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Literatur-Blog

Archiv für April, 2009

Über das Wiedererschaffen, Klonen und Formen von Menschen in C. J. Cherryhs Roman-Trilogie CYTEEN (1*)

Erstellt von Detlef Hedderich am 9. April 2009

von Detlef Hedderich und Thomas F. Roth

“Verschwenden Sie keinen Gedanken ans Morgen; das ist Ihr gutes Recht. Aber beklagen sie sich nicht, wenn es plötzlich da ist und Sie haben nichts mitzureden.”
JOHN BRUNNER, Der Schockwellenreiter

Der Wunsch nach Unsterblichkeit steckt wohl in uns allen und ist die zentrale Lehre fast aller Religionen, datiert bis in die Vorzeit: ägyptische Pharaonen wurden so sorgfältig einbalsamiert, daß ihre sterbliche Hüllen Jahrtausende überdauerten, die Mayas sahen in dem Herzen ihrer Feinde ein Kraft und Unsterblichkeit verleihendes Objekt, und nicht nur in vorzivilisatorischen Gesellschaften glaubte man an Geister und Gespenster, an Männer und Frauen also, die einst aus Fleisch und Blut waren und nach ihrem Tod in einer schemenhaften Welt weiterexistieren, auch in unserer heutigen multielektronischen Welt erfreut sich dieser Glaube größter Beliebtheit. All dies sind Beispiele für den Wunsch des Menschen, die Unsterblichkeit zu erringen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Die neue Unsterblichkeitsidee der Technologiegesellschaft heißt ‘Cloning’ (zu deutsch ‘Klonen’), und wurde bisher bei Fröschen, Hasen und Mäusen erfolgreich praktiziert. Der Cloningprozess verläuft in etwa so: Der Zellkern einer ordinären somatischen Zelle2* wird einem Spender entnommen und in ein zur Befruchtung angeregtes Ei implantiert, welches genau dieselben Gene aufweist wie die Spenderzelle. Das nun innerhalb von neun Monaten entstehende Wesen wird ein identischer Zwilling des Spenders. Der zentrale Punkt bei diesem Kopiervorgang ist dabei die Anzahl der Chromosomen, die diese Zelle (oder das Ei) veranlassen, sich zu teilen, um den natürlichen Wachstumsprozeß in Gang zu setzen.

Alles in allem muß der Zellkern des Eies 46 Chromosomen enthalten, um das Cytoplasma3** zu veranlassen, sich so zu verhalten, als sei das Ei ganz normal befruchtet worden. Die weibliche Eizelle enthält 23 Chromosomen, die männliche Spermazelle weiter 23. Treffen diese beim Zeugungsvorgang zusammen, sind die besagten 46 Chromosome erreicht.

Gerade diesem Umstand, diesem ständigen ‘Mischen’ von Erbanlagen, ist es zu verdanken, daß auf der Erde eine derartige Vielfalt an Lebensformen existiert. Wird nun aber der Kern einer Körperzelle oder somatischen Zelle in ein weibliches Ei, dessen Kern vorher entfernt wurde, transplantiert oder mit Hilfe von Viren fusioniert, präsentieren sich alle 46 Chromosomen der somatischen Zelle im Ei und lösen somit den sogenannten cytoplasmischen Effekt4*** aus, der dann im kreativen Prozeß der Zellteilung kulminiert. Der identische Klon wird ‘gezeugt’.

Die ‘Anwendungen’ für solch einen Klon sind nun mannigfaltig: Beispielsweise könnte er im künstlichen Koma gehalten werden, um als Ersatzteillager für den Zellspender Verwendung zu finden; die Frage nach neuen funktionstüchtigen Organen und Gliedmaßen, Blut und vielem mehr wäre für diesen sein Leben lang gelöst, besäße er somit doch eine private Organbank. Noch effizienter wäre es – falls die Entwicklung auf dem chirurgischen Gebiet dies irgendwann ermöglichen würde-, daß Gehirn des Zellspenders aus seinem alten, verbrauchten Körper in den jungen, geklonten zu transplantieren. Vielleicht gelingt es eines Tages auch, durch das Fortschreiten der Computertechnologie, das menschliche Bewußtsein, einer Software gleich, auf einen Datenträger zu speichern, um es anschließend in den neuen geklonten Körper zu transferieren. ‘Biologische Unsterblichkeit’ – im wahrsten Sinne des Wortes – wäre die Folge.

Ebenso wäre das Wiedererwecken von Toten zu neuem Leben mit Hilfe der Cloning-Technik sicherlich möglich: Spekulationen über eine mögliche Neu-Züchtung der längst ausgestorbenen Mammute (indem beispielsweise im ewigen Eis Sibiriens ein gut erhaltenes Exemplar gefunden und diesem die entsprechenden Zellen entnommen würden, um sie mittels Klonen zu reaktivieren), sowie die von einigen besonders enthusiastischen Verfechtern des Klonens vorgetragene Idee, man könne eine Zelle einer Mumie in ein lebendes menschliches Ei verpflanzen, um somit aufs neue einen ägyptischen Regenten zu zeugen, sind nur zwei Beispiele aus der aktuellen Diskussion. Sie weisen auf eine beängstigende, in der Öffentlichkeit bisher kaum beachtete kommerzielle Dimension des Klonens hin, belegen eindrucksvoll, das der menschlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen, und lassen befürchten, daß wieder einmal moralische Normen von einer angeblich ‘unaufhaltsamen’ Technik beiseite gewischt werden.4* Denn was gemeinhin durchaus noch als harmlos empfunden wird (zum Beispiel die praktischste Größe einer Orange oder der vollmundigste Geschmack eines Hühnchens), bekommt genau dann einen bitteren Beigeschmack, wenn vom Menschen die Rede ist: Denn wir alle fürchten nichts so sehr, wie Gott zu spielen – mit all den letztendlichen Konsequenzen. Noch viel zu frisch ist in unser aller Gedächtnis der Gedanken an die Nazis, welche eine Rasse großer blonder Supermenschen züchten wollten, die Mitglieder anderer Rassen, ethnischer Gruppe oder Nationalitäten für minderwertig ansahen und sie nur der Unterwerfung und Auslöschung für Wert befanden; hätte sich das Klonen in der Nazi-Zeit bereits in einem fortgeschrittenerem Stadium befunden, wir könnten sicher sein, daß Hitler nicht gezögert hätte, Millionen von Exemplaren seines nordischen Idealmenschen anzufertigen und über die Welt zu ergießen5*.

Dies klingt nun alles, trotz der aktuellen Thematik, doch sehr nach Science Fiction, und tatsächlich ist das Thema ‘Klonen’ mittlerweile längst zum Standard eines jeden neueren SF-Autoren geworden. Besonderen Eindruck in der breiten Öffentlichkeit hinterließ bisher allerdings keines der Bücher, die das Klonen zum Thema hatten – mit einer einzigen Ausnahme: Der Mann, der mit einem Buch zum Thema ‘Cloning’ weltweiten Wirbel verursachte, ist der Journalist David M. Rorvik. Im Jahre 1978 veröffentlichte er sein Buch In His Image6*, in welchem er von einem anonymen kalifornischen Millionär berichtete, der einen Genetiker überredet haben soll, einen Klon von ihm zu produzieren.

Das Kind, das dabei das Licht der Welt erblickte, soll das genaue Duplikat des Millionärs geworden sein, der somit noch zu seinen Lebzeiten ein lebendes Denkmal seiner selbst erschaffen ließ, um der Nachwelt seine Persönlichkeit zu erhalten. Das Besondere und sicher auch der Grund für den enormen Erfolg dieses Buches war jedoch nicht unbedingt das Thema, sondern vielmehr die Art und Weise, in welcher es vom Autor präsentiert wurde: geschrieben als journalistische Berichterstattung, die den Eindruck vermittelte, das Geschilderte hätte tatsächlich stattgefunden, wäre also ‘Realität’. Und auch der Verleger von Rorviks Buch stieß in dasselbe Horn, als er in seinem Vorwort schrieb, es sei alles “ganz erstaunlich” und “der Autor versichert uns, daß es die Wahrheit sei”, fügte aber dennoch wohlweislich hinzu: “Wir wissen es nicht.” Auch gab er der Hoffnung Ausdruck, daß durch dieses Buch das Interesse am Thema ‘Cloning’ entfacht und die Diskussion darüber angeregt werden möge, über etwas, das von “höchster Signifikanz für unsere nächste Zukunft” sei.

Bereits 1990 erschien im Wilhelm Heyne-Verlag ein Buch, welches sich mit dem Thema ‘Cloning’ beschäftigt, und das, ebenso wie Rorviks Werk, nicht ohne Erfolg blieb: Als in der Augustnummer der angloamerikanischen SF-Zeitschrift LOCUS die Gewinner des LOCUS AWARD 1989 bekanntgegeben wurden, ging der Preis für den besten SF-Roman an C. J. Cherryh für ihre Roman-Trilogie CYTEEN. Und auch der HUGO GERNSBACK AWARD 1989, der in kommerzieller Hinsicht wohl wichtigste SF-Preis, ging an die drei Bände über “das Cloning-Projekt der Ariane Emory”. Doch im Gegensatz zu David M. Rorvik verzichtete C. J. Cherryh darauf, die von ihr erzählte Geschichte als ‘Tatsachenbericht’ aufzupuschen; bei der CYTEEN-Trilogie handelt es um Science-Fiction, nicht um angebliche Non-Fiction. Daher benutzt die Autorin auch nicht die Erde als Handlungsbühne für ihre fiktive Geschichte, sondern den Planeten Cyteen, auf welchem bereits seit 200 Jahren erfolgreich Menschen geklont werden. Zudem ist er Sitz einer mehrere Sterne und Planeten umfassenden ‘Union’. Um jedoch die ganze Tragweite der Handlung der Cyteen-Trilogie erfassen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal auf die Hintergründe näher einzugehen, die sich durch das Einbinden fast aller Romane aus Cherryhs Feder zu einer Art ‘Future History’ ergeben:

Die raumfahrende Menschheit hat sich entlang ihres Spiralarms der Milchstraße ausgebreitet; in immer größerer Entfernung von der Erde wurden fremde Sonnensysteme erschlossen und als Haltepunkte auf dem Weg nach ‘draußen’ urbanisiert, mit gewaltigen Orbitalstation um deren Sonnen oder, falls vorhanden, deren Planeten ausgestattet und kommerziell genutzt. Doch nur wenige dieser Sterne7* verfügen über einen oder gar mehrere ‘bewohnbare Planeten’. Da die Ausbreitung der Menschen zudem unterlichtschnell und auch nicht konzentrisch, sondern vielmehr ‘von Stern zu Stern’ erfolgte, befand sich die Erde schon bald am Ende einer immer länger werdenden Nachschublinie. Aber durch die Entdeckung eines bewohnbaren Planeten im Tau-Ceti-System änderte sich ihre bis dahin einzigartige Bedeutung als einziger Hort des Lebens in der Weite des ansonsten leeren Weltraums. Weitere lebenstragende Planeten wurden entdeckt, unter ihnen auch Cyteen, der irgendwann später zur Hauptwelt der ‘Rebellenbewegung’ wurden sollte, dem Zusammenschluß derjenigen Menschen, die sich nicht mehr länger von der fernen und politisch zerfaserten ‘Erdkompanie’ herumkomandieren lassen wollten. Schon kurz, nachdem von einigen herausragenden Köpfen auf Cyteen der ‘Sprungantrieb’ – der eine wesentlich höhere Fortbewegungsgeschwindigkeit als der Unterlichtantrieb ermöglichte – erfunden wurde und auch die Erde selbst diese Technologie für sich in Anspruch nahm, kam es zum Krieg zwischen der Erdkompanie und der Union der Rebellen. Dabei sorgten vor allem die Geschehnisse um ‘Pells Stern’, dem Planeten im Tau-Ceti-System, dafür, daß die bis dahin weitverstreuten Kauffahrer – eine Art Händler, die ständig in ihren Schiffen leben – sich zusammenschlossen und gemeinsam mit den Verantwortlichen der Pell-Station die sogenannte ‘Allianz’ bildeten8*. Doch erst rund zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen konnten die Auseinandersetzungen mit dem Erdkonsortium beigelegt und das Durcheinander der Besitzansprüche an Sternensystemen in dem von Menschen besiedelten Raumbereich fürs Erste geklärt werden. Dabei gelang es auch, die sich inzwischen zu Piraten entwickelten Schiffe der Erdkompanie – die nicht nur für die Union, sondern auch für die Allianz ein arges Ärgernis darstellten – mit einem Trick, bei dem ein Kauffahrer der Union als Köder Verwendung fand, entscheidend zu schlagen9**. Aber damit waren noch längst nicht alle Probleme aus dem Weltraum geschafft, und neue Spannungen zwischen der Allianz und der Union bahnten sich an: die politische Vorgehensweise des jeweils anderen konnte oder wollte keiner der beiden Kontrahenten akzeptieren. Und auch die Erdenmächte versuchten in der Folge, ihren Einfluß im Raum wiederzugewinnen, den sie einstmals so fahrlässig verspielt hatten. Zu diesem Zweck entsandten sie ein Schiff in denjenigen Sektor des Raumes, welcher von der Erde aus gesehen Pells Stern gegenüberliegt. Das Erdenschiff entdeckte dabei jedoch etwas völlig unerwartetes: Ein ganzes Handelsimperium der verschiedensten Alienrassen, deren Mitglieder sich nicht gerade freundlich gegenüberstanden. Dies war selbst für die gefaßtesten Menschen ein gewaltiger Schock10*  Ungewollt geriet die Besatzung immer stärker in die Auseinandersetzungen der fremden Wesen hinein, wobei ihr Schiff schließlich von einer sehr kriegerischen Spezies geentert wurde. Dabei, und bei den anschließenden biologischen Versuchen an den überlebenden Menschen, kamen letztlich alle ums Leben – bis auf einen Offizier, der zum Spielball politischer und kriegerischer Machtinteressen der unterschiedlichen Alienrassen wurde. Nachdem er von einem weiteren Menschenschiff gerettet und zur Erde zurückgebracht wurde und dort von seinen Erfahrungen mit den Aliens berichtete, begann die Erdkompanie ernsthaft, über ein Handelsabkommen mit diesen nachzudenken. Doch bei dem Gedanken, daß eine neue, potente Macht wie die Menschheit in ihr anfälliges, sensibel gleichgewichtetes System eindringen könnte, überlief so manchem Alien ein Schauer des Entsetzens. Nicht nur, daß einige Rassen um ihr wirtschaftliches Wohlergehen bangten, auch ihre soziologischen Ordnungen und religiösen Empfindungen würden einem schwerem Schlag ausgesetzt werden.

