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Literatur-Blog

Archiv für März 23rd, 2009

ZERRISSENE HERZEN – Science-Fiction-Story von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 23. März 2009

Irgendetwas war nicht in Ordnung. Gerade eben noch war Tobias La Salle auf der Seitenstrasse mit strammen Schritten der Kanzlei von Browning & Boyle zugestrebt und ein kurzer Blick auf seine Uhr verriet ihm, das er spätestens in fünf Minuten dort sein musste, um das Geschäft endlich unter Dach und Fach zu bringen. Aber jetzt stand er wie angenagelt an der Ecke zur Hauptstrasse und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Verwirrt blickte er in beide Richtungen und versuchte die Ursache für sein aufkommendes Unbehagen zu finden, aber die Strasse sah aus wie immer: Der Bäckerladen mit Autoschalter und der um dieser Tageszeit üblichen Schlange von mindestens zehn City-Cabs, das große Eisenwarengeschäft, dessen Wachmann die ersten Kunden mit einem Scanner nach Waffen durchsuchte und die Panzerglasfront des Autohändlers, dessen Luxuskarossen selten ihre Anordnung hinter den fünf Zentimeter dicken Scheiben änderten. Viel zu wenige Leute konnten sich solche Vehikel leisten und Tobias fragte sich zum x-ten Male, wie sich so ein Geschäft halten konnte. Auch die Menschen waren so zahlreich, wie zu dieser Morgenstunde zu erwarten war. Nur ihre Art zu gehen, erschien ihm ein wenig seltsam.
Aber das erklärte nicht sein Gefühl, das dumpf Gefahr und Drohung ausstrahlte. Saß nicht immer unterhalb des Ausgabeschalters der Bäckerei ein Bettler, der für sich und seine beiden Hunde die wartenden Fahrer um Kleingeld ansprach? Und hatte er nicht öfters beobachtet, wie die Angestellten ihn vertrieben, in der sicheren Gewissheit, dass der Mann samt Hunden am nächsten Morgen wieder da saß? Heute saß er nicht dort. Aber vielleicht war es dem Bettler zuviel geworden, jeden Tag unter Gezeter und leichtem Gerangel seines Standortes verwiesen zu werden oder er hatte einen besseren Platz gefunden.

Tobias La Salle schüttelte energisch den Kopf und zwang seine festklebenden Füße den Weg wieder aufzunehmen. Nur noch zwei Minuten bis zum Termin. Verdammt, er würde zu spät kommen, und das sah nicht gut aus. Er bog nach links ab, denn dort befand sich nach einigen Hundert Metern das Gebäude von Browning & Boyle. Nach einigen Schritten kam ihm eine Frau mittleren Alters entgegen, die mit ihrer Leibesfülle den schmalen Gehsteig fast völlig ausfüllte und nicht den Eindruck machte, ein wenig zur Seite zu treten. Tobias ging so weit nach rechts, wie er es verantworten konnte, hatte er doch nicht die geringste Lust, jetzt noch von einem Motorscater umgefahren zu werden. Doch die Frau blieb auf ihrer Spur und rempelte ihn mit überraschender Härte so stark an, das er die Lichtschranke zur Scaterspur durchstieß und einen Alarmton auslöste. Verdutzt trat er schnell wieder auf die Fußgängerspur, dankte seinem Schicksal, dass gerade kein Scater heran geschossen war und sah der Frau kopfschüttelnd nach. Wenn ich Zeit hätte, würde ich dir schon erzählen, wie man sich im Straßenverkehr benimmt, altes Suppenhuhn, dachte er wütend und packte energisch seine Mappe unter den Arm und nahm ein schnelleres Tempo an, das er nach wenigen Schritten in leichtes Traben steigerte. Nach etwa der Hälfte der verbliebenen Strecke fiel er wieder in einen schnellen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich sollte doch wieder mit dem Training anfangen und weniger hinter dem Schreibtisch hocken, nahm er sich vor und verfluchte sich selbst, das er nicht früher aufgestanden war.
Jetzt komme ich nicht nur zu spät, sondern stinke auch noch nach Schweiß.

Er blieb stehen und kramte in seinen Taschen nach einem Tuch, um sich die Stirn abzuwischen, als er aus den Augenwinkeln in einer Häusernische eine Kinderpuppe sah, die dort in einem Korb lag. Die Leute lassen aber auch die unmöglichsten Sachen herumliegen, dachte er, faltete sein Taschentuch und tupfte sich auch die Schläfen ab. Dabei musterte er mehr oder weniger aufmerksam die Puppe. Der Korb war schon sehr in Mitleidenschaft gezogen und zeigte viele Bruchstellen und sich auflösende Teile. Die Puppe darin wirkte grau und ein wenig eingefallen und Tobias fragte sich, welcher Spielzeughersteller sich wohl ein Geschäft mit kränklich aussehenden Puppen erhoffte. Staub und frische Spinnweben hatten sich auf den Korb und die Puppe gelegt und verstärkten den Eindruck von etwas, das jemand absichtlich loswerden wollte. Gerade als er seinen Weg wieder aufnehmen wollte, bewegte sich die Puppe! Er blieb wieder stehen und sah genauer hin: Die Puppe öffnete die Augen! Mein Gott, ein Kind! durchzuckte es ihn und im gleichen Augenblick ruckte sein Blick nach oben. Vielleicht ist es ja aus einem Fenster gefallen und… Ihm stockte der Atem. In etwa drei Metern Höhe sah er ein weiteres Kind, ebenfalls halb nackt und grau in einem Drahtgeflecht hängen, das nun begann, leise, wimmernde Töne von sich zu geben.

„Hilfe!“, schrie er und drehte sich nach den Leuten auf der Strasse um. „Einen Arzt. Wir… ich… ist hier ein Arzt? Zu Hilfe!“ Aber niemand reagierte in der Art, wie er es erwartet hatte. Stattdessen kam ihm ruhigen Schrittes ein Polizist – oder zumindest ein uniformierter Mann – entgegen, dessen Gesichtsausdruck Tobias völlig verwirrte. Kalt, uninteressiert, fast teilnahmslos, aber auch irgendwie unheimlich.

„He, Mister, was schreien Sie hier herum? Ihnen ist wohl entfallen, das Ruhe die erste kommunale Pflicht ist.“

„Äh, Ja… nein… was? Hören Sie, Officer, Sie sind doch Polizist?“, fragte er und musterte dabei die seltsame Uniform des Mannes. Er wusste gar nicht, dass die Stadtpolizei neue Uniformen bekommen hatte, denn so eine hatte er noch nie gesehen. Und auch die Abzeichen an Brust und Schulter des Beamten kamen ihm fremd vor.

„Natürlich bin ich Controller, was denn sonst, Mann?“

Controller?„Meinetwegen Controller. Sehen Sie denn nicht, Sir! Hier sind zwei kleine Kinder in einem offensichtlich jämmerlichen Zustand! Bitte verständigen Sie sofort über Funk den Rettungsdienst, ja? Ich selbst bin weder Arzt, noch habe ich jetzt Zeit… aber Sie können sicher…“ Weiter kam Tobias La Salle nicht, denn völlig überraschend packte ihn der Controller und schleifte ihn vor ein nahe gelegenes Video-Terminal.

„Zentrale: Hier ist Controller MC-834. Ich habe hier schon wieder so einen Verrückten. Schickt mal einen Käfig vorbei, okay?“

„Ist unterwegs, MC-834. Benötigen Sie sonst noch Unterstützung?“

„Negativ, Zentrale. Mit dem werde ich solange alleine fertig.“, sagte der Controller ruhig und musterte La Salle dabei mit einer Mischung aus Drohung und Unverständnis.
Tobias – noch immer geschockt vom Anblick der mittlerweile etwas lauter weinenden Kinder – starrte den Uniformierten fassungslos an. Mit keinem einzigen Wort hatte der Beamte die Kinder erwähnt, geschweige denn für sie Hilfe angefordert.

„Hören Sie, Sir: Hier sind zwei Kinder in Gefahr, so schauen Sie doch einmal zu ihnen hin! Sie müssen sofort versorgt werden, Mann…“

„Sie haben mich gefälligst Controller zu nennen und nicht Mann, verstanden? Bleiben Sie ruhig, bis Sie abgeholt werden. Und diese Kinder sind nicht relevant. Sehen Sie denn nicht das E auf deren Stirn?“ Der Controller schubste in so herum, dass Tobias die Kinder wieder besser sehen konnte. Tatsächlich hatten beide eine bräunliche Markierung auf der Stirn, die man mit einiger Phantasie noch als den Buchstaben E erkennen konnte. Wäre die Haut der Kinder nicht bereits so stark eingefallen, hätte er die Zeichen früher entdeckt. So hatte La Salle es für Dreck oder Verletzungen gehalten. Der Beamte hielt ihn mit weiterhin eisernem Griff fest, so dass Tobias es auf eine andere Weise versuchte.

„Was bedeutet dieser Buchstabe? Wieso hält es Sie davon ab, ihnen zu helfen? Auch alle anderen scheint das Schicksal der Kinder nicht zu kümmern. Bin ich denn hier der Einzige, der es für nötig hält, ihnen das Leben zu retten?“ Er zerrte dabei mit beiden Händen an der Umklammerung und steigerte sich langsam in Wut. Zu seinen Gunsten sei erwähnt, dass nur noch ein kleiner Teil seiner Wut aus der Tatsache entsprang, dass er das Geschäft mit Browning & Boyle vergessen konnte. Zwar hatte Tobias selbst keine Familie, aber zu Kindern hatte er schon immer einen sehr guten Draht gehabt. Natürlich wollte er später einmal auch selbst welche haben, aber im Moment lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, seine Kinder könnten in einer Stadt wie dieser aufwachsen, in der niemand auch nur den Ansatz zu Hilfsbereitschaft zeigte.

„Wenn Sie nicht sofort Ruhe geben, muss ich Sie betäuben! Und Ihre Frage bestätigt mir, dass Sie tatsächlich einer dieser Verrückten sind, die einem Homo Error ein Recht auf Leben zugestehen.“

„Einem was? Was soll das sein, ein Homo Error?“ Für einen Augenblick hielt Tobias La Salle inne und in seinem Kopf schossen alle seltsamen Ahnungen durcheinander, was dieses E bedeuten könnte, und je länger er darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihm, was seine aufkommende Angst in diesen Buchstaben legte.

