denkend, daß in der anderen Himmelsrichtung ebenfalls ein Horizont existierte.
Und genau dies sollte ihm zum Verhängnis werden!

(Eigentlich sollte an dieser Stelle stehen: Fortsetzung folgt!
Doch leider wurde dem Autor die Erlaubnis für die nächsten 388
Folgen von Verlag verweigert. Deshalb, aber nur ausnahmsweise, die Fortsetzung gleich hier.)

Es sollte Thunder zum Verhängnis werden, daß er nicht an die andere Himmelsrichtung dachte.
Denn plötzlich tauchte, sich unfair von hinten anschleichend und damit die Hinterhältigkeit seiner ganzen Rasse unterstreichend, ein Alien hinter unserem Helden auf.
Thunder bemerkte zuerst nur ein zögerndes Tippen auf seiner linken Schulter.
Vor Schreck blieb er erstarrt stehen und versuchte krampfhaft, aus den Augenwinkeln heraus zu erkennen, was dieses Tippen verursacht haben könnte.
Dies war jedoch vollkommen unnötig, denn das Objekt seiner Neugierge trat in sein Blickfeld und Thunder stockte der Atem ob des Anblickes, der sich ihm bot.
In sein Blickfeld wabbelte ein Schleimklumpen, der entfernt an Götterspeise erinnerte, dabei jedoch in allen möglichen und unmöglichen Farben schillerte.
Ein Kranz von glubschigen Augen umsäumte das Alien im oberen Drittel seines
Körpers.  Ein einzelnes, dafür aber um so größeres Auge, thronte auf seiner Stirn.
Plötzlich erschienen mehrere Öffnungen im Körper des Aliens und mehrstimmig gluckste es die Worte hervor: „N’echter Terraner, geil!”
Thunder, der sich noch immer nicht zu rühren vermochte, blickte entsetzt auf das Alien, welches soeben mit unglaublicher Schnelligkeit einen Tentakel ausgefahren hatte und Thunder damit krachend auf den Rücken schlug.
Thunder fiel wie von einer Axt gefällt platschend in den Schlamm.
Mit der Nase zuerst fiel Thunder in den Schlamm, ohne auch nur einen Finger gerührt zu haben.
Das Alien, welches noch gar nicht mitbekommen hatte, was vorgefallen war, gluckste währenddessen: “Wollte schon immer einmal ein Mitglied der göttlichsten Rasse des Universums, des homo sapiens, kennenlernen.  Mein Name ist übrigens Bem”.
Dann erst registrierte das Alien mit Bestürzung Thunders Aufenthaltsort.
Sofort war es bei ihm und half ihm auf, dabei ständig Entschuldigungen murmelnd.  Dies tat es aber nicht unisono, sondern hunderte von Stimmen schienen sich vorgenommen zu haben, die anderen zu übertönen.
Währenddessen richtete das Alien Thunder wieder auf, der dabei allerdings keine allzu große Hilfe darstellte.
Wieder aufgerichtet und immer noch bewegungsunfähig beobachtete Thunder , wie das Alien zwei Arme ausbildete, die sich ihm bedrohlich rasch näherten, um den Schlamm von seinem Kampfanzug zu fegen.
Doch plötzlich hielt das Alien inne und begutachtete Thunder mit all seinen Augen, wobei es das große Bugauge nahe an Thunders Gesicht heranführte.
Thunder hielt verschreckt die Luft an und harrte der Dinge, die da kommen würden.
Nach eingehender Musterung rief das Alien enthusiastisch aus:”Beim heiligen Schleimer!  Wenn das nicht der berühmte Diplomsuperheld und Meister aller Klassen Thunder Past ist!”
Thunder brachte ein karges Lächeln zustande, woraufhin das Alien, welches das Lächeln als Bejahung auslegte, anfing vor Freude auf und ab zu hüpfen, dabei an einen überdimensionalen Wackelpudding erinnernd.
Einer der Arme des Aliens griff in seinen Körper hinein und als die Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie ein kleines flaches Objekt.  Dies reichte das Alien zu Thunder hinüber, der es aus einem Reflex heraus entgegennahm und eingehend studierte.
Überrascht erkannte er in dem Objekt ein 3D-Faksimile seiner selbst .
“Ein Autogramm, bitte, ein Autogramm!”, hechelte das Alien atemlos, wobei seine vielen Stimmen erneut durcheinander gerieten.
Mit nunmehr stolzgeschwellter Brust und gar nicht mehr ängstlich zog Thunder einen Laserschreiber aus seinem Anzug.
Wahrscheinlich muß es auf den emotionalen Schock zurückgeführt werden, den Thunder noch immer nicht verdaut hatte, denn er vergaß völlig, daß dieser Laserschreiber ein Erbstück eines Vorfahrens war, der diesen Stift allerdings nicht zum Schreiben eingesetzt hatte.  Schon gar nicht zum Schreiben von Autogrammen. James B. Pond, so der Name seines Vorfahrens, hatte seinerzeit der Menschheit einige unschätzbare Dienste erwiesen, indem er einige feindliche Agenten eben mit Hilfe dieses Stiftes ausgelöscht hatte.
Thunder war sehr stolz auf diesen Vorfahren und fühlte sich ihm und den anderen Superhelden in seiner Familie verpflichtet, denn Superheldentum gehörte zur Familientradition der Pasts und ein Verwandter, der in seinem ganzen Leben nichts anderes zustande gebracht hatte, als einmal eine drittklassige Welt zu retten, galt in Thunders Familie nicht nur als Versager, sondern außerdem noch als schwarzes Schaf.
Als Thunder nun seine Unterschrift auf das Faksimile setzen wollte, berührte er aus Versehen den Auslöser der Laserwaffe, was natürlich zur Folge hatte, daß das 3D-Bild zerlasert wurde.  Thunder, durch die Harmlosigkeit des Monsters innerlich gewachsen, fing wieder an zu schrumpfen, denn niemand vermochte vorherzu-
sagen, wie das Alien auf diesen Affront reagieren würde, denn schließlich hatte man Thunder schon mit der Muttermilch eingeflößt, daß alle Aliens von Grund auf böse und verdorben seien.
Schon in der Bibel hieß es, Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen.  Dies bedingte nicht nur, daß alle anderen Kreaturen Ausgeburten der Hölle waren, sondern es zeigte auch, daß die Menschen die Lieblingskinder Gottes waren und nur sie allein dem Göttlichen nahe kommen konnten.
Wer hätte    jemals in der Bibel davon gelesen, daß Gott Außerirdische
erschaffen habe.  Sie mußten deshalb vom Teufel abstammen, was sie automatisch zu Feinden der Kinder Gottes machte, weshalb für alle aufrechten Terraner nur eine Losung gelten konnte: “Auf sie mit Gebrüll!”.
Natürlich war Thunder ein friedlicher Mensch, ein sogenannter Fast-Pazifist .
Doch der Beruf des Diplomsuperhelden verpflichtet zu Einigem und so konnte Thunder immerhin auf 1988 vernichtete Aliens verweisen.  Eine stolze Zahl! 1988 Aliens hatte Thunder schon erdolcht, pulverisiert, vaporisiert, desintegriert, zerstäubt, aufgeschlitzt, erhängt, erwürgt, gerädert, massakriert, zergliedert, verbrannt oder sonstwie Gerechtigkeit an ihnen geübt und somit seine heilige Mission an ihnen erfüllt.
All dies war vollauf berechtigt gewesen, denn jedes dieser Aliens hatte einen zu hohen Jungfrauenverschleiß gehabt, welche man dringend benötigte, um die neu eroberten und von Aliens geräumten Welten zu besiedeln.
Thunder war auch keiner jener Primitiven, die jemanden einfach auf Grund seiner Herkunft und seines Aussehens verurteilten.  Aber Alien blieb nun einmal Alien, daran gab es nichts zu rütteln.
Sich an diesen Gedanken aufbauend, wurde Thunder innerlich wieder größer, trotz des zerlaserten Faksimiles, denn immerhin war er ein Mitglied der höchsten Rasse, die jemals das Universum bevölkern würde.
Doch das Alien schien ihm trotz des zerstörten Photos nicht feindlich gesinnt zu sein.  Es wabbelte nur kurz, so als wolle es seine Resignation kund tun, griff dann erneut in seinen Körper und holte ein neues 3D-Konterfei Thunders hervor.
“Habe Dutzende davon”, erklärte es fröhlich.
Thunder nahm es grinsend entgegen, innerlich bereitete er sich jedoch darauf vor, dem Alien zu zeigen, zu was ein Diplomsuperheld fähig war.
Sein messerscharfer Verstand hatte bereits eine geniale Lösung für sein derzeitiges Alienproblem ausgespuckt.
Beim Unterschreiben würde er einen Minisprengsatz an das Photo kleben.  Wenn das Alien selbiges in seinen Körper zurückstecken würde, so Thunders Rechnung, wäre auch sein eigenes Problem gelöst.  Doch das Alien tat ihm diesen Gefallen zunächst nicht.  Statt dessen wabbelte es in Freudensprüngen vor ihm auf und nieder, dabei vor Freude jauchzend und das Autogramm schwenkend.  Als es Thunder zu brenzlig wurde und die Detonationszeit des Minisprengsatzes immer näher rückte, ließ er sich zu Boden fallen.
Das Alien hielt inne und schaute indigniert zu Thunder herunter.  Dann schaute es sich um. Als es jedoch keine Gefahr entdecken konnte, wandte es sich wieder Thunder zu.  Um ihm aufhelfen zu können, steckte es das Autogramm in sein Inneres.
Genau in diesem  Augenblick detonierte der Sprengsatz und Thunder wurde von allerlei Alienschleim bekleckert.
Prustend und heilfroh, daß seine List Früchte getragen hatte, richtete Thunder sich auf, dabei jedoch mißvergnügt feststellend, daß die Vorderseite seines Kampfanzuges mit Schlamm und die Rückseite mit Schleim beschmutzt war.
Wütend zückte er die Gebrauchsanweisung des Kampfanzuges, nur um feststellen zu müssen, daß sie nicht wie sonst üblich aus Bildern, sondern aus Text bestand.  Frustriert knüllte Thunder die Gebrauchsanweisung zusammen und warf sie in den Schlamm, denn die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, hatte er von je her als unmännlich verachtet.
Als Thunder nun so frustriert in der Einöde herumstand, bemerkte er plötzlich hinter sich Geräusche.
Blitzschnell zuckte er herum und brachte seine Waffe in Anschlag.  Aus der Richtung, in die er während des ganzen Vorfalls mit dem naiven Alien nicht hatte blicken können, kamen ein halbes Dutzend kleine Schleimklumpen gehüpft, dabei lauthals: “Mama, Mama!” rufend.
Thunders Gesicht begann vor Freude aufzuleuchten, denn damit war sein Triumph perfekt.  “Alter, ein neuer Orden winkt!”, murmelte er zu sich selbst.
Bei den irdischen Streitkräften war es nämlich üblich, Orden nur für herausragende Taten zu verleihen.
Das Töten von weiblichen Aliens inklusive deren Nachwuchs galt als solche Großtat, denn schließlich war die Menschheit bemüht, diese Unterlebewesen auszurotten.  Der entscheidende Schritt hierfür war natürlich, die Vermehrungsfähigkeit der Aliens zu zerstören.
Außerdem würde er damit seinen Ranglistenplatz auf der ATQ-Weltrangliste*
verbessern.  Momentan war er nämlich nur die Nummer 2 auf dieser Liste.  Doch seine jetzige Großtat konnte ihn unter Umständen zur Nummer 1 machen.
Vor Freude pfeifen stellte Thunder sein Supergewehr auf leichtes Rösten und fing an, auf die Alienkinder zu feuern.
Thunder war natürlich kein Sadist, aber man hatte ihm beigebracht, daß man den Aliens ihre Schlechtigkeit und Minderwertigkeit vor dem Tode durch längeres Leiden zu verdeutlichen habe.
Deshalb stand Thunder nun freudig erregt  vor den Alienkindern.  Sein Pulsschlag war erhöht und Speichel floß ihm am Kinn herab, während die Alienkinder jämmerlich weinend und klagen langsam verschmorten.  Dabei riefen sie ihm Bitten zu, sie zu verschonen.
Doch Thunder fiel auf diese miesen Tricks nicht herein, ganz im Gegenteil.  Er verachtete die Alienkinder wegen ihrer Wehleidigkeit.

(*ATQ-Weltrangliste = Alientötungsquotenrangliste der Top–Hundert
Alientöter)

Voller Verachtung verringerte er die Strahlendosis erneut und stellte zufrieden fest, daß die kleinen Schleimklumpen immer noch vor Schmerzen zuckten.
Nachdem die Körper der Alienkinder vollkommen verschmort waren, machte Thunder sich auf die Suche nach der verschollenen Jungfrau, dabei innerlich zufrieden  an seine Vorgesetzten vom Vornewegverteidigungsministerium    denkend. Sie würden Stolz auf ihn sein, vor allem die Abteilung für Rassenhygiene, die im Falle entführter Jungfrauen und bei den Gedanken an mögliche Konsequenzen immer hysterische Anfälle bekam.
Vorsichtig setzte Thunder einen Fuß vor den anderen, um nicht erneut im Morast  zu landen.
Nach einigen Minuten erreichte er festen Boden und hatte zum ersten Mal die Möglichkeit, sich eingehender umzusehen.
Außer den Monden gab es noch andere Unterschiede zwischen diesem drittklassigen Planeten und der Erde, jenem glorreichen Planeten, der die noch glorreichere Menschheit hervorgebracht hatte.  Der Himmel dieses Planeten schimmerte grünlich, obwohl keine Sonne zu erblicken war.  Die ebenfalls grünlich schimmernden Monde hatten inzwischen den Himmel verlassen.
Geblieben war nur das Superschlachtschiff  JOSEPH MC CARTHY, welches Thunder hier abgesetzt hatte.  Die J. MC CARTHY war mit energiegeschützigen, ultrakanonigen Atomgebläsen ausgerüstet, die jeden Planeten sofort in ein Häufchen Staub verwandeln konnten.  Wie vieles in der irdischen Flotte war das Superschlachtschiff die geniale Schöpfung des noch genialeren Prof. Dr. Dr. K.-H. Schweer.  Kommandiert wurde es von General Roberta Leinhein.
Thunder richtete seinen Blick erneut in die Richtung, aus der die Alienkinder gekommen waren.  Der Boden war zwar fest aber kahl.  Die Erde hatte einen leicht rötlichen Schimmer und ab und an stieg eine Staubwolke auf und versperrte Thunder die Sicht.  Böiger Wind zerrte plötzlich an Thunder und ein tiefes Grummeln war über ihm zu vernehmen.
Thunder blickte nach oben und entdeckte, daß die J. MC CARTHY sich zu ihm herabsenkte.
Genau in dieser Sekunde erreichte Thunder ein Funkspruch vom Superschlachtschiff: “Rambo 2, bitte melden!  Sofortiger Rückkehrbefehl!“
Thunder zuckte ergeben die Schultern, denn erstens ist ein Befehl ein Befehl und zweitens war die Jungfrau sowieso nebensächlich, etwas, daß seine zierliche, liebliche Frau einfach nicht akzeptieren mochte.  Aber Thunder war sich immerhin seines Ordens sicher, und das war der entscheidende Teil seiner Mission.
Erschwerend kam für Thunder noch hinzu, daß seine letzte Jungfrauenmission für ihn katastrophale Folgen gezeitigt hatte.  Diese gerettete Jungfrau saß nämlich  bei ihm zu Hause und stopfte seine Strümpfe und hatte es gar nicht gern, von ihrem Geliebten getrennt zu sein.
Wehmütig dachte Thunder an die vielen gemeinsamen  Erlebnisse zurück. Die vielen Fernsehabende, angefüllt mit Brutalo-Action-Zeichentrickfilmen, oder an die gemeinsamen Kämpfe, die für ihn immer im Krankenhaus geendet hatten.
Ergeben meldete sich Thunder und gab seine Bereitschaft zur Rückkehr bekannt.
Weder Thunder noch eine der Personen an Bord des Raumschiffes wußten zu diesem Zeitpunkt etwas von der sich anbahnenden Katastrophe.
Durch gezielte Sabotage war es den Aliens gelungen, eine Supermultiemegahexaheptaoktanonadekaüberatombombe in ihrer Halterung innerhalb des Waffendecks der JOSEPH MC CARTHY zu lockern.
Als das Schiff sich nun auf Thunder herabsenkte und seinen gewaltigen Bauch öffnete, um ihn aufzunehmen, löste sich die Bombe vollends aus der Halterung, kollerte über das Deck und fiel auf die Planetenoberfläche, wo sie detonierte.
Sekunden später existierte weder der drittklassige Planet, noch die grünlichen Monde, die Jungfrau, der Schlamm, das Raumschiff noch irgendwelche Aliens mehr.
Genauso hatte das drittklassige Sonnensystem aufgehört, zu existieren.  Auch die Milchstraße wurde vernichtet.
Überhaupt hatte die Bombe die ganze Galaxis zerstört.

“He, Mann!”, knurrt Thunder, “Das ist doch Unsinn!  Wo bleiben denn die anderen  Autoren, wenn du ihnen alles wegnimmst. Und was ist mit mir?  Und wie soll es zum vom Leser zu Recht immer wieder geforderten Happy-End kommen?  Denn wer will schon Geschichten ohne Happy-End lesen!”
Ich grinse jedoch nur ironisch und lehne mich in meinem Stuhl zurück.  “Vielleicht ist dies meine Rache für deine Unfähigkeit und für die Dummheit des Verlages, der die nächsten 388 Folgen dieser knalligen Serie nicht akzeptieren wollte”, erkläre ich vage.
“Doch um ehrlich zu sein, es ist nur ein Trick, um mehr Geld herauszuschinden und beim Leser für Spannung zu sorgen.  Immer noch hoffe ich, daß der Verlag meinem Projekt zustimmen wird, denn ich bezweifle nicht, daß diese Serie beim Leser gewaltig einschlagen wird, denn schlußendlich wird mein überragender Stil sogar über die Schwäche deines Charakters hinwegtäuschen.  Denn ein schwacher Charakter des Protagonisten hat noch kein Buch daran gehindert, zu Bestsellerehren zu gelangen.  Es gibt hierfür einige prominente Beispiele, wie …”
“Was mich wirklich interessieren würde”, fährt Thunder rüde dazwischen,”ist, wie du das Universum zu retten gedenkst?” Ich grinse, zwinkere mit den Augen und lehne mich, meiner Überlegenheit voll bewußt, lässig zurück”.
“Na ist doch ganz einfach!  Schau mir mal zu”.

Prof.  Dr. Dr. K.-H. Schweer, natürlich US-Amerikaner deutscher Abstammung und der genialste Wissenschaftler, der von der Menschheit bis dato hervorgebracht worden war, war während Thunders Einsatz nicht faul gewesen.
Er hatte sein Lieblingsspezialgebiet, die Waffentechnik, ausnahmsweise einmal verlassen, um sich der Zeitreisetechnik zuzuwenden.
Nach einer halben Stunde intensivster Forschung hatte sein genialer Geist auch schon eine Zeitmaschine aus dem Ärmel geschüttelt.
Gerade als er sich in das Zeitfeld seiner neuen Erfindung begeben hatte, um diese zu erproben, explodierte ganz unversehens das Universum um den Professor herum, so daß dieser nach einigen Sekunden, nur noch durch sein Zeitfeld geschützt, im absoluten Nichts stand.
Da aber der Professor sehr stark auf seine Erfindung konzentriert war, dauerte es, bis er endlich registrierte, daß etwas mit seiner Umgebung nicht in Ordnung zu sein schien.
Nach einigen Minuten intensivsten Nachdenkens gelangte er zu dem Schluß, daß die Beleuchtung mangelhaft sei, er stand nämlich, von seinem Zeitfeld nur schwach beleuchtet, im Dunkeln.  Also konfigurierte der Professor das Zeitfeld erst einmal so um, daß es von innen her hell zu glühen begann.
“So”, murmelte der Professor, “jetzt wollen wir doch erst einmal sehen, was denn eigentlich geschehen ist”.
Er blickte nach draußen.
Dort war nur undurchdringliche Schwärze zu erblicken.
“Nun ja!”, führte der Professor sein Selbstgespräch fort. “Werde die Zeitmaschine mal etwas zurück laufen lassen, um zu sehen, was passiert ist”.
Er schaltete den Rückwärtsgang ein.  Schon nach kurzem hatte der Professor Einblick in die Geschehnisse.
Da er außerdem aus praktischen  Erwägungen heraus nicht nur eine einfache Zeitmaschine erfunden hatte, sondern aus ihr gleich eine Raum-Zeit-Maschine gemacht hatte, war es ihm nun vergönnt, das große Desaster aus nächster Nähe bewundern zu können.
So sah er auch die Bombe fallen und ergötzte sich an ihrer famosen Wirkung.
“Immerhin”, brabbelte er vor sich hin, “bin ich der Erfinder dieser wunderbaren Waffe.“
Der Professor war also zurecht stolz auf sich und die Menschheit.  Erst als er das Universum das zweite Mal vergehen sah, wurde er nachdenklich.  Irritiert runzelte er die Stirn.
“Irgend etwas stört mich”, murmelte er.  “Wenn ich bloß wüßte, was?”
Langsam ging ihm auf, daß er jetzt, wo kein Universum mehr existierte, weder genug Platz für seine Forschung haben würde, noch ausreichend Forschungsmaterial.
Blitzartig wurde ihm klar, daß dies ein vollkommen unhaltbarer Zustand war.
Noch in der selben Sekunde wurde in seinem Gehirn der Plan geboren, daß Universum zu retten.
Wiederum ging er in die Vergangenheit zurück, kurz vor den Zeitpunkt der Explosion, schwebte dabei aber gleich hinab zur Planetenoberfläche.
Dort erblickte er Thunder Past, den Diplomsuperhelden, der auf das Eintreffen der JOSEPH MC CARTHY wartete.
Er hielt neben ihm, gerade als die Bombe aus dem Raumschiff fiel.
Schnell griff er aus dem Zeitfeld, schnappte sich Thunder und zerrte ihn hinein, während er mit der anderen Hand geschickt die Hülle so manipulierte, daß Thunder zu ihm ins Innere schlüpfen konnte.
Thunder seinerseits sah unvermittelt eine Hand aus dem Nichts auftauchen, seinen Arm packen und an ihm zerren.
Gerade als er sich geistig mit diesem Problem beschäftigen wollte, wurde er auch schon hinweggezogen, um sich Augenblicke später einem erfreuten Professor Schweer gegenüber zu finden, der wie ein  Honigkuchenschaukelpferd grinste.
In der nächsten Sekunde verschwand das Universum in einem kurzen aber heftigen Blitz.
Thunder riß vor Erstaunen Mund und Augen auf, während der Professor weiterhin das überlegen-wissende Lächeln zur Schau trug.
“Tja, mein lieber Thunder!”, krähte der Professor, “Sie befinden sich innerhalb meiner neuesten Erfindung.  Wenn ich kurz einmal erklären darf, wie sie funktioniert!“
Der Professor holte tief Luft und legte los: „Um eine Raum-Zeit-Maschine zu konstruieren, benötigt man einen elektronisch-tonischen Subakzellerator mit eingebauter Permutationsspule, welchen man an einen atomaren Teilchenbeschleuniger anschließt,der wiederum mit einer Deprivationszelle verbunden werden muß, die ….“

“He, was soll der Blödsinn?  Kann mir mal jemand erklären, was hier eigentlich gespielt wird”, keift Thunder und stemmt seine Fäuste in die Hüften.
Ich seufze resignierend und verdrehe die Augen zur Decke.
„Oh, Mann!  Jeder noch so dumme Leser weiß inzwischen,worum es geht, nur der Protagonist ist nach wie vor völlig ahnungslos.  Wie ich Romane hasse, in denen alle alles wissen und nur der Held hat mal wieder keine Ahnung von den Dingen,die um ihn herum vorgehen”.  Letzteres murmle ich allerdings nur in meinen nicht vorhandenen Bart.  “Wenn mir keiner erklärt, was abgeht, wie soll ich dann wissen, wie ich reagieren soll”, mault Thunder in weinerlichem Ton.  “Überhaupt, was soll denn dieses dumme Gebrabbel von Doc Schweer?”
Ich schüttle ob seiner Unwissenheit resigniert den Kopf und erkläre ihm ausführlich, was bis dato vorgefallen ist.
“Außerdem”, meine ich mit erhobenem Zeigefinger,”brabbelt Professor Doktor Doktor K.-H. Schweer nicht, sondern er erläutert dir eine hochwissenschaftliche Theorie”. Dies gehört zu jedem aufrechten SF-Roman, frei nach dem 1. Clerke’schen Gesetz: NUR HARD-SF BRINGT FREUDE,DEINE ZEIT NIEMALS AN CHARAKTERE VERGEUDE!  Dazu kommt noch diese unehrerbietige Anrede”, knurre ich, “denn nur für seine Fans ist er Doc Schweer.  Du solltest ihn zumindest Professor nennen”.
“Wenn du so weiter machst”, fahre ich fort, “werde ich dir den Lohn kürzen.  Nun aber zurück in die Handlung, sonst verpaßt der gläubige Leser noch die ganze Theorie des Professors.  Deine Aufgabe ist es, ab und an dein Entzücken über das Genie des Professors auszudrücken. Deshalb wirst du hier und dort eine intelligente Bemerkung einwerfen, wie z. B.: Herrjeh!  Das ist ja erstaunlich, Herr Professor!  Wie funktioniert das denn?  Dies schmiert den Verbalapparat des Professors und ermöglicht dem intelligenten Leser das Begreifen der wissenschaftlichen Theorien”.
“Also, dalli! Zurück in den Roman!”, kommandiere ich und winke ihn dorthin zurück.

Der Professor hatte nichts von der Abwesenheit Thunders gemerkt und schwadronierte weiter über seine Theorie, war unglücklicherweise aber gerade in dem  Augenblick fertig, als Thunder die Szene wieder betrat.
“Das hast du nun davon!”, rufe ich Thunder erzürnt nach, als der Professor auch schon aufblickte,die Augenbrauen nach oben schob und Thunder  fragte:”Haben sie eben etwas gesagt?”
“Wer, ich?,  stotterte Thunder, schaute sich verblüfft um, schüttelte den Kopf und lief rot an.
“Dann ist ja nun alles klar”, freute sich der Professor.  “Wir müssen uns nun aber an die Arbeit machen, denn das Universum wartet auf seine Errettung”.
Dann lachte er über seine eigene Äußerung, als ihm klar wurde, daß er aufgrund seiner Erfindung alle Zeit des Universums zur Verfügung hatte.
“Nun denn!  Packen wir`s an!“, rief der Professor und klebt sich das Signet einer bekannten Petrolfirma auf seinen makellos weißen Kittel, und dachte befriedigt an die Prämie, die ihm diese Schleichwerbung schon eingebracht hatte und sicherlich noch einbringen würde, denn schließlich muß auch ein Professor leben.
“Wir reisen nun zurück in der Zeit, um die Sabotage aufzuhalten”, verkündete der Professor und drückte einen Knopf am Instrumentenbrett der Raum-Zeit-Maschine.
Doch anstatt zurück zu reisen, fing die Maschine an zu bocken und zu schlingern.
“Festhalten!”, kreischte der Professor.
Doch dies war leichter gesagt als getan, denn außer dem mit den Energieaggregat gekoppelten Instrumentenbrett, an das sich schon der Professor klammerte, gab es nichts, woran man sich hätte festhalten können.
Von einem Augenblick zum anderen war der ursprünglich Zustand wieder hergestellt und unsere beiden nunmehr grüngesichtigen Helden fanden sich auf dem Boden wieder.
Ächzend erhoben sie sich.
“Was war das?”, stieß Thunder entsetzt hervor.
Der Professor erfaßte mit einem Blick die Situation, raffte seinen unvermeidlichen weißen Kittel um sich und erklärte: “Leider ist uns gerade die Energie flöten gegangen.  Irgend etwas muß uns durch Raum und Zeit geschleudert haben.  Nun funktioniert nur noch die Notenergie, die gerade ausreicht, das Feld aufrecht zu erhalten und uns langsam durch den Raum zu manövrieren.  Wir müssen also zusehen, daß wir einen brauchbaren Planeten im Hier und Jetzt finden, auf dem wir unsere Energie aufladen können.”
Energisch griff der Professor zur Tastatur des Instrumentenbretts und ihre langsame Fahrt durch den Raum begann.
“Zum Glück habe ich mein Opernglas dabei”, sprach der Professor und drückte es Thunder in die Hand. “Halten sie gut Ausschau!”, meinte der Professor und vertiefte sich erneut in seine Arbeit.
Grübelnd stand Thunder da, dabei des Professors Opernglas immer noch in der rechten Hand, als ihn plötzlich eine Idee ansprang.
Aufgeregt rief er: “Herr Professor, könnten wir unsere Energie nicht an einer Sonne aufladen.  Dann brauchten wir überhaupt keinen Planeten anzufliegen.

“Bist du des Wahnsinns!”, kreische ich panikerfüllt und reiße Thunder aus dem Roman heraus.  “Zu jedem guten Action-Roman gehört das Robinson-Crusoe-Motiv und ein exotischer Planet, den die Helden erkunden und bezwingen müssen.  Und da kommst du mit dieser lächerlich blöden Idee, die Energie einfach an einer Sonne aufzuladen.  Wo kämen wir denn da hin, wenn das so einfach wäre?“ “Wenn du mir noch einmal ein Konzept durch solch eine blödsinnige Idee verdirbst, fliegst du in hohem Bogen aus dem Roman heraus! Schließlich wirst du nicht fürs Denken bezahlt.  Wo käme die SF denn hin, wenn die Protagonisten, zumal die superheldischen, zu denken anfingen.  Das wäre ein Unding!  Also, haben wir uns verstanden? Keine dusseligen Ideen mehr ab jetzt!  Ich werde genug damit zu tun haben, diesen einen auszubügeln“.
“Ja, ja!”, meint Thunder kleinlaut, schnupft und – ich glaube es nicht – fängt an zu heulen.
Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe und schaue fassungslos auf meinen Superhelden.
“Aber …. aber…”, stottere ich entsetzt.
Huhuu!”, heult Thunder, “Da bemüht man sich, reißt sich den Arsch auf, um eine gute Figur zu machen (schluchz!) und was passiert?  Man wird vom eigenen Autor fertig gemacht.  Dabei habe ich es doch nur gut gemeint”. (schluchz! schluchz!)
Nun,..äh..,lieber Leser, sie sehen mich, den großen, wortgewaltigen Autor, wortlos.  Hierzu fällt mir wirklich nichts mehr ein.  Während Thunder sich langsam wieder beruhigt, überlege ich mir Alternativen zu dieser Flasche von Superhelden.  Doch leider gibt es, um ehrlich zu sein, keine Alternative zu ihm.  Ich werde wohl oder übel mit ihm weiterarbeiten müssen.  Andernfalls wird er mir die Protagonistengewerkschaft auf den Hals hetzen, und diese “Mafia” hat sich bis jetzt noch immer durchgesetzt.
Autoren, die nicht kuschen, sehen sich nämlich plötzlich mit dem Problem konfrontiert, auf Protagonisten vollständig verzichten zu müssen.

Ihnen, lieber Leser, wird sicher der eine oder andere Fall bekannt sein, in dem Autoren versuchten, ohne Protagonisten auszukommen.  Doch auch die Mutigen mußten bald die Segel streichen und kehrten enttäuscht in die Fänge dieser Gewerkschaft zurück.
Keiner hat sich ihr bisher erfolgreich widersetzen können.  Außerdem hat sie es verstanden, ihre Aktivitäten bisher geheimzuhalten.  Bis heute glauben die meisten Menschen immer noch, die Autoren würden ihre Figuren selbst erfinden.
Das ist natürlich Unsinn.  Und wenn sie sich je über qualitative Unterschiede bei den Charakteren der Protagonisten gewundert haben, dann liegt das daran, daß Leute wie Kayes und Meet einfach aufgrund ihrer linken politischen Einstellung bessere Beziehungen zur Gewerkschaft haben und deshalb auch die besseren Protagonisten zugewiesen bekommen, während Leute wie Clerke, Assomief oder ich, die bei den linken Gewerkschaften eben nicht so gut gelitten sind, mit dem letzten Ausschuß abgespeist werden.
Aber ich traue mir zu, diesen Nachteil durch geniale Ideen und einen überragenden Stil mehr als wett zu machen.  Das gleiche gilt auch für die beiden anderen genialen Autoren, die in ihrer Genialität gleich nach mir kommen.
Verachtung kann ich deshalb nur für all die linken Softies empfinden, die, obwohl sie vor opulenten Raumschlachten zurückschrecken, immer noch einige Bücher verkaufen, weil sie sich bei der Gewerkschaft anbiedern.
Deshalb kann ich nur hoffen, daß die aufrechten SF-Leser, die Hard-SF und Space Operas schätzen, diese Autoren möglichst bald vom Markt fegen, einfach dadurch, daß sie deren schundige Ergüsse nicht mehr kaufen.
Erst wenn diese polit/social/psycho-Softies vom Markt verschwunden sind , wird die SF erblühen, so wie dies bei der ungemein anspruchsvolleren Fantasy bereits geschehen ist.
Denn auch einzelne Schandflecke wie Nancy Gress, Richard Fort oder Patty McZwillip können über das hohe Niveau der Fantasy nicht hinwegtäuschen.
Dies mag vor allem daran liegen, daß die Fantasy-Protagonistengewerkschaft so gut wie keine Macht hat, was dazu führt, daß linke SF-Softies sich nur sehr selten in die Fantasy verirren.
Wenn dieser Zustand auch in der SF erreicht und diese Autoren gänzlich aus ihr vertrieben sein werden, wird die SF auf ihrem Höhepunkt sein.
Glücklicherweise befindet sich die SF der 80er Jahre dank des Fantasy-Booms auf dem besten Wege dorthin.

Nachdem ich mir meinen Frust von der Seele geschrieben habe,blicke ich zu meinem windelweichen Protagonisten und erkenne, daß seine Tränen versiegt sind und er wieder einsatzfähig zu sein scheint, wenn man dies von einer solchen Niete überhaupt behaupten kann.
“Na ja”, sage ich besänftigend, “geh mal wieder zurück in den Roman, ich werde den Fehler schon ausbügeln!”
Bedripst schleicht Thunder von dannen, während ich ihm immer noch kopfschüttelnd nachschaue.