Von diesen Neuigkeiten am anderen Ende der Nabelschnur hörten natürlich auch die Bewohner der Allianz und der Union; einen nachhaltigen Eindruck hinterließen diese aber nicht bei ihnen, gingen doch die Streitigkeiten und Intrigen über zu besiedelnde Planeten unverhohlen weiter. Am radikalsten bei diesen Machtkämpfen ging dabei die Union vor: Nachdem im Gebiet der Allianz ein von Menschen bewohnbarer Planet ausfindig gemacht werden konnte, wurde ein Schiff mit 40.000 Siedlern an Bord dorthin gesandt, obwohl den Verantwortlichen von vornherein bewußt war, daß diese Siedler keine weitere Hilfe und Unterstützung aus dem Unionsgebiet bekommen würden11*. Den Militärs der Union ging es – wie sich später herausstellen sollte – in erster Linie darum, den äußerst lukrativen, aber viel zu weit von der Einflußsphäre der Union entfernten Planeten Gehenna auf nachhaltige Weise für die Allianz unbrauchbar zu machen; die hohen Opfer an Menschen, die dieses Vorgehen erforderte, erschienen ihnen dabei gerechtfertigt. Zudem erfolgte die Durchführung des gesamten Projektes ohne das Wissen der Bevölkerung der Unionswelten und -stationen. Schließlich herrschte Krieg, und das Militär besaß somit automatisch die Verfügungsgewalt über das gesamte Unionsgebiet. Als letztendlich die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit geriet, rollten zwar einige Köpfe, doch so richtig entrüstet waren nur diejenigen unter der Bevölkerung, die sowieso schon immer dafür plädiert hatten, den sogenannten ‘Azis’ – die etwa 90% der Siedler für das Gehenna-Projekt gestellt hatten – die gleichen Rechte einzuräumen wie den anderen Bürgern der Union auch. Doch die laborgezüchteten Azis, die immerhin den Großteil des gewaltigen Heeres an Soldaten sowie der Mitarbeiter der staatlichen und privaten Sicherheitsdienste und die vielen Arbeiter der Union ausmachten, hatten jenseits der Erde und der Allianz – die beide zumindest noch darin übereinstimmten, daß dort das Züchten von Menschen noch immer als ‘Fehlentwicklung’ angesehen wurde – schon immer den Status von ‘Nichtbürgern’. Und noch ein entscheidender Faktor kam hinzu: Die laborgezüchteten Azis stammten allesamt aus den Labors des ‘Reseune’-Konzerns, der seinen Sitz auf Cyteen, der Hauptwelt der Union, hat.

Eingebettet in dieses fiktive Universum, das C. J. Cherryh in fast alle ihre Romane und Erzählungen als Hintergrund einfließen läßt und somit eine Art ‘Future-Historie’ entwirft, ist auch die CYTEEN-Trilogie, deren Handlung einige Jahre nach den zuvor geschilderten Ereignissen ihren tragischen Anfang nehmen sollte. In dieser ziemlich umfangreichen Trilogie, deren einzelne Bände die Titel Der Verrat, Die Wiedergeburt und Die Rechtfertigung tragen, beschreibt die Autorin die Probleme, welche sich bei der Reproduktion eines Individuums ergeben, das nicht nur in genetischer Hinsicht seinem Vorgänger entsprechen soll, sondern auch in geistiger – was bedeutet, daß es in allen Dingen die gleiche Einstellung zu der ihn umgebenden Welt entwickeln soll wie sein ‘Vorgänger’. Doch dazu muß der Klon eine dem ‘Original’ identische Lebens-Entwicklung erfahren, er muß den gleichen Geschehnissen und Erlebnissen ausgesetzt sein, um eine gleichartige Prägung zu gewährleisten. Wie dieses größte aller Probleme bei einem Kloning-Projekt gelöst werden kann, schildert C. J. Cherryh am Beispiel des Cloning-Projekt Ariane Emory:

In der Union ist Ariane Emory eine bedeutende Persönlichkeit. Nicht nur, daß sie die Leiterin des fortschrittlichsten genetischen Labors der Menschheit, Reseune, ist, vertritt sie im Unionsrat das Wissenschaftsamt und weiß sich auch sonst in der Politik zu behaupten. Doch am wichtigsten sind ihre wissenschaftlichen Arbeiten im gentechnischen Bereich sowie ihre fast schon genial zu nennenden ‘Bandentwürfe’12*, mit denen vor allem die Azis auf psychischem Wege soziologisch konditioniert werden. Besonders ihr Verdienst ist es, die vielen Psycho-Sets und -Strukturen verschiedener Azi-Charaktere zu brauchbaren Persönlichkeiten adaptiert zu haben. Die Azis wurden aus einer Notlage heraus ‘geboren’: Die Union verfügt über viel Raum, viele Planeten und Stationen, die besiedelt und bevölkert werden könnten, doch die Vermehrungsrate der Menschen reichte dafür niemals aus. So wurden die Azis erfunden, Individuen mit wenigen Ansprüchen, zuverlässig, einfach zu halten und immer den höchstmöglichen Erfolg garantierend, ob nun als Angehörige der Sicherheits- und Streitmächte oder als Minenarbeiter. Immer sind es die Azis, die den Bürgern ein angenehmes Leben ermöglichen, sie erledigen die niederen Aufgaben des täglichen Lebens exzellent, und dank der genialen Psycho-Konditionierung Ariane Emorys ist ihnen Beschweren oder gar Aufmucken nicht vom Schöpfer gegeben. Doch hat dieses System der modernen Sklavenhaltung auch Gegner: Nicht nur die beiden anderen großen Sternenreiche, die Allianz und die Erde, sind gegen das Klonen von Menschen, auch innerhalb der Union selbst gibt es viele Kritiker einer solchen Schöpfungshybris. Das Ariane Emory dabei die Hauptzielscheibe der, nicht nur verbalen, Attacken der Gegner ist, liegt auf der Hand. Aus diesem Grund bedarf es eines ausgeklügelten Sicherheitssystems, welches verhindern soll, daß sie auf dem einen oder anderen Flug zu ihren politischen Sitzungen Opfer eines Anschlags wird. Selbst innerhalb von Reseune hat die große alte Dame der Bandentwürfe eine Reihe von Feinden. Allen voran Dr. Jordan Warrick, ebenfalls Bad-designer und ein wahrer Könner, wenn nicht sogar die Kapazität auf diesem Gebiet. Ebenso wie Ariane Emory ist er eine der wenigen ‘Sonderpersonen’ in der Union, die einen speziellen Status genießen und damit unter staatlichen Schutz stehen. Doch auch dieser besondere Status nützt ihm wenig, denn die Macht Ariane Emorys ist derart groß, daß sie es sich nicht nehmen läßt, ihm ins Handwerk zu pfuschen, ihn klein zu halten und selbst aus seinen Erfolgen noch Gewinn und Anerkennung zu ziehen – für sie ist es ein leichtes, seine Erfolge als ihre eigenen zu apostrophieren. Hinzu kommen noch gegensätzliche politische Anschauungen sowie ein vermeintliches privates Dilemma, welches auf den Punkt gebracht sich darin ausdrückt, daß Ariane Emory den Wissenschaftler nicht nur gerne auf ihrer Seite hätte, sondern auch ganz gerne in ihrem Bett. Doch Jordan Warrick empfindet keine diesgearteten Bedürfnisse und steht ihren Bemühungen stets und in jeder Weise abgeneigt gegenüber. Immerhin schaffte Ariane es aber, Warrick dazu zu bringen, einen Klon von sich herstellen zu lassen und ihm einzureden, dies sei seine eigene Idee gewesen. Dabei war es eine ihrer Bedingungen, daß sie für das Herstellen von Warricks künstlichem Nachkommen seine Genstruktur für einen neuen Azi-Set verwenden dürfte. Und als schließlich Justin, Jordan Warricks Klon, aus der künstlichen Gebärmutter gehoben wurde, hatte auch die Leiterin der Reseune-Labors einen experimentellen Azi geschaffen, den sie dahingehend konditionierte, daß er ganz und gar als Lebenspartner für Justin Warrick zugeschnitten war. Und wieder “überredete” Ariane Emory ihren Intimfeind zu etwas: die Beiden, den Bürger ‘Justin Warrick’ und den Nichtbürger ‘Grant ALX-972′ zusammen aufzuziehen. Die beiden passten hervorragend zusammen, verstanden sich hervorragend, ergänzten sich in fast jeder Beziehung: Justin, nach seinem “Vater” geraten, hatte dessen Talent, seine Genialität “geerbt”, ebenso seine eigenbrötlerische, mürrische, aber auch schüchtern-zurückhaltende Art, besonders was zwischenmenschliche Dinge betraf. Grant war da viel nüchterner, konnte mit anderen Menschen (oder Azis) hervorragend umgehen, ohne gleich den Eindruck von Indiskretion zu vermitteln, war sachlich und in pragmatischer Sicht ein fixer Denker. Er nahm oft, für einen Azi typisch, den geraden Weg. Als Azi der höchsten, der Alpha-Stufe, war es ihm in die Gene geschrieben, sich in einer sich selbst reduzierenden Weise an seinen menschlichen Partner anzupassen – auf gewisse Art unfähig, für sich selbst zu leben, eine eigene Perspektive zu verfolgen; erweckt ein Mensch den Eindruck, daß ‘er weiß was er will’, setzt bei Grant automatisch seine Azi-Programmierung ein und er verfällt sofort in einen passiven, demütig dienenden Zustand. Von dieser “kleinen” Schwäche abgesehen, wuchsen Grant und Justin zu zwei intelligenten jungen Männern heran, die ihr Bandstudium ernst nahmen und mit zu den begabtesten Studenten von Reseune zählten. Zweifellos wären sie einmal zu zwei fähigen Banddesignern geworden und hätten dem Reseune-Konzern weitere horrende Gewinne eingebracht, wenn Ariane Emory, der ihre Schwächen nur zu vertraut waren, nicht eines Tages ihren Finger genau auf den wunden Punkt der Beiden gelegt hätte:

Justin und Grant sind um die 17 Jahre alt, als es wieder einmal zu Streitigkeiten zwischen Jordan Warrick und Ariane Emory kommt. Im Zuge politischer Machtintrigen mit Emorys Gegnern im Rat der Union gelingt es Jordan Warrick, einen Handel zu bewerkstelligen, der ihm und seinem Klon eine Versetzung nach Fargone zusichern soll – einem weiter in Richtung ‘draußen’ liegenden Stern, in dessen Orbital-Station ein weiteres Reseune-Forschungszentrum entstehen soll. Die Streitigkeiten zwischen Ariane Emory und den Warricks eskalieren derart, daß Ariane schließlich ‘ihren’ Azi Grant, der inzwischen längst zu einem integrierten Mitglied der Familie Warrick geworden ist, zurückverlangt; nach einer mißglückten Entführung Grants zu Freunden der Warricks lenkt die Wissenschaftlerin scheinbar ein und unterbreitet Justin den Vorschlag, das sie Grant auf ihn überschreiben würde, wenn er auf Cyteen bliebe und sein Bandstudium fortsetze. Nachdem die Warricks zähneknirschend darauf eingehen, kommt es zu einem weiteren Übergriff von Seiten Ariane Emorys: Sie beordert den jugendlichen Justin in ihren Wohnkomplex, betäubt ihn mit Drogen und vergeht sich auf sexuelle Weise an ihm, nimmt anschließend mit Hilfe eines Tiefenbandes einige tiefgreifende Korrekturen in seinem Gehirn vor. Die Manipulation seiner Psyche verbunden mit dem sexuellen Erlebnis machen Justin in der Folge schwer zu schaffen und bereiten ihm schreckliche, immer wiederkehrende Träume, Visionen und black-outs. Justin verschweigt allen, besonders seinem Gen-Vater Jordan, diesen Vorfall. Als dieser trotzdem davon erfährt, versucht er, Ariane zur Rede zu stellen; in einem menschenleeren Kältelabor treffen beide aufeinander. Was dabei vorfällt, bleibt allein der Phantasie des Lesers überlassen. Als Ariane Emory erfroren hinter der verschlossenen Tür des Traktes gefunden wird, übernimmt der Leiter des Reseune Sicherheitsdienstes, Giraud Nye, die Ermittlungen. Für ihn steht von vornherein fest, das nur Jordan Warrick diesen “Mord” begangen haben kann. Da dieser jedoch den Status einer ‘Sonderperson’ innehat und damit seinen normalen Ermittlungsmethoden entzogen ist, unterbreitet er Jordan Warrick einen Vorschlag, demzufolge Justin und Grant nichts geschehen würde und sie ihren hoffnungsvollen Weg bei Reseune weiter fortsetzen könnten, würde er den Mord gestehen; als Strafe würde er auf der Rückseite des Planeten in eine Außenstation gesteckt werden, in welcher er weiter seinen eigenen Forschungen nachgehen könnte. Jordan erklärt sich, notgedrungen, einverstanden.

