DIE DELIKATESSE – eine phantastische Story von Felis Breitendorf
Erstellt von Detlef Hedderich am 7. März 2009
D I E D E L I K A T E S S EEine phantastische Story
von
Felis Breitendorf
In meinem Kopf drehten sich vom vielen Alkohol bereits die Sterne. Ich stierte vor mich hin, während sich der Nebel zusammenzog…
…da liegt sie.
Das schalenartige Äußere, der lange, immer dünner werdende, in einen leicht nach vorne gerichteten Schwanz übergehende Körper. Die Unbeweglichkeit ihrer Starre läßt die Eigenart ihres Daseins nur erahnen…
Das Wesen schimmert im Licht. Auf eine geheimnisvolle Weise wirkt der Körper des Langschwanzkrebses ständig feucht.
Stumm blickt die Languste ins dumpfe Licht der künstlichen Beleuchtung… Da! – Fast unmerklich: Eine leichte, zitternde Bewegung des rechten vorderen Fühlers. Zögernd bewegt sich der schwere Körper ruckig auf die Öffnung zu.
Nachdem sich das schwere Eisenschott der höhligen Unterkunft mit einem leisen Fauchen geöffnet hat, schreitet das Wesen aus seiner Wohneinheit heraus.
Ein leichter Niesel tropft von der Decke des Höhleneingangs herunter…
Ich hatte nicht gefressen.
Mir war gar nicht gut.
Mein Bauch schmerzte, und auch die Stirn war mit Schweiß bedeckt…
Ich wimmerte vor mich hin und auch das fürsorgliche Gehabe der Weibchen, die mir immer wieder meine Stirn mit einigen Pflanzenfasern trockenrieben, und mir von Mal zu Mal mit ihren teils schleimigen, teils rauhen Zungen ins Maul fuhren, um mir den bereits vorgekauten weichen Brei einzuflößen, konnten meinen Stolz nicht wiedererwecken. So lag ich in der Höhle und wartete darauf, daß sich die silbernen Himmelspforten öffneten und die Engel mit ihren langen, biegsamen Stacheln kämen, um mich mit ins Himmlische Reich zu nehmen…
Aufstöhnend schaute ich im Liegen an mir herab. Mein stolzer, kräftiger Körper bebte unter den Qualen meines Leidens… Mein Brusthaar, sonst immer golden, nun ganz matt, meine beiden Hände, die sonst so kraftvoll die Keule im Zweikampf führten, zuckten nur kraftlos. Das Zittern ließ sie wie die Hände eines Frischgeborenen erscheinen; das ab und an von den Engeln auserwählt wurde, um bereits im zarten Alter weniger Tage in ihre Obhut zu gelangen, um ihrer heiligen Bestimmung zugeführt zu werden…
Als das Wesen, das Langustenwesen mit dem Namen LO-CHHO, den Höhlenvorraum des Zucht- und Haltungstraktes der Vorratshöhle 4 betritt, um sich für die nächste Schlachtung vorzubereiten, lässt es noch einmal die Nachrichtenbilder des Info-Vid an seinem geistigen Auge vorüberziehen. Wieder einmal herrscht Krieg und wieder einmal wird intelligentes Leben vernichtet. Wieder einmal fragt sich LO-CHHO, warum die vielen Völker der bewohnten Galaxis so grausam zueinander sein müssen: sich mit solch schrecklichen Waffen – im Weltraum, auf Planeten, Monden und Raumstationen und unter dem Wasser – das Leben schwer machen. Seinem eigenen Volk ist dieser bei den meisten Lebensformen in der bewohnten Galaxis so weit verbreitete Drang zum Töten weitgehend unbekannt; außer natürlich, wenn es sich um Tiere handelt, die zur Nahrungsverwertung gebraucht werden. Aber selbst hier gibt es bereits Vorbehalte.