„Na schön, Jungchen. Es hat wahrscheinlich keinen Sinn, Ihnen das zu sagen, aber was soll’s: Natürlich ist ein E ein Fehler in der Evolution, ein Irrweg, eine Missbildung, das weiß doch jeder! Leider lässt sich mit keiner Methode während der Schwangerschaft feststellen, ob der Fötus ein Error wird. Aber wenn die Eltern die ersten Anzeichen dafür entdecken, sind sie im Recht, wenn sie den E verstoßen.“

„Das… das ist aber kein Grund, sie elend Zugrunde gehen zu lassen. Unabhängig davon, was dieser angebliche Fehler auch sein mag: Warum werden solche Kinder nicht auf humane Art von ihren Leiden erlöst?“

Der Controller schnaufte genervt, ließ sich aber zu einer kurzen Erklärung herab. So lange der Kerl dabei still hielt; außerdem musste der Käfig ohnehin jeden Moment da sein.
„Das haben wir anfangs probiert, und auch das weiß jeder, nur Sie anscheinend nicht. Jeder Versuch einen Error zu töten, endete mit der Vernichtung der Person, die es versuchte. Die Art und Weise war immer unterschiedlich, aber in jedem Fall tödlich. Diese verdammten E´s sind sofort nach der Geburt imstande, Angriffe auf sich abzuwehren. Das ist es ja, was sie zu E´s macht. Aber Schluss jetzt. Es kann nur noch Sekunden dauern, bis der Käfig eintrifft, und danach wird Sie das alles nicht mehr interessieren.“

Irgendwie hatte der Controller dabei ein Wort benutzt oder einen Ton angeschlagen, der bei La Salle im Kopf einen Riegel löste, von dem er selbst nicht einmal gewusst hatte, das er existierte. Mit fast übermenschlicher Kraft, die ihn plötzlich durchströmte, riss er sich von dem Uniformierten los, und donnerte ihm seine Rechte gegen eine Schläfe. Der Mann sackte wie ein leerer Sack in sich zusammen, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben. Einige der näheren Passanten traten zwar von der Szene schnell zurück, kümmerten sich aber nicht weiter darum. Wahrscheinlich lag es daran, dass in nicht allzu großer Ferne ein hässlicher Ton das Eintreffen des Käfigs ankündigte. Ohne lang zu überlegen, hastete Tobias die wenigen Meter zu den beiden Kindern zurück, kletterte an einem Rohr nach oben, dessen Zweck er nicht erkannte, ihn aber auch nicht groß interessierte und schnappte sich schnell, aber vorsichtig das erste Kind. Mit aufsteigender Panik und den in seinen Ohren zu einem gefährlichen Dröhnen anwachsenden Alarmton des Käfigs, versuchte er, beide Kinder möglichst sicher in seinen Armbeugen zu verstauen. Wieder beobachteten ihn zwar mehrere Fußgänger, und sowohl ein Motorscater, als auch ein City-Cab hätten beinahe einen Unfall verursacht, da ihre Fahrer ihn mit weiten Augen anglotzten. Aber glücklicherweise versuchte niemand ihn aufzuhalten.

Tobias vergeudete keine Zeit, sich einen Fluchtweg zu überlegen, sondern fing an, in die entgegengesetzte Richtung zum jetzt um die Ecke schießenden Käfig zu rennen. Er hatte vielleicht gerade fünfzig Meter Abstand zum Fahrzeug und er wusste, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit keine Chance hatte, zu entkommen, aber trotzdem rannte er so schnell, wie er es in seinen eleganten, aber fürs Laufen völlig ungeeigneten Modellschuhen schaffen konnte. Eigentlich müssten ihn die Controller in wenigen Sekunden eingeholt haben, aber er raste ungehindert die Strasse entlang. Als er die nächste Ecke erreichte, wagte er einen Blick zurück über die Schulter. Der Käfig, ein gedrungen wirkendes, dunkelblau lackiertes Fahrzeug, mit tatsächlich einem käfigartigen Aufbau am Heck, stand nahe bei dem immer noch am Boden liegenden Controller. Zwei Beamte in gleicher Uniform waren dabei zu beobachten, wie sie zum Einen ihren Kollegen anhoben und zum Anderen in ein Funkgerät sprachen, wahrscheinlich um ärztliche Hilfe für den Verletzten anzufordern, was dieser vorher für die Kinder partout nicht tun wollte. Tobias sah in die Gesichter der beiden Kinder und stellte überrascht fest, dass beide ihn mit offenen, klaren Augen musterten. Einen etwas seltsamen Ausdruck meinte er darin sehen zu können, war sich aber nicht sicher. Auf jeden Fall hatten sie aufgehört zu wimmern, was er erleichtert feststellte; jedes einzelne Wimmern hatte ihn tief im Herz berührt, so als wären es seine eigenen Kinder, die sich in diesem Zustand befänden. Mit einem letzten Blick auf die Controller nahm er seine Flucht wieder auf und hatte dabei zwei starke Empfindungen. Die erste war die absolute Gewissheit, entgegen der allgemeinen Reaktion der Leute um ihn herum, das einzig Richtige zu tun. Das zweite Gefühl war weniger befriedigend: Mit aller Wahrscheinlichkeit würde sein Leben ab sofort in völlig anderen Bahnen verlaufen, als er sich sonst vorgestellt hatte.

Zwei Tage später und einige Kilometer weiter hockte Tobias völlig abgekämpft an einem alten, aber sauberen Bett und beobachtete die beiden Schlafenden. Während er so da saß und die ruhig schlummerten Kinder, einen dunkelhaarigen Jungen und ein silberblondes Mädchen, betrachtete, zogen die beiden vergangenen Tage an ihm vorüber. Nach nur einer halben Stunde seiner Flucht hatte er einen Park mit einem mittelgroßen See gefunden, an dessen Ufer er den völlig verdreckten Kindern zuerst zu trinken gab und sie dann gründlich wusch. Es war ihm bewusst, dass er das Wasser eigentlich hätte abkochen müssen, aber die Gefahr einer Infektion erschien ihn in diesem Moment weniger wichtig, als die Möglichkeit, dass die Kinder an Austrocknung starben. Ein paar Minuten hatte er versucht, die halb zerfetzten Leibchen zu waschen, gab es dann aber schnell auf und verlegte sich darauf, aus seinem leichten Citymantel zwei handliche Teile herauszureißen, in die er die Kinder einwickelte. Während der ganzen Zeit gaben die beiden keinen Ton von sich, ließen ihn aber nicht aus den Augen und verfolgten gezielt – ja, diesen Eindruck hatte er permanent in sich gespürt – seine Handlungen. Er schätzte das Alter der beiden vielleicht auf zwei bis drei Jahre. Aber darin war er sich nicht sicher. Auf jeden Fall mussten sie in der Lage sein, sich zu artikulieren. Vielleicht waren sie durch den Schock und ihre Angst noch nicht bereit, ihn anzusprechen. Aber Tobias La Salle war sich absolut sicher, dass sie sprechen konnten; zu intelligent und abschätzend waren die Empfindungen, die ihre Augen aussandten.

Ein wenig schienen sie ihm ihr Vertrauen auszudrücken, als er ihnen zu Essen anbot. Seinen etwas in Mitleidenschaft gezogenen Schokoriegel lehnten sie nach kurzem Schnuppern ab, aber die reifen Reneklode-Früchte eines in der Nähe wachsenden Busches nahmen sie gerne an. Zuerst überlegte Tobias, ob er die Kleinen im dichten Gestrüpp des Pflaumenbusches für kurze Zeit verstecken konnte, bis er etwas kindergerechtere Nahrung besorgt hätte, ließ dann aber die Idee fallen. Zu groß kalkulierte er die Gefahr, dass sie erneut in Weinen verfallen könnten und diesmal niemand da war, der sich im letzten Augenblick ihrer annehmen könnte. Nachdem sie mit den gelben Früchten ihren ersten Hunger gestillt und er ihnen erneut das Gesicht und Hände gewaschen hatte, nahm er sie abermals in seine Armbeugen auf und marschierte durch den Park. Zu seinem Erstaunen und auch seiner Erleichterung waren außer ihm fast keine Erwachsenen zu sehen. Nur hier und da eine einzelne Person, ein oder zwei Pärchen, die die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne genossen, sich aber nicht im Geringsten um ihn und seine Last kümmerten.

Die Sonne berührte gerade den Horizont, da entdeckte er im rot glühenden Schein ein ziemlich großes Gebäude, allem Anschein nach die Verwaltung des Parks mit integriertem Geräteschuppen und zu seiner Freude einer angeschlossenen Wohnung. Offenbar wohnte hier der Hausmeister oder Parkwächter mit seiner Familie. Aber je näher Tobias dem Haus kam, desto deutlicher wurde es, dass dort niemand mehr wohnte. Ein paar Scheiben waren zerbrochen, ein Fenster hing schief im Rahmen und auf der Vortreppe wucherten aus allen möglichen Ritzen und Spalten Pflanzen. Erst jetzt fiel ihm auf, das niemand Eintritt verlangt hatte, als er den Park betreten hatte, obwohl alles darauf hindeutete, das dieser Park kein öffentlicher, sondern ein kommerziell genutzter Park mit einigen wenigen Attraktionen gewesen sein musste. Tobias erinnerte sich an ein kleines Kassenhäuschen, ein ausgebleichtes Werbeplakat und einen sicher ringsum verlaufenden Zaun, der aber an vielen Stellen offen gewesen war. Mit auf einmal eiligen Schritten hatte er dann die Treppe erreicht und mit kurzem, aber hartem Tritt das einfache Türschloss geknackt. Innen deutete ebenfalls alles darauf hin, dass seit langer Zeit niemand sich hier aufgehalten hatte. Zwar machten die Dinge und Möbel einen funktionstüchtigen Eindruck, über allem lag aber eine Staubschicht, die sicher mehrere Jahre Gelegenheit gehabt hatte, sich niederzulassen. Tobias legte die beiden Kinder einfach am Boden nieder und machte sich an die Arbeit.