In der Folge um den Tod Ariane Emorys kommt es in der Administration Reseunes zu einigen Veränderungen: Giraud Nye übernimmt das Amt des Wissenschaftsrats im Rat der Union und sein Bruder Denys Nye wird der neue Leiter von Reseune. Nachdem sich die Aufregungen ein wenig gelegt haben, beginnen bei Reseune die Vorbereitungen für die Neu-Erschaffung eines Menschen. Solch ein Versuch wurde in der Geschichte der Union zwar bereits schon einmal gewagt, scheiterte aber letztendlich. Doch diesmal ist sich Reseune absolut sicher: Ariane Emory selbst hatte in den letzten Jahren vor ihrem Tod an der Methode zur Erschaffung einer bereits schon einmal existierenden Person gearbeitet und durch ihre Aufzeichnungen verfügt, das ein Klon von ihr posthum erschaffen werden möge, der nach dem Ebenbild ihres Lebens irgendwann ihre Stelle in der Welt einnehmen solle. Und so wird nach der Anweisung einer Toten die Neu-Erschaffung eines Menschen eingeleitet:

Einige befruchtete Eier aus dem ‘Biomaterial’ Ariane Emorys werden in jeweils eine bioplasmische und kontraktile künstliche Gebärmutter eingesetzt, welche die Bedingungen einer natürlichen Schwangerschaft hundertprozentig simulieren. Diese künstlichen Bäuche produzieren all die Bewegungen und Laute, die chemischen Zustände und interaktiven Zyklen einer natürlichen Gebärmutter. Doch nur eines der sechs Eier wird jeweils Leben tragen, die anderen werden tiefgefroren – sie stellen damit eine ausreichende Sicherheit dar, sollte dem “Neugeborenen” etwas zustoßen. Als knapp neun Monate später die zukünftige Leiterin Reseunes für die Geburt vorbereitet wird, ist sie nicht die einzige, die zu dieser Zeit das Licht der Welt erblicken soll: Einige Labors weiter werden zwei Alphas, ein Junge und ein Mädchen, aus ihren Gebärmüttern genommen und auf ihr zukünftiges Leben als persönliche Azis und Leibwächter der neuen Leiterin von Reseune vorbereitet. Ihr gesamtes Psyochset ist darauf zugeschnitten worden, in der bestmöglichen Erfüllung dieser Aufgabe den Sinn ihres Daseins zu finden. Und nur noch das, was Ariane Emory ihnen befiehlt, wird für die Beiden von Bedeutung sein, alles andere wird für sie einen wesentlich niedrigeren Stellenwert einnehmen. Die Bestimmung für diese Aufgabe ist für sie eine lebenslängliche Berufung, und sie wird erst mit ihrem Tod oder dem Tode von Ariane Emory enden. Florian und Catlin, die beiden Azis, sind genauso wie Ariane repliziert worden; es hat auch sie schon einmal gegeben. Es hat sie gegeben, weil ihre Vorgänger auch bereits schon einmal an der Seite einer Ariane Emory ihrer vorbestimmen Aufgabe nachgegangen sind. Ihre Fixierung auf die alte Ariane war derart stark, daß die Administration von Reseune nach dem Tod der großen alten Dame ihre beiden persönlichen Azis hat einschläfern lassen, da sie annahm, daß ohne Ariane das Leben für sie einfach keinen Sinn mehr ergeben und daher nur eine Quälerei sein könne. – Eine High-tech-Variation des alten Westernthemas: Hat sich das brave Pferd bei einem Sturz verletzt, dann wird es erschossen, bevor es sich quälen muß. – Aber auch in anderen Fällen kann es vorkommen, daß bei einem der Azis ernsthafte psychologische Probleme auftreten. Die meisten dieser Fälle werden dann den Labors von Reseune überantwortet, in denen Designer und Psychochirurgen sich mit ihnen beschäftigen und Lösungen für die psychologischen Schwierigkeiten zu entwickeln versuchen, zum Nutzen der allgemeinen Wissenschaft und der Psychotherapie. In den meisten Fällen besteht die Lösung in einer Neuausbildung, die eine Gehirnwäsche und eine längere Erholungspause nötig macht, bevor der Azi wieder in den Dienst geschickt wird. In einigen wenigen Fällen gibt es keine solche Lösung, kein Abhilfe schaffendes Psychoset, und eine Kommission qualifizierter Mitarbeiter kann keine menschlichere Lösung außer einer Eliminierung finden.

Doch zurück zu Ariane Emory: In ihrem Fall liegt das Hauptproblem in der möglichst exakten Wiederholung, dem ‘Kopieren’ des sozialen Umfeldes ihrer Genmutter, sind doch die äußeren Umstände nach Meinung der Wissenschaftler ebenso wichtig und prägend wie die Erbanlagen. Zum Glück bestehen genügend Aufzeichnungen von und über die alte Ariane Emory, die innerhalb des Reseune-Territoriums aufwuchs. Auch die junge, zweite Ariane wird innerhalb dieses Gebietes ihre Kindheit – und wahrscheinlich auch ihr restliches Leben – verbringen. Und sie wird dabei zunächst von den Armen einer Bürgerin behütet werden, von Jane Strassen, einer Verwandten der Mutter Arianes, deren Testergebnisse noch am ehesten eine Similität der Kindheit Arianes mit der ihrer genetischen Mutter garantieren.

Einige Jahre später ist aus dem Säugling ein kleines fesches Mädchen geworden, daß auf die Verantwortlichen Reseunes zwar den Eindruck erweckt, als wäre sie nicht ganz so durchtrieben wie ihre Vorgängerin in ihrem Alter, doch ist sie in Wahrheit nicht nur genauso clever, sondern erheblich cleverer – was sich nicht nur darin zeigt, daß sie diese Tatsache vor ihren Mitmenschen und vor allem vor ihren Testern verbergen kann. Bis zu ihrem siebenten Lebensjahr lebt Ari bei ihrer ‘Ersatzmutter’, welche sie für ihre leibliche Mutter hält. Als sie von ihr getrennt wird, geschieht dies, weil es auch der ersten Ariane so erging: Ihre Mutter starb, als Ariane sieben Jahre alt war. Die Psychologen vermuten, daß es wichtig für Aris Entwicklung sein könnte, diesen starken Trennungsschmerz ebenfalls zu erleiden, daß nur so eine wirkliche Similität hergestellt werden könne. Lediglich von einer Kinderpflegerin beaufsichtigt, beginnt die kleine Ari sichtlich stärker auf eigenen Beinen zu stehen, wird immer selbständiger und gewinnt im Laufe der Zeit einen ganz anderen Eindruck von Reseune und den Mächtigen dort, allen voran von ihren beiden Onkeln. Sie macht sich dabei ihre eigenen Gedanken, vertraut nur noch sich selber und zeigt gerade an den Personen das stärkste Interesse, die man ihr am meisten vorzuenthalten versucht; dies gilt vor allem für Justin und Grant Warrick. Doch Ari findet immer wieder eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ihnen. An ihrem achten Geburtstag werden ihr die beiden gleichaltrigen Azis Catlin und Florian geschenkt; der Verantwortung für deren ganz auf sie fixierten Leben soll sie sich in der Folgezeit gewachsen zeigen. Ein weiteres Jahr später darf sie in den von ihrer Gen-Mutter entworfenen und ehemals bewohnten Gebäudetrakt umziehen. Dort findet sie in einem nur ihr zugänglichen Büro einen Computer, der weit mehr ist als nur irgendein gewöhnlicher Datenanschluß: Von diesem Terminal aus hat sie eine Reihe von bevorzugten Zugriffsmöglichkeiten auf Daten, die Reseune, seine Projekte und sein Personal darstellen. Noch wichtiger aber ist ein interaktives Programm, welches die alte Ariane in das hauseigene System eingegeben, mit ihrem gesamten Wissen gespeichert und exklusiv mit diesem Anschluß gekoppelt hatte, so daß nur ihre ‘Tochter’ mit ihm arbeiten kann. So bekommt die junge Ari die Möglichkeit, mit der alten Ariane zu kommunizieren, sich mit deren Gedanken und Denkstrukturen auseinandersetzen, ihren Erlebnissen und daraus folgenden Ratschlägen und Erklärungen zu lauschen; sie erfährt, daß ihre Gen-Mutter sie schon sehr lange geplant und sich entsprechend darauf vorbereitet hatte. Im Laufe der variabel gestalteten Lektionen (was besagt, daß sie ihrem jeweiligen Alter und Wissensstand entsprechend immer mehr in Geheimnisse eingeweiht wird), dringt sie immer tiefer in die Gedanken und Gefühle der alten Ariane ein. Sie wird ihr immer ähnlicher; sie bekommt immer mehr das Gefühl, schon einmal gelebt zu haben; bald schon fällt es ihr schwer, von der alten Ariane so zu denken, als würde es sich dabei um eine andere Person handeln, nicht um sie selbst – in einer anderen, früheren Inkarnation. Sie fängt an zu glauben, daß sie bald sämtliche Verhaltensweisen ihrer Gen-Mutter verstehen und sogar teilen können wird. Nur in einer Sache stimmt sie mit ihr nicht überein: Als sie erfährt, daß die alte Ariane damals von den Militärs aufgefordert worden war, die Azis für das geheime Gehenna-Projekt zu konditionieren, daß sie über jedes Detail des Projektes informiert gewesen war, es unterstützt hatte, trotzdem sie über dessen Ausgang nicht im unklaren gewesen sein konnte, teilt sie in diesem Punkt zwar nicht die Meinung ihrer Vorgängerin, toleriert aber deren damalige Einstellung. Ari entwickelt sich immer mehr zu einer neuen, eigenständigen Persönlichkeit.

Sie vertieft sich immer stärker in ihre Arbeit, ist bald so weit, daß sie erste eigene Theorien aufstellt. Ihre Ergebnisse sind einige Jahre später schließlich so gut, daß ihr ein eigener kleiner Forschungsflügel eingerichtet wird, in welchem sie ihren eigenen Forschungen nachgehen kann. Sie bekommt eine Anzahl Helfer für Buchhaltung und Instandhaltung, und sie fordert, daß ihr auch Justin und Grant Warrick überstellt werden. Erst jetzt, im Alter von 14 Jahren, erfährt sie die Hintergründe, die zum Tode ihrer Gen-Mutter führten. Einige Zeit später deckt sie aufgrund der Informationen aus ihrem persönlichen Terminal einige Skandale in Bezug auf das Gehenna-Projekt auf und tritt damit in die politischen Geschehnisse ein, wird schließlich vor den Rat der Union zitiert, dort befragt, und erhält bereits im Alter von 15 den Status einer ‘Sonderperson’ verliehen. Als Geheimnisträgerin ist sie einigen Beschränkungen, vor allem was den Umgang mit Journalisten betrifft, unterworfen, bezieht aber trotzdem ihre eigenen politischen Standpunkte und mischt sich ein, wo immer es geht. Dies bringt ihr enorme Schwierigkeiten mit dem Rat der Union ein, allen voran mit ihren beiden Onkeln, welche noch immer Reseune und das Wissenschaftsamt leiten. Ari kann ihren Einfluß innerhalb Reseunes ausbauen und oponiert ganz offen gegen die Beiden. Das Geschehen wird immer dramatischer, erreicht einen ersten Höhepunkt im Tode Giraud Nyes, des Sicherheitschefs. Sein Bruder Denys Nye ist darüber so betrübt, daß er in eine Apathie verfällt, aus der ihn erst Aris Vorschlag, einen Klon von Giraud herzustellen, aufzuwecken vermag. Auf seine Frage hin, wie es sei, geklont zu werden, und ob man sich an frühere Ereignisse aus dem Leben seines Gen-Spenders erinnern könne, sieht sich Ari zu einer Notlüge genötigt und behauptet, daß sie sich ständig mehr wie ihre Vorgängerin fühle und sie sich sicher sei, wieder vollständig zu dieser zu werden. Denys ist einverstanden mit dem Klonen seines Bruders. Doch als Ari darauf besteht, daß außer Jordan und Grant auch noch Jordan Warrick, der aus seiner Verbannung zurückgeholt und rehabilitiert werden würde, an dem Cloning-Projekt mitarbeiten sollen, kumulieren die Ereignisse erneut, und Denys stirbt in einem Kugelhagel – wobei offen bleibt, ob er sein Ende nicht bewußt herbeigeführt hatte. Denn ihm war klar, daß er im Falle seines Todes genauso repliziert werden würde wie sein Bruder und wie Ariane; auf so wichtige und geniale Mitarbeiter will die Reseune-Corporation nicht verzichten – auch wenn die menschlichen und individuellen Werte des Einzelnen dabei auf der Strecke bleiben. Doch kann man Ariane oder einem der anderen Beteiligten diesen Griff nach relativer Unsterblichkeit verübeln?

An dieser Stelle enden (vorläufig) die Geschehnisse um das Reseune-Unternehmen, seinen Cloning-Projekten und den in ihnen verstrickten Personen, deren Leben kein Ende zu finden scheint.

Doch kann der Leser sicher sein, daß die Autorin den Gedanken der Re-Inkarnation mit Hilfe des Klonens in einem späteren Buch erneut aufgreifen wird, wenngleich die Darstellungsweise auch eine andere sein wird. Denn die Eigenheit Cherryhs ist es ja, alle ihre Erzählungen in demselben fiktiven Universum spielen zu lassen; sie benutzt dieses als Kulisse immer wieder, beleuchtet einmal geschehene Ereignisse immer wieder von einer anderen Seite, gewinnt ihnen so neue Aspekte und Erkenntnisse ab. Sie macht begreiflich, daß Geschehnisse, und trennen sie auch noch so viele Hunderte von Lichtjahren, immer in Beziehung zueinander stehen, daß die Schicksale einzelner Individuen niemals nur für sich allein betrachtet werden können, daß sie vielmehr miteinander verwoben sind. Alle ihre Erzählungen fügen sich harmonisch in ein Gesamtbild der Zukunft der Menschheit ein, bilden eine ‘Future History’. Auch die CYTEEN-Trilogie ist nur solch ein Mosaiksteinchen in diesem Universum – doch eines, in welchem sich, anders als in den bisherigen Teilchen, die heutigen gesellschaftlichen Probleme mit einer Zukunftstechnologie überdeutlich widerspiegeln. Denn das ‘Klonen’ ist heute bereits Wirklichkeit, wird aber erst morgen unser aller Leben verändern.