Der Professor drückte wie wild die Knöpfe des Instrumentenbretts, so als wolle er ein schwieriges Musikstück nicht nur dirigieren, sondern auch gleichzeitig spielen.
Plötzlich deutete er aufgeregt voraus und rief:”Da ist etwas.  Sehen sie es, Thunder?”.
Thunder brummte zwar zustimmend, allerdings nicht allzu enthusiastisch.
Stirnrunzelnd drehte sich der Professor zu ihm um, sah seine verheulten  Augen, und drehte sich blitzschnell wieder dem sich nähernden Objekt zu, denn so gut er beim Reparieren von Maschinen war, so sehr versagte er beim Reparieren von  Menschen.  Da er sich dessen bewußt war, hielt er sich von Menschen fern, was allerdings aufgrund der momentanen Lage leider ausgeschlossen war.
“Herr Professor”, meinte Thunder kleinlaut, aber deutlich auf dem Wege der Besserung, “ich kann keine Sonne in der Nähe des Objektes erblicken, obwohl das Objekt Planetengröße zu besitzen scheint?”
Bei der Erwähnung des Wortes Sonne aus Thunders Mund zuckte der Professor sichtlich zusammen.  Ein Gedanke war durch sein Hirn gezuckt, doch bevor er ihn hatte fassen können, war er auch schon wieder verschwunden.
Verärgert schüttelte der Professor den  Kopf, um sich dann Thunders Frage zuzuwenden.
Inzwischen war des besagte Objekt so nahe herangerückt, daß man seine äußere Form erkennen konnte.  Es sah aus wie ein riesiger, überdimensionaler Brezel.
Dem Professor, der schon zu einer Antwort angesetzt hatte, ging plötzlich eine Wachskerze auf.  So schloß er den Mund wieder, dachte eine Sekunde nach und stieß dann begeistert hervor: “Brezelwelt!”
Auch Thunder bekam große Augen, denn jeder halbwegs intelligente Bewohner des Milchstraßensystems hatte schon von Brezelwelt gehört .
Je näher sie Brezelwelt kamen, desto offensichtlicher wurden die gigantischen Ausmaße dieser künstlichen Welt.
“Ja, ja”, murmelte der Professor, “kennen sie eigentlich die Geschichte dieser Welt, mein lieber Thunder?”
Thunder schüttelte den Kopf und gab damit das Zeichen für eine neuerliche Verbalexplosion aus des Professors Mund.
Dieser ließ sich die Chance nicht entgehen und legte sogleich los.  Mit vor Bescheidenheit triefender Stimme erklärte er: “Ich habe mich vor einiger Zeit mit der Konstruktion einer künstlichen Welt beschäftigt, die allein mir und meiner Forschung dienen sollte.  Schweer-Welt wollte ich sie in der mir eigenen Bescheidenheit nennen.  Die terranische Kulturbehörde war so freundlich, und ließ mich Einblick in die Konstruktionspläne von Brezelwelt nehmen, in denen auch ein kurzer historischer Abriß enthalten war, den ich dank meines unfehlbaren eidetischen Gedächtnisses genauestens behalten habe.
Als das Volk der K’ Sindy vor 6 Millionen Jahren durch die Überbevölkerung ihres Planeten fast an den Rande des Abgrundes getrieben worden war, beschlossen sie, eine künstliche Welt zu errichten, sie mit einem  Antrieb auszustatten und in den Weltraum zu entsenden.  Da die K’Sindy bis dato noch keinen überlichtschnellen Antrieb entwickelt hatten, war ihnen das Besiedeln ferner Sterne verwehrt.
Da Brezelwelt auch ohne Überlichtantrieb auskommen mußte, war sie so konstruiert worden, daß sie ein vollkommen autarkes Gebilde darstellte.
Zuerst hatten die K’Sindy eine simple Ringwelt bauen wollen, aber viele verwiesen auf die Phantasielosigkeit eines solchen Unternehmens.
Einige Kritiker fragten sogar, was denn eine Ringwelt solle, wenn man darin nur im Kreis herum marschieren könne.
Also baute man Brezelwelt, was den unleugbaren Vorteil hat, daß man in ihr in zwei Kreisen herummarschieren kann.
Leider  wurde der Nachteil von Brezelwelt bald ersichtlich.  Doch da war es bereits zu spät für das Volk der K’Sindy.  Die Bewohner von Brezelwelt verloren nämlich bald nach dem Start von ihrer Heimatwelt das Interesse an bewohnbaren Planeten. Brezelwelt wurde zu ihrer Heimat, der Fortschritt stagnierte und die Brezelwelt-K’Sindy wurden dekadent und degenerierten.  Nach einigen Generationen waren die K’Sindy auf Brezelwelt ausgestorben.
Zu dieser Zeit existierte die Heimatwelt der K’Sindy bereits nicht mehr .
Nachdem das Gros der unternehmungslustigsten K’Sindy ihren Heimatplaneten mit Brezelwelt verlassen hatten, blieben hauptsächlich die Faulen, Kleinkarierten und Drückeberger zurück.
Dies führte zuerst zum totalen Zusammenbruch der Wirtschaft, und nachdem die Nahrungsmittel knapp geworden waren, kam es zu einem globalen Nuklearkrieg, der fast alle K’Sindy tötete.
Als dann schlußendlich eine Seite die ultimative Waffe erfand und zündete, verwandelte sich der Heimatplanet der K’Sindy in ein Schwarzes Loch und verschluckte alle Trümmer.
Die Menschheit erfuhr von dem Schicksal der K’Sindy durch ihre unterlichtschnellen Radiowellen, die die Geschehnisse festhielten und die dem neu entstandenen Schwarzen Loch entkommen waren.  Den Rest erfuhr man im Jahre 31 KTRVSBZ XXI ump 27, als der Raumfahrer Louis Foul-Garablond die vollkommen verwaiste Brezelwelt entdeckte.
Kurz nach der Entdeckung von Brezelwelt war sie auch schon von Touristen überlaufen.
Inzwischen erforschten die Wissenschaftler die Außenhaut von Brezelwelt und fanden heraus, daß sie nahezu unzerstörbar war.  Nur einen einzigen Stoff gab es, der die superstabile Metallegierung zerstören konnte, nämlich …. ?”
Der Professor unterbrach seine Rede und starrte Thunder fragend an.
Dieser zuckte jedoch nur unwissend die Schultern.
„…nämlich”, hub der Professor erneut an, “Tomatenketchup”.  Thunder riß erstaunt die Augen auf, während der Professor bejahend nickte.
“Noch nicht einmal Curryketchup hatte eine solch verheerende Wirkung auf die Legierungsstruktur wie Tomatenketchup”, erklärte der Professor im Brustton der Überzeugung.
“Aber”, so der Professor weiter, “im Jahre 39KJKvttt xyz78b gelang es trotz schärfster Sicherheitskontrollen einem fast-foodabhängigen  Touristen, seinen Hamburger durchzuschmuggeln. Beim Verzehr des selbigen tropfte eine Spur Ketchup auf die Oberfläche von Brezelwelt.
In Sekunden bildeten sich Risse in der Hülle von Brezelwelt und sie brach auseinander”.
Die Stimme des Professors hatte einen traurigen Klang angenommen, wurde jedoch sofort fröhlicher, als er verkündete, daß 13 Millionen Menschen bei diesem Unglück uns Leben gekommen waren.
Thunder war beeindruckt vom Wissen des Professors.  Noch mehr beeindruckte ihn des Professors neue geniale Schlußfolgerung: “Wir müssen uns also in einer Zeit befinden, in der Brezelwelt noch nicht von den Menschen entdeckt worden ist, denn auf meinem Radargerät, welches ich genialerweise in die Raum-Zeit-Maschine eingebaut habe, ist kein einziges Raumschiff zu erblicken”.
“Zudem ist kein Licht auf Brezelwelt zu erblicken, was bedeutet, daß niemand zu Hause ist.  Wir befinden uns also zeitlich irgendwo zwischen dem Aussterben der K’Sindy und der Entdeckung von Brezelwelt durch die Menschen.  Mit anderen Worten: Brezelwelt ist bar jeden Lebens und steht uns zur Verfügung”.
Thunder stand mit offenem  Mund und aufgerissenen Augen da und konnte sich vor Bewunderung gar nicht mehr einkriegen.
Während Thunder sich zu lauten Beifallsbekundungen und frenetischem  Applaus hinreißen ließ, verbeugte sich der bescheidene Professor, den rechten Arm dabei vor den beleibten Bauch gewinkelt, den rechten auf den Rücken gelegt.
An seinem erhabenen weißen Bart zupfend machte er sich dann wieder auf, um an seinen Kontrollen zu manipulieren.
Brezelwelt war inzwischen so groß geworden, das sie in ihrer Gesamtheit von den beiden Menschen nicht mehr erfaßt werden konnte.
Trotzdem dauerte es noch einige Zeiteinheiten, bis die Raum-Zeit-Maschine sich Brezelwelt gänzlich genähert hatte.
“Soweit ich mich entsinne”, meinte der Professor, “befindet sich die Einstiegsluke in der mittleren Verbindung des Brezels.  Als sie darauf zusteuerten, sahen sie auch alsbald ein großes schwarzes Loch; die offene Schleuse.
Lange flogen sie auf die Öffnung zu, ohne daß ersichtlich wurde, daß sie sich ihr näherten, obwohl der gähnende Schlund der Schleuse immer größer und bedrohlicher wurde.
Dann, urplötzlich, wurden sie von der Schleuse verschluckt und befanden sich mit einemmal innerhalb von Brezelwelt.
Gigantische Streben glitzerten metallisch, als sie unter und über ihnen hindurchflogen.
“Wir müßten uns jetzt langsam der Computerzentrale nähern, wenn ich den Konstruktionsplan von Brezelwelt richtig im Kopf behalten habe, woran natürlich kein Zweifel bestehen kann”, flüsterte der Professor .
“Warum flüstern sie, Herr Professor”, flüsterte Thunder.
“Ich flüstere nicht”, flüsterte der Professor und wandte sich erneut seinen Skalen zu.
Die Raum-Zeit-Maschine begann sich langsam zu senken, während sie gleichzeitig die Fahrt verlangsamte.
Als sie auf dem Boden angekommen waren, stiegen Thunder und der Professor aus.
Die Leere widerhallend schlugen Thunders Stiefel auf dem metallenen  Boden des Ganges auf.
“Dort vorne”, deutete der Professor, “lagern Energievorräte.  Alles was wir nun noch benötigen,ist ein Verlängerungskabel,da ich die Raum-Zeit-Maschine leider nicht durch die enge Tür des Lagerraums steuern kann”.
Wie zur Bestätigung seiner Worte schritt der Professor los und stieß sich den Kopf am niedrigen Eingang des Lagerraums.  “Dieses verfluchte Pygmäenvolk”, wetterte er, sich dabei den Schädel reibend.  “Diese K’Sindy waren eine Rasse von abgebrochenen Riesen, müssen sie wissen, mein lieber Thunder.
Rassisch minderwertig, wie alle Rassen, außer unserer Rasse natürlich”, grummelte der Professor.
Dann kroch er in den Lagerraum hinein und rief alsbald: “Ja, hier ist die Steckdose”.  Er zeigte dabei auf eine kleine Öffnung in der Wand.
“Vielleicht”, meinte Thunder hoffnungsvoll, „wenn wir die Maschine nahe genug heranbringen, genügt eines der Kabel der Raum-Zeit-Maschine” .

“Idiot”, brumme ich.  “Dieser Trottel hat eine Begabung für Schnapsideen.  Aber dem werde ich schon abhelfen”.

Als die beiden sich aber zur Raum-Zeit-Maschine umdrehten, mußten sie feststellen, daß das Raum-Zeit-Feld erloschen war.  Das Energieaggregat war vollkommen leer.
Beide schluckten entsetzt bei dem Gedanken, daß dies auf dem Flug hätte geschehen können.  Natürlich dachten die beiden dabei weniger an ihr eigenes Leben, als an die Rettung des Universums. Leise und klammheimlich schlich sich eine Gänsehaut den Rücken der beiden hinunter.
Alsdann machte sich Thunder auf die Suche nach einem Verlängerungskabel, während der Professor versuchte, die Raum-Zeit-Maschine erneut zu starten.
Er drehte den Zündschlüssel, trat die Kupplung und gab Gas. Doch die Maschine ließ nur ein trockenes Husten vernehmen.  “Yuk,yuk,yuk … blubb,blubb,blubb!”, ließ sie sich vernehmen, um dann endgültig zu ersticken und das Zeitliche zu segnen.  “Mistding!”, quetschte der Professor zwischen den  Zähnen hervor.
Doch auch als er den Choke bis zum Anschlag herauszog, erzielte er keine andere Reaktion als einen Rülpser und dann betrübliche Stille.
Thunder, der in der Nähe kein Verlängerungskabel hatte auftreiben können, war inzwischen zurückgekehrt und schaute dem Professor über dessen Schulter bei seinen vergeblichen Bemühungen zu.  Plötzlich zog der Professor den Zündschlüssel ab und warf ihn mit aller Macht an die Wand des Ganges.
Dann warf er sich mit aller Gewalt selbst auf den  Boden, begann hysterisch zu kreischen und mit den Fäusten auf den metallischen Boden zu trommeln.
Mit übergeschnappter Stimme schrie er: “Mieses Stück, du!  Ich habe dich geboren, gepflegt und gehätschelt.  Und wie dankst du mir?  Du läßt mich hier allein zurück, auf einem fremden Planeten. Untreues Miststück!”.
Dann legte er den Kopf auf die Arme und begann zu weinen.
Thunder, der dem ganzen Schauspiel fassungslos gefolgt war, wollte einwenden, daß der Professor ja überhaupt nicht allein sei, doch seine Kehle hatte sich so verengt, daß er die Worte nicht hervorbringen konnte.
Angesteckt durch den Professor, vielleicht aber auch nur aus Solidarität, begann Thunder mitzuheulen.

Entsetzt schlage ich die Hände über dem  Kopf zusammen und verfluche erneut die Protagonistengewerkschaft, weil sich auch die Figur des Professors als fauler Apfel entpuppt hat.
“Na, wartet!  Mich bekommt ihr nicht klein!  Euch werde ich es zeigen!  Selbst solche Effektivloser wie diese beiden werden mein göttliches Werk nicht in Verruf bringen können.  Noch habe ich einige Trümpfe im Ärmel”, knurre ich und bereite mich vor, den ersten auszuspielen.

Ein metallisches Geklapper war urplötzlich zu vernehmen.  Ein Knacksen, dann ein Scheppern.
Thunder beschlich ein kaltes Gefühl und das Bedürfnis eines Bedürfnisses, denn eigentlich hätte er allein sein müssen, jetzt, nachdem der Professor sich in den Schlaf geweint hatte.
Thunder sah sich um, konnte jedoch den Verursacher des Geräusches nicht entdecken.
Dann nahm er allen Mut zusammen und machte sich mit wackeligen
Knien auf den Weg, um den Verursacher des Geräusches herauszufinden.
Er folgte endlosen Gängen, ohne etwas interessantes wahrzunehmen.
Dabei machte er sich Mut, indem er sich einredete, daß das Geräusch auch durchaus natürliche Ursachen haben könnte.
Denn schließlich sollten er und der Professor allein sein.
Als er an einem Raum mit großem Glasfenster vorbeigehen wollte, entdeckte er etwas Merkwürdiges.
Mitten in dem Raum, vor einem großen Tisch, auf dem einige seltsame Apparate ausgebreitet lagen, stand ein fremdartig gekleideter Mann.
Zumindest vermutete Thunder, daß es sich bei der Person um einen Mann handelte, denn sehen konnte er nur dessen Rückenansicht.
Außer den langen schlohweißen Haaren war vor allem die seltsame Kleidung auffällig.  Ein hoher, spitz zulaufender Hut in violetter Farbe, bemalt mit Mondsicheln und Sternen und ein langes, bis zum Boden reichendes Gewand gleicher Farbe und gleichen Motivs.
In dem Augenblick, in dem Thunder seine Musterung abgeschlossen hatte, drehte der Mann sich herum und winkte Thunder zu sich, noch bevor er Thunder überhaupt gesehen haben konnte.  Thunder war zuerst perplex, betrat dann jedoch den Raum.  Erst jetzt wurde Thunder sich der Tatsache bewußt,  daß der Mann einen langen weißen Bart trug und sehr alt zu sein schien, was Thunder aus den unzähligen Fältchen schloß, die die Augen des Mannes umgaben.
Als Thunder bei dem Mann ankam, sprach dieser mit tiefer, ruhiger Stimme: “Darf ich mich vorstellen.  Ich bin der Zauberer Alldiweil Peekaboo aus dem Universum F Beta 17.  Leider habe ich mich etwas verfahren.  Ich glaube, ich bin bei Punkt C64 meiner magischen Karte falsch abgebogen.  Eigentlich wollte ich nach Hause, aber zweifelsfrei ist dies nicht das Universum F Beta 17.  Könnten sie, junger Mann, so freundlich sein, und mir mitteilen, in welchem Universum ich mich befinde?”
Dabei hielt er Thunder eine komplexe Karte unter die Nase, gegen deren Verworrenheit ein Schnittmusterbogen wie ein leeres Blatt wirkte.
“Hier”, sagte Alldiweil, und deutete auf einen Punkt der Karte, “bin ich abgebogen, aber ich habe wohl die falsche Abzweigung genommen.
Thunder erkannte gleich, daß er sich auf dieser Karte nie zurechtfinden würde.
Doch gleich hatte er wieder einen seiner berüchtigten Einfälle.
“Warten sie einen Moment!  Ich habe einen Bekannten, der mit Sicherheit weiß, wo wir uns befinden”.
Sprach`s und verschwand aus dem Roman.

“Sag mal, was macht denn ein Zauberer auf Brezelwelt?“, fragt mich Thunder indigniert.
“Das hast du doch eben gehört!  Er hat sich verfahren und ist dabei in mein Buch gestolpert.  Sei ja höflich zu ihm!“
“Wieso?”, fragt Thunder und seine Miene drückt Ablehnung aus .
“Na, ganz einfach!  Der Zauberer erschließt mir die Möglichkeit, nicht nur einen SF-, sondern auch einen Fantasy-Roman zu schreiben.  Wenn ich beide Genres abdecke, heißt dies mehr Leser und auch eine höhere Auflage.
Zudem hat die Fantasy den Vorteil, daß ich den Roman zu einen 10-bis-12 -bändigen Zyklus auswalzen kann. Die Fantasyleser erwarten das“.
“Bist du dir da sicher?”, fragt mich Thunder mit gerunzelter Stirn .
“Aber selbstverständlich.  Fantasyleser nehmen in letzter Zeit nicht einmal Trilogien für voll.  Ein Zyklus ist in der Fantasy die einzige Möglichkeit, sein Geld zu verdienen”.
“Das aber dann gleich 10-12fach, was?”, grinst Thunder.
“Nun ja, zugegebenermaßen hat es für einen Autor gewisse Vorteile in Zyklen zu schreiben, weil er den Leser damit zwingt, bei der Stange zu bleiben und….”
“Und”, fällt mir Thunder ins Wort, “er zwingt den Leser alle Fortsetzungen zu kaufen, selbst wenn die späteren Folgen zu wünschen übrig lassen, gell!”  Immer noch klebt ein freches Grinsen auf Thunders Gesicht, das mich zur Weißglut treibt.
“Pah, sei doch froh!”, knurre ich.  “Schließlich wirst auch du dadurch verdienen”.  Das verschloß ihm für’s erste den Mund.  Befriedigt nicke ich.  Dann durchfährt mich ein Geistesblitz.  “Ich werde den Zyklus Shannana-Zyklus nennen “, rufe ich begeistert aus.
“Also” , belehre ich Thunder erneut, “sollte er dich in sein Universum einladen, wirst du diese Einladung selbstverständlich…”
„….ablehnen!”, kräht Thunder.
“NEIN”; blaffe ich zurück.  “Ganz im Gegenteil.  Du wirst freudig annehmen. Ist das klar?”
Thunder nickt betrübt.
In freudiger Erwartung reibe ich mir die Hände.
“Dann fehlen nur noch Drachen, Schwertkämpfe mit viel Blut und ein böser Schwarzmagier, der die Welt versklaven will, und damit wäre der Fantasy-Zyklus komplett”.
“Nun komm mal zurück auf den Teppich!”, brummt Thunder.
Doch so leicht bringt mich nichts aus dem Konzept.  Während ich meinen möglichen finanziellen Gewinn überschlage, der durch diesen  Wink des Schicksals ermöglicht werden sollte, kommt mir eine fantastische Idee.
” König Arthus und seine Tafelrunde”, rufe ich begeistert und schnipse mit den Fingern.  “Wenn ich die Handlung dorthin verlegen könnte, könnte ich den Gewinn sicherlich nochmals verdreifachen.  Sagtest du nicht, der Zauberer hieße Merlin?”, frage ich Thunder .
Doch dieser schüttelt nur den Kopf: “Irrtum!”, zerstört Thunder rüde meine eksta-tischen Träume vom großen Gewinn.  “Er sagte, er hieße Alldiweil Peekaboo”.
Mist!”, schimpfe ich, werde jedoch gleich wieder fröhlich (bin nun mal eine Frohnatur) als mir ein neuer genialer Gedanke durch den Schädel fährt.
“Er hat dich doch eben gefragt, wie er seinen Weg nach Hause finden könnte?” Als Thunder nickt, fahre ich fort: “Du wirst ihm sagen, daß ihm ein Zauberer namens Merlin dabei behilflich sein kann, weil dieser sich bestens mit Dimensionsreisen auskennt”.
“Stimmt das denn?”
„Papperlapapp!”, winke ich ab.  “Unwichtig!  Wichtig ist, daß du ihn bittest, dich mitzunehmen.
Ich denke ja gar nicht daran”, ruft Thunder entsetzt aus.
Mein Blick wird starr.  Wut erfüllt mich.  Bedrohlich wachse ich vor ihm in die Höhe und gebe ein animalisches Knurren von mir.
Thunder wird blaß, scheint zu schrumpfen und maunzt: “Jawohl, zu Befehl!”
Ich lächle und sage: “Brav so! Genau diese Mentalität verlange ich von einem guten Protagonisten”.

Sie, lieber Leser, werden nun sicher verstehen, warum ich mich a) schon immer für eine eindrucksvolle Persönlichkeit gehalten habe und b) was ich am militärischen Kadavergehorsam so schätze!  Thunder jedenfalls trollt sich wieder zurück in meinen Roman.

Alldiweil hatte sich die Zeit inzwischen mit Zauberkunststücken vertrieben, indes er auf Thunder wartete, und begrüßte Thunder gleich bei dessen Rückkehr mit den Worten: “Ein merkwürdiges Universum habt Ihr hier.  Meine Zauberkraft hat sehr stark nachgelassen, seit ich hier weile”.  Dabei reibt er sich nachdenklich die Nase.
Thunder lächelte schwächlich.
“Nanu!”, meinte Alldiweil, „Ihr seid ja so blaß um die Nase.  Habt Ihr etwa einen Oberteufel um Rat gefragt?”
Thunder murmelte etwas, das verdächtig nach: „So ähnlich“, klang, was ich ihm allerdings nicht geraten haben möchte.
Er fuhr jedoch gleich fort:”Ich weiß nun, wie Ihr zurück in Euer Heimatuniversum gelangen könnt.  Ihr müßt dazu Euren  Zaubererkollegen Merlin aufsuchen.  Er wird Euch den Weg weisen”, erklärte Thunder und fiel dabei unbeabsichtigt in die gestelzte Sprechweise mancher Fantasywelten.
Alldiweil verzog nachdenklich sein Gesicht und murmelte Merlins Namen vor sich hin.
“Tut mir leid”, meinte er dann, “aber sehr bedeutend kann der Mann nicht sein, sonst wäre er mir bekannt!  Zumindest müßte ich von ihm gehört haben, denn ich kenne alle berühmten Zauberer aller bekannten  Dimensionen.  Na ja, wollen mal schauen!”, meinte er dann und zog einen gewaltigen Wälzer unter seinem Zauberergewand hervor, der dort eigentlich gar keinen Platz hätte haben dürfen.  Dann begann er zu blättern.
Nach einigen Minuten des vergeblichen Blätterns warf er das Buch wütend von sich.  Es flog durch die Luft und löste sich in selbige auf, bevor es den  Boden berührte.
Der ungehaltene Zauberer griff erneut unter seine Kutte und holte von dort einen Minikomputer hervor und fing an, auf ihm herum zu tippen.  Thunder staunte nicht schlecht als Alldiweil schlußendlich verkündete: “Er ist an König Arthus Hof angestellt.  Es handelt sich hierbei um Universum KI2/27.  Hm!”.
Dann zog er seine Karte hervor, nachdem sich auch der Mini-PC in Luft aufgelöst hatte, suchte kurz und deutete auf einen bestimmten Punkt, wobei er ausrief: „Ein richtiges Hinterwäldleruniversum.  Dort wohnen aber nur echte Landeier”.
Nachdenklich kratzte er sich unter seiner Mütze.  “Seid Ihr sicher, daß mir dieser … äh … Merlin den Weg weisen kann?”
“Aber hundertprozentig!”, versicherte Thunder unter einem unsicheren Lächeln, wobei er den rechten Arm ängstlich abwehrend von sich streckte.
“Gut denn!”, meinte der Zauberer, immer noch mißtrauisch. „Würdet Ihr dann so gütig sein, mich zu begleiten.  Nicht daß ich Euch oder Eurem Oberteufel mißtrauen würde, aber ich möchte doch auf Nummer sicher gehen.  Sobald ich die angestrebte Information erhalten habe, schicke ich Euch hierher zurück”.
“Oh, nein!“, heulte Thunder auf, beide Arme abwehrend von sich gestreckt.  “Ich muß einen wichtigen Auftrag erledigen.  Dazu muß ich zuerst eine Verlängerungsschnur auftreiben”.
“Eine Verlängerungsschnur, was ist das?”, fragte Alldiweil.
Als Thunder dem  Zauberer erklärt hatte, was es mit einer Verlängerungsschnur auf sich hatte, nickte dieser, konzentrierte sich und vollführte mit einem aus dem Nichts erschienenen Zauberstab einige Bewegungen, wobei er unentwegt Zaubersprüche murmelte.  Dann wartete er, doch nichts geschah.  Alldiweil versuchte es erneut, ohne jedoch ein anderes Ergebnis zu erzielen.  Resigniert zuckte er die Achseln und erklärte:”In dieser künstlichen Umgebung gibt es keine einzige Verlängerungsschnur!” “Unmöglich!”, stöhnte Thunder und griff nach einem Strohhalm,indem er einwarf:”Aber Ihr selbst sagtet doch, daß Eure Zauberkraft hier eingeschränkt sei”.
“Sicherlich, sicherlich!  Aber eingeschränkt bedeutet nicht vollkommen verschwunden.  Einen so einfachen Zauber erledige ich selbst noch mit einer Promille meiner ursprünglichen Zauberkraft”.
“Und Sie sind sich vollkommen sicher……….?“
“Junger Mann!”, grollte Alldiweil, „Wollt Ihr mich einen Lügner schimpfen?  In diesem Fall wäre ich gezwungen, Euch zum magischen Duell zu fordern, was mit Sicherheit dazu führen würde, daß ich Euch in einen Frosch verwandeln würde, denn trotz eingeschränkter Zauberkraft würde es dazu noch reichen.  Seid dessen versichert!”
“Schluck!”, machte Thunder.  “Ich wollte Euch nicht beleidigen und wenn Ihr darauf besteht, glaube ich Euch, zumal ich zu wissen glaube, wer alle Verlängerungskabel aus Brezelwelt herausgeschrieben hat.  Eure Einschätzung der Lage stimmt also mit der meinen überein!”
“Gut, bestens!  Dann laßt uns ohne Umschweife aufbrechen”.
Erneut erschien der Zauberstab in Alldiweils Hand und der Zauberer legte los, Plötzlich waren beide verschwunden.

Weißer Nebel umwallte sie, der langsam begann, sich aufzulösen.
Zuerst undeutlich, dann immer klarer nahm die Umgebung um sie Gestalt an.
Thunder und Alldiweil standen etwas erhöht auf einem kleinen, grasbewachsenen Hügel.
Thunder ließ verwundert seinen Blick schweifen, erblickte jedoch nur Felder, Wiesen und andere grasbewachsene Hügel.  Nur in einiger Entfernung vom Hügel war eine Lehmstraße zu erkennen, die dick mit Staub bedeckt zu sein schien, denn auf ihr wogte eine gewaltige Staubwolke.  Ein Verursacher der Staubwolke war aber vom Standort der beiden aus nicht zu erkennen.
Angewidert verzog Thunder das Gesicht und fragte den Zauberer: “Ist das um uns etwa echte Natur?”
“Natürlich!”, entgegnete Alldiweil. “Was hattet Ihr denn erwartet?“  Thunder schüttelte sich angeekelt.  “Igitt, echte Natur! Wie widernatürlich!  Auf der Erde haben wir das Problem mit der unzuverlässigen Natur längst gelöst.  Wir haben sie einfach abgeschafft und fahren sehr gut damit.  Schon Ende des 20sten Jahrhunderts hatte sich erwiesen, daß die Natur den  Anforderungen der modernen Industriegesellschaft nicht mehr gewachsen war.  Natur stellt einfach ein unnötiges Relikt aus vergangenen Zeiten dar.  Deshalb haben wir sie dorthin verbannt, wo sie hingehört, nämlich in die Vergangenheit”, erklärte Thunder voller Genugtuung einem Zauberer, der dazu nur entsetzt den  Kopf schüttelte.
Während des Gespräches hatten sie begonnen, den Hügel hinabzusteigen und näherten sich nun der Lehmstraße, die sich allerdings als primitiver Feldweg entpuppte.
Noch überraschter als über das echte Gras war Thunder, als sich die wogende Staubwolke als eine Phalanx aus berittenen  Menschen entpuppte, die ausnahmslos Ritterrüstungen trugen.  Jeder Ritter hielt in der rechten Hand eine Lanze, deren Spitze zum Himmel gerichtet war und an der eine weiße Flagge wehte, die mit einem roten Kreuz bestickt war.
Thunder runzelte nachdenklich die Stirn.
Etwas schien hier vollkommen falsch zu sein.
Die Ritter ihrerseits beachteten die beiden Reisenden nicht und waren bald außer Sicht geritten, immer noch in eine große, dichte Staubwolke gehüllt.
“Sagt”, erhob Alldiweil seine Stimme, “dieser Merlin, ist seine Heimat nicht das England des 6ten Jahrhunderts?”
Thunder schoß wieder einmal die Röte ins Gesicht.  Seine einzige Antwort war ein Gestotter, welches sein Nichtwissen beredt bekundete.
“Ich wundere mich nämlich”, fuhr Alldiweil fort,”weil ich hörte, daß es in England ständig regnen soll.  Dies jedenfalls kündete man mir.  Außerdem dünkt mir, daß die Kreuzzüge erst einige Jahrhunderte später unter Richard Löwenherz stattfanden, oder stattfinden werden.  Itzo bin ich überrascht, hier auf Kreuzritter zu treffen, die auf einer staubigen, scheinbar niemals vom Regen benetzten Straße entlangreiten”.
Einen Moment lang wunderte Thunder sich über die seltsamen Verbalien, die Alldiweils Mund entströmten, als er auch schon selbst ähnliches von sich gab: “Ihro Gnaden, verzeiht!  Aber meine Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Historie wird nur noch von meiner Angst bezüglich meines Lebens übertroffen”.
Thunders Augen waren während seiner Rede immer größer geworden, bis sie ihm schlußendlich aus dem Kopf zu fallen drohten.
Alldiweil winkte nur ab und machte sich auf den Weg in Richtung auf einen im der Ferne sichtbaren Wald.
Thunder folgte ihm.

Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichten sie die ersten Bäume und befanden sich bald darauf in dichtem  Wald.
Thunder konnte nicht feststellen, ob es an der nicht mehr sichtbaren Sonne und der damit einhergehenden Finsternis oder an seiner Abscheu vor echter Natur lag, die ihn umgab, aber er fröstelte und ein Gefühl der Bedrohung nistete sich in seinen Knochen ein.
Urplötzlich ertönte ein Schwirren in der Luft und ein Pfeil fuhr in den Baum, dem die beiden sich näherten.
Abrupt blieben beide stehen.
Thunder schluckte und fühlte seine Sinne schwinden.  Als Alldiweil
ihm auf die Schulter tippte, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen,
sprang Thunder vor Schreck mit einem gewaltigen Satz in die Luft, wobei er seine Superheldenkräfte vollends mobilisierte, nur um dann, von der Schwerkraft kläglich besiegt, rittlings auf den Waldboden zu knallen.
Alldiweil stemmte entrostet die Fäuste in die Hüfte, schüttelte den Kopf und meinte mißbilligend:”Tsetsetse!”
Dann knurrte er verärgert:”Ich habe die Situation vollständig unter Kontrolle.  Es kann uns gar nichts zustoßen”.
Thunder nickte tapfer und erhob sich zähneklappernd und knieschlotternd .
Dann blickte er in die Richtung, auf die ihn Alldiweil von Anfang an hatte aufmerksam machen wollen.
Dort trat hinter einem Baum ein junger Mann mit einem merkwürdig grünen Hut hervor.  Doch nicht nur Farbe, auch Form des Hutes waren merkwürdig und ließen den jungen Mann fast zur Witzfigur werden.
Jedoch nur fast, denn der auf die beiden Reisenden angelegte Bogen wirkte ganz und gar nicht witzig.
Lächelnd verkündete der junge Mann: “Geld oder Leben!”
Alldiweil schien jedoch nicht im Mindesten beeindruckt zu sein.  Sein höhnisches Lächeln rief bei dem Grünhut erhebliche Wut hervor, so daß dieser blaffte: “Seid Ihr Euch eigentlich im Klaren, wem Ihr hier gegenüber steht?  Mein Name ist Robin Hut und ich bin der gefürchtetste Bandit im ganzen Schweerwood Forest!”
Alldiweils Lächeln wurde nur noch höhnischer als er antwortete: “Verlangt Ihr etwa von einem bedeutenden  Zauberer wie mir, jeden drittklassigen Räuberhauptmann einer viertklassigen Parallelwelt zu kennen?”
Grünhut rang entsetzt nach Luft, ob dieser Schmach.
Thunder dachte bei sich, daß der Räuber den Sinn der Worte bestimmt nicht erkannt hatte, wohl aber die beleidigende Absicht und er wünschte sich, daß Alldiweil etwas diplomatischer vorgehen möge, als der Räuber auch schon wutentbrannt rief: “Feuer!”  Thunder zog entsetzt den Kopf ein, während die todbringenden Pfeile heransausten.
Der Zauberer seinerseits vollführte eine Geste mit der rechten Hand und vor Thunders Augen verwandelten sich die Pfeile in Asche, während Thunder sich noch über den seltsamen “Feuerbefehl” wunderte, der doch eigentlich für Schußwaffen gedacht war, die aber noch nicht erfunden sein konnten, in dieser grauen Vorzeit.  Immer neue Pfeilsalven regneten herab, die ausnahmslos das gleiche Schicksal erlitten, wie die erste Salve.
Als es dem Zauberer zu bunt wurde, wedelte er erneut mit der Hand, worauf die Pfeile sich in wunderschöne Blumen verwandelten.  Erst dann gaben die Räuber resigniert auf und Grünhut seufzte: “Nun denn Zauberer, Ihr habt mit unfairen Mitteln gewonnen.  Kündet mir sodenn Euer Begehr!”, fuhr er höflich-ironisch fort.  “Besser, viel besser!”, verkündete Alldiweil, den ironischen Ton in der Stimme des Räubers geflissentlich überhörend.  “Mein Begehr ist einzig und allein mit des Königs Hofzauberer Merlin einen kleinen Plausch zu vollziehen.“
Grünhut murmelte: “Ich wußte gar nicht, daß Ricky sich einen Hofzauberer hält”.  Laut sagte er: “Es wäre mir eine Ehre und ein Pläsier, Euch zum König zu geleiten, jedoch bin ich, wie Ihr seht, vollends damit ausgelastet, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen“. Als sich Alldiweils Antlitz verfinsterte, warf der Räuber hastig ein:  “Glücklicherweise ist ein guter Freund von mir gerade anwesend, der dem König ohnehin einen Besuch abstatten wollte”.
Er winkte und ein prächtig gekleideter Ritter ritt hinter einem  Baum hervor.  Auf seinem Schild prangte eine entwurzelte Eiche.
“Darf ich mir die Freiheit nehmen, mich vorzustellen”, polterte eine tiefe Stimme aus der Rüstung hervor, “Mein Name ist Iwan Hoe”.
Dann klappte der Ritter sein Visier hoch und ein aristokratisch-ehrwürdiges Gesicht kam zum Vorschein und Iwan Hoe erklärte mit hoher Fistelstimme: “Es wird mir ein Vergnügen sein, Euch zum König zu geleiten”.
Thunder staunte nicht schlecht über die Verwandlung, die mit Iwan Hoes Stimme vor sich gegangen war.
Alldiweil hatte Thunders Verwunderung bemerkt und flüsterte ihm nun zu: “Jetzt wißt Ihr auch, warum hier manche Menschen Rüstungen tragen”.
Thunder war baff, während der Zauberer sich erneut dem Grünhut zuwandte und fragte: “Und wie gedenkt Ihr meine und meines Begleiters Fortbewegung zu regeln?  Uns fehlt nämlich der fahr..äh..tragbare Untersatz”.
Grühut erwiderte sofort: “Wir werden Euch selbstverständlich Pferde zur Verfügung stellen, gegen ein gewisses Entgelt…”. Bei den letzten Worten des Grünhuts fingen die Augen des Zauberers an, unheilvoll zu leuchten und Robin Hut beeilte sich zu versichern: “…aber da Ihr es seid, erhaltet Ihr die Pferde selbstverständlich als Geschenk”.
Nach diesen Worten wirkte das Gesicht des Zauberers erneut, als könne er keinem Einhorn etwas zuleide tun, doch ein triumphierendes Grinsen umspielte seine Mundwinkel.
Die Pferde wurden auf ein Zeichen des Räubers herbeigeführt und Thunder fühlte sich gepackt und auf den Rücken des braunen Pferdes gehoben.
Der Zauberer machte es sich einfach, indem er auf den Rücken des schwarzen  Pferdes schwebte und sofort losritt. Iwan  Hoe folgte auf seinem Schimmel und während Thunder noch verzweifelt nach dem Einschaltknopf für das Pferd suchte, setzte es sich in Bewegung und folgte den anderen beiden.
Sich verzweifelt anklammernd, von der ständigen Furcht herunterzufallen geplagt, merkte Thunder bald,wie schwierig reiten war.
Nach dem ersten Kilometer mußte er zusätzlich zu dem  Kampf gegen das Herunterfallen auch noch den Kampf gegen eine akute Seekrankheit aufnehmen, was alles nicht zur Besserung seiner Laune beitrug.
Währenddessen unterhielten sich Alldiweil und der Ritter angeregt, während Thunder nicht einmal die Zeit blieb, die Landschaft zu genießen.