Einige besonders Affektierte Wissenschafts-Ethiker seines Volkes verlangen mittlerweile sogar schon, daß man die für die Nahrung benötigten hellhäutigen, zweibeinigen Säugetiere, die man auf diesem Planeten vor einigen Jahren vorgefunden hatte, nicht mehr töten, sondern wieder auf der Planetenoberfläche aussetzen und sich selbst überlassen sollte. Sie behaupteten, daß deren Ähnlichkeit mit einigen Vertretern anderer raumfahrender Völker wohl nicht von ungefähr kommen, daß durchaus die Möglichkeit besteht, dass es sich um direkte Nachkommen der Besatzung eines gestrandeten Schiffes einer raumfahrenden Rasse handeln könnte. LO-CHHO selbst hält allerdings nichts von dieser These. Für ihn ist das Ganze kompletter Blödsinn! – Schließlich wurde diese ungeheuere Behauptung dann ja auch wieder von einigen anderen angesehenen sachverständigen Wissenschafts-Ethikern dementiert.
Und was die Sache mit der Geheimhaltung angeht: dass sein Volk die lebenden Exemplare der Säuger vor den anderen Rassen verborgen hält, nun das hat einen ganz andere Hintergrund; so weiß gerade LO-CHHO, dass der Hauptgrund dafür eher in der Angst seiner langschwanzkrebsigen Artgenossen begründet liegt: irgendwelche Fremden würden sich der hellhäutigen Säuger bemächtigen und diese für den Export fertiger Fleischspezialitäten züchten und die Produkte in der gesamten Galaxis verkaufen und damit eine wirklich ernstzunehmende Konkurrenz aufbauen… Nun, schließlich wurden die zweibeinigen Säuger nach langen Debatten und Überlegungen von Staatsseite her dann doch zu Tieren erklärt und mit einer Geheimhaltungsauflage belegt. Glücklicherweise!, denkt LO-CHHO, denn das unendlich zarte Fleisch dieser Hellhäuter wird bei der Zubereitung – durch die Zangen eines Meisterkochs – zu einer wahren DELIKATESSE…
***
Ich war glücklich. Trotz meiner Schmerzen. Die Engel waren gekommen! Sie führten mich ins Jenseits! Endlich würde ich von meinem Leiden erlöst werden, das mich vor einigen Hell-Dunkel-Phasen befallen hatte und seither quälte. Jetzt würde ich endlich sehen können, wie der Himmel aussieht und wie die Engel lebten. Endlich würde ich ihn kennenlernen – den Erlöser, so wie es die alten Geschichten, die Überlieferungen, die von der Mutter an ihre Jungen weitergegeben wurden, vorhersagten…
Mit ihren langen biegsamen Stacheln standen sie plötzlich vor mir. Sie nahmen mich in ihre Mitte; mühelos hoben sie mich mit ihren Greifern hoch und trugen mich fort. Wir durchschritten die silbernen Himmelspforten, doch auf einmal blieben meine beiden Engel abrupt stehen und ich schaute noch einmal zurück, blickte auf Meine Welt, in die ich geboren wurde, getötet, gefressen, und meine Weibchen besprungen hatte; doch da schoben sich die silbernen Himmelspforten bereits, wie von Geisterhand bewegt, zusammen und schlossen sich. Trotz einer gewissen Trauer, und obwohl ich noch immer starke Schmerzen hatte, überkam mich ein Gefühl der Freude, auf ein nun folgendes, besseres, sorgenloses niemals endendes Dasein, das mich den Überlieferungen nach, nun im Himmel erwarten würde. Sicher, ich würde niemals mehr meine Welt betreten können, zumindest nicht mehr in meiner jetzigen Form, aber vielleicht würde ja auch ich Engel werden können; dann würde ich zurückkommen und meine Weibchen und ihre Jungen ebenfalls ins Himmlische Reich führen…
Nachdem LO-CHHO sich seinen Schlachtkittel übergehängt und die großen Messerzangen und Stecher aus den Halterungen genommen hat, überkommt ihn auf einmal doch der Skrupel und er fragt sich, ob an jenen merkwürdigen Gedanken, die ihn noch immer beschäftigen, vielleicht doch etwas dran sein könnte? Doch schnell verwirft er diese Überlegung dann wieder. – Schließlich waren es ja Kapazitäten auf ihrem Gebiet, die bewiesen hatten, daß es sich bei den Säugern tatsächlich nur um Tiere handelt…
Als ich wieder zu mir kam und ich in meiner Lethargie – durch die starken Schmerzen die mich quälten – an mir herunterschaute, sah ich zu meinem Erstaunen, daß die Engel dabei waren mich mit dem Rücken an ein metallenes Gitter anzuketten.