Die Idee der neuen Unsterblichkeit weckt sicherlich nicht nur eine Menge tiefsitzender Ängste in uns heutigen Menschen, sondern auch eine Reihe von Wünschen, und besonders wohl den, ‘gottgleich’ zu sein und dem Schicksal seine Geheimnisse zu entreißen. Die Gefahr dabei, daß das allgemeine Klonen der Menschen die Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit verändern würde, wird nur zu gerne übersehen und verdrängt: So würde zum Beispiel die ‘Familie’ in der uns heute geläufigen Form aussterben, ganz andere Formen zwischenmenschlicher Beziehungszusammenhänge entstehen; vor allem der Begriff der Elternschaft würde einer radikalen Neubestimmung unterworfen sein. Und auch die Sexualität hätte wohl nur noch wenig oder gar nichts mehr mit der Fortpflanzung zu tun. Am größten wäre aber die Gefahr, daß die zwischenmenschlichen Unterschiede, bei der geschlechtlichen Reproduktion aufgrund des Mischens der 46 verschiedenen Chromosomen gewährleistet, durch das Klonen verschwinden und eine Art ‘androgynes Wesen’ entstehen würde, das über keinerlei Geschlecht, geschweige denn ein Geschlechtsleben verfügt – der erste Schritt zu einer wahrhaften Similarität aller Menschen. Vielleicht wird es aber auch nur irgendwann keine Frauen mehr geben und die Kinder werden – ähnlich wie heutige Hühner – in speziellen Brutapparaturen gezüchtet. Doch viel wahrscheinlicher ist es, das in gar nicht so ferner Zukunft durch die Vorstellung, Leben gänzlich ohne Spermien zu erschaffen, Verwirrung und Vorurteile zumindest bei dem männlichen Teil der Bevölkerung entstehen werden, daß sich in seiner Vormachtstellung bedroht sieht13*. Es ist wohl offensichtlich, daß, wenn die Funktion der Spermien durch einfache chemische oder physikalische Wirkstoffe ersetzt werden kann, die nächste Generation von Wissenschaftlern so manche männliche Funktion durch Silikonteile ersetzen wird, ersetzen müssen wird – wie dies heute bereits bei Schönheitsoperationen an weiblichen Brüsten zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Aber es ist wohl nicht nur der Gedanke, sein eigenes Leben zu verlängern, was das Klonen für viele Menschen so reizvoll macht; oft ist es mehr eine Art ‘Selbstliebe’, der versteckte Narzißmus, der seine Wirkung zeigt. Denn auch der Narzißmus spielt eine Rolle bei dem Gedanken, sich klonen zu lassen, ein Spiegelbild seiner selbst zu erschaffen14*. Dem Menschen ist es eigen, etwas ‘zu schaffen’, ein künstlerisches Werk, eine wissenschaftliche Entdeckung, um so bei der Nachwelt nicht restlos in Vergessenheit zu geraten. Eine ähnliche Rolle hat auch die Funktion, daß sich Eltern durch ihre Kinder reproduzieren, um sich auf diese Weise ihre Träume zu erfüllen. Dies mag zwar den Kindern nicht immer gefallen, da sie ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln wollen, aber für Mutter und Vater ist ihr Nachwuchs dennoch Teil des Strebens nach Unsterblichkeit. Den Tod durch die Zeugung vieler Kinder und Enkelkinder zu bekämpfen ist dabei eine symbolische Parabel zu dem Wunsch, sich klonen zu lassen, ein, oder besser noch, viele Doubles seiner selbst zu zeugen. Die Verehrung der Jugend in unserer Gesellschaft, die vom Konsum von Kosmetika bis zum Gesichtslifting reicht, ist dabei nur ein Teil des uralten Wunsches nach Verjüngung, Spiegelbild des Traumes, den Tod hinauszuschieben oder ihn gar zu überwinden. Allenthalben werden Männer in mittleren Jahren gesichtet, die enge Jeans und Turnschuhe wie Teenager tragen – und das nicht unbedingt, weil sie bequemer sind -, und auch die vielen Frauen, welche diverse Tinkturen gegen jegliche Art von Falten benutzen, sind lange schon zu einem integralen Bestandteil unserer Konsumgesellschaft geworden.15**

Überall auf dieser Welt kann man dieser Selbstliebe begegnen, diesem Traum von der ewigen Jugend, der sich nun auch im Gewand des Klonens unserer Gedanken bemächtigt. Doch die Erfüllung dieses Traumes wird den heute Lebenden nach Meinung der meisten Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, noch nicht möglich werden – nach Meinung vieler Biologen sogar niemals. Den Hauptgrund, weswegen das Klonen eines Menschen für immer Science Fiction bleiben wird, sehen viele Wissenschaftler in dem fundamentalen Unterschied der embryologischen Entwicklung zwischen Säugetier und Amphibien. Diese Unterschiede reflektieren die sehr verschiedenen Umgebungen, in welcher sich Embryos dieser beiden Spezies entwickeln: Die gesamte Entwicklung eines Amphibienembryos, selbst im Stadium der Befruchtung, geschieht in vitro – außerhalb des weiblichen Elternteils16*.

Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Ei eines eine Placenta entwickelnden Säugetiers: Das Ei des Warmblüters ist im Gegensatz zu dem der Amphibie sehr viel kleiner, denn es benötigt nur Nährstoffe bis zur 64zelligen Teilung, danach wird es über die mütterliche Placenta mit allem Nötigen versorgt. Daher fallen auch die Beobachtungen, Experimente sowie das Einfügen eines Kernes in das menschliche Ei sehr schwer, verlaufen doch alle fundamentalen Stadien innerhalb des Eierstocks.

Zwar ist es bereits möglich, den Menschen im Reagenzglas, also außerhalb des Uterus, zu zeugen – die vielen Retorten-Babys sind dafür lebender Beweis -, doch das Einfügen eines Kerns in das menschliche Ei ist bisher noch nicht möglich und gehört wohl noch einige Zeit in den Bereich der Wissenschaftlichen Phantastik. Doch wie lange wird es noch dauern, bis auch dies möglich werden wird? Die Geschichte der Wissenschaft lehrt uns ja, niemals nie zu sagen.

Was also wird geschehen, wenn eines Tages doch die Möglichkeit besteht, einen Menschen zu klonen? Werden die Wissenschaftler, die dann dazu in der Lage sind, dieser ungeheuerlichen Versuchung widerstehen können, wie sie derzeit immer wieder in unzähligen Talkshows und sonstigen publikumswirksamen Redeveranstaltungen nicht müde werden, zu beteuern? Darüber in der nächsten Zukunft intensiver nachzudenken, gehört sicherlich zu den vordringlichsten Aufgaben der heutigen Gesellschaft. Die Science Fiction kann hierzu zwar eine Menge an Vorarbeit leisten, indem sie mögliche gesellschaftliche Modelle im Kontext mit der neuen Wissenschaft ‘Klonen’ durchspielt, die Diskussion in der breiten Öffentlichkeit und die daraus resultierenden politisch-soziologischen Entscheidungsprozesse wird sie uns jedoch nicht abnehmen können.

Anmerkungen:
1*.CYTEEN: DER VERRAT
(Cyteen: The Betrayal, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4710.
445 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.

CYTEEN: DIE RECHTFERTIGUNG
(Cyteen: The Vindication, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4712.
458 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.

CYTEEN: DIE WIEDERGEBURT
(Cyteen: The Rebirth, 1988)
Wilhelm Heyne Verlag, München 1990.
Heyne Science Fiction & Fantasy 06/4711.
461 Seiten. DM 10,80.
Deutsch von Michael K. Iwoleit.
2*. Eine Zelle, die so jung ist, daß sie sich noch nicht spezialisieren konnte.
3**. Das Äquivalent zum Weißen in einem Hühnerei.
4***. Das Cytoplasma erkennt, daß im Ei 46 Chromosomen vorhanden sind, und regt die Zellteilung an.
4*. Eindrucksvoll wurden die Folgen solch einer Vorgehensweise in dem Film Blade Runner dargestellt, in welchem ‘Replikanten’, künstliche Menschen, gejagt werden, weil sie ihr
begrenztes Leben verlängern wollen -  und damit entgegen den Anweisungen ihrer Schöpfer, den Gen-Ingenieuren eines globalen Konzerns, handeln, die ihnen aus wirtschaftlichen Gründen nur eine Dreijahresfrist ’schenkten’.
5*. Siehe hierzu den Roman von Norman Spinrad: The Iron Dream, 1972 (dt: “Der stählerne Traum”, HSF 3783), in welchem ein faschistisches Regime, das eine erschreckende Ähnlichkeit mit den Nationalsozialisten aufweist, Nachkommen des großen Führers zur Reinerhaltung der Rasse klont.
6*. David M. Rorvik: In His Image (dt. “Nach seinem Ebenbild”, Frankfurt 1981).
7*. Bedingt durch das Hobby der Autorin, dem Konstruieren dreidimensionaler Sternenkarten, dürften diese Annahmen durchaus als Entsprechung wirklicher, vorhandener Sternenkonstellationen zu sehen sein.
8*. Geschildert werden diese Ereignisse in dem Roman Downbelow Station (1981, dt. “Pells Stern”, HSF 4038).
9**. Erzählt in Merchanter’s Luck (1982, dt. “Kauffahrers Glück”, HSF 4040).
10*. Geschildert werden diese Ereignisse in den vier zum Chanur-Zyklus zählenden Bänden: The Pride of Chanur (1981, dt. “Das Schiff der Chanur”, HSF 4039), Chanur’s Venture (1984, dt. “Das Unternehmen der Chanur”, HSF 4264), The Kif Strike Back (1985, dt. “Die Kif schlagen zurück”, HSF 4401), Chanur’s Homecoming (1986, dt. “Die Heimkehr der Chanur, HSF 4402).
11*. 40000 in Gehenna (1983, dt. “40000 in Gehenna”, HSF 4263).
12*. Dies sind Psychobänder, die auf tiefensuggestive Art das Unbewußte des Benutzers prägen, seine Einstellung zu bestimmten Dingen festlegen.
13*. Gelten doch gerade die Spermien des Mannes in unserer Gesellschaft als letzte biologische Entsprechung von Männlichkeit, nachdem bei neuesten Entdeckungen im sexualwissenschaftlich-biologisch-medizinischen Bereich nun auch der Frau eine prostataähnliche Drüse, außerdem ein fleischiges Äquivalent zur männlichen Eichel im Bereich der Harnröhrenöffnung sowie die Fähigkeit zur Ejakulation zugesprochen wurde. Siehe Josephine Loundes Serely: Eve’s Secrets (1987, dt. “Evas letzte Geheimnisse”, Knaur 4026).
14*. nach der griechischen Mythologie war Narziß ein schöner junger Mann, der vor lauter Verliebtheit in sein eigenes Spiegelbild, das er in einem Bach erblickte, ins Wasser fiel und ertrank.
15**. Die Gründe für solch eine Zeit-Überlistung, die in unserer heutigen Wirtschaftsordnung ihren exemplarischen Ausdruck gefunden haben, werden dargestellt von Hans Christoph Binswanger in: Geld und Magie (1985, Edition Weitbrecht), in welchem er nachweist, daß der moderne Wirtschaftsprozeß nur eine “Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln” ist.
16*. So legt zum Beispiel die Froschmutter ein Ei, ein Froschvater kommt des Weges und legt etwas Sperma daneben, und so geschieht im Freien die Befruchtung.

Titel bei Amazon.de
Cyteen: Der Verrat. Erster Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Cyteen: Die Wiedergeburt. Zweiter Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Cyteen: Die Rechtfertigung. Dritter Roman des Cloning- Projekts Ariane Emory.
Geklont. Die Cyteen – Trilogie in einem Band.

Nach seinem Ebenbild
Nach seinem Ebenbild. Der Genetik – Mensch. Fortpflanzung durch Zellkern- Transplantation.
Ein Sohn nach seinem Ebenbild – Das Klon-Kind Uli
Der Pell Zyklus – Die Company Kriege in 8 Bänden (Pells Stern – Kauffahrers Glück – 40.000 in Gehenna – Yeager – Schwerkraftzeit – Höllenfeuer – Tripoint – Pells Ruf)
Pells Stern. Science Fiction- Roman.
Der frühe Chanur Zyklus (Das Schiff der Chanur – Das Unternehmen der Chanur – Die Kif schlagen zurück – Die Heimkehr der Chanur)
Das Schiff der Chanur.
Das Unternehmen der Chanur. Zweiter Roman des Chanur- Zyklus.
Die Kif schlagen zurück. ( Dritter Roman des Chanur- Zyklus).
Die Heimkehr der Chanur. Vierter und abschließender Roman des Chanur- Zyklus.
Chanur Zyklus (Das Schiff der Chanur – Das Unternehmen der Chanur – Die Kif schlagen zurück – Die Heimkehr der Chanur – Chanurs Legat)
Chanurs Legat. Erster Roman des späten Chanur- Zyklus.
Vierzigtausend in Gehenna.

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DAS LIED DER SIRENE – Science-Fiction-Story von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 7. April 2009

DAS LIED DER SIRENE

Science-Fiction-Story

von

Werner Karl

Miguel stand ganz still. Alles um ihn herum war still. Jetzt. Vor – 1 Stunde? – war es ganz anders gewesen. Aber jetzt war es wirklich ruhig. Fast friedlich. Die Sonne strahlte zwar noch ihr grüngelbes Licht herab, aber den Strahlen fehlte längst die Wärme, geschweige denn die Hitze, die sie am Tag in voller grüner Pracht auf den Planeten ergossen hatte. Und trotzdem glühte Miguels Körper noch. Zu lange hatte der Kampf gedauert. Kampf. Was für ein lächerliches Wort für das erbarmungslose Schlachten, das er überlebt hatte. Er war völlig erschöpft, die Muskeln verkrampft und sein Waffenarm hing kraftlos herab. Es fehlte nur noch ein winziges bisschen, um ihn die Waffe entfallen zu lassen. Aber noch hielt er sie in seiner Faust. Vielleicht war da ja doch noch ein Gegner, der ihn zu guter letzt anfallen könnte. Aber es war niemand in seiner Nähe. Weder Freund noch Feind.

Miguel sah nach oben. Der Nacken tat ihm dabei weh. Seine Muskeln waren völlig verspannt, aber das störte ihn nicht. Der Himmel war überzogen mit blassen, grünen Schlieren, wundervollen Pastellfarben. Wenn er ein Maler gewesen wäre, hätte er niemals diese Farbkombination gewählt, sie wirkte zu unnatürlich auf ihn. Aber er war ja auch nur ein Mensch, der nicht auf diesen Planeten gehörte. Trotzdem hätte er sich an den Anblick gewöhnen können. Vor einigen Wochen war er mit seiner Einheit gelandet und sofort fühlten sie sich angenehm berührt von der traumhaften Landschaft, den vielfältigsten Pflanzen und Tieren, die samt und sonders ungewohnt, aber vertrauenswürdig wirkten. Es war Miguel nicht ein Bericht in die Finger oder zu Ohren gekommen, der nicht in den höchsten Tönen die Friedfertigkeit der örtlichen Fauna und Flora gepriesen hätte. Ein Paradies. Wirklich friedlich. Wenn man die unzähligen Toten ignorieren konnte, die ringsum, dicht an dicht, oft übereinander gefallen bis zum Horizont lagen. Hier lagen sie: Freund und Feind, oft eng umschlungen wie Liebespaare, aber nicht in Wonne verzückten Posen, sondern in schrecklich verzerrten Stellungen, manchmal nur durch die Waffen miteinander verbunden, die ihnen gegenseitig den Tod gebracht hatten. So weit seine Augen die Gegend überblicken konnten, regte sich nichts mehr. Er war der einzige Überlebende.

Als er etwas später in einiger Entfernung doch eine vage Bewegung wahrnahm, schöpfte er kurz Hoffnung, aber es war kein Verletzter oder weiterer Kämpfer, der die grauenvolle Schlächterei überstanden hatte, sondern nur ein paar Krähen ähnlichen Flugtiere, die begannen, den Toten die Augen auszupicken. Unwillkürlich hatte Miguel einen kleinen Schritt getan, aber wieder angehalten. Warum sollte er die Viecher davon abhalten? Kaum, dass er sich umdrehen würde, kämen sie erneut angeflogen, um ihr Mahl fortzusetzen. Also ließ er sie gewähren. Er hätte auch nicht die Energie aufgebracht, sie anhaltend zu vertreiben, von der dazu notwendigen Kraftanstrengung ganz zu schweigen.
Er sah an sich herab. Der Kampfanzug war an vielen Stellen beschädigt, aber noch funktionsfähig. Die Sperrfelder hatten ihn sicherlich vor Hunderten kleinerer Wunden bewahrt, die ihm den Lebenssaft gekostet hätten, ohne das er es in der Hitze des Gefechtes bemerkt hätte. Schließlich war das die Hauptaufgabe der Schutzfelder. Trotzdem hatte es der Gegner vermocht, einige Funktionen des Anzuges zumindest so zu beeinträchtigen, dass er das blinde Vertrauen, das er normalerweise solchen Anzügen entgegen brachte vergessen konnte. Aber es zeigte sich niemand, gegen den er in seinem leicht ramponierten Anzug hätte antreten müssen.