Zuerst suchte er das Schlafzimmer, zog dort die Betten ab und fand in einer Kommode erwartungsgemäß sauberes, aber ein wenig muffig riechendes Bettzeug. Er schnupperte kurz an den Hintern der beiden, seine Nase signalisierte keinen Handlungsbedarf und so verfrachtete er sie schnell in das eine Bett. Mit einem zufriedenen Lächeln kommentierte er das sofortige Schließen der Kinderaugen und das wie von selbst in ihm aufkommende Talent einer erfahrenen Hausfrau. Fast hätte er in diesem Moment vergessen, warum er hier in einem Park saß und höllischen Hunger hatte, anstelle Zuhause den Geschäftsabschluss mit Browning & Boyle bei einem Glas Sekt zu feiern. Aber das Knurren seines Magens lenkte schnell seine Aufmerksamkeit auf den gigantischen Kühlschrank, der in der Küche wie eine Verheißung thronte. Leider wurden seine Erwartungen bitter enttäuscht, als er die Tür öffnete. Die wenigen Sachen, welche die Vorbesitzer zurückgelassen hatten, waren ausnahmslos verdorben und verbreiteten in der Küche einen scheußlichen Geruch, der sein Verlangen nach Essen rasch abkühlte. Resigniert schloss er die Tür. Er stöberte ein wenig im Erdgeschoss herum und fand dann schließlich im Keller, was er gehofft hatte. In Reih und Glied, schön sortiert nach Art und Haltbarkeitsdatum, standen dort in einem Regal wahre Schätze an Lebensmitteln. Etwa ein Drittel hatte das Haltbarkeitsdatum überschritten, aber der andere Teil versprach abwechslungsreiche Befriedigung seiner Bedürfnisse. Und die der Kinder. Ganz links stapelten sich alle möglichen Kartons und Fläschchen mit Kindernahrung. Der Parkwächter musste Familie gehabt und entsprechend vorgesorgt haben. Für sich selbst wählte Tobias ein Glas mit Karotten und Möhren, dazu eine Dose Cornedbeef und eine Flasche Tomatensaft. Er aß alles kalt, denn um sich die Sachen zu erwärmen, hätte er die Küche aufsuchen, Geschirr sauber machen, den Herd anstellen müssen, wobei er nicht wusste, ob noch genügend Heizmaterial vorhanden war und dergleichen. Er war aber so müde gewesen, das er sich diese Mühe ersparte. Danach fiel er komplett angezogen in das zweite Bett, neben dem der Kinder und schlief sofort ein. So verging der erste Tag.

Am Tag darauf weckten ihn die Kinder mit einem lauten „Hallo“ und dem eindeutigen und klar verständlichen Wort „Hunger“. Tobias rieb sich den Schlaf aus den Augen und grinste dabei.

„Also ihr könnt sprechen, wusste ich es doch.“, sagte er und versorgte sie mit den Handgriffen, die er bei seiner Schwester mit deren Kindern oft genug beobachtet hatte.
Er musste alles zumindest so weit richtig gemacht haben, denn er hörte nicht den geringsten Protest oder Einwand der beiden, die dem Frühstück aus Babybrei, Zwieback und dem Rest Tomatensaft kräftig zusprachen. Danach schliefen sie fast augenblicklich wieder ein, was ihm nur recht war, konnte er sich endlich ausgiebig um sich selbst und ihre Zuflucht kümmern. Er verbrachte der ganzen Tag damit, sich und die Kinder zu duschen, für alle Kleidung zu entdecken, die den Kindern wie auf den Leib geschneidert, ihm aber ein klein wenig zu groß war, so dass er seine Sachen wusch und später wieder anzog, das Haus zu erforschen und einen Teil davon wieder bewohnbar zu machen. Zwischendurch aßen sie, hielten ein Nickerchen und erholten sich spürbar von Stunde zu Stunde. Und jetzt am Ende des zweiten Tages zog es seine Lider mit aller Gewalt nach unten. Kurz bevor er einschlief, dachte er daran, dass trotz seiner Bemühungen die Kinder in jedem Fall ärztlich untersucht werden mussten. Und dann musste er noch herausfinden, warum…

Er war wach, hatte aber die Augen noch geschlossen. Ganz nah an seinem Gesicht fühlte er einen, nein, zwei warme Luftzüge. Nach kurzer Zeit erkannte er einen Rhythmus darin. Eindeutig Atemzüge. Tobias La Salle öffnete die Augen. Das Mädchen und der Junge standen direkt neben ihm und sahen ihn an.

„Guten Morgen.“, sagte Tobias und lächelte.

„Guten Morgen.“, kam es unisono von den beiden zurück.

Völlig überrascht richtete er sich ein wenig auf. „Schön, das es euch besser geht.“, fiel ihm ein wenig verunsichert ein. Nun ja, es gab sicher sprachbegabte Kinder und welche, die weniger…, überlegte er.

„Wir danken dir. Wie heißt du?“, fragte das Mädchen mit piepsiger Stimme, aber erstaunlicher Akzentuierung.

„Ich heiße Tobias, Tobias La Salle. Und wie heißt ihr?“

„Das ist mein Bruder Erik, und mein Name lautet Veronica.“, antwortete sie und nickte dabei nett mit dem Kopf.

„Wie kommt es, dass du uns geholfen hast?“, fragte Erik und deutete dabei vielsagend auf das E auf seiner Stirn, die sich erfreulich geglättet hatte und nun den Buchstaben wieder erkennbarer machte.

„Nun… sagt mir lieber, warum eure Eltern euch verstoßen haben und niemand anders euch helfen wollte.“, forderte Tobias die beiden auf und hob sie auf sein Bett, was sie ohne erkennbares Misstrauen mit sich geschehen ließen.

„Unsere Eltern sind tot. Wir haben sie getötet.“, sagte Erik ernst und es schossen ihm Tränen aus den Augen. „Wir mussten es tun, das sie sonst uns getötet hätten.“

Veronica weinte stumm und tupfte dann ihrem Bruder und sich die Tränen mit dem Zipfel eines kleinen Kissens ab. „Es war fürchterlich traurig, denn wir haben unsere Eltern geliebt. Aber sie wollten uns schließlich doch töten, obwohl sie seit unserer Geburt schon wussten, dass wir E´s sind.“, sagte sie und kämpfte erneut mit Wasser in den Augen. „Die ganzen Jahre haben wir gehofft, dass sie es nicht versuchen würden.“

Tobias hob eine Hand und streichelte über ihre Köpfe. „Es tut mir Leid für euch.“ In ihm brannte die Frage, wie sie ihre Eltern getötet haben könnten, aber alles der Reihe nach. „Könnt ihr mir sagen, was dieses E genau bedeutet und warum alle anderen Menschen darin einen Grund sehen, Kinder wie euch zu verstoßen?“ Während er das fragte, faszinierte ihn immer noch die Tatsache, dass er hier auf einem Bett mit zwei kleinen Kindern saß und absolut ernsthaft mit ihnen ein ernstes Problem besprach.

Erik sah zuerst seine Schwester an, dann wieder Tobias. „Wenn wir dir das sagen, willst du uns vielleicht auch töten. Und dann müssten wir dich zuerst töten. Aber ich will das nicht.“
Tobias La Salle erkannte den Ernst der Situation und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter. Wenn er den Kindern den geringsten Anlass gab, er könnte íhnen doch noch gefährlich werden, würden sie ihn töten. Das Wie interessierte ihn immer noch, aber scheinbar waren die beiden davon überzeugt, dass sie es schaffen würden.

„Wie alt seid ihr beide?“, fragte er und bewegte sich dabei nicht.

„Ich bin vier und Veronica ist drei Jahre alt.“ Also hatte seine ursprüngliche Schätzung zu niedrig gelegen, aber er hatte außer den Kindern seiner Schwester auch wenige Vergleichsmöglichkeiten. „Aber ist das für dich wichtig, wie alt wir sind? Ab welchem Alter besteht keine Gefahr mehr, dass du uns tötest?“
Erik´s Logik war bestechend.

„Weder euer Alter, noch euer Verhalten würden mich dazu bringen, euch töten zu wollen.“, sagte Tobias fest und fasste beide an den Händen. „Allem Anschein nach bin ich anders als alle anderen Erwachsenen dieser Stadt. Da, wo ich herkomme, tötet niemand Kinder, schon gar nicht so begabte wie er es seid.“

Veronica lächelte und warf in einer anmutigen Geste ihr silberblondes Haar zurück. Wenn sie erwachsen war, würde sie bildschön sein. Die Ansätze dazu hatte sie bereits.
„Du hältst uns für begabt? Nicht für gefährlich? Wir sind E´s!“ Scheinbar war damit alles erklärt.

„Ihr seid selbstverständlich außergewöhnlich. Ihr sprecht fließend, in einer Art und Weise, wie es andere Kinder in eurem Alter noch nicht können. Ihr habt euch extrem schnell erholt, und dies ohne ärztliche Hilfe. Ihr versteht euch so auszudrücken, wie es nur ein Mindestmass an Intelligenz und Wissen ermöglicht. Und bis jetzt entdecke ich nichts Gefährliches an euch. Was bedeutet dieses Homo Error? Der Controller sagte mir, dass damit eine evolutionäre Fehlentwicklung gemeint sei. Aber ihr seid eher das Idealbild, das man sich von Kindern macht. Zumindest dachte ich immer so. Wenn ich einmal Kinder habe, dann wünsche ich mir, dass sie so sind wie ihr.“

Jetzt lächelte auch Erik das erste Mal und drückte Tobias´s Hand fester. „Das haben wir noch nie gefühlt: Das jemand sich wünscht, wir wären so, wie wir sind.“

„Ihr könnt also die Gefühle anderer Menschen spüren. Nun, das sollte jeder können, der sich näher mit einem anderen befasst. Im Normalfall ist dies die Grundlage einer jeden Beziehung, egal ob zwischen Ehepartnern oder Eltern zu ihren Kindern. Aber ich nehme an, ihr könnt mehr als nur spüren, was ein anderer fühlt. Richtig?“

„Ja. Es ist so, als ob wir pausenlos Signale empfangen, egal ob wir es wollen oder nicht. Manchmal kann ich aber den Empfang abblocken, aber es gelingt mir nicht immer.“, sagte Erik. „Veronica kann das noch gar nicht.“ Ein wenig Traurigkeit lag in seiner Stimme, dass sie diesen Schutz noch nicht entwickelt hatte.

„Tja, dann würde ich sagen, dass ihr beide zumindest Empathen seid. Aber das erklärt noch immer nicht, wieso man euch diskriminiert. Im Gegenteil fallen mir dazu eine Menge Dinge ein, wie man einen Empathen für die Allgemeinheit nützlich einsetzen kann. Weiter Erik.“, forderte Tobias den Jungen auf.

„Können wir erst essen und dann weiterreden. Ich habe Hunger.“, sagte Veronica und sah die beiden anderen bittend an.

„Selbstverständlich.“, sagte Tobias und stellte erleichtert fest, das die Gefahr, getötet zu werden völlig unbemerkt aus ihrer Unterhaltung verschwunden war. Während er Frühstück machte, gingen die Kinder alleine ins Bad und kamen nach nicht allzu langer Zeit sauber und frisch angezogen wieder heraus. „Bevor wir uns weiter über eure Begabungen unterhalten, würde mich interessieren, warum ihr hilflos an der Häuserwand hingt.“, sagte er kauend und so beiläufig wie möglich.

Erik legte seine Gabel beiseite und blickte wieder sehr ernst und erwachsen drein. „Nachdem wir… Vater und Mutter töten mussten, saßen wir in der Wohnung und konnten weder die Türen öffnen, noch jemand über Telefon zu Hilfe rufen. Jeder hätte uns sofort den Controllern gemeldet und die hätten uns abtransportiert.“

„Wir lebten eine Zeitlang von den Vorräten, doch dann wurde die Luft in der Wohnung zu schlecht.“, fuhr Veronica für ihren Bruder fort.