Nach einer Stunde hatte Thunder endgültig den  Kampf gegen seinen Magen verloren und auch die Erleichterung brachte keine Erleichterung.
Erst als man sich einer düsteren, baufälligen Ritterburg näherte, war Thunder wieder einigermaßen aufnahmefähig.
Ein hölzernes Schild stand am Wegesrand, welches verkündete: Ihr, die Ihr hier eintretet, lasset alle Sorgen fahren!
Angesichts des beklagenswerten Zustandes der Burg konnte Thunder nur den Kopf über so viel Wortpositivismus schütteln.
Er unterließ dies jedoch sofort, als durch das Schütteln die Übelkeit schlagartig zurückkehrte.
Iwan Hoe schüttelte dem Zauberer die Hand, winkte Thunder zu und ritt von dannen.
Alldiweil und Thunder trabten in den Burginnenhof, wo der Zauberer sein Pferd zügelte und aus dem Sattel schwebte.
Schon die ganze Zeit hatte sich Thunder gefragt, wie Alldiweil in seiner langen Kutte überhaupt hatte reiten können.
Nun erhielt er die Antwort, denn vor seinen Augen verwandelte sich der Hosenrock des Zauberers zurück in die ursprüngliche Kutte.
Auch Thunders Brauner hatte inzwischen angehalten und Thunder kroch aus dem Sattel, dabei vor Schmerz aufstöhnend.  “Was ist denn?”, fragte der lächelnde Alldiweil.
“Uh, oh!”, stöhnte Thunder, sich den schmerzenden verlängerten
Rücken reibend, “Ich habe mich wundgeritten”.
“Kein Problem”, erwiderte Alldiweil, vollführte eine Geste und
Thunder war seiner Schmerzen ledig.
“Toll!”, meinte Thunder.  “Aber sagt an, warum ritt Iwan Hoe so schnell davon?” Erneut wundert er sich über die manchmal zum Vorschein kommende blumige Sprache.
“Iwan Hoe verriet mir, daß dies das Schloß eines ehemaligen und bedeutenden Königs Namens Arthur oder so ähnlich gewesen sei.  Ich schloß daraus, daß wir uns zwar am richtigen Ort, aber in der falschen Zeit befinden.  Doch dies werde ich gleich ändern”.
Erneut gestikulierte er mit dem Zauberstab und Nebel bildete sich um die beiden, während Alldiweil noch erklärte:”Deshalb habe ich mich von Iwan Hoe verabschiedet, ihm gedankt und erklärt, wir seien am Ziel.  Er war sichtlich froh, uns Verrückte loszuwerden.“
Als der Nebel sich aufklärte, waren die beiden Pferde verschwunden.  Die Burg schien sich jedoch immer noch in dem gleichen bedauerlichen Zustand zu befinden.
Von Ferne ertönten Stimmen, die der Wind leise heranwehte.
Das Wetter war wunderschön.  Strahlender Sonnenschein badete die beiden Reisenden.
Alldiweil setzte sich in Bewegung und Thunder folgte ihm.
Vom Burghof aus durchquerten sie einen kleinen Durchgang, der zwar schmal, dafür aber lang war, und kamen auf der Rückseite zum Vorschein.
Dort erstreckte sich eine große Wiese.
Nachdem sie über eine Holzbrücke den Wassergraben überquert hatten, befanden sich beide auf der Wiese, auf der sich viele Menschen tummelten, die fröhlich herumsprangen, sangen, lachten und riefen.
Als sich Alldiweil und Thunder den Menschen näherten, erkannten sie alsbald hinter einem prächtig gedeckten Tisch zwei majestätische Stühle.
Auf dem einen saß ein etwa 40jähriger, schmächtiger und unrasierter Mann; ein Allerweltsgesicht, wie Thunder sofort feststellte.  Auch sonst war an ihm nichts Beeindruckendes.
Neben ihm, auf dem anderen Stuhl, lümmelte eine ziemlich heruntergekommene Frau, die sich mit der linken Hand ständig im Mund herumbohrte, in dem Thunder ein Paar Zahnruinen zu erkennen glaubte.
Hinter den beiden stand eine kleine, dickliche und reizlose Frau. Um dieses Trio wirbelten Hofnarren, Gaukler, Jongleure und Diener herum.
Nachdem der Mann die beiden Neuankömmlinge erblickt hatte, winkte er ihnen ermutigend zu, doch näherzutreten.
Als Thunder und Alldiweil vor dem Tisch angekommen waren, lächelte der Mann, dabei ein Gebiß entblößend, das zwar noch Zahn für Zahn vorhanden, dafür aber auch Zahn für Zahn verfault war. Sein Gebiß wirkte wie die Gebäude mancher Städte, die Thunder im Krieg gesehen hatte.  Scheinbar heil, aber doch über und über verkohlt.
“Endlich eine Abwechslung!”, rief der Mann aus und sein Mundgeruch hätte die beiden Reisenden fast umgebracht, obwohl diese noch zwei Meter von ihm entfernt waren.
Alldiweil wedelte kurz mit der Hand, worauf der Mundgeruch gänzlich verschwand.  Nur die Erinnerung an den tumben Geruch hielt sich hartnäckig in
Thunders Nase.
Alldiweil beugte sich zu Thunder hinüber und flüsterte ihm zu: “Diese Leute sind so primitiv, daß sie noch nicht einmal einen Mundreinigungszauber erfunden haben.  Seid Ihr sicher, daß ich hier Hilfe finden werde?”.
Thunder wurde einer Antwort enthoben, da der Mann nun erneut sprach: “Mein Name ist König Arthus, die schöne Maid neben mir”, er deutete dabei auf die alte Hexe,”ist meine Gemahlin  Guinevere und die Frau hinter uns ist die Hofreporterin Marion Schimmer Badley, kurz “Bad” genannt, wegen ihres miserablen Stiles”: Bei diesen Worten grinste der König jedoch, um anzuzeigen, daß er es nicht so ernst meinte.
Das Lächeln der dicklichen Frau wirkte eher etwas gequält, wobei Thunder überrascht feststellte, daß ihre Zähne in Ordnung zu sein schienen.
Alldiweil übernahm nun seinerseits das Vorstellen und nachdem man Stühle gebracht hatte, setzten sich die beiden.
“Was ist Euer Begehr?”, fragte der König.
Alldiweil antwortete, erfreut darüber, daß der König ohne Umschweife zur Sache kam: “Wir suchen Euren Hofzauberer Merlin”.
“Merlin???” Der König hob überrascht die Augenbrauen, um seine Verblüffung zu illustrieren.  “Was wollt ihr denn von dieser Null?  Na ja, soweit ich weiß, hält die Flasche sich gerade mal wieder in seinem Turm auf”.
Dabei deutete er auf den verfallensten der vier Burgtürme, während Thunder sich über den schnoddrigen, ungebildeten Ton und die proletarische Wortwahl des Königs wunderte.
“Ihr scheint wütend auf ihn zu sein!”, stellte Alldiweil fest.
Der König knirschte mit den Zähnen.
“Der alte Kracher ist doch schon erwiesenermaßen senil!  Wenn es nach mir ginge, hätten wir ihn schon längst in ein Altersheim gesteckt.  Noch besser wäre eine Pflegeanstalt, wo er unter ständiger Aufsicht stünde.  Dort könnte er wenigstens keinen Unfug mehr anrichten.  Aber erstens habe ich weder das Geld dazu und zweitens scheinen die beiden Frauen einen Narren an ihm gefressen zu haben”.  Bei diesen Worten deutete er auf die Königin und die Hofreporterin.
“Aber stellen sie sich einmal vor, was er diesmal wieder angestellt hat”, fuhr der König fort und lehnte sich entrüstet zurück.  “Er versprach mir, das Schloß zu renovieren.  Doch kaum hatte er seinen Zauberspruch ausgesprochen, verwandelte sich mein herrliches Camelot in diese alte, verwitterte Burg”.  Der König schien den Tränen nahe zu sein.  Gleich darauf fing er sich jedoch wieder und erzählte wutentbrannt: “Oder vor zwei Jahren redete er meinen besten Rittern ein, derjenige, der den heiligen Gral fände, sei ein gemachter Mann.  Diese ahnungslosen Trottel machten sich natürlich sofort auf die Suche nach dieser Schüssel, die nur im vermoderten Hirn meines Hofzauberers existiert.  Alle verließen mich, um auf die Suche nach einer inexistenten Schüssel zu gehen.  Können sie sich das vorstellen?  Seitdem ist das Leben langweilig und fade geworden.  Und das verdanke ich alles meinem dusseligen Hofzauberer.  Wißt ihr nun, warum ich ihn hasse?”
Alldiweil und Thunder nickten mitfühlend und ermutigt fuhr der König fort, ihnen sein Leid zu klagen:”Alle gingen.  Lanzelot und sein Sohn Galahad, Parzival und all die anderen.  Und hätte dieser Narr Tristan sich nicht so unglaublich verknallt, wäre er bestimmt mitgeritten.  Er war auch schon fast entfleucht, als Isolde ihn in letzter Minute einholte und ihn mit einer Tracht Prügel wieder zur Vernunft brachte.  Seitdem darf er allerdings das Haus nicht mehr verlassen, so daß ich auch seiner Gesellschaft verlustig gegangen bin”.
Inzwischen war der König in Tränen ausgebrochen, während Thunder sich bei Tristans Geschichte vage an eigene Erlebnisse erinnert fühlte.
“Mein einziger Trost ist meine geliebte Gemahlin und unsere wackere Hofreporterin”, schnupfte der König, sich allmählich wieder beruhigend.  “Sie hat einige lesenswerte Heldenepen auf mich und einige der Ritter verfaßt.  Vielleicht gelingt es mir mit deren Hilfe, wenigstens nach meinem Tode legendär zu werden, da es mir aufgrund meiner Arthritis nicht vergönnt war, eigene Schlachten zu schlagen und Heldentaten zu vollbringen”.  Die Hofreporterin, Miß Badley, hatte ein bescheidenes Lächeln aufgesetzt.
“Nun ja!”, brummte Alldiweil, dem man anmerkte, daß er gelangweilt war, “Wir werden diesem Merlin auf jeden Fall einen  Besuch abstatten.“
Dann erhoben sich Alldiweil und Thunder, nickten dem Trio zu und wollten sich gerade in Bewegung setzen, als es passierte.
Eine irre Explosion ertönte, deren gewaltige Druckwelle alle auf der Wiese zu Boden warf.
Eine riesige Flammenfackel stieg von dort her auf, wo eben noch die Burg gestanden hatte.
Wie in Zeitlupe wälzte sich die Flammensäule gen Himmel.
Als sich alle wieder erhoben hatten, schaute der König fassungslos auf das, was von seiner Burg übrig geblieben war. Auch Thunder schaute in diese Richtung und stellte fest, daß kein Stein auf dem anderen geblieben war.
Selbst die Grundmauern der Burg waren verschwunden.
Fassungslos fiel der König ins Gras zurück, gefolgt von seiner Gemahlin, die allerdings gleich Nägel mit Köpfen machte, indem sie in Ohnmacht fiel.
Alldiweil fluchte leise vor sich hin, während der König Merlin mit einigen Beinamen belegte, die sogar den abgebrühten Alldiweil rot werden ließen.
Einzig und allein die Hofreporterin war ruhig geblieben.  Thunder erfuhr auch gleich den Grund dieses Umstandes.  “Eure Majestät!”, sprach die Hofreporterin, “Meine Heldenepen sind in Sicherheit, denn da ich ahnte, daß der schusselige Merlin eines Tages ein Unheil anrichten würde, habe ich meine Heldenepen beim örtlichen Notar hinterlegt.
Ihr braucht Euch also nicht über Euren zukünftigen Ruf zu sorgen, denn meine Werke werden euch zum Helden machen!”
Doch da donnerte der König:”Was schert mich mein zukünftiger Ruf!  Ich bin nicht nur obdach- sondern auch arbeitslos, denn was ist ein König ohne Burg schon wert?”
Die Hofreporterin schaute den König entgeistert an, setzte zum Sprechen an, ohne ein Wort herauszubringen und stürzte dann heftig schluchzend davon.
Den König hatte diese Episode jedoch etwas aufgerichtet, sein angedeutetes Grinsen machte aber einer tiefen Depression Platz, als er in Richtung seiner ehemaligen Burg schaute.

Inzwischen hatten Alldiweil und Thunder sich der zertrümmerten Burg
genähert.
Plötzlich deutete Alldiweil nach oben und als Thunder in die angegebene Richtung schaute, nahm er einen kleinen Punkt wahr, der rasch größer wurde.
Mit vehementer Wucht krachte dieser Punkt, den Thunder inzwischen als menschlichen Körper identifiziert hatte, in einiger Entfernung auf den Rasen, dotzte noch einige Male nach und blieb dann still liegen.
Zuerst hatte der Körper noch Schreie beim Fallen ausgestoßen, nach einmaliger Bodenberührung waren diese jedoch verstummt.
Thunder malte sich gerade aus, was von Merlin, denn um niemand anderen konnte es sich bei dem Körper handeln, übriggeblieben sein konnte, als dieser ein Stöhnen von sich gab und sich mühsam hochrappelte.
Thunder, der schon vieles Unglaubliche in seiner Superheldenkarriere gesehen hatte, traten die Augen aus den Höhlen, während die Augen des inzwischen herbeigeeilten Königs Untertassengröße angenommen hatten.
Einzig und allein Alldiweil schien das Wunder gelassen hinzuneh-
men .
Er war es auch, der als erster hinzutrat, um dem uralten, weißhaarigen Männchen mit dem überlangen weißen Bart aufzuhelfen.
Als die beiden Zauberer nebeneinander standen, hätte man sie fast für Zwillinge halten können, nur daß Merlin viel dünner war und seine Kleidung außerdem von der Explosion zerrissen worden war.  Erst bei näherem Hinsehen fiel Thunder, da er nun ein Vergleichsobjekt hatte, auf, daß Alldiweil noch recht jung sein mußte.  Der lange weiße Bart, die Berufskleidung aller Magier, hatte bis dato über seine Jugendhaftigkeit hinweggetäuscht.
“Es ist mir ein Vergnügen”, sagte Alldiweil zu Merlin.  “Ihr müßt der berühmte Merlin sein!”
Das Männlein lächelte geschmeichelt und versuchte seine arg mitgenommene Kleidung zu ordnen.
“Ja, ich bin Merlin”, meinte es alsdann.
Alldiweil lächelte und zog Merlin mit sich fort, um mit ihm zu reden.
Thunder und der König standen immer noch wie Wachsfiguren in der Gegend herum.  Erst als die beiden Zauberer zurückkehrten, erwachte  der  König aus seiner Trance.
Er stürzte auf Merlin zu, packte diesen am Kragen, schüttelte ihn immer wieder durch, während er mit sich überschlagender Stimme rief: “Was bildet Er Sich eigentlich ein?  Ist Er von allen guten  Göttern  verlassen?  Meine Burg, mein über alles geliebtes Camelot, in Schutt und Asche zu legen.  Ich war nicht einmal versichert und Er ersetzt mir den  Schaden bestimmt nicht.  Mache Er sich von dannen, bevor ich mich endgültig vergesse und ein  Unglück passiert….” Die Tirade ging noch weiter, wobei der König den armen Zauberer immer wieder drangsalierte und schüttelte.
Alldiweil zog Thunder mit sich fort, der sich widerstrebend dagegen wehrte.
“Wollen sie dem armen Merlin denn nicht helfen?”
Alldiweil schüttelte verneinend den Kopf.  “Ein Zauberer, der ein solches Unheil anrichtet, muß mit den Konsequenzen rechnen.  Außerdem kann ihm nichts passieren.  Wer eine solche Explosion überlebt, dem wird ein bißchen Drangsalieren nichts ausmachen! Aber wir zwei haben ein ernstes Wörtchen miteinander zu reden, denn ihr habt mich hereingelegt.  Entweder Ihr oder Euer beratender Oberteufel”, fuhr Alldiweil fort, als Thunder Einwände zu seiner Verteidigung hervorbringen wollte. “Denn ich habe mit Merlin gesprochen und von ihm erfahren, daß er nicht einmal Kenntnis von anderen  Dimensionen besitzt, geschweige denn meine Heimatdimension kennt.  Deshalb habe ich beschlossen, mich selbst einmal mit Eurem Oberteufel zu unterhalten.  Allerdings nicht dort, wo Ihr mit ihm spracht.  Ich werde ihn direkt hierher rufen.  Ihr werdet mit ihm den  Platz tauschen, um das kosmische Gleichgewicht zu wahren.  Macht euch bereit!”.
“Aber….”, stotterte Thunder und wußte dann nicht mehr weiter, während der Zauberer mit seiner Beschwörung begann.

Stellen Sie Sich das einmal vor, lieber Leser!
Dieser buchstäblich dahergelaufene Zauberer glaubt, mich zu sich in meinen Roman rufen zu können.
Ist das nicht lächerlich?  Der wird sich wundern!
Dies alles reizt mich zu einem Lachkrampf.  Dieser zweitklassige Zauberer wagt es,mich, den größten aller Autoren, herauszufordern.
Für diese Frechheit werde ich ihm …. werde ich ihm
………..    HILFE!!!!    Was ist das???Etwas reißt an mir….    ich……..    zu Hil-
fe, lieber Leser……… so helft mir doch …. nein … NEIN        NNNEEEIIIIIIIIINN!

Etwas betreten stehe ich plötzlich auf einer Wiese und kann noch immer nicht begreifen, was mir geschah.
Ein widerlich lächelnder Zauberer Alldiweil steht mir gegenüber und ich fühle Wut in mir hochsteigen. Am liebsten würde ich ihm sein siegesgewisses Lächeln in die Fresse schlagen, wenn er nicht unglücklicherweise einige Zentimeter größer wäre als ich.  So beherrsche ich mich mannhaft.
“Seid Ihr Thunders beratender Oberteufel?”, fragt mich Alldiweil und meint weiter: “Für einen Oberteufel wirkt Ihr reichlich mickrig, mit Verlaub”.
“Ich und mickrig?”, brülle ich und fühle mich schamrot werden.
“Ja, in einer Heimatdimension werden Leute wie Ihr höchstens Beamte”, grinst er mich an.
“Ihr könnt froh sein, daß mir mein Arzt jede Aufregung verboten hat, sonst hätte ich Euch längst zu Staub verarbeitet”, schreie ich und fuchtle, indem ich mich auf die Zehenspitzen stelle, mit meiner Faust vor seinem Gesicht herum, dabei zu meiner vollen imponierenden Größe von 1,53 Meter aufgerichtet.
Doch Alldiweil runzelte nur die Stirn und fragt:”Was ist denn ein Arzt, bitte schön?”
Dies bringt mich so aus dem Konzept, daß ich mich tatsächlich hinstelle und ihm die Funktion eines Arztes erkläre.
Innerlich schüttele ich jedoch den Kopf über diesen armen Barbaren, der noch nicht einmal einen Arzt kennt.
Auf meine Erklärung meint Alldiweil erstaunt:”Meine Güte, was seid Ihr für ein Barbar!  Wie ekelerregend! Krankheiten, ihhh!  In meiner Heimatdimension haben wir derartige Dinge längst abgeschafft!  Sie sind nur etwas für Barbaren!”
Dann winkt er ab, um zu zeigen, daß dieses Thema für ihn kein Thema ist und fragt:”Gehe ich recht in der Annahme, daß Ihr derjenige seid, dem ich meinen Aufenthalt in dieser abgeschiedenen Dimension verdanke?  Sollte dem so sein, dann sorgt umgehend dafür, daß ich zurückkehren kann, ansonsten werdet Ihr mich als Strafe auf meiner Suchexpedition begleiten”, stellt er kategorisch fest.
Mir bleibt die Spucke weg.
Als ich mich vom Schock seiner Eröffnung erholt habe, wird mir zum ersten Mal bewußt, daß ich mich wirklich und wahrhaftig in meinem eigenen Roman befinde und es offensichtlich keine Möglichkeit für mich gibt, diesem zu entfliehen.
Dies bedeutet auch, daß der Zauberer tatsächlich Gewalt über mich besitzt .
Entsetzt über die Konsequenzen meiner Erkenntnisse setze ich mich auf den ungepflegten Rasen, nachdem ich einige Bruchstücke der ehemaligen  Burg zur Seite gefegt habe.
Hat man je von einem Autor gehört, der nicht doch einen Weg zum Happy-End gefunden hätte?
Sicherlich nicht.  Doch ich bin momentan leider völlig ratlos.
Erst jetzt bleibt mir Zeit, um meine Umgebung wahrzunehmen.  In einiger Entfernung drangsaliert der König noch immer seinen Hofzauberer, die Königin liegt noch immer ohnmächtig auf dem Rasen, das Gesinde und die Artisten stehen noch immer wie gelähmt herum und die Hofreporterin ist verschwunden.
Und noch jemand fehlt: Mein Diplomsuperheld.
Sofort fällt mir die Protagonistengewerkschaft ein, die nichts so sehr haßt, wie Autoren, die einen zu hohen Protagonistenverschleiß haben .
Deshalb stelle ich dem Zauberer die bange Frage:”Wo ist Thunder?”
“Dem geht es bestens!”, versichert Alldiweil.  “Er hat lediglich den Platz mit Euch getauscht”.
Seine Antwort übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen.
Säße ich nicht schon, würde ich jetzt zu Boden sinken.
“Das heißt, Thunder schreibt meinen Roman weiter?”
Alldiweil nickt, erklärt jedoch: “Ich habe dafür gesorgt, daß er keinen Einfluß auf die Handlung nehmen kann.  Er wird das aufschreiben, was passiert.  Um Ihnen entgegenzukommen, war ich so freundlich und habe dafür gesorgt, daß die Aufzeichnungen in Ich-Form vorgenommen werden”.
Zuerst bin ich sprachlos, doch dann kriecht Wut in mir empor.  “Heißt das etwa, daß alles,was von nun an geschieht, inklusive meiner Gefühle,von Thunder aufgezeichnet wird?”
“Selbstverständlich!”, meint der selbstzufriedene Alldiweil.
“Oh, Sie Idiot!”, stoße ich hervor.  “Ist Ihnen nicht klar, was Sie damit anrichten?  Sie kennen nicht einmal die einfachsten Regeln der Autorik, die vom großen Assomief ausgearbeitet wurden.  Mir und jedem anderen Autoren ist klar, daß menschliche Gefühle und glaubhafte Charaktere der Untergang jedes Erfolgsromans sein müssen .
Deshalb sind in mir, wie in jedem anderen Erfolgsautoren, die 3 Assomief’schen Gesetze der Autorik gespeichert, die da lauten:

1.Gesetz der Autorik:
Ein SF-Autor darf keinen Leser mit der Erwähnung menschlicher Gefühle, glaubhafter Charaktere oder realer Probleme verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, daß einem Leser dadurch Schaden zugefügt wird.

2.Gesetz der Autorik:
Ein SF-Autor muß dem ihm vom Leser gegebenen Befehl nach Action, Technik und harter Wissenschaft gehorchen, es sei denn ein solcher Befehl würde mit Regel 1 kollidieren .

3.Gesetz der Autorik:
Ein SF-Autor muß die Existenz der Hard-SF und die dazugehörige Gesinnung vor Experimenten der New Wave schützen; und diese Regel kollidiert bestimmt nicht mit Regel 1 oder 2!

Sie sehen also, mein lieber Alldiweil, daß Sie mir mein Meisterwerk durch Ihr Eingreifen verderben”.
Doch Alldiweil zuckt nur abschätzig die Achseln und meint lapidar: “Wenn ich zu Hause bin, dürfen Sie zurückkehren und den Roman nach ihren Regeln der Autorik redigieren.  Ich kenne ihre SF, da ich die Gelegenheit hatte, kurzzeitig in ihrer Dimension zu Gast zu sein.  Ich habe jedoch bis heute nicht begriffen, was das für Leute sind, die Ihre Romane lesen”.
Ich lächle und antworte: “Der SF/Fantasy-Fan ist der klügste Leser überhaupt, der gebildetste und anspruchsvollste”.
“A-ha”, meint Alldiweil, “deshalb sind Space Operas und Sword, Sex und Sorcery Romane und ähnliche Seifenopern bei diesen Lesern so beliebt!” .
Knurrig antworte ich:”Sagten sie eben Seifenopern?  Unverschämtheit!  Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie schwer ich und andere Kollegen für diese Art Romane Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre kämpfen mußten, bis der große Assomief endlich ausrufen konnte: Hurra, die New Wave ist tot!  In dieser Zeit schienen alle Leser verrückt geworden zu sein.  Sie interessierten sich plötzlich für relevante Alltagsprobleme und den “Inner Space”, während sich die vernünftigen Leser in Comics, Western- und Landserromane zurückzogen.Es hat lange gedauert, bis wir diese verprellten Leser zurückgewonnen hatten.
Endlich Ende der 70er und Anfang der 80er hatten wir die hartnäckigsten New Wave Schmierer wie Briest und Bellerd aus der SF herausgedrängt. Im Zuge der Fantasy-Welle der 80er Jahre haben wir es geschafft, den geistig reinen SF/Fantasy-Roman zu destillieren. Sehen Sie in die Buchgeschäfte, mein lieber Alldiweil, und sie werden sehen, was wir erreicht haben und sie werden verstehen, warum ich und einige meiner Kollegen so stolz auf unseren aufopferungsvollen Kampf sind. In den Buchgeschäften finden sie heutzutage Fortsetzungsbände unserer göttlichsten Schriftsteller wie Assomief und Clerk, die ihre phantastischen Zyklen aus früheren Zeiten wieder aufgenommen haben, Fantasy Unendlichzyklen, die ihre große geistige Kraft allein schon durch die Glossare erfundener Wörter beweisen, phantastische Romanfassungen toller Filme und Fernsehserien und last but not least, als Beweis der SF/Fantasy für ihre Phantasie und ihre unendlichen imaginativen Kräfte, die Romane, die von Computer-, Video- und Fantasyspielen inspiriert wurden. Alles in allem sind die Zukunftsaussichten der SF/Fantasy so gut wie schon lange nicht mehr”, beende ich meine Rede.
”Sie meinen, es kann nur noch aufwärts gehen”, grinst Alldiweil unverschämt.
”Pah!”, meine ich. ”Seit der Ära von Gernszwack und Clampell gab es keine so niveauvolle SF mehr, wie in den 80ern. Einzelne Schandflecke,wie die New Wave Schmierer und einige neue Autoren, werden wir entweder bekehren oder aus der SF drängen. Dann steht der Weg in eine goldene Zukunft endlich offen”.
Alldiweil antwortet grinsend:”Apropos goldene Zukunft; Sie werden an dieser goldenen Zukunft als Autor nur dann beteiligt sein, wenn ich meinen Heimweg finde! Deshalb schlage ich vor, daß wir umgehend aufbrechen und diese abgelegene Dimension verlassen”.
Kaum hat er ausgesprochen, zieht er auch schon seinen Zauberstab hervor und beginnt zu murmeln, bevor ich Einwände dagegen erheben kann. Sekunden später umwallt uns ein geisterhafter Nebel.

Als der Nebel sich lichtet, befinden wir uns in einer Art überdimensionierter Halle. Überall blitzt und glitzert es metallisch.
”Endlich wieder ein echtes SF-Universum”, seufze ich erleichtert. ”Keine dieser blöden Primitivwelten”.
Ein Summen ertönt unvermittelt hinter uns und Alldiweil und ich wirbeln erschreckt herum. Vor uns steht unzweifelhaft ein Assomief’scher Liebling, auch Roboter genannt; eine massige Stahlkonstruktion von mindestens 2,80 Metern Höhe. Der Kopf ist quadratisch, der Körper rechteckig. Alles an ihm ist eckig und kantig. Trotzdem hat er humanoide Gestalt und man muß davon ausgehen, daß seine Konstrukteure Menschen oder zumindest humanoide Lebewesen sind. Da mir Roboter mehr Vertrauen einflößen als Menschen,trete ich mutig einen Schritt vor, zumal man von einem Fantasy-Onkel wie Alldiweil nicht erwarten kann, daß er mit Maschinen umzugehen versteht.
”Hallo!”, meine ich, dabei mein schönstes Lächeln zur Schau stellend.
Doch der Roboter zeigt sich unbeeindruckt.
Noch bevor ich Weiteres von mir geben kann,ertönt eine blecherne Stimme aus dem Inneren des Roboters, die fragt:”Seid Ihr Menschen oder entsprecht Ihr der Definition von menschlichen Wesen?”
”Aber natürlich”, erwidere ich fröhlich, denn dieses Zugeständnis bedeutet, wie jeder Roboterfan weiß, daß der Roboter uns zu Diensten sein muß. ”Eigentlich wollten wir nur nach dem Weg fragen”, fahre ich fort, als ich mich plötzlich rüde gepackt fühle.
Aus den Augenwinkeln erkenne ich, daß auch der Zauberer stocksteif dasteht und sich nicht zu rühren vermag. Beide sind wir von einem unsichtbaren Kraftfeld gepackt worden, welches ein Entkommen unmöglich macht.
”Verdammter Idiot!”, knurrt Alldiweil und meint damit offenbar mich. ”Warum mußtet Ihr dieser Blechbüchse auf die Nase binden, wer wir sind?”
”Aber der Roboter muß mir jetzt gehorchen”, erwidere ich verzweifelt.
Alldiweil zischt nur mißbilligend. Der Roboter seinerseits hat sich umgedreht und rollt davon, wobei ich erst jetzt bemerke, daß er keine Beine, sondern Raupenketten besitzt, die sich leise mahlend vorwärts bewegen. Erstaunt stelle ich fest, daß der Roboter sich trotz bewegender Raupenketten nicht von uns entfernt. Dafür rückt eine der Hallenwände langsam näher. Schnell begreife ich, daß das Kraftfeld uns hinter dem Roboter her transportiert. Dann vernehme ich Alldiweils Stimme neben mir, der befehlend zu wissen verlangt:”Roboter, präzisiere, was ist Sinn und Zweck dieser Aktion!”
Der Roboter schnarrt prompt:”Aufgabe des Roboters ist es, die Robotergesetze zu befolgen und ihre optimale Ausführung zu gewährleisten. Deshalb ist es nötig, alle Menschen der totalen Glückseligkeit zu überantworten. Zu diesem Zweck werden alle menschlichen Körper der Traummaschine übergeben. Nur dort kann der Mensch das ultimative Glück finden und nur dort können wir ihn vor Schaden bewahren. In der Traummaschine kann der Mensch in seinem eigenen Universum leben, physische und psychische Schmerzen werden ausgeschlossen. Den Robotern ist es somit möglich, dem menschlichen Körper die optimale Pflege zukommen zu lassen und ihm damit die optimale Lebensspanne zu gewähren”.
”Bei allen Teufeln!”, keucht Alldiweil, ”Hedonistische Roboter!”
Zu mir meint er abfällig:”Die Traummaschine ist noch widerlicher als einer Eurer Romane”.
Ich aber höre gar nicht zu, weil ich immer noch versuche, die Erklärung des Roboters zu verdauen.
Alldiweil fährt fort:”Immerhin haben wir damit die Gewißheit eines überaus erfolgreichen Lebens vor uns, denn in der Traummaschine werden uns alle Wünsche in Erfüllung gehen. Ihr werdet mit Sicherheit zum größten aller Autoren überhaupt avancieren und ich zum größten aller Zauberer. Zudem glaube ich, daß der größte Teil Eurer Lesergemeinde Euch um dieses Privileg beneiden würde, denn nicht umsonst lesen sie Fluchtliteratur wie Eure. Offensichtlich sind Eure Leser doch geistig minderbemittelt und auf pubertärem oder gar vorpubertärem Niveau stehengeblieben. Denen käme eine Traummaschine doch gerade recht! Andernfalls wären sie nicht Anhänger dieses Happyschundes und würden statt dessen niveauvollere Romane bevorzugen.“
Ich schnappe verärgert nach Luft. Mir versagen angesichts solcher Frechheiten die Stimmbänder und ich kann mich nur entschuldigen für diesen Blindgänger, der da aus Versehen in mein Buch geraten ist.
Dann reiße ich mich zusammen, atme tief durch und erwidere cool: ”Mein lieber Alldiweil, höre ich da etwa Neid oder gar Panik aus Eurer Stimme heraus?”
Das läßt ihn schnell verstummen.
Ich fahre fort:”Außerdem lebe ich in einer pluralistischen Gesellschaft. Freies Lesen für freie Bürger. In einer Demokratie entscheidet nun einmal die Mehrheit, und wenn die Mehrheit meine Bücher allen anderen vorzieht, so zeigt dies nur, daß Bücher dieser Art über jeden Zweifel erhaben sind”.
”Für Euch ist also Erfolg gleich Qualität?”, grummelt Alldiweil.
Ich versuche zu nicken. Als das nicht funktioniert, brumme ich zustimmend.
”Ihr scheint hier zwei Begriffe zu verwechseln, nämlich den der Demokratie und den der Ochlokratie”.
”Ochlokratie?”, frage ich zweifelnd.
Alldiweil lacht und meint:”Ochlokratie ist ein Begriff, den man guten Demokraten nicht gerne beibringt, denn er läßt Zweifel an der Demokratie aufkommen. Ochlokratie ist die negative Form von Demokratie. Zwar herrscht die Mehrheit, dies jedoch rigoros, nötigenfalls sogar durch Unterdrückung von Minderheiten. Zudem unternimmt die Mehrheit Dinge, die objektiv gesehen schädlich sind, z.B. die Wahl korrupter Politiker oder ganz einfach die Unterstützung der eigenen Verdummung durch übermäßigen Genuß von Schund. Ich glaube an diesen Punkt sind die SF/Fantasy-Fans angekommen”.
”Und was wollt Ihr dagegen unternehmen? Wollt Ihr eine Diktatur fördern, die dem Leser vorschreibt, was er zu lesen hat?”
”Nein, natürlich nicht. Aber vielleicht kann man aufklärend wirken. Vielleicht ist der SF/Fantasy-Fan lernfähig, denn immerhin gab es Zeiten, in der zumindest die SF niveaumäßig mit der Hochliteratur mithalten konnte. Wenn die Herausgeber und die Autoren nicht so geldgierig….”
”Geldgierig?”, schreie ich dazwischen, ”Das ist eine hundsgemeine Verleumdung! Ich bin nicht bereit, auf diesem Niveau weiter zu diskutieren. Sie sind ein elender Anti-Demokrat. Aber das ist ja typisch für Leute, die aus unterentwickelten Fantasywelten kommen. Doch eigentlich sollten wir viel eher überlegen, wie wir entkommen können, anstatt uns zu streiten, denn schließlich habe ich eine Verantwortung meinen Lesern gegenüber. Wie können wir diesen verrückten Robotern entkommen?”
Alldiweil meint jedoch verneinend:”Diese Roboter sind nicht verrückt. Sie halten sich buchstabengetreu an ihre Robotergesetze. Aber ich gebe Ihnen recht, wir dürfen hier nicht länger mit gefalteten Händen herumstehen oder besser fahren, während uns diese Konservendosen dem totalen Glück zuführen”.
”Können wir denn nichts tun”, frage ich Alldiweil verzweifelt, dabei darauf hoffend, daß dieser ein As aus dem Ärmel zu schütteln in der Lage ist.
Dieser schweigt hartnäckig und so fahre ich fort: ”Ich stehe nämlich nicht gerne hier, die Hände im Schloß und sehe zu, wie mein Roman vor die Hunde geht”.
”Sie und Ihr Roman!”, knurrt der Zauberer. ”Fällt Ihnen nichts anderes ein, als Ihr Roman?”
”Unser Leben ist nicht bedroht. Ganz im Gegenteil. Die Roboter garantieren uns sogar das physisch längstmögliche Leben”.
”Dafür werden wir psychisch sterben, wenn wir an die Maschine angeschlossen werden. Wir werden unseren freien Willen und unsere Identität verlieren“.
”Es gibt Schlimmeres”, antworte ich.
”Wie?”, meint Alldiweil indigniert. ”Ich habe mich wohl verhört. Sagtet Ihr nicht, daß Ihr Demokrat seid? Für einen echten Demokraten kommt aber bei der Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit nur die Freiheit in Frage!”
”Ich sagte, daß ich aus einer demokratischen Gesellschaft stamme! Mehr nicht!”. ”Was seid Ihr doch für ein Untertan! Diederich Heßling solltet Ihr heißen. Aber bei Eurer Art von Romanen hätte ich mir denken müssen, wie Eure Einstellung ausschaut. Ein großartiger Dichter hat einmal gesagt:Wirkliche Literatur kann es nur da geben, wo sie von Verrückten, Einsiedlern, Ketzern, Rebellen und Skeptikern und nicht von gewissenhaften und wohlmeinenden Beamten geschaffen wird. Leider vergaß der Dichter die mondänen Schreiberlinge der modernen Welt, was daran liegen mag, daß man zu seiner Zeit und in seinem Land nicht reich werden konnte durch das Schreiben ”.
”Und was geschah mit diesem Mann?”, frage ich.
”Man hat ihn aus seinem Land verbannt, seine Schriften durften nicht erscheinen”. ”Typisch! Was nützt ein Schriftsteller, wenn seine Schriften nicht erscheinen dürfen? Was hat er denn davon?”
”Vielleicht die Befriedigung, etwas geleistet zu haben und die Gewißheit, daß man ihn und sein Schaffen auch in späteren Zeiten noch verehren wird. Mit Sicherheit konnte er sich außerdem sagen, daß er nicht zu jenen Ja-und-Amen-Sagern gehörte, die das Elend, daß sein Heimatland traf, durch ihre Untätigkeit ermöglichten. Wären alle Menschen so gewesen, wäre millionenfaches Elend verhindert worden”.
”Alles Blödsinn!”, meine ich.”Gerade sein Beispiel zeigt doch, wie hilflos der Einzelne ist”.
”Aber gerade Ihre Romane wimmeln doch von Helden, die als Einzelne Welten retten und dann zu aller Wohl die Herrschaft übernehmen”.
”Die haben durch ihre Intelligenz die Fähigkeit dazu. Sie sind die geborenen Führer. Aber gerade Sie als Zauberer müssen von Demokratie schwafeln. Ich habe noch nie gehört, daß Fantasyuniversen auf Demokratie aufgebaut wären und gerade Sie als jemand, der der privilegierten Klasse der Zauberer angehört, müssen sich hier über mich mokieren”.
Alldiweil murmelt etwas Unverständliches in seine Bart, während ich siegesgewiß grinse. Dann meint Alldiweil:”Wir haben nun genug Dampf abgelassen. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, einen Ausweg zu entdecken”.
Ich brumme Zustimmung. Inzwischen haben wir und unser Freund, der Roboter, einige Hallen durchquert, die alle gleich aussehen. Noch immer sind wir bewegungsunfähig und hängen wie Fliegen im Spinnennetz. Als wir in eine neue Halle einfahren, bemerke ich sofort, daß diese anders ist, als die vorherigen. In der Mitte der Halle steht eine silbrig blitzende Maschine, doch sie ist es nicht, die mir das Blut in den Adern gefrieren läßt.
Alldiweil und ich machen eine grauenvolle Entdeckung. Zuerst haben wir nur Tausende von Liegen wahrgenommen, die sowohl von der Decke herunterhängen, als auch am Boden stehen. Dann jedoch erkennen wir die grausige Wahrheit.
Auf jeder der Liegen ruht ein menschlicher Körper. Die meisten wirken wie Mumien und befinden sich im Zustand fortgeschrittener Verwesung. Sie sind braun und runzlig, so als hätte man sie dehydriert. Noch schlimmer wird das Ganze durch die Erkenntnis, daß einige dieser Körper noch Leben in sich zu tragen scheinen. Sie wirken noch nicht so verwest, wie die anderen, doch ihr Anblick trifft mich um so schwerer. Zum ersten Mal begreife ich jetzt die Ungeheuerlichkeit dessen, was die Roboter mit uns vorhaben und im Stillen verfluche ich den Schöpfer dieser unsäglichen Robotergesetze.
Gerade als ich meinem Entsetzen durch einen Schrei Luft machen will, tritt aus dem Hintergrund eine menschliche Gestalt auf uns zu. Unvermittelt stoppt der Roboter, der uns durch sein Kraftfeld hierher transportiert hat und auch wir stehen dadurch still. Die menschliche Gestalt hat in mir die Hoffnung auf Rettung geweckt, welche gleich zerschlagen wird, als ich bemerke, daß es sich hierbei nur um einen weiteren Roboter handelt. Dieser trägt sowohl Kleidung als auch eine Perücke. Seine Haut schimmert blaßrosa, was allerdings nur auf größere Entfernung menschlich wirkt. Als er vor uns steht,kann kein Zweifel mehr an seiner Künstlichkeit bestehen.
”Mein Name ist Williamsen, ich bin der Hüter der Traummaschine”, spricht er. Immer noch mit gefalteten Händen, denn leider hatte ich diese Position gerade inne, als uns das Energiefeld überfiel, lausche ich seinen Worten.
Williamsen gibt dem Roboter ein Zeichen, woraufhin das Energiefeld sich zwar lockert, aber nicht verschwindet.
Dies genügt Alldiweil jedoch. Umgehend hat er seinen Zauberstab hervorgeholt und beginnt zu murmeln. Nebel bildet sich um uns. Williamsen reagiert blitzschnell. Erneut macht uns das Energiefeld bewegungsunfähig.
Ich höre Alldiweil neben mir ächzen, während mir die Luft aus den Lungen gepreßt wird. Der Nebel wabert und scheint wieder verschwinden zu wollen, während mir der kalte Schweiß ausbricht, weil mir klar wird, daß wir keine zweite Chance bekommen werden. Der Nebel wird wieder stärker und wir scheinen eine Ewigkeit zwischen den Welten zu hängen. Dann ist das Energiefeld endlich verschwunden und Alldiweil und ich befinden uns in einem anderen Universum.

„Das war knapp!“, stöhnt Alldiweil neben mir.
Auch ich atme erleichtert auf.
„Ich konnte den Zauberstab gerade genug bewegen, um einen Notsprung zu ermöglichen.“
Während ich mich geschockt und erleichtert zugleich erst einmal ins Gras setze, wischt sich der Zauberer den Schweiß von der Stirn.
„Sind Eure Reisen immer so entspannend?“, grummle ich. „Seid Ihr Euch darüber klar, daß Ihr mit meinem Leben spielt?“
Alldiweil winkt nur ab, während ich, um zu vergessen, der Umgebung meine Aufmerksamkeit schenke.
Der jungfräulich kräftige, aber sehr irdische Rasen deutet auf eine Fantasyidyllwelt hin, denke ich bei mir. Dann schaue ich zu Alldiweil hoch, der Umschau hält, die flache Hand dabei in klassischer Pose an die Augenbrauen gelegt, um die Augen vor dem einfallenden Licht zu beschirmen.
”Ist dies zufällig eure Heimatwelt?”, frage ich.
Doch der Zauberer schüttelt nur verneinend den Kopf und meint: ”Es hätte schon eines ungeheuer großer Zufalls bedurft, um aus einem Notsprung heraus dorthin zu gelangen”. Nach kurzem Schweigen fahrt er fort:”Immerhin kann ich verkünden, daß meine Zauberkraft wieder vollends hergestellt ist. Wir befinden uns also zweifelsfrei in einem Universum der tätigen Magie der Klasse l oder sogar der Klasse 1A”. Mißmutig verziehe ich das Gesicht, denn erstens hatte ich, bedingt durch die fehlenden chemischen Gerüche und den schönen Rasen, diese Schlußfolgerung längst selbst gezogen und zweitens sind mir SF-Universen, trotz des eben erlebten Reinfalls, lieber, wenn ich auch zugeben muß, daß Fantasyuniversen einem Schriftsteller meines Kalibers mehr Möglichkeiten bieten.
”Da es dieserorts magische Tätigkeit gibt, steigt meine Chance, schnell nach Hause zu finden erheblich”, läßt sich Alldiweil wieder vernehmen. ”Ich schlage deshalb vor, daß wir uns umgehend auf die Pantinen machen, um jemanden aufzutreiben, der uns den Weg beschreiben kann”.
Mit diesen Worten marschiert er los und mir bleibt keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Ich füge mich in mein Schicksal, erhebe mich stöhnen und latsche hinter ihm her.