Sein Blick blieb an seinen Beinen hängen, denn die Füße, die in schweren Kampfstiefeln steckten, sah er nicht mehr. Eine Hand breit über seinen Knöcheln hörte die braune Farbe des Leders auf und wechselte abrupt in dunkles Rot über. Wie ein Pegelstand eines über die Ufer getretenen Flusses erschien ihm die konturscharfe Grenze zwischen Braun und Rot. Wie viel Hektoliter Blut wohl heute auf diesem Schlachtfeld vergossen wurden? kam ihm die Frage in den Sinn. Völlig unwichtig, jeder einzelne Tropfen war zuviel. Er dankte Gott, dass von seinem eigenen Blut nur sehr wenig dazu beitrug, ihm bis über die Knöchel zu reichen. Wieder machte er einen zaghaften, fast prüfenden Schritt. Mit fast neugierigem Erstaunen beobachtete Miguel, wie das Häutchen aus geronnenem Blut zerriss. Wie lange stand er wirklich schon hier?

Mit dem letzten, was er an Antriebskraft mobilisieren konnte, zwang er sich, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Es war gleichgültig, in welche Richtung er ging, denn längst hatte er die Orientierung verloren. Wahrscheinlich hatte er dies schon in den ersten Minuten des Kampfes. Im Augenblick wollte er nur noch das Schlachtfeld verlassen, um seinen Augen endlich einen anderen Anblick zu gönnen. Seinem Gehirn würde er nicht so einfach andere Bilder verschaffen können. So stapfte er also los, mehr taumelnd, als gezielt schreitend. Die ersten paar Dutzende Meter versuchte er noch, zwischen die Leichen zu treten, was schwierig war, da alles gleich rot von Blut überströmt und glitschig war. Nach dem zweiten Ausrutscher, der ihn ebenfalls von oben bis unten rot färbte, achtete er nur noch darauf, einen sicheren Tritt zu finden. Auf was er trat, versuchte er zu ignorieren und richtete seinen Blick Halt suchend an den Horizont. Nach etwas länger als einer halben Stunde hatten sich die Schleier in seinem Gehirn so weit aufgeklart, das ihm sein Anzugkompass einfiel und beschämt sah er drauf. Gesplittert. Na schön. Also weiter in die eingeschlagene Richtung. Fast war er froh darüber, dass der Kompass demoliert war. So brauchte er nicht weiter darüber betroffen zu sein, nicht eher an das nahe liegende gedacht zu haben. Und das Gelände hatte keine markanten Punkte, die ihm den Weg zur Basis weisen konnten.

Die Sirene hatte den Feind lange entdeckt, bevor dieser sich schwerfällig in Bewegung setzte. Es hatte keinen Sinn, ihn jetzt anzugreifen, da sie zu weit weg war und das Gelände fast keine Deckungsmöglichkeiten bot, um sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen. Sie sah ihm an, dass er schwer angeschlagen war und vielleicht ohne große Gefahr zu erledigen wäre, aber das war ihr nicht sicher genug. Sie musste absolute Gewissheit haben, dass sie eine Auseinandersetzung überleben würde, da sie selbst in dieser Schlacht auch die letzte überlebende Sirene war. Dutzende ihrer Art waren vom Feind getötet worden, ohne dass dieser überhaupt ahnte, welcher Gefahr er damit entging. Zu sehr war der Feind damit beschäftigt gewesen, die Diener der Sirenen hinzumetzeln und von ihnen ebenfalls massakriert zu werden. Ohne Bedauern blickte die Sirene auf das blutüberströmte Schlachtfeld, das sich von einem Ende der Ebene zum anderen erstreckte. Sie hatte keinen Blick für die verstümmelten Leichen, abgetrennten Körperteile, die verbrannten, zerstochenen und zerrissenen Leiber des Feindes und ihrer eigenen Kämpfer. Schließlich waren die Diener der Sirenen dafür da, speziell für diesen Zweck geschaffen worden.
Der letzte Gegner schleppte sich gerade über die Kuppe einer leichten Anhöhe und verschwand langsam dahinter. Aber das machte ihr keine Sorge, da sie seinen Geruch noch über viele Kilometer hinweg wahrnehmen konnte. Sie setzte sich ebenfalls in Bewegung und konzentrierte ihre Sinne dabei auf die Richtung des Windes. Sie musste unbedingt einen Weg einschlagen, der sie in eine Linie mit der Luftströmung und der Position des Feindes brachte. Wenn sie dies erreichte, bevor der Feind sich in seine Basis zurückziehen konnte, hatte sie bereits gewonnen.

Miguel indes hatte auf seinem Marsch einen Punkt der Erschöpfung erreicht, in dem er einzelne Schritte nicht mehr bewusst tat, sondern sich in einem katatonischen Zustand befand. Seine Waffe hatte er längst unter Aufbietung seiner letzten Reserven auf den Rücken geschoben. Fast war es ihm gleich, dass er damit riskierte, vom Feind überrascht zu werden und nicht mehr rechtzeitig die Waffe abfeuern zu können. Einmal vergaß er, den Weg vor sich zu prüfen und fiel der Länge nach hin. Ohne die Hände zur Dämpfung des Falles zu gebrauchen, schlug er auf. Sein Glück war, das trotz des Randes des Schlachtfeldes, das er mittlerweile erreicht hatte, die Leichen immer noch so dicht lagen, das er mit dem Kopf auf den Bauch eines Menschen stürzte und weich abgefedert wurde. Seine Hände tapsten kraftlos umher und so rutschte er vom Körper des Mannes herab und tauchte halb im Matsch aus Erde, Blut und anderen eklig riechenden Resten des Kampfes ein. Nur der angeborene Reflex rettete ihn davor in der schleimigen Brühe zu ertrinken, doch damit war auch die letzte Portion an Adrenalin verbraucht und Miguel fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Triumph lag in den Augen der Sirene, als sie das halbe Schlachtfeld umrundet hatte und nun den Wind im Rücken spürte. Sie konnte den Feind zwar nicht mehr sehen, aber er musste sich jetzt in gerader Linie vor ihr befinden, da sie seine Spur ein Stück verfolgt hatte. Anhand vieler winziger Details hatte sie einen recht guten Eindruck über seinen Zustand. Männlich, unverletzt, völlig erschöpft und stur geradeaus marschierend. Es musste ein Exemplar mit eisernem Willen sein, denn trotz seiner Schwachheit verlief sein Weg wie ein Strahl aus einer Ionenwaffe.
Gut. Je besser das Material, desto eher der endgültige Sieg. Ihr eigener Zustand war ähnlich, wenngleich sie eine kleine Verletzung am linken hinteren Flügel hatte, die aber bereits am Verheilen war. Sie überlegte, ob sie jetzt versuchen sollte ihn einzuholen, wo er noch kraftlos war, um ihn dann aufzupäppeln, oder ob sie ihm Gelegenheit ließ, sich ein wenig zu erholen. Beides hatte Vor- und Nachteile, war verlockend oder hatte seine Risiken. Auf jeden Fall würde er ihr nicht mehr entkommen. Sie war stärker als er. Und sie brauchte nicht eine Basis zu erreichen, um zu überleben. Ganz im Gegenteil. Dieser letzte Feind garantierte ihr Überleben. Und wenn alles gut ausging, garantierte es seinen Tod. Und den seiner Spezies.

Miguel erwachte und sofort stieg ihm der Gestank in die Nase. Noch bevor er sich erheben konnte, drehte sich sein Magen und mit harten Stößen kotzte er das bisschen heraus, was noch darin gewesen war. Mit verächtlichem Grunzen wischte er mit der behandschuhten Rechten das Erbrochene von seiner Brust und richtete sich in Sitzposition auf.
Er sah schrecklich aus. Die Schicht aus Dreck, Blut, Erbrochenem und feindlichen, wie auch menschlichen Ausscheidungen bedeckte ihn von Kopf bis Fuß. Wieder würgte ihn der fürchterliche Gestank, der vom Mittelpunkt des riesigen Schlachtfeldes zu ihm herüber wehte. Aber auch wenn kein Wind ginge, er selbst produzierte genug abstoßenden Geruch, um jedem den Magen umzudrehen. Aber außer ihm war niemand mehr da. Und sein Magen war längst leer. Fast automatisch zog er mit der Linken seine Waffe am Lauf unter der Achsel hervor und begann, die Ladeanzeige und Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Die Waffe war nur zu einem Viertel geladen aber OK. Außerdem hatte er noch zwei Vibratormesser, eine Giftgasgranate und die kleine Nadelpistole mit vollem Magazin, die ihm aber nichts helfen würde, da sie beim Gegner nur mehr Aggressivität auslöste, als ihn ernsthaft zu verletzen. Mit hämischem Grinsen dachte er an die Waffentechniker, wenn er ihnen das Ding vor die Füße schmeißen würde. Wenn er in die Basis kommen würde. Zu viele wenn’s, dachte er und hob vorsichtig den Kopf.

Während er einen direkten Rundumblick machte, nestelten seine Hände am Ausrüstungsgürtel herum und fischten das auseinander faltbare Fernglas heraus. Er setzte es an die Augen und stellte mit dem rechten Daumen die Farbfilter neu ein, die sich ein wenig verstellt hatten. Die sattgrüne Beleuchtung wechselte die Tönungen, während er langsam den Finger am Rad drehte. Bald zu Beginn der Erforschung des Planeten waren die Optiker auf die Methode gestoßen, dass sich hier bestimmte Geländeformationen und Tiere mit variierenden Farbfiltern besser entdecken ließen. Es hatte ihnen tatsächlich kurz vor der Schlacht gezeigt, dass sie eingekreist waren. Vielleicht wäre die Schlacht eher zu Ende gewesen, wenn sie die Umklammerung durch den Feind nicht rechtzeitig erkannt hätten. Schlussendlich genutzt hatte es nichts. Miguel schob diese Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Bild, das sich seinen Augen bot. An Zahl und Größe zunehmende Anhöhen lösten die fast völlig flache Ebene ab, aus der er kam. In weiterer Distanz waren sogar zwei, drei kleinere Hügel und ein Berg zu sehen, dicht bewachsen mit exotisch anmutenden Pflanzen, deren Duft er manchmal zwischen den Schwaden aus Blutgestank zu riechen glaubte. Sein eingeschlagener Weg, von dem er ja nicht einmal mehr wusste, ob er richtig war, führte seitlich an den Hügeln vorbei, mitten durch eine dünn bewachsene Steppe. Wenig anziehend. Da konnte er genauso gut die Richtung durch die Hügel ansteuern, vielleicht fand er ja eine Quelle, einen Bach oder gar einen kleinen See, in dem er sich waschen konnte.

Die Sirene bewegte sich nicht. Der Mensch vor ihr hatte eine Zeitlang geschlafen oder war bewusstlos gewesen. Trotzdem hatte sie sich ihm nicht genähert. So hatte die Sache keinen Sinn. Sie brauchte für ihre Zwecke einen ausgeruhten, ja kräftigen Gegner. So kräftig und erholt, dass sein Unterbewusstsein sich mit einem anderen Grundbedürfnis als Überleben und Nahrung befassen konnte. Aber noch war es nicht so weit. Ihm fehlte, wie ihr selbst auch, Wasser, Nahrung, Ruhe. Und etwas Zeit. Sie beobachtete den Mann und tastete mit ihren Sinnen ganz zart nach seinen Gedanken. Der erste Kontakt war immer der schwierigste, da eine Sirene nicht wusste, auf welchen Geist sie stoßen würde. Primitiv oder intelligent, wachsam oder phlegmatisch. Es gab Tausende verschiedener Spezies und darüber hinaus unendlich viele individuelle Varianten. Die Sirenen hatten bei ihren Reisen durch den Raum festgestellt, das der überaus größte Teil fremder Intelligenzen leicht bis mittel schwierig zu beeinflussen war, nur sehr wenige Rassen machten ihnen ernsthafte Probleme. Und es war in der vieltausendjährigen Geschichte ihres Volkes noch nie vorgekommen, dass eine Spezies völlig resistent gegen die Einflüsse der Sirenen war. Die Menschen gehörten zu den Rassen, bei denen es zwar schwierig, aber nicht problematisch war. Solange die Zielperson nicht gewarnt oder misstrauisch wurde. Dann benötigte es schon zweier oder bei ganz hartnäckigen Exemplaren vielleicht drei Sirenen, um das Ziel zu erreichen. Ganz vorsichtig schickte sie erste, nebelhafte Berührungen in den Geist des Mannes. Könnte man ihre Bemühungen in stoffliche Begriffe umsetzen, müsste man die samtige Weichheit schmusender Katzenpfoten um ein tausendfaches verringern, um den Grad ihres Erstkontaktes zu beschreiben.

Miguel spürte nichts davon und hatte deswegen in diesem Moment schon verloren. Zum einen, weil er nicht damit rechnete, dass jetzt noch ein Feind in der Nähe sein könnte. Zum anderen, weil er nichts von der Existenz der Sirene oder deren Rasse wusste. Er hatte nur deren Diener kennen gelernt und ahnte nichts davon, dass sie nur Sklaven eines viel gefährlicheren Gegners darstellten. Seine Gedanken kreisten um die Frage, in welcher Richtung er am ehesten Wasser finden könnte. Zwar hatten sie bei der Landung auf dem Planeten Aufnahmen gemacht, aber er hatte keine Karte erhalten. Er war schließlich kein Offizier, sondern nur einfacher Infanterist. Das wenige, was er noch aus der Grundausbildung wusste, war, dass in höheren Geländeformationen die Chance auf Quellen zu stoßen größer war, als in relativ flachem Gelände ein Wasserloch oder gar einen See zu finden. Also ging er auf die Hügelgruppe zu. Die Dreckschicht an ihm war längst getrocknet und löste sich in Zentimeter großen Stücken. Ab und an wischte er über juckende Stellen und befreite sich nach und nach vom schlimmsten Schmutz. Trotzdem fühlte er in sich weiterhin Ekel vor dem Gemetzel und dem Zustand, in dem er sich befand. Je näher er den Hügeln kam, desto schneller wurden seine Schritte. Fast schien es so, als könne er wie ein Tier das Vorhandensein von Wasser riechen. Miguel war nicht übermäßig intelligent, aber auch bei weitem nicht dumm. Nach etwa einer halben Stunde wurde ihm sein Verhalten klar und er musste über sich selbst grinsen. Gleichzeitig stellte ein anderer Teil seines Gehirns völlig nüchtern fest, dass er nach all dem Blutbad, dem Verlust aller seiner Kameraden, dem Tatbestand, dass er womöglich der letzte Mensch auf diesem Planeten sein könnte fest, dass er bereits anfing, das erlebte Grauen zu verarbeiten.

