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Literatur-Blog

Archiv für März, 2009

PREISRÄTSEL: Conni und die Austauschschülerin

Erstellt von Detlef Hedderich am 28. März 2009

Karussell präsentiert das dritte Hörbuch von Conni: „Conni und die Austauschschülerin“ von Dagmar Hoßfeld

VÖ: 24. April 2009 – Universal Music/Karussell – 2CDs – ca. 159 Min. – EVP ca. 8,99 € Bestellnummer: 06025 179910 0 ; empfohlen ab 8 Jahren

Beendetes sfbasar.de-Preisrätsel
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Wir verlosten in Zusammenarbeit mit Universal Music/Karussell  3×1 Exemplar (2CDs – ca. 159 Min.) dieses Titels. Richtige Lösung lautete: “Ann-Cathrin Sudhoff” und “ab 8 Jahren”.
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Sobald 20 richtige Antworten bei uns eingegangen waren, wurden aus diesen die drei Gewinner gezogen und Ihnen jeweils ein Preisexemplar zugesandt! Gewonnen haben: Herman Töpfer, Anita Dielmann und Heike Hess-Bötcher. Herzlichen Glückwunsch vom gesamten sfbasar.de-Team!

Von allen Conni-Fans ab 8 Jahren wurde es schon sehnsüchtig erwartet: Am 24.04.2009 veröffentlicht das Kinder-Label Karussell das neue Conni-Hörbuch „Conni und die Austauschschülerin“, eine gekürzte Lesung des gleichnamigen, 2008 im Carlsen Verlag erschienenen Jugendromans von Dagmar Hoßfeld. Wie schon bei den ersten beiden Hörbüchern „Conni & Co.“ und „Conni und der Neue“ nimmt uns die Schauspielerin Ann-Cathrin Sudhoff (u. a. „Unser Charly“, „Tatort“, „Wolffs Revier“, „Großstadtrevier“) wieder mit in die Welt der älteren Conni, die bereits aufs Gymnasium geht. Dank ihrer hervorragenden Sprecherqualitäten schlüpft Ann-Cathrin Sudhoff mit Leichtigkeit in die verschiedensten Rollen und sorgt über zweieinhalb Stunden lang für ein lebendiges und spannendes Hörvergnügen.

Zum Inhalt:
Die Aufregung in Connis Klasse ist groß: Eine englische Austauschklasse aus Brighton kommt! Connis Freunde Anna, Billi, Paul und Phillip haben Glück und dürfen jemanden bei sich zuhause aufnehmen. Doch auch Conni darf eine Schülerin beherbergen und freut sich schon sehr auf ihre Austauschschülerin Mandy Livingston. Mit Spannung warten alle auf den Bus aus England. Und dann kommt Mandy … Sie trägt eine feuerrote Igelfrisur, ein Piercing im Bauchnabel und total verrückte Punkklamotten. „Gewöhnungsbedürftig“ findet das Papa Klawitter, aber Hauptsache ist doch, dass sie nett ist! Auch der fußballvernarrte Paul erlebt eine Überraschung: Statt eines Jungen steht ein stämmiges freches Mädchen im Fußball-Trikot vor ihm. Er kann es kaum fassen – ein Mädchen! Und schon gar nicht hat er damit gerechnet, dass Louis(e) besser Fußball spielt als er. Jeannette findet ihr Pendant in Vicky, einem Wesen, das wie sie selbst dem Barbie-Club entsprungen sein könnte. Achtung: Da ist Zickenalarm vorprogrammiert!

Die nächsten 10 Tage werden sehr spannend, denn jeden Tag steht etwas anderes auf dem Programm. Die Schülerinnen und Schüler lernen viel voneinander, machen so manche kulinarische Entdeckung und sind ständig dabei, vom Englischen ins Deutsche und umgekehrt zu übersetzen. Connis Austauschschülerin Mandy ist ein äußerst selbstbewusstes und selbständiges Mädchen; deshalb will sie auch allein mit dem Bus zu ihrem Sprachkurs fahren. Doch dann wird sie als Schwarzfahrerin festgenommen, angezeigt und festgehalten. Ein wirklich dummes Missverständnis! Aber Conni und Mama Klawitter können die Sache wieder in Ordnung bringen. Erlebnisse wie diese schweißen einfach zusammen – und Conni kann Mandy sogar über ihr Heimweh nach ihrem Hund Harry hinwegtrösten …

Als die Jungs und Mädchen sich so richtig aneinander gewöhnt haben, steht leider schon der Abschied bevor. Traurig und gleichzeitig glücklich über die geschlossenen Freundschaften stehen alle am Bus, der die Schüler wieder abholt. In der Hoffnung auf einen Gegenbesuch in „Good Old Britain“ sagen sie sich „Goodbye“ und „Auf Wiedersehen“. Aber Conni und ihre Freunde haben sich zum Abschied natürlich noch eine überraschende Geheimaktion ausgedacht …

„Conni und die Austauschschülerin“ behandelt auf sehr humorvolle und unterhaltsame Weise die Themen Interkulturelle Kompetenz und Interkulturelles Lernen. Eine wunderbare, sensible Geschichte über Toleranz, Freundschaft und die Neugier aufs „Andere“. Durch die lebensnah wiedergegebenen Gespräche der Figuren gibt es auch viel Platz für englische Redewendungen und Formulierungen, so dass die jungen Hörer auch sprachlich noch etwas dazulernen können.

Titel bei Amazon.de
Conni & Co 03. Conni und die Austauschschülerin

Conni hat Geburtstag!
Conni-Erzählbände 13: Conni und die verflixte 13
Conni und der Osterhase
Conni und das neue Baby. Von Schneider,
Conni tanzt. Von Wenzel-Bürger, Eva,
Connis Liederbuch, m. Audio-CD. Lieder
Conni 3-CD Hörspielbox
Conni und der Osterhase. Conni spielt Fußball. CD: FOLGE 4
21: Conni Schläft im Kindergarten/Geht in Den Zoo

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DER FALL DER GESTOHLENEN BROSCHE – Fantasy-Story von Günther Kurt Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 27. März 2009

DER FALL DER GESTOHLENEN BROSCHE

Fantasy-Story

von

Günther Kurt Lietz

Petunia Zwielicht, eine herbe Schönheit Mitte Dreißig und von Beruf Ermittlerin, befand sich mehr zufällig als absichtlich im ‚Grande Hummer’, einem der angesehensten Restaurants für Meeresfrüchte in Moloch, der Stadt ohne Grenzen.

Ihr bestes Kostüm am Leibe und die blonden Haare zu einem strengen Dutt gedreht, versuchte sie Einlass zu bekommen. Sie hatte weder reserviert, noch besaß sie das nötige Vermögen, doch Petunia verfügte über einen starken Willen und das Wissen, dass just an diesem Abend Baron Kolka von Brockenhieb Muscheln im ‚Grande Hummer’ verspeisen wollte. Und die Gerüchte besagten, dass der alte Zwergenadel der von Brockenhiebs wohl eine gute Ermittlerin brauchen könnte.

„Ich habe bereits vor drei Monaten reserviert, mein Herr.“, stieß Petunia gespielt wütend zwischen beinahe geschlossenen Lippen hervor und brachte den Saalchef in arge Bedrängnis, war dieser nun der festen Überzeugung einen Fehler begangen zu haben.

„Guter Mann, da Sie meine Reservierung scheinbar verschlampt haben, ich jedoch heute Abend hier zu speisen gedenke, werde ich mich zum Tisch des Baron von Brockenhieb begeben, um dort meine Mahlzeit einzunehmen. Ich bin sicher mein guter Freund Kolka wird Verständnis für Ihren Patzer haben.“

„Jawohl, meine Dame, aber sicherlich.“, plapperte der Saalchef und wusste nicht, ob er sich nun erleichtert oder bedroht fühlen sollte. Er war jedenfalls froh, den erbosten Gast vorerst los zu sein.

Petunia schritt nun zwischen den reichlich gedeckten Tischen hindurch und hielt Ausschau nach dem gesuchten Baron. Dabei stiegen ihr verlockende Düfte in die Nase und blieb ihr Blick mehr als einmal auf einer der exotischen Köstlichkeiten ruhen. Alleine die berühmten Desserts aus Algenschaum und Wolkengespinst würde mehrere ihrer üblichen Honorare verschlingen.

Da erblickte Petunia Zwielicht den reich gedeckten Tisch der von Brockenhiebs. Baron Kolka von Brockenhieb und sein ältester Sohn Praslav, saßen sich an einer langen Tafel gegenüber, gekleidet in leichte Kettenhemden und Helme aus edlem Metall und von einem halben Dutzend Dienstboten umringt, die gleichzeitig auch die Leibwachen der beiden darstellten – dessen war sich Petunia sicher.

„Halt, meine Dame, keinen Schritt weiter!“ rief auch schon einer der Männer aus und trat Petunia in den Weg. „Der Herr Baron wünscht unbelästigt zu bleiben.“

„Aber natürlich, mein Herr.“, entgegnete Petunia und beobachtete aus den Augenwinkeln den Baron, der sichtlich darum bemüht war, sie zu ignorieren. „Ich werde ein andermal wiederkommen und meine Dienste dem Baron anbieten, obwohl mir versichert wurde die Zeit dränge und der Herr Baron sei auf professionelle und diskrete Hilfe angewiesen.“

Die Worte Petunias hatten den gewünschten Erfolg und Kolka von Brockenhieb scheuchte seinen Mann hinfort. „Setzen Sie sich doch.“, bat der Baron seinem ungebetenen Gast einen Platz an, während sich der gute Sohnemann auf ein knuspriges Haselnussbrot konzentrierte.

„Ihre Worte haben meine Aufmerksamkeit erregt. Ich hoffe Sie können den Worten auch Taten folgen lassen und werden sich wohltuend vom Gesindel abheben, was üblicherweise nach meiner Geduld und meinem Geld verlangt.“

„Mein Herr, ich bin Petunia Zwielicht und dieser Name sollte Ihnen ein Begriff sein.“

„Etwa die Tochter von Interior Zwielicht, dem großen Detektiv?“

Petunia seufzte innerlich. „Wie ich höre, ist Ihnen der Name meines Vaters bekannt?“ fragte sie aufgesetzt höflich.

„Aber sicherlich.“, antwortete von Brockenhieb erfreut. „Wird sich etwa Ihr Vater des Falls annehmen?“

„Nun, er hat mich geschickt, um die Angelegenheit zu übernehmen.“, log Petunia und machte eine kleine Kunstpause bevor sie fortfuhr: „Natürlich erstatte ich ihm Bericht und er wird aus dem Hintergrund den Fall leiten, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Beim Barte meines Großvaters, das ist eine wahrlich gute Nachricht.“, knurrte der Baron erleichtert. „Wann soll ich Ihren Vater treffen, um ihm zu berichten was mich unterm Helm kratzt.“

Petunia lächelte innerlich, war nach außen hin aber gelassen. Zwerg blieb Zwerg – auch in den modernen Zeiten. „Sie sollten erst einmal mir berichten, damit ich für meinen Vater die Informationen bereits vorsortieren kann.“

„Natürlich.“, ereiferte sich Baron Kolka von Brockenhieb. „Dank eines so berühmten Detektivs wird bald alles wieder im Reinen sein.“ Der Zwerg mit dem faltigen Gesicht winkte einem seiner Diener zu und verlangte nach einem weiteren Gedeck und man möge endlich die Muscheln bringen.

Auch das werde ich überstehen, dachte Petunia, denn sie mochte keine Muscheln. Die Schalentiere waren ihr einfach zu unhandlich und oftmals ein wenig hinterhältig. Praslav mochte wohl auch keine Muscheln, denn der junge Zwerg verlor sichtlich an Farbe und wechselte um die Augenpartie von einem gesunden Erdbraun in ein kränkliches Ocker.

„Mein Informant erzählte, Ihnen sei ein wertvolles Schmuckstück abhanden gekommen.“, begann Petunia und bemerkte, wie Kolka von Brockenhieb seine Stirn in tiefe Sorgenfalten legte, so das sein  eleganter Hörnerhelm leicht verrutschte. Einige Haarsträhnen wurden sichtbar, die an den Wurzeln ein gesundes schwarz aufwiesen, im Gegensatz zum weißen Bart und Haupthaar. Petunia zog sofort ihre Schlussfolgerungen, denn scheinbar konnte sich der Baron keinen guten Barbier mehr leisten. Die Anzeichen sprachen für sich.

„Ich vermute, es handelt sich um ein Familienerbstück. Gerade in diesen schweren Zeiten ein schwerer Verlust, einen so kostbaren Schmuck gestohlen zu bekommen.“

Baron von Brockenhieb nickte bekümmert, Petunia hatte ins Schwarze getroffen. „Es ist die Brosche meiner verstorbenen Gattin, einer geborenen Dame von Tiefenschacht. Ihr Wert ist unermesslich und nie würde ich mich von ihr trennen wollen, doch die Geschäfte laufen schlecht. Der Handel mit Eisenerz ist eingebrochen und in zwei meiner Schächte wurde zu tief gegraben, so dass mir der ehrenwerte Bürgermeister vorerst die Abbaulizenz entzog, bis die Schächte wieder zur Hälfte aufgefüllt sind.“

Petunia nickte. Niemand durfte tiefer als dreihundert Fuß graben und niemand durfte höher als das höchste Gebäude der Stadt fliegen, was zufälligerweise dreihundert Fuß hoch war. Das waren nur zwei der unzähligen Gesetze der Stadt Moloch. Und als sich Petunia Zwielicht kurz mit ihrem scharfen Verstand darauf konzentrierte, was wohl die Gründe dafür waren, glitten ihre Gedanken auch schon wieder auf das eigentliche Thema zurück.

„Sie verfügen über hervorragende Sicherheitsvorkehrungen, Ihre Dienerschaft wurde bis in die dritte Generation überprüft, der Tresor ist das aktuelle Modell und niemand durfte in die Nähe der Brosche kommen. Niemand, außer dem Juwelier, der den genauen Wert für die Auktion schätzen sollte.“

Kolka war erstaunt und riss die Augen auf. Seine Pupillen glichen schwarzen Kohlen und es fiel ihm schwer, wieder zu atmen. „Meiner treu, Sie haben aber viele Informationen gesammelt. Ihre Kontakte sind hervorragend.“

Petunia schüttelte innerlich den Kopf. Ihr Informant hatte kaum etwas gewusst, doch Petunia kannte die sicherheitsliebenden Zwerge zu genüge. Und wer etwas so wertvolles verkaufen wollte, der ließ den Wert schätzen, um danach eine Auktion anzusetzen. So war es meistens und auch hier.

„Ich schlage vor, wir treffen uns Morgen früh bei ihrem Juwelier zu einer Befragung und einer Tatortbesichtigung. So kann ich weitere Informationen sammeln und an meinen Vater weitergeben.“

„Gewiss doch.“, stimmte Baron von Brockenhieb zu und hob erstaunt beide Augenbrauen, als er den Aufschrei seines Sohnes hörte.

Praslav verzog schmerzhaft sein Gesicht und hielt seine linke Hand auf Augenhöhe. Eine der Muscheln hatte ihn ausgetrickst und sich in seinem Zeigefinger verbissen. Petunia unterdrückte ein Grinsen und verabschiedete sich. Sie mochte einfach keine Muscheln, sie waren zu hinterhältig.

***

Petunia war bereits vor dem Sonnenaufgang unterwegs und hatte vor dem Geschäft des Juweliers in einer Seitenstraße Stellung bezogen. „Hiridram & Sohn“ stand in verschnörkelten Lettern auf einem Schild über der Türe und im vergitterten Schaufenster lagen einige hübsche Geschmeide und Edelsteine in der Auslage. Petunia war sicher, dass jedes einzelne Stück ein Vermögen kostete und gut gesichert war. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass die Familie Hiridram mit dem Diebstahl eines einzigen Schmuckstücks ihren guten Ruf aufs Spiel setzen würde.

Pünktlich zum ersten Schlag des Morgens wurde die Türe zum Geschäft von innen geöffnet und Petunia hörte, wie sich eine Droschke näherte. Zwerge waren überaus pünktlich, so auch Baron Kolka von Brockenhieb. Er war, wie am Abend zuvor, in Begleitung seines Sohnes, führte aber nur zwei Dienstboten mit sich. Dafür baumelte an seinem Waffengurt eine silbern glitzernde Schrotpistole.

Petunia verließ ihren Beobachtungsposten und kam lächelnd auf die Zwerge zu. Praslav verdrehte die Augen und zupfte betont gelangweilt an seinem Vollbart. Die Ermittlerin vermutete, dass er lieber in seinem Bett liegen oder ein Straßenrennen fahren würde.

„Frau Zwielicht, so pünktlich, das lässt meinen Hammer donnern.“, sagte Baron von Brockenhieb und ging auf den Laden zu. „Kommen Sie!“

Snott Hiridram persönlich nahm sich der Angelegenheit an und führte seine Besucher in den Tresorraum. „Nach dem ich den Wert der Brosche geschätzt habe, wurde sie für die Auktion in den Tresor geschlossen. Der Tresor ist ein aktuelles Modell und enthält nochmals drei Dutzend herausnehmbare Schließfächer. Ein Jedes nochmals gesichert und nur für seinen Besitzer zugänglich. Es gibt keine Spuren eines Einbruchs, den Tresor kann nur ich öffnen und die Kombination des Schließfachs kennt nur der Herr Baron persönlich.“, sprudelte der hagere Juwelier weinerlich hervor. Er wusste, wie es um seinen Ruf stand.

„Am Abend vor dem Diebstahl waren nur der Herr Baron, der junge Herr Baron und ich im Raum. Der junge Herr Baron legte die Brosche ins Schließfach hinein und schloss die Kassette ordentlich, dann stellte der Herr Baron die Kombination ein, während wir beiden anderen zu Boden sahen. Anschließend schob ich das Schließfach in den Tresor und schloss ihn. Und trotzdem ist die Brosche nun weg.“

Petunia nickte nur leicht und dachte nach. Kolka von Brockenhieb hustete leise und sprach dann mit gesenkter Stimme: „Nun, ich habe ebenfalls nachgedacht und … ich wage es kaum auszusprechen … vielleicht handelt es sich um … Magie?“

Alle vier im Tresorraum befindliche Personen zogen die Augenbrauen hoch. Magie? Was für ein Frevel. Doch Petunia schüttelte nur den Kopf. „Nein, Magie ist zu selten und ihr Einsatz für diese eine Brosche sicherlich zu gefährlich. Es muss eine andere Lösung geben.“

„Hoffentlich.“, grummelte Baron von Brockenhieb. „Bis wann wird ihr Vater den Fall gelöst haben?“

Petunia überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Ich denke er wird ihnen heute Abend die Lösung präsentieren können. Soll er Sie in ihrem Haus aufsuchen?“

„Ich wäre ihm sehr verbunden und würde seinen Besuch als Ehre ansehen.“, entgegnete Kolka von Brockenhieb. Praslav schnaubte ungehalten und stürmte aus dem Tresorraum. Der Baron legte seine Stirn in Falten und blickte kurz betrübt drein. „Verzeihen Sie bitte das Benehmen meines Erben. Er ist noch jung, kaum einhundert Jahre alt, und die Lage nimmt ihn sichtlich mit. Seit dem Tode meiner Gattin führe ich ihn ins Geschäft ein und die finanzielle Lage der Familie stürzt ihn in tiefe Trauer.“

Petunia nickte verständnisvoll. „Ja, schlecht gehende Geschäfte können einem die Laune verderben.“

***

Petunia hatte sich entschlossen, die Villa der von Brockenhiebs am frühen Abend aufzusuchen. Sie war nochmals jedes Wort und jede Beobachtung durchgegangen, hatte das Für und Wider abgewogen und kam schlussendlich zu dem Entschluss, die Lösung des Falls zu kennen. Doch Petunia war sich auch sicher, dass diese Lösung den Beteiligten kaum gefallen würde.

Kolka von Brockenhieb und sein Sohn Praslav erwarteten Petunia im kleinen Kaminzimmer, einem imposanten Saal, der von einem noch imposanteren Wandkamin dominiert wurde. Der Raum war mit wertvollen Kunstgegenständen im zwergischen Stil geschmackvoll eingerichtet: Klare und geschwungene Linien, die sich harmonisch zu synchronen Mustern verbanden. Petunia war beeindruckt, der Baron schien eher ungehalten.

„Frau Zwielicht, ich hatte Ihren Vater erwartet. Kommt er noch nach?“ fragte der Baron und seine Nase plusterte sich vor Ärger ein wenig auf.

Petunia seufzte innerlich und schüttelte dann bedauernd ihren Kopf. „Werter Baron, mein Vater ist leider verhindert. Er muss in einem anderen Fall tätig werden, vor allem da der Ihre bereits gelöst ist.“

„Was?“ kam es erstaunt über die wulstigen Lippen des Barons und sein ältester Erbe riss überrascht die Augen auf. „Sie haben den Dieb?“

Petunia nickte betrübt. „Ja, Baron von Brockenhieb. Zu meinem Bedauern gibt es nur einen logischen Täter in diesem Fall. Ihr Sohn Praslav von Brockenhieb!“ stieß Petunia hervor und zeigte anklagend mit dem Finger auf den jungen Zwergen, der erschrocken einen Schritt zurück machte.

„Sind Sie von Sinnen?“ erhob von Brockenhieb seine Stimme, die einen drohenden Ton annahm. Sein Blick suchte bereits nach einer Hammer oder einer Axt in der Nähe, um seine Besucherin mit einem gezielten Schlag zum Schweigen zu bringen.

„Werter Baron, halten Sie einen Augenblick inne und besänftigen Sie ihre Gedanken. Ihr Sohn Praslav beschloss die Brosche zu stehlen, um ein Andenken an seine Mutter zu erhalten. Er war es, der mit geschickten Finger die Brosche entwendete und vorgab, sie in die Kassette gelegt zu haben. Und er ist es, der die gestohlene Brosche noch immer bei sich trägt.“

Baron von Brockenhieb schnaubte und sah zu seinem Sohn, der den Blick beschämt zu Boden richtete. „Und wo soll er sie, im Namen von Niemandem, tragen?“

„Dort, wo kein anderer Zwerg es wagen würde nachzusehen. Im intimsten Bereich eines wahren Zwergenmannes.“, erklärte Petunia und sprach anstandshalber leiser weiter: „In seinem Bart. Denken Sie nach, werter Baron. Er hatte einen Grund, er hatte eine Gelegenheit und er verhielt sich auffällig, sobald das Gespräch auf den Diebstahl kam.“

Baron Kolka von Brockenhieb starrte seinen Sohn wutschäumend an und ihm wurde bewusst, dass Petunia recht hatte. „Haben sie Dank, werte Frau Zwielicht. Grüßen sie mir Ihren Vater. Ich werde die Tage eine entsprechende Entlohnung für seine Dienste veranlassen.“

Petunia nickte knapp, dann ging sie. Beim Hinausgehen hörte sie noch, wie ein schwerer Gegenstand gegen Kettengewebe prallte und Praslav von Brockenhieb schmerzhaft aufschrie. Nun, solche Familienangelegenheiten waren Privatsache, sie hatte ihre eigene Bürde zu tragen.