Schon nach den ersten Kilometern haben meine Füße zu schmerzen begonnen, während Alldiweil weiterhin taufrisch und munter vor mir her läuft. Innerlich verfluche ich den Zauberer, denn als er mich zu sich holte, war ich zwar glücklicherweise voll bekleidet gewesen, wenn es auch nur die Klamotten waren, die ich zu Hause zu tragen pflege, doch meine Füße waren nur von Pantoffeln geschmückt gewesen, woran sich auch jetzt noch nichts geändert hatte. Zu meinen schmerzenden Füßen gesellt sich peinlicherweise,nach und nach stärker werdend, derselbe menschliche Drang, den auch der unfähige Thunder zu Anfang meines Romans verspürt hatte. Als wir uns einer besonders großen Buschgruppe nähern, verschwinde ich erst einmal hinter einem der größten Büsche, um mich zu er- leichtern. Welch Freude! Welch Wonne!
Alldiweil, der mein Zurückbleiben bemerkt hat, wartet ungeduldig auf meine Wiederkehr. Als ich endlich wieder zu ihm stoße, murmelt er einige Zaubersprüche und meint daraufhin:”Dies wird Euch für einige Zeit helfen, menschliche ..ähm..Bedürfnisse zu unterdrücken“.
Ich nicke zufrieden und weise ihn bei dieser Gelegenheit gleich auf meine nunmehr ziemlich verschlissenen Pantoffeln hin und frage ihn, ob er mir nicht geeigneteres Schuhwerk zur Verfügung stellen könne.
Alldiweil nickt bejahend und zaubert erneut.
An meinen Füßen erscheinen schwarze, mattglänzende Schaftstiefel.
Eigentlich wären mir militärische Knobelbecher lieber gewesen, denn sie sind für mich das ultimative Zeichen für Kraft, Macht und Potenz. Aber die schwarzen Schaftstiefel, das muß ich bekennen, sind die zweitbeste Lösung, denn sie zeigen den kühlen Draufgänger, den unbesiegbaren, übercoolen Helden.
Auf einmal schießt eine Idee durch meinen Kopf und ich frage den Zauberer:”Wenn Ihr dieserorts doch so prächtig zaubern könnt, warum sorgt ihr dann nicht für ein angemessenes Fortbewegungsmittel? Wir sind doch schließlich in einem Fantasyuniversum, wo sich alle Probleme von selbst lösen, oder?”
Alldiweil schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn.
”Recht habt Ihr. Welches Fortbewegungsmittel würdet ihr denn als angemessen betrachten?”, fragt er mich.
Nicht verlegen antworte ich:”Einen Antigravschweber natürlich, mit Alldüsenantrieb, Fünfganggetriebe, Servolenkung, Energiegeschützen, automatischen Fensterhebern……”
Hier stoppe ich, denn Alldiweils Augen haben sich in einem verzweifelten Blick dem Himmel zugewandt. Auch ich blicke nach oben, kann jedoch nur blauen Himmel und weiße Zirruswolken entdecken.
”Am besten noch mit geregeltem Katalysator, was?”, grummelt er.
”Völlig unnötig; überflüssiger Luxus!”, winke ich ab. ”Statt dessen hätte ich lieber heizbare Sitze. Das ist viel wichtiger!”
Erneut schüttelt der Zauberer den Kopf und meint:”Ich dachte eher an ein zeit- und raumgemäßes Fortbewegungsmittel, das zur Umgebung paßt”.
Spöttisch frage ich:”Wie wäre es denn mit Einhörnern?”
Alldiweil nimmt diesen Scherz jedoch ernst, was erneut seine Humorlosigkeit beweist:”Ein Einhorn ist mir ein bißchen zu spektakulär. Denkt an unser letztes Abenteuer. Wir sollten auf jeden Fall alles vermeiden, was die Bewohner dieser Welt gegen uns aufbringen könnte. Wir müssen vorsichtig sein”.
Er fährt fort:”Zudem sind Einhörner normalerweise ein Symbol für Unschuld und Reinheit, für das Märchenhafte schlechthin. Man sollte sie nicht zum Reitpferd degradieren, sei der Reiter auch noch so edel und blaublütig. Man entweiht damit einen Mythos”.
”Was seid Ihr eigentlich für ein linker, überliberaler Öko?”, gifte ich. ”Was die moderne Fantasyliteratur kann, kann ein Rufus T. Firefly schon lange. Was nicht in mein Weltbild passt,wird abgeschafft, wer sich mir widersetzt, wird ausgemerzt, das ist mein Wahlspruch. Und Ihr wollt mir erzählen, ich sei es nicht einmal wert, ein Einhorn zu reiten. Pah! Jedes Einhorn wäre stolz, mich auf seinem Rücken tragen zu dürfen, merkt Euch das!”
”Außerdem weiß man nie, ob Einhörner in diesem Universum bekannt sind”, meint Alldiweil beschwichtigend, ohne auf meinen Ausbruch näher einzugehen. ”Deshalb werde ich uns erst einmal normale Pferde herbeizaubern”.
”Woher wollt Ihr wissen, ob Pferde in diesem Universum bekannt sind’?”, grolle ich.
”Wo Menschen sind, sind auch meist Pferde, und da ich unsere Sprünge so anlege, daß wir in von Menschen besiedelten Welten ankommen, ist die Chance,mit Pferden nicht aufzufallen, kleiner”, erklärt der Zauberer.
”Ihr könnt also unsere Sprünge so steuern, daß wir immer von Menschen bewohnte Universen erreichen ?”, frage ich erstaunt.
”Ja, dies ist die einzige Kontrolle, die ich habe”, erwidert Alldiweil.
”Wollt Ihr damit behaupten, es gäbe auch Universen, die nicht von Menschen beherrscht werden”, japse ich entsetzt.
Als Alldiweil nickt, schreie ich:”Das ist Hochverrat! Wie glaubt Ihr, soll ich meine Leser davon überzeugen, daß sie nicht überall im Universum der Nabel des selbigen sind. Die meisten Menschen haben noch nicht einmal verdaut, daß sie nicht die einzige Rasse im Universum sind,und daß der Mensch damit kein göttliches Unikat ist. Die SF-Leser wissen dies zwar, dafür haben sie sich eine neue Göttlichkeit geschaffen, indem sie glauben, der Mensch sei von allen Rassen die klügste und beste, weil sie nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde. Deshalb muß der Mensch alle Universen beherrschen. Denn dies gibt dem Leser das Gefühl, göttlich zu sein und nur dies läßt sich gut verkaufen”.
Alldiweil zuckt die Schultern und meint lakonisch:”Das ist Euer Problem”.
Dann zaubert er uns zwei gesattelte Pferde vor die Nase und schwebt auf eines, während sich sein Kittel erneut in einen Hosenrock verwandelt, und reitet los.
Ich bemühe mich immer noch, die fatale Nachricht zu verdauen, die ich eben erhalten habe. Dann jedoch verdränge ich diesen Unfug, weil ich mir sagen muß, daß dieser linke Zauberer mit Sicherheit gelogen hat; gelogen haben muß, denn wer sollte den Menschen überflügeln können? Dies ist schlichterdings unmöglich.
Doch nun stehe ich vor einem neuen Problem, denn ich muß leider zugeben,noch nie ein Pferd geritten zu haben. So rufe ich mir meinen Leitspruch ins Gedächtnis, der da lautet: Es gibt nichts, was ein SF-Autor nicht kann!
Also nehme ich Anlauf und schwinge mich auf den Rücken des Pferdes. Sie kennen doch sicher den alten abgeschmackten Witz, über den Mann, der mit so viel Schwung aufsteigt, daß er auf der anderen Seite wieder herunterfällt. Dies ist ein alter abgeschmackter Witz für alte abgeschmackte Menschen, denn nur diese können darüber lachen. Also rapple ich mich auf der anderen Seite wieder auf und versuche erneut mein Glück. Diesmal bleibe ich im Sattel, jedenfalls solange, bis das Pferd sich in Bewegung setzt. Mein dritter Versuch ist endlich von Erfolg gekrönt, auch wenn Alldiweil bemängelt, daß Rückwärtsreiten nicht sehr bequem sei. Purer Neid denke ich. Im siebten Versuch bin ich bereits so abgekämpft, daß Alldiweil sich meiner erbarmt und mir eine Treppe herbeizaubert. Als auch dies nicht fruchtet, läßt er mich in den Sattel schweben und bannt mich fest in ihn, damit kein Unglück mehr passieren kann. Dann reiten wir endlich los.
Zuerst macht mich das Gehopse recht mürbe, ich werde jedoch nicht seekrank, wie vormals Thunder. Oder zumindest nicht gleich.
Ätzend meine ich:”Ich dachte, ich hätte nun keine Erleichterungsbedürfnisse mehr?” ”Gegen Euch ist eben kein Zauber gewachsen”, sagt er.
Grollend schweige ich, meine aber dann:”Eure Art, Unfähigkeit zu kaschieren,ist phänomenal. Ihr gebt wohl nie eigene Fehler zu?”
Ich erhalte keine Antwort von ihm.

Inzwischen befinden wir uns in einem tiefen Wald. Der Wald ist von einem dunklen Grün und je weiter wir in sein Inneres vordringen, desto düsterer wird er. Je weiter wir vordringen, desto nervöser wird der Zauberer. Er wendet sich bald nach dieser, bald nach jener Seite, um Ausschau zu halten. Fast habe ich den Eindruck eines rotierenden Zauberers, als er plötzlich inne hält.
Beide Pferde stoppen wie auf ein unsichtbares Kommando hin und ich stelle fest, daß wir uns auf einer ziemlich breiten Lichtung befinden.
Wind kommt auf; ein Wind den es eigentlich hier mitten im Wald nicht geben sollte. Ich beginne zu frösteln und dies liegt nicht nur an der physischen Kälte. Um uns rauschen und rascheln die Blätter der Bäume. Erst als ich genauer hinsehe,fällt mir auf, daß der Wald nur aus Nadelbäumen besteht. Entsetzen kriecht in mir hoch. Alldiweil flüstert:”Die Magie ist hier auf der Lichtung am stärksten”.
Ich blicke um mich, ohne etwas entdecken zu können. Dafür steigt mir ein schwerer Geruch in die Nase. Eine Mischung zwischen nassem Tier und frischem Heu, nur viel undefinierbarer. Dutzende von anderen Gerüchen sind darin vermischt.
Von einem Augenblick zum anderen stehen dutzende Gestalten an den Rändern der Lichtung und ich halte den Atem an, denn der Anblick ist phantastisch.
Etwas zeitlos Schönes geht von ihnen aus und die Magie scheint um sie zu funkeln und zu wabern. Wie von tausend Sternen erleuchtet erscheint die Lichtung. Ich muß geblendet den Blick abwenden. Neben mir atmet Alldiweil schwer. Auch er ist erregt und verzückt.
Erneut blicke ich um mich und mir steigen Tränen in die Augen, ob ihrer unirdischen Schönheit. Während ich mit meiner Männlichkeit ringe und die Tränen zurückzuhalten versuche, brechen sich Alldiweils Tränen ungehindert  Bahn. Wieder einmal verachte ich ihn, obwohl auch mir im Kampf kein Erfolg beschieden ist. Wie ein Ring umgeben sie uns, die Einhörner, Zentauren, Minotauren, Elfen, Feen, Trolle, Gnome, Zwerge und alle anderen Gestalten der irdischen Mythologie. Auf den Bäumen thronen riesige Greife und Satyrn, unter denen sich die Äste biegen.
Die normalen Waldtiere sitzen friedlich vereint zwischen diesen Sagengestalten. Ich erkenne Rehe, Hirsche, Füchse, Wölfe, Bären, Dachse,Hasen, Eulen, Schafe, Kühe, Hühner und alle anderen irdischen Tierarten. Auch Falken, Adler und Habichte sitzen zwischen den Greifen, genauso wie alle anderen Vogelarten. Laute Stille ergießt sich auf die Lichtung. Der Wind ist verstummt, genauso wie Alldiweils Schluchzen. Keines der Tiere oder Fabelwesen gibt den geringsten Laut von sich. Kein Rascheln ertönt. Alle fixieren sie Alldiweil und mich.
Die Szene ist von solcher Erhabenheit, als könne sie niemals gebrochen werden und in mir regt sich das Gefühl meiner eigenen Ohnmacht. Gefühle also, die ich ansonsten verabscheue. Jedoch hier und jetzt sind sie die einzigen, die mir noch geblieben sind.
Gebannt beobachte ich, wie ein weißes Einhorn aus dem Kreis der Wesen hervortritt und sein Horn auf uns richtet. Alldiweil und ich werden von der magischen Kraft, die dem Horn entströmt, mit voller Wucht getroffen und wenn wir auch körperlich nicht schwanken, so doch seelisch.
Gleichzeitig ertönt eine mächtige, ehrfurchtgebietende Stimme: ”Menschen! Erneut seid Ihr unbefugt bei uns eingedrungen. Laßt Euch sagen, Ihr seid nicht willkommen. Schon vor Äonen fanden wir uns zusammen zur Gemeinschaft der denkenden und fühlenden Wesen. Wir schufen den Frieden. Alle Wesen, die den Frieden ablehnten, wurden von uns verbannt, auf daß sie den Frieden nie mehr stören konnten. So wurde auch der Mensch von uns verbannt. Er allein bestand in seinem Hochmut darauf, über uns niederen Kreaturen zu stehen. Er wollte der Gemeinschaft, die er gering schätzte, nicht beitreten. Er fühlte sich überlegen und begriff doch nie, wie sehr er selbst doch unterlegen war. Weiterhin bestand der Mensch darauf, jenes fürchterliche Spiel zu spielen, das er schrankenlosen Fortschritt oder auch Weiterentwicklung nannte. Er führte Tierexperimente durch, um neue magische Extrakte zu erhalten. Er führte magische Experimente durch, um neue Zaubersprüche zu erproben. Überall dort, wo er seine Anwesen hinsetzte, verdorrte die Natur und die Tiere starben. Viele Arten mußten so ihr Leben lassen. Er trieb Raubbau und mißachtete die Warnungen der Natur in seiner grenzenlosen Eitelkeit. Auch vor Seinesgleichen schreckte er nicht zurück. Der Mensch beutete sich selbst aus und scheute sich auch nicht, Mitglieder der eigenen Rasse aus niederen Beweggründen zu ermorden. Haß, Mißgunst, Neid, Dogmatismus und Intoleranz waren seine Tugenden. Wir verstanden den Menschen nicht, doch wir versuchten es. Als der Mensch immer grenzenloser wütete und schon weite Teile des Landes versteppt waren, warnten wir ihn. Wir flehten, baten und bettelten. Wir versuchten ihm die Lage klar zu machen. Doch er wollte uns nicht verstehen und trieb weiterhin Raubbau. Ständig nahm er,ohne ein einzigesmal gegeben zu haben. Immer wieder konnten wir Einzelne überzeugen, doch sie allein konnten nichts ausrichten. Die, die die Macht hatten, riefen:”Noch stehen die Wälder, noch fließen die Flüsse. Für uns besteht keine Gefahr! Hauptsache es geht uns heute gut. Die, die morgen kommen, interessieren uns nicht!”. Und immer mehr Tiere und Pflanzen starben, ohne daß der Mensch etwas dagegen unternahm. So mußten wir handeln. Wir schlossen uns zusammen. Wiederum ignorierte uns der Mensch. Als wir jedoch unsere Kraft gesammelt hatten, schlugen wir zu, denn wäre der Mensch geblieben, hätten wir alle sterben müssen.
Es hieß also er oder wir. Doch auch hier ließen wir uns von der Ethik leiten. Im Gegensatz zum Menschen stellen wir die Natur nicht in Frage. Wir töten nicht, um uns an den Todesqualen des Opfers zu ergötzen oder aus sonstigen niederen Beweggründen. Auch in diesem Fall bestand kein Grund für uns, den Menschen körperliches Leid anzutun. Wir wollten keine Rache. Als wir unsere magische Kraft konzentriert hatten, öffneten wir das Tor zu einer anderen Dimension. Diese war unbewohnt und bar jeder Magie, so daß der Mensch nie zu uns zurückkehren sollte. Die Tiere, die sich zu stark an den Menschen gewöhnt hatten, oder ihm gar ähnlich geworden waren, wie z.B. die Hauskatzen, durften mit ihm gehen. Von vielen Rassen waren nur wenige Tiere bereit, dem Menschen zu folgen. Von anderen Rassen war kein einziges Individuum bereit, dem Menschen zu folgen. Trotzdem gingen genug Individuen mit, um dem Menschen das Überleben zu sichern. Die Menschen wurden in tiefen Schlaf versetzt und hinübertransportiert. Dann verschlossen wir das Dimensionstor. Seitdem herrscht Friede und Eintracht in dieser Welt. Die Natur hat sich endlich vom Menschen erholt, obwohl unser Eingreifen fast zu spät kam. Wir hofften, daß der Mensch niemals zurückkehren möge.
Doch nun seid Ihr hier und kaum weilt Ihr unter uns, habt Ihr zwei Wesen aus unserer Gemeinschaft geknechtet und beutet sie, ohne ihr Einverständnis, aus. Wieder habt Ihr Euch schuldig gemacht!”
”Verdammt!”, knurrt Alldiweil, ”Ich hatte doch gleich so eine Ahnung, daß die Idee mit den Pferden eine Schnapsidee ist. Und Ihr wolltet sogar Einhörner nehmen”, schnauzt er mich an.
Seinen Vorwurf kann ich nicht auf mir sitzen lassen. ”Wenn Ihr nicht so ein unfähiger, quergestrickter Armleuchter von Zauberer wärt, hättet Ihr den Braten längst gerochen und gemerkt, daß es in dieser Dimension von linksanarchistischen Tieren und anderen geistig Minderbemittelten nur so wimmelt”, blaffe ich wütend, dabei meine gute Kinderstube vergessend, obwohl ich anmerken möchte, daß ich auch im Zorn niemanden zu duzen pflege, schon gar keinen dämlichen Zauberer. Wütend funkeln Alldiweil und ich uns gegenseitig an. Doch da ertönt erneut die Stimme der Gemeinschaft der denkenden und fühlenden Wesen:”Genug! Eure Emotionen verraten Euch. Verlaßt uns umgehend auf dem Weg, den Ihr gekommen seid. Ansonsten werdet Ihr das gleiche Schicksal erleiden, wie die Menschen vor Euch“.
Nach diesen Worten rücken die Tiere und die Fabelwesen gegen uns vor. Alle flugfähigen Tiere stoßen sich von den Bäumen ab und schweben auf uns zu. Dies alles bietet einen dermaßen bedrohlichen Anblick, daß ich Alldiweil panikerfüllt zurufe:”Schnell! Notsprung!”
”Aber das wäre meine Chance”, brüllt Alldiweil zurück, denn inzwischen hat sich ein ohrenbetäubender Lärm erhoben. ”Die Gemeinschaft der Wesen weiß bestimmt, wo meine Heimatdimension liegt”.
”Das nützt uns nichts, wenn wir in eine Dimension verbannt werden, aus der wir nicht mehr fliehen können. Zaubert! Schnell!”
Inzwischen haben uns die Tiere erreicht. Ich fühle, wie ich von meinem Pferd, dem angeblich geknechteten Wesen, abgeworfen werde. Dann sehe ich nur noch Zähne und Klauen vor mir, bevor mich die Dunkelheit umfängt.

Als ich erwache, spüre ich zuerst eine Eiseskälte um mich, die schon fast meinen ganzen Körper umfangen hat. Ich liege auf dem Bauch. Stöhnend versuche ich,mich zu bewegen. Ich drehe mich auf die Seite und sehe neben mir den reglosen Körper Alldiweils liegen. Dunkelheit umgibt uns, erhellt nur von den Sternen am Firmament und einem blassen Mond. Um uns scheint außer Dunkelheit nichts zu existieren, nur der karge, sandige Untergrund und die Kälte.
”Langsam geht mir dieses Abenteuer auf den Geist”, grummle ich. Die Kälte macht meinen Körper steif und unbeweglich und die Verlockungen des Schlafes schleichen sich in meine Gedanken. In diesem Moment kommt mir mein zweite Leitspruch in den Sinn: Es gibt nichts, was ein SF-Autor nicht überleben würde, sogar die vernichtende Kritik eines schnöden Büchernörglers!
Zum Glück weiß aber mittlerweile jeder vernünftige Mensch, daß Kritiker sowieso keine Ahnung haben, wie könnten sie sonst behaupten, daß viele der erfolgreichsten SF- und Fantasyfilme und -bücher Schund seien, wo doch die hohe Anzahl der Leser oder Zuschauer beweist, daß dem nicht so ist.
All dies zieht durch meinen Kopf, während ich mühsam auf Alldiweil zukrieche. Als ich ihn erreiche, rüttle ich umgehend und brutal an ihm. Einmal, weil mir wirklich kalt ist und andererseits, weil ich immer noch wütend auf ihn bin.
Endlich, nach einigen herben Knüffen, erwacht der Zauberer. Er stöhnt und versucht sich mir zu entziehen. Da ist er bei mir aber grad an den Richtigen geraten. ”Verdammt, Mann! Lassen Sie Sich nicht so hängen!”, grolle ich und schlage erneut zu.
Alldiweil stöhnt lauter und ich beginne mich aufzurichten und ziehe ihn dabei mit in die Höhe. ”Dieser dekadente, verweichlichte Zauberer! Da entgleisen einem doch die Züge; die Gesichtszüge selbstverständlich”.
Nach diesem Witz erschüttert ein hysterisches Lachen meinen Körper und ich registriere überrascht den schlechten Zustand meiner Nerven.
Zwischenzeitlich stehen Alldiweil und ich schwankend nebeneinander. Endlich scheint der Zauberer auch geistig wieder anwesend zu sein.
”Was ist passiert?”, nuschelt er.
”Das möchte ich gerne von Euch wissen. Entweder wurden wir nach hier verbannt und müssen für immer hier bleiben oder Ihr habt uns durch einen Notsprung aus dem Schlamassel befreit. Welche Möglichkeit trifft denn zu?”, will ich wissen.
Alldiweil schaut bekümmert drein und mein Herz befindet sich schon unterwegs auf dem Weg in meine Hose, als Alldiweil sagt:”Diese Dimension wäre meine Chance gewesen”.
”Was ist mit dem Notsprung?”, verlange ich zu wissen, packe ihn am Kragen und schüttle ihn rücksichtsvoll durch, denn schließlich soll sein bißchen Verstand ja erhalten bleiben.
Alldiweil schaut stirnrunzelnd zu mir herab, schüttelt dann meine hinaufgereckten Hände ab und streicht sich über die Kutte.
”Selbstverständlich habe ich den Notsprung durchgeführt. Ihr dürft nicht glauben, nur weil Ihr ein so furchtbarer Dilettant seid, daß ich es auch bin”.
Ich knirsche mit den Zähnen.
”Wenn Ihr von Euch selbst so überzeugt seid, warum unternehmt Ihr nichts gegen diese furchtbare Kälte. Oder sollen wir zu Eiszapfen gefrieren?”
Umständlich nestelt er an seinem Zauberstab. Schwach wedelt er in der kalten Luft herum.
Um uns herum entsteht ein schwaches, blaßgrünes Energiefeld. Dann wird er erneut ohnmächtig.
Mitleidlos sehe ich zu, wie er auf den Boden knallt, da ich ihm diese Beule gönne. Ich schaue mich erneut um, kann jedoch nichts Neues in der Dunkelheit entdecken. So setze ich mich erneut erschöpft zu Boden. Dabei ziehe ich meine Beine zu mir heran, denn noch immer ist es kalt innerhalb des Feldes, auch wenn die Temperatur langsam steigt.
Fast unmerklich kriecht eine grünliche Dämmerung über den Horizont und als ich erneut aufblicke, ist es beinahe hell.
Nun ebenfalls stöhnend reibe ich meine steifen Glieder. Mir wird klar, daß ich erschöpft eingeschlafen sein muß, denn sonst wäre ich jetzt nicht so verspannt. Nach einigen Verrenkungen gelingt es mir, meine Glieder zu sortieren und ich stelle befriedigt fest, daß noch alle vorhanden sind.
Inzwischen ist es innerhalb des Feldes nicht nur schön warm, sondern auch unangenehm miefig.
Alldiweil neben mir regt sich ebenfalls und richtet sich ächzend auf.
”Es tut mir leid, Ihnen dies mitteilen zu müssen, aber der Sprung hat mich viel Kraft gekostet und ich befürchte, daß in diesem Universum die Magie rar sein dürfte, so daß es lange dauern wird, bis meine Batterie wieder aufgeladen ist”.
Ich fühle mein Lächeln trotz der inzwischen erträglichen Temperatur gefrieren.
”Das ist nicht Euer Ernst”, stoße ich hervor. ”Seid Ihr Euch eigentlich darüber im klaren, daß auf Menschenraub Zuchthaus steht?”
”Und wer würde mich verhaften?”, grinst Alldiweil.
Da ich einsehe, daß Drohungen keinen Sinn haben, verlege ich mich aufs Argumentieren.
”Euch ist doch klar, daß dieses Universum nicht sehr gastfreundlich ist. Wir wären beinahe erfroren. Wollt Ihr mich nicht zurückschicken? Ich verspreche auch, mich nicht zu rächen. Allein ist Eure Chance sicherlich viel größer”.
”Ein Hemmschuh seid Ihr schon. Andererseits habt Ihr mir aber schon gute Dienste geleistet. Und da Ihr zum Teil an meiner Misere die Mitschuld tragt, dürft Ihr sie auch mit ausbaden”.
”Aber……”
”Keine Diskussion! Ich reise nun mal lieber in Gesellschaft, auch wenn es Eure ist. Ich schlage vor, wir sehen uns hier einmal um, da wir genug Zeit zur Verfügung haben”.
Ich erwidere sarkastisch:”Leider habe ich mein Nähkästchen bei der überstürzten Abreise zurücklassen müssen”.
”Nun spielt nicht den Beleidigten”, weist Alldiweil mich zurecht. ”Noch leben wir schließlich”.
Diese Aussage ist so haarsträubend, daß mir die Kinnlade herunterfällt.
Alldiweil stört sich nicht im Geringsten daran.
Er steht auf und stapft davon, dabei das Energiefeld mit sich nehmend. Wütend über diese Machtdemonstration springe ich auf und folge ihm fluchend, denn schließlich möchte ich nicht allein in der Kälte sitzen bleiben.
”Ihr könntet in Eurem Kraftfeld wenigstens ein Fenster öffnen oder noch besser die Klimaanlage einschalten. Es mieft!”, grolle ich.
Alldiweil wedelt mit dem Zauberstab und eine frische Brise beginnt durch das Kraftfeld zu wehen.
Eine lange Zeit marschieren wir schweigend nebeneinander her, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Erst nach langer Zeit taucht in der Ferne das erste Objekt auf.
Wir ändern unsern Kurs und halten genau auf das Objekt zu, welches nur sehr langsam größer wird. Entsetzen steigt in mir auf, als ich nach einiger Zeit gewahr werde, um was es sich bei dem Objekt mit an Sicherheit grenzender Wahr-scheinlichkeit handelt; nämlich um das Stahlskelett eines zerstörten Gebäudes. Überhaupt erinnert mich die Umgebung plötzlich in fataler Weise an einen Post- doomsday-Roman. Eigentlich liebe ich dieses Sujet und auch meinem Roman wird dies zugute kommen, da die morbide Faszination eines solchen Schauplatzes die Menschen in den Bann schlägt. Ich persönlich fürchte jedoch um meine Gesundheit. ”Habt Ihr eigentlich je von radioaktiven Strahlen gehört, mein lieber Alldiweil?”, stelle ich die bange Frage.
Als der Zauberer negierend den Kopf schüttelt, fühle ich das Blut kälter und kälter durch meine Adern pulsieren und in mir entsteht das Gefühl, daß die radioaktiven Strahlen, die in diesem Moment mit Sicherheit um uns herum und durch uns hindurch donnern, mir den Lebenssaft aussaugen. Ich fühle mich wie versteinert und kein Wort dringt über meine Lippen.
Alldiweil schaut mich stirnrunzelnd an und meint:”Ein guter Freund erwähnte einst einen Spruch, der sich auf diese seltsamen Strahlen bezog. Ich glaube, er ging folgendermaßen: Lieber fernsehmüde, als radioaktiv! Er lachte sich darüber halb tot, konnte mir jedoch den eigentlichen Witz nicht erklären”.
Irgend jemand bricht in hysterisches Gelächter aus und da neben Alldiweil niemand anwesend ist außer mir, schließe ich daraus, daß meine Nerven endgültig die Flinte ins Korn geworfen haben und nach Hause in den wohlverdienten Urlaub gegangen sind.
Alldiweil schaut mir entsetzt zu, wie ich mich am Boden winde und von einem Lachanfall in den anderen gerate.
Nach einiger Zeit und einigen Tränen schluchze ich:”Wie lange wird es dauern, bis wir von hier verschwinden können?”
Erneut gesteht er seine Unwissenheit ein. Eines muß man diesem Zauberer lassen: Ehrlich ist er!
Inzwischen habe ich mich sowohl körperlich als auch geistig wieder aufgerichtet und wir marschieren weiter.
Vor dem zerstörten Gebäude entdecke ich einen zu Glas geschmolzenen Panzer. Eine ungeheure Hitze muß über ihm gewütet haben.
Nun erblicke ich auch in einiger Entfernung die Metallrudimente weiterer Bauwerke, die wie Skelettfinger in den Himmel ragen. Sie wirken wie eine bizarre, surreale Landschaft aus Saurierknochen. Einsam und bedrohlich recken sie ihre Stahlträger gen Himmel.
”Nichts los hier”, murmle ich mit Galgenhumor. ”Keine Bar, kein Club, keine Spielhalle und keine Action”.
”Dazu”, grinst Alldiweil,”sind wir zu spät gekommen. Aber aus den Trümmern läßt sich entnehmen, daß hier vor einige Zeit viel los war. Muß `ne mächtige Party gewesen sein! Noch nicht einmal aufgeräumt haben sie”.
”Ha,ha!”, knurre ich humorlos, während wir uns den Gebäuden nähern.
Ob es meine Leser zu schätzen wissen, daß ich, der Autor, mich höchstpersönlich für ihr Vergnügen in Lebensgefahr begebe, grüble ich bei mir.
”Vielleicht sollten wir nicht so nah an die Gebäude heran gehen”, meine ich. ”Warum? Der Energieschirm hält alle Radioaktivität von uns fern”.
”Dann war Eure Unwissenheit nur ein Scherz?”, rase ich wutentbrannt.
Ein schmieriges Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
”Ihr müßtet doch am besten wissen, daß Fantasyuniversenbewohner mit solcherlei Nebensächlichkeiten mit links fertig werden”.
Darauf fällt mir vorerst keine Antwort ein, weshalb ich schweige.
”Wird diese unerquickliche Umgebung nicht dem Absatz Eures Romans schaden?”, fragt mich der Zauberer, während wir das öde Innenleben der einstmaligen Wolkenkratzer erkunden.
”Ganz im Gegenteil!”, rufe ich aus, während meine Laune sich schlagartig bessert. ”Die Leser verlangen nach Dingen dieser Art. Je morbider das Sujet, desto größer die Begeisterung beim Leser. Natürlich muß der Autor darauf achten, daß der Held nicht nur spannende Abenteuer besteht, er muß dem Leser auch klar machen, daß nach dem Zusammenbruch alles besser und schöner ist”.
”Aber muß ein Mensch, um hier zu überleben, nicht zur Bestie werden? In einer solchen Umgebung ist doch für Menschlichkeit gar kein Platz mehr?”
”Das Letzte, was der Leser möchte, ist Menschlichkeit! Liberales Gedankengut darf um der voyeuristischen Befriedigung willen in solchen Romanen nicht auftauchen. Daraus ziehen diese Bücher nämlich ihren Reiz. Die Handlungsstruktur ist einfach und genial: Der Held, natürlich ein Mann, der sich allen Anfeindungen zum Trotz durchsetzt und dabei innerlich keine Wandlung erfährt. Er bleibt der nette Junge von Nebenan, der Idealschwiegersohn. Natürlich setzt er sich nach viel Blutvergießen durch”.
”Entsetzlich!”, haucht Alldiweil. ”Das ist doch absolut unrealistisch. So viele sterben und die Überlebenden werden die Toten beneiden”, doziert der Zauberer. ”Papperlapap! Leeres Geschwätz! Wen interessiert das? Was nicht tötet macht hart! Außerdem ist Realismus das Vorletzte, was der Leser möchte. Ganz im Gegenteil. Schlußendlich findet der Held eine Frau,in die er sich verliebt und die er ohne das Unheil nie kennen gelernt hätte. Er wird Häuptling eines neuen, kräftigen Stammes, der der Menschheit dereinst wieder zur Größe verhelfen wird. Mit dieser Gewißheit leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr nicht erwähntes Ende”.
”Und Ihr findet dies ausreichend?”
”Selbstverständlich”, antworte ich überzeugt, ”denn es ist die Aufgabe der SF, anzuregen und zu unterhalten”.
”Aber wo bleibt die Anregung, der Denkanstoß? Ist dies nicht längst zu einer leeren Phrase geworden?”, fragt Alldiweil.
”Die Anregung kommt natürlich durch die exotisch bunten Schauplätze zustande”. ”Und wo ist der Unterschied zur Unterhaltung? All das von Euch genannte ist doch trivial!”.
”Mitnichten! Nehmt zum Beispiel eine exotische Extremwelt. Sind nicht gerade sie ein Zeichen für die Phantasie des Autors”.
”Ihr haltet also den Extremweltenboom innerhalb der SF für ein gutes Zeichen? Dann kann ich Euch nur bedauern! Wenn es um Phantasie geht, schwebt mir etwas anderes vor. Euch kann ich nur bedauern!”.
”Bedauern!”, rufe ich erzürnt aus. ”Ihr werdet schon sehen, wer wen zu bedauern hat, wenn ich meinen Roman veröffentlicht habe und er zum Bestseller geworden ist”.
”Woher wollt ihr eigentlich wissen, daß es ein Bestseller wird?”
”Ganz einfach, weil ich streng nach Kochrezept vorgehen werde. Ich habe mir genau angesehen, wohin der Trend in der SF geht und welches die erfolgreichsten Romane der letzten Jahre waren. Ich extrahiere dies und schreibe es zusammen. Dann ist mir der Erfolg sicher!”
”Ich nehme an, Ihr seid dann auch noch stolz auf Eure dürftige Hervorbringung?”, poltert Alldiweil.
”Dürftige Hervorbringung!”, kreische ich. „Was erfolgreich ist, kann überhaupt nicht dürftig sein, denn der Erfolg trägt seine Rechtfertigung in sich!”
Wir sind beide stehen geblieben und stehen uns Angesicht zu Angesicht gegenüber. ”Ihr seid einer von diesen miesen Schreiberlingen, die nur schreiben, um ihre Eitelkeit und ihren Geldbeutel zu befriedigen. Denn zu sagen habt Ihr nichts!”, blökt der Zauberer.
”Wenn Ihr nicht so ein verkalkter alter Kracher wärt, würde ich Euch zeigen, was ich zu sagen habe”, blöke ich zurück, dabei meine Fäuste schwingend.
”Kommt doch!”, meint Alldiweil. ”Ich bin schon mit anderen fetten abgebrochenen Riesen fertig geworden. Auf mein Alter braucht ihr keine Rücksicht zu nehmen”. (Man beachte, daß wir uns immer noch siezen. Ein Zeichen für meine gute Kinderstube).
Ich schnaube vor Wut, während Alldiweil die Fäuste schüttelt.
Wenn ich etwas nicht vertragen kann, dann die Anspielung auf meine winzigen körperlichen Mängel. Obwohl ich finde, daß ich mit 1,53 Metern Körpergröße und nur knappen 2,5 Zentnern weder besonders klein noch besonders übergewichtig bin. Noch halte ich mich zurück, wenn auch mühsam.
Dann sagt Alldiweil jedoch:”Ich weiß ganz genau, warum Ihr nur Bücher über blondäugige, blauhaarige muskelbepackte Helden schreibt. Man braucht Euch nur zu betrachten, dann….”
”Hackfleisch!”, kreische ich und stürme los.
Meine Gedanken hämmern. Ich werde ihn überrollen, ich walze ihn nieder, scheiß auf sein Alter, denke ich und sehe ihn vor mir, als wimmerndes, winselndes Häufchen Elend, nachdem ich mit ihm fertig bin. Er wird um Gnade winseln, mich anflehen, wird mir die Schuhe lecken und die Füße küssen, er wird…
Weiter komme ich leider nicht mit diesen herrlichen Gedanken, denn plötzlich habe ich das Gefühl, daß eine Bombe an meinem Dreifachkinn explodiert.
”Bomben werfen gilt nicht”, nuschle ich noch, dann vergeht mein Geist in völliger Dunkelheit.

Als ich wieder zu mir komme, ist es nahezu dunkel und Alldiweil sitzt mir gegenüber, inmitten der Trümmer des zerstörten Gebäudes und hält sich die rechte Hand.
Ab und an bewegt er sie mit schmerzverzerrtem Gesicht und meint:”Ich glaube, mit zunehmendem Alter hat meine Form etwas gelitten. Früher schmerzte meine Hand nach dem Zuschlagen nicht”.
Mein Unterkiefer schmerzt fürchterlich, aber ich quetsche hervor: ”Gebt zu, daß Ihr mich mit einem unfairen Zaubertrick aus dem Rennen geworfen habt!” ”Mitnichten!”, wehrt Alldiweil entrüstet ab. ”Dinge dieser Art erledige ich höchstpersönlich, ohne Zuhilfenahme meiner Magie. Aber ich muß zugeben, daß Ihr Euer Kinn ganz schön an meine Faust geschlagen habt”.
Dann fängt er an zu wiehern.
”Sehr lustig!”, knurre ich, dabei meinen malträtierten Unterkiefer massierend. Innerlich koche ich fast über vor Wut. Ich fühle mich zutiefst erniedrigt und schwöre dem unverschämten Wicht Rache. Niemand erniedrigt mich ungestraft. Ich werde den Zauberer einen hohen Preis für alle seine Untaten zahlen lassen, das schwöre ich mir.
Der Himmel hat sich inzwischen vollkommen verdüstert und das Stahlskelett des ehemaligen Wolkenkratzers wirkt schattenhaft bedrohlich.
”Die Umlaufzeit der Sonne erscheint mir merkwürdig”, bemerke ich zu Alldiweil. ”Der Tag scheint viel zu schnell zu vergehen. Seid Ihr sicher, daß wir auf der Erde weilen?”
”Dies erklärte ich Euch doch bereits. Ich kontrolliere den Zauber immerhin so stark, daß es mir möglich ist, eine von Menschen besiedelte Erde als Bezugspunkt zu nehmen. Ein anderer Aufenthaltsort ist undenkbar!”
”Aber was soll ich meinen Lesern in Bezug auf die Umlaufzeit der Erde um die Sonne sagen, denn es ist offensichtlich, daß der Tag viel zu schnell vergeht. Meine Leser werden naturwissenschaftliche Unklarheiten in einer SF-Welt nicht dulden!” ”Darauf kann ich Euch leider keine Antwort geben”, sagt Alldiweil. ”Als Zauberer aus einem Fantasyuniversum bin ich lediglich in Astrologie beschlagen, nicht aber in Astronomie”.
Ratlos sehe ich mich um. Ich weiß ganz genau, daß meine Leser offene, ungelöste Rätsel nicht akzeptieren werden. Unglücklicherweise bin ich von einer wissenschaftlichen Erklärung des Phänomens weit entfernt.
Alldiweil hat in den Trümmern zu stöbern begonnen.
Ich tue es ihm nach. Beide sind wir jedoch erfolglos. Keinem gelingt es, etwas aufsehenerregendes zu Tage zu fördern.
Schließlich schlägt Alldiweil vor:”Laßt uns schlafen gehen!”
”Ich dachte menschliche Bedürfnisse seien uns fremd?”, frage ich gähnend.
”Leider ist meine Batterie zu erschöpft, um diesen Zauber weiterhin aufrecht zu erhalten. Zudem haben wir außer schlafen nichts vor. Meine Batterie wird sich durch den Schlaf besser aufladen, was ein weiterer Grund ist. Zudem sind wir beide müde!”
Kaum hat er zu Ende gesprochen, sucht er sich ein kahles Fleckchen auf dem Boden, legt sich hin und beginnt zu schnarchen.
Ich folge seinem Beispiel, doch trotz meiner Müdigkeit hält mich die Angst vor der Strahlung und die zusätzliche Ungewißheit unserer ganzen Situation wach. Doch dann übermannt auch mich der Schlaf. Mein letzter Gedanke gilt einer Wache, die man zur Sicherheit aufstellen sollte.