Tobias erkannte, dass sie von Verwesungsgeruch sprach und hatte augenblicklich keinen Appetit mehr. „Und dann?“

„Dann dachten wir, wir kämen über die Fenster heraus. Leider hatten wir nicht die körperliche Kraft, um an der Fassade herabzuklettern und sind heruntergefallen. Das Drahtgeflecht und der Korb haben uns vor einem Aufprall auf dem Gehsteig bewahrt. Wir riefen natürlich sofort um Hilfe, aber niemand tat es. Jeder, der uns sah, entdeckte die Markierung und ignorierte uns. Bis du kamst.“, stellte Erik fest und lächelte wieder und nahm sein Frühstück wieder auf.

„Ja, wo kommst du eigentlich her?“, fragte Veronica und schob ihren leeren Teller beiseite. „Können wir zu dem Ort gehen, wo du lebst? Werden dort Kinder wie wir nicht getötet?“
Verblüfft stellte Tobias seinerseits fest, dass er über diesen Punkt noch gar nicht nachgedacht hatte. Es gab keinen bestimmten Ort, wo ausnahmsweise die Kinder nicht getötet würden. Das war überall so, wo er herkam. In seiner Heimatstadt, in dem Land, in dem er lebte, eigentlich auf dem ganzen Planeten. Aber wenn es hier so war, dann konnte das nicht… Und wenn er die Ausnahme war, dann musste er hier fremd sein. Das hieß aber auch, dass er irgendwie hierher gekommen sein musste. Aber das wusste er ja! Mit der Magnetschwebebahn von Boston nach Atlanta, von dort aus mit einem Taxi ins Stadtzentrum und zu Fuß… Ihm fiel wieder der Moment ein, als er in die Strasse bog, die zu Browning & Boyle führte. Er war stehen geblieben, weil ihm etwas seltsam vorkam. Gut, seltsame Anwandlungen ohne tieferen Sinn hatte sicher wohl jeder Mal. Aber dieses Gefühl war irgendwie anders gewesen. Im Nachhinein meinte er sich an ein kurzes Schwindelgefühl zu erinnern, was er aber damals seiner Hetzerei und längeren Trainingspausen zugeschrieben hatte. Er sah auf und bemerkte, dass die beiden Kinder ihn beobachteten.

„Ich komme nicht von hier. Andererseits sieht alles wie Zuhause aus. Ich kenne mich hier aus… allerdings diesen Park gibt es in meiner Stadt nicht.“ Ihm fiel auf, dass die Kinder ihn nicht verstanden. Gleichzeitig drängte sich aus den Tiefen seines Gehirns ein Gedanke nach oben, der ihm eine phantastische, aber mögliche Lösung bot.

„Ihr habt sicherlich noch nichts von verschiedenen Dimensionen gehört, oder doch?“ Fast erleichtert stellte er fest, dass beide mit den Kopf schüttelten. „Nun, das müsst ihr euch ungefähr so vorstellen: Im Laufe der Entwicklung machte die Evolution, oder Natur, wenn euch das lieber ist, Versuche, Experimente. Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass sich das Leben ständig weiterentwickelt. Aber in solch langen Zeiträumen, das wir es nicht unmittelbar feststellen können.“ Tobias sah beiden in die Augen, sah darin aber nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sie ihm in seinen Ausführungen nicht folgen könnten und fuhr deshalb fort. „Dabei kann es manchmal vorkommen, das eine solche Veränderung nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil der Lebewesen führt. Nach einiger Zeit verschwand diese Fehlentwicklung wieder und ein erfolgreicherer Weg wurde beschritten. Nun sind einige Forscher der Meinung, das sich dieser Vorgang nicht nur auf die Biologie, sondern auch auf physikalische Eigenschaften erstreckt.“ Wieder zweifelte er kurz, ob sie ihm folgen könnten, hatte aber ihre volle Aufmerksamkeit. „Na schön, weiter also. Wir leben in einem Universum, in dem Zeit vergeht und Materie allen möglichen Veränderungen ausgesetzt ist. Aber ist es wirklich immer so, das auf ein Gestern ein Heute und ein Morgen folgt? Ist es immer so, dass Materie entsteht und danach vergeht? Kann die Reihenfolge nicht auch einmal anders herum oder parallel sein? Und genau das glauben einige Wissenschaftler: Das Zeit und Raum, Materie und Dimension auch andere Wege gehen können. Nach dieser Theorie existieren viele Erden nebeneinander, nicht alle gleich, sondern mit Unterschieden. Vielleicht ist eure Welt zu meiner nur darin anders, das es Menschen wie euch gibt und in meiner nicht.“

„Und wenn es in deiner Welt E´s gäbe, würden sie dann auch von den normalen Menschen verfolgt und getötet werden?“ Erik bewies damit, dass er alles verstanden hatte und darüber hinaus weiterdenken konnte.

Ja, würden diese Kinder in seiner Welt eine Chance haben? Er war sich ja nicht einmal sicher, ob seine Vermutung auch nur im Ansatz der Realität entsprach.
„Wisst ihr Kinder, ich weiß es nicht. Zwar spekuliert man schon seit vielen Jahren über die Möglichkeit einer Weiterentwicklung des Menschen. Tatsächlich hat man sich alle möglichen Variationen von Mutationen ausgedacht. Telepathen, Empathen wir ihr, Teleporter, Telekineten usw. Aber der Beweis, dass ein Mensch diese Fähigkeiten hat, ist bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich würde ein echter Mutant sofort militärisch eingesetzt werden. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, würde er sich bei einiger Intelligenz dagegen wehren können und die Öffentlichkeit informieren. Und was dann geschieht, weiß ich wirklich nicht. Wie gesagt, es ist bisher noch nicht vorgekommen…“

Ein paar Minuten schwiegen alle drei und dachten nach. Tobias wollte sich schon erheben, um den Tisch abzuräumen und um seine Gedanken mit praktischen Dingen aus einer möglichen Sackgasse zu helfen, da stellte ihm Veronica eine weitere Frage.

„Wenn du nicht von hier bist, und du es selbst nicht sicher weißt, wie bist du dann hierher gekommen? Und wie willst du wieder zurück?“

„Das kann ich dir im Moment nicht sagen, Kleines…“ Er wollte noch weiterreden, aber eine neue Frage warf einen anderen Problemkreis auf.

„Kannst du uns mitnehmen? Wir wollen nicht hier bleiben. Ich will in deine Welt. Wenn dort alle Erwachsenen sind wie du, wird es uns dort sicher besser gehen.“
Erik ließ ihn nach der Frage seiner Schwester nicht aus den Augen.

„Willst du uns denn mitnehmen, wenn du kannst?“ Wieder hatte Tobias ein Gefühl einer latenten Gefahr. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass beide Kinder seine Angst fühlen konnten und womöglich falsche Schlüsse daraus zogen.

Seine Antwort kam wie von selbst und ohne Zögern aus seinem Mund. „Ich nehme euch selbstverständlich mit! Das ist nicht die Frage. Die Hauptfrage ist, ob meine Theorie richtig ist und wenn ja, wie wir einen Weg nach Hause finden.“

„Nach Hause.“, sagte Veronica traurig. „Wir hatten ein Zuhause. Und Eltern…“

„Die uns töten wollten.“, sagte Erik hart zu seiner Schwester.

Sie schwieg daraufhin für eine lange Zeit und half Tobias stumm beim Abwasch.Überhaupt vermieden sie in den nächsten Stunden ein Gespräch und taten wortlos die Dinge, die eine Familie nach dem Frühstück wohl immer tat. Sie gingen zur Toilette, wuschen sich, räumten Sachen auf und stöberten ein wenig im Haus herum. Keiner der drei kam auf die Idee, vor das Haus oder gar aus dem Park zu gehen. Nach einem Mittagessen aus aufgewärmten Doseninhalt und ein wenig Zwieback schliefen alle.

Dieses Mal erwachte Tobias als erster und betrachtete die Kinder. Wenn ich einen Weg finden würde, wie würde ihre Zukunft aussehen? Wie lange könnte ich ihre Fähigkeiten geheim halten? Was würden die Behörden oder sicherlich das Militär tun, wenn sie es entdecken würden? Er hatte auch keine Lust, die Kinder in die Hände von Medizinern zu geben, die alle denkbaren und vielleicht auch undenkbaren Untersuchungen mit ihnen anstellen würden. Das sind ungelegte Eier, ermahnte er sich und zwang seine Überlegungen in unmittelbarere Richtungen. Wenn ich die Dimension gewechselt habe, dann habe ich es nicht sofort bemerkt. Es kann eigentlich nur der Moment gewesen sein, als ich um die Ecke zu Browning & Boyle bog. Aber da war nichts, kein Erzittern des Raums, kein gleißendes Licht oder ähnlich mystische Dinge. Einfach nur ein weiterer Schritt auf meinem Weg. Und wenn das Phänomen stabil ist, dann müssten dort ununterbrochen Menschen aus meiner Dimension in diese überwechseln. Ein Satz des Beamten viel ihm plötzlich ein. ‘Ich habe hier schon wieder so einen Verrückten’, hatte der Controller zu seiner Dienststelle gesagt. Also gab es schon vorher Menschen, die nicht so gefühlsarm waren, deren Herzen nicht zerrissen waren. Zerrissene Herzen, ja das war es, was er empfunden hatte.

Tobias La Salle stand leise auf und ging ins Bad. Seine Dusche vollführte er unbewusst und das Frühstück machte er ebenfalls, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.
Wenn aber ständig Menschen wie ich hierher kämen, hätte diese Welt ein größeres Problem. Sicher hätte es längst Widerstand, Aufstände oder gar einen Bürgerkrieg gegeben. Denn er konnte sich nicht vorstellen, dass eine ausreichende Anzahl normal empfindender Menschen diese Kinderjagd geduldet hätte. Also muss der Effekt auch zeitlich begrenzt sein. Ein temporäres Dimensionstor! Oder noch schlimmer: ein wanderndes! Wenn dies der Fall war, dann hatten sie keine Chance. Kein sichtbarer Effekt, der sich lokalisieren ließ. Also bestand seine Hoffnung aus einem zeitlich begrenzten Tor. Aber wann?

„Guten Morgen, Tobias.“, sagten die Kinder wieder einstimmig und setzten sich zu ihm. Veronica beugte sich sogar zu ihm herüber und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Erik sah es und in seinen Augen spiegelten sich ein wenig Eifersucht und Unschlüssigkeit wider. Aber schließlich erhob er sich und drückte Tobias kurz an sich.