Ende

Bildrechte: “Vintage (Steampunk5.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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EMI Happy Kids präsentieren pünktlich zu Ostern „DIE SCHLÜMPFE Hörspiele“ – VÖ: 03.04.2008

Erstellt von Detlef Hedderich am 26. März 2009

EMI Happy Kids präsentieren pünktlich zu Ostern „DIE SCHLÜMPFE Hörspiele“ – VÖ: 03.04.2008:

Vol. 6 „Die Traurige Zauberweide“ – „Die Entdeckerschlümpfe“
Vol. 7 „Schlumpfines Geburtstag“ – „Ritter Norbert Nulltalent“

Es ist die erste neue Schlümpfe-Hörspielreihe seit 30 Jahren, die EMI Happy Kids 2008 zum 50-jährigen Jubiläumsjahr startete. Bereits am 24.10.2008 veröffentlichte EMI Happy Kids „Die Schlümpfe Hörspiele“ Vol. 4 und Vol. 5 aus der Sammelreihe:

Vol. 4: „Unten, Ganz unten!“ und „Der Schlumpf, Der Alles mag“
Vol. 5: „Der Freche Geist“ und „Ein Geschenk Für Yolanda“

Pünktlich zu Ostern geht es mit vier neuen fantastischen Geschichten der blauen, zipfelbemützten Bewohner aus Schlumpfhausen weiter!

Ihre Neugierde beschert den Schlümpfen wieder ein Abenteuer nach dem anderen. Zwischen Fabelwesen wie Sirenen, Zauberbäumen und Märchenfiguren in Ritterrüstung, geht es mal heldenhaft, mal unbeholfen, aber meistens ziemlich „menschlich“ zu. Durch die verschiedenen Charaktere und Begabungen der Schlümpfe werden Stärken und Schwächen freigelegt. Immer wieder ergibt es sich, dass die Schlümpfe einander oder andere brauchen, um erfolgreich ihre abenteuerlichen Aufgaben zu bewältigen oder anderen aus der Patsche zu helfen. Die kurzen Hörspiel-Geschichten helfen der vorwiegend kleinen Hörerschaft beim sozialen Lernen und Miteinander. Dabei werden sie immer dem Anspruch gerecht, eine erstklassige, unverwechselbar schlumpfige Unterhaltung zu bieten.

Zum Inhalt: Auf einen sprechenden Baum trifft man nicht alle Tage. Aber dieser hier ist ein Zauberbaum! „Die Traurige Zauberweide“ spricht nicht nur, sondern sie stöhnt und weint sogar. Dafür gibt es einen Grund: Holzfäller sollen kommen, um den knorrigen alten Baum zu fällen. Es sieht so aus, als sei es um ihn für immer geschehen. Aber ein Zauberbaum kann sich im Schutz der Nacht auch fortbewegen und selbst verpflanzen. Das weiß unsere Weide jedoch nicht und hat nie gelernt zu laufen. Zum Glück sind die Schlümpfe da, um ihr bei den ersten Schritten zu helfen. Der Baum ist darüber sehr dankbar und wird sogar ein bisschen anhänglich …“

Die Entdeckerschlümpfe“ sind vom Forscherdrang beseelt und entschließen sich, den Fluss Schlumpf hinab zu segeln. Der melodische Gesang von seltsamen kleinen blonden Schwimmerinnen lockt sie ans Ufer und ihr Boot schlägt an einem Felsen leck. So endet ihre Entdeckungsreise zunächst mit Schiffbruch. Schlaubi muss schnell gerettet werden und außerdem ist seine Brille und das Werkzeug der Schlümpfe untergegangen. Aber wie sollen sie jemals ohne Werkzeug ihr Boot wieder flott machen? Zum Glück helfen die kleinen Sirenen Dila, Dina und Dida den Schlümpfen alles wieder heil ans Ufer zu bringen. Doch dann taucht Mama Simbi auf und stellt ungeahnte Ansprüche an die handwerklich begabten Schiffsbrüchigen …

Schlumpfine hat Geburtstag und Schlaubi hat eine tolle Idee: „Eine Kette Für Schlumpfine“ soll das schönste Geschenk für die einzige Frau im Dorf werden. Er bittet den Töpferschlumpf, hübsche bunte Perlen herzustellen. Handy soll daraus eine Halskette machen. Schlumpfine wird entzückt sein! Schlaubi schaut auf dem Weg zu Handy erst mal bei seinen Konkurrenten vorbei und lässt dabei ein paar arrogante Sprüche los. Beauty bindet gerade einen Geburtstagsstrauß, Poeti schlumpft ein Gedicht, Jockey hat mal wieder einen Scherzartikel gebastelt, der Kochschlumpf steht in der Küche für seine neueste Geburtstagskuchenkreation und Harmony komponiert auf der Trompete eine neue Serenade für Schlumpfine. Unglücklicherweise verliert Schlaubi auf seinem Weg die fertigen Perlen. Oder hat ein eifersüchtiger Schlumpf die Perlen vielleicht absichtlich einfach an sich genommen …? Ritter Norbert Nulltalent fällt den Schlümpfen beim Pilze suchen im Wald in voller Rüstung direkt vor die Füße. Er hat sich verirrt, sein Pferd ist fortgerannt, und seine Geliebte wurde von Räubern entführt. Dieser Ritter hat wirklich kein Glück und schon gar kein Talent. Aber, um das Herz von Hermelinde, der Tochter des Barons von Niederzupfe, zu gewinnen und als Schwiegersohn ins Schloss einziehen zu dürfen, wird zumindest eine Heldentat von ihm erwartet. Jetzt ist seine Chance gekommen und die Schlümpfe helfen dem Tollpatsch Hermelinde zu befreien …

Alle Hörspiele von Vol. 1 bis Vol. 7 sind als CD und als Download-Bundles in allen bekannten Shops erhältlich. Mehr Infos und Hörproben unter www.schlumpf-die-ohren.de

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Die Traurige Zauberweide!
Unten! Ganz Unten! Vol.4
Der Freche Geist! Vol.5

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Lesung von Christine Lehmann im Mai und Juli

Erstellt von Günther Lietz am 26. März 2009

Freitag, 08.05.09, 19 Uhr, Christine Lehmann „Nachtkrater“
im Rahmen der criminale 2009, im Gewölbekeller in 78267 Aach,
sie liest u.a. zusammen mit: Franz Kabelka, der mit seiner Band kommt.
Nähere Informationen unter www.die-criminale.de

Mittwoch, 29.07.09, 20 Uhr, Christine Lehmann „Nachtkrater“
Wilhelm-Foerster-Sternwarte, Kuppelsaal, Munsterdamm 90 (Am Insulaner), 12169 Berlin,
Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Anmeldung möglich unter
Tel.: 030/79 00 930, Informationen unter http://www.wfs.be.schule.de/
Google Map

Christine Lehmann
Nachtkrater

Ariadne Krimi 1173
Lisa Nerz’ 7. Fall
Argument Verlag 2008
TB, 472 Seiten
ISBN

www.argument.de
www.lehmann-christine.de

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Preisrätsel 3 x je 1 Exemplar: Kaffee, Kunst und Kaviar – Reinkarnationsthriller mit realen Personen von Alfred Bekker und Albert Baeumer

Erstellt von Detlef Hedderich am 24. März 2009

Die Aufgabe zum Preisrätsel 3 x je ein Titel:

Dazu einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte “Preisrätsel Kaffee, Kunst und Kaviar” angeben): An welchem Ort bginnt die Handlung des Romans?

Gewonnen haben: Marion Henschel, Werner Sauer und Hilmar  Croon-Grünberg. Herzlichen Glückwunsch

Elben- und Drachenerde-Autor Alfred Bekker schrieb zusammen mit Albert Baeumer unter dem Titel „Kaffee, Kunst und Kaviar – Letzte Ausfahrt Selfkant“ bereits den zweiten Thriller einer Serie, in der reale Personen die Hauptrollen spielen. Wie schon in dem Vorgängerband „Mercator, Mord und Möhren“ steht der real existierende Lokalreporter Georg Schmitz im Mittelpunkt der blutigen Handlung – aber auch zahlreiche Nebenfiguren sind echten Personen nachempfunden und tragen ihre tatsächlichen Namen, wofür sie sich beim Verlag beworben haben. Während im ersten Fall um Georg Schmitz ein düsteres Geheimnis aus dem späten Mittelalter die Morde motivierte, geht es im neuen, luxuriös ausgestatteteten und reich illustrierten Roman von Bekker & Baeumer um ein unbekanntes Dürer-Bild, eine Leiche im Betonpfeiler, deren Zeigefinger auf ein Graffitto deutet und einen wiedergeborenen Künstler. Ein Trailer zu dem Roman ist unter www.selfkantverlag.de online.

www.tourismuskrimi.de

19,80 Euro
Paperback
212 Seiten
Selfkant-Verlag Ltd.
ISBN-10: 3000262679
ISBN-13: 978-3000262678

Titel bei Amazon.de
Kaffee, Kunst und Kaviar: Hetzjagd durch den Selfkant – Band 2

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ZERRISSENE HERZEN – Science-Fiction-Story von Werner Karl

Erstellt von Galaxykarl am 23. März 2009

ZERRISSENE HERZEN

Science-Fiction-Story

von

Werner Karl

Irgendetwas war nicht in Ordnung. Gerade eben noch war Tobias La Salle auf der Seitenstrasse mit strammen Schritten der Kanzlei von Browning & Boyle zugestrebt und ein kurzer Blick auf seine Uhr verriet ihm, das er spätestens in fünf Minuten dort sein musste, um das Geschäft endlich unter Dach und Fach zu bringen. Aber jetzt stand er wie angenagelt an der Ecke zur Hauptstrasse und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Verwirrt blickte er in beide Richtungen und versuchte die Ursache für sein aufkommendes Unbehagen zu finden, aber die Strasse sah aus wie immer: Der Bäckerladen mit Autoschalter und der um dieser Tageszeit üblichen Schlange von mindestens zehn City-Cabs, das große Eisenwarengeschäft, dessen Wachmann die ersten Kunden mit einem Scanner nach Waffen durchsuchte und die Panzerglasfront des Autohändlers, dessen Luxuskarossen selten ihre Anordnung hinter den fünf Zentimeter dicken Scheiben änderten. Viel zu wenige Leute konnten sich solche Vehikel leisten und Tobias fragte sich zum x-ten Male, wie sich so ein Geschäft halten konnte. Auch die Menschen waren so zahlreich, wie zu dieser Morgenstunde zu erwarten war. Nur ihre Art zu gehen, erschien ihm ein wenig seltsam.
Aber das erklärte nicht sein Gefühl, das dumpf Gefahr und Drohung ausstrahlte. Saß nicht immer unterhalb des Ausgabeschalters der Bäckerei ein Bettler, der für sich und seine beiden Hunde die wartenden Fahrer um Kleingeld ansprach? Und hatte er nicht öfters beobachtet, wie die Angestellten ihn vertrieben, in der sicheren Gewissheit, dass der Mann samt Hunden am nächsten Morgen wieder da saß? Heute saß er nicht dort. Aber vielleicht war es dem Bettler zuviel geworden, jeden Tag unter Gezeter und leichtem Gerangel seines Standortes verwiesen zu werden oder er hatte einen besseren Platz gefunden.

Tobias La Salle schüttelte energisch den Kopf und zwang seine festklebenden Füße den Weg wieder aufzunehmen. Nur noch zwei Minuten bis zum Termin. Verdammt, er würde zu spät kommen, und das sah nicht gut aus. Er bog nach links ab, denn dort befand sich nach einigen Hundert Metern das Gebäude von Browning & Boyle. Nach einigen Schritten kam ihm eine Frau mittleren Alters entgegen, die mit ihrer Leibesfülle den schmalen Gehsteig fast völlig ausfüllte und nicht den Eindruck machte, ein wenig zur Seite zu treten. Tobias ging so weit nach rechts, wie er es verantworten konnte, hatte er doch nicht die geringste Lust, jetzt noch von einem Motorscater umgefahren zu werden. Doch die Frau blieb auf ihrer Spur und rempelte ihn mit überraschender Härte so stark an, das er die Lichtschranke zur Scaterspur durchstieß und einen Alarmton auslöste. Verdutzt trat er schnell wieder auf die Fußgängerspur, dankte seinem Schicksal, dass gerade kein Scater heran geschossen war und sah der Frau kopfschüttelnd nach. Wenn ich Zeit hätte, würde ich dir schon erzählen, wie man sich im Straßenverkehr benimmt, altes Suppenhuhn, dachte er wütend und packte energisch seine Mappe unter den Arm und nahm ein schnelleres Tempo an, das er nach wenigen Schritten in leichtes Traben steigerte. Nach etwa der Hälfte der verbliebenen Strecke fiel er wieder in einen schnellen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich sollte doch wieder mit dem Training anfangen und weniger hinter dem Schreibtisch hocken, nahm er sich vor und verfluchte sich selbst, das er nicht früher aufgestanden war.
Jetzt komme ich nicht nur zu spät, sondern stinke auch noch nach Schweiß.

Er blieb stehen und kramte in seinen Taschen nach einem Tuch, um sich die Stirn abzuwischen, als er aus den Augenwinkeln in einer Häusernische eine Kinderpuppe sah, die dort in einem Korb lag. Die Leute lassen aber auch die unmöglichsten Sachen herumliegen, dachte er, faltete sein Taschentuch und tupfte sich auch die Schläfen ab. Dabei musterte er mehr oder weniger aufmerksam die Puppe. Der Korb war schon sehr in Mitleidenschaft gezogen und zeigte viele Bruchstellen und sich auflösende Teile. Die Puppe darin wirkte grau und ein wenig eingefallen und Tobias fragte sich, welcher Spielzeughersteller sich wohl ein Geschäft mit kränklich aussehenden Puppen erhoffte. Staub und frische Spinnweben hatten sich auf den Korb und die Puppe gelegt und verstärkten den Eindruck von etwas, das jemand absichtlich loswerden wollte. Gerade als er seinen Weg wieder aufnehmen wollte, bewegte sich die Puppe! Er blieb wieder stehen und sah genauer hin: Die Puppe öffnete die Augen! Mein Gott, ein Kind! durchzuckte es ihn und im gleichen Augenblick ruckte sein Blick nach oben. Vielleicht ist es ja aus einem Fenster gefallen und… Ihm stockte der Atem. In etwa drei Metern Höhe sah er ein weiteres Kind, ebenfalls halb nackt und grau in einem Drahtgeflecht hängen, das nun begann, leise, wimmernde Töne von sich zu geben.

„Hilfe!“, schrie er und drehte sich nach den Leuten auf der Strasse um. „Einen Arzt. Wir… ich… ist hier ein Arzt? Zu Hilfe!“ Aber niemand reagierte in der Art, wie er es erwartet hatte. Stattdessen kam ihm ruhigen Schrittes ein Polizist – oder zumindest ein uniformierter Mann – entgegen, dessen Gesichtsausdruck Tobias völlig verwirrte. Kalt, uninteressiert, fast teilnahmslos, aber auch irgendwie unheimlich.

„He, Mister, was schreien Sie hier herum? Ihnen ist wohl entfallen, das Ruhe die erste kommunale Pflicht ist.“

„Äh, Ja… nein… was? Hören Sie, Officer, Sie sind doch Polizist?“, fragte er und musterte dabei die seltsame Uniform des Mannes. Er wusste gar nicht, dass die Stadtpolizei neue Uniformen bekommen hatte, denn so eine hatte er noch nie gesehen. Und auch die Abzeichen an Brust und Schulter des Beamten kamen ihm fremd vor.

„Natürlich bin ich Controller, was denn sonst, Mann?“

Controller?„Meinetwegen Controller. Sehen Sie denn nicht, Sir! Hier sind zwei kleine Kinder in einem offensichtlich jämmerlichen Zustand! Bitte verständigen Sie sofort über Funk den Rettungsdienst, ja? Ich selbst bin weder Arzt, noch habe ich jetzt Zeit… aber Sie können sicher…“ Weiter kam Tobias La Salle nicht, denn völlig überraschend packte ihn der Controller und schleifte ihn vor ein nahe gelegenes Video-Terminal.

„Zentrale: Hier ist Controller MC-834. Ich habe hier schon wieder so einen Verrückten. Schickt mal einen Käfig vorbei, okay?“

„Ist unterwegs, MC-834. Benötigen Sie sonst noch Unterstützung?“

„Negativ, Zentrale. Mit dem werde ich solange alleine fertig.“, sagte der Controller ruhig und musterte La Salle dabei mit einer Mischung aus Drohung und Unverständnis.
Tobias – noch immer geschockt vom Anblick der mittlerweile etwas lauter weinenden Kinder – starrte den Uniformierten fassungslos an. Mit keinem einzigen Wort hatte der Beamte die Kinder erwähnt, geschweige denn für sie Hilfe angefordert.

„Hören Sie, Sir: Hier sind zwei Kinder in Gefahr, so schauen Sie doch einmal zu ihnen hin! Sie müssen sofort versorgt werden, Mann…“

„Sie haben mich gefälligst Controller zu nennen und nicht Mann, verstanden? Bleiben Sie ruhig, bis Sie abgeholt werden. Und diese Kinder sind nicht relevant. Sehen Sie denn nicht das E auf deren Stirn?“ Der Controller schubste in so herum, dass Tobias die Kinder wieder besser sehen konnte. Tatsächlich hatten beide eine bräunliche Markierung auf der Stirn, die man mit einiger Phantasie noch als den Buchstaben E erkennen konnte. Wäre die Haut der Kinder nicht bereits so stark eingefallen, hätte er die Zeichen früher entdeckt. So hatte La Salle es für Dreck oder Verletzungen gehalten. Der Beamte hielt ihn mit weiterhin eisernem Griff fest, so dass Tobias es auf eine andere Weise versuchte.

„Was bedeutet dieser Buchstabe? Wieso hält es Sie davon ab, ihnen zu helfen? Auch alle anderen scheint das Schicksal der Kinder nicht zu kümmern. Bin ich denn hier der Einzige, der es für nötig hält, ihnen das Leben zu retten?“ Er zerrte dabei mit beiden Händen an der Umklammerung und steigerte sich langsam in Wut. Zu seinen Gunsten sei erwähnt, dass nur noch ein kleiner Teil seiner Wut aus der Tatsache entsprang, dass er das Geschäft mit Browning & Boyle vergessen konnte. Zwar hatte Tobias selbst keine Familie, aber zu Kindern hatte er schon immer einen sehr guten Draht gehabt. Natürlich wollte er später einmal auch selbst welche haben, aber im Moment lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken, wenn er daran dachte, seine Kinder könnten in einer Stadt wie dieser aufwachsen, in der niemand auch nur den Ansatz zu Hilfsbereitschaft zeigte.

„Wenn Sie nicht sofort Ruhe geben, muss ich Sie betäuben! Und Ihre Frage bestätigt mir, dass Sie tatsächlich einer dieser Verrückten sind, die einem Homo Error ein Recht auf Leben zugestehen.“

„Einem was? Was soll das sein, ein Homo Error?“ Für einen Augenblick hielt Tobias La Salle inne und in seinem Kopf schossen alle seltsamen Ahnungen durcheinander, was dieses E bedeuten könnte, und je länger er darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihm, was seine aufkommende Angst in diesen Buchstaben legte.

„Na schön, Jungchen. Es hat wahrscheinlich keinen Sinn, Ihnen das zu sagen, aber was soll’s: Natürlich ist ein E ein Fehler in der Evolution, ein Irrweg, eine Missbildung, das weiß doch jeder! Leider lässt sich mit keiner Methode während der Schwangerschaft feststellen, ob der Fötus ein Error wird. Aber wenn die Eltern die ersten Anzeichen dafür entdecken, sind sie im Recht, wenn sie den E verstoßen.“

„Das… das ist aber kein Grund, sie elend Zugrunde gehen zu lassen. Unabhängig davon, was dieser angebliche Fehler auch sein mag: Warum werden solche Kinder nicht auf humane Art von ihren Leiden erlöst?“

Der Controller schnaufte genervt, ließ sich aber zu einer kurzen Erklärung herab. So lange der Kerl dabei still hielt; außerdem musste der Käfig ohnehin jeden Moment da sein.
„Das haben wir anfangs probiert, und auch das weiß jeder, nur Sie anscheinend nicht. Jeder Versuch einen Error zu töten, endete mit der Vernichtung der Person, die es versuchte. Die Art und Weise war immer unterschiedlich, aber in jedem Fall tödlich. Diese verdammten E´s sind sofort nach der Geburt imstande, Angriffe auf sich abzuwehren. Das ist es ja, was sie zu E´s macht. Aber Schluss jetzt. Es kann nur noch Sekunden dauern, bis der Käfig eintrifft, und danach wird Sie das alles nicht mehr interessieren.“

Irgendwie hatte der Controller dabei ein Wort benutzt oder einen Ton angeschlagen, der bei La Salle im Kopf einen Riegel löste, von dem er selbst nicht einmal gewusst hatte, das er existierte. Mit fast übermenschlicher Kraft, die ihn plötzlich durchströmte, riss er sich von dem Uniformierten los, und donnerte ihm seine Rechte gegen eine Schläfe. Der Mann sackte wie ein leerer Sack in sich zusammen, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben. Einige der näheren Passanten traten zwar von der Szene schnell zurück, kümmerten sich aber nicht weiter darum. Wahrscheinlich lag es daran, dass in nicht allzu großer Ferne ein hässlicher Ton das Eintreffen des Käfigs ankündigte. Ohne lang zu überlegen, hastete Tobias die wenigen Meter zu den beiden Kindern zurück, kletterte an einem Rohr nach oben, dessen Zweck er nicht erkannte, ihn aber auch nicht groß interessierte und schnappte sich schnell, aber vorsichtig das erste Kind. Mit aufsteigender Panik und den in seinen Ohren zu einem gefährlichen Dröhnen anwachsenden Alarmton des Käfigs, versuchte er, beide Kinder möglichst sicher in seinen Armbeugen zu verstauen. Wieder beobachteten ihn zwar mehrere Fußgänger, und sowohl ein Motorscater, als auch ein City-Cab hätten beinahe einen Unfall verursacht, da ihre Fahrer ihn mit weiten Augen anglotzten. Aber glücklicherweise versuchte niemand ihn aufzuhalten.

Tobias vergeudete keine Zeit, sich einen Fluchtweg zu überlegen, sondern fing an, in die entgegengesetzte Richtung zum jetzt um die Ecke schießenden Käfig zu rennen. Er hatte vielleicht gerade fünfzig Meter Abstand zum Fahrzeug und er wusste, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit keine Chance hatte, zu entkommen, aber trotzdem rannte er so schnell, wie er es in seinen eleganten, aber fürs Laufen völlig ungeeigneten Modellschuhen schaffen konnte. Eigentlich müssten ihn die Controller in wenigen Sekunden eingeholt haben, aber er raste ungehindert die Strasse entlang. Als er die nächste Ecke erreichte, wagte er einen Blick zurück über die Schulter. Der Käfig, ein gedrungen wirkendes, dunkelblau lackiertes Fahrzeug, mit tatsächlich einem käfigartigen Aufbau am Heck, stand nahe bei dem immer noch am Boden liegenden Controller. Zwei Beamte in gleicher Uniform waren dabei zu beobachten, wie sie zum Einen ihren Kollegen anhoben und zum Anderen in ein Funkgerät sprachen, wahrscheinlich um ärztliche Hilfe für den Verletzten anzufordern, was dieser vorher für die Kinder partout nicht tun wollte. Tobias sah in die Gesichter der beiden Kinder und stellte überrascht fest, dass beide ihn mit offenen, klaren Augen musterten. Einen etwas seltsamen Ausdruck meinte er darin sehen zu können, war sich aber nicht sicher. Auf jeden Fall hatten sie aufgehört zu wimmern, was er erleichtert feststellte; jedes einzelne Wimmern hatte ihn tief im Herz berührt, so als wären es seine eigenen Kinder, die sich in diesem Zustand befänden. Mit einem letzten Blick auf die Controller nahm er seine Flucht wieder auf und hatte dabei zwei starke Empfindungen. Die erste war die absolute Gewissheit, entgegen der allgemeinen Reaktion der Leute um ihn herum, das einzig Richtige zu tun. Das zweite Gefühl war weniger befriedigend: Mit aller Wahrscheinlichkeit würde sein Leben ab sofort in völlig anderen Bahnen verlaufen, als er sich sonst vorgestellt hatte.