Ich fahre hoch, weil ich glaube, ein Geräusch gehört zu haben. Als ich um mich schaue, registriere ich zuerst Alldiweils schnarchenden Körper in meiner Nähe. Wenn es hier Bäume gäbe, hätten sie längst Alldiweils Urgewalt weichen müssen. Mir wird klar, daß es bereits wieder hell ist.
Ich versuche mich zu erinnern, was mich geweckt hat. Plötzlich klingt ein metallisches Geklapper durch die Luft und gleich darauf wird die Stille durch ein unheimliches Pfeifen gestört. Jemand oder etwas pfeift eine Melodie und mir wird klar, daß mir das Lied durchaus vertraut ist, denn es handelt sich um den Ohrwurm: SPANNUNG, RIEF DER ZENSOR.
Wiederum fühle ich ein hysterisches Lachen meine Kehle hinaufsteigen und eine Gänsehaut auf meinem Rücken Schlitten fahren. Erst rodelt sie abwärts, um dann langsam wieder aufzusteigen und wieder hinabzufahren.
Zitternd rüttle ich den Zauberer wach.
Dieser scheint sich zuerst nicht entschließen zu können, wach zu werden. Er unterbricht sein Gesäge auf mein kräftiges Rütteln hin dann doch.
Auch er hört das Pfeifen und setzt sich überrascht auf. Er blickt zu mir. Als ich ratlos die Schultern zucke, runzelt er die Stirn und erhebt sich. Ich tue es ihm gleich und auf Zehenspitzen nähern wir uns dem Geräusch.
Wir durchwandern einige Zimmer, umrunden einige Ecken und sind schließlich an der Rückseite des Gebäudes angekommen.
Dort erblicken unsere erstaunten Augen ein älteres Männlein, das kniend am Boden verharrt und emsig etwas zu suchen scheint.
Zögernd nähern wir uns dem Männlein. Erst als wir schon sehr nahe gekommen sind, bemerkt uns das Männlein.
Es blickt auf, lächelt, meint:”Hallo!”, und widmet sich dann erneut seinem Suchen. Wir sind verblüfft von seiner Nichtverblüffung. Alldiweil wendet sich fragend an das Männlein:”Entschuldigt, aber dürfen wir erfahren, was Ihr hier treibt und wer Ihr seid?”
Das Männlein blickt erneut zu uns auf, lächelt das Lächeln eines Schwachsinnigen und antwortet:”Ich forsche wissenschaftlich”.
Als er merkt, daß seine wissenschaftliche Forschung eine Unterbrechung durch uns hat hinnehmen müssen, richtet er sich auf. Erfreut nehme ich wahr, daß er kleiner ist als ich, was ihn sofort in meiner Sympathie steigen läßt. Er greift in die Tasche seines dunklen, konservativen Anzuges und zieht eine Visitenkarte hervor, die er uns reicht. Auf ihr steht geschrieben:

Prof. Dr. Dr. Attila F. Mittelmaß
Universität Frankfurt
Abteilung Temporalogie

”Angenehm!”, grüßt Alldiweil. ”Ich bin der Zauberer Alldiweil, mein ….äh… Bekannter hier ist der….äh….Schriftsteller….äh…. Dann weiß er offensichtlich
nicht mehr weiter, so daß ich gezwungen bin, mich selbst vorzustellen.
Deshalb zische ich erbost:”Rufus T. Firefly ist mein Name”.
”Angenehm!”, erwidert nun auch der Wissenschaftler und drückt zuerst Alldiweil, dann mir die Hand, was ihn wieder in meiner Achtung sinken läßt.
”Dürfte ich fragen, ob Sie beide hier auch forschen?”
Ein unangenehmes Lauern schleicht sich bei dieser Frage in seine Augen. Alldiweil schüttelt sofort den Kopf und versichert, daß wir nur aus Versehen an diesen Ort verschlagen worden sind und uns nichts sehnlicher wünschen, als möglichst schnell wieder abreisen zu können, sobald unsere Energieaggregate – so drückte sich der Zauberer aus – wieder aufgeladen sind.
Sofort erhellt sich das Gesicht des Wissenschaftlers und er beginnt, uns von seinem Forschungsauftrag vorzuschwärmen:” Die Eloquenz und Latenz der Indifferiertheit ist entscheidend für meine Hypothesen. Ein Kollege namens Martin Irre suchte vormals für ein Explanandum potentielle Explanantien, anstatt für ein Explanans potentielle Explananda zu suchen. Jedoch fand er keine Explanantien vor; so erfand er ein Explananas, vorsichtig und zögernd. Da aber die Plausibilität der Impliziertheit eine Diskrepanz für die Analysen der Antizipiertheit darstellte, eruierte er klassifikatorisch die reziprogen Altruierungsfaktoren und denaturierte dabei…..” Alldiweil und ich blicken uns verwirrt an. Keiner von uns beherrscht die Sprache, in die der Wissenschaftler verfallen ist, obwohl sie mir entfernt vertraut vorkommt.
Ich flüstere Alldiweil zu:”Er spricht momentan Wissenschaftlich, eine Sprache, die nur Eingeweihten zugänglich ist”.
Alldiweil flüstert zurück:”In meiner Welt sagt man, daß nur Leute, die Unfähigkeit kaschieren müssen, sich einen eigenen Slang zulegen, der zwar bedeutend klingt, jedoch nichts aussagt!”
”Vielleicht könntet Ihr mit Hilfe eures Zauberstabes eine Übersetzung für uns herstellen, immerhin ist es möglich, daß der Mann uns doch etwas zu sagen hat”. Alldiweil zückt seinen Zauberstab und beginnt zu murmeln.
Nun sprach der Wissenschaftler:”Dieser blöde Wichser wollte seinen Piephan doch glatt in ein Loch in der Wissenschaft stecken, aber dem Hurensohn habe ich die Hammelbeine langgezogen und wenn er glaubt…..”
Entsetzt japsen Alldiweil und ich nach Luft, denn diese Art der Übersetzung ist ein etwas zu starker Tobak.Offenbar hatte Alldiweil eine zu wahrheitsgetreue Übersetzung angefordert, ohne die Emotionen der Wissenschaftler untereinander zu berücksichtigen. Auch die geschwächte Batterie dürfte hier keinen unwesentlichen Einfluß an der Übersetzung gehabt haben.
Erneut wedelt Alldiweil mit seinem Zauberstab und murmelt dazu.
”……and later he tried to ignore all the things he has searched for no matter what….”
Erneut wedelte Alldiweil.
”…….et apres il ecrit un peu mais……..“
Erneutes Wedeln.
”…….????????????????????????……”
Nochmaliges Wedeln.
”…….????????????????????????????…..”
Alldiweil gibt nicht auf, wild wedelt er weiter.
”…….???????????????????????????????????????????????????????????????????…..”
Schließlich gelingt Alldiweil doch noch die Übersetzung, gerade als der Wissenschaftler mit den Worten:
”….und deshalb bin ich hier”, seinen Vortrag beschließt.
Erwartungsvoll blickt der Wissenschaftler uns an und wir beeilen uns, ihm für diesen Vortrag zu danken und seine Brillanz in den aller höchsten Tönen zu loben. Wir schrecken dabei nicht einmal vor Fremdwörtern zurück!
”Einfach superb! Geradezu mitreißend! Glasklare Argumentation! Eine Verbalakkumulation erschütternden Ausmaßes! Pyramidonal! Schlicht genial!” Obwohl er bei dem Wörtchen ”schlicht” zusammenzuckt, setzt er ein freundlich bescheidenes Lächeln auf.
”Eines habe ich noch nicht verstanden”, läßt sich Alldiweil überraschend vernehmen. ”Diese zerstörte Erde ist doch Euer eigener Planet und Ihr seid mit einer Zeitmaschine hierher gereist und habt festgestellt, daß sich Eure Erde vernichtet hat…äh, vernichten wird,… vernichten würde….. Scheiß Zeitmaschinen, sie bringen sogar die Sprache durcheinander! Jedenfalls seht Ihr hier Euren eigenen Planeten, dessen Schicksal die Zerstörung ist. Warum habt Ihr nicht versucht, etwas dagegen zu unternehmen?”
Ich frage mich verblüfft, woher der Zauberer die Information mit der Zeitmaschine hat. Aber er hat den Nagel auf den Kopf getroffen, denn die Augen des Wissenschaftlers werden vor Entsetzen groß und er stammelt:”Aber mein Herr, ich bin Wissenschaftler! Ich studiere die Dinge, ich greife jedoch nicht ein!”
”Aber die Verantwortung…”, wagt Alldiweil einzuwerfen.
”Verantwortung!”, röhrt der Wissenschaftler. ”Ich bin Wissenschaftler und trage somit keine Verantwortung. Weder den Menschen noch irgend einer nicht definierbaren Ethik gegenüber. Ich forsche und forschen ist wertfrei, völlig wertfrei!”.
”Ihr glaubt also, Euch sei alles erlaubt, weil Ihr Euch in einem wertfreien Raum befindet und…”, knottert Alldiweil.
Ich unterbreche ihn jedoch rüde, weil ich die Unfruchtbarkeit dieses Streits erahne und frage den Wissenschaftler:”Wie viele Jahre mußtet Ihr denn von Eurer Zeit bis hierher überspringen?”
”Nur fünf Jahre”, meint der Wissenschaftler, sofort wieder gut gelaunt, da er etwas über sich und seine Forschung erzählen kann. ”Ist das nicht phantastisch! In nur fünf Jahren werden wir uns selbst ausgelöscht haben! Und ich werde als erster meine Forschungen über das Wie und Warum des globalen Krieges veröffentlichen. Ich werde der größte aller Wissenschaftler sein! Der Blobel-Preis ist mir sicher!”
”Aber wie könnt Ihr diesen Preis bekommen, wenn alles, einschließlich dieses Preises, vernichtet ist?”, fragt Alldiweil, der alte Unruhestifter.
Ich werfe ihm einen meiner Must-du-ihn-schon-wieder-zum-Nachdenken-bringen-Blicken zu.
Auf des Wissenschaftlers Gesicht spiegelt sich unendliche Verwirrung wieder. Er ist nicht in der Lage, die Logik hinter Alldiweils Schlußfolgerung zu sehen.
”Ihr meint, sie werden mir den Preis vorenthalten?”, wendet sich der Wissenschaftler an den Zauberer.
Ich hebe meine Augen resignierend zum Himmel und erbarme mich seiner, denn offensichtlich ist der Mann neuen Gedankengängen gegenüber sehr unflexibel. ”Wenn alle Menschen tot sind, kann niemand Eure Arbeit würdigen, geschweige denn, Euch einen Preis dafür verleihen!“
”Oh!”, meint er geistreich, wobei seine Augen Untertassenformat annehmen.
”Er hat’s geschnallt!”, atme ich erleichtert auf, denn er hat wohl endlich verstanden, daß seine Forschungen umsonst sind…äh, sein werden…gewesen sind…äh(verdammt, Zeitmaschinen sind wirklich der Feind jedweder Grammatik. Jetzt weiß ich endlich, warum manche Menschen behaupten, Zeitreisegeschichten seien immer qualitativ hochwertig, weil schlechte Autoren davor zurückschrecken. Wenn man die grammatikalischen Probleme berücksichtigt, mag man dem durchaus zustimmen).
Der Wissenschaftler hat eine Entscheidung getroffen, denn er tritt energisch vor uns hin und erklärt:”Ich werde meine Welt retten. Aber natürlich streng wissen-schaftlich”. Dabei streckt er den Zeigefinger belehrend in die Luft.
Während er sich grußlos umdreht und davonmarschiert, stöhnen Alldiweil und ich, denn uns beiden ist klar, daß der Wissenschaftler in seiner Umständlichkeit und Manieriertheit keine Chance auf Erfolg hat. Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren und ich laufe hinter ihm her und rufe:”Herr Professor Mittelmaß, warten sie…”.
Als ich um die zerbröckelte Fassade eines Gebäudes herumlaufe, erblicke ich ihn in einer seltsamen Maschine sitzend, die wie ein Farradayscher Käfig aussieht. Winkend und rufend laufe ich auf ihn zu, doch da verblassen Maschine und Wissenschaftler auch schon. Ich bin zu spät gekommen. Resigniert schnappe ich nach Luft. Hinter mir höre ich das Geräusch von Schritten, die auf Trümmern knirschen. Als ich mich umdrehe, steht ein erstaunter Zauberer Alldiweil hinter mir, der mich fragend anblickt.
”Er hätte uns mit in die Vergangenheit nehmen können”, keuche ich. ”Dort wären wir vor radioaktiven Strahlen völlig sicher gewesen.”
Alldiweil wiegt jedoch nur wenig begeistert den Kopf und meint: ”Dafür hätte uns eine Zivilisation dieses Entwicklungsgrades auf andere Weise gefährlich werden können”.
”Das sehe ich ein. Trotzdem….”. Plötzlich fällt mir etwas ein. ”Wie ist das eigentlich mit den Zeitpara…para…äh..”
”Zeitparadoxa”, hilft mir Alldiweil auf die Sprünge.
”Genau mit denen! Können wir eigentlich feststellen, ob der Wissenschaftler überhaupt etwas erreicht?”
”Um ehrlich zu sein, ich bin kein Experte,was Zeitparadoxa angeht”, erwidert Alldiweil. ”Ich weiß aber, daß viele verschiedene Theorien über Zeitparadoxa existieren. Eine besagt, daß der Wissenschaftler zwar erfolgreich ist, wir aber niemals davon erfahren, weil wir in diesem Universum fixiert sind. Eine andere besagt, daß sich tatsächlich Veränderungen ergeben können, wir jedoch nicht in der Lage sein werden, diese wahrzunehmen, da sich im Augenblick der Veränderung unser Bewußtsein mit verändern wird.“
”Entsetzlich!”, hauche ich und stelle mir vor, wie jemand an meiner Vergangenheit herummanipuliert, ohne daß ich es jemals erfahren werde.
”Es gibt viele Möglichkeiten”, fährt Alldiweil fort, ”Ich möchte in diesem Fall davon ausgehen, daß der Wissenschaftler nichts erreicht hat und somit alles beim Alten bleibt”.
Plötzlich fängt er an zu kichern und meint:”Ich kann mir vorstellen, was der Professor unternommen hat, um den Krieg zu unterbinden. Er hat bestimmt einen Antrag auf Aussetzung oder Verlegung des Krieges auf ein späteres Datum in dreifacher Ausfertigung gestellt. Alles nur um seinen Preis einheimsen zu können”.
Ich überlege.
”Wäre es nicht möglich, daß erst sein Auftauchen den Krieg auslöste. Wenn die Seite, die er informierte, glaubte, zuerst angreifen zu müssen, um das Unglück zu verhindern, wäre der Professor zum eigentlichen Auslöser des Krieges geworden. Wäre das nicht ein genialer Plot?”
”Abgeschmackt!”, winkt Alldiweil geringschätzig ab. ”Wenn Ihr aber mehr über Zeitparadoxa erfahren wollt, ich habe hier die Adresse eines guten Bekannten, der sich wie kein Zweiter mit diese Thema auskennt. ”Sein Name ist…öh..” Er nestelt an seiner rechten Rocktasche und zieht einen Zettel hervor. ”Ach ja, Wolf J.Eschke! Er weiß wirklich alles über dieses Thema. Solltet Ihr Interesse haben…”
Ich winke frustriert ab.
”Woher wußtet Ihr eigentlich von der Zeitmaschine? Der Wissenschaftler erwähnte sie doch überhaupt nicht.”
”Schon! Aber durch deduktives Denken gelangte ich zu diesem Schluß. Hihi!”, kichert er. Dann wird er wieder ernst. ”Habt Ihr nicht auf seiner Karte bemerkt, daß Abteilung Temporalogie darauf stand? Und welchen anderen Forschungsgegenstand sollte ein Temporaloge haben, als die Zeit? Und da wir uns in einem SF-Universum befinden, lag die Vermutung einer Zeitmaschine doch sehr nahe, oder?”
Ich gebe mich geschlagen, wenn auch nur kurzzeitig, denn um ihm diesen Triumph nicht zu gönnen, harke ich sofort nach:”Noch mehr würde mich interessieren, wann Eure miese Batterie wieder aufgeladen ist und wir diesen ungastlichen Ort verlassen können?”
”Leider wird dies noch einige Tage in Anspruch nehmen”, antwortet Alldiweil und seine Stimme klingt dabei so betrübt, wie ich mich fühle.
Ich seufze.
”Da wir unbestreitbar viel Zeit zur Verfügung haben, aber nur wenig zu tun bleibt, möchte ich Euch eine Frage stellen, die mich schon die ganze Zeit beschäftigt:Wie wollt Ihr inmitten der Myriaden Alternativuniversen Euer eigenes herausfinden?” Alldiweil lächelt und meint:”Mittlerweile solltet Ihr wissen, daß in der Fantasy nichts, aber auch gar nichts unmöglich ist”.
Er lächelt nachsichtig und fährt fort:”Das werdet Ihr schon noch lernen. Ich besitze eine natürlich Affinität zu meinem Heimatuniversum. Mir ist es somit möglich, die Raum-Zeit-Wahrscheinlichkeitskoordinate meines Heimatuniversums zu erfühlen. Anders ist eine Heimkehr unmöglich, denn es gibt nicht nur Myriaden Paralleluniversen, sondern auch Millionen Paralleluniversen, die dem meinen so ähnlich sind, daß nicht einmal Experten den Unterschied herausfinden könnten. Ich kann Euch aber mitteilen, daß wir uns meinem Heimatuniversum schon wesentlich genähert haben, seit wir das Arthusuniversum verlassen haben. Ohne den dortigen Aufenthalt wäre ich vielleicht schon zu Hause, denn normalerweise dient dieses Universum als Zufluchtsort für allerlei zwielichtige Fantasyexistenzen, wie z. B. diese abgewrackte Hofreporterin, die eine gescheiterte Hexe ist. Ohne Euch säße ich vermutlich mit einer Tasse Kweelee in der Hand vor dem Kaminfeuer. Also beklagt Euch nicht, denn Ihr habt Euch durch Eure Einmischung selbst zu diesem Trip verdammt”.
Wütend dreht er sich um und latscht davon, während ich zum erstenmal fasziniert beobachte, wie sich unser Energiefeld teilt und zwei gleich große Kugeln entstehen. Eine umgibt mich, die andere den Zauberer.
Ich seufze und mache mich auf, in den Ruinen herumzustöbern, denn so lange Alldiweil keine Lust hat, zu reden, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir mit Trümmerstöbern die Zeit zu vertreiben. Sehnsüchtig denke ich an mein geliebtes TV-Gerät, meine SF-Actionromane und an meine Spielzeugpanzer.

Abends sitzen Alldiweil und ich an einem Lagerfeuer, welches wir aus hölzernen Trümmern errichtet haben. Wir sitzen uns gegenüber und schweigen uns an, denn uns sind die Gesprächsthemen ausgegangen. Wir sind doch viel zu unterschiedliche Charaktere und keiner teilt die Passionen des anderen. Weder er noch ich haben eine aufsehenerregenden Fund gemacht. Nur nutzlose Trümmer. Nichts worüber sich reden ließe. So sitzen wir denn und schweigen.
Und so entgeht uns auch das Geräusch kollernder Steine nicht, das die nächtliche Stille zerreißt.
Alldiweil und ich springen erschreckt auf.
Eine vornehm klingende Stimme ruft:”Alldiweil, alter Freund, was machst du denn hier?”.
Eine hochgewachsene Gestalt fliegt aus dem Dunkel auf den verblüfften Alldiweil zu, umarmt und herzt ihn. Alldiweil, der sich zwischenzeitlich von seiner Verblüffung erholt hat, grinst und schlägt dem Neuankömmling auf die Schulter. Dann wenden sich die beiden mir zu und ich erkenne einen Mann, der eine zwar finstere, aber distinguierte Erscheinung an den Tag legt. Als er jedoch die Zähne zu einem Grinsen bleckt, gefriert mir das Blut in den Adern, denn unzweifelhaft ist dieser Mann ein waschechter Vampir.
Noch bevor ich schreien kann, meint Alldiweil:”Dies ist mein guter Freund Dracula Graf. Er ist leider etwas konservativ, aber trotzdem sind wir gute Freunde seit jener Schlägerei vor einigen Dekaden, bei der wir gemeinsam den Sieg errangen”.
Dann wendet er sich erneut dem Vampir zu und schlägt ihm auf die Schulter. ”Mensch Dracula, wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Das muß doch mindestens 114 Jahre, 5 Monate, 21 Tage, 14 Stunden und 28 Sekunden her sein, oder?”
Während ich noch immer erstarrt dastehe, grinst Dracula Graf und berichtigt den Zauberer:”Es sind zwar 22 Tage, aber sonst scheint dein seniles Gedächtnis noch zu funktionieren”.
Erneut lachen die beiden.
”Aber auch ich bin froh, dich einmal wiederzutreffen”.
Daraufhin drücken sie sich die Hände.
”Komm, setz dich zu uns!”, fordert der Zauberer den Vampir auf.
Dieser nimmt die Einladung an und setzt sich neben Alldiweil ans Lagerfeuer.
Auch ich setze mich automatisch, springe jedoch gleich wieder auf, als ein riesiger Hund auf das Lagerfeuer zugeschossen kommt. Er überspringt das Feuer und landet auf dem Vampir und wirft ihn um. Dann beginnt er, ihm das Gesicht abzuschlecken. Im hellen Licht des Feuers erfaßt mich nun ein erneuter Schock. Was ich für einen überdimensionierten Hund hielt, entpuppt sich beim zweiten Blick als ein Werwolf.
Erneut versucht ein Schrei sich seinen Weg durch meine Kehle zu bahnen, aber der Vampir kommt mir zuvor:”Dies ist mein Freund Wolfgang Wolf”, stellt er den Werwolf vor. ”Wer ist denn dein blaßgrüner Freund, Alldiweil’?”, fragt er und deutet dabei auf mich.
”Dies ist der SF-Autor Rufus T. Firefly!”, stellt mich der Zauberer vor.
“Angenehm!”, sagt Dracula Graf und schüttelt meine erstarrte Hand, die an einem erstarrten Körper hängt.
Dann reibt sich auch noch der Wolf an mir.  Er hält das wohl für eine Begrüßung.  Mir wird schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir komme, liegt der Werwolf zusammengerollt neben dem Lagerfeuer, während Alldiweil und Dracula Graf sich angeregt über alte Zeiten unterhalten.
Dabei schlurfen sie aus Pappbechern ein Getränk, das Dracula Graf mitgebracht haben muß.
Als Alldiweil gewahr wird, daß ich wieder bei Bewußtsein bin, drückt er mir einen Becher in die Hand und Dracula Graf meint:”Köstlicher Blutersatz, 1a Qualität”.
Mich überkommt sofort ein Gefühl des Unwohlseins und schnellstens eile ich hinter ein Paar Trümmer, um mich zu übergeben.
Als ich wieder am Lagerfeuer eintreffe, entschuldigt sich Dracula Graf wortreich und meint, daß mit dem Blut sei nur ein Scherz gewesen.  In den Bechern sei Malventee.
Ich ringe mir ein Grinsen ab und meine mit fester Stimme: „Sie glauben doch nicht, daß ein Paar Spritzer Blut bei mir zur Übelkeit führen.  Da täuschen Sie Sich aber gewaltig!  Ich habe in meinen Büchern schon mehr Blut verspritzt, als alle Vampire aller Universen jemals trinken werden.  Meine Ohnmacht und mein Erbrechen hängen einzig und allein mit der radioaktiven Strahlung zusammen, der ich schon länger ausgesetzt bin”.
Dies ist natürlich die volle Wahrheit, lieber Leser!
Nach diesen Worten setze ich mich erneut ans Lagerfeuer, dabei jedoch darauf achtend, den größtmöglichen Abstand zu dem Werwolf und seinem Herrchen zu wahren.
Alldiweil und Dracula Graf vertiefen sich erneut in ihr Gespräch.  Der Werwolf döst.
Alldiweil fragt den Vampir, was ihn in dieses Universum verschlagen habe und dieser erzählt seine jüngsten Erlebnisse:”Ich mußte leider von meiner Burg fliehen.  Schon in den letzten Jahrzehnten hatte ich besorgt das Anwachsen anti-vampiristischer Tendenzen beobachtet.  Immer mehr Anti-Vampir-Gruppen begannen sich zu formieren.  Obwohl immer mehr Demos vor meinem Schloß stattfanden, nahm ich anfänglich die Sache nicht ernst.  Du weist ja, mein lieber Alldiweil, wir Vampire waren nie sehr beliebt.
Letzten Dienstag wurde mein Schloß gestürmt, ohne jede Vorwarnung.  Mein Freund und derzeitiger Gast Wolfgang Wolf und ich mußten flüchten.
Glücklicherweise war einige Tage vor diesem Zwischenfall ein Handlungsreisender im Auftrag des Interdimensionalen Verbraucherservices bei mir gewesen und ich hatte mich von ihm beschwatzen lassen, ein Dimensionstor im Taschenformat zu kaufen”.  Bei diesen Worten zieht er einen kleinen, mattschwarzen Gegenstand aus der rechten Tasche seines Smokings und reicht ihn Alldiweil, der ihn bewundernd in der Hand hin und her dreht.
“Damit konnten wir entkommen.  Leider hatte uns der Händler Schund angedreht, denn die Steuerung des Dimensionstores war völlig im Eimer.  Als wir rematerialisierten, merkten wir bald, daß wir vom Regen in die Traufe geraten waren.  Das Universum, in dem wir landeten, wurde von intelligenten Pflanzen beherrscht.
Pfui Teufel!”, dröhnt der Vampir und spuckt dabei aus.  “Nicht einen einzigen Tropfen Blut gab es dort.
Also sprangen wir erneut, wieder ins Blaue hinein, nur um in einer technologisierten Welt zu landen, die trotz ihrer Technik von einer tödlichen Krankheit bedroht wurde.
Als wir erfuhren, daß die Krankheit nur durch den Austausch von Körperflüssigkeiten, das heißt auch Blut, übertragen werden kann und jahrelanges Siechtum zur Folge hat, machten wir uns sofort wieder auf die Socken.
Im nächsten Universum gerieten wir mitten in eine Volkszählung und wären als überzählige Existenzen beinahe exekutiert worden.  Das nächste Universum wimmelte von Telepathen, die nicht nur an unserem Dimensionstor, sondern auch an unseren Körpern brennend interessiert waren. Man wollte uns ausgestopft in ein Museum stellen. In drei weiteren Universen hatten wir ähnliche Erfolge zu verzeichnen.
Dann reichte die Energie des Dimensionstores nur noch für einen Sprung.  Als wir hier landeten, wären wir bald verzweifelt.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich war, dich hier anzutreffen. Ich hoffe, du nimmst uns mit, wenn du von hier verschwindest?“
„Aber selbstverständlich!”, erwidert der Zauberer.
“Was treibt dich denn in ein solch verrottetes Universum?”, fragt der Vampir.
Alldiweil erzählt ihm die Geschichte unserer bisherigen Odyssee und auch von den Problemen mit seiner Batterie.
Dracula Graf nickt niedergeschlagen, als er hört, daß eine baldige Abreise nicht in Frage kommt.  Er trägt es aber mit Fassung.
Mir ist inzwischen aufgefallen, daß der Energieschirm uns alle vier umhüllt und ich frage den Zauberer, ob dies nicht Konsequenzen für unseren Schutz vor radioaktiven Strahlen und für seine Batterie hat.
Ärger zeichnet sich auf seinem Gesicht ab und er winkt mich vom Lagerfeuer weg, außer Hörweite der beiden Neuankömmlinge.
“Natürlich läßt der Schirm jetzt mehr Strahlung durch und es dauert länger, bis meine Batterie wieder aufgeladen ist”, gesteht er mir.
“Aber was schlagt Ihr vor?”
Daraufhin entbrannt ein heftiger Streit zwischen ihm und mir, weil ich der Meinung bin, die Neuankömmlinge bräuchten keinen Schutz, denn sie seien später gekommen als ich.  Ich sei wichtig, denn schließlich habe er mich gegen meinen Willen verschleppt und sei somit für meine Gesundheit und mein Wohlergehen verantwortlich.  Ich erkläre ihm, was ich von seiner Freundlichkeit halte.  Dabei fallen die Worte Vampirknecht und Werwolffreund.
Als dies alles nicht fruchtet und Alldiweil nicht den leisesten Willen zum Einlenken zeigt, erkläre ich ihm, daß ich Vampire und Werwölfe für Untermenschen halte,und daß ich glaube, daß mein Leben mehr wert sei, als das Leben dieser unarischen Mißgeburten, weil ich erstens ein Mensch sei und zweitens, weil ich viele Menschen mit meinen Romanen beglücke, die ohne diese nicht lebensfähig seien.
Doch anstatt auf meine völlig berechtigte Empörung einzugehen, dreht sich der Zauberer um und stapft zurück zum Lagerfeuer.
Ich höre, wie Dracula Graf am Lagerfeuer den Zauberer zu überzeugen versucht, daß ich recht habe.
Durch die Worte des Vampirs bestärkt, eile ich zurück zum Lagerfeuer und erkläre dem Zauberer: “Herr Graf hat selbst zugegeben, daß ich recht habe, deshalb ist es nur recht und billig, wenn Sie, mein lieber Alldiweil, und ich den Schutzschirm allein beanspruchen”.
Alldiweil zeigt erneut keine Einsicht.
Neuerlich schüttelt er energisch den Kopf und diesmal bin ich es, der wütend von dannen stapft, während hinter mir Dracula Grafs Stimme verklingt, der erneut für mich Partei ergreift.  Zwischen den Ruinen herumstampfend denke ich wütend an Alldiweils Scheißauffassung bezüglich der Gleichheit aller Geschöpfe.  Ausdruck dieser abartigen Liberalität ist seine Freundschaft zu einem Vampir.  Lieber Leser, halten Sie das nicht auch für abartig?
Plötzlich taucht der Werwolf im Dunkel vor mir auf und grinst mich an.
Mir ist sofort klar, daß diese blutrünstige Bestie danach trachtet, mich zu verspeisen.
Doch dieser grinst nur und verschwindet hinter einer eingestürzten Mauer. Mein Magen knurrt und poltert mit einem Mal und noch bevor ich die Hosen herunter -lassen kann, passiert es.
Ein weiterer Fluch der radioaktiven Strahlung hat zugeschlagen; der Durchfall.
Natürlich hatte das Auftauchen des Werwolfes nichts damit zu tun.  Sie dürfen nicht glauben, er habe mich wirklich erschreckt, denn mutig bin ich ihm entgegengetreten.
Als ich ratlos und steifbeinig zum Lagerfeuer zurückstakse, brennt in mir Scham, aber auch Wut über Alldiweils Unvernunft,mich den Strahlen überhaupt auszusetzen.
Plötzlich steht Dracula Graf vor mir und deutet triumphierend auf sein Dimensionstor.
“Es ist mir gelungen,mit Hilfe des kleinen Geigerzählers, der an meinem Dimensionstor angebracht ist, und von dem ich weiß, daß er funktioniert, da ich ihn habe überprüfen lassen, festzustellen, daß in unserer Umgebung keinerlei radioaktive Strahlung existiert.  Offensichtlich wurden die Gebäude in der Umgebung mit konventionellen Waffen zerstört.  Ihr braucht eine Verseuchung also nicht zu befürchten”.
Er grinst, verzieht dann das Gesicht und fragt:”Was ist denn das für ein strenger Geruch?”
Wütend balle ich die Fäuste.
Alldiweil ist inzwischen herangekommen.
Er bemerkt sofort mein Mißgeschick, führt unauffällig einen Zauberspruch durch und ich fühle mich sofort wieder rein und sauber.  Dankbar lächle ich, während wir uns um das Lagerfeuer herum gruppieren und ich beschließe, Alldiweil seine bisherigen Schandtaten, einstweilen zumindest, zu vergeben, inklusive meines Kinnschlages an seine Faust.
Meine Laune steigt sogar so weit, daß ich mich dazu herablasse, einen meiner irre komischen Witze zu reißen:”Erst der Wissenschaftler, dann Dracula Graf und sein Freund; ich bin gespannt, wer als nächstes auftauchen wird.  Hier herrscht ja ein irrer Verkehr”.  Gelächter!
Ich lache bescheiden lauthals mit, über meinen göttlichen Witz.
Nach einiger Zeit legen wir uns schlafen, obwohl ich zugeben muß, daß mein Schlaf nicht allzu erfrischend ausfällt, denn nicht mal ein furchtloser SF-Autor kann in der Gegenwart eines Werwolfes und eines Vampirs ruhig schlafen.  Auch wenn die beiden gute Freunde sind, man weiß doch nie, wann sie die Versuchung überkommt.
Eine Schlagzeile: VAMPIR SAUGT GUTE FREUNDE LEER!, ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack.
Nur die Gewißheit, das die beiden ohne Alldiweil hier verschimmeln müßten, läßt mich Schlaf finden.

Zum Glück kommt mir die Erkenntnis meiner Entbehrlichkeit erst
am nächsten Morgen, denn Alldiweil ist es, auf den sie angewiesen sind und nicht ich.
Meinen Hals betastend, stelle ich dort glücklicherweise keine Bißspuren fest.
An diesem Morgen entdecke ich, was die beiden zu essen gedenken.
Dracula Graf zieht eine Konserve mit getrocknetem Blut hervor und öffnet sie.  Die Hälfte des Inhalts wirft er seinem Freund hin .
Als der Vampir meinen Blick bemerkt, erklärt er:”Ich und mein Freund sind schon lange auf Konserven umgestiegen.  Das ist viel einfacher, spart Arbeit und ist viel köstlicher.
Vor 312 Jahren erschienen die ersten Blutkonserven.  Als die Firma, die diese herausbrachte, merkte, welche Geschäfte damit möglich waren, begann sofort der Konkurrenzkampf mit anderen Firmen, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollten.
Der Konkurrenzdruck verbesserte nicht nur die Qualität des Produktes.  Die Firmen begannen auch, neue Geschmacksrichtungen zu kreieren.
Heute gibt es Blut in Apfel-, Zitrone-, Kirsch-, Kaugummi-, Rindfleisch-, Zimt-Waldmeister-Vanille-Kiwi-, Nikotin-Maracuja- und Lindenblütengeschmack.
Für besondere Anlässe gibt es sogar hochprozentige Blutkonserven.
Alles ermöglicht durch die freie Marktwirtschaft.  Wir Vampire haben ihr viel zu verdanken”.
Ich nicke zustimmend und in lockerer Unterhaltung verbringen wir den Rest des Morgens.
Auf meine Frage, warum er sich nicht vor der Sonne fürchte und warum sein Freund sich nicht in einen Menschen zurückverwandle, antwortet mir der Vampir, daß auch hierbei die moderne Technik ihren Einfluß geltend mache, durch besondere Medikamente.
Am Nachmittag verkündet Alldiweil:”Meine Batterie ist nun endlich wieder so weit aufgeladen, daß wir einen erneuten Sprung wagen können”.
Erneut wende ich ein, daß es sicherer wäre, die beiden anderen hier zurückzulassen, wegen des Energieverbrauchs.
Alldiweil winkt ab.  “Der größte Teil der Energie wird für das Loch in der Raum-Zeit-Wahrscheinlichkeit benötigt.  Der Übertritt von vier Personen in ein anderes Universum ist fast energiegleich zu dem Übertritt von zwei Personen.  Seid jetzt still, ich muß mich konzentrieren!”
Dann wedelt und murmelt er wieder.
Um uns werden die Umrisse der zerstörten Gebäude, die lange unsere Gefährten gewesen waren, nebelhaft undeutlich.
Traurig denke ich an die traute Sicherheit meiner eigenen vier Wände zurück.
Dann hüllt uns der Nebel gänzlich ein.