Da überfiel mich plötzlich die nackte Angst! – Mir wurde furchtbar Übel und es schnürte mir die Kehle zu… – Was, wenn das alles, die Geschichten und Überlieferungen, nun doch nicht stimmten? Wenn die Engel vielleicht gar keine… -
…doch da sah ich IHN!!
Die schleusenartigen Türen des Schotts öffnen sich schmatzend.
LO-CHHO betritt die Schlachthöhle und beobachtet eingehend den hellhäutigen zweibeinigen Säuger, der von den Küchen- und Schlachthelfern für die Schlachtung vorbereitet wurde: Die Verschlüsse der Gelenk- und Knöchelmanschetten klacken in häßlicher Weise. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet der Säuger jede Bewegung um sich. Sonst aber scheint er ruhig. Sicherlich haben die Mittel, denkt LO-CHHO, die ich diesem männlichem Musterexemplar eines Säugers ins Futter habe mischen lassen, bereits ihre Wirkung getan, es derart geschwächt, daß bei der nun folgenden Schlachtung kaum noch mit Gegenwehr von Seiten dieses Tieres zu rechnen ist…
***
Diesem Wesen Auge in Auge gegenüberstehend, kommen dem Langustenwesen nun aber doch wieder Bedenken und es denkt: Was, wenn es sich bei diesem Säuger tatsächlich um ein Nachkommen einer intelligenten Rasse handelt? – Doch wie immer, wenn LO-CHHO eine Schlachtung vornimmt, beseitigt er jeden seine Bedenken, in dem er sich immer wieder selbst sagt, daß es sich bei diesen Wesen ja doch nur um “primitive Tiere” handelt – und es eben deren Sinn und Schicksal ist, evolutionär höherstehenden Lebensformen als Nahrung zu dienen. Wozu sollten Tiere denn sonst gut sein?
LO-CHHO’s Blick klärt sich und kehrt zurück in die Gegenwart, und als er an das zarte Fleisch dieses zukünftigen Bratens denkt, läuft ihm bereits jetzt das Wasser im Mund zusammen und er öffnet behutsam die große Messerzange, die er mitgenommen hat und setzt sie an die Kehle des Menschen…
Der große Engel mit der silbernen Kutte schritt langsam auf mich zu. Selbst die anderen beiden Engel wichen ehrfürchtig zur Seite und gaben den Weg frei…
Dann stand mir der große silberne Engel genau gegenüber und da begriff ich erst… Da schämte ich mich meiner anfänglichen Ängste, meiner Gedanken und Zweifel. Da spürte ich eine große Freude in mir aufsteigen, eine Zufriedenheit und ein beglückendes Gefühl, wie ich es nie zuvor verspürt hatte. Da wußte ich: vor mir stand der Erlöser…!
Weihevoll hielt er mir einen heiligen Gegenstand an die Kehle. Das kalte Metall beruhigte mich, und ich schloß kurz die Augen… Und als ich sie wieder aufmachte, da sah ich alles wie durch einen zähen Brei: Langsam, ganz langsam, schloß sich der Engelmacher um meinen Hals… Dann folgte ein häßliches Geräusch und eine blutige Fontäne spritzte aus meiner Kehle… – ‘Also doch!!’ – dachte ich voller Entsetzen, ‘alles Lüge!! Die Überlieferungen, der Glaube, Alles!!’ – Und da wurde es ganz still um mich herum. Und eine ganze Weile später wurde diese Stille noch stiller. Alle Dinge um mich herum schienen in ihrer momentanen Bewegung wie eingefroren. Nur die Lichter an der Decke der Höhle glitzerten wie Sterne; Sterne, dich ich selbst niemals gesehen hatte und nur aus den Überlieferungen kannte; Sterne, die die meisten meiner Artgenossen ebenfalls niemals gesehen hatten oder sehen werden; Sterne, von denen die Ahnen der Überlieferung nach vor langer Zeit einmal gekommen waren; Sterne, zu denen sie einmal voller Ehrfurcht und Hoffnung emporgeschaut hatten, dann aber doch das Glück nicht gefunden hatten… Da schrie ich lauthals, aber es kam nur ein heiseres Röcheln aus meiner Kehle… – Und schließlich fiel ich hinab – tauchte hinunter in die Dunkelheit, in die Schwärze, die letztendlich alles empfängt und in der alles endgültig und für immer sich auflöst…
…
…ein schwerer Nebel hing im Nichts. Langsam schälten sich die kantigen Konturen aus der schleierhaften Dunstigkeit hervor. Einige Lichter glitzerten wie Perlen, und ganz langsam kehrten auch die Farben zurück…das ganze Bild ergab sich seinem Sinn.