Zwei Tage später und einige Kilometer weiter hockte Tobias völlig abgekämpft an einem alten, aber sauberen Bett und beobachtete die beiden Schlafenden. Während er so da saß und die ruhig schlummerten Kinder, einen dunkelhaarigen Jungen und ein silberblondes Mädchen, betrachtete, zogen die beiden vergangenen Tage an ihm vorüber. Nach nur einer halben Stunde seiner Flucht hatte er einen Park mit einem mittelgroßen See gefunden, an dessen Ufer er den völlig verdreckten Kindern zuerst zu trinken gab und sie dann gründlich wusch. Es war ihm bewusst, dass er das Wasser eigentlich hätte abkochen müssen, aber die Gefahr einer Infektion erschien ihn in diesem Moment weniger wichtig, als die Möglichkeit, dass die Kinder an Austrocknung starben. Ein paar Minuten hatte er versucht, die halb zerfetzten Leibchen zu waschen, gab es dann aber schnell auf und verlegte sich darauf, aus seinem leichten Citymantel zwei handliche Teile herauszureißen, in die er die Kinder einwickelte. Während der ganzen Zeit gaben die beiden keinen Ton von sich, ließen ihn aber nicht aus den Augen und verfolgten gezielt – ja, diesen Eindruck hatte er permanent in sich gespürt – seine Handlungen. Er schätzte das Alter der beiden vielleicht auf zwei bis drei Jahre. Aber darin war er sich nicht sicher. Auf jeden Fall mussten sie in der Lage sein, sich zu artikulieren. Vielleicht waren sie durch den Schock und ihre Angst noch nicht bereit, ihn anzusprechen. Aber Tobias La Salle war sich absolut sicher, dass sie sprechen konnten; zu intelligent und abschätzend waren die Empfindungen, die ihre Augen aussandten.

Ein wenig schienen sie ihm ihr Vertrauen auszudrücken, als er ihnen zu Essen anbot. Seinen etwas in Mitleidenschaft gezogenen Schokoriegel lehnten sie nach kurzem Schnuppern ab, aber die reifen Reneklode-Früchte eines in der Nähe wachsenden Busches nahmen sie gerne an. Zuerst überlegte Tobias, ob er die Kleinen im dichten Gestrüpp des Pflaumenbusches für kurze Zeit verstecken konnte, bis er etwas kindergerechtere Nahrung besorgt hätte, ließ dann aber die Idee fallen. Zu groß kalkulierte er die Gefahr, dass sie erneut in Weinen verfallen könnten und diesmal niemand da war, der sich im letzten Augenblick ihrer annehmen könnte. Nachdem sie mit den gelben Früchten ihren ersten Hunger gestillt und er ihnen erneut das Gesicht und Hände gewaschen hatte, nahm er sie abermals in seine Armbeugen auf und marschierte durch den Park. Zu seinem Erstaunen und auch seiner Erleichterung waren außer ihm fast keine Erwachsenen zu sehen. Nur hier und da eine einzelne Person, ein oder zwei Pärchen, die die letzten warmen Strahlen der untergehenden Sonne genossen, sich aber nicht im Geringsten um ihn und seine Last kümmerten.

Die Sonne berührte gerade den Horizont, da entdeckte er im rot glühenden Schein ein ziemlich großes Gebäude, allem Anschein nach die Verwaltung des Parks mit integriertem Geräteschuppen und zu seiner Freude einer angeschlossenen Wohnung. Offenbar wohnte hier der Hausmeister oder Parkwächter mit seiner Familie. Aber je näher Tobias dem Haus kam, desto deutlicher wurde es, dass dort niemand mehr wohnte. Ein paar Scheiben waren zerbrochen, ein Fenster hing schief im Rahmen und auf der Vortreppe wucherten aus allen möglichen Ritzen und Spalten Pflanzen. Erst jetzt fiel ihm auf, das niemand Eintritt verlangt hatte, als er den Park betreten hatte, obwohl alles darauf hindeutete, das dieser Park kein öffentlicher, sondern ein kommerziell genutzter Park mit einigen wenigen Attraktionen gewesen sein musste. Tobias erinnerte sich an ein kleines Kassenhäuschen, ein ausgebleichtes Werbeplakat und einen sicher ringsum verlaufenden Zaun, der aber an vielen Stellen offen gewesen war. Mit auf einmal eiligen Schritten hatte er dann die Treppe erreicht und mit kurzem, aber hartem Tritt das einfache Türschloss geknackt. Innen deutete ebenfalls alles darauf hin, dass seit langer Zeit niemand sich hier aufgehalten hatte. Zwar machten die Dinge und Möbel einen funktionstüchtigen Eindruck, über allem lag aber eine Staubschicht, die sicher mehrere Jahre Gelegenheit gehabt hatte, sich niederzulassen. Tobias legte die beiden Kinder einfach am Boden nieder und machte sich an die Arbeit.

Zuerst suchte er das Schlafzimmer, zog dort die Betten ab und fand in einer Kommode erwartungsgemäß sauberes, aber ein wenig muffig riechendes Bettzeug. Er schnupperte kurz an den Hintern der beiden, seine Nase signalisierte keinen Handlungsbedarf und so verfrachtete er sie schnell in das eine Bett. Mit einem zufriedenen Lächeln kommentierte er das sofortige Schließen der Kinderaugen und das wie von selbst in ihm aufkommende Talent einer erfahrenen Hausfrau. Fast hätte er in diesem Moment vergessen, warum er hier in einem Park saß und höllischen Hunger hatte, anstelle Zuhause den Geschäftsabschluss mit Browning & Boyle bei einem Glas Sekt zu feiern. Aber das Knurren seines Magens lenkte schnell seine Aufmerksamkeit auf den gigantischen Kühlschrank, der in der Küche wie eine Verheißung thronte. Leider wurden seine Erwartungen bitter enttäuscht, als er die Tür öffnete. Die wenigen Sachen, welche die Vorbesitzer zurückgelassen hatten, waren ausnahmslos verdorben und verbreiteten in der Küche einen scheußlichen Geruch, der sein Verlangen nach Essen rasch abkühlte. Resigniert schloss er die Tür. Er stöberte ein wenig im Erdgeschoss herum und fand dann schließlich im Keller, was er gehofft hatte. In Reih und Glied, schön sortiert nach Art und Haltbarkeitsdatum, standen dort in einem Regal wahre Schätze an Lebensmitteln. Etwa ein Drittel hatte das Haltbarkeitsdatum überschritten, aber der andere Teil versprach abwechslungsreiche Befriedigung seiner Bedürfnisse. Und die der Kinder. Ganz links stapelten sich alle möglichen Kartons und Fläschchen mit Kindernahrung. Der Parkwächter musste Familie gehabt und entsprechend vorgesorgt haben. Für sich selbst wählte Tobias ein Glas mit Karotten und Möhren, dazu eine Dose Cornedbeef und eine Flasche Tomatensaft. Er aß alles kalt, denn um sich die Sachen zu erwärmen, hätte er die Küche aufsuchen, Geschirr sauber machen, den Herd anstellen müssen, wobei er nicht wusste, ob noch genügend Heizmaterial vorhanden war und dergleichen. Er war aber so müde gewesen, das er sich diese Mühe ersparte. Danach fiel er komplett angezogen in das zweite Bett, neben dem der Kinder und schlief sofort ein. So verging der erste Tag.

Am Tag darauf weckten ihn die Kinder mit einem lauten „Hallo“ und dem eindeutigen und klar verständlichen Wort „Hunger“. Tobias rieb sich den Schlaf aus den Augen und grinste dabei.

„Also ihr könnt sprechen, wusste ich es doch.“, sagte er und versorgte sie mit den Handgriffen, die er bei seiner Schwester mit deren Kindern oft genug beobachtet hatte.
Er musste alles zumindest so weit richtig gemacht haben, denn er hörte nicht den geringsten Protest oder Einwand der beiden, die dem Frühstück aus Babybrei, Zwieback und dem Rest Tomatensaft kräftig zusprachen. Danach schliefen sie fast augenblicklich wieder ein, was ihm nur recht war, konnte er sich endlich ausgiebig um sich selbst und ihre Zuflucht kümmern. Er verbrachte der ganzen Tag damit, sich und die Kinder zu duschen, für alle Kleidung zu entdecken, die den Kindern wie auf den Leib geschneidert, ihm aber ein klein wenig zu groß war, so dass er seine Sachen wusch und später wieder anzog, das Haus zu erforschen und einen Teil davon wieder bewohnbar zu machen. Zwischendurch aßen sie, hielten ein Nickerchen und erholten sich spürbar von Stunde zu Stunde. Und jetzt am Ende des zweiten Tages zog es seine Lider mit aller Gewalt nach unten. Kurz bevor er einschlief, dachte er daran, dass trotz seiner Bemühungen die Kinder in jedem Fall ärztlich untersucht werden mussten. Und dann musste er noch herausfinden, warum…

Er war wach, hatte aber die Augen noch geschlossen. Ganz nah an seinem Gesicht fühlte er einen, nein, zwei warme Luftzüge. Nach kurzer Zeit erkannte er einen Rhythmus darin. Eindeutig Atemzüge. Tobias La Salle öffnete die Augen. Das Mädchen und der Junge standen direkt neben ihm und sahen ihn an.

„Guten Morgen.“, sagte Tobias und lächelte.

„Guten Morgen.“, kam es unisono von den beiden zurück.

Völlig überrascht richtete er sich ein wenig auf. „Schön, das es euch besser geht.“, fiel ihm ein wenig verunsichert ein. Nun ja, es gab sicher sprachbegabte Kinder und welche, die weniger…, überlegte er.

„Wir danken dir. Wie heißt du?“, fragte das Mädchen mit piepsiger Stimme, aber erstaunlicher Akzentuierung.

„Ich heiße Tobias, Tobias La Salle. Und wie heißt ihr?“

„Das ist mein Bruder Erik, und mein Name lautet Veronica.“, antwortete sie und nickte dabei nett mit dem Kopf.

„Wie kommt es, dass du uns geholfen hast?“, fragte Erik und deutete dabei vielsagend auf das E auf seiner Stirn, die sich erfreulich geglättet hatte und nun den Buchstaben wieder erkennbarer machte.

„Nun… sagt mir lieber, warum eure Eltern euch verstoßen haben und niemand anders euch helfen wollte.“, forderte Tobias die beiden auf und hob sie auf sein Bett, was sie ohne erkennbares Misstrauen mit sich geschehen ließen.

„Unsere Eltern sind tot. Wir haben sie getötet.“, sagte Erik ernst und es schossen ihm Tränen aus den Augen. „Wir mussten es tun, das sie sonst uns getötet hätten.“

Veronica weinte stumm und tupfte dann ihrem Bruder und sich die Tränen mit dem Zipfel eines kleinen Kissens ab. „Es war fürchterlich traurig, denn wir haben unsere Eltern geliebt. Aber sie wollten uns schließlich doch töten, obwohl sie seit unserer Geburt schon wussten, dass wir E´s sind.“, sagte sie und kämpfte erneut mit Wasser in den Augen. „Die ganzen Jahre haben wir gehofft, dass sie es nicht versuchen würden.“

Tobias hob eine Hand und streichelte über ihre Köpfe. „Es tut mir Leid für euch.“ In ihm brannte die Frage, wie sie ihre Eltern getötet haben könnten, aber alles der Reihe nach. „Könnt ihr mir sagen, was dieses E genau bedeutet und warum alle anderen Menschen darin einen Grund sehen, Kinder wie euch zu verstoßen?“ Während er das fragte, faszinierte ihn immer noch die Tatsache, dass er hier auf einem Bett mit zwei kleinen Kindern saß und absolut ernsthaft mit ihnen ein ernstes Problem besprach.

Erik sah zuerst seine Schwester an, dann wieder Tobias. „Wenn wir dir das sagen, willst du uns vielleicht auch töten. Und dann müssten wir dich zuerst töten. Aber ich will das nicht.“
Tobias La Salle erkannte den Ernst der Situation und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter. Wenn er den Kindern den geringsten Anlass gab, er könnte íhnen doch noch gefährlich werden, würden sie ihn töten. Das Wie interessierte ihn immer noch, aber scheinbar waren die beiden davon überzeugt, dass sie es schaffen würden.

„Wie alt seid ihr beide?“, fragte er und bewegte sich dabei nicht.

„Ich bin vier und Veronica ist drei Jahre alt.“ Also hatte seine ursprüngliche Schätzung zu niedrig gelegen, aber er hatte außer den Kindern seiner Schwester auch wenige Vergleichsmöglichkeiten. „Aber ist das für dich wichtig, wie alt wir sind? Ab welchem Alter besteht keine Gefahr mehr, dass du uns tötest?“
Erik´s Logik war bestechend.

„Weder euer Alter, noch euer Verhalten würden mich dazu bringen, euch töten zu wollen.“, sagte Tobias fest und fasste beide an den Händen. „Allem Anschein nach bin ich anders als alle anderen Erwachsenen dieser Stadt. Da, wo ich herkomme, tötet niemand Kinder, schon gar nicht so begabte wie er es seid.“

Veronica lächelte und warf in einer anmutigen Geste ihr silberblondes Haar zurück. Wenn sie erwachsen war, würde sie bildschön sein. Die Ansätze dazu hatte sie bereits.
„Du hältst uns für begabt? Nicht für gefährlich? Wir sind E´s!“ Scheinbar war damit alles erklärt.

„Ihr seid selbstverständlich außergewöhnlich. Ihr sprecht fließend, in einer Art und Weise, wie es andere Kinder in eurem Alter noch nicht können. Ihr habt euch extrem schnell erholt, und dies ohne ärztliche Hilfe. Ihr versteht euch so auszudrücken, wie es nur ein Mindestmass an Intelligenz und Wissen ermöglicht. Und bis jetzt entdecke ich nichts Gefährliches an euch. Was bedeutet dieses Homo Error? Der Controller sagte mir, dass damit eine evolutionäre Fehlentwicklung gemeint sei. Aber ihr seid eher das Idealbild, das man sich von Kindern macht. Zumindest dachte ich immer so. Wenn ich einmal Kinder habe, dann wünsche ich mir, dass sie so sind wie ihr.“

Jetzt lächelte auch Erik das erste Mal und drückte Tobias´s Hand fester. „Das haben wir noch nie gefühlt: Das jemand sich wünscht, wir wären so, wie wir sind.“

„Ihr könnt also die Gefühle anderer Menschen spüren. Nun, das sollte jeder können, der sich näher mit einem anderen befasst. Im Normalfall ist dies die Grundlage einer jeden Beziehung, egal ob zwischen Ehepartnern oder Eltern zu ihren Kindern. Aber ich nehme an, ihr könnt mehr als nur spüren, was ein anderer fühlt. Richtig?“

„Ja. Es ist so, als ob wir pausenlos Signale empfangen, egal ob wir es wollen oder nicht. Manchmal kann ich aber den Empfang abblocken, aber es gelingt mir nicht immer.“, sagte Erik. „Veronica kann das noch gar nicht.“ Ein wenig Traurigkeit lag in seiner Stimme, dass sie diesen Schutz noch nicht entwickelt hatte.

„Tja, dann würde ich sagen, dass ihr beide zumindest Empathen seid. Aber das erklärt noch immer nicht, wieso man euch diskriminiert. Im Gegenteil fallen mir dazu eine Menge Dinge ein, wie man einen Empathen für die Allgemeinheit nützlich einsetzen kann. Weiter Erik.“, forderte Tobias den Jungen auf.

„Können wir erst essen und dann weiterreden. Ich habe Hunger.“, sagte Veronica und sah die beiden anderen bittend an.

„Selbstverständlich.“, sagte Tobias und stellte erleichtert fest, das die Gefahr, getötet zu werden völlig unbemerkt aus ihrer Unterhaltung verschwunden war. Während er Frühstück machte, gingen die Kinder alleine ins Bad und kamen nach nicht allzu langer Zeit sauber und frisch angezogen wieder heraus. „Bevor wir uns weiter über eure Begabungen unterhalten, würde mich interessieren, warum ihr hilflos an der Häuserwand hingt.“, sagte er kauend und so beiläufig wie möglich.

Erik legte seine Gabel beiseite und blickte wieder sehr ernst und erwachsen drein. „Nachdem wir… Vater und Mutter töten mussten, saßen wir in der Wohnung und konnten weder die Türen öffnen, noch jemand über Telefon zu Hilfe rufen. Jeder hätte uns sofort den Controllern gemeldet und die hätten uns abtransportiert.“

„Wir lebten eine Zeitlang von den Vorräten, doch dann wurde die Luft in der Wohnung zu schlecht.“, fuhr Veronica für ihren Bruder fort.

Tobias erkannte, dass sie von Verwesungsgeruch sprach und hatte augenblicklich keinen Appetit mehr. „Und dann?“

„Dann dachten wir, wir kämen über die Fenster heraus. Leider hatten wir nicht die körperliche Kraft, um an der Fassade herabzuklettern und sind heruntergefallen. Das Drahtgeflecht und der Korb haben uns vor einem Aufprall auf dem Gehsteig bewahrt. Wir riefen natürlich sofort um Hilfe, aber niemand tat es. Jeder, der uns sah, entdeckte die Markierung und ignorierte uns. Bis du kamst.“, stellte Erik fest und lächelte wieder und nahm sein Frühstück wieder auf.

„Ja, wo kommst du eigentlich her?“, fragte Veronica und schob ihren leeren Teller beiseite. „Können wir zu dem Ort gehen, wo du lebst? Werden dort Kinder wie wir nicht getötet?“
Verblüfft stellte Tobias seinerseits fest, dass er über diesen Punkt noch gar nicht nachgedacht hatte. Es gab keinen bestimmten Ort, wo ausnahmsweise die Kinder nicht getötet würden. Das war überall so, wo er herkam. In seiner Heimatstadt, in dem Land, in dem er lebte, eigentlich auf dem ganzen Planeten. Aber wenn es hier so war, dann konnte das nicht… Und wenn er die Ausnahme war, dann musste er hier fremd sein. Das hieß aber auch, dass er irgendwie hierher gekommen sein musste. Aber das wusste er ja! Mit der Magnetschwebebahn von Boston nach Atlanta, von dort aus mit einem Taxi ins Stadtzentrum und zu Fuß… Ihm fiel wieder der Moment ein, als er in die Strasse bog, die zu Browning & Boyle führte. Er war stehen geblieben, weil ihm etwas seltsam vorkam. Gut, seltsame Anwandlungen ohne tieferen Sinn hatte sicher wohl jeder Mal. Aber dieses Gefühl war irgendwie anders gewesen. Im Nachhinein meinte er sich an ein kurzes Schwindelgefühl zu erinnern, was er aber damals seiner Hetzerei und längeren Trainingspausen zugeschrieben hatte. Er sah auf und bemerkte, dass die beiden Kinder ihn beobachteten.

„Ich komme nicht von hier. Andererseits sieht alles wie Zuhause aus. Ich kenne mich hier aus… allerdings diesen Park gibt es in meiner Stadt nicht.“ Ihm fiel auf, dass die Kinder ihn nicht verstanden. Gleichzeitig drängte sich aus den Tiefen seines Gehirns ein Gedanke nach oben, der ihm eine phantastische, aber mögliche Lösung bot.

„Ihr habt sicherlich noch nichts von verschiedenen Dimensionen gehört, oder doch?“ Fast erleichtert stellte er fest, dass beide mit den Kopf schüttelten. „Nun, das müsst ihr euch ungefähr so vorstellen: Im Laufe der Entwicklung machte die Evolution, oder Natur, wenn euch das lieber ist, Versuche, Experimente. Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass sich das Leben ständig weiterentwickelt. Aber in solch langen Zeiträumen, das wir es nicht unmittelbar feststellen können.“ Tobias sah beiden in die Augen, sah darin aber nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sie ihm in seinen Ausführungen nicht folgen könnten und fuhr deshalb fort. „Dabei kann es manchmal vorkommen, das eine solche Veränderung nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil der Lebewesen führt. Nach einiger Zeit verschwand diese Fehlentwicklung wieder und ein erfolgreicherer Weg wurde beschritten. Nun sind einige Forscher der Meinung, das sich dieser Vorgang nicht nur auf die Biologie, sondern auch auf physikalische Eigenschaften erstreckt.“ Wieder zweifelte er kurz, ob sie ihm folgen könnten, hatte aber ihre volle Aufmerksamkeit. „Na schön, weiter also. Wir leben in einem Universum, in dem Zeit vergeht und Materie allen möglichen Veränderungen ausgesetzt ist. Aber ist es wirklich immer so, das auf ein Gestern ein Heute und ein Morgen folgt? Ist es immer so, dass Materie entsteht und danach vergeht? Kann die Reihenfolge nicht auch einmal anders herum oder parallel sein? Und genau das glauben einige Wissenschaftler: Das Zeit und Raum, Materie und Dimension auch andere Wege gehen können. Nach dieser Theorie existieren viele Erden nebeneinander, nicht alle gleich, sondern mit Unterschieden. Vielleicht ist eure Welt zu meiner nur darin anders, das es Menschen wie euch gibt und in meiner nicht.“

„Und wenn es in deiner Welt E´s gäbe, würden sie dann auch von den normalen Menschen verfolgt und getötet werden?“ Erik bewies damit, dass er alles verstanden hatte und darüber hinaus weiterdenken konnte.

Ja, würden diese Kinder in seiner Welt eine Chance haben? Er war sich ja nicht einmal sicher, ob seine Vermutung auch nur im Ansatz der Realität entsprach.
„Wisst ihr Kinder, ich weiß es nicht. Zwar spekuliert man schon seit vielen Jahren über die Möglichkeit einer Weiterentwicklung des Menschen. Tatsächlich hat man sich alle möglichen Variationen von Mutationen ausgedacht. Telepathen, Empathen wir ihr, Teleporter, Telekineten usw. Aber der Beweis, dass ein Mensch diese Fähigkeiten hat, ist bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich würde ein echter Mutant sofort militärisch eingesetzt werden. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, würde er sich bei einiger Intelligenz dagegen wehren können und die Öffentlichkeit informieren. Und was dann geschieht, weiß ich wirklich nicht. Wie gesagt, es ist bisher noch nicht vorgekommen…“

Ein paar Minuten schwiegen alle drei und dachten nach. Tobias wollte sich schon erheben, um den Tisch abzuräumen und um seine Gedanken mit praktischen Dingen aus einer möglichen Sackgasse zu helfen, da stellte ihm Veronica eine weitere Frage.

„Wenn du nicht von hier bist, und du es selbst nicht sicher weißt, wie bist du dann hierher gekommen? Und wie willst du wieder zurück?“

„Das kann ich dir im Moment nicht sagen, Kleines…“ Er wollte noch weiterreden, aber eine neue Frage warf einen anderen Problemkreis auf.

„Kannst du uns mitnehmen? Wir wollen nicht hier bleiben. Ich will in deine Welt. Wenn dort alle Erwachsenen sind wie du, wird es uns dort sicher besser gehen.“
Erik ließ ihn nach der Frage seiner Schwester nicht aus den Augen.