Als der Nebel sich lichtet, sprengen Pferde an uns vorbei.  Bevor ich reagieren kann, nähert sich mir frontal ein Pferd, das erst im letzten Moment von seinem Reiter um mich herum gelenkt werden kann und knapp an mir vorbeischießt.
Dann ist die Kohorte von Reitern an uns vorbei und ich drehe mich um, um zu sehen, wohin sie so eilig reiten.
Ich erblicke eine gewaltige Schlacht und erst jetzt wird mir klar, daß seit unserer Ankunft ein unmenschlicher Lärm die Luft schwängert.
Wohin ich auch blicke spritzt Blut, werden Köpfe und sonstige unwichtige Körperteile abgehackt.
Wer gegen wen kämpft, ist nicht auszumachen, denn keine der Mannschaften trägt Trikots oder sonstige Erkennungsmerkmale.
Alldiweil, der sich in der Situation am besten zurechtfindet, setzt sich nach links in Bewegung und ich erblicke in dieser Richtung einige buntgeschmückte Zelte.
Als wir vier dort ankommen, erblicken wir zwei Männer mit nackten Oberkörpern in zwei herrschaftlichen Thronsesseln sitzend, die sich mit Kennerblick die Schlacht ansehen und dabei genüßlich rohes Fleisch verdrücken.
Der eine ist rothaarig, ziemlich groß und muskulös, sein Oberkörper ist, wie ich erst auf den zweiten Blick erkenne, nicht ganz nackt, wie der des anderen Mannes.  Der Rothaarige trägt eine dünne, ärmellose Lederweste, die farblich seiner Hautfarbe angepaßt zu sein scheint.
Noch beeindruckender ist allerdings der andere Mann.  Er hat braunes Haar, ist mittelgroß und über und über mit schwellenden Muskeln bedeckt.  Sein Gesicht wäre als schön zu bezeichnen, wenn man den unglaublich dümmlichen Ausdruck darauf verschwinden lassen könnte.
Wegen dieses Ausdrucks nehme ich an, daß der Rothaarige der Anführer ist .
Meine Annahme wird dadurch bestätigt, daß der Rothaarige uns zu sich winkt
und uns mit den Worten: “Ihr seid sicher Dimensionsreisende.  Willkommen auf Nor, der Antierde!  Mein Name ist Carl Tabot, mein Freund heißt Coman!” begrüßt.
Alldiweil dankt für die Begrüßung und stellt uns vor.  Der Rothaarige hört aufmerksam zu, während der andere seine Aufmerksamkeit nicht von der Schlacht losreißen kann.  Speichel fließt dabei an seinen Mundwinkeln herunter.
Der Rothaarige, Carl Tabot, erhebt sich und lädt uns ein, ihm in eines der Zelte zu folgen.
Drinnen setzen wir uns auf den Boden um einen rechteckigen Tisch, der wie durch ein Wunder mit allem gedeckt ist, was das Herz begehren mag.
Darüber vergesse ich meinen Ärger über die fehlende Sitzgelegenheit, denn mir wird mit einem mal bewußt, wie sehr mein Magen knurrt, denn Alldiweils Zauber, der mich aller menschlichen Bedürfnisse ledig erscheinen ließ, hat aufgrund der mangelnden Batteriespannung aufgehört zu existieren.
Ich schlage also tüchtig zu.
Überrascht bemerke ich die Augen meiner Begleiter aus den Höhlen quellen.  Also beschließe ich, mich etwas zurückzuhalten.
Als ich gesättigt bin, fällt mir auf, daß der Mann namens Coman nicht unter uns weilt.  Er hat sich wohl nicht trennen können von der Schlacht.
Alldiweil hat begonnen, sich mit Carl Tabot zu unterhalten, und fragt diesen nun:”Wer kämpft dort draußen eigentlich gegen wen?”
Tabot grinst:”Dies ist nur ein Übungskampf.  Beide Seiten gehören meiner Truppe an”.
Entsetzen zeichnet sich auf Alldiweils Gesicht ab.
“Aber warum laßt Ihr sie sich gegenseitig töten?  Das bringt doch hohe Verluste mit sich”.
Erneut grinst Tabot.  Philosophisch meint er:”Das Schwache stirbt, das Starke überlebt.  Ich kann keine Versager in meiner Truppe gebrauchen.  Wer stirbt, ist selbst Schuld und war es nicht wert zu leben”.
Er unterbricht sich und winkt einige Diener heran, die neue Getränke herbeischaffen.
Er fährt fort:”Bei mir verdient nur derjenige eine Mahlzeit und eine Frau, der beweist, das er sie wert ist.  Wer die täglichen Kampfspiele überlebt, hat ein Anrecht auf drei deftige Mahlzeiten pro Tag und ein Frau für eine Stunde.  Ich lasse mich wirklich nicht lumpen.  Kommt mit mir, ich zeige Euch meine Mannschaft”.
Wir erheben uns und folgen ihm, obwohl es mir schwerfällt, denn ich habe mich ziemlich rund gegessen.
Tabot führt uns in das benachbarte Zelt.  Es ist vollgestopft mit allen nur denkbaren kulinarischen Leckereien, die selbst dem römischen Feldherren Lucius Licinius Lucullus zur Ehre gereicht hätten.
Im nächsten Zelt, welches das größte der Zelte ist, befinden sich mindestens 500 nackte, gefesselte Frauen.  Jede eine Schönheit von Rasse und Klasse.
“Na, da wird die Hose zu eng, was!“, scherzt Tabot, während Alldiweil und ich rot anlaufen.
“Ihr könnt Euch eine für die Nacht wählen”, grinst Tabot.  “Als kleines Willkommensgeschenk”.
Als Alldiweil und Dracula Graf ablehnen, gebietet es meine Höflichkeit, es ihnen gleich zu tun.  Man kann schließlich nie wissen, welche Folgen ein solches Gastgeschenk haben könnte.  Dabei denke ich nicht nur an diverse Geschlechtskrankheiten, obwohl ich hörte, diese gäbe es in Fantasywelten nicht, sondern auch an etwaige Verpflichtungen unserem Gastgeber gegenüber, denn er sieht mir nicht aus, als wurde er derartige Vergnügungen umsonst gewähren.  Wir kehren erneut in das Zelt zurück, in dem wir gespeist hatten.
Dort setzen wir uns erneut um den rechteckigen Tisch.  Alldiweil fragt:”Glaubt Ihr nicht, daß die Behandlung, die Ihr den Frauen angedeihen laßt, für sie ziemlich erniedrigend ist?” Wut zeichnet sich auf Tabots Gesicht ab und ich befürchte schon, daß Alldiweil durch seine dumme, aber für ihn typisch Frage unser aller Leben verspielt hat, als Tabot unmotiviert in lautes Lachen ausbricht.
Plötzlich ist auch Tabots Freund Coman da und verlangt zu wissen, worüber Tabot so herzlich lacht.
Tabot erklärt es ihm und Coman stimmt begeistert in dessen Lachen ein.
Als Tabot wieder zu Atem kommt, meint er: “Ich dachte zuerst, Ihr seid einer dieser schwulen, verweichlichten Feministenfreunde, doch dann fiel mit ein, daß Ihr Zauberer seid und man Euch deshalb diese verschrobenen Ansichten nicht übelnehmen darf”.  Erneut lacht er:”Bekanntlich haben Zauberer ja keine Erfahrung mit Frauen.  Eure Äußerung zeigt dies.  Denn Frauen wollen nur eins: Unterjocht und vergewaltigt werden.  Jede dieser Frauen”, er deutet dabei in Richtung des großen Zeltes, in dem die Frauen untergebracht sind, “genießt ihren Aufenthalt.  Für sie ist es der Himmel auf Erden.
Überhaupt sind Frauen viel dümmer als Männer, kaum daß sie in der Lage sind, zu denken.
Unsere Gelehrten haben durch das Aufschneiden weiblicher Köpfe schon vor Jahrhunderten nachgewiesen, daß weibliche Gehirne kleiner sind als männliche Gehirne.
Frauen existieren auf einem ganz primitiven Niveau.  Sie sind kaum intelligenter als Affen.
Es gibt nur drei Dinge, zu denen sie taugen: Zum Anschauen, zum Bumsen und zum Kinderkriegen.  Für alles andere sind sie viel zu blöd!“
Zaghaft wirft Alldiweil ein:”Aber vielleicht sind Frauen viel intelligenter, als Ihr denkt”.
Erneut wird seine Aussage von einem Heiterkeitsausbruch begleitet.  Als dieser
abebbt, wendet sich Tabot warnend an den Zauberer: “Ich erkenne Humor, wenn
ich auf ihn stoße, doch laßt diese Thesen nicht meine Männern hören.  Sie sind
manchmal nicht in der Lage, Humor als solchen zu erkennen.  Es sind zwar
Pfundskerle, aber manchmal sind sie mit dem Schwert etwas zu schnell zur Hand.
Überhaupt, laßt uns diese unnütze Diskussion beenden, denn es gibt nur zwei Dinge auf der Welt, die wirklich 100%ig sicher sind”.
“Und die wären?”, fragt Dracula Graf.
“Ganz einfach”, läßt Coman zum erstenmal seinen grollenden Baß vernehmen und offenbart dabei ein furchtbares Lispeln: “Erftenf: Frauen find dümmer als Männer und zfeitenf:Die Erde ift flach!” Dabei schlägt er mit der flachen Hand auf den Tisch, während Tabot zustimmend nickt.
“Doch nun laßt uns trinken!”, animiert uns Tabot und reicht gefüllte Pokale herum.
Als alle einen Pokal in der Hand halten, erhebt sich Coman und ruft: “Ein Röftbrot!”
“Idiot”, zischt Tabot.  “Das heißt:einen Taost, nicht Röstbrot!”
Coman kratzt sich ratlos am Kopf und fragt:”Wo ist der Unterschied?”
Tabot schüttelt resigniert den Kopf , erhebt sich und ruft: “Einen Trinkspruch!  Auf die drei Freuden im Leben eines wirklichen Mannes:Das Saufen, das Huren und das Kämpfen!“
Dann leert er den Pokal in einem Zug und läßt sich nachschenken.
Da ich Alldiweils und Dracula Grafs Vorsicht den Getränken gegenüber bemerke, nippe ich nur vorsichtig an dem Getränk.  Doch dies erweist sich als mehr als ausreichend.  Das Getränk entpuppt sich auf meiner Zunge als feuriger Hochprozentiger.  Zuerst geht mein Mund- und Rachenraum in Flammen auf, gefolgt von meiner Speiseröhre und meinem Magen.
Dann wird auch der Rest meines Körpers ein Raub der Flammen.
Erst nach einigen Minuten bin ich wieder in der Lage zu atmen.  Mein Körper fühlt sich nach dieser Radikalkur an wie neu geboren.  So als wäre er wirklich abgebrannt, um neu und glücklich wieder aufgebaut zu werden.
Begeistert krächze ich:”Ein edler Tropfen, fürwahr!  Nur ein bißchen läppisch!” rufe ich übermütig.
Tabot und Coman lachen und Tabot winkt einen Diener heran und flüstert ihm etwas zu.
Der Diener verschwindet im Hintergrund des Zeltes und kehrt gleich darauf mit einer goldenen Karaffe zurück, aus der er mir eine purpurne Flüssigkeit in einem neuen Pokal kredenzt.
Ich stelle den anderen Pokal ab und nehme den neuen entgegen.  Dracula Graf will mich zurückhalten, wird jedoch von Alldiweil aufgehalten, der murmelt:”Lassen Sie ihn! Jeder braucht einmal eine Lektion über Eitelkeit.  Seine kommt jetzt!”
Ich meinerseits setze mutig den Pokal an und nippe.
Zuerst spüre ich gar nichts.
Das Zeug fließt meine Kehle herunter wie Öl.
Siegesgewiß proste ich den beiden Barbaren zu und setze zu einem zweiten Schluck an, als in mir ein gewaltiger Gong erklingt.
Der Gong hallt nach und nach und nach und…… Dann bebt die Erde.
Gleichzeitig fühle ich mich ganz leicht und abgehoben.
Ich kichere und kann gar nicht aufhören.
“Gaag,gag,gaaaag, gahhhhh!”, ruft eine Stimme, die mir bekannt vorkommt.
Die Erde beginnt zu rotieren, rotiert immer schneller und stürzt schlußendlich auf mich zu.
Schwärze umfängt mich.

Als ich die Augen aufschlage wird mir zuerst bewußt, daß mein Schädel zu einem gewaltigen Ballon angeschwollen sein muß.  Meeresrauschen und das Dröhnen von Trommeln umgibt mich.  Ich blicke um mich und stelle fest, daß ich in der frischen Luft unter freiem Himmel liege.
Aber weder eine Meeresbrandung noch Trommeln sind zu erblicken.
Neben mir ragt lediglich ein herbstlich gefärbter Baum in die Höhe.
Auf einmal kommt ein schwacher Wind auf, der in meinen Ohren wie ein Orkan klingt.
Er löst ein welkes Blatt von dem Baum, das sachte zu Boden schwebt, dort jedoch mit infernalischem Getöse aufschlägt.
Das Geräusch des Aufschlages wird in meinem Schädel zum Echo, welches wie ein Gummiball von einer Seit meines Gehirnes zur anderen springt.
Ein leichtes Stöhnen meinerseits wird zu grollendem Donner.
Nach diesen Erfahrungen unterlasse ich jedwedes Geräusch, kann jedoch weder das Trommeln meines Herzschlages noch das Rauschen meines Blutes unterbinden.
Ab und an kracht ein Blatt auf den Boden wie der Einschlag einer Kanonenkugel, doch nach einiger Zeit merke ich, daß die Aufschläge der Blätter leiser werden.  Auch das Brandungsrauschen und die Trommeln lassen nach.  Zudem scheint das Ausmaß meines Schädel geringer zu werden.  Als mein Kopf auf das Zweieinhalbfache seiner Orginalgröße zusammengeschrumpft ist, nähert sich mir der Zauberer Alldiweil. „Na, wie geht es euch?”, flüstert er.
“Schreit doch nicht so!”, schreie ich und presse die Hände an die Ohren, denn sowohl seine als auch meine Stimme klingen in meinen Ohren wie ein rhythmischer Überschallknall.
Alldiweil grinst mitleidig und senkt seine Stimme noch weiter, so daß sie für mich erträglich wird.
“Ihr seid auf die beiden Barbaren hereingefallen!  Sie versuchen diesen Trick an jedem Greenhorn.
Den Saft, den Ihr getrunken habt, nennt man aus offensichtlichen
Gründen Lautsaft.  Auf Nor ist der Lautsaft ein Bestandteil der
Mannbarkeitsriten.
Nachdem ein Junge bewiesen hat, daß er würdig ist, in die Reihe der Männer aufgenommen zu werden, muß er einen Becher Lautsaft trinken.
Wenn er wieder aufwacht, beginnt die eigentliche Probe.  Wie Ihr sicher bemerkt habt, steigert der Saft die akustische Aufnahmefähigkeit gewaltig.
Ist der Junge aufgewacht, lärmen die Männer, so laut sie können.
Nur jeder zehnte Junge überlebt diesen Test.
Ihr habt also Glück, denn ich bestand darauf, Euch hierher, in die Stille der Natur zu bringen, damit Ihr Euch erholen könnt”.
“Stille der Natur“, stöhne ich.  “Ihr habt ja keine Ahnung!  Ihr habt sicherlich noch nie das Vergnügen gehabt, herbstlich gefärbte Blätter Bomben gleich niedergehen zu hören”.
“Nein!”, lacht Alldiweil leise.  “Wärt Ihr nicht so eitel gewesen..” Vielsagend zuckt er die Achseln.
Schwächlich winke ich ab.
“Ihr sagtet, der Lautsaft sei ein Bestandteil der Mannbarkeitsriten.  Wie sehen denn die anderen Bestandteile aus?”
“Vor dem Lautsafttest muß der Knabe seinen Mut beweisen.  An seinem 12 Geburtstag beginnt für die Knaben der Ernst des Lebens.  Um seine Würdigkeit zu beweisen, muß der 12jährige dem Stammeshäuptling drei abgeschlagene Köpfe Gleichaltriger bringen, die natürlich das Gleiche versucht haben.  Nur die Stärksten überleben!
Wenn der Junge diese Hürde überwunden hat, kommt die zweite Prüfung.  Sie ist relativ harmlos.  Der Junge hat nichts anderes zu tun, als eines der gefährlichsten Raubtiere von Nor zu erledigen.
Dabei stehen ihm 5 Tierarten zur Auswahl: Ein Freet, ein löwenähnliches  Raubtier, Schulterhöhe etwa 1,20 Meter, ein Shetam, elefantengroß, Fleischfresser, aber ziemlich träge, eine Mito, ein fuchsgroßes Raubtier mit messerscharfen Zähnen, das immer in Rudeln jagt, eine Grokmoneta, eine 4 Meter lange Giftschlange und als fünftes ein Drog-o-grem, eine Art feuerspeiender Drache.  Hat der Junge auch diese Prüfung überstanden, kommt als letztes die Lautsaftprüfung.
Wenn der Knabe alle Prüfungen übersteht, ist er zum Mann gereift.  Er darf dann seine Gene weitergeben.
So gleicht man hierzulande die hohe Geburtenrate aus und züchtet zudem noch ei-ne Rasse, die nur aus den Stärksten besteht”.  “Und wo kommen die Diener her?”, frage ich.
“Das sind Sklaven, meist Menschen,die aus den zivilisierten Städten im Süden verschleppt wurden.  Menschen also, die den Barbaren geistig haushoch überlegen sind und hier brutal geknechtet werden”.
“Pah!”, winke ich ab.  “Man sieht ja, wie überlegen sie sind”, spotte ich.  “Diese Schwächlinge verdienen es nicht anders”.  Kopfschüttelnd betrachtet mich Alldiweil, als sei ich ein seltenes und besonders ekelhaftes Insekt.
Ich mache mir nichts daraus und erhebe mich langsam und vorsichtig, damit mein Ballonschädel weder davonschwebt noch zerplatzt.
Mit Alldiweil an meiner Seite schreite ich die Anhöhe herunter, in Richtung auf die Zelte.
Da früher Morgen zu sein scheint, liegen die Krieger nackt oder halbnackt überall auf der Erde herum und schlafen ihren Rausch aus .
Frauen sind keine zu sehen.  Wahrscheinlich hatte man sie, nachdem die Männer befriedigt waren oder vor Trunkenheit die Vollstreckung ihrer Mannespflichten nicht mehr leisten konnten, zurück in ihr Zelt gebracht.
In Tabots Privatzelt liegt Coman und sägt, was das Zeug hält.
Sonst läßt sich niemand blicken.
Wir setzen uns und der Zauberer erklärt mir:”Es war mir gestern abend immerhin noch möglich, einiges über unseren Aufenthaltsort herauszufinden.
Der Planet Nor ist nicht identisch mit der Erde, obwohl er die Sonne auf der selben Bahn umkreist, wie diese.
Nor ist eine Art Antierde, denn er umkreist die Sonne nicht nur so, daß sich die Erde und Nor nie sehen können, weil die Sonne zwischen ihnen steht, sondern Nor ist auch das genaue Gegenstück der Erde, was die Verteilung von Land und Wasser angeht.
Wo auf der Erde Land existiert, sind auf Nor Ozeane mit Inseln; Inseln, die genau dort liegen, wo sich auf der Erde Seen befinden.
Es bedeutet freilich, daß dieser Planet zu Zweidritteln mit Land bedeckt ist.
Kulturell gilt die Umkehrung ebenfalls.
Früher existierte auf Nor eine hochstehende Zivilisation, die vor knapp 5000 Jahren zerbrach.
Seitdem geht es mit Nor bergab.  Die Barbaren haben die Herrschaft übernommen.
Tabot stammt von der Erde.  Er hatte mit seinem Shuttle einen Unfall.  Lange Zeit schwebte er antriebslos durch den Weltraum.
Er hatte jedoch Glück.  Seine Bahn trieb ihn genau auf Nor zu.  Als der Funkkontakt zur Erde längst abgebrochen war, entdeckte er Nor.
Es gelang ihm zu landen, bevor der Sauerstoff zu Ende ging.  Die Notlandung war ein voller Erfolg, denn der Shuttle landete zufällig auf dem ehemaligen Anführer der Barbaren.
Diese nahmen sein Schicksal als von den Göttern bestimmt hin und seitdem hat Tabot den Posten des Häuptlings inne, den er durch Brutalität und Skrupellosigkeit seit langem verteidigt”.  Damit beendet Alldiweil seine Erzählung.
Ich denke mir meinen Teil, denn es ist typisch für den Zauberer, daß er Härte, Intelligenz und Willensstärke als Brutalität und Skrupellosigkeit hinstellt.  Ich sehe darin nur puren Neid.  Für mich ist Tabot einer der bewundernswertesten Menschen überhaupt.
Deshalb lächle ich nur wissend zu Alldiweils Ausführungen.
In diesem Moment werden wir unterbrochen, denn Tabot, gekleidet in einen seidenen Morgenrock, betritt das Zelt.
„Ah!“, lacht er, “Ist unser mutiger Trinker wieder wohlauf!  Ich hoffe, Ihr seid über diesen harmlosen Scherz nicht erzürnt.  Unsere sonstigen Scherze fallen meist etwas deftiger aus.  Ihr könnt von Glück sagen, daß Ihr meine persönlichen Gäste seid”.
Dann klatscht er in die Hände.  Sofort wird ein Frühstück aufgetragen, welches allerdings eher an ein oppulentes Mittagsmahl erinnert.
Als Tabot mein Gesicht sieht, grinst er.
“Tja, bei uns ist das Frühstück keine saft- und kraftlose Angelegenheit, wie in den Städten im Süden oder auf der Erde.  Wir bevorzugen herzhafte Dinge.  Wer seinen Mann steht, muß richtig essen, um nicht zu verweichlichen”.
Gierig reist er ein Stück von dem gebratenen Ochsen ab und beginnt zu schlingen, zwischendurch einen Schluck aus einem riesigen Bierpokal nehmend.
Als sein erster Hunger gestillt ist, was den Ochsen die Hälfte seiner Substanz gekostet hat, erhebt er sich und tritt zu seinem Freund Coman hin.  Mit dem rechten Bein holt er weit aus, dann tritt er zu.
Doch Coman grunzt nur müde und dreht sich auf die andere Seite.
Tabot schüttelt den Kopf und murmelt. “Mein Freund, du wirst alt!  Sogar diese kleine Feier haut dich um.  Es wird wohl bald Zeit für den ehrenvollen Abschied auf dem Totenlager, bevor dich jemand in der Schlacht besiegt und damit deinen Ruf schmälert”.  Währenddessen flüstert mir Alldiweil zu, daß Dracula Graf und der Werwolf herzlich grüßen ließen.  Sie seien bereits am frühen Morgen abgereist, da sie gehört hatten, daß ein Händler im Südwesten einige Dimensionstore anzubieten hätte. Über diese Nachricht bin ich ganz und gar nicht traurig.  Coman hat es inzwischen geschafft, sich zu erheben und kommt an den Tisch geschwankt.
Dort läßt er sich niederplumsen und fängt rülpsend an, die von Tabot übriggelassen Reste zu verschlingen.
Ab und an läßt er Winde fahren und liefert dazu Kommentare wie:
“Sollte eigentlich ein Lied werden!”, und ähnliche geistreiche
Sprüche und bricht in Gelächter aus.
Tabot scheint dies gewöhnt zu sein, während Alldiweil immer grüner im Gesicht wird.  Mir ergeht es ähnlich.
Coman fängt an, mit seinen Heldentaten zu prahlen.  Er berichtet in allen Einzelheiten, wie er es verschiedenen Frauen und seinen Feinden besorgt hatte.  Letzteren natürlich mit einem Schwert aus Stahl, versteht sich, obwohl er von der stählernen Härte seines persönlichen Schwertes auch zu berichten weiß.
Besonders hervorgetan scheint Coman sich in der Behandlung Gefangener gemacht zu haben, denn er berichtet von Foltermethoden, die sogar die einfallsreiche Heilige Inquisition zu erfinden vergaß.
Aus unerfindlichen Gründen ist mir und dem Zauberer der Appetit vergangen.
Weiterhin berichtet Coman von diversen Vergewaltigungen.  Neben Jungfrauen scheint Coman besonders auf Ehefrauen zu stehen, deren Männer entweder zusehen müssen oder kurz vorher von Coman ins Reich der Toten befördert worden waren.
Diese Praktiken scheinen ihn besonders anzuregen.
Auf einmal öffnet sich die Zeltklappe und drei Knaben im Alter von 8 bis 11 Jahren werden von Dienern hereingeführt.  Coman unterbricht seine Erzählung, während die Knaben zur gegenüberliegenden Zeltwand geführt werden.
“Meine Sprößlinge”, erklärt Tabot stolz.
Die Knaben werden von den Dienern an Holzpflöcken, die an der gegenüberliegenden Zeltwand emporragen, mit dem Rücken zu uns, festgebunden.
Vorher hatte man ihre Oberkörper entblößt.
“Ich werde Euch nun eine Lektion in Kindererziehung erteilen”, erklärt Tabot, mit dem eine seltsame Veränderung vorgegangen ist.
Plötzlich scheint er vor Lebensfreude zu strotzen und in seinen Augen glühen helle Sterne.
Einer der Diener bringt ihm eine gefährlich aussehende Peitsche und probeweise läßt Tabot sie durch die Luft sausen.  Dann geht er auf die Kinder zu, deren Rücken von Narben entstellt sind, von denen einige relativ frisch zu sein scheinen.  Mir ist noch immer nicht klar, was dies alles zu bedeuten hat, als Alldiweil auch schon aufspringt und sich auf Tabot stürzen will.
Coman ist jedoch schneller.  Er schnappt sich den Zauberer und hält ihn in einem eisernen Griff fest.
Dann schlägt Tabot zu.  Keines der Kinder schreit.
‘I’abot dreht sich zu dem Zauberer um, als sein erster Elan ausgetobt ist und noch immer hat keines der Kinder es gewagt zu schreien.  “Tapfere Jungs, was?”, fragt mich Tabot und ich nicke.
Dann wendet er sich dem Zauberer zu.  Mit Verachtung in der Stimme sagt er:”Eigentlich wollte ich Euch einen Schlag anbieten, da Ihr mir so sympathisch seid.  Aber ich glaube, Ihr würdet die Gastfreundschaft verletzen, um meine Erziehungsmethoden zu unterlaufen.  Und dies wäre doch sehr unhöflich, oder nicht?”, wendet er sich fragend an mich.
Ich nicke erneut zustimmend.
“Seht Ihr, Euer Freund ist vernünftiger als Ihr”, sagt er zu Alldiweil.  “Meine Kinder müssen harte Männer werden, um in dieser Welt überleben zu können.  Ich will also nur ihr Bestes und bin ganz selbstlos, wenn ich sie verprügele”.
Um dies zu belegen,dreht er sich erneut um und nimmt seine Beschäftigung wieder auf.
Nach kurzer Zeit hat er sich in einen Rausch hinein gesteigert und stöhnt ekstatisch.
Weiter schlägt Tabot, bis nur noch Blut zu sehen ist.  Dann merkt er , daß seine Kinder ohnmächtig geworden sind.
Enttäuscht grinst er, während Speichel seine Mundwinkel herunterläuft.
Schnaufend hält er ein.  Seine Brust hebt und senkt sich und er blickt wild um sich.  Dann stürmt er aus dem Zelt.  Während die Diener die bewußtlosen Kinder befreien und davontragen, läßt Coman den Zauberer los.
Dieser sinkt zu Boden und fängt an wie ein Kind zu weinen.  Schon vorher hatte ich seine Augen feucht werden sehen.
Für mich ist das Verhalten des Zauberers der Höhepunkt der Peinlichkeit. Außerdem ist es ein Affront unserem Gastgeber gegenüber, der uns dafür ohne weiteres einen Kopf kürzer machen lassen könnte.
Ich finde, wenn Alldiweil schon nicht an sich selbst denkt, sollte er doch wenigstens an mich denken.
Coman fährt derweil mit seinem Frühstück fort.
“Wohin ist Carl Tabot verschwunden?”, frage ich zaghaft, denn ich habe vor, ihm die kindische Verhaltensweise des Zauberers um Entschuldigung zu bitten.
Coman brüllt vor Lachen über meine Frage.  Nachdem er sich beruhigt hat und die Speisereste, die er beim Lachen verschleudert hat, wieder in seinen Mund geschoben hat, erklärt er mir:”Nach solchen Aktionen braucht Carl immer etwas sexuelle Entspannung”.
Gleich darauf schüttelt er den Kopf und brummelt nachdenklich, dabei sogar sein Frühstück unterbrechend:”Eigentlich braucht er in letzter Zeit nur noch nach solchen Aktionen sexuelle Entspannung”.
Erneut schüttelt er den Kopf und wendet sich wieder seinem Frühstück zu.  Damit scheint für ihn der Gedanke erledigt und vergessen.  Offenbar übersteigt der Gedanke sein geistiges Fassungsvermögen.
Ich überlege, ob der Zwischenfall meinen Lesern gefallen wird, komme jedoch zu dem Schluß, daß Kinderauspeitschen einige wenige Leser zum Nachdenken zwingen könnte.  Sie würden die Brutalität nicht mehr genießen können.  Damit wäre der eigentliche Sinn und Zweck der Sword, Sex und Sorcery- Fantasy verfehlt.
Deshalb beschließe ich, die Knaben durch nackte Frauen zu ersetzen, die nicht nur hübsch und jung, sondern auch willig sind. Sobald ich zu Hause bin und den Roman redigieren kann, was dringend nötig sein wird.
Außerdem werden ein oder zwei Vergewaltigungen die Auflage steigern, denke ich bei mir und vermerke ihre Aufnahme ebenfalls in die Handlung des Romans.
Einige Minuten später kehrt Tabot mit freudestrahlendem Gesicht
zurück.
Den immer noch schluchzenden Alldiweil erblickend, zeichnet Verachtung sein Gesicht.
Coman fragt:”Was machen wir mit den beiden?  Nachdem die beiden anderen uns entkommen sind, sollten wir aus diesen beiden den größtmöglichen Spaß schlagen”.
Tabot nickt zustimmend.  “Den Alten geben wir unseren Männern zum Spielen, den Dicken nehmen wir uns selbst vor”.  Er grinst teuflisch.
Coman meint jedoch: “Warum unseren Männern so viel Spaß gönnen?  Sie wären von dem Alten nur enttäuscht.  Ich werde ihn selbst übernehmen!”.
Er zieht das Schwert und geht auf Alldiweil zu, der verzweifelt versucht, seinen Zauberstab zu ziehen, der sich in seiner Kutte verheddert hat.
Als Coman zum tödlichen Schlag gegen den Zauberer ausholt, zischt etwas kleines Graues durch das Zelt.
Coman und Tabot schreien vor Entsetzen auf, lassen ihre Schwerter fallen und rufen: “Eine Maus, igitt!”.
Sie springen auf den Tisch, sich dabei ruckartig umschauend, ob die Maus ihnen folgen wird.
In Alldiweils Gesicht steht unbändige Wut geschrieben und seine Haltung drückt eine Erbarmungslosigkeit aus, die selbst Attila, den Hunnenkönig, erschreckt hätte.
Alldiweil packt eines der fallengelassenen Schwerter und stampft hinüber zu dem Tisch, auf dem die beiden, sich ängstlich aneinander klammernd, kauern.
Die Augen des Zauberers brennen in infernalischem Glanz und die beiden
Barbaren weichen zurück, bis über die Tischkante hinaus, wo sie, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, die sogar in Fantasyuniversen Gültigkeit haben, zu Boden fallen.
Sofort rappeln sie sich wieder auf und weichen an die Zeltwand zurück, sich immer noch angstvoll umklammernd.
Coman fällt auf die Knie und jammert um sein Leben.  Er beteuert, daß alles Tabots Schuld sei, der ihn zu dieser Lebensweise verführt habe.  An den Auspeitschungen der Kinder sei er nie beteiligt gewesen, er sei sein Leben lang ein frommer Mensch gewesen und wenn Alldiweil ihm das Leben schenke, so Coman, werde er umgehend konvertieren und Mönch werden.
Auch Tabot fällt auf die Knie und bettelt um sein Leben.  Er fährt aus, daß er Vater dreier unmündiger Kinder sei, für die er zu sorgen habe.
Alldiweil schäumt nun erst recht vor Wut und schreit Tabot an: “Genau deshalb werde ich dich töten; aus Rücksicht auf deine Kinder”.
Tabot, der merkt, daß sein Schuß nach hinten losgegangen ist, ändert sofort seine Taktik.  Er beteuert sofort, er habe eine über die Maßen schwere Kindheit gehabt, sein Vater habe ihn oft viel schlimmer behandelt, als er selbst seine eigenen Söhne, und er, Tabot, sei deshalb so geworden.
In diesem Moment öffnet sich der Eingang des Zeltes und mindestens ein Dutzend der Barbaren drängen in das Zelt.
“Schnell weg hier, Alldiweil!”, rufe ich laut und panikerfüllt.  Dabei springe ich zu ihm hin und umklammere ihn.
Ihm fällt bei meinem ungestümen Angriff das Schwert aus der Hand.
Von nun an scheint alles in Zeitlupe abzulaufen.
Während die Barbaren langsam auf uns zu stürmen, schnappt sich Coman das fallengelassene Schwert.
Tabot hat einen Dolch hervorgezogen und wie Coman dringt er auf uns ein.
Alldiweil hat seinen Zauberstab endlich befreit und murmelt, was das Zeug hält.
Dann rasen von allen Seiten Schwerter auf uns zu und, mich in den Tod ergebend, schließe ich die Augen.

“Sie Dilettant!”, schreit Alldiweil mich an.  “Hätten Sie mir nicht das Schwert aus der Hand geschlagen, hätte ich diese beiden Maden kalt gemacht”.
Ich kann es kaum fassen, aber wir sind tatsächlich entkommen, obwohl ich schon mit dem Leben abgeschlossen hatte.
Aber es tut sehr wohl, von den Toten zu den Lebenden zu wechseln.  Und weil ich mich so gut fühle, verzeihe ich dem Zauberer seinen kindischen Ausbruch.
Als ich mich umschaue, bemerke ich, daß wir inmitten einer kahlen Steppe stehen.
Rings um uns wackelt dürres Gras in einem warmen Wind.  In der Ferne nehme ich einige mager aussehende Bäume wahr.
Eine brütende Hitze lastet auf uns.  Strahlend blauer Himmel.
Mir bricht der Schweiß aus, ob der Hitze und der Vorstellung, hier länger verweilen zu müssen.
Alldiweil beruhigt mich jedoch sofort:”Diesmal hatten wir Glück!
Der Notsprung hat uns in ein Universum getragen, in dem reichlich
Magie vorhanden ist.  Meine Batterie ist bereits wieder aufgeladen”.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und fordere den Zauberer auf:”Na dann nichts wie los!  Laßt uns von hier verschwinden!”
Meine Kleidung beginnt langsam naß zu werden und ich fühle mich immer unwohler.
Alldiweil handelt und Nebel bildet sich um uns.