Vielleicht ist es aber nur eine von der Natur gegebene Schutzfunktion unseres Gehirns, Schreckliches zu verdrängen und nach individuell verschiedener Zeit sogar zu vergessen, dachte er. Wahrscheinlich ist dies ein elementarer Bestandteil des Grundbedürfnisses Überleben. Für einen Moment fühlte Miguel so etwas wie Stolz in sich. Stolz darauf, als einziger die Schlacht überlebt zu haben. Nicht die Superkämpfer, nicht die Elitesoldaten und schon gar nicht die Lamettaträger. Nein, er, der kleine, aber hartnäckige Infanterist hatte es geschafft. Und noch etwas nährte seine Empfindung: Die Tatsache, dass er, als Vertreter einer raumfahrenden, hochtechnisierten Zivilisation immer noch fähig war, Urinstinkte wahrzunehmen. Seine Freude steigerte sich um ein beträchtliches Stück, als er zweieinhalb Stunden später am Rand eines kleinen, aber blitzsauberen Sees stand. Er machte sich tatsächlich die Mühe, seinen Kampfanzug und sämtliche Kleidung abzulegen, bevor er in das erfrischend kalte Wasser stieg.

Das geflügelte Wesen, das die Sirene im Augenblick darstellte, lies keinen Blick von dem Mann, als dieser sich entkleidete und in den See ging. Sie ließ ihm ausreichend Zeit, sich gründlich zu reinigen und seinen Durst zu stillen. Nur ganz behutsam wob sie das Netz aus feinsten Fäden des Kontaktes zu einer spinnfadendünnen, aber dauerhaften Verbindung. Sie spürte seine Freude, sein Wohlbefinden, als er Schluck für Schluck seinen Wasserbedarf deckte. Sie versuchte mit vorsichtigen Strömungen seine Euphorie zu erhalten. Fast hätte sie sich, angesichts ihres sichtbaren Erfolges, dazu hinreißen lassen, ihn schon jetzt stärker zu beeinflussen. Aber dann hielt sie sich zurück. Zu wichtig war jetzt ihr weiteres Vorgehen. Zu entscheidend im Krieg gegen die Menschheit der nächste Schritt.
Als der Mann endlich mit glücklichem Gesichtsausdruck das Wasser verließ, bereitete sie den nächsten Akt des Dramas vor. Mit schlangenhaftem Blick und eiskalter Berechnung registrierte sie sein erschöpftes Zusammensinken neben dem Haufen dreckiger Kleidungsstücke und blutverschmierter Ausrüstung. Mit unendlicher Geduld wartete die Sirene, bis er in einen tiefen, der Bewusstlosigkeit nahen Schlaf versank. Erst dann näherte sie sich fast übertrieben leise ebenfalls dem See und trank selbst.

Auch sie hatte ein Bad nötig. Aber die Beschaffenheit ihrer Körperoberfläche, die nichts mit Haut, Fell oder Gefieder zu tun hatte, ermöglichte ihr es, diesen lästigen Akt der Reinigung auf einen extrem kurzen Zeitraum zu beschränken. Dabei behielt sie ständig den Mann in Augenschein und parallel dazu in telepathischem Kontakt. Sie überwachte seinen Schlaf, das Auf und Ab seines Geistes von leichten Perioden, nervösen Alpträumen, bis hin zu den Tiefschlafphasen. Mit einer Mischung aus Verachtung und Überlegenheit vermerkte sie den erstaunlich hohen menschlichen Bedarf an Schlaf. Zugegeben, nach dieser Schlacht sehnte sie sich auch nach Ruhe, aber diese Spezies benötigte viel mehr Erholung, als ihre eigene. Sie ließ sich ohne Furcht direkt neben ihm nieder und studierte seinen Körper. Die Sirene hatte keine Angst, dass er womöglich überraschend aufwachen und sie angreifen könnte. Zu stark war schon die Bindung an sein Bewusstsein, zu intensiv die Beobachtung seiner Körperfunktionen, als dass sie nicht rechtzeitig vor seinem Erwachen gewarnt wäre. Behutsam drang sie tiefer in sein Gehirn ein, während sie sich selbst in das Vorstadium der Metamorphose versetzte. Dieses frühe Stadium der Wandlung war immer ein Schwachpunkt, aber auch ihr einziger. Doch jetzt bestand keinerlei Gefahr. Der Gegner schlief tief und fest und sie hatte sehr viel Zeit, sich vorzubereiten.

Als Miguel erwachte, fühlte er sich wie neu geboren. Ein Blick auf sein Chrono verriet ihm, dass er mehr als 15 Stunden geschlafen hatte. Es musste also längst ein neuer Tag sein, denn das blassgrüne Sonnenlicht zeigte keine Spuren von Morgendämmerung mehr. Er setzte sich auf und schnappte sich in einer antrainierten automatischen Bewegung seine Waffe. Noch bevor er sie in Anschlag gebracht hatte, verwarf sein Gehirn die Möglichkeit unmittelbarer Gefahr. Es erschien ihm unsinnig, 15 Stunden hilflos dazuliegen, um just in dem Moment, wenn er erwachte, angegriffen zu werden. Also verlegte er sich darauf, nach allen Seiten zu sichern, während er die paar Schritte zum See zurückging.

Mit der linken Hand schöpfte er erneut Wasser zum Mund, während seine Rechte die Waffe hielt. Als er sich satt getrunken hatte und danach in geduckter Haltung zu seinem Kampfanzug zurückging, kam ihm sein Verhalten lächerlich vor. Weit und breit regte sich nichts. Nicht einmal Tiere waren zu sehen und dies erschien ihm schon wieder ungewöhnlich, da ja auch sie den kleinen See als Tränke nutzen würden. Mit selbstironischem Grinsen fummelte er eine Kampfration aus dem Gürtel seines Anzuges und stopfte sich die kleinen Riegel nach und nach in den Mund. Er hatte mehr als die Hälfte seines Vorrates verbraucht, als er endlich satt war. Vielleicht hätte ich es mir besser eingeteilt, dachte er, schob sich aber wie zum Trotz noch einen weiteren Konzentratriegel in den Mund. Schließlich konnte es nicht zu weit zur Basis sein. Er ging einfach davon aus, dass wenn er die Basis nicht fand, deren Besatzung ihn finden würde. Warum hörte er nicht längst das Summen eines Atmosphärengleiters oder zumindest eines Bodenfahrzeuges? Kam denn niemand, um zu sehen, wie die Schlacht ausgegangen war? Oder hatte man angesichts der Tausenden Leichen die Suche nach möglichen Überlebenden erst gar nicht gestartet?
In diesem Moment sah er die Frau.

Die Sirene spürte seine Verwirrung und beeilte sich, ihm beruhigende Empfindungen zu senden. Eingebettet in die Strömungen ihres Geistes legte sie vage Andeutungen, angebliche Details, Spuren, Beweise für die Natürlichkeit ihrer Erscheinung, ihrer Anwesenheit. Sofort erhielt sie eine positive Resonanz seiner Gedanken. Er hielt sie für eine Angehörige eines Suchkommandos. Gut so.

„Hallo, Miss. Hierher.“, rief Miguel und kam sich wie ein Trottel vor. Selbstverständlich hatte sie ihn gesehen.
Er beobachtete sie, wie sie langsam vom anderen Ufer des Sees zu ihm herüber ging.
Wieso antwortet sie nicht? dachte er und winkte erneut.

„Hallo.“, kam ihre Antwort zu ihm herüber. Nicht nur die kleine Wasserfläche trug den Klang ihrer angenehmen Stimme herüber, sondern auch die Zusammensetzung der Luft begünstigte die Schallübertragung.

„Wo sind die anderen Ihres Kommandos?“, fragte Miguel und sah sich um. Dabei stellte er fest, dass es ihm lästig war, den Blick von ihr wenden zu müssen. Musste er wirklich? Als sie weiter näher schritt, erkannte er, dass sie atemberaubend war. Eine Schönheit. Nur zu dumm, das ihre Uniform das meiste ihres Körpers verbarg. Aber das was er sehen, eigentlich eher vermuten konnte, war umwerfend. Siedend heiß fiel ihm ein, dass er immer noch nackt war und sofort fühlte er das Blut in seinen Kopf schießen. Und nicht nur dorthin.

Sie sah es und lächelte einfach hinreißend. Ein perfektes Weib. Nein, nicht perfekt, dachte Miguel. Aber genau so, wie er sich immer seine Traumfrau vorgestellt hatte. Ganz genauso sogar. Der Körper fest und mit ausreichenden Rundungen an den richtigen Stellen. Die Haare lang und schwarz, in leichten Wellen weit bis auf den Rücken fallend. Das Gesicht schlank und oval, mit fein geschnittenen Zügen, dabei aber auf eine selbstbewusste Art strahlend. Und die Augen. Tiefe, dunkle Seen mit farbigen Sprenkeln, aus denen Charme, Intelligenz und Wärme sprühten.

„Ich heiße Isabel.“, sagte die Fee und Miguel vergaß seine Nacktheit und seine aufkommende Erregung.

„Miguel.“, brachte er über seine Lippen und sein Blick saugte sich dabei an ihren fest. Überhaupt ihre Lippen. Sie waren voll, aber nicht wulstig. Weiblich, wie sie nicht weiblicher sein konnten, aber nicht im Sinne von schwach oder weich, sondern eher wie… Ihm fiel nicht mehr ein, mit welchen Attributen er sie noch bezeichnen könnte. Er wünschte sich nur noch eines. Aber das war jetzt völlig unmöglich. Er konnte doch jetzt nicht… Oder doch?

Isabel lächelte immer noch, als sie zu ihm trat und leicht ihren Mund öffnete. Nur noch ein halber Schritt trennte sie voneinander. Dann keiner mehr. Sie küsste ihn zart auf seine Stirn und sein Glied wurde dabei härter und härter. Er schämte sich nicht, sondern hoffte, dass sie weitermachen würde. Stattdessen bückte sie sich und hob seine Sachen auf.
„Ich glaube, das sollten wir zuerst reinigen, bevor Sie es wieder anziehen können.“ Dabei lächelte sie wieder in einer unbeschreiblichen Weise, das Miguel nur nicken und ihr die paar Schritte zum Ufer folgen konnte.

Die Sirene triumphierte. Dieser Mann, Miguel, war ihr Gefangener. Er wusste es nicht, oder sah es – wenn überhaupt – aus romantischer Sicht. Mit dem Kuss auf seine Stirn hatte sie den ersten physikalischen Kontakt hergestellt und analysierte gerade seine Körperchemie. Tief in ihrem Leib arbeiteten mehrere Organe bereits an der Herstellung kompatibler Substanzen und Flüssigkeiten. Es hatte wenig Sinn, diesen Prozess beschleunigen zu wollen. Parallel dazu hatte der Mensch Miguel noch Zeit, um sich weiter zu erholen und zu stärken. Sie würde ihn dabei unterstützen, so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen. Mit Leichtigkeit erfüllte sie die Rolle seiner Idealpartnerin, die sie während seines Schlafes entdeckt und in die laufende Metamorphose integriert hatte. Ein wenig schwieriger war es gewesen, aus Bruchstücken seiner Erinnerung das weibliche Gegenstück seiner Uniform nachzubilden. Die Lücken seiner Gedankenbilder füllte sie einfach mit entsprechenden Stellen seiner Uniform.

Die folgenden Stunden verbrachten sie gemeinsam damit, seine Sachen zu waschen, zu essen und zu trinken. Sie unterhielten sich kaum, fast wie ein Ehepaar, dass sich nach 30 Jahren ohne viel Worte verstand. Von seiner Warte aus betrachtet, hatte er wenig Anlass zu reden, stand er doch längst soweit unter dem Einfluss der Sirene, dass sie sein natürliches Verlangen nach Rettung und Aufklärung erfolgreich unterdrücken konnte. Aus ihrer Sicht musste sie abwarten, bis sich in ihrem Körper die notwendigen Organe gebildet hatten, um ihren Plan mit Sicherheit gelingen zu lassen. Geduld. Alles braucht seine Zeit. Der Erfolg eines jeden Vorhabens wächst mit der richtigen Zeitspanne, die man in die Planung investiert.

Miguel hatte die Augen schon lange geöffnet, als die Sonne hinter dem Horizont aufstieg. Er begeisterte sich daran, wie die Strahlen der fremden Sonne Isabels in eine Decke gehüllten Körper umschmeichelten und langsam aus dem Grau der Dämmerung hoben. Doch Isabel schlief nicht, die Sirene schlief nicht. Sie war hellwach und wusste: Jetzt ist es soweit. Miguel wollte gerade nach ihr greifen, als sie sich scheinbar in erwachender Schläfrigkeit bewegte. Dabei rutschte ihr wie unbeabsichtigt die Decke herunter und zeigte ihm, dass sie nackt war. Sofort versteifte sich sein Glied und er konnte sich kaum zurückhalten. Er dachte, dass er sie durch irgendein Geräusch geweckt hatte, denn sie schlug die Augen auf und sah ihn direkt an. Weich, zärtlich, wie es ihm schien. Verführerisch. Und bereit.
Ja, sie will mich auch, dachte Miguel und sein Herz machte einen Sprung.

Ohne ein Wort zu sagen, schob sie den Rest der Decke beiseite und drehte sich ihm zu. Es verschlug ihm den Atem. Seine Ahnungen, was sie unter der Uniform verborgen hatte, wurden übertroffen. Sie war perfekt. Und sie wollte ihn, das erkannte er jetzt völlig klar. Auch die angebliche Klarheit dieses Gedankens stammte von der Sirene.
Sie tat den nächsten Schritt. Sie schmiegte sich an ihn und begann, seinen Körper zu streicheln, zu erforschen, zu liebkosen. Miguel konnte sein Glück kaum fassen und tat es ihr gleich.

Die Sirene nutzte die Berührungen, um ein letztes Mal eine Abstimmung vorzunehmen. Feinjustierung. Kapazitäten und Volumina. Belastung und Schwachpunkte. Analyse des eingeleiteten Prozesses und Verlaufsprognose. Und das voraussichtliche Ende der Handlung.