„Ebenfalls einen Guten Morgen, Kinder.“ Er fühlte ein paar neue Gefühle in sich. Verantwortung. Und Stolz. Ja, er war stolz auf sich. Er hatte zwei Leben gerettet und anscheinend ihr Vertrauen gewonnen. Mittlerweile sahen die Kinder vollständig erholt aus. Beruhigt strich er den Punkt  Ärztliche Untersuchung von seiner Problemliste.

„Ich habe nachgedacht, Kinder. Das einzige, was mir einfällt, ist, dass wir in die Strasse zurück müssen, in der ich euch gefunden habe.“ Sofort verspürte er ihr Zurückzucken. Nicht körperlich, aber ganz deutlich in Gedanken. Er empfing ihre heftigen Gefühle. „Es scheint mir der einzige Weg zu sein, zu überprüfen, ob ich Recht habe. Ich habe zwar keine Ahnung, wie wir feststellen sollen, ob dort ein Tor ist und wenn ja, ob es geöffnet ist. Aber ich kenne keine andere Stelle, an der sich ein Versuch sonst lohnen könnte. Was sagt ihr dazu?“

Erik schluckte seinen Bissen hinunter. „Ich habe auch nachgedacht, Tobias. Ich habe eine Methode gefunden, festzustellen, ob wir in deine Welt können.”

“Wir müssen dieses Dimensionstor – wenn es denn existiert – erst einmal finden, Erik.“, sagte Tobias.

„Schon, aber das ist deine Aufgabe. Du warst dort, nicht wir. Du musst dich ganz genau an die Stelle erinnern, an der du in unsere Welt kamst.“

„Und wie willst du feststellen, dass es da ist?“ Tobias hatte sich die halbe Nacht darüber den Kopf zerbrochen, aber keine Lösung gefunden.

„Wenn wieder ein Mensch wie du auftaucht, dann spüren wir es. Glaube mir!“, sagte der Junge voller Überzeugung und aß weiter.

Das könnte er womöglich. „Aber wir wissen nicht, wann das Tor sich öffnet. Wir müssten die Stelle pausenlos beobachten. Und das würde bald einem Controller oder anderen auffallen.“, entgegnete Tobias. „Aber du hast recht, Erik. Uns bleibt keine andere Wahl.“

Sie hatten sich nach dem Frühstück mit ausreichend Lebensmitteln und möglichst unauffälliger Kleidung aus dem Haus versorgt und waren unverzüglich zu ihrem Ziel aufgebrochen, denn schließlich sprach nichts dagegen, es sofort zu versuchen. Im Gegenteil, vielleicht hatten sie in den wenigen Tagen ihres Aufenthaltes im Park schon eine oder mehrere Chancen verpasst. Wir haben keine andere Wahl, dachte Tobias und versuchte so unscheinbar wie möglich die Passanten zu beobachten. Aber irgendwann würden sie auffallen, wenn sie Stunden, Tage oder gar Wochen hier herumlungerten.

Sie hatten mittlerweile etwa zweieinhalb Stunden mit erfolgloser Beobachtung verbracht. Zunehmend wurden ihrer Bewegungen nervöser, obwohl zwar niemand von ihrer Anwesenheit bewusst Notiz nahm, aber von Minute zu Minute die Chance stieg, das ein Mobiler Controller oder ein Fahrzeug des Wachkommandos sie entdeckte. Und sicherlich standen sie auf einer Fahndungsdatei.

Plötzlich ruckten beide Köpfe der Kinder wieder Richtung der Stelle, die ihnen Tobias als wahrscheinlichen Punkt seiner Ankunft gezeigt hatte. Er selbst hatte die Stelle trotz ansteigender Langeweile, gemischt mit Unruhe und Angst, nicht aus den Augen gelassen. Unmittelbar vor der Reaktion der Kinder hatte sich sein Blick getrübt, wie von leicht bewegtem Wasser, das aber nach einer Sekunde wieder völlig zur Ruhe kam. Er hatte erst gedacht, seine übermüdeten Augen spielten ihm einen Streich, aber dann sah er sie.
Die Frau stand urplötzlich genau dort, wo Sekunden vorher die Luft geflimmert hatte. Kein Lichtblitz, kein Aufreißen der Dimension, wie er es sich zusammen gesponnen hatte. Nein, absolut unspektakulär, völlig geräuschlos und blitzschnell. Sicher lag darin die Ursache dafür, dass die örtlichen Behörden noch nicht misstrauisch geworden waren, woher denn diese Verrückten auftauchten. Zum wiederholten Mal fiel Tobias La Salle ein, das der Controller von mehreren Verrückten gesprochen hatte. Schon wieder so ein Verrückter. Tobias wurde klar, das er nicht ein einzelnes Phänomen darstellte, sondern einer in einer Reihe ähnlicher Personen war.

Inzwischen hatte die Frau ihre Schritte schnurstracks auf Tobias, Erik und Veronica gelenkt und stand nun lächelnd vor ihnen. Sie war ein wenig blass, aber dafür funkelten ihre Augen umso strahlender. Ihre braunen Augen hatten die gleichen rötlichen Einschlüsse, wie ihr ebenfalls braunes Haar. Um die Nase und auf den Wangenknochen tanzten viele Sommersprossen und unterstrichen ihr sympathisches Lächeln. Die Haltung war lässig, aber trotzdem hatte Tobias das Gefühl, das sie sofort bereit gewesen wäre, bei der geringsten Gefahr Kampfhaltung einzunehmen. Sie trug einen dunklen, schick geschnittenen Anzug und im gleichen Augenblick bemerkte Tobias, dass sein Jackett und seine Hose den gleichen Schnitt hatten.

„Hallo, Tobias.“, sagte sie und ihr Lachen nahm um eine Spur zu. „Ich weiß wirklich nicht, wie du das machst. Du bist noch keine Woche unterwegs und hast schon wieder zwei gefunden.“

Schon wieder zwei. Schon wieder so ein Verrückter. Dabei kniete sie sich vor die Kinder und streckte ihnen die Hände entgegen. Erik und Veronica hatten die ganze Zeit nichts gesagt, liefen aber jetzt auf die Frau zu und ergriffen ihre schlanken Hände, an denen sie jeweils zwei seltsame Geräte trug, die Tobias nicht erkannte, aber irgendwie vertraut vorkamen.

„Wie heißt du?“, fragte Veronica und spielte verlegen und unbeholfen mit ihren Fingern an der Hand der Frau. Die von Tobias vorher an den Kindern beobachtete Selbstsicherheit war verflogen. Hier standen sich ein kleines Kind und eine Frau gegenüber, nicht ein Mutant und ein Fremder.

„Mein Name ist Chantal deBos-Margaux, aber du kannst Chani zu mir sagen, wie alle meine Freunde. Und wie soll ich euch ansprechen?“

„Erik.“, sagte der Junge kurz. Er schien noch damit zu ringen, ob er hier einem weiteren Fremden vertrauen konnte. Aber schließlich schien sie Tobias zu kennen und der war in Ordnung.

„Ich heiße Veronica.“, zwitscherte die Kleine. „Das ist mein Bruder. Tobias hat uns gefunden und geholfen. Ohne ihn wären wir jetzt sicher schon tot.“

Ein Schatten fiel über Chantals Gesicht und sie erhob sich. „Wir müssen weg. Ich weiß, dass du jetzt nicht alles verstehst, aber vertrau mir einfach wie immer.“, sagte sie schnell und blickte ihm ernst in die Augen. Wie immer.

Er nahm Veronica auf den Arm, sie Erik an der Hand und sie überquerten die Strasse. Als sie alle drüben standen, stoppte Chantal und blickte sich um. Sie wartet darauf, dass möglichst wenig Passanten und Verkehrsteilnehmer auf der Strasse sind. In der Tat brauchten sie nur ein paar Minuten auszuharren, dann war von einer Ecke bis zur nächsten Seitenstrasse niemand zu sehen. In beiden Richtungen, aber ausreichender Entfernung fuhren Fahrzeuge. Schnell tippte Chantal deBos-Margaux auf eines ihre Armgeräte und erhielt sofort eine Antwort.

„Startfenster frei in fünf Sekunden. Bitte rücken Sie dichter zusammen!“

Chantal zog die Kinder eng an sich und Tobias schmiegte sich halb verlegen, halb belustigt näher an sie. Was mochten sie wohl für ein Bild für einen versteckten Beobachter abgeben? Standen mitten auf dem Gehsteig und drückten sich wie furchtsame Hühner aneinander. Kaum hatte sich ihre Gruppe geschlossen, flimmerte kurz die Luft um sie herum und sie waren in einer völlig anderen Umgebung. Drei Ärzte, ein Mann und zwei Frauen, erkennbar an ihren lindgrünen Umhängen, schritten sofort auf sie zu und begannen, die Gruppe mit verschiedenen Geräten aus kurzer Distanz zu untersuchen. Chantal lächelte wieder glücklich und zog Tobias zu einer der Ärztinnen.

„Beatrice, bitte gib unserem Helden hier seine Spritze. Ich glaube, so viel Unverständnis muss endlich behoben werden. Der Arme sieht diesmal wirklich erschöpft aus. Wir sollten ihm nach diesem Einsatz eine längere Pause gönnen.“

Beatrice grinste ebenfalls und drückte ihm eine Injektionspistole an den linken Oberarm. „Ja, es ist schade, das der Rat immer noch darauf besteht, dass ein Sucher ohne vollständiges Erinnerungsvermögen durch ein Dimensionsfenster geht. Aber es ist zu seiner eigenen Sicherheit.“

„Ich weiß, aber trotzdem denke ich, dass diese alte Vorsichtsmassnahme unnötig ist. Tobias ist der effektivste Sucher und noch niemals wurde er geschnappt.“, antwortete Chantal.
Tobias La Salle fühlte längst die Wirkung der Injektion.

„Ich wäre aber tatsächlich beinahe den Behörden in die Hände gefallen. Dieses Mal.“ Er grinste dabei und freute sich, wie schnell das Mittel die Blockade aufhob.

Ich bin Tobias La Salle, der erfolgreichste Sucher im Mutanten-Suchkorps der Erde. Ich habe heute zwei Kinder vor dem sicheren Tod gerettet. Zwei junge, gesunde Empathen! Eine Bereicherung für das Korps und die Erde von unschätzbarem Wert! Sie werden uns helfen, den Feind schneller zu finden, ihn zu stellen und zu töten. Diesen Feind, der unsere Kinder stiehlt und in eine fremde Dimension entführt. Den gleichen Feind, der ihnen die Organe raubt und ihre leeren Körper mit bösartiger Verachtung in unsere Dimension zurückwirft, als wäre sie dessen  Müllhalde. Wir nehmen den Kampf endlich auf! Endlich  werden wir ihre Herzen zerreißen!