Als wir rematerialisieren (Sie werden mir diesen SF-Ausdruck für einen magischen Vorgang verzeihen; das ist eben künstlerische Freiheit!), geschieht dies in einem langen Gang, der sich, wie ich an der Bauweise zu erkennen glaube, innerhalb eines altmodischen Gebäudes zu befinden scheint.
“Mindestens Adenauer-Ära”, murmle ich.
Wie bitte?”, fragt Alldiweil.  Ich winke ab, da ich mir nicht vorstellen kann, daß ein Zauberer meinen Kennerblick zu würdigen weiß.
Die ganze Zeit sind Menschen an uns vorbeigeeilt.  Eine unendliche Flut von Menschen, die,ohne inne zu halten,an uns vorbei laufen und uns nicht zu bemerken scheinen.
Keiner kümmert sich um uns und ein jeder trägt etwas unter den Armen.  Zumeist sind es bunte Hefter und Aktenordner oder Stapel von Papieren.
Als ich mich mit fragender Miene Alldiweil zuwende, sehe ich sein kalkweißes Gesicht.
Sofort sehe ich in alle Richtungen, ohne eine Gefahr wahrnehmen zu können.
Alles ist unverändert.  Immer noch hasten die Menschen eilig vorbei, ohne uns auch nur einen Funken Aufmerksamkeit zu schenken.
“Entsetzlich!”, stöhnt Alldiweil.  “Ich wußte, daß es eines Tages so weit sein würde, aber man macht sich über das Ende immer Illusionen”.  Traurig schüttelt er den Kopf.
“Könntet Ihr mich endlich über den Sachverhalt aufklären?”, knurre ich ungehalten.
Alldiweil seufzt.  Dann erklärt er:”Es gibt bestimmte Dimensionen, vor denen sich jeder Zauberer fürchtet.  Bestimmte Dimensionen sind zum Beispiel für alle Reisenden gesperrt.  Dimensionen der Gefahrenklasse 1 sind Dimensionen, aus denen noch nie ein Reisender zurückkehrte.  Gefahrenklasse 2 sind Dimensionen, aus denen nur sehr wenige Reisende zurückkehrten, da sie tödliche Gefahren bergen.  Auch sie werden gemieden.  Dann existiert noch Gefahrenklasse 3. Sie steht für Dimensionen, in denen keine Magie existiert, ein Besuch also nur vermittels eines Dimensionstores möglich ist.  In einer solchen Dimension befinden wir uns jetzt.
Diese Dimension ist bekannt als Behördenwelt.  Die Menschen in ihr haben sämtliche Magie aus ihrer Welt verdrängt.
Sie haben die Phantasie völlig aus ihren Gehirnen verbannt.  Einst existierte hier eine hochstehende technologische Zivilisation, die nur einen Fehler hatte: Technikfetischismus!
Dem Staat gelang es eines Tages, sämtliche Arbeitsplätze wegzurationalisieren, bis auf die der Beamten.
Da man aber einsah, daß dies zu sozialem Unfrieden und zu Spannungen führen würde, verbeamtete man den ganzen Staat.
Man hatte den Menschen eben leider nie beigebracht, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen.
Viele benötigten den Beruf auch zur Aufrechterhaltung ihres Selbstwertgefühls.
Die sprunghaft ansteigende Anzahl der Gewalttätigkeiten und die alarmierende Selbstmordrate zwangen die Staatsoberhäupter zu diesem drastischen Schritt.
Von nun an mußte jeder Mensch 4 Stunden täglich als Beamter arbeiten.
Doch damit nicht genug.  Eine Bestimmung wurde erlassen, daß jeder von nun an jeden Monat einen neuen Personalausweis, eine neue Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis und vieles mehr zu beantragen habe.  Diese Anträge müssen in dreifacher Ausfertigung erstellt werden und viele Bedingungen müssen vor der Antragstellung erfüllt werden.
Zudem ist jeder Bürger verpflichtet, an der wöchentlich stattfindenden Volkszählung teilzunehmen.  Wer dies nicht tut oder bei der Zählung übersehen wird, muß verhungern, genau wie Menschen ohne Personalausweise, Aufenthaltsgenehmigungen und andere gültige Dokumente.
Sind die Dokumente abgelaufen und kein Ersatz vorhanden, bedeutet dies das Todesurteil.
So hetzen die Menschen  Tag um Tag mit Eile von einer Behörde zur anderen, um ihr Überleben zu sichern.
Allein ein abgelaufenes Dokument bedeutet den Tod!
Deshalb hat niemand mehr die Zeit Unfrieden zu stiften.  Es wäre sein Tod, ohne daß der Staat eingreifen mußte.
Behördenwelt hat das perfekte Unterdrückungssystem entwickelt.
Unerwünschte Elemente verurteilen sich durch ihre Nonkonformität selbst zum Tod.
Eine Polizei ist unnötig.
Aber auch Individualismus, Phantasie und andere Dinge sind dabei auf der Strecke geblieben.
Wie dereinst im Dschungel kämpft der Mensch in jeder Minute ums Überleben.
Die Alten, Schwachen und Nichtanpassungsfähigen bleiben auf der Strecke.
Kinder werden bis zum 12ten Lebensjahr im staatlichen Kinderhort darauf gedrillt, sich anzupassen und sich durchzubeißen.  Sie lernen sich in den Behörden zurechtzufinden.
Eine Revolution ist unmöglich geworden”.
“Woher wißt Ihr dies?”, frage ich.
“Dimensionstorreisende haben diese Dimension erforscht und genau erkundet.  Uns ist jedoch die Weiterreise versagt, da sämtliche Magie von diesem Universum verschlungen wird. Behördenwelt ist so etwas wie ein Schwarzes Loch für Magie”.
Ich schüttle verwirrt den Kopf.
Alldiweil fährt fort: “Dieser Staat ist nichts anderes als eine überdimensionale Beschäftigungstherapie.  Für Dimensionsreisende längst uninteressant geworden.  Deshalb werden wir auch keine hier treffen.  Wir werden verhungern!“  Dann berichtigt er sich:”Nein, das stimmt nicht”.  Hoffnungsvoll blicke ich zu ihm auf.  “Wir werden verdursten!  Denn zuerst stirbt man an Durst”.
“Unsinn!”, stelle ich kategorisch fest.  “Zur Not können wir uns Wasser und Nahrung stehlen”.
Alldiweil schüttelt verneinend den Kopf.  “Habt Ihr mir denn nicht zugehört?  Nur derjenige erhält Nahrung, der alle gültigen Ausweise vorlegen kann.  Diesen Menschen werden ihre Nahrungsmittel eingespritzt.
Denn Nahrung in unserem Sinne gibt es auf Behördenwelt nicht.  Die ganze Welt ist mit Gebäuden bedeckt, weshalb die Nahrung synthetisch hergestellt werden muß.
Auch Trinkwasser ist nur auf Vorlage aller gültigen Ausweise erhältlich.  Zwar gibt es Wasser zum Waschen in den Leitungen, jedoch ist es nicht trinkbar”.
“Und wenn wir die Ausweise von einem der Menschen hier stehlen?”
“Die Ausweise sind mit dem genetischen Code des Besitzers versehen.  Sie sind somit dliebstahlssicher und außerdem fälschungssicher” .
“Aber könnten wir nicht auch die Ausweise beantragen?”
“Unmöglich!”, erwidert der Zauberer.  “Erstens erfordert es jahrelanges Training, um sich auf Behördenwelt zurecht zu finden und zweitens haben wir beide keine gültigen Geburtsurkunden.  Auch andere wichtige Voraussetzungen besitzen wir nicht.  Nein, wir haben keine Chance in dieser Welt!”
Entsetzt blicke ich um mich.  Erst jetzt fällt mir auf, daß kaum alte Menschen zu sehen sind.  Alle Menschen sehen grau und abgespannt aus, tiefe Ringe unter den Augen.
An einer Seite der blaßgelb gestrichenen Gangwand stehen einige hölzerne Stühle, auf die Alldiweil sich zu bewegt. Ächzend läßt er sich in einen der Stühle fallen.
Grübelnd nehme ich neben ihm Platz, verzweifelt bemüht, einen Ausweg zu finden.
“Gibt es denn niemand, der uns helfen könnte?”
Ein humorloses Lachen entringt sich Alldiweils Brust:”Jeder hier ist viel zu beschäftigt mit dem Überleben, um uns helfen zu können”.
Wütend knurre ich:”Wenn niemand mehr Zeit hat, wie kann Nachwuchs entstehen?”
“Reagenzgläser”, lautet Alldiweils lakonisch einsilbige Antwort.  Verzweifelt ringe ich die Hände und Tränen steigen in mir empor.  Um diese Regung zu bekämpfen, fange ich an, den Zauberer anzupflaumen.  Erneut werfe ich ihm vor, mich ins Unglück gestürzt zu haben.
Doch alles Schreien hilft nichts.  Nicht einmal die Genugtuung eines Streits will mir der Zauberer zugestehen.  Er hat sich in sich selbst zurückgezogen.
Schluchzend breche ich zusammen, mich dabei vor Scham über diese unmännliche Verhaltensweise innerlich windend.
Auch jetzt nimmt niemand von uns Notiz.
Weiterhin hasten die Menschen achtlos an uns vorbei.
Nach einiger Zeit sind die Tränen abgeebbt und beide sitzen wir resigniert nebeneinander und betrachten die kahlen Wände.  Wände, die so kalt sind,wie diese Welt.
Erst nach einiger Zeit werde ich einer Abweichung in meiner Umwelt gewahr.
Etwas hat sich verändert.
Auch Alldiweil scheint es bemerkt zu haben, denn er blickt auf .
Ich schaue mich um und kann im ersten Moment nicht erfassen, um was es sich bei der Veränderung handelt.
Dann springt mir die Veränderung ins Auge.
Ein altes Paar steht am Ende des Ganges und beobachtet uns überrascht.
In einer Welt der Hetze sind sie genauso Fremdkörper,wie der Zauberer und ich.
Beide sind etwa um die 60 Jahre alt und nähern sich uns jetzt in gemächlichem Tempo, wie um ihre Fremdheit zu unterstreichen.
Als sie bei uns stehen bleiben, sagt die Frau:”Es ist unschwer zu erkennen, daß
Sie beide Dimensionsreisende sind.  Mein Name ist Johanna Grün und dies”, sie deutet auf ihren Begleiter, “ist mein Mann Günter”.
Dieser lächelt und sagt: “Ich freue mich, sie kennen zu lernen.  Dürfen wir Ihnen unsere Hilfe anbieten?“
Alldiweil und ich schauen uns verblüfft an.  Das letzte, womit wir gerechnet haben, ist jemand, der uns seine Hilfe anbietet.  Freudig stimmen wir dem Angebot zu.
„Dann stellt Alldiweil sich und mich vor.  Bei Alldiweils Namen geht ein erfreutes Grinsen über die Gesichter der beiden.
Die Beiden nicken und geben uns zu verstehen, ihnen zu folgen.
Wir erheben uns und folgen ihnen.
Wir schreiten durch lange, öde Gänge, die entweder weiß oder blaßgelb gestrichen sind.
Diese tristen Behördenfarben scheinen vorherrschend zu sein und sind ein Grund für die traurige Umgebung.  Sie scheinen jedwede Emotion im Keim zu ersticken.
Keine Bilder, kein Schmuck ist zu erblicken.
Nach zehnminütigem Fußmarsch erreichen wir eine Tür, die von der Frau vermittels eines altmodischen Schlüssels geöffnet wird.  Sie tritt zuerst ein.  Ich lasse Alldiweil den Vortritt, denn man kann nie wissen, was in unbekannten Räumen lauert.  Als dieser sich jedoch nicht muckst, folge ich ihm.  Der Mann bildet den Abschluß.
Kaum bin ich eingetreten, bleibe ich überrascht stehen, denn
der Raum wirkt wie ein modernes Computerzentrum und erscheint in dieser Welt vollkommen deplaziert.
Mehrere große, behaglich aussehende Sessel stehen in dem Raum.  Vor den Schaltpulten stehen hohe Drehstühle, an den Wänden hängen Bilder und die Wände erstrahlen in hellem, freundlichem Blau. überall funkeln Lichter und sie blitzen vor munterer Lebensfreude.
Die Beiden fordern uns auf, Platz zu nehmen.
Ich wähle einen Sessel und sinke in ihn hinein.  Er fühlt sich an wie eine dicke, weiche Wolke.
Nachdem uns die beiden mit Getränken und Knabbersachen ausgestattet haben, erfahren wir ihre ungewöhnliche Geschichte.
Johanna beginnt:”Vor Jahrzehnten wurde diese Welt von Dimensionsreisenden besucht.  Mein Mann und ich hatten damals beschlossen, Widerstand gegen das System zu leisten, obwohl dies aussichtslos erschien.  Dabei lernten wir die Forscher aus den anderen Dimensionen kennen.  Von ihnen erlernten wir die Technik des Dimensionsreisens.  Von nun an war unsere Ernährung gesichert und wir in die Lage versetzt, sinnvollen Widerstand gegen das System zu leisten”.
Günter unterbricht:”Zwar wäre es uns möglich gewesen, unsere Heimatdimension zu verlassen und uns einen paradiesischen Ort zu suchen.  Dies lehnten wir ab, denn es hätte unser Gewissen zu sehr belastet, all die Menschen in dieser Welt weiterhin leiden zu lassen” .
Johanna fährt fort: “Deshalb entschlossen wir uns, hier zu bleiben.  Uns kam dabei zugute, daß die hiesigen Machthaber absolut von der Perfektion ihres Unterdrückungssystems überzeugt waren, denn außer uns weiß niemand, daß Dimensionsreisen möglich ist.  So begannen wir damals eine innere Reform zu starten”.
Günter: “Wir fingen an, Sand ins Getriebe der bürokratischen Maschinerie zu streuen, mit Hilfe unserer Computer, die wir uns in einer anderen Dimension beschafft hatten”.
Johanna: “Wir schlossen sie an die hiesigen Computer an und begannen zu verändern”.
Günter , dabei mit den Armen fuchtelnd:”Mit kleinen Veränderungen und Manipulationen in den Erziehungsmaschinen begannen wir”.
Johanna:”Wir sahen uns nach geeigneten Leuten um und warben sie an, indem wir ihnen zuerst Nahrungsmittel anboten.  Oder wir sorgten dafür, daß ihre Ausweise nicht verlängert wurden und warteten auf ihre Reaktionen.  Fiel sie positiv aus, warben wir sie an, wenn nicht gliederten wir sie wieder ins System ein”.
Günter: “Durch die Veränderung der Erziehungsmaschinen gelang es uns in zunehmendem Maße, junge Leute anzuwerben, die mit diesem undemokratischen Staat nicht einverstanden sind”.
Johanna: “Unsere Bewegung ist mittlerweile dermaßen angewachsen, daß wir daran denken, den Staat baldigst auszuhebeln.  Die Erfolgschancen sind recht groß”.
Günter:”Natürlich ist es ein erhebliches Risiko, denn wir wissen über die wahre Stärke des Staates nur wenig.  Selbst wenn die Revolution gelingt, ist nicht gesagt, daß sich ein von uns angestrebtes demokratisches System etabliert”.
Johanna, beifällig nickend:”Das ist das große Risiko.  Wir haben Revolutionen in anderen Dimensionen studiert.  Oftmals führt der Sturz der einen Diktatur nur zu einer neuen Tyrannei.  Doch dieses Risiko müssen wir in Kauf nehmen, denn es ist die einzige Chance für die Menschen hier.  Schlimmer kann es kaum werden!”
“Ihr habt Euch viel vorgenommen, alle Achtung!”, kommentiert der Zauberer.  “Diese verrottete Dimension zu demokratisieren erfordert viel Mut!”.
Günter Grün winkt ab: “Denkt an Eure eigene Dimension.  Auch dort steht es nicht zum besten.  Die Zauberer haben die Macht und beuten die anderen aus.“
Der Zauberer läuft rot an.  Dies wäre normalerweise ein Grund für mich, über Alldiweil und seine Scheinliberalität zu lästern, doch etwas anderes läßt mich nach Luft schnappend aus dem Sessel federn: “Woher wißt Ihr, aus welcher Dimension Alldiweil stammt?” Beide schauen sich verdutzt an.  Dann antwortet Johanna Grün: “Da Ihr sein Mitreisender seid, überrascht mich die Frage, denn Alldiweil ist ein sehr berühmter Zauberer.  Nicht nur was seine Fähigkeiten und theoretischen Schriften zur Zauberei angeht, sondern auch seine politischen Abhandlungen , in denen er ein demokratisch-magisches Fantasyuniversum entwirft, haben in Fachkreisen, besonders bei seinen konservativen Magierkollegen, für Aufsehen gesorgt.  Wir hatten vor, ihn eines Tages, sollte sich hier alles zum Guten gewendet haben, zu besuchen, denn er war eines unserer Vorbilder”.
Während Alldiweil geschmeichelt lächelt, frage ich aufgeregt: „Wenn sie ihn besuchen wollen, müssen sie doch auch wissen, wo sich sein Heimatuniversum befindet”.
Atemlos harre ich der Antwort.
Beide nicken und auch der Zauberer hat begriffen, worauf ich hinaus will.
“Dann könntet ihr uns dorthin transferieren”, fragen Alldiweil und ich wie aus einem Mund. Erneutes Nicken ist die Belohnung für die atemlos gestellte Frage.
Alldiweil und ich sehen uns an.  Dann fallen wir uns lachend in die Arme, während die Grüns etwas verdattert dreinschauen.  Nachdem wir uns beruhigt haben, bittet Alldiweil die beiden, uns in sein Heimatuniversum zu befördern.
Die beiden wenden ein, sich noch mit dem Zauberer unterhalten zu wollen, doch dieser erklärt, einen dringenden Auftrag zu haben und lädt sie statt dessen zu sich ein.
Die Beiden nehmen dankend an und da sie einsehen, daß uns nichts hier hält, winkt uns Günter zu einem metallenen Torbogen.  Neben dem Tor ist eine Skala angebracht, auf der Günter etwas einstellt.
Als er fertig ist, verabschieden wir uns und ich weiß nicht, wer den beiden dankbarer ist, Alldiweil oder ich.
Dann treten wir durch den Bogen.

Als wir rematerialisieren, schreit der Zauberer entzückt auf und deutet auf ein bunt verziertes, kitschiges, mit Holzschnitzereien geschmücktes Spitzdachhaus und ruft: “Die beiden sind wirklich spitze.  Dies ist nicht nur meine Heimatdimension, sondern auch mein Wohnsitz”.
In diesem Moment öffnet sich die Tür von Alldiweils Häuschen und ein etwa 14 jähriger Junge tritt vor die Tür.
Als er den Zauberer erblickt, wird er kreidebleich und verschwindet sofort wieder im Inneren des Hauses.
Alldiweil grinst mich an und sagt:”Eine kleine Rechnung steht noch offen.  So lange müßt Ihr euch noch gedulden”.
Bevor ich Einwände erheben kann, stürmt Alldiweil davon.
Er reißt die Tür seines Hauses auf und verschwindet im Innern.
Gleich darauf rumort es heftig im Haus.
Sekunden später wird die Tür aufgerissen und der Junge stürmt heraus, sich dabei die Hinterbacken haltend.
Er läuft so schnell, daß schon nach einer Minute nichts mehr von ihm zu sehen ist.
Während ich immer noch auf den Punkt am Horizont starre, an dem der Junge verschwunden ist, gesellt sich Alldiweil zu mir.  “Ich dachte, Ihr verabscheut Gewalt gegenüber Kindern?”, frage ich leicht überrascht.
Alldiweil winkt ab.  “Diese kleine harmlose Abreibung war vollauf berechtigt, denn dieser Bursche, den ich bei mir aufgenommen hatte, war schuld an meinem Aufenthalt auf Brezelwelt.
Er dachte, er sei mich durch seine trickreiche Umpolung meines Zauberstabes für immer los und könnte in meiner Abwesenheit mit meinen Büchern in Ruhe die Magie studieren.
Ein schlauer Bursche, dieser Kugel, das muß ich zugeben.  Eigentlich hatte ich ihn als Lehrling vorgesehen, doch dies erscheint mir ein zu gewagtes Spiel.
Aber auch so wird er mir noch von Nutzen sein, denn einer der von den Grüns angesprochenen erzkonservativen Magier ist mein alter Erzfeind Inconnu.
Bis dato konnte ich ihn nicht besiegen.
Doch mit Kugels Hilfe wird mir dies gelingen, da ich dem Jungen den magisch-posthypnotischen Befehl eingab, sich in einigen Jahren mit Inconnu anzulegen.
Dies wird unweigerlich einen Kampf zwischen den beiden heraufbeschwören.
Wenn ich es in dieser Zeit schaffe, Inconnu abzulenken, ohne daß Kugel begreift, daß ich ihn benutze, wird Kugel sicherlich gewitzt genug sein, den Zauberer zu besiegen”.
“Ihr habt eine hohe Meinung von diesem Kugel”, stelle ich fest.
“Sie ist berechtigt!”, stellt Alldiweil fest.  “Seine Manipulation an meinem Zauberstab war eines Meisters würdig.  Er hat damit meine Erwartungen bei weitem übertroffen, was Ihr an unseren Schwierigkeiten bei der Rückreise sehen konntet.  Ich bin sicher, er wird ein würdiger Gegner für Inconnu sein und seine Chancen, diesen zu besiegen, stehen sehr gut.
Doch nun wird es Zeit, Abschied zu nehmen”.  Er schüttelt mir die Hand und zaubert aus dem Nichts eine Verlängerungsschnur hervor und drückt sie mir mit den Worten: “Für Euren Protagonisten!”, in die Hand.
Dann dreht er sich um und ich begreife, daß der Abschied so kurz ausfällt, weil wir doch zu unterschiedlich sind.
Auch die vielen Abenteuer haben uns nicht zusammenschweißen können.
Eigentlich bin ich heilfroh, diesen liberalen Softie endlich los zu sein!
Endlich kann ich wieder meiner Bestimmung nachgehen und Bestseller schreiben und die Menschen aufs vortrefflichste unterhalten.

Ich fühle mich gepackt und finde mich zu Hause vor meinem Schreibtisch wieder.
Erleichtert atme ich auf.
Jetzt endlich darf der Leser wieder die Abenteuer des Thunder Past genießen und ich habe meine Ruhe.
Thunder steht vor mir.  Ich drücke ihm wortlos die Verlängerungsschnur in die Hand und schreibe ihn sogleich zurück nach Brezelwelt, neben den immer noch schnarchenden „Doc“ Schweer, denn mein persönlicher Bedarf an Abenteuern ist vorerst einmal gedeckt.

Thunder stand neben dem schlafenden Prof.  Dr. Dr. Schweer und war ratlos.

(Meine Güte, was für ein Dünnbrettbohrer!)

Dann kam ihm endlich die Idee, den Professor zu wecken.

(Endlich!).

“Bitte!”, meint Thunder zu mir, “Laß die Kommentare sein!  Ich weiß, du bist wütend, aber diese Kommentare schaden meinem Selbstbewußtsein und der Auflage”, erklärt er weinerlich.
Ich schnaube empört und grummle:”Mach voran und nimm dir ein Beispiel an mir und meinen mutigen Abenteuern und Heldentaten, während ich mit Alldiweil unterwegs war.  Und ich bin schließlich kein ausgebildeter Protagonist!”.
Als sein Gesichtsausdruck immer weinerlicher wird, resigniere ich und komme zu dem Entschluß, die Kommentare zu unterlassen.  Was macht man nicht alles für eine hohe Auflage.
Erneut schicke ich Thunder zurück in die Handlung oder besser Nichthandlung , mit der Hoffnung auf baldige Action, denn langsam beginne ich um meine Leser zu fürchten, denn die Anzahl derer, die einen Roman ohne viel Action lesen wollen, ist zu gering, um einen Bestseller zu erzielen.

Der Professor unterbrach sein Schnarchen und blickte zu Thunder auf.
Dann bemerkte er die Velängerungsschnur und fing an zu strahlen.
Er sprang auf und riß sie Thunder aus der Hand.
Schnurstracks eilte er zur brezelweltschen Steckdose und verband die Schnur mit ihr.  Dann eilte er zur Raum-Zeit-Maschine und schloß sie an die Schnur an.
Als die Maschine aufgeladen war, rollte er die Verlängerungsschnur zusammen und verstaute sie sicherheitshalber im Kraftfeld der Maschine.
Dann starteten sie.

Blitzschnell krochen sie durch Raum, Zeit und Ewigkeit, ihrem Zielort entgegen.

“Ist Ihre Maschine auch vollkommen in Ordnung?”, fragte der besorgte Thunder.
“Meine Erfindungen sind immer vollkommen in Ordnung.  Sie entstehen perfekt und völlig ausgereift in meinem Genius”, erklärte der Professor giftig.
Offensichtlich hatte Thunder ihn mit dieser Frage tödlich beleidigt, denn vorerst sprach der Professor kein Wort mehr mit ihm.
Wenn es etwas gab, was den Professor verdrießen konnte, dann war es die Kritik an seinen Erfindungen.
Der Professor, sonst eine Frohnatur, war nur ein einziges Mal in seinem langen Leben wirklich wütend geworden.
Bei einer Demonstration einiger Langhaariger war der Professor zufällig anwesend gewesen und hatte mitbekommen, wie einige seiner menschheitsbeglückenden Erfindungen aufs schamloseste diffamiert worden waren.
Da war dem Professor der Kragen geplatzt.
Schnurstracks war er zu seinem Labor gerannt und hatte eine seiner älteren Erfindungen aus dem Schrank geholt: Ein Entlaubungsmittel für menschliche Schädel, mit garantierter Sofortwirkung.
Zurück am Ort des Geschehens hatte er es ausgestreut.  Allen Langhaarigen fielen die Haare in Sekundenschnelle aus.
Der Professor hatte sich fast totgelacht; er war eben eine echte Frohnatur!
Ihm gleich taten es die anwesenden Polizisten und Soldaten, die die Demonstranten zu bewachen hatten, denn ihnen machte es nichts aus, ihre Stoppeln zu verlieren.
Dem Professor war daraufhin sogar die Ehre der Freundschaft von General Leinhein zuteil geworden, der größten Flottenführerin und genialsten Kriegsherrin des Universums.
So kam es auch, daß sich der Professor zur Zeit der Katastrophe an Bord der JOSEPH MC CARTHY aufgehalten hatte, dem Flaggschiff des Generals, denn Leinhein hatte den Professor eingeladen, eines ihrer glorreichen Manöver zu beobachten, um so vielleicht Ideen für neue Vernichtungswaffen zu entwickeln, für die der General immer dankbar war.
Die Raum-Zeit-Maschine war eine dieser Ideen gewesen und sie hatte ja bekanntlich nicht nur den Professor, sondern auch den Diplomsuperhelden Thunder Past gerettet.
Doch würde es den Beiden auch gelingen, das Universum zu retten?

Nach einigen Stunden schweigsamen Fluges tauchte vor der Raum-Zeit-Maschine ein Objekt auf, das Thunder sehr bekannt vorkam.
Es war die JOSEPH MC CARTHY, das allmächtige Flaggschiff General Leinheins, das sich gerade einem fünftklassigen Planeten mit der Mission näherte, den Superhelden Thunder Past auszuschleusen, zwecks Errettung einer weißen Jungfrau.
“Hurra!  Wir werden rechtzeitig kommen!”, kreischte Thunder.  Während er dies schrie, fing die Raum-Zeit-Maschine an zu bocken und zu springen.
Während Thunder sich krampfhaft festhielt, rief der Professor erbost: “Sabotage!  Aliensabotage!“
Wie ein Jockey auf einem bockigen Pferd versuchte der Professor, die Maschine wieder in den Griff zu bekommen.
Langsam wurde die Maschine ruhiger.
Inzwischen thronte das Flaggschiff des Generals längst über dem Planeten.
Verzweifelt knurrte der Professor: “Durch die Sabotage bleibt uns ein zweiter Anflug verwehrt.  Wir müssen die Bombe jetzt abfangen, koste es, was es wolle!”
Mühsam steuerte der Professor die Maschine unter das Flaggschiff.
“Wenn die Luke aufgeht, Thunder, wird es Eure Aufgabe sein, die Bombe mit den Händen wie einen Handball zu fangen”.
“Im Handball war ich schon immer schlecht”, wabbelte Thunder entsetzt .
“Wir haben keine andere Chance.  Jetzt oder nie mehr!”, rief der Professor.
Entsetzt blickte Thunder nach oben und sah, wie sich die Luke der JOSEPH MC CARTHY majestätisch langsam öffnete.
Seine Augen weiteten sich vor Schreck, sein Leib zitterte.  Dann sah er die Bombe, tennisballgroß, auf ihn zustürzen.  Mit noch immer starren Augen verfolgte er die Flugbahn der Bombe, die genau auf seine Nasenspitze zufiel.
Erschreckt duckte er sich, was zur Folge hatte, daß die Bombe ihm mit vehementer Wucht auf den Schädel knallte.
Jeder normale Schädel wäre von diesem Aufprall zu Mus verarbeitet worden, nicht jedoch Thunders Diplomsuperheldenschädel.
Er hielt stand, obwohl Thunder etwas benommen auf dem Boden des Kraftfeldes landete.
Langsam rollte die Bombe von ihm weg auf den Rand der Raum-Zeit-Feldes zu, welches zu flackern begonnen hatte.
Die Probleme des Professors mit seiner Maschine wurden immer größer , während ein benommener Thunder sich verwirrt auf die Suche nach der Bombe machte.
Mit jeder Bewegung der Maschine rollte die Bombe umher.  Ein oder zweimal wäre sie beinah über den Rand gekippt, doch jedes mal wenn die Bombe zu stürzen drohte, schüttelte sich die Maschine erneut und schleuderte sie zurück.
Als die Bombe zum dritten Sturzversuch ansetzte, griff Thunder zu
Doch leider griff er daneben!
Schweißperlen machten sich auf den Stirnen unserer beiden Helden breit .
Der Professor versuchte verzweifelt, seine Erfindung ins Innere des Flaggschiffes zu steuern, während die Bombe wunderbarerweise am Rande des Feldes liegen geblieben war, obwohl Seiten- und Deckenfelder der Raum-Zeit-Maschine inzwischen erloschen waren.  Nur der Boden existierte weiterhin.
An Bord des Raumschiffes war man inzwischen auf das seltsame Objekt unterhalb des Schiffes aufmerksam geworden.
General Leinhein ordnete gewohnheitsmäßig an zu feuern, als der Flakschütze beim Zielen den Professor innerhalb des Objektes erkannte.
Deshalb führte er eigenmächtig den Befehl des Generals nicht aus.
Weil er damit das Universum rettete, verlieh man ihm posthum den Verdienstorden erster Klasse.
Posthum deshalb, weil der General ihn als Befehlsverweigerer exekutieren ließ, kurz nachdem man den Professor und Thunder per Traktorstrahl an Bord geholt hatte.
Thunder hatte mittlerweile sein Rennen mit der Bombe verloren.
Mit traurigem Abschiedsblick sah er ihr nach, als sie über den Rand kollerte.
Dann schloß er schicksalsergeben die Augen.
Als nichts geschah, öffnete er sie wieder und bemerkte, daß sich die Raum-Zeit-Maschine längst innerhalb der JOSEPH MC CARTHY befand, weshalb die Bombe nur auf das Deck gerollt war, wo sie, wegen der geringen Höhe, keinen Schaden anrichten konnte.
Als Thunder die Augen aufschlug, kam gerade der Zeugwart herbeigeeilt, um die Bombe liebevoll in den Arm zu nehmen.
„Na, wo war denn mein kleiner Liebling?”, brabbelte er in Babysprache und liebkoste die Bombe dabei.
“Dudu, jetzt schön Heiaheia machen!”  Mit diesen Worten befestigte er die Bombe an einem der Sicherungsgestelle.  “Wenn du noch einmal so böse bist, gibt es aua-aua!”
Dann ging er.
Thunder hörte den Professor neben sich erleichtert aufatmen.  Immer noch benommen schaute Thunder sich um.
Leise tuckerte der Traktor vorbei, der mit seinem Strahl nicht nur das Leben des Professors und des Superhelden, sondern auch das ganze Universum gerettet hatte.
Er tuckerte zurück in seine Ecke.
Im Sattel des Traktors saß Art Goulron, das enfant terrible in den Augen des Generals.
Art sprang aus dem Sattel des Traktors, winkte ihnen zu, zwinkerte dabei mit einem Auge und lief weg, bevor ihm jemand danken konnte.
Thunder wußte natürlich, warum Art Goulron sich sofort wieder davongemacht hatte, denn Art verdankte sein Leben nur seiner Schnelligkeit und seinen Tarnungskünsten.
Innerhalb seiner zwei Jahre an Bord des Raumschiffes hatte er 15 mal eigenmächtig gehandelt und das Raumschiff damit 17 mal gerettet.
Dafür war er 23 mal zum Tode verurteilt worden, doch zum Leidwesen des Generals war keines der Urteile bisher vollstreckt worden.
In General Leinheins Augen war eigenmächtiges Handeln neben Insubordination das größte aller Verbrechen.
Trotz größter Mühen des Generals und seiner Truppen war es niemandem gelungen, Goulrons habhaft zu werden.
Seit nunmehr zwei Jahren spukte er wie ein Geist durch das Raumschiff und brachte den General zur Weißglut.
Thunder war Art Goulron zum erstenmal in der Kombüse begegnet, wo dieser sich als Tomate getarnt hatte, bis der Koch versucht hatte, ihn anzuschneiden.
Richtig kennen gelernt hatte er Art jedoch erst auf seinem fünften Einsatz auf der JOSEPH MC CARTHY, als er beim Frühstücksbuffet die Zuckerdose geöffnet hatte, um seinen Salzsteuer nachzufüllen.
Als er die Dose ergriff, hatte er plötzlich Haare in der Hand und ein Schmerzensschrei ertönte.
Danach hatten sie sich einige Zeit angeregt unterhalten, bis die Tür der Messe aufgerissen wurde und der General hereingestürmt kam.
Als diese die Zuckerdose erreichte, war sie leer und die Wut des Generals richtete sich verständlicherweise auf Thunder.  Da Diplomsuperhelden zur Zeit Mangelware in der Galaxis waren, kam Thunder noch einmal glimpflich davon.
Seit damals mied er jedoch den Kontakt mit Art Goulron.  Kaum war Art verschwunden, erschien der General, wie immer durch eine ordenüberladene Uniform geschmückt.
Thunder hatte den General erst ein einziges mal ohne Uniform gesehen.  Damals hatte sie ein T-Shirt mit der Aufschrift: Kill a commie for your mummy! (zu Deutsch etwa: Töte einen Kommunist, damit du Mamis Liebling bist!), getragen.
Hinter dem General folgte ihre Elitetruppe, natürlich im Stechschritt.
Diese waren vom General explizit ausgesucht, ausgebildet und abgehärtet worden.
Als Abschlußprüfung war sie mit ihnen auf einen kleinstädtischen Spielplatz gefahren.
Dort hatte sie ihnen befohlen, auf die spielenden Kinder zu schießen.
Befehlsverweigerer wurden ebenso exekutiert, wie Soldaten, die absichtlich oder unabsichtlich vorbei schossen.
Von den 25 ausgebildeten Soldaten waren 6 auf der Strecke geblieben.
19 waren in allen Ehren aufgenommen worden in die Elitetruppe des
Generals.
Das Verhältnis: 6 Versager und 19 taugliche Soldaten machte den General stolz.
Dies hatte den General dazu bewogen, das Handbuch: Wie erziehe ich meine Soldaten?, zu verfassen, das bald zum Bestseller avancierte.
Die Schlagzeilen, die der Vorfall auf dem Kinderspielplatz ausgelöst hatte, nahmen sich dagegen gering aus.
Da es keine Zeugen gegeben hatte,stellte man den Attentäter als außerirdischen Spion hin.
Um dem Volk Genugtuung zu geben, richtete man einen Mann hin, den man als diesen Spion kenntlich machte, der aber in Wirklichkeit ein bekannter Pazifist gewesen war.
Nach seiner Exekution verschwand der Vorfall schnell aus den Schlagzeilen.
Klach … klach … klach, klangen die Schritte der Elitetruppe auf dem metallenen Deck des Schiffes.
Dann ragte der General in seiner ganzen, majestätischen Größe von 1,52 Meter vor Thunder auf, der nur 1,81 Meter groß war.
Sofort grüßte Thunder mit dem ausgestreckten Arm, dem Lieblingsgruß des Generals.
Diese verlangte einen sofortigen Rapport, den Thunder und der Professor abwechselnd gaben.
Nach kurzer Zeit war die geistige Kapazität des Generals erschöpft, so daß sie dazwischen zackte: “Ham se nun die Aliens platt gemacht, oder nich?”
“Jawohl, mein General”, blökte Thunder, dabei gleich wieder mit dem ausgestreckten Arm salutierend.
“Bestens!  Dann können wir endlich von diesem Dunghaufen von Planeten verschwinden“, zackte der General.
Nach diesen Worten machte sie eine zackige Kehrtwendung, wobei sie fast mit ihrer Elitetruppe kollidierte.
Diese sprang schnell aus dem Weg, denn wer nicht schnell war, starb, das wußten die Soldaten.
Dann dampfte der General in Richtung Kommandozentrale ab.  Thunder, der Professor und die Soldaten dackelten hinterher.  Plötzlich fiel Thunder der zweite Teil seines Auftrages ein. Hatte er nicht eine Jungfrau retten sollen?
Als er den General danach fragte, winkte diese ab und knurrte etwas Abfälliges über Weiber und mißratene Experimente der Natur.
Thunder wußte, woher die Abneigung des Generals Frauen gegenüber kam.
Von jeher hatte der General die Frauen verachtet.
Als sie geheiratet hatte, hatte sie dies nicht getan, um selbst Kinder zu gebären, sondern um diese im Reagenzglas ausbrüten zu lassen. Nach vier Kindern (alles Jungen) wollte ihr Mann sie aufgrund eines nebensächlichen Zwischenfalls verlassen.
Dieser hatte sich ereignet, als der General zur Abhärtung mit ihren Söhnen Grönland besucht hatte.
Obwohl sie ein Iglu dort gemietet hatte, bestand sie darauf, daß ihre Kinder außerhalb des Iglus schlafen sollten.  Am nächsten Morgen war ihr 4jähriger Sohn erfroren gewesen.  Dies machte dem General zunächst wenig aus, bewies es ihr doch, daß der Junge hauptsächlich von ihrem Mann abstammte.  Nach ihrer Rückkehr hatte ihr Mann gedroht, sie zu verlassen.
Kurze Zeit später wurde er von einem Attentäter erschossen, der wiederum vom General erschossen wurde.
Merkwürdigerweise handelte es sich dabei um einen unbescholtenen Briefträger.
Da aber des Generals Elitetruppe einheitlich aussagte, den Attentäter bei seiner Tat beobachtet zu haben, konnte das Gericht nichts unternehmen.
Die Presse legte sich erneut auf einen außerirdischen Spion fest.
Trotzdem blieben Zweifel zurück, denn trotz aller Bemühungen konnte der General keinen neuen Ehemann auftreiben.
Auch Retortenkinder wollte ihr die Erdregierung trotz aller Verdienste nicht mehr zugestehen, da sich bei einer Genuntersuchung die Minderwertigkeit und kränkliche Anfälligkeit der Gene des Generals zeigte.
Der Beamte, der dem General dies mitteilte, starb eines langsamen, qualvollen Todes in seinem Arbeitszimmer.
Der General hatte viel Mühe hernach, diesen Vorfall gerade zu biegen .
Es kostete sie 300000 Dollar, um genau zu sein.
Also mußte der General sich mit seinen drei verbliebenen Kindern begnügen.
Fünf Jahre später starb ihr zweitältester Sohn bei einer Übung im Handgranatenwerfen.
Der Junge hatte sich wohl in der Detonationszeit verschätzt, trotz seiner 10 Jahre und einer langjährigen Erfahrung im Umgang mit Explosivwaffen.
Sein Zwillingsbruder war schon drei Jahre früher gestorben, als die Mutter den Beiden das Schwimmen beibringen wollte.
Dabei war ihre Methode ganz einfach.  Sie warf die Jungen in tiefes Wasser und wartete, ob sie schwimmen oder untergehen würden.  Diese Methode hatte immerhin einen 50%igen Erfolg gezeitigt.  Ihr ältester Sohn überlebte die harte Schule seiner Mutter.  Der Vornewegverteidigungsminister höchstpersönlich drückte ihm die Hand vor seinem ersten Raumflug als Kommandant eines Schlachtraumschiffes.
Er hätte mit Sicherheit eine glänzende Karriere vor sich gehabt, hätte er nicht gleich bei seinem ersten Flug darauf bestanden, in ein schwarzes Loch zu fliegen, um die feigen Aliens, die sich seiner Meinung nach darin versteckt hielten, herauszuholen.  Die Mannschaft, auf absoluten Gehorsam konditioniert und nur noch in halbierter Anzahl vorhanden, vermochte nicht, ihn zu stoppen.
Der General aber war stolz auf ihren Sprößling, als sie bei der Totenfeier die Worte: „ … gestorben in aufopferungsvoller, treuer Pflichterfüllung …. heroischer Kämpfer … wahres Vorbild“, hörte.
Nach der Totenfeier sagte sie: “So wünsche ich mir meinen Abgang!  Ich bin stolz auf meinen Sohn.  Dies hatte ich mir für ihn gewünscht”.
Außer über ihren ältesten Sohn sprach der General nur über die eigene Kindheit ähnlich positiv.
Einer ihrer Standardsprüche hierzu lautete: “Mein Vater hat mir die richtige Ideologie eingeprügelt”.
Ein anderer lautete: “Zuerst müssen Kinder gebrochen werden.  Dann kann man sie zu wertvollen Menschen heranbilden.
Nur die Sprüche: “Was nicht tötet macht hart!” und “Während die mutigen Krieger den Weltraum erobern, hocken die feigen Pazifisten auf der Erde” wurden vom General häufiger gebraucht.
Zwischenzeitlich hatte der General und ihr Gefolge die Kommandozentrale erreicht, wo der Erste Offizier Perry Journelle in Abwesenheit des Generals das Kommando führte.
An ihm hatte der General einen Narren gefressen.  Er vertrat quasi die Stelle eines Sohnes beim General, denn Journelle war, was seine militärische Begeisterung anging, genau nach des Generals Geschmack.
Thunder erinnerte sich an einen Vorfall auf der Erde, der die Beiden betraf.
Vielmehr war es ein Gerücht gewesen.
Vom Einsatz zurück gekehrt, pflegten beide stets im selben Hotel zu wohnen, da sie als Heimat die JOSEPH MC CARTHY benannten und eine andere Heimat nicht akzeptieren wollten, obwohl beide sich eine Villa hätten leisten können.
Eines Tages hatten beide in ihrem Stammhotel,aufgrund einer dort stattfindenden Tagung, mit einem Doppelzimmer vorlieb nehmen müssen .
Ein ultralinker Journalist namens Tom Tisch hatte sich daraufhin erfrecht, die Behauptung aufzustellen, der General und sein Erster Offizier seien homosexuell veranlagt und selbst wenn sie das Bett miteinander teilten, komme dabei nichts heraus.
Kurz darauf war der Journalist von Rechtsradikalen ermordet worden.
Böses Blut gab es jedoch erst, als der General ihren Freunden vom rechten Flügel dafür in aller Öffentlichkeit dankte und davon sprach, daß die Welt dankbar sei, eine Dreckschleuder weniger ertragen zu müssen.
Die Erdregierung hatte prompt reagiert.  Der General erhielt sofort einen Einsatzbefehl.  Als sie zurückkehrte, war über die Affäre genauso Gras gewachsen, wie über das Grab des Journalisten.  Der General war sogar als Held empfangen worden und hatte eine ihrer feurigen Reden gehalten, in denen sie Aliens und Pazifisten auf eine Stufe stellte und beide für alles Unglück in der Welt verantwortlich gemacht hatte.
Zitat: Die Pazifisten haben Aussenschwitz (ein angeblich von den Aliens vernichteter Planet, der in Wirklichkeit von der irdischen Flotte aus Versehen atomisiert worden war, was aber die Öffentlichkeit nie erfahren durfte) erst ermöglicht!
In der Kommandozentrale hatte es sich der General mittlerweile im Kommandantensessel bequem gemacht, obwohl ihr dieser nominell gar nicht zu stand, denn der General hatte vor einiger Zeit wegen Trunkenheit am Steuer ihren Raumschiffführerschein verloren, weshalb Perry Journelle der eigentliche Kommandant war.
Zu Füßen des Generals lag ihr Schoßtier Spider.
Spider war ein Abfallprodukt irdischer Genforschungszentren. Äußerlich wie ein Miniaturmensch im Hundepelz wirkend,war er dies auch.
Spider war ein Geschenk des Vornewegverteidigungsminister an den General gewesen und diese hatte das Wesen bald in sein Herz geschlossen, denn das Wesen verstand sich hervorragend in Unterwerfung, Stiefellecken und Füßeküssen.
Ursprünglich hatte Spider den Namen Robinson getragen.  Da der General Bücher verabscheute, hatte er das Wesen umgetauft.  Nun hieß das Wesen Spider und war glücklich.
Entspannt lag der General in ihrem Sessel, zufrieden nach getaner Arbeit, während das Raumschiff mit Überlichtgeschwindigkeit in Richtung Erde tuckerte.