Miguel schien es wie eine Offenbarung, als er in sie eindrang. Heiß, beglückend, berauschend. Er nahm sich vor, ihr alles zu geben, was sie sich wünschte und hatte keine Chance zu erkennen, dass die Sirene es war, die dies in ihm hervorrief. Sie wollte alles von ihm. Möglichst jedes einzelne Spermium. Und er war bereit, es ihr zu geben. Mehr als bereit. Es war seine Pflicht. Er musste es tun. Er musste es einfach.

Die Sirene hatte während seines Schlafes tief in sein Bewusstsein gegriffen und seine Idealvorstellungen einer Kopulation entdeckt und ausgewertet. Sie hob und senkte ihr nachgebildetes Becken genau in dem Rhythmus und der Geschwindigkeit, die ihm zu höchster Lust verhelfen würde. Sie passte sich seinen Bewegungen an und wechselte die Stellung genau dann, wenn seine Vorstellung es ihr verriet. Sie registrierte seine wachsende Erregung, das Ansteigen des inneren Druckes seiner Gefäße und steuerte geschickt den Verlauf der Paarung. Exakt in den richtigen Momenten hielt sie inne, wartete, bewegte sich mal langsam, mal schneller, um das Maximum an Miguels Verzückung herauszuholen. Er spürte nicht, wie sie Sekunden vor seiner Ejakulation, einen letzten Schub starker Pheromone ausstieß, um auch das letzte Quäntchen seiner Erregung auszunutzen.

Miguel erlebte den stärksten Orgasmus, denn er je in seinem Leben genossen hatte, und die Sirene erkannte dies mit der Gewissheit, dass es auch sein letzter sein würde. Sie knetete und walkte sein Glied wie das Euter einer Kuh. Dem Äquivalent einer irdischen Kuh auf ihrem Planeten. Eiskalt, völlig gefühllos, dabei die erhitzte Gespielin vortäuschend. Mit jedem Schub seines Samens triumphierte sie, versuchte die Menge an Einheiten zu schätzen, die sie in sich aufnahm und kalkulierte schon die Anzahl der daraus entstehenden Diener. Diener einer neuen Art, einer bisher nicht da gewesenen Qualität. Ja, die Menschen waren etwas Besonderes. Mit diesem Vorrat an Spermien würde sie und Hunderte ihrer Art eine neue Rasse an Diener gebären. Fürchterlich, gewalttätig, alles andere Leben, dass sich den Sirenen entgegenstellen könnte, niederwalzend.

Während Miguel langsam zur Ruhe kam, dachte sie für einen kurzen Augenblick an die Option, ein paar Menschen als Samenlieferanten am Leben zu erhalten. Doch dann überwog ihre Einschätzung, dass es zu riskant wäre, diese gefährliche Rasse auch nur in Bruchteilen zu erhalten.

Sie wartete nicht einmal ab, bis Miguel sich erschöpft von ihr löste, sondern fuhr blitzschnell die in den Imitaten einer Frauenhand verborgenen, messerscharfen Hornklingen aus und zerfetzte ihm den Hals. Hätte sie den Begriff Dejá vu gekannt und auch nur die Spur menschlichen Zynismus besessen, so hätte sie vielleicht eine Parallele zwischen seinem hervorspritzenden Blut und dem unmittelbar davor seinen Körper verlassenden Samen gezogen. So  richtete sie sich nur auf und beobachtete sein entsetztes Gesicht, das sich im völligen Unverständnis der Tat zu einer geschockten Grimasse verzerrte und mit jedem Pulsen seines Blutes blasser wurde. Nach wenigen Augenblicken zuckten nur noch seine Hände hilflos in Richtung Hals, brachten aber nicht einmal mehr die Kontrolle auf, um auch nur den Versuch zu wagen, die zerrissene Halsschlagader schließen zu können.

Der letzte Blick der Sirene fiel auf sein immer noch steifes Glied. Welch eine primitive Art sich fortzupflanzen, dachte sie und wandte sich um. Während sie langsam davonging, setzte sie zwei neue Prozesse in sich in Gang. Die Rückverwandlung in ihre ursprüngliche Gestalt und die Vorbereitung des menschlichen Samenvorrates zu Verteilung an viele Ihre Artgenossinnen. Mit ein bisschen Glück konnten sie das Grundmuster des Spermiums klonen und so für viele Dekaden Nutzen aus dem Material ziehen. In jedem Fall würden die Chimären aus Sirenen und Menschen, die besten Kampfdiener darstellen, die je im Auftrag der Sirenen durch das All gezogen waren.
Und das allererste Ziel für die neue Armee würde dieser 3. Planet im Sonnensystem, nahe am Rand der Milchstrasse sein.

- Ende -

Copyright © 1999 by Werner Karl

Bildrechte: Coverillustration “Fremdwesen01” (TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Fremdwesen01-79-minus180-minus14.jpg” (Originaltitel: TN-20110131041632-4c05fc6e.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Besessen

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Leseprobe: William Goldman: Die Brautprinzessin

Erstellt von Detlef Hedderich am 6. April 2009

William Goldman
Die Brautprinzessin

S. Morgensterns klassische Erzählung von wahrer Liebe und edlen Abenteuern. Die Ausgabe der »spannenden Teile«. Gekürzt und bearbeitet von William Goldman

In neuer Ausstattung – zum 40. Geburtstag der Hobbit Presse im Jahr 2009

Auflage: 5. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, farbige Vorsatzkarte, zweifarbig gedruckt
Seiten: 426
ISBN: 978-3-608-93871-5

Leseprobe:

[...] Jedenfalls, als er mit dem Buch kam, sagte ich: »Äh, was? Hab nicht verstanden.« Ich war ganz schlapp und müde.

»Erstes Kapitel. Die Braut.« Er hielt das Buch hoch. »Ich lese es dir vor. Zur Aufheiterung.« Er rieb mir das Buch fast unter die Nase. »Von S. Morgenstern. Großer florinesischer Schriftsteller. Die Brautprinzessin. Er ist auch nach Amerika gekommen. S. Morgenstern. Ist jetzt gestorben, in New York. Das Englische ist von ihm. Er konnte acht Sprachen.« Hier legte er das Buch hin und streckte alle Finger aus. »Acht. Einmal, in Florin, war ich in seinem Café.« Nun schüttelte er den Kopf; so machte er es immer, mein Vater, wenn er etwas falsch gesagt hatte, er schüttelte dann den Kopf. »Nicht in seinem Café. Er war drin, ich auch, zur gleichen Zeit. Ich sah ihn. S. Morgenstern. So einen Kopf, so groß«, und er zeigte mit seinen Händen, was für ein dicker Ballon es war. »Großer Mann in Florin, nicht so sehr in Amerika.«

»Kommt auch Sport drin vor?«

»Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Hass. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.«

»Klingt gut«, sagte ich und machte ein bisschen die Augen zu. »Ich will sehen, dass ich wach bleibe … aber ich bin furchtbar schläfrig, Papa …«

Wer kann es wissen, wenn seine Welt sich ändern soll? Wer kann es sagen, bevor es geschehen ist, dass alles, was er zuvor erlebt hat, all die Jahre, nur eine Vorbereitung war auf … nichts. Stellen Sie sich nun dies vor: Ein alter Mann, fast ein Analphabet, im Kampf mit einer feindlichen Sprache, ein kleiner Junge, fast ganz erschöpft, im Kampf mit dem Schlaf. Und zwischen ihnen nichts als die Worte eines anderen Ausländers, mühsam aus heimischen in fremde Laute übersetzt. Wer hätte ahnen können, dass am nächsten Morgen ein anderes Kind aufwachte? Was mich angeht, so erinnere ich mich nur noch, wie ich gegen die Müdigkeit ankämpfte. Eine Woche später war mir immer noch nicht klar, was an jenem Abend begonnen hatte, welche Türen hinter mir zugefallen und welche aufgegangen waren. Vielleicht müsste ich es wenigstens schon ein bisschen gewusst haben, vielleicht auch nicht; wer kann schon die Offenbarung aus dem Wind lesen?

Es geschah einfach dies: Ich wurde süchtig nach der Geschichte.

Zum ersten Mal in meinem Leben interessierte ich mich wirklich für ein Buch. Ich, der Sportfan, der einzige Zehnjährige in ganz Illinois, der einen Hass auf das Alphabet hatte, ich wollte wissen, wie es weiterging.

Was wurde aus der schönen Butterblume und aus dem armen Westley und aus Inigo, dem größten Fechter der Weltgeschichte? Und wie stark war Fezzik wirklich, und wie weit ging die Grausamkeit Vizzinis, des teuflischen Sizilianers?

Jeden Abend las mein Vater mir vor, Kapitel für Kapitel, immer heftig bemüht, die Wörter richtig auszusprechen, den Sinn festzunageln. Und ich lag da, die Augen halb geschlossen, und mein Körper begann langsam wieder Kräfte zu sammeln. Es dauerte, wie schon gesagt, wohl einen Monat, und in dieser Zeit las er mir die Brautprinzessin zweimal vor. Auch als ich schon selber lesen konnte, blieb dieses Buch immer das seine. Ich hätte nie daran gedacht, es aufzuschlagen. Ich wollte es mit seiner Stimme und seiner Aussprache. Später, Jahre später noch sagte ich manchmal, »Wie wär’s mit dem Duell auf den Klippen, Inigo und der Schwarze«, und mein Vater brummte und brubbelte etwas und holte das Buch, leckte sich den Daumen und blätterte, bis der große Kampf begann. Ich liebte das. Auch heute noch, wenn ich an meinen Vater denke, stelle ich ihn mir so vor. Vorgebeugt und blinzelnd und über einzelne Wörter stolpernd, gab er mir Morgensterns Meisterwerk, so gut er konnte. Die Brautprinzessin gehörte meinem Vater.

Alles andere gehörte mir.

Keine Abenteuergeschichte war vor mir sicher. »Ach, Stevenson «, sagte ich einmal zu Miss Roginski, als ich wieder gesund war, »immer sagen Sie Stevenson, den bin ich durch, wer kommt jetzt?«, und sie sagte, »na dann versuch’s mal mit Scott, ob der dir gefällt«, und also nahm ich den alten Sir Walter vor, und er gefi el immerhin so gut, dass ich im Dezember ein halbes Dutzend Bücher von ihm durchschmökerte (größtenteils in den Weihnachtsferien, als es nichts gab, weshalb ich die Lektüre hätte unterbrechen müssen, nur ab und zu ein bisschen zu essen). »Und wer jetzt?« »Vielleicht Cooper«, sagte sie dann, und ich machte mich über den Wildtöter her und über die ganzen Lederstrumpf-Sachen, und dann, eines Tages, stieß ich, der eignen Nase folgend, auf Dumas und d’Artagnan, und diese Burschen brachten mich über den größten Teil des Februars. »Du bist ja unter meinen Augen eine Leseratte geworden«, sagte Miss Roginski. »Ist dir klar, dass du jetzt mehr Zeit mit Lesen verbringst als früher mit Spielen? Weißt du, dass deine Noten im Rechnen immer schlechter werden?« Ich machte mir nichts daraus, wenn sie mir zusetzte. Wir waren allein im Schulzimmer, und ich wollte von ihr, dass sie mir wieder jemand Gutes zum Verschlingen nannte. Sie schüttelte den Kopf. »Jetzt blühst du aber wirklich auf, Billy, unter meinen Augen. Ich weiß bloß nicht, was daraus wird.«

[...]

Ich weiß, ich erwarte nicht, dass dies jemandes Leben so ändert, wie es mein Leben geändert hat.

Aber die Worte im Titel, »wahre Liebe und edle Abenteuer« – daran habe ich einmal geglaubt. Ich dachte, mein Leben würde in jenen Bahnen verlaufen, ich betete darum. Natürlich kam es nicht so, aber ich glaube auch nicht, dass es irgendwo noch das edle Abenteuer gibt. Niemand holt heutzutage ein Schwert hervor und schreit: »Tag, mein Name ist Inigo Montoya. Du hast meinen Vater getötet, mach dich gefasst zu sterben!«

Und die wahre Liebe können wir auch vergessen. Ich weiß nicht, ob ich noch irgendetwas richtig liebe außer dem Porterhouse-Steak bei Peter Lueger und der Käse-Enchilada im El Parador. (Entschuldigung, Helen.)

Hier jedenfalls ist die Ausgabe der »spannenden Teile«. S. Morgenstern hat sie geschrieben, und mein Vater hat sie mir vorgelesen. Und nun überreiche ich sie Ihnen. Was Sie damit anfangen, wird für uns alle von mehr als flüchtigem Interesse sein.

New York City
Dezember 1972

[...]

In dem Jahr, als Butterblume geboren wurde, war die schönste Frau der Welt ein französisches Küchenmädchen namens Annette. Annette arbeitete in Paris für den Herzog und die Herzogin von Guiche, und es entging der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, dass jemand Außergewöhnliches ihnen die Zinnteller putzte. Die Aufmerksamkeit des Herzogs wiederum entging nicht der Aufmerksamkeit der Herzogin, die weder sehr schön noch sehr reich, aber enorm gescheit war. Die Herzogin machte sich daran, Annette zu studieren, und schnell fand sie die tragische Schwäche ihrer Gegnerin heraus.

Schokolade.

So gerüstet, ging die Herzogin ans Werk. Das Palais de Guiche verwandelte sich in ein Süßwarenparadies. Wohin man auch sah, gab es Bonbons. In den Salons lagen haufenweise Pralinen, in den Vorzimmern standen Körbe mit schokoladeüberzogenem Nougat.

Annette hatte überhaupt keine Chance. Binnen einer Saison schwoll ihre zarte Figur gewaltig an, und der Herzog konnte nie mehr in ihre Richtung blicken, ohne dass eine traurige Verwirrung ihm die Augen umwölkte. (Annette, so wäre anzumerken, wurde nur umso vergnügter, je mehr sie sich ausdehnte. Sie heiratete schließlich den Chefkonditor, und beide aßen sie noch viele gute Dinge, bis das Alter sie abberief. Nicht so vergnüglich, wie ebenfalls anzumerken wäre, erging es der Herzogin. Aus unerforschlichen Gründen entbrannte der Herzog nunmehr für seine Schwiegermutter, womit er der Herzogin Magengeschwüre bereitete, nur dass man damals noch keine Magengeschwüre hatte. Genauer gesagt, Magengeschwüre existierten, und die Leute hatten welche, aber sie hießen nicht »Magengeschwüre«. Die medizinische Wissenschaft jener Zeit nannte sie »Bauchschmerzen« und befand, die beste Kur sei Kaffee mit einem Schuss Kognak, zweimal täglich, bis die Schmerzen nachließen. Die Herzogin nahm ihre Medizin gewissenhaft ein und sah all die Jahre hindurch zu, wie ihr Gatte und ihre Mutter sich hinter ihrem Rücken Kusshände zuwarfen. Es überrascht nicht, dass die Übellaunigkeit der Herzogin legendär wurde, wie Voltaire so glänzend berichtet hat. Nur war dies vor Voltaire.)