- Ende -

Copyright © 1999 by Werner Karl

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Käthe Kruse. 100 Jahre, kaum zu glauben: Zum Geburtstag der Käthe Kruse Puppen
SEK. Spezialeinsatzkommandos der deutschen Polizei

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Leseprobe: Peter S. Beagle: Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

Erstellt von Detlef Hedderich am 23. März 2009

Leseprobe: Peter S. Beagle: Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
Seiten: 304
ISBN:
978-3-608-93872-2

Der Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und – dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen. Für »Zwei Herzen« wurde Peter S. Beagle mit den beiden wichtigsten Fantasypreisen Nebula- und Hugo-Award ausgezeichnet.

Die vielen alten und neuen Liebhaber des letzten Einhorns können hier den Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung lesen. »Das letzte Einhorn« kehrt zu den Menschen zurück …

Längst gehört »Das letzte Einhorn« zum Kanon der Weltliteratur für Jung und Alt und es hat nichts von seiner Faszination verloren. In dieser erweiterten Ausgabe des Klassikers führt Peter S. Beagle die spannende Geschichte um die verschwundenen Einhörner weiter. Das Dorf, in dem die kleine Sooz lebt, wird von einem gefährlichen und bösen Greif bedroht. Immer wieder entführt er kleine Kinder in den Wald und lässt sie nicht mehr frei. Sooz beschließt, sich heimlich aufzumachen und den alten König Lír um Hilfe für ihr Dorf zu bitten. Aber vermögen Normalsterbliche wirklich etwas gegen ein gefährliches Fabeltier auszurichten? Ein Greif nämlich hat zwei Herzen, das eines Adlers und das eines Löwen. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und – dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen.

Leseprobe:

Schmendrick kam kurz vor Tagesanbruch zurück, lautlos wie Wasser zwischen den Käfigen hindurchgleitend. Nur die Harpyie gab Laut, als er vorüberkam. “Ich konnte mich nicht früher freimachen”, sagte er zum Einhorn, “sie hat Rukh befohlen, auf mich aufzupassen, und der schläft so gut wie nie. Aber ich habe ihm ein Rätsel aufgegeben, und er braucht immer die ganze Nacht, um eins zu lösen. Das nächste Mal erzähl’ ich ihm einen Witz, das wird ihn eine ganze Woche beschäftigen.”

Das Einhorn ließ den Kopf hängen. “Ich bin verzaubert”, sagte es leise. “Warum hast du es mir nicht gesagt?”

“Ich dachte, du wüßtest es”, sagte der Zauberer sanft. “Hast du dich denn gar nicht gewundert, daß die Zuschauer dich erkannten?” Er lächelte, was ihn ein wenig älter machte. “Nein, natürlich nicht. Darüber würdest du dich nie wundern!”

“Ich bin noch nie verzaubert gewesen”, erwiderte das Einhorn. Es zitterte und bebte. “Nie gab es eine Welt, in der man mich nicht kannte.”

“Ich weiß genau, wie dir zu Mute ist”, pflichtet ihm Schmendrick augenblicklich bei. Das Einhorn sah ihn aus dunklen, unergründlichen Augen an, worauf er nervös lächelte und seine Hände betrachtete. “Selten der Mann, den man für das hält, was er wirklich ist. Die Welt steckt voller Fehlurteile. Ich allerdings habe auf den ersten Blick erkannt, daß du ein Einhorn bist, und ich bin mir gewiß, dein Freund zu sein. Und dennoch hältst du mich für einen Clown, einen Hanswurst, einen Verräter, und wenn du mich so siehst, muß ich auch einer sein. Der Bann, der auf dir liegt, ist nur ein Truggespinst und wird sich in Nichts auflösen, sobald du wieder frei bist, die Larve aber, die du mir aus Vorurteil aufgesetzt hast, die muß ich in deinen Augen für alle Zeiten tragen. Wir sind nicht immer, was wir scheinen, und selten nur, was wir erträumen. Aber irgendwo habe ich gehört und gelesen, daß vor langer, langer Zeit Einhörner wohl zu unterscheiden wußten zwischen lachendem Mund und Herzeleid, Hirngespinst und Wirklichkeit.” Der Himmel färbte sich hell, und Schmendricks leise Stimme übertönte für kurze Zeit das Gekreische der Käfiggitter und das leise Rauschen der Harpyienschwingen.

“Ich glaube, daß du mein Freund bist”, sagte das Einhorn. “Wirst du mir helfen?”

“Wenn nicht dir, dann niemandem”, antwortete er. “Du bist meine letzte Hoffnung.”

Nacheinander erwachten winselnd, zitternd und niesend die armseligen Tiere der Mitternachtsmenagerie. Das eine hatte von Steinen und Käfern geträumt und von zarten Blättern; ein anderes war im Traum in sonnenheißem, hohem Gras umhergestreift; ein drittes hatte sich in Blut und Schlamm gewälzt. Und eines hatte davon geträumt, wie eine gute Hand es liebevoll hinter den Ohren kraulte. Die Harpyie schlief nie; sie saß jetzt da und starrte in die Sonne, ohne zu blinzeln. Schmendrick flüsterte: “Wenn sie sich zuerst befreit, sind wir verloren!”

In der Nähe hörten sie Rukh rufen – seine Stimme klang immer, als sei sie in der Nähe -: “Schmendrick! He, Schmendrick! Ich hab’s! Es ist eine Kaffeekanne! Stimmt’s?” Der Zauberer empfahl sich und flüsterte zum Abschied: “Heute Nacht! Trau mir, bis es dunkel wird.” Und mit flatternden Rockschößen stob er davon, und wieder schien es so, als ließe er einen Teil von sich zurück.

Gleich darauf galoppierte Rukh am Käfig vorbei, eine geballte Ladung Ehrgeiz und Begeisterung. In ihrem Wagen verborgen, summte Mammy Fortuna Elis Lied:

Heut ist gestern, kalt ist heiß,
alles Hohe zieht’s hernieder.
Rätsels Lösung niemand weiß -
was vergangen, kehrt nicht wieder.

Die ersten Zuschauer schlenderten herbei; Rukh lockte sie, indem er wie ein eiserner Papagei “Kreaturen der Nacht!” schrie, und Schmendrick stand auf einer Kiste und zauberte. Das Einhorn sah ihm sehr aufmerksam zu, zweifelte in zunehmendem Maße – nicht an seiner Aufrichtigkeit, sondern an seiner Geschicklichkeit. Aus einem Schweinsohr machte er ein ganzes Schwein, aus einem Glas Wasser eine Handvoll Wasser, aus einer Pikfünf eine Piksieben, und ein Karnickel verwandelte er in einen Goldfisch, der augenblicklich ertrank. Nach jedem mißglückten Trick warf er einen raschen Blick zum Einhorn herüber, und seine Augen sagten: “Oh, aber wenigstens du weißt, was ich wirklich wollte.” Einmal verwandelte er eine verwelkte Rose in ein Samenkorn. Das gefiel dem Einhorn, selbst als es sich als Rettichsamen entpuppte.

Aus »Zwei Herzen«

Mein Bruder Wilfrid findet es einfach ungerecht, dass das alles mir passiert ist. Wo ich doch ein Mädchen bin und noch ein Wickelkind und zu dumm, allein meine Sandalen zu schnüren. Aber ich finde es gerecht. Ich finde, es war alles genau richtig so. Bis auf das Traurige, und vielleicht sogar das.

Ich bin Sooz, und ich bin neun. Zehn im nächsten Monat, wenn sich wieder der Tag jährt, an dem der Greif kam. Wilfrid sagt, das war wegen mir, weil der Greif gehört hatte, dass gerade das hässlichste Kind der Welt geboren worden war, und mich fressen wollte, aber ich war zu hässlich, selbst für einen Greif. Also baute der Greif sich ein Nest im Midwood (so nennen wir den Wald, obwohl er eigentlich Midnight Wood heißt, weil es unter den Bäumen so finster ist) und blieb hier, um unsere Schafe und Ziegen zu fressen. Wie es Greife eben tun, wenn es ihnen irgendwo gefällt.

Aber Kinder fraß er nie, bis dieses Jahr.

Ich habe ihn nur einmal gesehen – ich meine, nur einmal vorher –, als er eines Abends über den Bäumen emporstieg wie ein zweiter Mond. Nur dass da kein Mond war an dem Abend. Da war gar nichts auf der ganzen weiten Welt, nur der Greif: die goldenen Federn am Löwenleib und an den Adlerschwingen lodernd, die mächtigen Vorderkrallen wie Zähne und der Monsterschnabel so riesig im Verhältnis zu seinem Kopf … Wilfrid sagt, ich hätte drei Tage lang geschrien, aber das ist gelogen, und ich habe mich auch nicht im Erdkeller versteckt, wie er behauptet, ich habe die beiden Nächte in der Scheune geschlafen, bei unserem Hund Malka. Weil ich wusste, Malka lässt nicht zu, dass mich irgendwas holt.

Sicher, meine Eltern hätten es auch nicht zugelassen, nicht, wenn sie’s hätten verhindern können. Aber Malka ist einfach der größte und beherzteste Hund im ganzen Dorf und fürchtet sich vor gar nichts. Und nachdem der Greif Jehane geholt hatte, die kleine Tochter vom Schmied, konnte man gar nicht nicht merken, wie erschrocken mein Vater war, weil er die ganze Zeit herumrannte, zu den anderen Männern, um eine Art Wache zu organisieren, damit die Leute immer Bescheid wussten, wenn der Greif kam. Ich weiß, er hatte Angst um mich und meine Mutter und tat alles, um uns zu beschützen, nur dass ich mich davon nicht sicherer fühlte, aber bei Malka wohl.

Aber es wusste ja sowieso keiner, was tun. Mein Vater nicht und auch sonst niemand. Es war ja schon schlimm genug, wenn der Greif Schafe holte, weil hier fast jeder davon lebt, dass er Wolle oder Käse oder Schaffelle verkauft. Aber dass er dann im letzten Vorfrühling Jehane holte, das änderte alles. Wir schickten Boten zum König – drei verschiedene – und jedesmal schickte der König jemanden mit ihnen zurück. Das erste Mal war es nur ein Ritter, einer allein. Er hieß Douros und schenkte mir einen Apfel. Er ritt singend los, in den Midwood, um Ausschau nach dem Greif zu halten, und wir haben ihn nie wiedergesehen.

Das zweite Mal – als der Greif Louli geholt hatte, den kleinen Gehilfen vom Müller – schickte der König gleich fünf Ritter. Einer von ihnen kam zwar wieder, aber er starb, bevor er irgendjemandem erzählen konnte, was passiert war.

Das dritte Mal kam eine ganze Schwadron. Das sagte jedenfalls mein Vater. Ich weiß nicht, wie viele Soldaten eine Schwadron hat, aber es waren viele, und sie waren zwei Tage im ganzen Dorf, bauten überall ihre Zelte auf, stellten ihre Pferde in jeden Stall und prahlten in der Schänke, wie sie diesen Greif für uns arme Bauern im Handumdrehen erledigen würden. Sie hatten Pfeifer und Trommler dabei, als sie in den Midwood marschierten – das weiß ich noch, und ich weiß auch noch, wie die Musik abbrach und was für Geräusche wir dann hörten.