„Willst du uns denn mitnehmen, wenn du kannst?“ Wieder hatte Tobias ein Gefühl einer latenten Gefahr. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass beide Kinder seine Angst fühlen konnten und womöglich falsche Schlüsse daraus zogen.

Seine Antwort kam wie von selbst und ohne Zögern aus seinem Mund. „Ich nehme euch selbstverständlich mit! Das ist nicht die Frage. Die Hauptfrage ist, ob meine Theorie richtig ist und wenn ja, wie wir einen Weg nach Hause finden.“

„Nach Hause.“, sagte Veronica traurig. „Wir hatten ein Zuhause. Und Eltern…“

„Die uns töten wollten.“, sagte Erik hart zu seiner Schwester.

Sie schwieg daraufhin für eine lange Zeit und half Tobias stumm beim Abwasch.Überhaupt vermieden sie in den nächsten Stunden ein Gespräch und taten wortlos die Dinge, die eine Familie nach dem Frühstück wohl immer tat. Sie gingen zur Toilette, wuschen sich, räumten Sachen auf und stöberten ein wenig im Haus herum. Keiner der drei kam auf die Idee, vor das Haus oder gar aus dem Park zu gehen. Nach einem Mittagessen aus aufgewärmten Doseninhalt und ein wenig Zwieback schliefen alle.

Dieses Mal erwachte Tobias als erster und betrachtete die Kinder. Wenn ich einen Weg finden würde, wie würde ihre Zukunft aussehen? Wie lange könnte ich ihre Fähigkeiten geheim halten? Was würden die Behörden oder sicherlich das Militär tun, wenn sie es entdecken würden? Er hatte auch keine Lust, die Kinder in die Hände von Medizinern zu geben, die alle denkbaren und vielleicht auch undenkbaren Untersuchungen mit ihnen anstellen würden. Das sind ungelegte Eier, ermahnte er sich und zwang seine Überlegungen in unmittelbarere Richtungen. Wenn ich die Dimension gewechselt habe, dann habe ich es nicht sofort bemerkt. Es kann eigentlich nur der Moment gewesen sein, als ich um die Ecke zu Browning & Boyle bog. Aber da war nichts, kein Erzittern des Raums, kein gleißendes Licht oder ähnlich mystische Dinge. Einfach nur ein weiterer Schritt auf meinem Weg. Und wenn das Phänomen stabil ist, dann müssten dort ununterbrochen Menschen aus meiner Dimension in diese überwechseln. Ein Satz des Beamten viel ihm plötzlich ein. ‘Ich habe hier schon wieder so einen Verrückten’, hatte der Controller zu seiner Dienststelle gesagt. Also gab es schon vorher Menschen, die nicht so gefühlsarm waren, deren Herzen nicht zerrissen waren. Zerrissene Herzen, ja das war es, was er empfunden hatte.

Tobias La Salle stand leise auf und ging ins Bad. Seine Dusche vollführte er unbewusst und das Frühstück machte er ebenfalls, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.
Wenn aber ständig Menschen wie ich hierher kämen, hätte diese Welt ein größeres Problem. Sicher hätte es längst Widerstand, Aufstände oder gar einen Bürgerkrieg gegeben. Denn er konnte sich nicht vorstellen, dass eine ausreichende Anzahl normal empfindender Menschen diese Kinderjagd geduldet hätte. Also muss der Effekt auch zeitlich begrenzt sein. Ein temporäres Dimensionstor! Oder noch schlimmer: ein wanderndes! Wenn dies der Fall war, dann hatten sie keine Chance. Kein sichtbarer Effekt, der sich lokalisieren ließ. Also bestand seine Hoffnung aus einem zeitlich begrenzten Tor. Aber wann?

„Guten Morgen, Tobias.“, sagten die Kinder wieder einstimmig und setzten sich zu ihm. Veronica beugte sich sogar zu ihm herüber und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Erik sah es und in seinen Augen spiegelten sich ein wenig Eifersucht und Unschlüssigkeit wider. Aber schließlich erhob er sich und drückte Tobias kurz an sich.

„Ebenfalls einen Guten Morgen, Kinder.“ Er fühlte ein paar neue Gefühle in sich. Verantwortung. Und Stolz. Ja, er war stolz auf sich. Er hatte zwei Leben gerettet und anscheinend ihr Vertrauen gewonnen. Mittlerweile sahen die Kinder vollständig erholt aus. Beruhigt strich er den Punkt  Ärztliche Untersuchung von seiner Problemliste.

„Ich habe nachgedacht, Kinder. Das einzige, was mir einfällt, ist, dass wir in die Strasse zurück müssen, in der ich euch gefunden habe.“ Sofort verspürte er ihr Zurückzucken. Nicht körperlich, aber ganz deutlich in Gedanken. Er empfing ihre heftigen Gefühle. „Es scheint mir der einzige Weg zu sein, zu überprüfen, ob ich Recht habe. Ich habe zwar keine Ahnung, wie wir feststellen sollen, ob dort ein Tor ist und wenn ja, ob es geöffnet ist. Aber ich kenne keine andere Stelle, an der sich ein Versuch sonst lohnen könnte. Was sagt ihr dazu?“

Erik schluckte seinen Bissen hinunter. „Ich habe auch nachgedacht, Tobias. Ich habe eine Methode gefunden, festzustellen, ob wir in deine Welt können.”

“Wir müssen dieses Dimensionstor – wenn es denn existiert – erst einmal finden, Erik.“, sagte Tobias.

„Schon, aber das ist deine Aufgabe. Du warst dort, nicht wir. Du musst dich ganz genau an die Stelle erinnern, an der du in unsere Welt kamst.“

„Und wie willst du feststellen, dass es da ist?“ Tobias hatte sich die halbe Nacht darüber den Kopf zerbrochen, aber keine Lösung gefunden.

„Wenn wieder ein Mensch wie du auftaucht, dann spüren wir es. Glaube mir!“, sagte der Junge voller Überzeugung und aß weiter.

Das könnte er womöglich. „Aber wir wissen nicht, wann das Tor sich öffnet. Wir müssten die Stelle pausenlos beobachten. Und das würde bald einem Controller oder anderen auffallen.“, entgegnete Tobias. „Aber du hast recht, Erik. Uns bleibt keine andere Wahl.“

Sie hatten sich nach dem Frühstück mit ausreichend Lebensmitteln und möglichst unauffälliger Kleidung aus dem Haus versorgt und waren unverzüglich zu ihrem Ziel aufgebrochen, denn schließlich sprach nichts dagegen, es sofort zu versuchen. Im Gegenteil, vielleicht hatten sie in den wenigen Tagen ihres Aufenthaltes im Park schon eine oder mehrere Chancen verpasst. Wir haben keine andere Wahl, dachte Tobias und versuchte so unscheinbar wie möglich die Passanten zu beobachten. Aber irgendwann würden sie auffallen, wenn sie Stunden, Tage oder gar Wochen hier herumlungerten.

Sie hatten mittlerweile etwa zweieinhalb Stunden mit erfolgloser Beobachtung verbracht. Zunehmend wurden ihrer Bewegungen nervöser, obwohl zwar niemand von ihrer Anwesenheit bewusst Notiz nahm, aber von Minute zu Minute die Chance stieg, das ein Mobiler Controller oder ein Fahrzeug des Wachkommandos sie entdeckte. Und sicherlich standen sie auf einer Fahndungsdatei.

Plötzlich ruckten beide Köpfe der Kinder wieder Richtung der Stelle, die ihnen Tobias als wahrscheinlichen Punkt seiner Ankunft gezeigt hatte. Er selbst hatte die Stelle trotz ansteigender Langeweile, gemischt mit Unruhe und Angst, nicht aus den Augen gelassen. Unmittelbar vor der Reaktion der Kinder hatte sich sein Blick getrübt, wie von leicht bewegtem Wasser, das aber nach einer Sekunde wieder völlig zur Ruhe kam. Er hatte erst gedacht, seine übermüdeten Augen spielten ihm einen Streich, aber dann sah er sie.
Die Frau stand urplötzlich genau dort, wo Sekunden vorher die Luft geflimmert hatte. Kein Lichtblitz, kein Aufreißen der Dimension, wie er es sich zusammen gesponnen hatte. Nein, absolut unspektakulär, völlig geräuschlos und blitzschnell. Sicher lag darin die Ursache dafür, dass die örtlichen Behörden noch nicht misstrauisch geworden waren, woher denn diese Verrückten auftauchten. Zum wiederholten Mal fiel Tobias La Salle ein, das der Controller von mehreren Verrückten gesprochen hatte. Schon wieder so ein Verrückter. Tobias wurde klar, das er nicht ein einzelnes Phänomen darstellte, sondern einer in einer Reihe ähnlicher Personen war.

Inzwischen hatte die Frau ihre Schritte schnurstracks auf Tobias, Erik und Veronica gelenkt und stand nun lächelnd vor ihnen. Sie war ein wenig blass, aber dafür funkelten ihre Augen umso strahlender. Ihre braunen Augen hatten die gleichen rötlichen Einschlüsse, wie ihr ebenfalls braunes Haar. Um die Nase und auf den Wangenknochen tanzten viele Sommersprossen und unterstrichen ihr sympathisches Lächeln. Die Haltung war lässig, aber trotzdem hatte Tobias das Gefühl, das sie sofort bereit gewesen wäre, bei der geringsten Gefahr Kampfhaltung einzunehmen. Sie trug einen dunklen, schick geschnittenen Anzug und im gleichen Augenblick bemerkte Tobias, dass sein Jackett und seine Hose den gleichen Schnitt hatten.

„Hallo, Tobias.“, sagte sie und ihr Lachen nahm um eine Spur zu. „Ich weiß wirklich nicht, wie du das machst. Du bist noch keine Woche unterwegs und hast schon wieder zwei gefunden.“

Schon wieder zwei. Schon wieder so ein Verrückter. Dabei kniete sie sich vor die Kinder und streckte ihnen die Hände entgegen. Erik und Veronica hatten die ganze Zeit nichts gesagt, liefen aber jetzt auf die Frau zu und ergriffen ihre schlanken Hände, an denen sie jeweils zwei seltsame Geräte trug, die Tobias nicht erkannte, aber irgendwie vertraut vorkamen.

„Wie heißt du?“, fragte Veronica und spielte verlegen und unbeholfen mit ihren Fingern an der Hand der Frau. Die von Tobias vorher an den Kindern beobachtete Selbstsicherheit war verflogen. Hier standen sich ein kleines Kind und eine Frau gegenüber, nicht ein Mutant und ein Fremder.

„Mein Name ist Chantal deBos-Margaux, aber du kannst Chani zu mir sagen, wie alle meine Freunde. Und wie soll ich euch ansprechen?“

„Erik.“, sagte der Junge kurz. Er schien noch damit zu ringen, ob er hier einem weiteren Fremden vertrauen konnte. Aber schließlich schien sie Tobias zu kennen und der war in Ordnung.

„Ich heiße Veronica.“, zwitscherte die Kleine. „Das ist mein Bruder. Tobias hat uns gefunden und geholfen. Ohne ihn wären wir jetzt sicher schon tot.“

Ein Schatten fiel über Chantals Gesicht und sie erhob sich. „Wir müssen weg. Ich weiß, dass du jetzt nicht alles verstehst, aber vertrau mir einfach wie immer.“, sagte sie schnell und blickte ihm ernst in die Augen. Wie immer.

Er nahm Veronica auf den Arm, sie Erik an der Hand und sie überquerten die Strasse. Als sie alle drüben standen, stoppte Chantal und blickte sich um. Sie wartet darauf, dass möglichst wenig Passanten und Verkehrsteilnehmer auf der Strasse sind. In der Tat brauchten sie nur ein paar Minuten auszuharren, dann war von einer Ecke bis zur nächsten Seitenstrasse niemand zu sehen. In beiden Richtungen, aber ausreichender Entfernung fuhren Fahrzeuge. Schnell tippte Chantal deBos-Margaux auf eines ihre Armgeräte und erhielt sofort eine Antwort.

„Startfenster frei in fünf Sekunden. Bitte rücken Sie dichter zusammen!“

Chantal zog die Kinder eng an sich und Tobias schmiegte sich halb verlegen, halb belustigt näher an sie. Was mochten sie wohl für ein Bild für einen versteckten Beobachter abgeben? Standen mitten auf dem Gehsteig und drückten sich wie furchtsame Hühner aneinander. Kaum hatte sich ihre Gruppe geschlossen, flimmerte kurz die Luft um sie herum und sie waren in einer völlig anderen Umgebung. Drei Ärzte, ein Mann und zwei Frauen, erkennbar an ihren lindgrünen Umhängen, schritten sofort auf sie zu und begannen, die Gruppe mit verschiedenen Geräten aus kurzer Distanz zu untersuchen. Chantal lächelte wieder glücklich und zog Tobias zu einer der Ärztinnen.

„Beatrice, bitte gib unserem Helden hier seine Spritze. Ich glaube, so viel Unverständnis muss endlich behoben werden. Der Arme sieht diesmal wirklich erschöpft aus. Wir sollten ihm nach diesem Einsatz eine längere Pause gönnen.“

Beatrice grinste ebenfalls und drückte ihm eine Injektionspistole an den linken Oberarm. „Ja, es ist schade, das der Rat immer noch darauf besteht, dass ein Sucher ohne vollständiges Erinnerungsvermögen durch ein Dimensionsfenster geht. Aber es ist zu seiner eigenen Sicherheit.“

„Ich weiß, aber trotzdem denke ich, dass diese alte Vorsichtsmassnahme unnötig ist. Tobias ist der effektivste Sucher und noch niemals wurde er geschnappt.“, antwortete Chantal.
Tobias La Salle fühlte längst die Wirkung der Injektion.

„Ich wäre aber tatsächlich beinahe den Behörden in die Hände gefallen. Dieses Mal.“ Er grinste dabei und freute sich, wie schnell das Mittel die Blockade aufhob.

Ich bin Tobias La Salle, der erfolgreichste Sucher im Mutanten-Suchkorps der Erde. Ich habe heute zwei Kinder vor dem sicheren Tod gerettet. Zwei junge, gesunde Empathen! Eine Bereicherung für das Korps und die Erde von unschätzbarem Wert! Sie werden uns helfen, den Feind schneller zu finden, ihn zu stellen und zu töten. Diesen Feind, der unsere Kinder stiehlt und in eine fremde Dimension entführt. Den gleichen Feind, der ihnen die Organe raubt und ihre leeren Körper mit bösartiger Verachtung in unsere Dimension zurückwirft, als wäre sie dessen  Müllhalde. Wir nehmen den Kampf endlich auf! Endlich  werden wir ihre Herzen zerreißen!

- Ende -

Copyright © 1999 by Werner Karl

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “20110114102519-b526e240-Mutanten100-minus170-minus20jpg1.jpg(Original: 20110114102519-b526e240) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Bildrechte: Coverillustration “Mutanten” (Mutanten6.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

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Leseprobe: Peter S. Beagle: Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

Erstellt von Detlef Hedderich am 23. März 2009

Leseprobe: Peter S. Beagle: Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

Auflage: 1. Aufl. 2009
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag
Seiten: 304
ISBN:
978-3-608-93872-2

Der Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und – dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen. Für »Zwei Herzen« wurde Peter S. Beagle mit den beiden wichtigsten Fantasypreisen Nebula- und Hugo-Award ausgezeichnet.

Die vielen alten und neuen Liebhaber des letzten Einhorns können hier den Klassiker zusammen mit einer erstmalig auf Deutsch erscheinenden Fortsetzung lesen. »Das letzte Einhorn« kehrt zu den Menschen zurück …

Längst gehört »Das letzte Einhorn« zum Kanon der Weltliteratur für Jung und Alt und es hat nichts von seiner Faszination verloren. In dieser erweiterten Ausgabe des Klassikers führt Peter S. Beagle die spannende Geschichte um die verschwundenen Einhörner weiter. Das Dorf, in dem die kleine Sooz lebt, wird von einem gefährlichen und bösen Greif bedroht. Immer wieder entführt er kleine Kinder in den Wald und lässt sie nicht mehr frei. Sooz beschließt, sich heimlich aufzumachen und den alten König Lír um Hilfe für ihr Dorf zu bitten. Aber vermögen Normalsterbliche wirklich etwas gegen ein gefährliches Fabeltier auszurichten? Ein Greif nämlich hat zwei Herzen, das eines Adlers und das eines Löwen. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit dem Zauberer Schmendrick, Molly Grew und – dem berühmtesten Huftier der Fantasyliteratur freuen.

Leseprobe:

Schmendrick kam kurz vor Tagesanbruch zurück, lautlos wie Wasser zwischen den Käfigen hindurchgleitend. Nur die Harpyie gab Laut, als er vorüberkam. “Ich konnte mich nicht früher freimachen”, sagte er zum Einhorn, “sie hat Rukh befohlen, auf mich aufzupassen, und der schläft so gut wie nie. Aber ich habe ihm ein Rätsel aufgegeben, und er braucht immer die ganze Nacht, um eins zu lösen. Das nächste Mal erzähl’ ich ihm einen Witz, das wird ihn eine ganze Woche beschäftigen.”

Das Einhorn ließ den Kopf hängen. “Ich bin verzaubert”, sagte es leise. “Warum hast du es mir nicht gesagt?”

“Ich dachte, du wüßtest es”, sagte der Zauberer sanft. “Hast du dich denn gar nicht gewundert, daß die Zuschauer dich erkannten?” Er lächelte, was ihn ein wenig älter machte. “Nein, natürlich nicht. Darüber würdest du dich nie wundern!”

“Ich bin noch nie verzaubert gewesen”, erwiderte das Einhorn. Es zitterte und bebte. “Nie gab es eine Welt, in der man mich nicht kannte.”

“Ich weiß genau, wie dir zu Mute ist”, pflichtet ihm Schmendrick augenblicklich bei. Das Einhorn sah ihn aus dunklen, unergründlichen Augen an, worauf er nervös lächelte und seine Hände betrachtete. “Selten der Mann, den man für das hält, was er wirklich ist. Die Welt steckt voller Fehlurteile. Ich allerdings habe auf den ersten Blick erkannt, daß du ein Einhorn bist, und ich bin mir gewiß, dein Freund zu sein. Und dennoch hältst du mich für einen Clown, einen Hanswurst, einen Verräter, und wenn du mich so siehst, muß ich auch einer sein. Der Bann, der auf dir liegt, ist nur ein Truggespinst und wird sich in Nichts auflösen, sobald du wieder frei bist, die Larve aber, die du mir aus Vorurteil aufgesetzt hast, die muß ich in deinen Augen für alle Zeiten tragen. Wir sind nicht immer, was wir scheinen, und selten nur, was wir erträumen. Aber irgendwo habe ich gehört und gelesen, daß vor langer, langer Zeit Einhörner wohl zu unterscheiden wußten zwischen lachendem Mund und Herzeleid, Hirngespinst und Wirklichkeit.” Der Himmel färbte sich hell, und Schmendricks leise Stimme übertönte für kurze Zeit das Gekreische der Käfiggitter und das leise Rauschen der Harpyienschwingen.

“Ich glaube, daß du mein Freund bist”, sagte das Einhorn. “Wirst du mir helfen?”

“Wenn nicht dir, dann niemandem”, antwortete er. “Du bist meine letzte Hoffnung.”

Nacheinander erwachten winselnd, zitternd und niesend die armseligen Tiere der Mitternachtsmenagerie. Das eine hatte von Steinen und Käfern geträumt und von zarten Blättern; ein anderes war im Traum in sonnenheißem, hohem Gras umhergestreift; ein drittes hatte sich in Blut und Schlamm gewälzt. Und eines hatte davon geträumt, wie eine gute Hand es liebevoll hinter den Ohren kraulte. Die Harpyie schlief nie; sie saß jetzt da und starrte in die Sonne, ohne zu blinzeln. Schmendrick flüsterte: “Wenn sie sich zuerst befreit, sind wir verloren!”

In der Nähe hörten sie Rukh rufen – seine Stimme klang immer, als sei sie in der Nähe -: “Schmendrick! He, Schmendrick! Ich hab’s! Es ist eine Kaffeekanne! Stimmt’s?” Der Zauberer empfahl sich und flüsterte zum Abschied: “Heute Nacht! Trau mir, bis es dunkel wird.” Und mit flatternden Rockschößen stob er davon, und wieder schien es so, als ließe er einen Teil von sich zurück.

Gleich darauf galoppierte Rukh am Käfig vorbei, eine geballte Ladung Ehrgeiz und Begeisterung. In ihrem Wagen verborgen, summte Mammy Fortuna Elis Lied:

Heut ist gestern, kalt ist heiß,
alles Hohe zieht’s hernieder.
Rätsels Lösung niemand weiß -
was vergangen, kehrt nicht wieder.

Die ersten Zuschauer schlenderten herbei; Rukh lockte sie, indem er wie ein eiserner Papagei “Kreaturen der Nacht!” schrie, und Schmendrick stand auf einer Kiste und zauberte. Das Einhorn sah ihm sehr aufmerksam zu, zweifelte in zunehmendem Maße – nicht an seiner Aufrichtigkeit, sondern an seiner Geschicklichkeit. Aus einem Schweinsohr machte er ein ganzes Schwein, aus einem Glas Wasser eine Handvoll Wasser, aus einer Pikfünf eine Piksieben, und ein Karnickel verwandelte er in einen Goldfisch, der augenblicklich ertrank. Nach jedem mißglückten Trick warf er einen raschen Blick zum Einhorn herüber, und seine Augen sagten: “Oh, aber wenigstens du weißt, was ich wirklich wollte.” Einmal verwandelte er eine verwelkte Rose in ein Samenkorn. Das gefiel dem Einhorn, selbst als es sich als Rettichsamen entpuppte.

Aus »Zwei Herzen«

Mein Bruder Wilfrid findet es einfach ungerecht, dass das alles mir passiert ist. Wo ich doch ein Mädchen bin und noch ein Wickelkind und zu dumm, allein meine Sandalen zu schnüren. Aber ich finde es gerecht. Ich finde, es war alles genau richtig so. Bis auf das Traurige, und vielleicht sogar das.

Ich bin Sooz, und ich bin neun. Zehn im nächsten Monat, wenn sich wieder der Tag jährt, an dem der Greif kam. Wilfrid sagt, das war wegen mir, weil der Greif gehört hatte, dass gerade das hässlichste Kind der Welt geboren worden war, und mich fressen wollte, aber ich war zu hässlich, selbst für einen Greif. Also baute der Greif sich ein Nest im Midwood (so nennen wir den Wald, obwohl er eigentlich Midnight Wood heißt, weil es unter den Bäumen so finster ist) und blieb hier, um unsere Schafe und Ziegen zu fressen. Wie es Greife eben tun, wenn es ihnen irgendwo gefällt.

Aber Kinder fraß er nie, bis dieses Jahr.

Ich habe ihn nur einmal gesehen – ich meine, nur einmal vorher –, als er eines Abends über den Bäumen emporstieg wie ein zweiter Mond. Nur dass da kein Mond war an dem Abend. Da war gar nichts auf der ganzen weiten Welt, nur der Greif: die goldenen Federn am Löwenleib und an den Adlerschwingen lodernd, die mächtigen Vorderkrallen wie Zähne und der Monsterschnabel so riesig im Verhältnis zu seinem Kopf … Wilfrid sagt, ich hätte drei Tage lang geschrien, aber das ist gelogen, und ich habe mich auch nicht im Erdkeller versteckt, wie er behauptet, ich habe die beiden Nächte in der Scheune geschlafen, bei unserem Hund Malka. Weil ich wusste, Malka lässt nicht zu, dass mich irgendwas holt.