Eine feurige Wand stilisierte sich zu einer Flamme, die rhythmisch auf der Spitze einer langen weißen Kerze auf und ab hüpfend pulste.
Der Tisch mit den vielen schönen silbernen Dingen erinnerten mich an irgend etwas. Aber ich kam nicht drauf…
Erst die vertraute Stimme eines anderen Menschen und die leichte schüttelnde Berührung einer Hand an meiner Schulter führten mich vollends zurück in die Wirklichkeit:
“Sir! Sie waren eingenickt! Ihre bestellte Delikatesse ist bereits aufgetragen. Darf ich den Champagner öffnen?” Worauf der Kellner mir die Flasche zeigte und sie so drehte, daß ich das Etikett lesen konnte…und dabei geschah es – ich blickte auf den vor mir stehenden Teller …und entdeckte…die LANGUSTE!!!…
- Ende –
(Copyright 2009 by Felis Breitendorf)
Bildrechte: Coverillustration “TräumeundVisionen” (20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog
Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “TräumeundVisionen100-minus180-minus11.jpg” (Originaltitel: 20110122082624-7f63d0a3.jpg) © 2011 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.
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Ruhl, Thomas
Port Culinaire Seventeen – Band No. 17
Sicherer Hafen für Gourmets
Beiträge von Ackermann, Bernd / Kleger, Bernd / Reitbauer, Heinz / Straubinger, Rolf / Dollase, Jürgen / Elverfeld, Sven / Bos, Ralf / Kornmayer, Evert / Martin, Thomas / Weh, Lidwina
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Erscheinungsdatum : 30.03.2011
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Kurzbeschreibung:
Gourmand World Cookbook Award 2007 “Special Award of the Jury” – Good Design Award 2007, Chicago Athenaeum – Port Culinaire ist für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert. Diese Auszeichnung gilt als der Preis der Preise in Deutschland, denn kein anderer Designpreis stellt ähnlich hohe Anforderungen. So kann nur ein Produkt nominiert werden, das schon andere bedeutsame Auszeichnungen erhalten hat. Eine Nominierung ist nur durch die Wirtschaftsministerien oder Senatoren der Länder oder das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie möglich. – Zuvor erhielt PORT CULINAIRE bereits eine Urkunde der Lead Academy, die Port Culinaire mit dem Lead Award als Newcomer Magazin auszeichnete. Der Lead Award ist Deutschlands führende Auszeichnung für Print- und Online Medien.
Inhaltsverzeichnis:
- Namibia
- Gipfelstürmer: 18. St. Moritz Gourmetfestival
- Die Käseweltmeister der Schweizer Käse, Rezepte von Bernd Ackermann und Bernhard Kleger
- Gegenbauer Wiener Essig Brauerei
- Heinz Reitbauer und das Steirereck
- Seafood Academy Part I Langschwanzkrebse, Rezepte von Rolf Straubinger
- Avantgarde Part Eight Jürgen Dollase über Sven Elverfeld
- Der Bocuse d’Or 2011 von Ralf Bos
- Gewinner des CHEF-SACHE Nachwuchspreises “Avantgarde” und “Regionale Küche”
- 12 Monkeys, Mich laust der Affe was für ein Gin! Evert Kornmayer
- Sommelier dieser Ausgabe: Lidwina Weh, Hotel Louis C. Jacob, Rezepte von Thomas Martin
Thomas Ruhl, Jahrgang 1956, studierte Grafik und Fotografie an der Folkwangschule in Essen, war Dozent für Druckgrafik und arbeitete als freier Art Director in großen internationalen Werbeagenturen in München, Düsseldorf und Köln. Mit 28 Jahren machte er sich mit einer eigenen Agentur und einem Fotostudio einen Namen und arbeitet für führende Marken-Unternehmen. Seine Bücher wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Goldmedaille der gastronomischen Akademie Deutschlands, dem Prix Mazille, dem Gourmand World Cookbook Award, Best of the World Photography und vielen mehr.
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