Danach schickte das Dorf niemanden mehr zum König. Wir wollten nicht, dass noch mehr von seinen Männern starben, und außerdem waren sie uns sowieso keine Hilfe. Also wurden von da an alle Kinder schnell in die Häuser geholt, wenn die Sonne unterging und der Greif von seinem Tagesschlaf erwachte, um wieder zu jagen. Wir durften nicht mehr zusammen spielen, keine Botengänge für unsere Eltern machen, keine Herden hüten, ja nicht mal in der Nähe von offenen Fenstern schlafen, aus lauter Angst vor dem Greif. Mir blieb nichts anderes zu tun, als Bücher zu lesen, die ich schon auswendig konnte, und mich bei meinen Eltern zu beklagen, die von dem ganzen Aufpassen auf Wilfrid und mich zu müde waren, um sich mit uns zu beschäftigen. Sie passten ja auch noch auf die anderen Kinder auf, immer abwechselnd mit anderen Familien, und auf unsere Schafe und auf unsere Ziegen, deshalb waren sie immer müde, noch zu der Angst, und die meiste Zeit grollte jeder jedem. So ging es allen.

Und dann holte der Greif Felicitas.

Felicitas konnte nicht reden, aber sie war meine beste Freundin, schon seit wir klein waren. Ich verstand immer, was sie sagen wollte, und sie verstand mich besser als irgendjemand sonst, und wir spielten auf eine besondere Art, wie ich nie wieder mit jemandem spielen werde. Ihre Familie hielt sie für einen unnützen Esser, weil kein Bursche ein stummes Mädchen heiraten würde, also ließen sie sie meistens bei uns essen. Wilfrid machte sich immer über das leise Krächzen lustig, das der einzige Laut war, den sie hervorbrachte, aber ich warf einen Stein nach ihm, und da ließ er’s dann bleiben.

Ich habe es nicht gesehen, aber im Kopf sehe ich es immer noch. Sie wusste , dass sie nicht raus durfte, aber sie freute sich immer so drauf, abends zu uns zu kommen. Und bei ihr zu Hause wäre ja keinem aufgefallen, dass sie nicht da war. Die bemerkten Felicitas sowieso nie.

Am selben Tag, an dem ich erfuhr, dass Felicitas geholt worden war, machte ich mich zum König auf.

Na ja, eigentlich war es in derselben Nacht , weil ich bei Tag nie von unserem Haus oder vom Dorf weggekommen wäre. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn nicht mein Onkel Ambrose eine Fuhre Schaffelle zum Markt in Hagsgate hätte bringen wollen – und um dort zu sein, wenn der Markt anfängt, muss man schon lange vor Sonnenaufgang los. Onkel Ambrose ist mein Lieblingsonkel, aber ich wusste, ich konnte ihn nicht bitten, mich zum König zu bringen, er wäre schnurstracks zu meiner Mutter gegangen und hätte ihr gesagt, sie solle mir Schwefel und Melasse geben und mich mit einem Senfpflaster ins Bett stecken. Er gibt sogar seinem Pferd Schwefel und Melasse.

Also ging ich an dem Abend früh ins Bett und wartete, bis alle schliefen. Ich wollte einen Brief auf meinem Kopfkissen hinterlassen, aber ich schrieb immer wieder etwas hin und zerriss es dann und warf es ins Feuer, und ich hatte Angst, dass jemand aufwachte oder dass Onkel Ambrose ohne mich losfuhr. Schließlich schrieb ich einfach nur: Bin bald wieder da . Ich nahm keine Kleider mit und auch sonst nichts außer einem Stückchen Käse, weil ich dachte, der König müsse ja wohl irgendwo in der Nähe von Hagsgate wohnen, der einzig größeren Stadt, die ich je gesehen habe. Meine Eltern schnarchten in ihrem Zimmer, aber Wilfrid war schon an der Feuerstelle eingeschlafen, und wenn er das tut, lassen sie ihn immer dort liegen. Wenn man ihn weckt, damit er ins sein Bett geht, schlägt er um sich und heult. Warum, weiß ich nicht.

Ich stand eine Ewigkeit da und guckte auf ihn runter. Im Schlaf sieht Wilfrid nicht halb so gemein aus. Meine Mutter hatte die Glut mit Asche bedeckt, damit am Morgen noch Feuer zum Brotbacken da war, und die Moleskin-Hosen von meinem Vater hingen zum Trocknen da, weil er am Nachmittag in den Viehteich hatte waten müssen, um ein Lamm zu retten. Ich verschob sie ein kleines bisschen, damit sie nicht angesengt wurden. Ich zog die Uhr auf – eigentlich ist es Wilfrids Aufgabe, das abends zu machen, aber er vergisst es immer – und musste dran denken, wie sie sie am Morgen alle ticken hören würden, wenn sie nach mir suchten und vor lauter Angst das Frühstücken vergaßen, und ich machte schon kehrt, um wieder in mein Zimmer zu gehen.

Aber dann drehte ich wieder um und kletterte aus dem Küchenfenster, weil unsere Haustür so quietscht. Ich hatte Angst, dass Malka in der Scheune aufwachen und sofort wissen würde, was los war, denn Malka kann ich nie was vormachen, aber sie wachte nicht auf, und ich hielt fast den ganzen Weg die Luft an, als ich zu Onkel Ambroses Haus rannte und schnell auf seinen Wagen mit den Schaffellen kletterte. Es war eine kalte Nacht, aber unter dem Haufen Schaffelle war es heiß und stinkig, und ich konnte nichts tun als dazuliegen und auf Onkel Ambrose zu warten. Also dachte ich vor allem an Felicitas, damit ich nicht so ein scheußlich schlechtes Gewissen hatte, weil ich einfach von zu Hause und von allen wegging. An Felicitas zu denken war schlimm genug – ich hatte noch nie jemanden, den ich gern hatte, verloren, nicht für immer –, aber es war wenigstens anders.

Wann Onkel Ambrose schließlich kam, weiß ich nicht, weil ich auf dem Wagen einschlief und erst wieder aufwachte, als da so ein Rucken und Knarren war und dieses schlabbrige Schnauben, das ein Pferd von sich gibt, wenn es geweckt wird und ihm das gar nicht passt – und schon waren wir auf dem Weg nach Hagsgate. Der Halbmond sank schon früh wieder, aber ich konnte das Dorf vorbeiholpern sehen, nicht silbrig in dem Licht, sondern unscheinbar und stumpf, keine Farbe, nirgends. Und trotzdem kamen mir fast die Tränen, weil es schon so weit weg schien, obwohl wir noch nicht mal am Viehteich vorbei waren und ich das Gefühl hatte, ich würde es nie wiedersehen. Ich wäre auf der Stelle aus dem Wagen geklettert, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das nicht ging.

Weil der Greif immer noch wach und auf der Jagd war. Sehen konnte ich ihn natürlich nicht, unter den ganzen Schaffellen (außerdem hatte ich die Augen sowieso zu), aber seine Flügel machten ein Geräusch, als ob ganz viele Messer auf einmal geschärft würden, und manchmal stieß er einen Schrei aus, der schrecklich war, weil er so sanft und gedämpft klang und fast schon ein bisschen traurig und ängstlich , als ob der Greif den Laut nachmachte, den Felicitas von sich gegeben hatte, als er sie holte. Ich verkroch mich, so tief ich konnte, und versuchte wieder einzuschlafen, schaffte es aber nicht.

Was auch gut war, weil ich nicht bis nach Hagsgate rein mitfahren wollte, wo mich Onkel Ambrose finden musste, wenn er auf dem Marktplatz seine Felle ablud. Also streckte ich, als ich den Greif nicht mehr hörte (sie jagen nie weit von ihrem Nest, wenn es nicht sein muss) den Kopf über die hintere Klappe des Wagens und sah zu, wie die Sterne einer nach dem anderen erloschen, als der Himmel immer heller wurde. Der Morgenwind setzte ein, als der Mond unterging.

Als der Wagen nicht mehr so holperte und wackelte, wusste ich, dass wir auf die Straße des Königs eingebogen sein mussten, und als ich Kühe kauen und leise miteinander reden hörte, ließ ich mich vom Wagen fallen. Ich stand erst mal nur da, wischte mir Staubflusen und Wollbüschel von den Kleidern und schaute Onkel Ambroses Wagen hinterher, der immer weiter davonrollte. Ich war noch nie allein so weit von zu Hause weggewesen. Und noch nie so einsam. Vom Wind strich mir dürres Gras um die Knöchel, und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen musste.

Ich wusste nicht mal, wie der König hieß – ich hatte nie gehört, dass ihn jemand anders nannte als »der König«. Ich wusste, er wohnte nicht in Hagsgate selbst, sondern auf einem großen Schloss irgendwo in der Nähe, aber in der Nähe kann viel heißen, je nachdem, ob man mit einem Wagen fährt oder zu Fuß geht. Und ich musste immer wieder dran denken, dass meine Familie jetzt aufwachte und mich suchte, und von den Geräuschen, die die Kühe beim Weiden machten, kriegte ich Hunger, und meinen Käse hatte ich schon auf dem Wagen aufgegessen. Ich hätte so gern einen Penny dabeigehabt – nicht um was zu kaufen, nur um ihn in die Luft zu werfen und drüber entscheiden zu lassen, ob ich nach rechts oder nach links gehen sollte. Ich versuchte es mit flachen Steinchen, fand sie aber nicht wieder, wenn sie runtergefallen waren. Schließlich ging ich nach links, ohne bestimmten Grund, nur weil ich an der linken Hand einen kleinen silbernen Ring trage, den mir meine Mutter geschenkt hat. In diese Richtung führte auch eine Art Fußpfad, und ich dachte, vielleicht könnte ich ja um Hagsgate herumlaufen und mir dann überlegen, was weiter tun. Ich bin gut zu Fuß. Ich kann überall hinlaufen, wenn man mir genug Zeit lässt.

Nur dass es auf einer richtigen Straße leichter ist. Der Pfad hörte nach einer Weile auf und ich musste mich zwischen dichten Bäumen durchzwängen und dann durch so viel Brombeergesträuch, dass mir lauter stachlige Zweigstückchen im Haar hingen und meine Arme brannten und bluteten. Ich war müde und verschwitzt und kurz davor – aber nur davor – zu heulen, und sobald ich mich hinsetzte, um mich auszuruhen, krabbelten Käfer und anderes Getier auf mir herum. Dann hörte ich irgendwo in der Nähe Wasser plätschern, und davon kriegte ich sofort Durst, also ging ich dem Geräusch nach. Wobei ich allerdings die meiste Zeit kriechen musste und mir Knie und Ellbogen ganz fürchterlich aufschrammte.