Sicher, meine Eltern hätten es auch nicht zugelassen, nicht, wenn sie’s hätten verhindern können. Aber Malka ist einfach der größte und beherzteste Hund im ganzen Dorf und fürchtet sich vor gar nichts. Und nachdem der Greif Jehane geholt hatte, die kleine Tochter vom Schmied, konnte man gar nicht nicht merken, wie erschrocken mein Vater war, weil er die ganze Zeit herumrannte, zu den anderen Männern, um eine Art Wache zu organisieren, damit die Leute immer Bescheid wussten, wenn der Greif kam. Ich weiß, er hatte Angst um mich und meine Mutter und tat alles, um uns zu beschützen, nur dass ich mich davon nicht sicherer fühlte, aber bei Malka wohl.

Aber es wusste ja sowieso keiner, was tun. Mein Vater nicht und auch sonst niemand. Es war ja schon schlimm genug, wenn der Greif Schafe holte, weil hier fast jeder davon lebt, dass er Wolle oder Käse oder Schaffelle verkauft. Aber dass er dann im letzten Vorfrühling Jehane holte, das änderte alles. Wir schickten Boten zum König – drei verschiedene – und jedesmal schickte der König jemanden mit ihnen zurück. Das erste Mal war es nur ein Ritter, einer allein. Er hieß Douros und schenkte mir einen Apfel. Er ritt singend los, in den Midwood, um Ausschau nach dem Greif zu halten, und wir haben ihn nie wiedergesehen.

Das zweite Mal – als der Greif Louli geholt hatte, den kleinen Gehilfen vom Müller – schickte der König gleich fünf Ritter. Einer von ihnen kam zwar wieder, aber er starb, bevor er irgendjemandem erzählen konnte, was passiert war.

Das dritte Mal kam eine ganze Schwadron. Das sagte jedenfalls mein Vater. Ich weiß nicht, wie viele Soldaten eine Schwadron hat, aber es waren viele, und sie waren zwei Tage im ganzen Dorf, bauten überall ihre Zelte auf, stellten ihre Pferde in jeden Stall und prahlten in der Schänke, wie sie diesen Greif für uns arme Bauern im Handumdrehen erledigen würden. Sie hatten Pfeifer und Trommler dabei, als sie in den Midwood marschierten – das weiß ich noch, und ich weiß auch noch, wie die Musik abbrach und was für Geräusche wir dann hörten.

Danach schickte das Dorf niemanden mehr zum König. Wir wollten nicht, dass noch mehr von seinen Männern starben, und außerdem waren sie uns sowieso keine Hilfe. Also wurden von da an alle Kinder schnell in die Häuser geholt, wenn die Sonne unterging und der Greif von seinem Tagesschlaf erwachte, um wieder zu jagen. Wir durften nicht mehr zusammen spielen, keine Botengänge für unsere Eltern machen, keine Herden hüten, ja nicht mal in der Nähe von offenen Fenstern schlafen, aus lauter Angst vor dem Greif. Mir blieb nichts anderes zu tun, als Bücher zu lesen, die ich schon auswendig konnte, und mich bei meinen Eltern zu beklagen, die von dem ganzen Aufpassen auf Wilfrid und mich zu müde waren, um sich mit uns zu beschäftigen. Sie passten ja auch noch auf die anderen Kinder auf, immer abwechselnd mit anderen Familien, und auf unsere Schafe und auf unsere Ziegen, deshalb waren sie immer müde, noch zu der Angst, und die meiste Zeit grollte jeder jedem. So ging es allen.

Und dann holte der Greif Felicitas.

Felicitas konnte nicht reden, aber sie war meine beste Freundin, schon seit wir klein waren. Ich verstand immer, was sie sagen wollte, und sie verstand mich besser als irgendjemand sonst, und wir spielten auf eine besondere Art, wie ich nie wieder mit jemandem spielen werde. Ihre Familie hielt sie für einen unnützen Esser, weil kein Bursche ein stummes Mädchen heiraten würde, also ließen sie sie meistens bei uns essen. Wilfrid machte sich immer über das leise Krächzen lustig, das der einzige Laut war, den sie hervorbrachte, aber ich warf einen Stein nach ihm, und da ließ er’s dann bleiben.

Ich habe es nicht gesehen, aber im Kopf sehe ich es immer noch. Sie wusste , dass sie nicht raus durfte, aber sie freute sich immer so drauf, abends zu uns zu kommen. Und bei ihr zu Hause wäre ja keinem aufgefallen, dass sie nicht da war. Die bemerkten Felicitas sowieso nie.

Am selben Tag, an dem ich erfuhr, dass Felicitas geholt worden war, machte ich mich zum König auf.

Na ja, eigentlich war es in derselben Nacht , weil ich bei Tag nie von unserem Haus oder vom Dorf weggekommen wäre. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn nicht mein Onkel Ambrose eine Fuhre Schaffelle zum Markt in Hagsgate hätte bringen wollen – und um dort zu sein, wenn der Markt anfängt, muss man schon lange vor Sonnenaufgang los. Onkel Ambrose ist mein Lieblingsonkel, aber ich wusste, ich konnte ihn nicht bitten, mich zum König zu bringen, er wäre schnurstracks zu meiner Mutter gegangen und hätte ihr gesagt, sie solle mir Schwefel und Melasse geben und mich mit einem Senfpflaster ins Bett stecken. Er gibt sogar seinem Pferd Schwefel und Melasse.

Also ging ich an dem Abend früh ins Bett und wartete, bis alle schliefen. Ich wollte einen Brief auf meinem Kopfkissen hinterlassen, aber ich schrieb immer wieder etwas hin und zerriss es dann und warf es ins Feuer, und ich hatte Angst, dass jemand aufwachte oder dass Onkel Ambrose ohne mich losfuhr. Schließlich schrieb ich einfach nur: Bin bald wieder da . Ich nahm keine Kleider mit und auch sonst nichts außer einem Stückchen Käse, weil ich dachte, der König müsse ja wohl irgendwo in der Nähe von Hagsgate wohnen, der einzig größeren Stadt, die ich je gesehen habe. Meine Eltern schnarchten in ihrem Zimmer, aber Wilfrid war schon an der Feuerstelle eingeschlafen, und wenn er das tut, lassen sie ihn immer dort liegen. Wenn man ihn weckt, damit er ins sein Bett geht, schlägt er um sich und heult. Warum, weiß ich nicht.

Ich stand eine Ewigkeit da und guckte auf ihn runter. Im Schlaf sieht Wilfrid nicht halb so gemein aus. Meine Mutter hatte die Glut mit Asche bedeckt, damit am Morgen noch Feuer zum Brotbacken da war, und die Moleskin-Hosen von meinem Vater hingen zum Trocknen da, weil er am Nachmittag in den Viehteich hatte waten müssen, um ein Lamm zu retten. Ich verschob sie ein kleines bisschen, damit sie nicht angesengt wurden. Ich zog die Uhr auf – eigentlich ist es Wilfrids Aufgabe, das abends zu machen, aber er vergisst es immer – und musste dran denken, wie sie sie am Morgen alle ticken hören würden, wenn sie nach mir suchten und vor lauter Angst das Frühstücken vergaßen, und ich machte schon kehrt, um wieder in mein Zimmer zu gehen.

Aber dann drehte ich wieder um und kletterte aus dem Küchenfenster, weil unsere Haustür so quietscht. Ich hatte Angst, dass Malka in der Scheune aufwachen und sofort wissen würde, was los war, denn Malka kann ich nie was vormachen, aber sie wachte nicht auf, und ich hielt fast den ganzen Weg die Luft an, als ich zu Onkel Ambroses Haus rannte und schnell auf seinen Wagen mit den Schaffellen kletterte. Es war eine kalte Nacht, aber unter dem Haufen Schaffelle war es heiß und stinkig, und ich konnte nichts tun als dazuliegen und auf Onkel Ambrose zu warten. Also dachte ich vor allem an Felicitas, damit ich nicht so ein scheußlich schlechtes Gewissen hatte, weil ich einfach von zu Hause und von allen wegging. An Felicitas zu denken war schlimm genug – ich hatte noch nie jemanden, den ich gern hatte, verloren, nicht für immer –, aber es war wenigstens anders.

Wann Onkel Ambrose schließlich kam, weiß ich nicht, weil ich auf dem Wagen einschlief und erst wieder aufwachte, als da so ein Rucken und Knarren war und dieses schlabbrige Schnauben, das ein Pferd von sich gibt, wenn es geweckt wird und ihm das gar nicht passt – und schon waren wir auf dem Weg nach Hagsgate. Der Halbmond sank schon früh wieder, aber ich konnte das Dorf vorbeiholpern sehen, nicht silbrig in dem Licht, sondern unscheinbar und stumpf, keine Farbe, nirgends. Und trotzdem kamen mir fast die Tränen, weil es schon so weit weg schien, obwohl wir noch nicht mal am Viehteich vorbei waren und ich das Gefühl hatte, ich würde es nie wiedersehen. Ich wäre auf der Stelle aus dem Wagen geklettert, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das nicht ging.

Weil der Greif immer noch wach und auf der Jagd war. Sehen konnte ich ihn natürlich nicht, unter den ganzen Schaffellen (außerdem hatte ich die Augen sowieso zu), aber seine Flügel machten ein Geräusch, als ob ganz viele Messer auf einmal geschärft würden, und manchmal stieß er einen Schrei aus, der schrecklich war, weil er so sanft und gedämpft klang und fast schon ein bisschen traurig und ängstlich , als ob der Greif den Laut nachmachte, den Felicitas von sich gegeben hatte, als er sie holte. Ich verkroch mich, so tief ich konnte, und versuchte wieder einzuschlafen, schaffte es aber nicht.

Was auch gut war, weil ich nicht bis nach Hagsgate rein mitfahren wollte, wo mich Onkel Ambrose finden musste, wenn er auf dem Marktplatz seine Felle ablud. Also streckte ich, als ich den Greif nicht mehr hörte (sie jagen nie weit von ihrem Nest, wenn es nicht sein muss) den Kopf über die hintere Klappe des Wagens und sah zu, wie die Sterne einer nach dem anderen erloschen, als der Himmel immer heller wurde. Der Morgenwind setzte ein, als der Mond unterging.

Als der Wagen nicht mehr so holperte und wackelte, wusste ich, dass wir auf die Straße des Königs eingebogen sein mussten, und als ich Kühe kauen und leise miteinander reden hörte, ließ ich mich vom Wagen fallen. Ich stand erst mal nur da, wischte mir Staubflusen und Wollbüschel von den Kleidern und schaute Onkel Ambroses Wagen hinterher, der immer weiter davonrollte. Ich war noch nie allein so weit von zu Hause weggewesen. Und noch nie so einsam. Vom Wind strich mir dürres Gras um die Knöchel, und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen musste.

Ich wusste nicht mal, wie der König hieß – ich hatte nie gehört, dass ihn jemand anders nannte als »der König«. Ich wusste, er wohnte nicht in Hagsgate selbst, sondern auf einem großen Schloss irgendwo in der Nähe, aber in der Nähe kann viel heißen, je nachdem, ob man mit einem Wagen fährt oder zu Fuß geht. Und ich musste immer wieder dran denken, dass meine Familie jetzt aufwachte und mich suchte, und von den Geräuschen, die die Kühe beim Weiden machten, kriegte ich Hunger, und meinen Käse hatte ich schon auf dem Wagen aufgegessen. Ich hätte so gern einen Penny dabeigehabt – nicht um was zu kaufen, nur um ihn in die Luft zu werfen und drüber entscheiden zu lassen, ob ich nach rechts oder nach links gehen sollte. Ich versuchte es mit flachen Steinchen, fand sie aber nicht wieder, wenn sie runtergefallen waren. Schließlich ging ich nach links, ohne bestimmten Grund, nur weil ich an der linken Hand einen kleinen silbernen Ring trage, den mir meine Mutter geschenkt hat. In diese Richtung führte auch eine Art Fußpfad, und ich dachte, vielleicht könnte ich ja um Hagsgate herumlaufen und mir dann überlegen, was weiter tun. Ich bin gut zu Fuß. Ich kann überall hinlaufen, wenn man mir genug Zeit lässt.

Nur dass es auf einer richtigen Straße leichter ist. Der Pfad hörte nach einer Weile auf und ich musste mich zwischen dichten Bäumen durchzwängen und dann durch so viel Brombeergesträuch, dass mir lauter stachlige Zweigstückchen im Haar hingen und meine Arme brannten und bluteten. Ich war müde und verschwitzt und kurz davor – aber nur davor – zu heulen, und sobald ich mich hinsetzte, um mich auszuruhen, krabbelten Käfer und anderes Getier auf mir herum. Dann hörte ich irgendwo in der Nähe Wasser plätschern, und davon kriegte ich sofort Durst, also ging ich dem Geräusch nach. Wobei ich allerdings die meiste Zeit kriechen musste und mir Knie und Ellbogen ganz fürchterlich aufschrammte.

Es war nicht gerade ein großartiger Bach – an manchen Stellen ging mir das Wasser kaum über die Knöchel –, aber ich war so froh, als ich ihn gefunden hatte, dass ich ihn regelrecht küsste und umarmte, mich auf die Knie fallen ließ und das Gesicht im Wasser vergrub wie in Malkas stinkigem alten Fell. Und ich trank, bis nichts mehr in mich reinging, und setzte mich dann auf einen Stein, ließ die winzigen Fische meine wunderbar kühlen Füße kitzeln, fühlte die Sonne auf den Schultern und dachte weder an Greife noch an Könige noch an sonst irgendwas.

Ich sah erst auf, als ich ein Stück bachaufwärts die Pferde wiehern hörte. Sie spielten nach Pferdeart mit dem Wasser, machten Blubberblasen wie kleine Kinder. Ganz gewöhnliche Reitgäule, einer mehr braun, der andere eher grau. Der Reiter des Grauen war abgesessen und guckte sich den linken Vorderfuß des Pferds an. Ich konnte nicht viel sehen – beide Reiter trugen schlichte, dunkelgrüne Mäntel, und ihre Hosen waren so abgewetzt, dass man die Farbe nicht mehr erkennen konnte – deshalb merkte ich nicht, dass einer von ihnen eine Frau war, bis ich dann die Stimme hörte. Eine hübsche Stimme, tief wie die von Silky Joan, über die ich meiner Mutter nicht mal Fragen stellen darf, aber auch irgendwie rau, als könnte die Frau wie ein Falke schreien, wenn sie wollte. Sie sagte: »Da ist kein Stein zu sehen. Vielleicht ein Dorn?«

Der andere Reiter, der auf dem braunen Pferd, antwortete: »Oder eine Druckstelle. Lass mich mal schauen.«

Diese Stimme klang heller und jünger als die der Frau, aber dass der Reiter ein Mann war, wusste ich, weil er so groß war. Er stieg von dem Braunen, und die Frau trat zur Seite, damit er den Fuß ihres Pferdes anheben konnte. Bevor er das tat, legte er dem Pferd die Hände an den Kopf, eine auf jeder Seite, und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Und das Pferd sagte etwas zu ihm . Kein Wiehern oder Schnauben oder sonst ein Geräusch, das Pferde machen, nein, es war, wie wenn jemand mit jemand anderem redet. Besser kann ich es nicht ausdrücken. Dann bückte sich der große Mann, hob den Fuß des Pferdes hoch und guckte ihn sich eine ganze Weile an, und das Pferd bewegte sich nicht, schlug nicht mit dem Schweif und nichts.

»Ein Steinsplitter«, sagte der Mann schließlich. »Nur ein ganz kleiner, aber er ist tief in den Huf eingedrungen, und jetzt schwärt es. Ich verstehe nicht, warum ich es nicht gleich gemerkt habe.«

»Nun ja«, sagte die Frau. Sie berührte ihn an der Schulter. »Man kann nicht alles merken.«

Der große Mann schien ärgerlich auf sich selbst, so wie mein Vater, wenn er das Weidegatter nicht richtig zugemacht hat und der schwarze Widder von unserem Nachbarn reinkommt und mit unserem armen alten Brimstone einen Kampf anfängt. Er sagte: »Ich schon. Ich habe es zu können.« Dann drehte er dem Pferd den Rücken zu, beugte sich über den Vorderhuf, wie es unser Schmied tut, und machte sich daran zu schaffen.

Was er machte, konnte ich nicht genau sehen. Er hatte keine Hufmesser oder Hufkratzer wie der Schmied, und ich kann nur sagen, ich glaube , er sang dem Pferd etwas vor. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es richtig gesungen war. Es klang eher wie der erfundene Singsang, den ganz kleine Kinder von sich geben, wenn sie allein im Dreck spielen. Keine Melodie, nur rauf und runter, di-da, di-da-di … langweilig selbst für ein Pferd, hätte man meinen sollen. Das machte er ziemlich lange, den Huf immer noch in den Händen. Plötzlich hörte er auf zu singen, richtete sich auf, hielt etwas hoch, das in der Sonne glitzerte wie der Bach, und zeigte es als erstes dem Pferd. »Da«, sagte er, »das war es. Jetzt ist es wieder gut.«

Er warf das kleine Ding weg, hob den Huf wieder an, sang aber diesmal nicht, sondern berührte ihn nur leicht mit einem Finger, strich immer wieder drüber. Dann setzte er den Huf wieder ab, und das Pferd stampfte einmal fest auf und wieherte, und der große Mann wandte sich der Frau zu und sagte: »Trotzdem sollten wir hier unser Nachtlager aufschlagen. Sie sind beide müde, und mir tut der Rücken weh.«

Die Frau lachte. Ein tiefes, tönendes, langsames Lachen. So ein Lachen hatte ich noch nie gehört. Sie sagte: »Der größte Zauberer der Welt, und dir tut der Rücken weh? Heile ihn, so wie du meinen geheilt hast, damals, als der Baum auf mich fiel. Ich glaube, dazu hast du ganze fünf Minuten gebraucht.«

»Länger«, antwortete der Mann. »Du warst nicht bei Sinnen, hast es gar nicht mitbekommen.« Er berührte ihr Haar, das zwar fast ganz grau, aber dick und hübsch war. »Du weißt doch, wie ich dazu stehe«, sagte er. »Ich bin immer noch zu gern sterblich, um Zauberkräfte auf mich selbst anzuwenden. Das verdirbt es irgendwie – verwässert das Gefühl. Das habe ich dir doch schon erklärt.«

Die Frau sagte »Mmpff«, so wie ich es von meiner Mutter tausendmal gehört habe. »Also, ich bin schon mein Leben lang sterblich, und es gibt Tage, da …«

Sie sprach nicht zu Ende, und der große Mann lächelte auf eine Art, die sagte, dass er sie necken wollte. »Da was?«

»Nichts«, sagte die Frau, »nichts, nichts.« Sie klang einen Augenblick lang gereizt, berührte dann aber den Mann an den Armen und sagte mit einer anderen Stimme: »An manchen Tagen – manchmal früh morgens – wenn der Wind nach Blüten riecht, die ich nie sehen werde, und in den nebligen Obstgärten Kitze tollen und du gähnst und brummelst und dich am Kopf kratzt und knurrst, dass wir noch vor dem Abend Regen kriegen werden und wahrscheinlich auch Hagel … an solchen Tagen wünsche ich mir von ganzem Herzen, wir könnten beide ewig leben, und ich finde, du warst ein Riesennarr, das aufzugeben.« Sie lachte wieder, aber jetzt klang es ein bisschen zittrig. Sie sagte: »Dann wieder erinnere ich mich an Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern würde, und mein Magen muckt und alles Mögliche zwickt und zwackt mich – egal, was es ist und wo es weh tut, ob in meinem Körper, meinem Kopf oder meinem Herzen. Und dann denke ich, nein, wohl doch nicht, vielleicht nicht .« Der große Mann nahm sie in die Arme, und einen Moment lang legte sie den Kopf an seine Brust. Was sie noch sagte, konnte ich nicht hören.

Meiner Meinung nach hatte ich kein Geräusch gemacht, aber der Mann hob die Stimme ein wenig und sagte, ohne in meine Richtung zu schauen oder auch nur den Kopf zu heben: »Kind, hier gibt es etwas zu essen.« Zuerst war ich vor Schreck wie gelähmt. Durchs Gebüsch und die ganzen Erlen konnte er mich nicht gesehen haben. Und dann fiel mir wieder ein, wie hungrig ich war, und ohne dass ich wusste, was ich tat, ging ich auf sie zu. Ich guckte auf meine Füße und sah, wie sie sich bewegten, wie die Füße von jemand anderem, als ob sie diejenigen wären, die Hunger hatten, nur dass sie mich brauchten, um zu dem Essen zu gelangen. Der Mann und die Frau standen ganz still da und erwarteten mich.

Von nahem sah die Frau jünger aus, als ihre Stimme geklungen hatte, und der große Mann älter. Nein, das stimmt so nicht, das meine ich nicht. Sie war überhaupt nicht jung, aber das graue Haar machte ihr Gesicht jünger, und sie hielt sich kerzengerade, so wie die Lady, die kommt, wenn Leute bei uns im Dorf Kinder kriegen. Die hält auch ihr Gesicht ganz steif und starr, und ich mag sie nicht besonders. Das Gesicht dieser Frau hier war wohl nicht schön, aber es war ein Gesicht, an das man sich in einer kalten Nacht ankuscheln möchte. Besser kann ich es nicht sagen.

Der Mann … im einen Moment sah er jünger aus als mein Vater und im nächsten älter als alle Menschen, die ich je gesehen habe, vielleicht sogar älter als Menschen eigentlich werden. Er hatte kein graues Haar, nur jede Menge Falten, aber das meine ich auch nicht. Es waren die Augen. Seine Augen waren grün, grün, grün , nicht wie Smaragde – ich habe mal einen Smaragd gesehen, eine Zigeunerin hat ihn mir gezeigt – und erst recht nicht wie Äpfel oder Limonen oder sowas. Vielleicht wie das Meer, aber das habe ich noch nie gesehen, deshalb weiß ich’s nicht. Wenn man tief genug in den Wald reingeht (nicht in den Midwood natürlich, aber in jeden anderen Wald), kommt man früher oder später wohin, wo selbst die Schatten grün sind, und so waren seine Augen. Zuerst machten sie mir Angst.

Die Frau gab mir einen Pfirsich und sah zu, wie ich reinbiss, zu hungrig, um danke zu sagen. Sie fragte mich: »Was machst du hier, Mädchen? Hast du dich verirrt?«

»Nein, hab ich nicht«, murmelte ich mit vollem Mund. »Ich weiß nur nicht, wo ich bin, das ist was anderes.« Sie lachten beide, aber es war kein gemeines Lachen, kein Auslachen. Ich erklärte ihnen: »Ich heiße Sooz, und ich muss zum König. Er wohnt doch hier irgendwo in der Nähe, oder?«

Sie guckten sich an. Ich konnte ihnen nicht ansehen, was sie dachten, aber der große Mann hob die Augenbrauen, und die Frau schüttelte leicht den Kopf. Sie sahen sich eine ganze Weile an, bis die Frau dann sagte: »Nun ja, in der Nähe nicht gerade, aber auch nicht so weit weg. Wir sind selbst auf dem Weg zu ihm.« [...]

(Ende der Leseprobe)

Copyright (C) 2009 by Klett-Cotta-Verlag. Abdruck der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle Klett-Cotta-Verlag

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Das letzte Einhorn und Zwei Herzen

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DIE-HAUEN-LAUFEN-UND-BETEN – Fantasy-Story von Günther Kurt Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 21. März 2009

DIE-HAUEN-LAUFEN-UND-BETEN

Eine Fantasy-Kurzgeschichte von

Günther Kurt Lietz

Tief in den Wäldern von Gorrom lebte einst eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die ein Dorf namens Rosendorn erbauten. Die Dörfler verteidigten sich gegen Orks und Elfen, ihr Dorf wuchs und sie kamen zu Wohlstand. Doch eines Tages drangen räuberische Orks in Rosendorn ein.