In dem Jahr, als Butterblume zehn wurde, war die schönste Frau die Tochter eines erfolgreichen Teegroßhändlers in Bengalen. Der Name dieses Mädchens war Aluthra, und ihre Haut war von einer dunkel schimmernden Vollkommenheit, wie man sie in Indien seit achtzig Jahren nicht gesehen hatte. (In ganz Indien gab es nur elf Fälle von vollkommener Hauttönung seit Beginn zuverlässiger Aufzeichnungen.) Aluthra war neunzehn in dem Jahr, als in Bengalen die Pockenseuche ausbrach. Das Mädchen überstand sie, ihre Haut nicht.

Als Butterblume fünfzehn war, galt Adela Terrell aus Sussex an der Themse unumstritten als das schönste Geschöpf. Adela war zwanzig, und sie ließ alle Welt so weit hinter sich, dass es gewiss schien, sie würde noch über viele, viele Jahre hin die Schönste sein. Aber dann, eines Tages, rief einer ihrer Verehrer aus (sie hatte deren 104), ohne jeden Zweifel sei Adela das erhabenste Exemplar der weiblichen Gattung. Geschmeichelt begann Adela über die Wahrheit dieses Urteils nachzusinnen. In jener Nacht, als sie allein in ihrem Zimmer war, untersuchte sie sich Pore für Pore vor dem Spiegel. (Spiegel gab es schon.) Die Inspektion dauerte fast bis in die Morgendämmerung, dann aber war ihr klar, dass der junge Mann sie völlig richtig eingeschätzt hatte: Sie war vollkommen, ohne dass sie selbst etwas dafür konnte.

Als sie durch die Rosengärten ihrer Familie schlenderte und zusah, wie die Sonne aufging, fühlte sie sich glücklicher als je zuvor. »Ich bin nicht nur vollkommen«, sagte sie sich, »ich bin wohl auch das erste vollkommene Geschöpf in der ganzen langen Geschichte des Universums. Kein Teil an mir ließe sich verbessern, was hab ich für ein Glück, dass ich vollkommen bin und reich und begehrt und gefühlvoll und jung und …«

Jung?

Nebel erhoben sich um Adela, als sie nachzudenken begann. Gefühlvoll werde ich natürlich immer sein, dachte sie, und reich auch immer, aber ich weiß nicht recht, wie ich es machen soll, dass ich immer jung bleibe. Und wenn ich nicht mehr jung bin, wie soll ich da vollkommen bleiben? Und wenn ich nicht vollkommen bin, was ist dann? Was dann? Adela furchte die Stirn in verzweifeltem Nachdenken. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass ihre Stirn sich hatte furchen müssen, und Adela stöhnte, als ihr klar wurde, was passiert war, erschrocken über den möglicherweise dauernden Schaden, den sie sich zugefügt hatte. Sie eilte zurück zu ihrem Spiegel, wo sie den Morgen verbrachte, und obwohl es ihr gelang, sich davon zu überzeugen, dass sie immer noch so vollkommen war wie zuvor, war sie ohne Zweifel nicht mehr ganz so glücklich wie noch eben.

Sie hatte angefangen sich zu sorgen.

Binnen vierzehn Tagen tauchten die ersten harten Linien auf, nach einem Monat die ersten Fältchen, und ehe das Jahr um war, hatte sie jede Menge Falten. Bald darauf heiratete sie ebenjenen Mann, der sie der Erhabenheit bezichtigt hatte, und machte ihm viele schöne Jahre lang die Hölle heiß.

Butterblume wusste natürlich mit fünfzehn von all dem nichts. Und hätte sie davon gewusst, sie hätte es völlig unbegreiflich gefunden. Wie konnte eine sich darum kümmern, ob sie nun die schönste Frau der Welt war oder nicht? Was machte es für einen Unterschied, wenn man bloß die drittschönste war? Oder die sechste? Butterblume rangierte zu dieser Zeit noch nicht entfernt so hoch, kaum unter den ersten zwanzig, und das auch nur wegen ihrer Anlagen und gewiss nicht, weil sie sich besonders gepfl egt hätte. Sie wusch sich sehr ungern das Gesicht und schon gar nicht die Gegend hinter den Ohren, sie hielt nichts davon, sich zu kämmen, und tat es so selten wie möglich. Was sie gern tat, vor allem anderen, war, auf ihrem Pferd zu reiten und den Stalljungen zu drangsalieren.

Butterblumes Pferd hieß »Pferd« (mit ihrer Phantasie war es nicht weit her); es kam, wenn sie es rief, ging, wohin sie es lenkte, und tat, was sie ihm befahl. Auch der Stalljunge tat, was sie ihm befahl. Er war nun eigentlich schon eher ein junger Mann, aber er war ein Waisenkind und als Stalljunge zu ihrem Vater gekommen, und Butterblume redete ihn immer noch so an. »Stalljunge, hol mir dies, bring mir das, und mach ein bisschen schnell, du faules Stück, oder ich sag’s meinem Vater.«

»Wie du wünschst.«

Das war alles, was er je zur Antwort gab. »Wie du wünschst.« Er hauste in einem Schuppen, nahe bei den Tieren, und nach Aussage von Butterblumes Mutter hielt er den Schuppen sauber. Er las sogar manchmal, wenn er eine Kerze hatte.

»Ich werde dem Jungen in meinem Testament einen Morgen Land vermachen«, pflegte Butterblumes Vater zu sagen. (Morgen kannte man schon.)

»Du verwöhnst ihn noch«, antwortete Butterblumes Mutter dann immer.

»Er hat viele Jahre geschuftet; harte Arbeit muss belohnt werden. « Dann, statt den Zank fortzusetzen (Zank gab es auch schon), nahmen beide ihre Tochter aufs Korn:

»Du hast wieder nicht gebadet«, sagte ihr Vater.

»Doch, hab ich«, sagte Butterblume.

»Aber nicht mit Wasser«, fuhr er fort. »Du stinkst wie ein Hengst.«

»Ich bin den ganzen Tag geritten«, erklärte Butterblume.

»Du musst baden, Butterblume«, mischte sich ihre Mutter ein.

»Die Burschen mögen das nicht, wenn ihre Mädchen nach Stall riechen.«

»Die Burschen!« Butterblume platzte fast. »Was gehn mich ›die Burschen‹ an? Pferd mag mich, und das reicht mir völlig, danke.«

Diese Rede hielt sie laut, und sie hielt sie noch oft.

Aber ob es ihr passte oder nicht, es gab allmählich Geschichten. Kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag fi el ihr auf, dass es schon über einen Monat her war, seit sie zuletzt mit einem Mädchen aus dem Dorf gesprochen hatte. Sie war nie sehr mit Mädchen befreundet gewesen, die Veränderung war daher nicht krass, aber zumindest hatte man sich früher doch zugenickt, wenn sie durch das Dorf oder die Karrenwege entlang ritt. Jetzt aber, ohne Grund, gab es das nicht mehr. Wenn sie näher kam, blickte man rasch fort, das war alles. Eines Morgens, beim Schmied, stellte Butterblume Cornelia zur Rede, was das Schweigen zu bedeuten habe. »Ich möchte meinen, nach dem, was du getan hast, könntest du die Freundlichkeit haben, nicht noch so scheinheilig zu fragen«, sagte Cornelia. »Und was hab ich getan? « »Was? Was? … Du hast sie gestohlen.« Damit suchte Cornelia das Weite, aber But terblume hatte begriffen; es war ihr klar, wer »sie« waren.

Die Dorfburschen.

Diese Hohlschädel, Wasserköpfe, Pickelglatzen, Rotzhirne von Burschen!

Wie konnte jemand ihr vorwerfen, die zu stehlen? Wieso sollte irgendwer die denn haben wollen? Wozu taugten die denn? Die taten nichts als einen ärgern, stören, anöden. »Kann ich dir dein Pferd striegeln, Butterblume?« »Danke, der Stalljunge macht das schon.« »Reiten wir zusammen, Butterblume?« »Danke, ich reite lieber allein.« »Du denkst wohl, du bist zu gut für alle andern, was, Butterblume?« »Nein, denk ich nicht, ich reite bloß gern allein, das ist alles.«

Aber im Laufe ihres sechzehnten Lebensjahrs verlor sich selbst diese Art von Gesprächen in verlegenem Gestotter und Erröten, bestenfalls noch in Fragen nach dem Wetter. »Meinst du, es wird Regen geben, Butterblume?« »Ich glaube nicht, der Himmel ist blau.« »Na, es könnte aber doch regnen?« »Ja, möglich.« »Du denkst wohl, du bist zu gut für alle andern, was, Butterblume?«

»Nein, ich glaube bloß nicht, dass es Regen gibt, das ist alles.«

Abends kamen sie nicht selten in der Dunkelheit unter ihrem Fenster zusammen und machten sich über sie lustig. Sie ignorierte das. Gewöhnlich wurden aus den Späßen bald Beschimpfungen. Wenn es zu schlimm wurde, sorgte der Stalljunge für Ordnung, indem er stillschweigend aus seinem Schuppen hervorkam, ein paar von ihnen verdrosch und den übrigen Beine machte. Sie versäumte nie, ihm dafür zu danken. »Wie du wünschst«, war alles, was er zur Antwort gab.

Als sie fast siebzehn war, kam ein Mann in einer Kutsche in den Ort gefahren und beobachtete sie, wie sie zum Einkaufen ausritt. Als sie zurückkam, war er immer noch da und glotzte. Sie kümmerte sich nicht um ihn. Für sich allein genommen, war er ja auch nicht wichtig. Aber er bezeichnete einen Wendepunkt. Männer machten Umwege, um sie zu Gesicht zu bekommen, und manche fuhren deshalb sogar zwanzig Meilen weit, wie dieser. Der springende Punkt ist, dies war der erste Reiche, der erste Adlige, der sich die Mühe gemacht hatte. Und dieser Mann, dessen Namen uns die Geschichte nicht überliefert hat, erwähnte Butterblume gegenüber dem Grafen.

Das Königreich Florin lag zwischen den Gegenden, wo später Schweden und Deutschland feste Grenzen annahmen. (Dies alles war noch vor Europa.) Theoretisch wurde es von König Lotharon und seiner zweiten Frau, der Königin, regiert. Faktisch aber war der König nicht mehr ganz da; er konnte kaum noch Tag und Nacht unterscheiden und murmelte die meiste Zeit über Unverständliches vor sich hin. Er war sehr alt, jedes Organ seines Körpers hatte ihn schon lange im Stich gelassen, und seine Regierungsentscheidungen waren von einer gewissen Beliebigkeit, die vielen tonangebenden Bürgern bedenklich erschien. In Wirklichkeit lief alles über Prinz Humperdinck. Wenn es Europa schon gegeben hätte, wäre er der mächtigste Mann darin gewesen. Aber auch so gab es weit und breit niemanden, der sich mit ihm hätte anlegen mögen.

[...]

Es war in der Morgendämmerung, als die zwei Reiter auf dem Hügel haltmachten. Graf Rugen ritt einen prächtigen Rappen, groß, fehlerlos und stark. Der Prinz ritt einen seiner Schimmel, und daneben sah Rugens Pferd aus wie ein Ackergaul.

»Sie fährt morgens die Milch aus«, sagte Graf Rugen.

»Und sie ist ganz bestimmt und ohne allen Zweifel und jenseits jeden denkbaren Irrtums schön?«

»Sie war ein bisschen dreckig, als ich sie sah«, gab der Graf zu. »Aber die Anlagen waren überwältigend.«

»Ein Milchmädchen.« Der Prinz stieß die Worte abfällig hervor. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so eine heiraten könnte, nicht mal unter den günstigsten Umständen. Die Leute würden ja kichern: Das sei das Beste, wozu es bei mir gereicht habe.«

»Stimmt«, gab der Graf zu. »Wenn du willst, reiten wir wieder in die Stadt zurück, ohne zu warten.«

»Nun sind wir schon einmal da«, sagte der Prinz, »da können wir ebenso gut wart – « Ihm blieb einfach die Stimme weg. »Die nehm ich«, brachte er dann hervor, als Butterblume langsam unter ihnen vorbeiritt.

»Ich glaube, niemand wird kichern«, sagte der Graf.

»Ich muss jetzt um sie werben«, sagte der Prinz. »Lass uns mal für eine Minute allein.« Und er ritt seinen Schimmel gekonnt den Hügel hinunter.

Butterblume hatte noch nie ein so riesiges Tier gesehen. Und auch noch nie so einen Reiter.

»Ich bin dein Prinz, und du musst mich heiraten«, sagte Humperdinck.

»Ich bin Eure Dienerin und lehne ab«, flüsterte Butterblume.

»Ich bin der Prinz, und du kannst nicht ablehnen.«

»Ich bin Eure sehr ergebene Dienerin, und ich habe eben abgelehnt.«

»Weigerung bedeutet Tod.«

»Dann tötet mich.«

»Ich bin der Prinz und so übel doch auch wieder nicht – wieso willst du lieber tot sein als mit mir verheiratet?«

»Weil«, sagte Butterblume, »zum Heiraten Liebe mit dazugehört, und das ist kein Zeitvertreib, auf den ich mich verstehe. Ich habe es einmal versucht, und es ging schlecht aus, und nun habe ich geschworen, nie mehr einen anderen zu lieben.«

»Liebe«, sagte Prinz Humperdinck, »wer redet denn von Liebe? Ich nicht, da kannst du beruhigt sein. Hör zu: Für den Thron von Florin muss immer ein männlicher Erbe da sein. Das bin jetzt ich. Wenn mein Vater einmal stirbt, ist kein Erbe mehr da, sondern bloß noch ein König. Das bin dann auch ich. Wenn das eintritt, heirate ich und zeuge so lange Kinder, bis ein Sohn da ist. Du kannst mich also entweder heiraten und die reichste und mächtigste Frau auf tausend Meilen im Umkreis sein und allen Leuten zu Weihnachten Truthähne schenken und mir einen Sohn gebären, oder du musst sterben, unter furchtbaren Schmerzen und in allernächster Zukunft. Entscheide dich!«

»Ich werde Euch nie lieben.«

»Das würde ich auch nicht wollen, und wenn ich’s haben könnte.«

»Dann wollen wir also heiraten.« [...]

(ENDE DER LESEPROBE)

Copyright (C) 2009 by Klett-Cotta-Verlag. Abdruck der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle Klett-Cotta-Verlag

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Die Brautprinzessin: S. Morgensterns klassische Erzählung von wahrer Liebe und edlen Abenteuern. Die Ausgabe der “spannenden Teile”. Gekürzte und bearbeitet von William Goldmann

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