Thunder war in seine Kabine gegangen und da er nichts zu tun hatte, nahm er sich die neueste TILT-Zeitung vor.
Sie war datiert von 2.2.2222 a. G. (after Gernszwack, benannt nach dem Erfinder der Science Fiction).
Auf der ersten Seite prangte der Aufmacher:

RICOLTERN1 DIZZELN2 TWABERN3

Da Thunder an diesem Artikel nicht interessiert war, blätterte er weiter und erblickte die Überschrift:

SF-AUTOR ZU SCHWERER STRAFE VERURTEILT

____________________

1=siehe Twabern
2=siehe Ricoltern
3=siehe dizzeln

Interessiert wandte Thunder sich diesem Artikel zu.  Er laß:

Der bekannte SF-Autor Ronnie M. Schwan mußte sich heute vor dem Ersten Intergalaktischen Gericht wegen wiederholter Beleidigung, Verunglimpfung und wegen Nestbeschmutzung verantworten.
Seine Angriffe auf die SF-Literatur seien undultbar, so die Anklageschrift.
Erschwerend für den Autor kam eine Anklage wegen Gotteslästerung hinzu, denn Schwan hatte sich mehrfach abfällig über einen der größten und besten aller SF-Autoren geäußert.
Nach Paul van Zwerck ist Schwan der zweite SF-Autor, der sich wegen ähnlich schwerer Delikte verantworten muß.  Wurde van Zwerck noch frei gesprochen und kamen seine Kollegen Frederick Braun, Barry Barrison, Rob Speckley und Robert Aspirin noch mit geringen Geldstrafen davon, so traf Schwan die volle Strenge der richterlichen Gewalt, denn, so der Vorsitzende des Amtes für Anti-SF`sche Umtriebe,John W. Krampfbell, die Öffentlichkeit ist nicht länger gewillt, Derartiges hinzunehmen!
Krampfbell und sein Amt waren es auch, die die Verfehlungen Schwans an die Öffentlichkeit gebracht hatten.  Der Autor, gewarnt durch die herbe Kritik einiger Fans und durch drei vorausgehende Verurteilungen für satirischen Humor, hatte sein Buch nämlich unter Pseudonym veröffentlicht.
Jetzt, nach Aufdeckung seiner Schandtaten, mußte er sich vor Gericht verantworten.
Seine Verteidiger Uwe amTon und Harald Pfusch versuchten mit allen legalen und illegalen Mitteln,die Verurteilung Schwans zu verhindern.
Jedoch vergebens!
Richter Thom Ziegler und sein Beisitzer Michael Nagellack, einst selbst gefürchtete Renegaten, heute aus finanziellen Gründen Verfechter der Space Opera, verurteilte den Autor zur Höchststrafe.
Von nun an muß Schwan alle bei ihm eingehendem Romanmanuskripte vollständig lesen und durcharbeiten.
Außerdem wurde seine Adresse öffentlich bekanntgegeben.  Damit sorgte der Richter dafür, daß Schwan von nun an keine Gelegenheit mehr haben wird, eigene Schandtaten auf dem Gebiet der SF zu vollbringen.
Nie wieder wird Schwan seine satirische Stimme erheben!
Schwan, der auf dem Planeten Tupperwal lebt, fiel vor Schreck in Ohnmacht und mußte kurzzeitig in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden.
Trotz vorgetäuschter Verrücktheit (Er fing an zu gackern und sich wie ein Huhn zu benehmen) muß er nun seine Strafe abbrummen.
Kommentar seines Verteidigers Uwe amTon: “Mein lieber Schwan!“  Dabei blieb leider unklar, ob er den alten irdischen Ausruf oder seinen Mandanten meinte.
Eines steht damit auf jeden Fall unzweifelhaft fest: Künftige SF-Satiren werden ihre angemessene Strafe finden. Endlich ist Schluß mit den liberalen Zeiten.
“Endlich”, so auch J. W. Krampfbell, “wird wieder Zucht und Ordnung in das Wichtigste aller Literaturgenre einkehren.
Kein drittklassiger Schreiberling wird es mehr wagen, die SF zu veralbern”.
Auch von uns, den Machern und Verantwortlichen der TILT-Zeitung ein Bravo! und weiter so! an alle, die sich für die Ernsthaftigkeit einsetzen und,wie unser Chef Axel Spranger, für lückenlose Aufklärung, aufrechten Journalismus, Gerechtigkeit und Moral stehen.
Wir, die aufrechten Menschen, unterstützen alles, was der Sitte und Moral dient und……

Thunder wurde von einer Lautsprecherdurchsage in seiner Lektüre gestört: „605 an 3a bitte“, flötete eine weibliche Stimme, die dem Schiffskomputer gehörte.
Die Stimme des Computers war das einzig weibliche, daß der General an Bord seines Schiffes duldete.
Da 605 Thunders Codename war, während 3a bedeutete, daß er sich bei der Kommandozentrale melden sollte, drückte Thunder den On-Knopf seines Bordvisiphones.
Das Gesicht des Dritten Offiziers sah ihm entgegen und teilte ihm mit, daß er in die Kommandozentrale kommen sollte.
Thunder seufzte.
Typisch General!, dachte er.  Läßt mich ausrufen, damit ich ihn anrufen muß und das Gespräch auf meine Rechnung geht.  Obwohl es ein Gespräch zum Ortstarif gewesen war, galt der General doch als zu geizig, um von sich aus anzurufen.  Thunder seufzte allerdings noch aus einem anderen Grund, denn er wußte, daß der schiffsexterne Alienabschußquotient des Generals noch nicht erfüllt war.
Zu wenige Aliens waren bis dato gestorben und der General konnte mit dieser mageren Bilanz nicht nach Hause zurückkehren, ohne ihrGesicht zu verlieren.
Als Thunder die Zentrale betrat, herrschte dort hektische Aktivität.
Der Dritte Offizier teilte ihm mit:”Wir haben den Notruf des Raumschiffes Exploder EX 10018 aufgefangen”.
Weiterhin erklärte ihm der Offizier in seiner eigenen,unverwechselbaren Art:”Das Raumschiff hatte den Auftrag, den kürzlich entdeckten Planeten Quetzalcoatl.., möchte wissen, welches Rindviech für diesen Namen verantwortlich ist …. klingt doch eher wie ein obszönes Geräusch, oder?…, hätte sich den Namen dort hinein schieben sollen, wo er vermutlich heraus gekommen ist …. jedenfalls haben wir einen obszönen..äh..Verzeihung!..verstümmelt meine ich natürlich,.. haben also einen verstümmelten Funkspruch aufgefangen, wonach das Schiff in Seenot..äh..Raumnot..äh..Platzmangel ..äh..jedenfalls in Gefahr ist.
Jetzt nähern wir uns dem Planeten mit dem scheußlichen Namen”.
Dabei deutete er auf den großen Sichtschirm.
Mit Interesse bemerkte Thunder die kubisch Form des Planeten.  Neben ihm murmelte der abergläubige Schiffspriester entsetzt:”Kubus, Inkubus, Sukubus, Inkubismus!“
Dann schlug er das Kreuz. (Selbsverständlich ein christlicher Priester, denn wer kann schon glauben, daß die einzig wahre Religion [!] eines Tages nur noch ein Mythos sein wird.  Eine unmögliche Vorstellung!).
Sekunden später schrie der Priester gequält auf:”Mein Horoskop hat es mir prophezeit … alles wird bös enden … das Ende der Welt ist nah…! ”
Der General und Perry Journelle hatten die Waffen gezogen, um den hysterischen Priester zu erschießen.
Als jedoch einer vom anderen merkte, daß er das gleiche vorhatte, gerieten sie sich in die Haare, da einer dem anderen das Vergnügen mißgönnte.
Mittlerweile drehte der Priester völlig durch.
Er raste zur Luftschleuse, öffnete die Innenluke, um sich dann daran zu machen, die Außenluke zu öffnen.
Normalerweise war es unmöglich, beide Luken gleichzeitig zu öffnen, doch ein rhythmisch aufleuchtendes Licht oberhalb der Schleuse verkündete ihren defekten Zustand.
Außer dem kämpfenden General und seinem Ersten Offizier standen alle wie vom Donner gerührt, als der Priester sich an der Außenluke zu schaffen machte, denn ohne Befehl wagte niemand zu handeln.
Wäre in diesem Augenblick nicht Art Goulron auf der Bildfläche erschienen und hätte die Innenluke zugeknallt, wären sie alle futsch gewesen.
Durch das kleine Schleusenfenster konnte Thunder beobachten, wie der Priester sich mit einem tollen Hechtsprung ins Vakuum stürzte .
Der General und Perry Journelle hatten inzwischen voneinander abgelassen und, da auch Art Goulron nicht mehr zu erblicken war, die Waffen wieder ins Holster zurückgeschoben.
“Informieren sie Heimatbasis über Verlust Priester!”, zackte der General etwas niedergeschlagen über das entgangene Vergnügen.  “Sollen uns einen Neuen schicken”.
Gehorsam betätigte der Funker die Morsetaste.
Als jedoch keine Reaktion von dieser kam,öffnete er indigniert das Klappult der Funkanlage und erblickte im Inneren den grinsenden Art Goulron, der sofort aus der Elektronik heraussprang, allen kurz zuwinkte und verschwand.
Weder der General noch sein Erster Offizier konnten einen Treffer erzielen, als sie hinter ihm her schossen.

Die JOSEPH MC CARTHY landete auf Quetzalcoatl und Thunder erblickte eine wunderschöne Welt, bedeckt mit irdischem Gras, irdischen Bäumen, irdischen Seen, irdischen Sträuchern und irdischen Felsen.
“Etwas falsch hier”, stellte der General knurrend fest.  “Ich weiß, was nicht stimmt!”, meldete sich der Funker, der noch immer keine Verbindung zur Heimatbasis hatte herstellen können, unaufgefordert zu Wort.  “Alles ist zu irdisch”.  Er grinste.  Der General grinste zurück und zog langsam seine Waffe aus dem Holster, während die Augen des Funkers untertassengroß wurden und sein Körper sich in einen Geleeklecks verwandelte.
“Falsch!”, zackte der General, “Es fehlen die Tiere!”
Der Funker deutete entsetzensbleich auf den Bildschirm in des Generals Rücken, doch diese meinte nur abschätzig:”Dieser Trick war schon zu Zeiten der Steinzeitmenschen uralt.  Darauf falle ich nicht herein”, und erschoß den Funker.
Dann drehte sie sich um und japste vor Schreck nach Luft, als sie auf dem Bildschirm mehrere kämpfende Tyrannosaurier erblickte.
Als der General sich wieder gefangen hatte, befahl sie ihrem Zweiten Offizier, den Antigravflügler zu nehmen und den Planeten nach der EX 10018 abzusuchen.
Nach 10 Minuten und 23 Sekunden kehrte der Zweite Offizier zurück und meldete:”Auftrag erledigt!”.
Dann beging er seinen einzigen Fehler, der deshalb sein einziger blieb, weil er nach ihm nie mehr einen würde begehen können.  Er meldete:”Leider erfolglos gewesen, General!”
Nachdem seine Leiche in den Konverter gewandert war und im Logbuch die Eintragung: ZWEITER OFFIZIER VON ALIENS GETÖTET, gemacht worden war, begaben sich der General, Thunder und die Elitetruppe des Generals nach draußen.
Hinter ihnen stiefelte auch Professor Doktor Doktor “Doc” Schweer ins Freie.
Aus seiner Tasche zog er eine aufgezogene Spritze, rammte sie blitzschnell ins Erdreich und drückte ihren Inhalt in die Erde.  Um sie herum ertönte zuerst ein:”Autsch!”, welches gewaltig von den Bergen zurückhallte, dann fing jemand an fürchterlich zu fluchen.
Schließlich erbebte die Erde, schwankten die Berge, zitterten die Bäume und fielen die Dinosaurier um.
Der General, seine Elitetruppe, Doc Schweer und Thunder beeilten sich, ins Raumschiff zurück zu kommen.
Doch durch den heftigen Andrang verkeilten sie sich in der Luftschleuse.
Erst nachdem der General einige Soldaten erschossen hatte, war der Weg frei.
Nach einem brillanten Alarmstart,ausgelöst von Art Goulron,(da der General den Befehl nicht gegeben hatte und ohne Befehl nichts getan wurde),sahen alle Beteiligten,(außer Art Goulron, der sich versteckt hielt), wie der kubische Planet wackelte, sich wellte, braun anlief und schlußendlich auf Asteroidengröße zusammenschrumpfte.
Doc Schweer erklärte die Situation:”Da ich gerade mit meiner neuesten Erfindung, einem Gedankenleseapparat, beschäftigt war, bekam ich sofort heraus, daß der Planet kein Planet, sondern ein telepathisch begabtes Lebewesen war, weshalb er uns vorspielte, unserer Heimat zu gleichen.  Genau genommen handelte es sich um ein fettes, vollgefressenes Alien, verkleidet als Planet.  Zum Glück hatte ich zu Versuchszwecken ein altes Medikament aus dem 20sten Jahrhundert mitgenommen, welches den Menschen in jenen primitiven Zeiten als heilsam anempfohlen wurde.  Dieses füllte ich in die Spritze und injizierte es dem Alien.  Die Wirkung kennen sie.Jetzt sieht der Planet aus wie ein verfaultes,moderndes Stück Müll, eine echte Garbage World.  Kaum hatte der Doc diesen Gedanken ausgesprochen, als ein bösartiger Duft durch die Kommandozentrale kroch.
“Wer war das?”, grollte der General.
Doc deutete, immer grüner im Gesicht werdend, wortlos auf den Planeten.
“Ein letzter Racheakt”, stieß Perry Journelle hervor, dann sank auch er zu Boden, ebenso wie alle andern.
Sicher wäre dies ihr Ende gewesen, wenn es nicht dem mit Gasmaske bewährten Art Goulron gelungen wäre, den Hyperraumantrieb zu aktivieren.
Als es allen besser ging, prahlte der Doc mit seiner Heldentat, die der General allerdings nicht richtig zu würdigen wußte, denn ihm war noch immer schlecht.
Gerade als sie präventiv gegen weiteres Prahlen des Docs vorgehen wollte, meldete der Navigator den Wiederaustritt aus dem Hyperraum.
“Wo befinden wir uns?”, zackte der General den Navigator an.
“NGC 1988″, antwortete der Navigator hastig.
“Wo ist das?”, fragte Thunder den General.
“Nachbargalaxis”, knurrte der General ungehalten über die Frage, fügte dann aber an:”Langer Heimweg”, als ihr einfiel, daß der Vornewegverteidigungsminister gesagt hatte, sie solle freundlich sein zu dem Diplomsuperhelden, denn diese seien schwer aufzutreiben.
“Sollte dieser verschlissen werden”,hatte der Minister gesagt, „mußt du sieben Jahre auf einen neuen warten und in der Zwischenzeit die Dreckarbeit selbst erledigen”.
Da der General dies nicht wollte,biß sie eben in den sauren Apfel und war freundlich zu Thunder.
“Fremdes Raumschiff auf dem Radarschirm”, meldete der Dritte Offizier.
Alles stürzte drängelnd zum Sichtschirm, wo ein phallisch-metallischer Körper aufgetaucht war, ähnlich geformt wie die JOSEPH MC CARTHY.
In drei Sekunden war Thunder in seinen Raumanzug gehüpft und zur Schleuse geeilt, denn er brannte auf neue Abenteuer.

“Was heißt hier, ich würde auf Abenteuer brennen?”, mault Thunder.
“Du kannst einiges gut machen, was du zu Beginn des Romans versaubeutelt hast!”, maule ich zurück.
“Übrigens!”, grinst Thunder, und mir läuft, als ich seines Grinsens ansichtig werde, eine Gänsehaut über den Rücken, “Während du weg warst, war ich bei der Protagonistengewerkschaft”.  Ich werde wohl blaß, denn sein Grinsen wird breiter:”Keine Gefahren mehr, hat der Gewerkschaftsführer gesagt.  Es kostet dich sonst deine Existenz, weil kein Protagonist mehr für dich arbeiten wird.  Nicht mal einer aus Übersee.  Dann wirst du wieder arbeiten gehen müssen, wie jeder vernünftige Mensch”.
Kleinlaut frage ich:”Was soll ich deiner Meinung nach tun?”
“Vor allem keine Gefahren!”
“Aber ohne Action … ”
“Ich warne dich!”, droht er und verschwindet wieder in meinem Roman.

Ich beschließe den Roman möglichst bald zu Ende zu bringen, denn sagen sie selbst, lieber Leser, was ist ein Protagonist schon wert und nutze, der in der Gewerkschaft ist?

Als Thunder sich dem Raumschiff näherte, erkannte er sofort die Luke, die ihm den Weg ins Innere öffnen würde.
Als er sie erreichte und in die Vertiefung neben der Luke griff, schwang sie auf.
Welche Gefahren würden ihn erwarten?  Welche Abenteuer?  Würde ihm ein Alien entgegen springen?  Oder würde er verlassene Korridore durchwandern müssen, hinter jeder Ecke bedroht von unsichtbaren Gefahren?  Würde er das Geheimnis des Schiffes enträtseln können?  Welche Geheimnisse erwarteten ihn, welche Abenteuer?
(Finden sie nicht auch, daß dies eine armselige Art ist, Spannung zu erzeugen?  Leider bleibt mir ja nichts anderes übrig!).
Als Thunder das Innere des Raumschiffes erblickte, war er überrascht, denn nur Leere gähnte ihm entgegen.
Das Raumschiff war vollkommen ausgeräumt worden.

“Gemeinheit!  So habe ich es nicht gemeint!  Das läßt mich aussehen wie einen Schwachkopf”, keift Thunder.
“Aber du wolltest doch keine Action”, antworte ich zögerlich und
verunsichert.
“Ein Paar feige Aliens, die sich aus Furcht vor mir auf dem Boden winden, während ich sie mit meinem Laser grille, oder ein Computer, der mir alle Weisheit des Universums verschafft, oder zumindest eine Wunschmaschine, die mir alle Wünsche erfüllt und mich zum mächtigsten Mann im Universum macht, hatte ich schon erwartet.  Das wäre das Mindeste gewesen!
Aber wie stehe ich jetzt vor meinen Millionen Fans da, häh?”
“Okay!”, resigniere ich.  “Ein letztes Abenteuer.  Du befreist die Erde von einer Invasion und bist der alleinige Held.  Alles ganz gefahrlos für dich”, schlage ich vor.
Zustimmend nickt er und fügt hinzu:”Danach trennen sich unsere Wege.  Ich lasse mir von meiner Gewerkschaft einen neuen Autor suchen und du läßt dir von der Gewerkschaft einen neuen Protagonisten zuweisen”.
Zufrieden nicke ich.
Innerlich bin ich jedoch alles andere als zufrieden, denn eigentlich sollte ich kommandieren und er sollte gehorchen.  Statt dessen ist es umgekehrt.
Manchmal frage ich mich, in welch verrückter Welt ich doch lebe.

“Was, total leer?”, stutzte der General, als ihm Thunder, nach seiner Rückkehr auf die JOSEPH MC CARTHY, von dem leeren Raumschiff berichtete.
“Tzz, tzz!”, meinte Perry Journelle kopfschüttelnd, “Fremde Raumschiffe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren!”
“Wir sind sprungbereit für den Heimweg”, meldete der Dritte Offizier .
Der General setzte sich und schnallte sich an.
Sofort folgten alle seinem Beispiel.
Noch bevor jeder angeschnallt auf seinem Platz saß, gab der General den Befehl zur Überlichtgeschwindigkeit.
Unter gewaltigem Energieaufwand durchbrach die JOSEPH MC CARTHY die Lichtmauer, ließ zerbröckelte Lichtsteine und Lichtstaub zurück, wie das eben so üblich ist, wenn man Mauern durchbricht, und rematerialisierte in der Nähe der Erde.

Plötzlich dröhnte der Alarm durch das Schiff und der Dritte Offizier rief: “Invasion auf der Erde!”
“Donner und Granaten!”, grollte der General und befahl die sofortige Landung, um der Gefahr zu begegnen. Überraschenderweise fiel kein Schuß, während das Raumschiff sich der Erde näherte und in die Atmosphäre eintauchte.
Auch als die JOSEPH MC CARTHY neben dem Museum für Entartete Kulturen landete, rührte sich nichts.
Das Museum für Entartete Kulturen galt als Sicherheitszufluchtsort des Präsidenten, weshalb der General es als Landeplatz gewählt hatte.
Außerdem enthielt das Museum all das, was von außerirdischen Kulturen übrig geblieben war, nachdem diese auf den Menschen getroffen waren.
Da Soldaten aber außerordentlich ordentliche und gründliche Jungs sind, hatte sich im Museum noch nicht viel ansammeln können.  Der Museumsdirektor nahm es gelassen zur Kenntnis.
“Nicht die Masse macht’s, sondern die Vielfalt”, pflegte er zu sagen und traf damit den Nagel auf den Kopf.
Wenn auch nicht viel übrig blieb von den anderen Kulturen bis die Wissenschaftler dort ankamen (Hamburgerverpackungen, Cokeflaschen, Bierdosen, Silberpapier von Kaugummies und Toilettenpapier waren alles, was sie oftmals fanden; das aber in rauhen Mengen), so konnte die menschliche Rasse doch immerhin stolz darauf verweisen, bisher 3759 außerirdische Kulturen vernichtet zu haben.
Von immerhin 1456 Kulturen hatte man Artefakte retten können.
Allesamt wurden sie im Museum für Entartete Kulturen aufbewahrt.
Und genau diesen Platz hatte der Präsident als Notzuflucht gewählt (besser wählen lassen).
Nach der Landung sondierte der General erst einmal die Lage.
“Wer hat überhaupt Alarm gegeben?”, verlangte sie zu wissen. „Ich!”, meinte kleinlaut der Dritte Offizier.  “Ich erhielt folgende Nachricht von der Erde, Sir!: Inwasion stop Anarschos übervallen die Ärde stop grausamme Behstienn stop Hillfe dringnd erpeten stop gezeischnet Pulermann, Bräsident”.
Er reichte das Telegramm an den General, welche es wiederum an seinen Ersten Offizier weitergab, da sie selbst des Lesens und Schreibens nicht mächtig war.
“Sie sind sicher,daß dies kein Scherz ist oder daß Sie auf ein Seiensfiktschen-Hörspiel hereingefallen sind”, zackte der General zu seinem Dritten Offizier.
Dieser fing schon mal an zu zittern.
Journelle machte dem jedoch schnell ein Ende:”Das Telegramm stammt unzweifelhaft von Pullermann.  Nur er bringt es fertig, in einem solch kurzen Text, 12 Schreibfehler er zu machen”.
Der General ließ ein unbefriedigtes Grummeln vernehmen.
In diesem Augenblick näherte sich ein protziger Gleiter dem Flaggschiff .
Ihm entstieg der Freund des Generals, der Vornewegverteidigungsminister, Charles F. Präventiv.
Außerdem entstiegen dem Gleiter der Befehlshaber der irdischen Streitkräfte Norman Schlagzuerst, der Präsident der Vereinigten Staaten der Erde (der schon erwähnte Pullermann) und , wichtiger noch als diese, die führenden Köpfe der Industrie.
Dazu kam noch der religiöse Führer der Erdbevölkerung, Elron Schlubbard.
Sie alle wackelten die Rampe des Schiffes hinauf und waren kurze Zeit später in der Kommandozentrale angekommen.
Der Vornewegverteidigungsminister begann sofort die Lage darzustellen:”Vor etwa zwei Monaten registrierte der GSD* eine Armada von Raumschiffen, die sich
unaufhaltsam der Erde näherten, ohne beim GSD* Zwischenstation zu machen,
Als die Schiffe sich der Erde näherten, gab ich den Feuerbefehl, aber 11 Tage später erreichten 20% der Schiffe die Erde und landeten.
Noch einmal wurden etwa die Hälfte der gelandeten Schiffe vernichtet.

(GSD=Galaktischer Service Dienst, zuständig für alle intergalaktischen Tankstellen und Abschleppraumschiffe.)
Die anderen begannen sich jedoch zu öffnen und häßliche, weiße, amorphe Lebewesen, die wie riesige Würmer wirkten, kamen aus ihnen hervorgekrochen.
Ohne Zögern begannen sie ihre furchtbare Mission”.  Erwartungsvolles Schweigen lastete über der Runde.
Thunder hielt den Atem an, während eine Gänsehaut über seinen Rücken rieselte.  Dann ließ der Minister die Bombe platzen.
“Sie machten sich sofort daran, sämtliche Abfälle aufzufressen.
Einige waren in der Nähe von Mülldeponien gelandet.  Kurze Zeit später waren diese kahlgefressen.
Sie schreckten auch vor Giftmülldeponien nicht zurück.  Sogar radioaktiver Abfall war nicht sicher vor ihnen”.
“Auch Industrieabfälle aller Art verschwanden”, beklagte sich einer der Industriebosse.
“Aber dabei blieb es nicht”, fuhr der Minister fort.  “Bald stellten wir zudem fest, daß die Luft ihre Verunreinigung einbüßte.
Kohlenmonoxide, Kohlendioxide, Fluorchlorkohlenwasserstoffe, Nitrosegase und ähnliches verschwanden aus der Luft”.
Bedrückt nickten die Industriellen.
“Auch der Boden wurde zusehends sauberer.
Herbizide und Pestizide verschwanden genauso wie Asbest, Benzol und Dioxin aus dem Boden und aus der Luft.
Bald war auch der saure Regen verschwunden.  Der Regen war so süß geworden, daß man ihn für Zuckerwasser hätte halten können.  Die Kinder liefen ohne Schutzmasken durch die Straßen und tranken das Regenwasser.
Der Wald begann wieder von den Toten aufzuerstehen.
Die Flüsse, Seen und Meere begannen wieder Fische zu tragen.
Doch das Schlimmste stand uns noch bevor”, erklärte der Minister und die restlichen Mitglieder der Runde, die an Bord gekommen waren, nickten bedeutungsvoll.
“Zuerst bemerkten wir nur, das die Radioaktivität aus der Luft verschwunden war, besonders in der Nähe der AKW’S.
Dann verzeichneten unsere Sonden ein Kleinerwerden des Ozonloches, was bedeutet, daß in Zukunft erheblich weniger Krebsfälle auftreten werden, was wiederum mit erheblichen wirtschaftlichen Einbußen der Pharmaindustrie verbunden sein wird.  Den endgültigen Schlag versetzten uns die Außerirdischen damit, als sie begannen, als Ersatz für die verschlungenen Umweltgifte, Natur zu produzieren.
Alle Außerirdischen begannen mit dem Ausscheiden von Natur”.  Angeekelt verzogen alle an Bord bei dem Wort Natur das Gesicht.
“Ganze Wälder entstanden vor unseren hilflosen Augen.  Dort wo die Wesen entlangkrochen,ließen sie Wiesen zurück.  Längst ausgestorbene Baum- und Grasarten begannen zu blühen und zu gedeihen.
Blumen sprossen zu Dutzenden aus dem Boden.
In wärmeren Gegenden entstanden Palmen und Kakteen.
Doch nicht genug damit.  Nach der Flora tauchte auch die Fauna wieder auf.
Es ist uns ein Rätsel, woher sie kamen, denn außer Insekten waren alle Tierarten bis heute ausgestorben gewesen.
Unsere Versuche, die Invasoren zu töten, blieben erfolglos.
Wir haben schon mit der Idee gespielt, die Atombombe einzusetzen, sind jedoch zu dem Schluß gekommen, daß dies allenfalls das allerletzte Mittel sein könnte, da dieser Einsatz zu vielen Verbrauchern (dieses Wort betonte der Minister besonders) das Leben kosten könnte.“
Einer der Industriebosse meldete sich zu Wort:”Wir wußten, daß der große Thunder Past an Bord dieses Raumschiffes sein würde.  Deshalb sind wir alle hierher geeilt.  Nur er kann uns noch retten!
Die ganze Welt grünt und blüht und schon regen sich die ersten Umweltschützer, die unsere Fabriken und Kraftwerke schließen wollen.
Seit über 200 Jahren hatten wir keine Schwierigkeiten mehr mit ihnen, da es für sie nichts mehr zu schützen gab.
Jetzt treten sie wieder massiert auf und beginnen, uns unter Druck zu setzen.
Weder das alte Argument der gefährdeten Arbeitsplätze zog, vielleicht weil alle Arbeit von Robotern gemacht wird, während die Männer und Frauen als Soldaten zwangsrekrutiert wurden, noch die Kampagne: Die Erde den Erdenmenschen oder freie Umweltzerstörung für freie Bürger.
Beides war gleichermaßen wirkungslos.
Wir stehen vor dem Ruin!”
Alle Industriebosse nickten traurig.  Ebenso die Politiker, denn der Ruin der Industriebosse wäre auch ihr Ruin gewesen.
Thunder empfand tiefes Bedauern für diese armen Menschen, die, gekleidet in ihre dunklen Anzüge, in der Hand die schwarze Aktentasche und im Mund eine dicke Zigarre, einsam und verlassen vor ihm standen.
“Denken sie doch nur einmal an die armen Kinder, die zwischen diesem entsetzlichen Grün aufwachsen müßten.  Sie müßten doch neurotisch werden, ohne den Segen der Industrieprodukte”, sagte ein anderer der Industriebosse und ein dritter fügte hinzu:”Ist unsere jetzige, glorreiche Zivilisation nicht ein Beweis für den Segen, den die Industrie bringt und die Sinn- und Nutzlosigkeit der Natur” .
Diese Selbstlosigkeit der Industriebosse und ihrer Politiker ließ bei Thunder fast die Tränen emporsteigen.
“Äh…!”, meinte der Präsident, wurde jedoch von Charles F. Präventiv unterbrochen:”Professor Doktor Doktor Schweer hat vor einiger Zeit eine Erfindung gemacht, von der er uns jetzt sicherlich berichten wird.  Applaus für den Professor!”, forderte er und alles klatschte begeistert, während der Professor, bescheidend abwinkend, den Applaus aber sichtlich genießend, nach vorne trat.
“Äh…!”, sagte der Präsident.
“Meine Erfindung”, begann der Professor, “ist ein überdimensionales Sprühflugzeug, ursprünglich zur humanen Ausrottung ganzer Planetenbevölkerungen gedacht, um sie für die Industrie urbar zu machen.
In den Tanks des Flugzeugs befindet sich eine Flüssigkeit namens Agent Green, ein Entlebungsmittel.
Dieses Mittel vernichtet jedwedes Leben.
Leider”, so der Professor weiter, wobei seine Miene einen betrübten Ausdruck angenommen hatte, “konnte meine Erfindung nie eingesetzt werden, da es sich erwies, daß kein Mensch fähig war, das komplizierte Flugzeug zu fliegen.
Deshalb ist auch die Produktion von Agent Green nicht angelaufen, welches nun unsere einzige Hoffnung ist.  Nur in den Tanks des Fluggerätes befindet sich dieser Stoff, der nicht umgefüllt werden kann.  Wenn es etwas gibt, was die Aliens stoppen kann, dann ist es Agent Green”, schloß der Professor.
Unverkennbar war es dem Professor peinlich gewesen, darüber zu berichten, denn dies war seine bisher einzig erfolglose Erfindung gewesen.
Gescheitert war sie an des Professors mangelnden aerodynamischen Kenntnissen, seinem einzigen Schwachpunkt.
Auch die Tatsache der Nichtumfüllbarkeit des Stoffes war korrekt. Sie war auf die spezielle Legierung der Tanks zurückzuführen.  Nur diese Legierung konnte die Aktivität des Stoffes hemmen.  Von dieser Legierung existierten allerdings keine anderen Tanks.
Der Grund wiederum, warum die Produktion von Agent Green ohne das Flugzeug nicht angelaufen war, lag daran, daß der Professor sich geweigert hatte, das eine ohne das andere zu produzieren.  “Deshalb”, sprach erneut der Minister, “brauchen wir Sie, mein lieber Thunder!
Nur Ihre Reflexe, Ihr Können und Ihre Heldenhaftigkeit ermöglichen den Einsatz des Sprühflugzeuges.  Nur Sie allein können die Erde retten, denn Sie sind nicht nur der beste aller Diplomsuperhelden, sondern auch derzeit der einzige, der auf der Erde weilt.  In Ihrer Hand liegt das Schicksal unserer Heimatwelt!  Wenn Sie versagen, wird unsere Kultur und damit alles, was edel und gut ist, untergehen!”
Nach dieser erschütternden Rede zog sich der Minister in eine Ecke zurück und begann sich auszuheulen.
“Äh…!“, sagte der Präsident.
Einer der Industriebosse unterbrach ihn: “Deshalb haben wir hier in unseren Koffern einige Gründe mitgebracht, die Sie davon überzeugen werden, daß Sie die Welt retten müssen”.
Wie auf Kommando legten alle Industriebosse ihre Koffer auf den Tisch und öffneten sie.
“Es sind genau 70 Millionen Gründe”, sagte einer der Industriebosse und tatsächlich erblickte Thunder im Innern der Koffer dicke Bündel Geld; selbstverständlich in kleinen Scheinen.
“Meine Herren”, wehrte er sofort ab, “natürlich werde ich die Erde retten!  Das Geld lockt mich nicht”.
Dann nannte er ihnen seine Kontonummer.
“Äh…!”, sagte der Präsident.
“Ich glaube, der Präsident ist damit einverstanden”, meinte einer der Industriebosse.
„Äh …!“,  sagte der Präsident.
“Präsident Pullermann ist völlig unserer Meinung”, kommentierte einer der Industriebosse die Äußerung des Präsidenten.  “Damit wäre das Geschäft perfekt.  Thunder, gehen Sie hinaus und retten Sie die Welt!”
Thunder nickte zustimmend.
Dann begaben sich alle auf das Mitteldeck der JOSEPH MC CARTHY, auf der die Erfindung des Professors wartete.
Der Professor hatte seinem Flieger sinnigerweise den Namen Euthanasie I gegeben.
Nachdem der Sprühflieger vom religiösen Führer der Menschheit gesegnet worden war, der sich nochmals hatte versichern lassen, daß das Gerät nichts mit Sex zu tun hatte, sondern nur als Waffe gedacht war, stieg Thunder ein und startete.
“Äh…!”, sagte der Präsident.

In Rekordzeit von 18 Stunden, 12 Minuten und 34 Sekunden erledigte Thunder seine Aufgabe.
Und er erledigte sie mit Bravour.  Ergebnis des Einsatzes:Die Aliens und alle Flora und Fauna waren vernichtet worden, kein Stück Grün hatte überlebt.
Sogar die grüne Farbe mancher Häuser war von diesen abgeblättert.
Das dabei auch 2,5 Millionen Erdbewohner starben, war ein geringer Preis für den Erfolg, zumal es sich dabei größtenteils um Kriegsveteranen handelte, die nicht mehr einsatzfähig waren oder gar von Robotern gepflegt werden mußten.
Alle verwendungsfähigen Männer und Frauen befanden sich sowieso im Krieg.
Die Kinder waren selbstverständlich evakuiert worden, denn schließlich sollte die nächste Generation den Krieg sicherstellen. (Es ist hier zu vermerken, daß die Frauen es endlich geschafft hatten, die Gleichberechtigung zu erzielen!).
Alles in allem war Thunders Aktion ein voller Erfolg.  Bei seiner Rückkehr wurde er stürmisch begrüßt und gefeiert, erhielt Orden und Auszeichnungen, wurde zum Diplomsuperhelden des Jahrhunderts gewählt und erreichte auf der ATQ-Weltrangliste(siehe Seite 8) endlich den ersehnten ersten Platz.
Auch die Herren der Industrie ließen sich nicht lumpen.
Außer den erwähnten 70 Millionen Gründen erhielt Thunder als Bonus dafür, daß keine einzige Fabrik auch nur angekratzt worden war, Aktien führender Unternehmen geschenkt, so z. B. von Grupp, Maus-Kraffei und Fallkem-Nullkem.
„Äh…!“, sagte Präsident Pullermann, als er die Festrede hielt und:”Äh…!”, als er Thunder die Orden und Auszeichnungen überreichte.
Auch die Industriebosse schüttelten ihm die Hand, der Vornewegverteidigungsminister klopfte ihm auf die Schulter, der General klopfte ihm auf den Rücken, daß sich seine Wirbelsäule bog und Elron Schlubbard sprach ihn heilig.
So konnte die Menschheit auf ihrem Konto einen erneuten Erfolg verbuchen.
Wieder war eine fremde Rasse ausgelöscht worden.
“Äh…!”, sagte der Präsident und wurde wiedergewählt.
Der Vornewegverteidigungsminister, der sich keiner neuen Wahl stellte, übernahm den Posten eines Industriebosses, der zum neuen Vornewegverteidigungsminister gewählt wurde.
General Leinhein wurde endlich zum Admiral befördert und wurde damit Kommandant einer ganzen Raumflotte.
Die JOSEPH MC CARTHY wurde von Perry Journelle übernommen, dem es allerdings auch nicht gelang, Art Goulron zu erwischen.  Dieser wird weiterhin sein Unwesen treiben und Leben retten.
Elron Schlubbard, der religiöse Führer der Menschheit, kehrte, nachdem er sich selbst heilig gesprochen hatte, der Welt den Rücken und verschwand in einem Kloster eines unbekannten Planeten.
Die Köpfe der Industrie machten weiterhin Profit mit dem Krieg und dem Elend.
Doc Schweer arbeitet im Moment an einem Unsterblichkeitsserum, welches
ihm ermöglichen soll, sich für alle Ewigkeit dem Erfinden zu widmen.  Vor allem möchte er bestehende Waffensysteme vervollkommnen und neue, blutigere erfinden.
Thunder selbst hatte weniger Glück.
Nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, gelang es ihm nicht, seiner Frau glaubhaft zu versichern, keine Jungfrau gerettet zu haben, weshalb er von ihr vermöbelt wurde.
Drei Monate mußte er im Krankenhaus verbringen.
Kaum genesen, stahl er sich davon, um einen neuen Auftrag zu übernehmen.
Doch davon ein andermal.

“Du Schuft mußtest mir am Ende noch eins auswischen, um dich zu rächen!”, mault Thunder.
“Hahaha!“ Nur damit du siehst, wer am längeren Hebel sitzt!”, lache ich,
Rufus T. Firefly, der Welt größter Autor aller Zeiten.

ENDE

NACHTRAG:

Am Abend des 17.  Augustes 1988 drangen seltsame Geräusche aus dem
Appartement des Schriftstellers Rufus T. Firefly.
Nachdem der Verwalter herbeigerufen worden war und die Tür geöffnet hatte, fanden er und die herbeigeeilten Schaulustigen die Wohnung verwüstet vor.
Von Rufus T. Firefly fehlt seitdem jede Spur.
Nur das Manuskript, welches Sie gerade gelesen haben, wurde aufgefunden.
Offensichtlich ist der Autor nicht mehr dazu gekommen, es zu überarbeiten,
wie er es angekündigt hatte.
Trotzdem, vor allem im Hinblick auf die Millionen Fans des Autors, die sehnsüchtig auf dieses Werk gewartet haben, hat der Verlag sich entschlossen, das Manuskript zu veröffentlichen.
Wir sind sicher, daß die Fans das Buch mögen werden!
Der Verlag hofft natürlich inständig auf das Wiederauftauchen des Autors.

Deshalb unser Aufruf an alle SF-Autoren:
Sollte Rufus T. Firefly in einem Ihrer nächsten Bücher unvermutet
auftauchen, unternehmen sie nichts!
Benachrichtigen Sie umgehend uns (den Verlag) oder die SFWA*
Wir danken für Ihr Verständnis, Ihre Unterstützung und Ihre Hilfe.

Der Herausgeber

*SFWA=Science fiction writers auxiliaries (Seiens-fiktschen-Autoren-Hilfstruppen): Ein in den USA geründeter Hilfstruppenverband, der in Not geratenen SF-Autoren unter die Arme greift. In Fachkreisen auch SF-Mafia genannt.

Originalausgabe:
Gunther Barnewald als Rufus T. Firefly, Voyage, Voyage
(ReziBuGu-Bücher, 2003) 3-932261-91-7
Taschenbuch, 154 Seiten, Umschlagillustration von Jeff Meyers
• Bestellung über

www.storisende.net

www.booklooker.de

http://booklooker.de/app/detail.php?id=493641112&setMediaType=0&&sortOrder=

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