Die Orks kamen lautlos durch die Nacht und mordeten die Menschen im Schlaf. Nur wenige hatten die Gelegenheit noch zum Schwert zu greifen, doch diese wenigen Tapferen unterlagen der schieren Übermacht. Sie erkämpften nur Zeit zur Flucht für ihre Frauen.

Die Orks verschonten niemanden. Und noch während das Dorf in lodernden Flammen stand machten sie Jagd in den Wäldern von Gorrom. Nur eine kleine Gruppe von drei Kindern überlebte das Massaker. Sie verbargen sich tief im Unterholz und warteten bis zum Morgengrauen. Erst dann verließen sie eilends ihr Versteck und rannten, soweit sie ihr Füße trugen.

Der Einsiedler Teser fand die Kleinen. Sie waren erschöpft unter einer mächtigen Tanne eingeschlafen. Gott Baldor verbarg sie unter seinem schützenden Mantel und Novala selbst schien Teser zu ihnen zu führen. Groß war der erste Schrecken der Kinder, doch fassten sie rasch Vertrauen zu dem alten Mann. Die beiden Knaben nannte er Baldorak und Sundonal, das Mädchen Novalis.

Teser nahm die Kleinen bei sich auf und sorgte für sie wie ein Vater. Er erzog die drei im Geiste der Götter, denn er war ein weiser Mann. Die Jahre vergingen und aus Kindern wurden junge Menschen mit dem Drang nach Abenteuern. Die Welt war groß und sie kannten nur den Herd ihres Oheims. Und so kam der Tag des Abschieds.

Teser rief seine Zöglinge zu sich. „Die Zeit der Trennung, sie ist da. Ihr habt eure Entscheidung getroffen. Mein Herz blutet, aber ich vertraue darauf das es der Wille der Götter ist.“ Er stockte kurz und fuhr dann fort: „Baldorak, du bist gottesfürchtig und weißt mit den Göttern Zwiesprache zu halten. Dir will ich eine kostbar bestickte Robe mitgeben, die ich selbst einst als Geschenk erhielt.“

Dann wandte er sein Blick zu Sundonal. „Du bist stark und geschickt, wild und ungestüm. In dir schlägt das mutige Herz eines Kämpfers. Dir will ich die Axt geben, mit der du jahrelang deine Arbeiten verrichtet hast. Möge sie dir dienen, bis du etwas besseres findest.“

„Novalis, meine Tochter.“ Eine einsame Träne rann über Tesers bärtige Wange. „Der Abschied von dir fällt mir am schwersten. Doch du bist flink und gewandt. Auch wenn du nicht immer das Eigentum andere achtest, so glaube ich doch das du deinen Weg machen wirst. Dir gebe ich diese Metallhaken mit. Sie mögen dir manch verschlossene Türe öffnen.“

Sie trennten sich und noch lange blickte Teser ihnen nach, auch als sie schon nicht mehr zu sehen waren. Der Abschied tat ihm weh, doch er wußte sie würden eines Tages wohlbehalten zu ihm zurückkehren. Das sich eine Horde Orks grinsend anschlich bemerkte er nicht.

xxx

Nach wenigen Tagen der Wanderung erreichte die Gemeinschaft ein kleines Dorf. Baldorak besah sich das Schild am Ortseingang und knirschte mit den Zähnen.

„Was steht dort angeschlagen?“ fragte Sundonal ungeduldig und starrte zum Himmel hinauf. „Preise für Felle oder eine ehrenvolle Mission?“

Baldorak streckte wissend die Brust raus. „Auf diesem Schilde steht geschrieben: Basil-ist-doof.“

„Häh?“

„Das ist der Name vom Dorf.“, erklärte Novalis und Baldorak nickte bestätigend.

„Unsere Schwester hat recht. Lasset uns Basil-ist-doof betreten und nach einem Tempel Ausschau halten.“

Sundonal spuckte Schleim auf den Boden. „Einverstanden.“ Er starrte erneut zum Himmel. „Es wird Regen geben.“

Sie suchten die Taverne „Zum kleinen Gnu“ auf und bestellten sich jeder beim Wirt Was-darfs-sein ein Bier. Zuerst glaubten sie vergiftet worden zu sein, aber nach einigen Stunden erklärte Baldorak singend es handle sich um den Trank der Götter.

Leicht angeheitert torkelten sie zur Sperrstunde aus der Taverne und fielen müde in einer Gasse nieder. Als sie am nächsten Morgen erwachten glaubten sie ihre Köpfe müßten zerplatzen. Sundonal band vorsichtshalber ein Tuch um seinen Schädel.

„Wir werden einen Krämer aufsuchen und uns Proviant holen.“ Novalis dachte wie immer sehr praktisch. „Und einen Vorrat an Bier. So sind wir göttergefällig. Sicher gibt es hier auch einen Schmied, der uns Waffen gibt.“

„Aber wir haben gar kein Geld.“, warf Sundonal ein.

„Ich habe nie von bezahlen gesprochen.“

„Aha.“

Nachdem sie aus dem Dorf verbannt und außer Landes gewiesen wurden, wanderten sie über die Felder. Sundonal starrte zum Himmel. „Es wir Regen geben.“

„Da steht einer.“, meinte Novalis nur.

Baldorak sah entsetzt an sich herunter. „Wo?“

„Vor uns.“

„Guuut…“

Ein schlanker, kleiner Mann lehnte Pfeifend rauchend an einem Baum und lächelte die Gemeinschaft an. Seine Augen blitzten lustig auf und seine spitzen Ohren zuckten leicht.

„Elf.“, erklärte Novalis sachkundig. Sie hatte schon viele Männer kennengelernt, trotz das sie bei Teser abgeschieden gelebt hatten.

„Ich sehe nur einen.“, brummte Sundonal und faßte seine Axt fester. „Aber ich glaube eh nicht an Zahlen. Sie verwirren mich.“

„Es ist ein Elf! Sie dir nur die Haltung seiner Beine an. Und dazu der knackige Po.“

Baldorak runzelte die Stirn. „Ich meinte immer Zeichen der Elfen seien zwei spitze Ohren, die sie ihr eigen nennen?“

Novalis errötete. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“

Sundonal starrte wieder zum Himmel. „Es wird Regen geben.“

Der Elf trat mit geschmeidigem Schritt vor. „Seid gegrüßt edle Freunde. Die Zeiten sind gefährlich und man muß sich gegenseitig helfen. Wie ich sehe reist ihr nach Westen. Ich muß ebenfalls in diese Richtung. Laßt uns zusammen reisen. Einigkeit macht stark. Nun, wie lautet eure wohldurchdachte und gut überlegte Antwort. Ich weiß, ihr könnt nicht jeden Reisenden…“

„Komm mit.“, meinte Novalis.

„…aufnehmen. Dafür habe ich Verständnis und ich verstehe eure Ablehnung. Ich werde mich nach einer anderen Reisegesellschaft umsehen. Es tut mir leid…ich kann mit euch gehen?“ Der Elf war erstaunt.

„Geht schon in Ordnung.“

Sundonal starrte zum Himmel. „Es wird Regen geben.“

Baldorak meinte das sie etwas versäumt hatten. „Werter Fremde, wie lautet euer wohlklingender Name?“

„Basil. Ich stamme dort hinten aus dem kleinen Dorf.“

„Und was bist du von Beruf?“

„Magier.“ Basil lächelte freundlich. „Und ein sehr guter noch dazu. Niemand ist schneller mit dem pulvermischen als ich.“

„Pulver?“

„Ja. Mit ihnen kann ich mächtige Sprüche intonieren.“

„Klingt gut.“

„Hoffe ich.“, murmelte Basil und sann über die Bedeutung des Wortes >intonieren< nach.

xxx

Die Gemeinschaft war weit gereist, bis sie auf eine Straße stießen, die nach Norden führte. Sie beschlossen der Straße zu folgen und gelangten so in eine Stadt. „Hunde-ver-ten“, las Baldorak auf dem verwitterten Holzschild.

„Zwergisch.“, erklärte Novalis. „Das merkt man am Klang.“

Mit großen Augen gingen sie staunend durch die Gassen von Hunde-ver-ten. Es gab vieles zu sehen. Tavernen, Krämer, Schmieden, Tavernen, Banken, Reisebüros, Tavernen und Tempel. Und dann stießen sie auf ein abgebranntes Gebäude. Baldorak durchwühlte die verkohlten Reste. „Nichts.“, stellte er fest.

Sundonal starrte nur zum Himmel. Novalis und Basil waren in einer dunklen Seitengasse verschwunden.

Nachdem Baldorak seine Untersuchung beendet hatte wartete er zusammen mit seinem Bruder auf die Rückkehr der beiden anderen. Es dauerte einige Zeit, dann kamen sie zurück. Basil trug ein entrücktes Grinsen zur Schau während Novalis nur enttäuscht wirkte.

„Man sehe sich nur diese wunderbaren Elfen an. Sie scheinen jederzeit glücklich zu sein. Sie sind zu bewundern.“, meinte Baldorak neidisch. „Während wir kurzlebigen Menschen wohl nimmer mehr lernen werden immer glücklich zu sein.“ Er wurde traurig.

„Wo ist die nächste Taverne?“ fragte Basil. „Ein Zigarettchen würde mir jetzt gefallen.“

Sie gingen „Zum tanzenden Bären“, einer billigen Zwergenkneipe. Sundonal begriff rasch die Bedeutung des Wortes >ducken<.

Sie orderten eine Runde Bier. Und noch eine. Und noch eine. Und viele. Im halbtrunkenen Zustand machte sich Novalis Gedanken ums bezahlen. Denn noch immer besaßen sie kein Gold. Sie teilte Baldorak diese Besorgnis erregende Feststellung mit. Der schickte nur ein Stoßgebet zu Novala und rutschte langsam unter den Tisch.

Während sich Baldorak auf allen Vieren Richtung Türe absetzte, trat ein fetter Mann in teurer Händlertracht an den Tisch der Gemeinschaft.

„Seid ihr erfahrene Abenteurer die nach gefährlichen Missionen suchen?“ fragte er und setzte sich auf Baldoraks Stuhl.

Sundonal starrte zur Zimmerdecke. „Holzwürmer.“, murmelte er.

Novalis nickte energisch mit dem Kopf. Sie bekam nicht viel von dem was der Händler sagte mit, aber sie begriff noch das er ihre Zeche zahlte und mit zufriedenem Grinsen wieder ging. Beim hinausgehen winkte er noch Baldorak zu, der kopfüber an einem Kleiderhaken hing und von einem Halbblut geschlagen wurde.

xxx

Der nächste Tag kam wie die unausweichlichen Kopfschmerzen. Baldorak saß über einem Gully, wackelte mit dem Kopf und schrie in unregelmäßigen Abständen: „Unsere Zeche wurde gerade bezahlt!“

Novalis zählte die Mitglieder der Gemeinschaft durch. „Es mag einige von euch vielleicht nicht kümmern“, sie blickte in die Runde, „oder halt auch keinen, aber wir brauchen für unseren Auftrag noch einige Leute. Schließlich muß ja einer die Arbeit tun.“

„Unsere Zeche wurde gerade bezahlt!“

„Es wir Regen geben.“

„Was meinst du, dahinten die Gasse?“

„Fein! Wie ich sehe sind alle damit einverstanden das wir nach Rekruten suchen.“

Es gelang ihnen, unter Zuhilfenahme von Hypnose (und einem guten Knüppel) Baldorak aus seiner geistigen Verwirrung zu holen. Nachdem sie ein Brett und ein Stück Holzkohle gefunden hatten schrieb er einen Anschlag.

Sundonal nagelte das Brett an eine Hauswand, dann legten sie sich hinter einem Busch auf die Lauer.

Es dauerte nicht lange und der erste Rekrut las das Schild, bog sich vor lachen und kroch von dannen. Erst am Abend näherte sich ein Haufen Fell der Hauswand, blieb staunend vor dem Brett stehen und kratzte sich den Kopf.

„Der ist genau richtig.“, meinte Novalis anerkennend. „Schnappt ihn!“

Nach einer Stunde hatten sie dem Halbblut Birne klar gemacht das ein Mann der Ehre wegen auf Abenteuer zieht. Und nicht des schnöden Mammons wegen. Bei dieser Argumentation war es gut das Birne den Begriff >Mammon< nicht kannte, ihn mit >Marmor< verwechselte und deswegen voll zustimmte. Es leuchtete ihm ein das sich wegen einem dicken Stein niemand in Gefahr begibt.

„Kann ich auch noch mitmachen?“ fragte eine rauhe männliche Stimme hinter ihnen. Sie alle drehten sich um und starrten zwei Büffelhörner an. Dann wanderten ihre Blicke tiefer und ruhten auf einem Zwergen.

Stattlich, gut gerüstet, einen dichten langen Bart, Piercing und Augen wie glühende Kohlen. „Mein Name ist Hack!“

„Aufgenommen!“ rief Novalis und dankte ihrer Schutzgöttin für dieses Glück. „Du bist aufgenommen, Hack.“

„Gut!“

„Was bist du von Beruf?“

„Krieger!“

„Aha… Ist in Ordnung.“ Novalis umfasste kameradschaftlich Hacks Helmhörner und zog sie zur Seite. „Kennst du das Wort Mammon?“

„Nein!“

„Gut.“

Die Umverteilung des Eigentums verlief wie gewohnt. Sie wurden aus der Stadt geworfen und aus dem Land  gewiesen. Ihrem Auftrag gemäß wanderten sie weiter nach Norden, zu dem Dörfchen Da-im-Norden. So hatte es der Händler genannt. Jedenfalls war das die Kernaussage des abendlichen Gesprächs gewesen – hoffte Novalis. Wer konnte in diesen unsicheren Zeiten schon sicher sein.

xxx

Als sie nach Wochen der Wanderung endlich auf eine Siedlung stießen, jubelten sie froh auf, dann nahmen sie die Beine in die Hand. Die Einwohner von Basil-ist-doof hatten sie wiedererkannt.

Es war eine Zeit des Hungers, des Durstes und der Müdigkeit. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz gelangten sie nach Da-im-Norden. Vorsichtshalber unterließen sie das Jubeln.

Gerade als sie das Dorf betreten wollten, kamen ihnen zwei Goblins entgegen. Sie hatten die Mülleimer im Dorf durchwühlt und nicht mit Ärger gerechnet, aber mindestens der Typ mit dem irren Blick versprach Ärger.

„Es wird Regen geben.“ Sundonal starrte zum Himmel und ließ die Axt ruhig in der Hand wippen.

Novalis wühlte in ihren Taschen nach Dietrichen und hielt sie den Goblins tapfer entgegen. „Da!“

Die Goblins verstanden ihre Sprache nicht und nahmen an es handle sich um einen Schlachtruf. Sie zogen ihre Knochenkeule. Immerhin waren es magere Zeiten und Goblins teilten alles miteinander. Selbst tödliche Seuchen. So wurde ihre Zahl immer gering gehalten und es gab keine Probleme wegen Überzüchtung.

Baldorak warf die Pantoffeln in die Höhe und lief. „Ich bin Pazifist!“ schrie er dabei wieder und wieder. „Ich bin Pazifist!“ Irgendwo in den Feldern rammte er einen einsamen Baum und fiel ohnmächtig nach hinten.

„Hack, hack zu!“ rief Basil und mischte schneller als der Wind seine Pulver zusammen. Leider hat Schnelligkeit nichts mit Können zu tun und ein Krater kündigte davon. Basil wurde nie mehr gesehen.

Hack sah die Angelegenheit gelassen, setzte sich auf den Boden und holte ein langes Pergament aus ihrer Rüstung. „Habe ich schon erwähnt das ich Mutterschutz genieße? Solange brauche ich nicht zu kämpfen! Mein Mann kann das bestätigen!“

Die Goblins bekamen es mit der Angst zu tun und rannten um ihr Leben. Das wurde von einem Straßenköter beendet, dem sie auf den Schwanz traten.

„Wir haben gewonnen!“ rief Novalis fassungslos. „Sind wir gut!“

„Gewonnen?“ krähte es aus den Feldern. „Gewonnen?“

Es dauerte einige Zeit, doch dann hatten sie sich wieder neu formiert. Selbst Birne traf wieder ein. Novalis fragte sich stirnrunzelnd wo das Halbblut eigentlich gewesen war.

Sie fanden nach einigem Fragen endlich jemanden, der bereit war für ihre Nachricht zu bezahlen. Von dem ersten Geld besuchten sie erst einmal die Taverne. Am nächsten Morgen wachten sie in der Gosse auf. Zu ihrer Verwunderung besaßen sie noch ihr Geld. Sie hatten sogar mehr als vorher. Daran erkannte Novalis das sie die Dietriche wegwerfen konnte. Beischlafdiebstahl war viel ertragreicher, machte Spaß und barg nur das Risiko einer Schwangerschaft.

Als sie das Dorf verließen schloß sich ihnen ein Straßenköter an, den sie Basil nannten. Der Hund schien diesen Namen zu mögen. Und er war sehr flink.

Ihre neuerliche Wanderung brachte sie an den Rand ihrer Existenz. Schließlich kannte niemand den Weg und sie verirrten sich im Wald. Baldorak meinte zwar es sei unmöglich nicht auf eine Siedlung zu stoßen, aber das Unmögliche wurde wahr.

Schließlich kamen sie auf den Gedanken Birne zu folgen, der jeden Abend verschwand und im Morgengrauen angeheitert am Lagerplatz erschien.

Wie nichts anders zu erwarten hatte das Halbblut eine feine Nase für Bier. Während die Gemeinschaft im Wald lagerte, vor wilden Tieren floh und vor Angst schlotternd am nächsten Morgen in einen unruhigen Schlaf fiel, ging Birne ins nächste Dorf und versoff seinen Verstand. Jedenfalls den Rest.

Während es sich die Gemeinschaft gut gehen ließ und Birne versuchte die Zwergin vom Hals zu entfernen, traf ein reicher Händler ein, sah sich kurz um und kam dann auf Novalis zu, die reflexartig den obersten Knopf ihrer Bluse öffnete und das Beste hoffte.

„Abend. Mein Name ist Ukjdks.“, stellte sich der Händler vor und starrte wie hypnotisiert auf  Novalis’ Ausschnitt. „Ich bin auf der Suche nach einer wagemutigen Gruppe die ins nächste Dorf zieht und bei meinem Vetter Uösöay  etwas abholt.“

Novalis lächelte verführerisch. „Dir gefällt wohl was du siehst?“

„Nein. Ich finde es nur sehr lehrreich die große fette Raupe zu beobachten, die in deinen Ausschnitt krabbelt.“

„Argh…“

„Wo Novalis?“ fragte Birne und hielt Hack mit seinem breiten Fuß auf Abstand.

„Hatte was dringendes zu erledigen.“, meinte Baldorak und riß die Verhandlung an sich. „Wir werden uns in tödliche Gefahr begeben und euren werten Vetter aufsuchen, edler Mann.“

„Fein. Da wäre noch eine Formalität zu regeln.“

„Häh?“

„Wie heißt eure Gruppe?“

„Ach so…“, überlegte Baldorak sich am Kopf kratzend.

„Die hauen.“, schlug Sundonal vor.

„Und laufen.“, ergänzte Birne.

„Und beten“, grinste Baldorak breit.

„Interessant. Die-hauen-und-laufen-und-beten. Klingt mal ganz anders als Drachentöter, Steelfist oder Mutige Recken. Ihr hebt euch von der Masse ab.“ Ukjdks war beeindruckt. „Wir sehen uns dann wenn ihr wieder zurück seid.“

„Einverstanden.“ Baldorak war von Ukjdks’ aufreizendem Gang sehr beeindruckt. „Bis dann, werter Ukjdks.“

Als Novalis zurückkehrte machte sich die Gruppe reisefertig. Enttäuscht sah sie sich nach dem Händler um. „Wo ist denn der Mann?“

Baldorak zerrte Hack von Birnes Fuß und entfernte das Fell zwischen ihren Zähnen. „Er ging von dannen bis wir wieder einkehren in dieser edlen Taverne.“

„Schade, er hatte so einen süßen Arsch.“

„Dies bemerkte ich auch, werte Novalis. Doch laßt uns rasch aufbrechen, Hack gerät in Rage.“

„Häh?“

Baldorak überlegte kurz und seufzte. „Gehen wir.“

Sie legten Birne ein Halsband an und versprachen Hack eine Streitaxt, dann zogen Die-hauen-und-laufen-und-beten los.

„Unser Weg ist eine einzige Reise.“ Baldorak knüpfte mit Sundonal ein Gespräch an.

„Es wird Regen geben.“

„Eine Queste ist unser Sein.“

„Schnauze!“

xxx

Uösöay war erstaunt als die Gruppe aus dem Wald brach und sich vor ihm aufbaute. Die schöne Frau schien Anführerin der Bande zu sein. Uösöay der Schmied beschloß sich diesmal nicht ausrauben zu lassen und schlug zu.

Nachdem sie das Mißverständnis aus dem Weg geräumt hatten, brachten sie Novalis gemeinsam zum Medicus. Der konnte nicht mehr viel tun, denn viele Zähne waren nicht mehr im Kiefer.

„Es tut mir leid.“, meinte Uösöay verlegen. „Ich gebe euch lieber die Kiste für meinen Vetter mit.“ Er warf einen Blick auf Novalis. „Ihre Augen sind so blutunterlaufen – ist sie ein Halbblut?“

Kunstvoll vertuschten sie den Mord an Uösöay und verließen auf schnellstem Weg das Dorf. Vorher untersuchten sie Novalis nach weiteren Dolchen, doch fanden keinen mehr.

„Ein simples zwischen die Beine treten hätte genügt.“, maulte Baldorak.

Zurück bei Ukjdks war das Geschäft schnell erledigt. Er nahm die Kiste, zahlte die unvereinbarten zehn Goldstücke pro Kopf und lächelte Novalis vielversprechend an. „Nachdem das Geschäft getan ist, wie wäre es mit einer Übernachtung in meinem Haus?“

„Fehr gerne.“, lächelte ihn Novalis an.

Entsetzt fragte Ukjdks: „Ist sie ein Halbblut?“

Als sie das Dorf hastig verließen, schüttelte Birne den Kopf. „Was haben gegen Halbblut?“ wollte er wissen und sah das eingeschnürte Bündel auf seiner Schulter ratlos an. Es zappelte wütend.

„Nicht fragen! Laufen!“ keuchte Baldorak und sah sich ängstlich um. Er hoffte die Dorfbewohner hatten noch genug zu tun Hacks Helm aus dem Wirt zu ziehen. Jedenfalls hatte sich die Zwergin als sehr effektiv erwiesen, um die Taverne zu verlassen. Baldorak wünschte ihr alles Gute, dort wo sie jetzt war. Bei ihrer Größe vermutete er den Gully vor der Taverne.

Die Wolken öffneten sich urplötzlich und entließen Naturgewalten. Regentropfen so dick wie Nüsse prasselten auf den Boden. „Ich hab’s immer gesagt.“, meinte Sundonal laufend.