Es war nicht gerade ein großartiger Bach – an manchen Stellen ging mir das Wasser kaum über die Knöchel –, aber ich war so froh, als ich ihn gefunden hatte, dass ich ihn regelrecht küsste und umarmte, mich auf die Knie fallen ließ und das Gesicht im Wasser vergrub wie in Malkas stinkigem alten Fell. Und ich trank, bis nichts mehr in mich reinging, und setzte mich dann auf einen Stein, ließ die winzigen Fische meine wunderbar kühlen Füße kitzeln, fühlte die Sonne auf den Schultern und dachte weder an Greife noch an Könige noch an sonst irgendwas.

Ich sah erst auf, als ich ein Stück bachaufwärts die Pferde wiehern hörte. Sie spielten nach Pferdeart mit dem Wasser, machten Blubberblasen wie kleine Kinder. Ganz gewöhnliche Reitgäule, einer mehr braun, der andere eher grau. Der Reiter des Grauen war abgesessen und guckte sich den linken Vorderfuß des Pferds an. Ich konnte nicht viel sehen – beide Reiter trugen schlichte, dunkelgrüne Mäntel, und ihre Hosen waren so abgewetzt, dass man die Farbe nicht mehr erkennen konnte – deshalb merkte ich nicht, dass einer von ihnen eine Frau war, bis ich dann die Stimme hörte. Eine hübsche Stimme, tief wie die von Silky Joan, über die ich meiner Mutter nicht mal Fragen stellen darf, aber auch irgendwie rau, als könnte die Frau wie ein Falke schreien, wenn sie wollte. Sie sagte: »Da ist kein Stein zu sehen. Vielleicht ein Dorn?«

Der andere Reiter, der auf dem braunen Pferd, antwortete: »Oder eine Druckstelle. Lass mich mal schauen.«

Diese Stimme klang heller und jünger als die der Frau, aber dass der Reiter ein Mann war, wusste ich, weil er so groß war. Er stieg von dem Braunen, und die Frau trat zur Seite, damit er den Fuß ihres Pferdes anheben konnte. Bevor er das tat, legte er dem Pferd die Hände an den Kopf, eine auf jeder Seite, und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Und das Pferd sagte etwas zu ihm . Kein Wiehern oder Schnauben oder sonst ein Geräusch, das Pferde machen, nein, es war, wie wenn jemand mit jemand anderem redet. Besser kann ich es nicht ausdrücken. Dann bückte sich der große Mann, hob den Fuß des Pferdes hoch und guckte ihn sich eine ganze Weile an, und das Pferd bewegte sich nicht, schlug nicht mit dem Schweif und nichts.

»Ein Steinsplitter«, sagte der Mann schließlich. »Nur ein ganz kleiner, aber er ist tief in den Huf eingedrungen, und jetzt schwärt es. Ich verstehe nicht, warum ich es nicht gleich gemerkt habe.«

»Nun ja«, sagte die Frau. Sie berührte ihn an der Schulter. »Man kann nicht alles merken.«

Der große Mann schien ärgerlich auf sich selbst, so wie mein Vater, wenn er das Weidegatter nicht richtig zugemacht hat und der schwarze Widder von unserem Nachbarn reinkommt und mit unserem armen alten Brimstone einen Kampf anfängt. Er sagte: »Ich schon. Ich habe es zu können.« Dann drehte er dem Pferd den Rücken zu, beugte sich über den Vorderhuf, wie es unser Schmied tut, und machte sich daran zu schaffen.

Was er machte, konnte ich nicht genau sehen. Er hatte keine Hufmesser oder Hufkratzer wie der Schmied, und ich kann nur sagen, ich glaube , er sang dem Pferd etwas vor. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es richtig gesungen war. Es klang eher wie der erfundene Singsang, den ganz kleine Kinder von sich geben, wenn sie allein im Dreck spielen. Keine Melodie, nur rauf und runter, di-da, di-da-di … langweilig selbst für ein Pferd, hätte man meinen sollen. Das machte er ziemlich lange, den Huf immer noch in den Händen. Plötzlich hörte er auf zu singen, richtete sich auf, hielt etwas hoch, das in der Sonne glitzerte wie der Bach, und zeigte es als erstes dem Pferd. »Da«, sagte er, »das war es. Jetzt ist es wieder gut.«

Er warf das kleine Ding weg, hob den Huf wieder an, sang aber diesmal nicht, sondern berührte ihn nur leicht mit einem Finger, strich immer wieder drüber. Dann setzte er den Huf wieder ab, und das Pferd stampfte einmal fest auf und wieherte, und der große Mann wandte sich der Frau zu und sagte: »Trotzdem sollten wir hier unser Nachtlager aufschlagen. Sie sind beide müde, und mir tut der Rücken weh.«

Die Frau lachte. Ein tiefes, tönendes, langsames Lachen. So ein Lachen hatte ich noch nie gehört. Sie sagte: »Der größte Zauberer der Welt, und dir tut der Rücken weh? Heile ihn, so wie du meinen geheilt hast, damals, als der Baum auf mich fiel. Ich glaube, dazu hast du ganze fünf Minuten gebraucht.«

»Länger«, antwortete der Mann. »Du warst nicht bei Sinnen, hast es gar nicht mitbekommen.« Er berührte ihr Haar, das zwar fast ganz grau, aber dick und hübsch war. »Du weißt doch, wie ich dazu stehe«, sagte er. »Ich bin immer noch zu gern sterblich, um Zauberkräfte auf mich selbst anzuwenden. Das verdirbt es irgendwie – verwässert das Gefühl. Das habe ich dir doch schon erklärt.«

Die Frau sagte »Mmpff«, so wie ich es von meiner Mutter tausendmal gehört habe. »Also, ich bin schon mein Leben lang sterblich, und es gibt Tage, da …«

Sie sprach nicht zu Ende, und der große Mann lächelte auf eine Art, die sagte, dass er sie necken wollte. »Da was?«

»Nichts«, sagte die Frau, »nichts, nichts.« Sie klang einen Augenblick lang gereizt, berührte dann aber den Mann an den Armen und sagte mit einer anderen Stimme: »An manchen Tagen – manchmal früh morgens – wenn der Wind nach Blüten riecht, die ich nie sehen werde, und in den nebligen Obstgärten Kitze tollen und du gähnst und brummelst und dich am Kopf kratzt und knurrst, dass wir noch vor dem Abend Regen kriegen werden und wahrscheinlich auch Hagel … an solchen Tagen wünsche ich mir von ganzem Herzen, wir könnten beide ewig leben, und ich finde, du warst ein Riesennarr, das aufzugeben.« Sie lachte wieder, aber jetzt klang es ein bisschen zittrig. Sie sagte: »Dann wieder erinnere ich mich an Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern würde, und mein Magen muckt und alles Mögliche zwickt und zwackt mich – egal, was es ist und wo es weh tut, ob in meinem Körper, meinem Kopf oder meinem Herzen. Und dann denke ich, nein, wohl doch nicht, vielleicht nicht .« Der große Mann nahm sie in die Arme, und einen Moment lang legte sie den Kopf an seine Brust. Was sie noch sagte, konnte ich nicht hören.

Meiner Meinung nach hatte ich kein Geräusch gemacht, aber der Mann hob die Stimme ein wenig und sagte, ohne in meine Richtung zu schauen oder auch nur den Kopf zu heben: »Kind, hier gibt es etwas zu essen.« Zuerst war ich vor Schreck wie gelähmt. Durchs Gebüsch und die ganzen Erlen konnte er mich nicht gesehen haben. Und dann fiel mir wieder ein, wie hungrig ich war, und ohne dass ich wusste, was ich tat, ging ich auf sie zu. Ich guckte auf meine Füße und sah, wie sie sich bewegten, wie die Füße von jemand anderem, als ob sie diejenigen wären, die Hunger hatten, nur dass sie mich brauchten, um zu dem Essen zu gelangen. Der Mann und die Frau standen ganz still da und erwarteten mich.

Von nahem sah die Frau jünger aus, als ihre Stimme geklungen hatte, und der große Mann älter. Nein, das stimmt so nicht, das meine ich nicht. Sie war überhaupt nicht jung, aber das graue Haar machte ihr Gesicht jünger, und sie hielt sich kerzengerade, so wie die Lady, die kommt, wenn Leute bei uns im Dorf Kinder kriegen. Die hält auch ihr Gesicht ganz steif und starr, und ich mag sie nicht besonders. Das Gesicht dieser Frau hier war wohl nicht schön, aber es war ein Gesicht, an das man sich in einer kalten Nacht ankuscheln möchte. Besser kann ich es nicht sagen.

Der Mann … im einen Moment sah er jünger aus als mein Vater und im nächsten älter als alle Menschen, die ich je gesehen habe, vielleicht sogar älter als Menschen eigentlich werden. Er hatte kein graues Haar, nur jede Menge Falten, aber das meine ich auch nicht. Es waren die Augen. Seine Augen waren grün, grün, grün , nicht wie Smaragde – ich habe mal einen Smaragd gesehen, eine Zigeunerin hat ihn mir gezeigt – und erst recht nicht wie Äpfel oder Limonen oder sowas. Vielleicht wie das Meer, aber das habe ich noch nie gesehen, deshalb weiß ich’s nicht. Wenn man tief genug in den Wald reingeht (nicht in den Midwood natürlich, aber in jeden anderen Wald), kommt man früher oder später wohin, wo selbst die Schatten grün sind, und so waren seine Augen. Zuerst machten sie mir Angst.

Die Frau gab mir einen Pfirsich und sah zu, wie ich reinbiss, zu hungrig, um danke zu sagen. Sie fragte mich: »Was machst du hier, Mädchen? Hast du dich verirrt?«

»Nein, hab ich nicht«, murmelte ich mit vollem Mund. »Ich weiß nur nicht, wo ich bin, das ist was anderes.« Sie lachten beide, aber es war kein gemeines Lachen, kein Auslachen. Ich erklärte ihnen: »Ich heiße Sooz, und ich muss zum König. Er wohnt doch hier irgendwo in der Nähe, oder?«

Sie guckten sich an. Ich konnte ihnen nicht ansehen, was sie dachten, aber der große Mann hob die Augenbrauen, und die Frau schüttelte leicht den Kopf. Sie sahen sich eine ganze Weile an, bis die Frau dann sagte: »Nun ja, in der Nähe nicht gerade, aber auch nicht so weit weg. Wir sind selbst auf dem Weg zu ihm.« [...]

(Ende der Leseprobe)

Copyright (C) 2009 by Klett-Cotta-Verlag. Abdruck der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle Klett-Cotta-Verlag

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