Ende

Copyright © 2009 by Günther K. Lietz

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Lustige Geschichten aus dem sfbasar – subcover-65-minus-160-0.jpg” (Originaltitel: Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

Buchtipp der Redaktion:

Michalsky, Jan
Süd Salatonien

Verlag :      EDITIA
ISBN :      978-3-943450-03-3
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
Alle Preisangaben in CHF (Schweizer Franken) sind unverbindliche Preisempfehlungen.
Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 03.02.2012
Seiten/Umfang :      ca. 496 S. – 21,0 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 03.2012

Viele Jahrtausende nach dem Untergang der Menschheit erhebt sich die nächste Stufe intelligenten Lebens auf der Erde: die Salatonier! Zwei dieser skurrilen Bewohner sind der melancholisch-depressive Choleriker und Hobby-Sadist Pein Eppel und sein idealistischer Begleiter und selbsternannter Leibwächter Starvarius. Während die beiden versuchen, sich in ihrer chaotischen und kuriosen Welt zurechtzufinden, gelangen sie durch schieren Zufall an eine Prophezeiung des mysteriösen Propheten Nostradanuss. Endlich hat Starvarius ein Ziel, für das er sogar gegen mächtige Feinde wie den skrupellosen Mutantengeneral Krudding – halb Krähe, halb Pudding – in den Kampf zieht. Mit Hilfe der unvorstellbaren Geschöpfe seiner Welt treibt die optimistische Sternfrucht ihren störrischen Begleiter von Abenteuer zu Abenteuer auf ihrer scheinbar aussichtslosen Suche nach der Höhle des Schicksals – der letzten Rettung Süd Salatoniens! Eine expressionistisch-ausgefallene Fantasy-Parodie – oder der leckerste Fruchtsalat, den man je probiert hat!

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Leseprobe: Jean-Louis Brunaux: Druiden – Die Weisheit der Kelten

Erstellt von Detlef Hedderich am 21. März 2009

Leseprobe:

Jean-Louis Brunaux 
Druiden – Die Weisheit der Kelten

Gelehrte

Im 2. Jahrhundert v. Chr. erlebten die Druiden wohl ihre Blütezeit, das heißt sie übten in kultureller Hinsicht die größte Ausstrahlung aus und fanden die weiteste geographische Ausbreitung. Gallien kannte im Lauf der Geschichte seiner Unabhängigkeit zu keinem Zeitpunkt so etwas wie politische Einheit, nicht einmal eine parallele Entwicklung seiner sozialen Institutionen. Jeder Stamm folgte auf seinem Weg hin zu einer differenzierten Staatsform seinem eigenen Rhythmus, wobei die Lösungen der Nachbarn zunehmend in den Blick gerieten und auch die Gesamtsituation immer mehr ins Bewusstsein kam, zunächst die der nächstgrößeren ethnischen Gruppe, zu der ein Stamm gehörte (Kelten im Zentrum, Belger im Norden oder Aquitaner im Süd-Westen), dann die Situation des gesamten Gallien. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts wurden erste Anstrengungen zu einer Vereinheitlichung spürbar, doch erst in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts v. Chr. trugen sie wirklich Früchte – möglicherweise für Caesar ein zusätzlicher Grund, in Gallien einzumarschieren.

Diese neuen politischen Bestrebungen – die Stämme beginnen sich zusammenzuschließen, auch außerhalb der Kriegszeiten, und ihre Beziehungen untereinander zu institutionalisieren und zu reglementieren – gingen von den Druiden aus. Wir werden das am Beispiel der Versammlungen sehen, die sie bei den Carnuten abhielten. Sie setzen voraus, dass die Druiden damals in diversen Bereichen wichtige Machtbefugnisse hatten. Genau diese Situation beschreibt Poseidonios für die letzten Jahre des

2. Jahrhunderts v. Chr. Die vielfältigen Funktionen der Druiden in der Gesellschaft, die in Caesars Text detailliert beschrieben sind, 1 wurden ihnen nicht auf einmal übertragen, als sie sich im Lauf des 5. Jahrhunderts, vielleicht auch früher, als kohärente Gruppe zusammenzufinden begannen. Auch haben sie sich nicht unvermittelt dieser Funktionen bemächtigt – ganz einfach weil keine ihrer Funktionen einem unmittelbaren, artikulierten Bedürfnis ihrer Mitbürger entsprach. Sie selbst sind es, die allmählich die Bedingungen für ihre späteren Aktivitäten schaffen und damit gleichzeitig die Gesellschaft umwandeln.

Sicherlich waren es zuerst die Wissenschaften im engeren Sinn, in denen sie sich hervortaten und durch die sie für das Funktionieren der Gemeinschaften, in denen sie lebten, unentbehrlich wurden. Ihre besondere Vorliebe galt von alters her der Astronomie mit all ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten im Alltag. Sie als einzige wird von den antiken Autoren explizit genannt, wenn es um eine von den Druiden regelmäßig ausgeübte Betätigung geht: »Die Druiden stellen häufig Erörterungen an über die Gestirne und ihre Bahn, über die Größe der Welt und des Erdkreises […] und vermitteln dies alles der Jugend.« 2 Dieser Satz Caesars bringt deutlich, wenn auch knapp zum Ausdruck, dass die Beobachtung des Himmels und der Gestirne in eine Reihe von Spekulationen sehr weitreichender Art mündete, die auch Fragen zur Natur und und der Form der Erde, ja des ganzen Universums mit einschlossen. In dieser Hinsicht unterschieden sie sich kaum von den ersten griechischen Denkern, den Vorsokratikern, und dann den Pythagoreern, für die die Astronomie sowohl ein Forschungsfeld im engeren Sinn war als auch ein Mittel, um allgemeinere Phänomene (das Wesen und den Ursprung der Materie) sowie speziellere Fragen (die Geographie der Erde) zu untersuchen.

Wir haben kaum die Möglichkeit, uns eine Vorstellung von ihrem positiven Wissen zu machen, denn es wurde weder von ihnen selbst schriftlich festgehalten noch von ihren Nachbarn, die sich der Schrift bedienten. Vielleicht hat Poseidonios etwas aufgezeichnet, doch wenn er es tat, dann ist nichts davon erhalten geblieben. Immerhin wissen wir, dass die astronomischen Beobachtungen zur Erstellung von Kalendarien führten; das berühmteste Beispiel ist der Kalender von Coligny. Solche Kalendarien waren als immerwährende Kalender konzipiert, und ihre Konstruktion setzte Beobachtungen über sehr lange Zeiträume voraus 3 und erforderte komplizierte Berechnungen, und sei es nur, um den Mondzyklus – auf dessen Basis der Monat berechnet wurde – mit dem Sonnenzyklus zusammenzuführen, womit man ein Kalenderjahr festlegen konnte. Ein annähernder Ausgleich wurde nach dem Ablauf von zweieinhalb Jahren vorgenommen, ein vollständiger Ausgleich nach dem Ende jedes fünften Jahres. Der Anfangspunkt dieser Fünfjahreszyklen war jeweils ein kultischer Festakt. Ein Saeculum umfasste 30 Jahre, entsprach also ungefähr der Lebensdauer einer Generation. Die Druiden beherrschten die Handhabung dieser komplexen Kalender, bestimmten die Fastentage und wahrscheinlich außerdem die Zeiträume, die sich für religiöse Zeremonien eigneten oder an denen kriegerische Unternehmungen in Angriff genommen werden konnten. Sie waren so etwas wie die Herren der Zeit und traten damit in direkte Konkurrenz mit den Sehern, deren Voraussagen über den Lauf der Dinge eher punktuell waren und zufällig.

Die Wissenschaft der Astronomie spielte auch in Fragen des Kultes eine Rolle. Seit ältesten Zeiten waren die Menschen überzeugt, dass die Wirksamkeit religiöser Zeremonien davon abhing, dass man sie mit der kosmischen Entwicklung des Universums abstimmte, das heißt den Himmel und den Lauf der Gestirne in die Planungen mit einbezog. Opfer- und andere Kulthandlungen wurden an Tagen vorgenommen, die sich durch bestimmte Konstellationen der Gestirne besonders auszeichneten. Die Einrichtung fester, für die Ewigkeit errichteter Kultorte erforderte noch mehr Rücksicht auf die Harmonie zwischen den Einrichtungen der Menschen und dem sie umgebenden Kosmos. Die Umfriedungsmauern der Kultorte wurden nach dem Sonnenaufgang ausgerichtet, und man orientierte sich an markanten Ereignissen wie der Sonnenwende. Gelegentlich wurden zunächst die Seiten der Gesamtanlage nach den vier Himmelsrichtungen und anschließend Altar und Eingangstor nach dem Sonnenstand am Tag der Sommersonnenwende ausgerichtet. 4 Eine solche Platzierung architektonischer Elemente im Rahmen einer kosmischen Ordnung war ohne hohe rechnerische Kompetenz und außerordentliche Fähigkeiten auf dem Gebiet der Geometrie nicht zu realisieren. Es war sicher kein »niederes Volk«, wie Caesar meinte, 5 das solche Projekte in Angriff nehmen konnte, genauso wenig wie Krieger, die sich im Verlauf eines Jahres in anderen Künsten übten. Nur die Druiden und andere, die sich ihrer intellektuellen Autorität unterstellten, waren in der Lage, so etwas zu vollbringen.

Poseidonios, ebenso wie Cicero, 6 teilen uns mit, dass die Druiden sich auch intensiv mit einem anderen ausgedehnten Wissenschaftsbereich befassen, der in der griechischen Antike so genannten physiologia , 7 der nach heutigen Begriffen ein breites Spektrum einzelner Wissenschaften (Physik, Chemie, Geologie, Botanik, Zoologie, um nur die wichtigsten zu nennen) entspricht. Der Umstand, dass die einzelnen Wissenschaften damals noch nicht ausdifferenziert waren, ist alles andere als ein Hinweis auf die mangelhafte Qualität des Wissens selbst, sondern vielmehr Zeichen einer umfassenden Interdisziplinarität, die um so profunder ist, als sie von Männern praktiziert wurde, die ihre Kenntnisse sorgfältig abschirmten. Die Vorstellung vom Studium der »Natur« war bei den Vorsokratikern ganz ähnlich. Der einzige bedeutende Unterschied zwischen ihnen und den Druiden betrifft den Zeitpunkt: Sie betrieben diese Form von Wissenschaft bereits zwei oder drei Jahrhunderte vor den Druiden. Wie die ersten griechischen Philosophen stellten die Druiden ausführliche Spekulationen zur Zusammensetzung der Materie an. Offenbar gingen sie ebenfalls von einem dynamischen Zusammenwirken mehrerer Urelemente aus, wobei Luft, Wasser und Feuer die wichtigste Rolle spielten. Das Ende der Welt stellte sich für sie als Trennung dieser Elemente dar und als unbeschränkte Herrschaft von Feuer und Wasser. 8

Glücklicherweise gibt es einen Bereich der Naturwissenschaft – die Botanik –, in dem die Kenntnisse der Druiden Spuren hinterlassen haben, die auf den Umfang ihres Wissens und seine praktische Anwendung schließen lassen. Wir verdanken diese Spuren Plinius dem Älteren und seiner Naturkunde . 9 Ein Großteil der Materialien, die er untersucht, und der Themen, die er anspricht, hat mit Gallien zu tun. Die antiken Autoren, die er als Vorlage benutzt, verdanken der Tradition der Druiden wahrscheinlich mehr, als der Text der Naturkunde zu erkennen gibt. Was er allerdings über drei einzelne Pflanzen mitteilt, reicht aus, um deutlich zu machen, dass die Druiden sich mit der Bestimmung zahlreicher Arten befassten, mit ihrer Benennung (zwei der Bezeichnungen, selago und samolus , stammen aus dem Gallischen) und ihrer Einordnung in eine Heilmittelliste; dazu kamen genau festgelegte Ernteriten. Die Mistel, deren therapeutischer Nutzen auch heute noch bekannt ist, 10 galt als Allheilmittel, daher fand die Ernte im Rahmen von darauf abgestimmten Riten und religiösen Zeremonien höchster Feierlichkeit statt (die Opferung eines Paars von Stieren ist, das haben archäologische Entdeckungen gezeigt, vollkommen außergewöhnlich). Der selago , der zu den Nachtschattengewächsen zählt und bisher nicht näher identifiziert werden konnte, hatte magische Abwehrkräfte und Heilwirkungen bei Augenerkrankungen. Rituelle Gesten und eine Opfergabe in Form von Brot und Wein begleiteten seine Ernte. Und der samolus , eine Sumpfpflanze, heilte Krankheiten bei Schweinen und Rindern; wer sie erntete, durfte sie nicht anschauen, sondern nur in den Trog legen, aus dem die Tiere sie dann später aufnahmen.

Wir haben oben gesehen, 11 dass die Druiden seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. und möglicherweise unter dem Einfluss pythagoreischen Gedankenguts Meister der Geometrie wurden. Es gab für diese Wissenschaft zahlreiche Anwendungsgebiete, und mit ihrer Hilfe konnten viele Alltagsprobleme gelöst werden. Auf dem Gebiet der Kunst fand die Geometrie für Menschen, deren Augen an die Betrachtung reiner, regelmäßiger Formen nicht gewöhnt waren, ihren faszinierendsten Ausdruck. Am meisten aber profitierte der Bereich der Technik. Die Geometrie ermöglicht die Umsetzung von Planungsentwürfen auf unebenen Flächen, 12 die Realisierung von Entwürfen für Metallarbeiten in drei Dimensionen und vor allem die Herstellung von Konstruktionsplänen für komplexere Produkte wie etwa Fahrzeuge, Bergwerksstollen, Festungen und ihre Zugänge und so weiter.

Durch derartige Kenntnisse besaßen die Druiden mit Sicherheit eine Aura, die wir uns heute nur schwer vorstellen können. Sie ging einher mit großem Vertrauen, das nicht nur das gesamte Volk, sondern auch seine aristokratische und politische Elite den Menschen entgegenbrachte, die sie, wie Caesar es ausdrückt, »besonders verehren«. Auf dieser Grundlage von Vertrauen und Charisma konnten die Druiden allmählich jene außerordentliche Position im Gefüge der gallischen Gesellschaft einnahmen.

Die Beherrschung der Schrift

In ihrer intellektuellen Entwicklung und bei der Festigung ihrer sozialen Position spielte die Schrift eine fundamentale Rolle. Diese ist nicht ganz einfach zu fassen, weil hierfür zwei Sichtweisen kombiniert werden müssen, die normalerweise als unvereinbar gelten. Die erste, vertrautere sieht in der Schrift das Mittel, Kenntnisse zu erwerben und weiterzugeben. Auf einer zweiten Ebene, die weniger häufig beachtet wird, spielt die Schrift als äußerst wirkungsvolles Instrument der Machtausübung eine zentrale Rolle. Die Genialität der Druiden bestand darin, diese beiden Eigenschaften zu verbinden, wie das auch die Pythagoreer einige Jahrhunderte früher versucht hatten. Diese waren dabei jedoch letztlich gescheitert, weil sie in einer Welt lebten, die von der Schrift bereits reichlich Gebrauch machte, wohingegen die Druiden sich tatsächlich der Kontrolle und der Herrschaft über die Schrift bemächtigen konnten. In der Geschichte der Menschheit stellt dies eine absolute Ausnahme dar.

Caesar, der vermutlich recht unzulänglich eine sehr viel differenziertere Darstellung bei Poseidonios zusammenfasst, erklärt: Die Druiden

halten es für Frevel, ihre Lehre aufzuschreiben, während sie in fast allen übrigen Dingen im öffentlichen und privaten Bereich die griechische Schrift benutzen. Wie mir scheint, haben sie das aus zwei Gründen so geregelt: Einmal wollen sie nicht, daß ihre Lehre allgemein bekannt wird, zum andern wollen sie verhindern, daß die Lernenden sich auf das Geschriebene verlassen und ihr Gedächtnis weniger üben. Denn in der Regel geschieht es, daß die meisten im Vertrauen auf Geschriebenes in der Genauigkeit beim Auswendiglernen und in ihrer Gedächtnisleistung nachlassen. 13

Man hat daraus den Schluss gezogen, dass die Druiden den Gebrauch der Schrift untersagten, wenn es nicht um kaufmännische Transaktionen ging, was durch Graffiti auf Tellern bestätigt zu werden schien, die als Abrechnungen eines Töpfers interpretiert wurden. 14 Man hat sich allerdings nie über den Wahrheitsgehalt der Angaben bei Caesar Gedanken gemacht, über den objektiven Gehalt dieses Exzerpts seiner Vorlage – es muss einer der wichtigsten Abschnitte in der Beschreibung der Gallier bei Poseidonios gewesen sein. Es ist also notwendig, auf die Originalquelle zurückzugehen. Wie wir bereits feststellten, wurde sie abgeschrieben und modifiziert, das heißt: Weder Diodor von Sizilien noch Strabon haben sie korrekt wiedergegeben. Die Art, wie Caesar Poseidonios auswertet, lässt leicht auf seine ganz spezielle Zielrichtung schließen; er nimmt keinerlei Rücksicht auf den philosophischen Zusammenhang, in dem die Druiden behandelt werden. Denn sicher drängte sich Poseidonios der Vergleich mit den Gebräuchen der Pythagoreer auf, und vermutlich hat er diesen Vergleich an seine Leser weitergegeben. Der Grund, den Caesar anführt, um die Ablehnung der Schrift zu erklären (dass das Gedächtnis geschwächt würde), zeigt wieder einmal, dass er sich von Poseidonios nur die harmlosesten Informationen holt, die garantiert keinen ideologischen Sprengstoff in sich bergen.

Um den Abschnitt abzufassen, der sich mit der Ausbildung und den Medien der Kommunikation beschäftigt, griff der Rhodier, wie Poseidonios häufig auch genannt wird, nicht in erster Linie auf ältere Autoren zurück. Die Existenz gallischer Texte in griechischer Schrift, abgefasst für politische und private Zwecke, wurde kürzlich durch archäologische Untersuchungen bestätigt, 15 sicher reicht sie nicht weiter zurück als bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Mit anderen Worten: Autoren wie Timaios oder Ephoros können solche Schriften kaum gekannt haben, zu der Zeit jedoch, als Poseidonios seine Forschungen anstellte, waren sie von größter Aktualität. Es handelt sich also nicht nur um eine Information, die ziemlich genau auf das Ende des 2. und den Beginn des 1. Jahrhunderts datiert werden kann, sondern sie lag Poseidonios auch nicht in schriftlicher Form vor: Der Ethnograph Galliens muss sie während seiner Feldforschungen selbst ermittelt haben. Sie war Teil einer Sammlung von Angaben aus dem Bereich der Wissenschaft (etwa astronomischer Erkenntnisse), der Metaphysik und Eschatologie (der Glaube an die Seelenwanderung, die Vorstellung vom Jenseits) oder auch der Gesellschaftsordnung (Zusammenhang der verschiedenen sozialen Schichten, Rolle der Ausbildung durch die Druiden), die gut mit genau dieser Epoche übereinstimmen und die Poseidonios als bereits zusammengestelltes und geordnetes, kohärentes Korpus mit Sicherheit nicht von einem griechischen Händler oder einem römischen Verwalter der Provincia erhielt. Bei dem Informanten kann es sich auch hier wieder nur um einen Druiden oder einen Aristokraten gehandelt haben, der von den Druiden ausgebildet wurde; nur dieser Personenkreis kann in den Jahren um 90 v. Chr. über einen so differenzierten Wissensstand verfügt haben. Zu dieser Schlussfolgerung berechtigen uns die präzisen Details über den Gebrauch der Schrift in Gallien, und sie ist von allergrößter Bedeutung: Poseidonios stand in direktem Kontakt mit einem oder mehreren Druiden, genau wie 40 Jahre später Cicero mit dem Häduer Diviciacus, der, wahrscheinlich ebenso wie die Gesprächspartner des Poseidonios, nicht nur Druide, sondern auch Aristokrat und Politiker war, betraut mit dem Amt des obersten Magistrats seiner Stadt.

Der Verlust des Textes von Poseidonios ist also höchst bedauerlich. Mit dem, was Caesar – vor allem über den Gebrauch der Schrift – daraus übernahm, verfolgt er offenbar nur ein einziges Anliegen: Es soll das eifrige Bestreben der Gallier demonstrieren, sämtliche Arten von Wissen zu erwerben; dies war eine der Schablonen – eine der schmeichelhafteren Sorte, wie wir hinzufügen müssen –, mit denen die griechischen und römischen Schriftsteller jene erstaunlichen Barbaren charakterisierten, die es in jeder Hinsicht verdienten, kolonialisiert zu werden. Die politischen und philosophischen Gründe aber sind nicht mehr erkennbar, welche die Druiden zu der paradoxen Entscheidung bewogen hatten, dem größten Teil der Bevölkerung den Gebrauch der Schrift zu verbieten. Wir müssen diese Gründe also rekonstruieren. Offenbar haben sie mit dem Geheimcharakter der Lehre zu tun, die von Caesar nicht eindeutig benannt wird, aber etwa bei Pomponius Mela 16 sehr deutlich erscheint: »Sie unterweisen die Edelsten ihres Volkes heimlich und lange – je zwanzig Jahre – in vielerlei Dingen entweder in einer Höhle oder in abgelegenen Bergwäldern.« 17

Offenbar hatten die Druiden also eine pädagogische Initiation von sehr langer Dauer begründet, die sich wahrscheinlich in mehrere, möglicherweise durch Passage-Riten markierte Etappen aufgliederte und nach deren Ablauf die Schüler selbst den Status eines Druiden erworben hatten. Das enzyklopädische Wissen, das im Lauf dieser Ausbildung vermittelt wurde, verlieh denen, die es empfingen, beträchtliche Macht, vor allem in der Politik. Da die Druiden bestrebt waren, diese Aktivität streng zu kontrollieren, und weil sie sich auch, wie wir im weiteren Verlauf sehen werden, um die Macht auf der Ebene der Rechtsprechung bemühten, hielten sie ihr gesamtes Wissen geheim und teilten es nur den ausgewählten Individuen mit, denen sie auf lange Frist zutrauten, die Eigenschaften und die Orientierung zu entwickeln, die ihren politischen Vorstellungen entsprachen. In der Anfangszeit und sicherlich auch für die folgenden Jahrhunderte hatte diese systematische, strenge Auswahl philosophische Gründe: Die Druiden hielten wie die Pythagoreer und Platon die Politik für eine zu vornehme und für die Gesellschaft unverzichtbare Betätigung, als dass man sie jedermann anvertrauen durfte. Die Initiation in die Schrift und ihr kontrollierter Gebrauch dienten als Filter, durch den nur einige wenige Individuen hindurchgelangten, die später die größte Verantwortung übernehmen sollten und dabei ihr ganzes Leben lang der geistigen Gemeinschaft verpflichtet blieben, aus der sie hervorgingen.

So kann man sicher davon ausgehen, dass die Druiden zwar den allgemeinen Gebrauch der Schrift verboten, auf sich selbst – entgegen einer lange Zeit verbreiteten Annahme 18 – dieses Verbot jedoch nicht anwandten. Sie waren sich des Wertes und der Wirksamkeit der Schrift sehr bewusst, daher beanspruchten sie den Gebrauch für sich allein und untersagten allen anderen den Zugang dazu. Schon früh waren sie mit der Schrift in Kontakt gekommen, wahrscheinlich bereits während der Zeit ihrer Entstehung, weil die Druiden aus der Begegnung mit dem griechischen Wissen und dem damit verbundenen wissenschaftlichen Handwerkszeug hervorgingen. Zu diesem Handwerkszeug gehörte die Schrift, ebenso wie die Zahlen, die bekanntlich in ihrem Denken und ihrer Spezialaufgabe als Wahrsager eine große Rolle spielten. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum sie die Zahlen, die als genauso heilig galten, schriftlich notiert haben sollen, die Buchstaben aber nicht – zumal da die einen wie die anderen mit denselben Zeichen notiert wurden. 19 Es war ein logischer Schritt, die gallischen Laute jeweils mit den griechischen Buchstaben zu umschreiben, die ihnen am nächsten kamen. Diese Umschreibungen fielen ihnen umso leichter, als sie dringend gebraucht wurden. Ohne die Aufzeichnung der Auf- und Untergangszeiten der Gestirne konnte es keinen Fortschritt in der Astronomie geben, in der die Druiden sich so hervortaten. Vor allem ist es ohne sie nicht möglich, einen Kalender zu erstellen. Die einzigen bekannten Kalender, diejenigen von Coligny und von Villards-d’Héria, zeigen daher auch neben den numerischen Angaben zu den Tagen Anmerkungen zu ihrem Charakter als Feiertag oder ihrer Eignung für profane Tätigkeiten. Diese Beispiele vom Beginn unserer Zeitrechnung sind die Erben einer langen Tradition von Berechnungen und Beobachtungen, in der über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hinweg die wesentlichen Daten zusammengetragen wurden.

Die Gallier lernten die Schrift zu einer Zeit kennen, da die Griechen sie als Ausweis ihrer glänzenden Kultur mit sich brachten. Die geschäftlichen und diplomatischen Beziehungen, die daraufhin sehr schnell entstanden, machten es für die Repräsentanten der beiden Völker unumgänglich, ihre jeweiligen Kalender aufeinander abzustimmen. Man musste die Möglichkeit haben, langfristig Termine zu vereinbaren, um Gruppen von Reisenden oder Händlern ihren Weg sichern oder um sich etruskischen oder griechischen Truppen anschließen zu können, die die Unterstützung gallischer Söldner brauchten. Diese neuen Erfahrungen führten im Lauf der Zeit dazu, dass wichtige Ereignisse, die in der Zusammenarbeit von Galliern und Griechen eine Rolle spielten (religiöse Feste, Inthronisation neuer Herrscher usw.), berücksichtigt wurden. Bündnisverträge wurden archiviert, und man hielt die Zeitpunkte denkwürdiger Ereignisse fest (wie etwa Schlachten, den Empfang von Botschaftern, den Austausch von Geschenken), was zu einer frühen Form der Geschichtsschreibung führte. Sie hob sich immer deutlicher von den zuvor üblichen mythischen Genealogien ab, die ihrerseits bereits das Terrain der Druiden gewesen waren. Es entstanden Familienarchive für die Familien der Oberschicht, vor allem für diejenigen, aus der Druiden hervorgegangen waren. So kann im 4. Jahrhundert n. Chr. der Dichter Ausonius den Priester eines Belenus-Heiligtums erwähnen, der ein später Abkömmling einer Druidenfamilie aus der Aremorica ist. Die Druiden gab es schon lange nicht mehr, doch ihre genealogischen Aufzeichnungen hatten sich erhalten. Diese Erinnerungs arbeit hatten die Druiden auf die Geschichte ihres Stammes ausgedehnt, seiner Einrichtungen, seiner höchsten Amtsträger und seiner Beziehungen zu den Nachbarstämmen.

Die Aufbewahrung der Annalen, der Regierungsakten und der Gesetze war ein Machtinstrument von ähnlicher Wirksamkeit wie die Wahrsagekunst. Ammianus Marcellinus 20 bringt klar zum Ausdruck, dass die Druiden die offiziellen Bewahrer der gallischen Geschichte waren:

Die Druiden erklären, dass ein Teil dieses (gallischen) Volkes schon immer hier lebte, dass aber andere auch von außen hereinströmten, sie kamen von weit entfernten Inseln und Gebieten, die jenseits des Rheins liegen; aus ihrer Heimat wurden sie durch häufige Kriege und Überschwemmungen vertrieben.

Ammianus fügt hinzu, dass er diese Informationen von Timagenes übernommen hat, der sie seinerseits von Poseidonios abschrieb. Diese Migrationsbewegungen, vor allem die durch die angeblichen Überschwemmungen ausgelösten, hatten bereits vor langer Zeit stattgefunden. Sie werden wohl bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Autoren erwähnt. Ein Echo findet sich noch in einem über die Kelten überlieferten Detail – irrtümlich wurde es Aristoteles zugeschrieben, tatsächlich stammt es von Eudemos. 21 Es besagt, dass sie in voller Rüstung den entfesselten Fluten entgegengetreten seien. Die Immigration aus der Gegend jenseits des Rhein fand nur unwesentlich später statt, man datiert sie heute auf die Zeit zwischen dem Ende des 4. und dem Ende des 3. Jahrhunderts; sie betraf das gesamte Gallien nördlich der Seine. Diese Information wird von einer anderen Quelle bestätigt: Die Remer, bei denen Caesar sich nach den einzelnen Stämmen der Belger erkundigt, geben an, dass »die meisten Belger von den Germanen abstammten und in alten Zeiten (antiquitus) über den Rhein gekommen waren«. 22 Man muss daraus den Schluss ziehen, dass die Druiden schon im 4. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht noch früher, mit der Erstellung von Annalen begonnen hatten, die die Grundlage einer allgemein anerkannten, offiziellen Geschichtsschreibung bildeten und bis zur Eroberung durch die Römer fortgeführt wurden.

Moralisten

Die Art, wie Caesar die Rolle und den Platz der Druiden in der gallischen Gesellschaft beschreibt, belegt hinlänglich, dass ihr Wirken sich auch auf die Bereiche der Gesellschaft und der Politik erstreckte. Dies äußert sich unverkennbar in ihrem Bestreben, einen öffentlichen Kult, eine von allen geteilte Religionsausübung einzuführen, in ihren Aktivitäten im Rahmen der Rechtsprechung und in ihrer Rolle als Erzieher. Die Aneignung so verschiedener Aufgabenbereiche brauchte freilich ihre Zeit und wird sich kaum unmittelbar nach der Entstehung des Druidentums als eigenständiger geistiger Gemeinschaft, die sich von anderen Gruppen, den Barden und den Sehern etwa, deutlich abhob, zugetragen haben. Der öffentliche Kult unterschied sich noch nicht klar von den Privatriten und den Wahrsagebräuchen. Die Idee von einer Rechtsprechung, die weder eine Form von Rache noch das Ergebnis zufälligen göttlichen Wirkens ist, zeichnete sich noch nicht einmal andeutungsweise ab. Erziehung in Form der Aneignung von Wissen war vor dem 6., vielleicht auch noch vor dem 5. Jahrhundert überhaupt nicht vorstellbar. Die Druiden mussten also ihre Zeitgenossen davon überzeugen, dass ihre Überlegungen zum Leben in der Gesellschaft und ihre Bemühungen, dieses Leben zu verbessern, wohlbegründet waren. Ihre wissenschaftlichen Tätigkeiten, die oben beschrieben wurden, waren wohl geeignet, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Druiden den Normalsterblichen überlegen waren, dass sie vielleicht sogar einen Platz zwischen den Menschen und den Göttern einnahmen. Dieses Ansehen konnte von nun an in den Dienst weitergehender Zielsetzungen gestellt werden.

Um das Leben in der Gesellschaft zu harmonisieren und es angenehmer zu gestalten, brauchte man nicht nur neue Lebensregeln und geeignete Gesetze. Die Menschen selbst mussten geändert und angeleitet werden, weniger aggressiv zu handeln. Es galt, das Recht des Stärkeren zu unterdrücken und solidarische Verhaltensweisen einzuüben, wenn man sich wie die Druiden daran machen wollte, Politik im griechischen Sinn des Wortes einzuführen. Über mehrere Jahrhunderte hin beschäftigten sie sich mit der Moralisierung der Gesellschaft. Es gab bei den Kelten am Ende der frühen Eisenzeit kaum Grundlagen für irgendeine Form von Moral. 23 Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse war kaum ausgebildet. Sie hing völlig von der sozialen Stellung der Menschen ab: Die Adligen und Krieger hatten unbegrenzte Rechte, die Angehörigen des niederen Volkes dagegen fast keine. Das Wirken der Götter manifestierte sich in den einzelnen sozialen Klassen sehr unterschiedlich. Kriegerische Handlungen, seien sie nun aktiv herbeigeführt oder passiv erduldet, erschütterten häufig das fragile Gleichgewicht zwischen einzelnen Stämmen. Es gab lediglich eine Möglichkeit, den Menschen Regeln des Zusammenlebens zu vermitteln: Man musste sich der Hilfe der Götter versichern. Nur in ihrem Namen war es möglich, dem Gemeinwohl den nötigen Respekt zu verschaffen und die Ansprüche der Privilegierten auf die hemmungslose Durchsetzung ihrer Eigeninteressen zu dämpfen. Daher begann das Wirken der Druiden in der Gesellschaft sich auf dem Gebiet der Religion zu entfalten. Sie führten einen öffentlichen Kult ein und bewirkten in der Folge, dass die meisten privaten Kulte fast völlig verschwanden. 24

Wir haben die einzige explizite Formulierung der Moral der Druiden, die uns überliefert wurde, bereits angesprochen. 25 Es ist der berühmte, von Diogenes Laertius überlieferte Satz: »Man soll die Götter ehren, nichts Böses tun und Tapferkeit üben.« 26 Diese drei Anweisungen liegen von ihrem jeweiligen moralischen Impetus her nicht auf einer Ebene. Lediglich die zweite scheint tatsächlich aus dem Bereich der Ethik zu stammen und sich auf deren Voraussetzung, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zu beziehen. Die beiden anderen wirken eher zufällig und deuten den geistigen und sozialen Kontext an, aus dem die Moral entsteht: die Werte, die zu Recht oder zu Unrecht als göttlich gelten, und die kriegerischen Tugenden. Sie machen das Fundament für die Entwicklung eines moralischen Verhaltens aus. Wir haben gesehen, dass dieser dreigegliederte Merkspruch ein hohes Alter hat und wahrscheinlich aus den berühmten Pythagorica Hypomnemata stammt. Er kommt also aus einer Zeit, in der die Vorstellung des Guten sich noch auf zwei Wertesysteme stützte, die uns heute widersprüchlich zu sein scheinen, was jedoch in der Antike, sowohl von den Griechen als auch von den Kelten, nicht so gesehen wurde: Sie kannten keinen Widerspruch zwischen den Werten der Religion und den Werten jenes Bereichs, der am besten mit dem griechischen Begriff agón gefasst wird (Wettstreit, Mut, Bemühung um den Sieg).

Die Vorstellung vom an sich Guten und die damit verbundenen Tugenden haben sich weder in Gallien noch in anderen Regionen von allein durchgesetzt, immerhin hat man es in jedem Fall mit Bevölkerungen zu tun, die zum größten Teil vom Leben rein gar nichts erwarteten. Was jedoch die Durchsetzung der Idee des moralisch Guten nachhaltig unterstützte, war die Verbreitung von eschatologischen Gewissheiten, die die Druiden kausal mit der Idee des Guten verknüpften. Diese beiden Vorstellungsbereiche, das Gute und ein möglicherweise gnädiges Jenseits, bestanden offenbar jeder autonom für sich; der zweite Bereich war vielleicht ursprünglich ein Bestandteil der druidischen Ideenwelt, der sorgfältig geheimgehalten und erst am Ende eines langen Einweihungsweges enthüllt wurde.

Wahrscheinlich aber bemerkten die Druiden recht schnell, dass es notwendig war, den Glauben an die Seelenwanderung und an eine Art von Paradies weiter zu verbreiten, um die Entstehung und Entwicklung der Moral in die drei Richtungen zu befördern, die der oben zitierte Merksatz angibt. Die Götter ehren, Gutes tun und tapfer kämpfen – das waren drei Wege, die durchaus die Aussicht auf eine Form des Seelenheils eröffnen konnten. Caesar weist ebenso wie Ammianus Marcellinus 27 darauf hin, dass der Glaube an ein Jenseits in der ganzen Bevölkerung verbreitet ist, er behält allerdings nur die dritte Argumentationsrichtung bei: »Da so die Angst vor dem Tod bedeutungslos wird, spornt das ihrer Meinung nach die Tapferkeit ganz besonders an.« 28 Es ist allerdings nicht nötig, dass uns erst von einem Strategen und Politiker von so materialistischer Grundeinstellung wie Caesar mitgeteilt wird, dass bei den Galliern das Paradies auch durch die Unterwerfung unter die Götter oder einen moralischen Lebenswandel gewonnen werden konnte. Caesar ging es vor allem darum, zu erklären, warum seine Feinde so mutig und daher so schwer zu besiegen waren. Das Seelenheil aber – das heißt im gallischen Denken der Ausstieg aus dem Zyklus der Reinkarnationen – musste auch durch andere Mittel erlangt werden können. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Druiden, die am Krieg nicht teilnahmen, sich freiwillig von dem Paradies ausschlossen, dessen Vorzüge sie anpriesen. Sie taten Gutes, um dorthin zu gelangen. Dies fiel ihnen umso leichter, als sie selbst ja diejenigen waren, die bestimmten, was gut und böse war. Und für die übrige Bevölkerung, vor allem die Angehörigen des einfachen Volkes, war die Ehrfurcht vor den Göttern und den Gesetzen, die ihnen als heilig galten, ein einfacher Weg, der kein besonderes Wissen oder Können verlangte und vor allem eine gewisse Fügsamkeit mit sich brachte.

(Ende der Leseprobe.)

Copyright (C) 2009 bei Klett-Cotta-Verlag. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis der Pressestelle Klett-Cotta-Verlag.

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Druiden: Die Weisheit der Kelten

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EXPEDITION INS BLAUE – Science Fiction-Story von Günther Kurt Lietz

Erstellt von Günther Lietz am 20. März 2009

EXPEDITION INS BLAUE

Erinnerung an alte Teddies

von

Günther Kurt Lietz

Die silbrige Landefähre fiel aus dem grünen Himmel herab, zog einen rötlichen Kondensstreifen hinter sich her und landete sanft auf einem der Felsen, der aus dem gelben Gräsermeer emporragte. Ein Stück der Außenhülle verformte sich und bildete eine kreisrunde Öffnung. Eine pummelige Gestalt, gerade mal einen Schritt hoch, mit einem braunen flauschigen Pelz bewachsen und in eine viel zu große Teerjacke gekleidet, trat in die Öffnung.

„Mein Hut!“ Die Gestalt, von Freunden und Mannschaft nur Kapitän Teddy genannt, nahm vom ersten Maat einen Dreispitz entgegen und positionierte ihn akkurat zwischen den runden Flauscheohren. Zwei schwarze Knopfaugen blickten neugierig in die neue Welt hinaus. „Meine Augenklappe!“

Mit der Klappe über dem rechten Auge, dem ersten Maat Long John Sliver und zwei namenlosen Matrosen im Schlepptau, stapfte Kapitän Teddy los. In seinen kleinen Pranken hielt er dabei eine auf altem Papier gezeichnete Karte. Gestrichelte Linien zeigten ein wirre Muster und in der Mitte prangte ein großes X. Daneben hatte jemand notiert: „X bedeutet meistens Schatz, aber nicht immer“.

Die Reise ging erst einmal eine Stunde ins Gräsermeer hinein, dann wurden die selbsternannten Weltraumpiraten müde und beschlossen zu rasten. Also plumpsten sie einfach zu Boden, gähnten und schlossen ihre Augen für eine Weile. Als sie erwachten standen die beiden Sonnen des Systems schon tief am Horizont und die Gräser waren nun blau. Kapitän Teddy gefiel das sehr gut.

„Nun ist das Meer genau so, wie es sein soll – nämlich blau.“

Long John Sliver richtete seine Ohren auf. „Kameraden, ich höre da ein komisches Geräusch von Rechts. Verdammt, ich meine: Arrrrrr, komisches Geräusch von Steuerbord!“

Kapitän Teddy blieb die Ruhe selbst. Er hatte noch keine derartige Situation erlebt und war zuversichtlich, dass es ein harmloses Fauchen war, das sich langsam näherte. Aber er wollte auf alle Fälle sichergehen: „Namenloser Matrose Nummer Eins, schau mal nach was das ist!“

Namenloser Matrose Eins schluckte. Er glaubte ein Fellknäuel ballte sich in seinem Magen zusammen – was durchaus stimmen konnte. Während er den Tag verfluchte an dem er das kurze Kabelende gezogen hatte, stapfte er auch schon durch das hohe Gras. Wenig später meldete er erleichtert „eine große Miezekatze“ und begann dann fürchterlich zu schreien.

Erschüttert vom Verlust eines wichtigen Mitglieds des Besatzung, stoppte Kapitän Teddy nach einer halben Stunde die heillose Flucht. „Das hätte aber ins Auge gehen können.“ Er rückte nun die Augenklappe von Rechts nach Links. „Aber wir wussten ja, was auf uns zukommt.“ Es herrschte betretenes Schweigen unter der Besatzung. „Oder?“

Long John Sliver stieß Namenlosen Matrosen Zwei mit dem Ellbogen an. Dieser seufzte ergeben. „Ja, Kapitän, aber ich möchte anmerken …“ Ein lauter Knall und viel Rauch beendeten den Satz für ihn und der Pirat plumpste tot nach hinten, wo er sich mit letzter Kraft zu einem Knäuel zusammenrollte.

„Möchte noch jemand meutern?“ Kapitän Teddy ließ seine doppelläufige Pistole um Long John Slivers Nase kreisen. „Hm?“

„Nein, mein Kapitän. Ich bin ganz auf ihrer Seite.“ Die Nasenhaare des älteren Piraten zitterten leicht und seine Knopfaugen wurden ein wenig kleiner. „Und: Arrrr!“

„Arrrrrrrrr, gut so. Machen wir weiter. Ich will den Schatz heben, bevor wir wieder an Bord sind.“ Also stapften sie los, immer der Karte nach, bis sie am Ende des Weges waren. Vor ihnen das blaue Gräsermeer, ein wunderschönes Panorama, für das die beiden Piraten aber kein Auge hatten – vor allem Kapitän Teddy nicht.

„Hier sind wir also angekommen, um einen wertvollen Schatz zu heben. Einen Schatz der so wertvoll ist, das ihn jeder haben möchte. Ein Schatz, wie es keinen zweiten Schatz gibt. Fangen wir an zu graben, Männer!“

„Es gibt keine Männer mehr, Kapitän.“

„Dann grab alleine. Ich passe auf, dass nichts passiert.“ Kapitän Teddy ließ sich auf den verlängerten Steiß plumpsen und lud seine Pistole nach. „Arrr.“

Es dauerte knapp zwei Stunden, bis die beiden Piraten aufgaben. Long John Sliver stand bis zum schwarzweißen Kinn in einem tiefen Loch, Kapitän Teddy breitbeinig über ihm. „Was meinst du mit keine Lust mehr genau?“

„Mit keine Lust mehr meine ich keine Lust mehr, Kapitän. Hier ist kein Schatz, hier sind nur Steine, Wurzeln und Gräser.“

Kapitän Teddy dachte nach. „Na ja, sehen die Steine denn wertvoll aus?“

„Ich würde sagen ja, doch, schon, sehen wertvoll aus. Arrrr.“ Long John Sliver drehte einige dreckige Brocken geschickt in seinen Pranken. Er wollte lieber ein Mafiosi sein oder ein Cowboy.

„Würdest du dir so was denn einstecken, also, sind die Steine wertvoll genug?“ Long John Sliver nickte, da schoss im Kapitän Teddy auch schon eine Kugel durch den Kopf. „Gierschlund!“

Nach dem er Schatz und ersten Maat vergraben hatte, machte sich Kapitän Teddy auf den Rückweg. Da er sich auf dem Hinweg schon verlaufen hatte, gab es für ihn auch keinen Rückweg. Einzig ein Fauchen in der Dunkelheit, das ihm folgte …

* * *

Auf der Brücke des Tiefenraumers MONDWACHT herrschte große Aufregung. Die Besatzung hatte ein Signal empfangen und somit den Beweis, dass es weiteres intelligentes Leben im Universum gab. Der Mensch war nicht alleine.

„Woher kommt das Signal?“ Captain Cloister war neugierig und angespannt.

„Der Peilung nach … Sir, das Signal stammt aus genau dem Sektor, in dem vor zwanzig Jahren unser Bibliotheksschiff verschollen ist, die WISDOM THREE. Die Nachricht ist audiovisuell und sie ist in Englisch.“

„Kann es etwas sein, dass die Besatzung überlebt hat? Kommen sie etwa zurück?“

Der Kommunikationsoffizier schüttelte den Kopf. „Nein, falscher Code und falsche Signatur. Soll ich durchstellen?“

„Ja, machen sie schon. Ich denke diesen Erstkontakt werden wir nie vergessen.“ Cloister lächelte. Er war sich der Bedeutung dieses Augenblicks sehr bewusst.

Der große Frontschirm flackerte kurz, dann wurde das Bild berechnet. Alle erstarrten. Zu sehen war eine kleine Brücke, auf der sich ein halbes Dutzend bärenartiger Wesen tummelten, die man nach menschlichen Maßstäben durchaus als niedlich bezeichnen konnte. Alle trugen rote oder blaue Uniformen. Einer sogar eine goldene. Sein Kopffell war straff nach hinten gegelt und auf seiner Brust prangte ein silbernes Abzeichen: „Meine menschlichen Brüder. Ich bin Captain Kork an Bord der Entenpreis. Wir haben eure Nachricht erhalten und hier sind wir endlich.“

Ende

Copyright © 2009 by Günther K. Lietz

Bildrechte: Lustige und satirische Geschichten aus dem sfbasar” (Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Lothar Bauer. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers unter Nennung seiner Webseite: Chaosriggers kleine Welt Blog – http://www.chaosrigger.org/chaosblog

Bildbearbeitung: Bearbeitete Coverillustration “Lustige Geschichten aus dem sfbasar – subcover-65-minus-140-0.jpg” (Originaltitel: Lustige-in-schwarz.jpg) © 2012 by Detlef Hedderich. Nutzung nur mit Genehmigung des Künstlers Lothar Bauer unter Verwendung des Originals.

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Hagemann, Andreas
Xerubian

Aath Lan’Tis

Verlag :      EDITIA
ISBN :      978-3-943450-02-6
Einband :      Paperback
Preisinfo :      14,90 Eur[D] / 15,40 Eur[A]
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Legende: UVP = unverbindliche Preisempfehlung, iVb = in Vorbereitung. Alle Preisangaben inkl. MwSt
Preis ist offizieller VLB Referenzpreis
Letzte Preisänderung am 23.01.2012
Seiten/Umfang :      ca. 410 S. – 21,0 x 13,5 cm
Produktform :      B: Einband – flex.(Paperback)
Erscheinungsdatum :      1. Aufl. 02.2012

“Gott würfelt nicht”, heißt es immer wieder.
Als leidenschaftlicher Billard-Spieler braucht er das auch gar nicht. Die Begeisterung für dieses Spiel ist es aber, die ihn hin und wieder jegliche Vorsicht vergessen lässt. So löst er bei einem völlig misslungenen Stoß eine ungewollte Weltenmischung aus, durch welche die Bewohner des ansonsten recht unscheinbaren Planeten Xerubian den Teil einer fremden Welt sowie einen magischen Stein erhalten. Als dieser von einer geheimnisvollen schwarzen Gestalt gestohlen wird, beginnt für Inspektor Dalon von der Königlichen Polizei und seine Begleiter eine irrwitzige Jagd quer über ihren eigenwilligen Planeten. Was jedoch keiner von ihnen ahnt: Dieses Wesen führt sie direkt zu einem der sagenumwobensten Orte auf Xerubian.

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